An die Kulturwelt! Ein Aufruf

Die Aktion 5 (1915), 29. Mai, Sp. 284-285

Von N. N.

Der nachstehende Aufruf geht uns zur Veröffentlichung zu.

Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sa­che in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. Der eher­ne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsre Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein.

Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn ge­wollt noch die Regierung, noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Äußerste geschehen, ihn abzuwenden. Dafür liegen der Welt die urkundlichen Beweise vor. Oft genug hat Wilhelm II. in den 26 Jahren seiner Regierung sich als Schirmherr des Weltfriedens erwiesen; oft genug haben selbst unsre Gegner dies anerkannt. Ja, dieser nämliche Kaiser, den sie jetzt einen Attila zu nen­nen wagen, ist jahrzehntelang wegen seiner unerschütterlichen Friedensliebe von ihnen ver­spottet worden. Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann.

Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben. Nachweislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen. Nachweislich war Belgien da­mit einverstanden. Selbstvernichtung wäre es gewesen, ihnen nicht zuvorzukommen.

Es ist nicht wahr, daß eines einzigen belgischen Bürgers Leben und Eigentum von unsern Sol­daten angetastet worden ist, ohne daß die bitterste Notwehr es gebot. Denn wieder und immer wieder den deutschen Mahnungen zum Trotz, hat die Bevölkerung sie aus dem Hinterhalt be­schossen, Verwundete verstümmelt, Ärzte bei der Ausübung ihres Samariterhandwerks er­mordet. Man kann nicht niederträchtiger fälschen, als wenn man die Verbrechen dieser Meu­chelmörder verschweigt, um die gerechte Strafe, die sie erlitten haben, den Deutschen zum Ver­brechen zu machen. [315]

Es ist nicht wahr, daß unsre Truppen brutal gegen Löwen gewütet haben. An einer rasenden Einwohnerschaft, die sie im Quartier heimtückisch überfiel, haben sie durch Beschießung eines Teils der Stadt schweren Herzens Vergeltung üben müssen. Der größte Teil von Löwen ist erhal­ten geblieben. Das berühmte Rathaus steht gänzlich unversehrt. Mit Selbstaufopferung haben unsre Soldaten es vor den Flammen bewahrt. – Sollten in diesem furchtbaren Kriege Kunstwer­ke zerstört worden sein oder noch zerstört werden, so würde jeder Deutsche es beklagen. Aber so wenig wir uns in der Liebe zur Kunst von irgend jemand übertreffen lassen, so entschieden lehnen wir es ab, die Erhaltung eines Kunstwerkes mit einer deutschen Niederlage zu erkaufen.

Es ist nicht wahr, daß unsre Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts mißachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hinge­schlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dum-Dum-Geschosse un­sern Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmach­volle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.

Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unsern sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsre Kultur ist, wie unsre Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorge­gangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei.

Wir können die vergifteten Waffen der Lüge unsern Feinden nicht entwinden. Wir können nur in alle Welt hinausrufen, daß sie falsches Zeugnis ablegen wider uns. Euch, die ihr uns kennt, die ihr bisher gemeinsam mit uns den höchsten Besitz der Menschheit gehütet habt, euch rufen wir zu: Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kul­turvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.

Dafür stehen wir euch ein mit unserm Namen und mit unserer Ehre!

