Aufruf an die Europäer

Oktober 1914 privat verschickt, 1917 veröffentlicht in „Die Biologie des Krieges“

Von Georg Friedrich Nicolai

Während Technik und Verkehr uns offensichtlich zur faktischen Anerkennung internationaler Beziehungen und damit zu einer allgemeinen Weltkultur drängen, hat noch nie ein Krieg die kulturelle Gemeinschaftlichkeit des Zusammenarbeiten so intensiv unterbrochen, wie der gegenwärtige. Vielleicht kommt es uns allerdings auch nur deshalb so auffällig zum Bewußtsein, weil eben so zahlreiche gemeinschaftliche Bande vorhanden waren. deren Unterbrechung wir schmerzlich verspüren.

Darf uns also dieser Zustand auch nicht wundernehmen, so wären doch diejenigen, denen jene gemeinsame Weltkultur auch nur im geringsten am Herzen liegt, doppelt verpflichtet, für die Aufrechterhaltung dieser Prinzipien zu kämpfen. Diejenigen aber, bei denen man solche Gesinnung vermuten sollte – also vornehmlich Wissenschaftler und Künstler –, haben bis jetzt fast ausschließlich Dinge gesagt, die vermuten lassen, als ob mit der Unterbrechung der tatsächlichen Beziehungen auch selbst der Wunsch zu deren Fortsetzung geschwunden sei, sie haben aus einer erklärlichen Kampfstimmung heraus gesprochen, -zum mindesten zum Frieden geredet.

Solche Stimmung ist durch keine nationale Leidenschaft zu entschuldigen, sie ist unwürdig dessen, was bisher alle Welt unter dem Namen der Kultur verstanden hat, und sollte sie Allgemeingut der Gebildeten werden, so wäre das ein Unglück.

Aber nicht nur ein Unglück für die Kultur, sondern – davon sind wir fest überzeugt – ein Unglück dafür, wofür letzten Endes all diese Barbarei entfesselt ist; nämlich für den nationalen Bestand der einzelnen Staaten.

Die Welt ist durch die Technik kleinergeworden, die Staatender großen Halbinsel Europa erscheinen heute einander so nahe gerückt, wie in alter Zeit die Städtejeder einzelnen kleineren Mittelmeerhalbinsel, und Europa – ja man könnte fast sagen die Welt stellt bereits durch die mannigfaltigsten Beziehungen eine in den Bedürfnissen und Erlebnissen jedes einzelnen begründete Einheit dar.

Da wäre es doch wohl Pflicht der gebildeten und wohlwollenden Europäer, wenigstens den Versuch zu machen, um zu verhindern, daß Europa infolge seiner mangelhaften Gesamtorganisation dasselbe tragische Geschick erleidet, wie einst Griechenland. Soll auch Europa sich durch Bruderkrieg allmählich erschöpfen und zugrunde gehen?

Denn der heute tobende Kampf wird kaum einen Sieger, sondern wahrscheinlich nur Besiegte zurücklassen. Darum scheint es nicht nur gut, sondern bitter nötig, daß gebildete Männer aller Staaten ihren Einfluß dahin aufbieten, daß – wie auch der heute noch ungewisse Ausgang des Krieges sein mag – die Bedingungen des Friedens nicht die Quelle künftiger Kriege werden, daß vielmehr die Tatsache, daß durch diesen Krieg alle europäischen Verhältnisse in einen gleichsam labilen und plastischen Zustand geraten sind, dazu benutzt werde, um aus Europa eine organische Einheit zu schaffen. – Die technischen und intellektuellen Bedingungen dafür sind gegeben.

In welcher Weise diese Ordnung Europas möglich ist, soll hier nicht erörtert werden. Wir wollen nur grundsätzlich betonen, daß wir fest davon überzeugt sind, daß die Zeit da ist, in der Europa als Einheit auftreten muß, um seinen Boden, seine Bewohner und seine Kultur zu schützen.

