III.1.3 Institutionalisierung und Modernisierung der Literaturwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert

Leseprobe

Von Ralf Klausnitzer

1.3 Institutionalisierung und Modernisierung der Literaturwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert

Die im 17. und 18. Jh. intensivierten literaturkritischen und philologischen Textumgangsformen gewinnen mit der Ausbildung der modernen Forschungsuniversität eine neue Qualität. Die durch Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jh.s eingeleitete Neuorganisation der preußischen Universität führt dazu, dass sich längerfristig verfolgte Bemühungen um die editorische Sicherung der schriftsprachlichen Überlieferung und ihre kritische Behandlung institutionell etablieren. Mit den seit 1810 entstehenden Professuren, die in ihren Nominationen (›für deutsche Sprache und Literatur‹ und Ähnliches) einen weit gefassten Gegenstandsbereich signalisieren, beginnt die gelehrte bzw. wissenschaftliche Bearbeitung deutscher literarischer Texte im Rahmen mehr oder weniger autonomer Strukturen. 1828 erscheint in einem Verlagsverzeichnis erstmals der Terminus ›Literaturwissenschaft‹, der – nach eher seltener Verwendung in den darauffolgenden Jahrzehnten – seit den 1880er Jahren den Anspruch auf eine spezifische Qualität der Beschäftigung mit literarischen Texten markiert.

Die Etablierung und fortschreitende Differenzierung der Literaturwissenschaft ist das Ergebnis eines komplizierten und regional unterschiedlich verlaufenden Prozesses. Um wiederholte Beobachtungen an Texten zu ermöglichen und deren Ergebnisse zur Bearbeitung durch spezialisierte Experten zu vermitteln, sind sozial organisierte wie epistemisch konditionierte Einheiten notwendig. Diese Einheiten zur zeitintensiven Erzeugung eines gesicherten Wissens entstehen im neuzeitlichen Europa im System wissenschaftlicher Disziplinen, deren Begriffe und Verfahren an Universitäten vermittelt und – insbesondere nach Einrichtung der modernen Forschungsuniversität – explorierend weiterentwickelt werden. Die gegen Ende des 19. Jh.s weitgehend durchgesetzte Organisation von Wissenschaft in Form ausdifferenzierter universitärer Fächer bzw. Disziplinen weist folgende Merkmale auf:

• ein Korpus lehrbaren wissenschaftlichen Wissens, • einen hinreichend homogenen Kommunikationszusammenhang, • rekursiv bearbeitete Fragestellungen, • Forschungsmethoden und Problemstellungen, • Karrierestrukturen und Sozialisationsprozesse (vgl. Stichweh 1994, 41).

Wenn die rekursive Bearbeitung von Problemstellungen, intersubjektiver Geltungsanspruch und kommunikative Adressierung spezialisierter Wissensansprüche im Rahmen institutioneller Strukturen als Kennzeichen der modernen Wissenschaft anzusehen sind, ergeben sich daraus Konsequenzen für die historische Beobachtung der Literaturwissenschaft. Zum einen sind Art und Weise der Erzeu gung und Bearbeitung literaturbezogener Problemstellungen im Zusammenhang mit wissen- schaftsinternen wie wissenschaftsexternen Bedingungen zu ermitteln und in ihren je konkreten epistemischen wie historischen Situationen zu beschreiben. Zum anderen sind die Funktionen, Geltungsansprüche und Leistungsbeziehungen dieses literaturwissenschaftlichen Wissens zu rekonstruieren, die gleichfalls internen wie externen Konditionen folgen. Nicht zuletzt sind die Medien und Darstellungsformen zu untersuchen, die der Distribution und Diskussion dieses spezialisierten Wissens dienen, um Kommunikationen innerhalb des Wissenschaftssystems wie die Beziehungen zur kulturellen Öffentlichkeit abbilden zu können. Zu berücksichtigen sind schließlich auch Karrierestrukturen und Sozialisationsprozesse, die Wissenschaft als Institution ermöglichen, indem sie Verhaltensformen im Umgang mit Gegenständen und deren Bearbeitungsweisen ausbilden und dauerhaft regulieren, soziale wie epistemische Bindungen ausprägen und Mobilität bzw. Aufstiegschancen der in ihnen tätigen Akteure sichern. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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