Adolf v. Baeyer, Exz., Professor der Chemie, München; Professor Peter Behrens, Berlin; Emil v. Behring, Exz., Pro­fessor der Medizin, Marburg; Wilhelm v. Bode, Exz., Generaldirektor der königlichen Museen, Berlin; Alois Brandl, Professor, Vorsitzender der Shakespeare-Gesellschaft, Berlin; Lujo Brentano, Professor der Nationalökonomie, Mün­chen; Professor Justus Brinkmann, Museumsdirektor, Hamburg; Johannes Conrad, Professor der Nationalökonomie, Halle; Franz v. Defregger, München; Richard Dehmel, Hamburg; Adolf Deißmann, Professor der protestantischen Theologie, Berlin; Professor Wilhelm Dörpfeld, Berlin; Friedrich v. Duhn, Professor der Archäologie, Heidelberg; Pro­fessor Paul Ehrlich, Exz., Frankfurt a. M.; Albert Ehrhard, Professor der katholischen Theologie, Straßburg; Karl Eng­ler, Exz., Professor der Chemie, Karlsruhe; Gerhard Esser, Professor der katholischen Theologie, Bonn; Rudolf Eucken, Professor der Philosophie, Jena; Herbert Eulenberg, Kaiserswerth; Heinrich Finke, Professor der Geschichte, Freiburg; Emil Fischer, Exz., Professor der Chemie, Berlin; Wilhelm Foerster, Professor der Astronomie, Berlin; Ludwig Fulda, Berlin; Eduard v. Gebhardt, Düsseldorf; J. J. de Groot, Professor der Ethnographie, Berlin; Fritz Haber, Professor der Chemie, Berlin; Ernst Haeckel, Exz., Professor der Zoologie, Jena; Max Halbe, München; Professor Adolf v. Harnack, Generaldirektor der königlichen Bibliothek, Berlin; Gerhart Hauptmann, Agnetendorf; Karl Hauptmann, Schreiber­hau; Gustav Hellmann, Professor der Meteorologie, Berlin; Wilhelm Herrmann, Professor der protestantischen Theo­logie, Marburg; Andreas Heusler, Professor der nordischen Philologie, Berlin; Adolf v. Hildebrand, München; Ludwig [316] Hoffmann, Stadtbaumeister, Berlin; Engelbert Humperdinck, Berlin; Leopold Graf Kalckreuth, Präsident des Deut­schen Künstlerbundes, Eddelsen; Arthur Kampf, Berlin; Fritz Aug. v. Kaulbach, München; Theodor Kipp, Professor der Jurisprudenz, Berlin; Felix Klein, Professor der Mathematik, Göttingen; Max Klinger, Leipzig; Alois Knoepfler, Profes­sor der Kirchengeschichte, München; Anton Koch, Professor der katholischen Theologie, Tübingen; Paul Laband, Exz., Professor der Jurisprudenz, Straßburg; Karl Lamprecht, Professor der Geschichte, Leipzig; Philipp Lenard, Professor der Physik, Heidelberg; Maximilian Lenz, Professor der Geschichte, Hamburg; Max Liebermann, Berlin; Franz v. Liszt, Professor der Jurisprudenz, Berlin; Ludwig Manzel, Präsident der Akademie der Künste, Berlin; Josef Mausbach, Pro­fessor der katholischen Theologie, Münster; Georg v. Mayr, Professor der Staatswissenschaft, München; Sebastian Merkle, Professor der katholischen Theologie, Würzburg; Eduard Meyer, Professor der Geschichte, Berlin; Heinrich Morf, Professor der romanischen Philologie, Berlin; Friedrich Naumann, Berlin; Albert Neisser, Professor der Medi­zin, Breslau; Walter Nernst, Professor der Physik, Berlin; Wilhelm Ostwald, Professor der Chemie, Leipzig; Bruno Paul, Direktor der Kunstgewerbeschule, Berlin; Max Planck, Professor der Physik, Berlin; Albert Plehn, Professor der Medi­zin, Berlin; Georg Reicke, Berlin; Professor Max Reinhardt, Direktor des Deutschen Theaters, Berlin; Alois Riehl, Pro­fessor der Philosophie, Berlin; Karl Robert, Professor der Archäologie, Halle; Wilhelm Röntgen, Exz., Professor der Physik, München; Max Rubner, Professor der Medizin, Berlin; Fritz Schaper, Berlin; Adolf v. Schlatter, Professor der protestantischen Theologie, Tübingen; August Schmidlin, Professor der Kirchengeschichte, Münster; Gustav v. Schmoller, Exz., Professor der Nationalökonomie, Berlin; Reinhold Seeberg, Professor der protestantischen Theologie, Berlin; Martin Spahn, Professor der Geschichte, Straßburg; Franz v. Stuck, München; Hermann Sudermann, Berlin; Hans Thoma, Karlsruhe; Wilhelm Trübner, Karlsruhe; Karl Vollmöller, Stuttgart; Richard Voß, Berchtesgaden; Karl Voßler, Professor der romanischen Philologie, München; Siegfried Wagner, Bayreuth; Wilhelm Waldeyer, Professor der Anatomie, Berlin; August v. Wassermann, Professor der Medizin, Berlin; Felix v. Weingartner; Theodor Wiegand, Museumsdirektor, Berlin; Wilhelm Wien, Professor der Physik, Würzburg; Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff, Exz., Professor der Philologie, Berlin; Richard Willstätter, Professor der Chemie, Berlin; Wilhelm Windelband, Professor der Philosophie, Heidelberg; Wilhelm Wundt, Exz., Professor der Philosophie, Leipzig.