Wir glauben, daß dieser Wille latent in vielen vorhanden ist, und wir wollen durch gemeinsames Aussprechen dieses Willens bewirken, daß er eine Macht werde.

Zu diesem Zweck erscheint es vorerst notwendig, daß sich alle diejenigen zusammentun, die ein Herz haben für die europäische Kultur, die also das sind, was Goethe einmal vorahnend „gute Europäer“genannt hat, denn man darf die Hoffnung nicht aufgeben, daß ihr gesammeltes Wort – auch unter dem Klange der Waffen – nicht ganz ungehört verhalle, vor allem, wenn unter diesen „guten Europäern von morgen“ alle jene zu finden sind, die bei ihren gebildeten Standesgenossen Ansehen und Autorität genießen.

Aber es ist notwendig, daß die Europäer erst einmal zusammenkommen, und wenn – was wir hoffen – sich genügend Europäer in Europa finden, d. h. Menschen, denen Europa nicht nur ein geographischer Begriff, sondern eine wichtige Herzenssache ist, so wollen wir versuchen, einen solchen Europäerbund zusammenrufen. – Der soll dann sprechen und entscheiden.

Wir selber wollen hierzu nur anregen und auffordern, und so bitten wir Sie, falls Sie uns Gesinnungsgenosse und gleich uns entschlossen sind, dem europäischen Willen einen möglichst weitreichenden Widerhall zu verschaffen, Ihre Unterschrift zu senden.

Kommentar von Thomas Anz

Im Frühjahr 1917 veröffentlichte der Verlag Orell Füssli in der neutralen Schweiz „Die Biologie des Krieges. Betrachtungen eines Naturforschers den Deutschen zur Besinnung“. Der Naturforscher war Georg Friedrich Nicolai (eigentlich Lewinstein), Mediziner, Physiologe und unter den deutschen Professoren damals ein selten anzutreffender Typus. Denn er engagierte sich als Pazifist. Als im August 1914 fast die gesamte deutsche Intelligenz der patriotischen Kriegseuphorie anheim fiel, gehörte Nicolai zu den wenigen, die sich diesem Massenrausch fernhielten. Berüchtigt machten sich seine Kollegen als Unterzeichner jenes „Aufrufs an die Kulturwelt“, der in den ersten Oktobertagen 1914 mit heroisch-pathetischer Geste den Überfall auf Belgien und den deutschen Militarismus im Namen der „Kultur“ rechtfertigte. Die Liste der Unterzeichner liest sich wie ein Verzeichnis der damaligen wissenschaftlichen (und auch künstlerischen) Prominenz. Nicolai verfasste sofort ein Gegenmanifest, einen „Aufruf an die Europäer“, und kein Geringerer als Albert Einstein war bereit, mit zu unterzeichnen. Das Bemühen um weitere Gleichgesinnte blieb jedoch ohne ausreichenden Erfolg.

Der Gegenaufruf blieb zunächst unveröffentlicht und erschien erst 1917 in der Einleitung zu dem Buch, das vor allem Nicolais Bedeutung ausmacht. Vorlage für den hier veröffentlichten Text ist die 1919 erschienene, von Nicolai korrigierte und als „Erste Originalausgabe“ bezeichnete 2. Auflage der „Biologie des Krieges“, die 1983 im Verlag Darmstädter Blätter mit einer Einführung von Wolf  W. Zuelzer als Reprint neu aufgelegt wurde. Nicolai zitiert den Aufruf hier im Rahmen seiner Einleitung und erklärt dazu: „Aus Achtung vor deutscher Kultur fühlte ich mich daher zum Widerspruch [gegen den „Aufruf an die Kulturwelt“] verpflichtet, verfaßte dementsprechend einen kurzen Protest, und legte ihn meinem verehrten Freund und Gesinnungsgenossen Albert Einstein vor. Wir zogen dann noch Dr. Otto Buck und Geheimrat Wilhelm Förster hinzu und beschlossen im Oktober 1914 folgende endgültige Fassung“.





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