In den ersten Oktobertagen 1914 von der geeinten deutschen Tagespresse kommen­tarlos abgedruckt

Kommentar von Thomas Anz

Der (die) Verfasser und Initiator(en) dieses auch unter der Bezeichnung Aufruf der 93 (Intellektuellen)be­rühmt-berüchtigt gewordenen Manifests (Abdruck u. a. in der Frankfurter Zeitung vom 4.10. 1914), das Die Aktion sowie viele andere apologetische Stellungnahmen zum Kriegsgeschehen in kritischer Absicht kommentarlos abdruckte, sind noch nicht sicher ermittelt worden. Als möglichen Verfasser hat man den Mitunterzeichner H. Sudermann in Betracht gezogen. Der Unterzeichner L. Brentano (Mein Leben. Jena 1931. S. 317) nennt den Berliner »Kulturbund deutscher Gelehrter und Künstler« als Urheber. H. Keller­mann (Der Krieg der Geister, s. Anm. 33 der Einleitung, S. 85 f.) wiederum berichtet, daß sich Mitunter­zeichner des Aufrufs erst im Anschluß an seine Veröffentlichung zu diesem Kulturbund zusammenge­schlossen hätten, um weiter der ausländischen Kriegspropaganda entgegenzutreten. Vgl. auch Klaus Schwabe: Wissenschaft und Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die politischen Grundfragen des Ersten Weltkrieges. Göttingen, Zürich, Frankfurt 1969. S. 22 ff. Abweichend davon schreibt Peter de Mendelssohn (allerdings ohne Belegangaben) in seiner Thomas Mann-Biographie (Der Zauberer. Frank­furt 1975), der Aufruf sei aus dem Kreis der »Deutschen Gesellschaft 1914« in Berlin hervorgegangen, ei­ner Vereinigung von Männern des öffentlichen Lebens, der neben Bankiers, Schwerindustriellen, ostelbi­schen Junkern, Zeitungsverlegern und Parlamentariern auch zahlreiche Schriftsteller und bildende Künst­ler angehörten. (S. 1004) Hauptmann, Rathenau und R. Strauß waren nach dieser Version Präsidiumsmit­glieder. Der Gesellschaft gehörten u. a. an: Hofmannsthal, Reinhardt, Liebermann, die Brüder Ullstein, Kurt Wolff, S. Fischer, die beiden Cassirers (nicht Th. u. H. Mann). Der in viele Sprachen übersetzte und in vielen Tausend Exemplaren verbreitete Aufruf stieß im Ausland auf Kritik und Empörung (Dokumente dazu bei H. Kellermann (Hg.): Der Krieg der Geister, S. 68 ff.) Etliche Unterzeichner distanzierten sich bald von ihm (u. a. Harnack, Wilamowitz, besonders deutlich M. Planck). Eine detaillierte Kritik des von der expressionistischen Publizistik immer wieder negativ erwähnten Aufrufs druckten 1917 Die weißen Blätter ab. Sie ist das Vorwort eines Buches über Die Biologie des Krieges (Betrachtungen eines deutschen Na­turforschers. Zürich 1917), das der auch in der Aktion publizierende (s. o. S. 248) Professor der Physiolo­gie G. F. Nicolai verfaßt hatte: Die Entstehungsgeschichte eines Buches. In: Die weißen Blätter 4 (1917), S. 254-261.Hier ist auch ein für die europäische Gemeinschaft optierender Gegenaufruf abgedruckt, den Nicolai Mitte Oktober 1914 zusammen mit Albert Einstein und Wilhelm Förster verfaßt hatte, der je­doch nicht veröffentlicht wurde, weil zu wenige der angesprochenen Kollegen zu unterzeichnen bereit wa­ren.

Anmerkung: Die Veröffentlichung des Dokuments und des Kommentars basiert auf: Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910-1920. Herausgegeben von Thomas Anz und Michael Stark. Stuttgart: Metzler 1982. S. 314-317. Der Kommentar ist inzwischen nach neueren Forschungen zum Teil aktualisierungsbedürftig. Nach Jürgen und Wolfgang von Ungern-Sternberg (Der Aufruf ‚An die Kulturwelt!‘.  Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg,  2., erweiterte Auflage mit einem Beitrag von Trude Maurer,  Frankfurt am Main 2013) entstand der Aufruf  im Zusammenwirken des Leiters des Nachrichtenbüros der Reichsmarine, Kapitän zur See Heinrich Löhlein, mit führenden Vertretern des ‚Goethebundes’, Ludwig Fulda, Georg Reicke und Hermann Sudermann sowie einigen Berliner Professoren. Einen Entwurf des Textes soll Ludwig Fulda verfasst haben. Zu dem Gegenaufruf  von G. F. Nicolai vgl. Thomas Anz: Eine andere Tradition des Darwinismus. Vor neunzig Jahren erschien Georg Friedrich Nicolais kultur- und evolutionsgeschichtliches Buch „Die Biologie des Krieges“.In: literaturkritik.de 2/2007.





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