Im Fegefeuer des Krieges

Der Sturm 1 (1916/17), H. 1 (April 1916), S. 2.

Von Franz Marc

Was wir Krieger in diesen Monaten draußen erleben, überragt in weitem Bogen unsere Denk­kraft. Wir werden Jahre brauchen, bis wir diesen sagenhaften Krieg als Tat, als unser Erlebnis werden begreifen können.

Vielleicht schürfen die in der Heimat Verbliebenen schon ein paar Schichten tiefer in seinen Geheimnissen. Wir, die wir draußen sind, immer Erwartungen und Befehle im Kopf, unermüd­lich reiten und marschieren, um dann ein paar Stunden zu schlafen wie die Bären – wir können nicht denken. Wir können nur primitiv erleben; unser Bewußtsein schwankt oft zwischen zwei Fragen: Ist dieses tolle Kriegerleben nur ein Traum, oder sind unsere Heimatgedanken, die uns manchmal streifen, der Traum? Eher scheint beides ein Traum zu sein, als beides wahr.

Wir liegen an einem Waldrand mit unseren Munitionswagen; gewitterartig rollt der Kano­nendonner am ganzen Horizont. Überall die kleinen Sprengwölkchen; beides gehört schon zur Landschaft, wie auch das Echo, das jeden Schuß verdoppelt weiterträgt. Plötzlich ein Surren, das in einem ungeheuren Bogen über uns weggeht, ungleich, in steten Schwingungen, überge­hend von hellem Pfeifen in tiefes Brummen; wie der hohe, weite Schrei des Raubvogels, immer kurz hintereinander, mit dem Eigensinn des Tieres, das keinen anderen Ruf kennt. Dann in der Ferne ein dumpfer Knall. Es sind schwere, feindliche Artilleriegeschosse, die über uns wegrasen, nach einem uns unbekannten Ziel. Ein Schuß zieht den anderen nach. Der Himmel steht im reinsten Herbstblau, und doch fühlen wir die hohen Rinnen, in denen die Geschosse ihn durch­stürmen.

Der Artilleriekampf hat selbst für den Artilleristen oft etwas Mystisches, Mythisches. Wir sind Kinder zweier Weltalter. Wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts erfahren täglich, daß alle Sage, alle Mystik, aller Okkultismus einmal Wahrheit wird, also auch einmal Wahrheit gewesen ist. Was Homer von dem unsichtbaren, donnergrollenden Zeus singt, dem fernhin­treffenden, und von Mars mit seinen unsichtbaren Pfeilen, wir haben es zu Wahrheit gemacht. Und doch schützt uns alles Wissen nicht vor dem mystischen Schauer.

Man sagt uns, daß das nahe Städtchen vom Feind in Brand geschossen wird, also liegen wir wohlgeborgen unter dem Zenith der großen Geschoßkurve. Wir bleiben die Nacht in Stellung; das Sausen tönt über uns lautsingend durch die klare Nacht. Wir schlafen in unsere Mäntel ge­hüllt. Die Pferde senken die Köpfe und ruhen im müden Stehen.

Nun ist ein jeder für sich und kann träumen, denken, wenn ihm der Schlaf die Gedanken nicht abreißt.

In einer kleinen Ecke unseres Bewußtseins grübeln wir vielleicht noch zwischen Wachen und Schlafen:

Kaum war ein großer Krieg weniger Rassenkrieg als dieser. Wo ist heute die germanische Rasse? Hat dieses Wort je ein größeres Fiasko erlebt? Man wird sich endgültig daran gewöhnen, anstatt »germanisch« das Wort »deutsch« zu setzen; dafür wird der deutsche Adler auch ein paar [304] wuchtige Krallen mehr in sein Wappen bekommen; den neuen deutschen Adler möchte ich gern zeichnen, wenn dieser Krieg einmal vorbei ist.

Ja, wenn der Krieg einmal vorbei ist, was wird dann in Deutschland?

Wird es neben dem politischen Deutschland auch ein künstlerisches geben?

Wir haben in den letzten Jahren vieles in der Kunst und im Leben für morsch und abgetan er­klärt und auf neue Dinge gewiesen.

Niemand wollte sie.

Wir wußten nicht, daß so rasend schnell der große Krieg kommen würde, der über alle Worte weg selbst das Morsche zerbricht, das Faulende ausstößt und das Kommende zur Gegenwart macht.

Durch diesen großen Krieg wird mit vielem anderen, das sich zu Unrecht in unser zwanzig­stes Jahrhundert hinübergerettet hat, auch die Pseudokunst ihr Ende finden, mit der sich der Deutsche bislang gutmütig zufrieden gegeben hat.

Der Drang der Deutschen, formbildnerisch Neues in Musik, Dichtung und Kunst aufzuneh­men, war in der letzten Generation so gering, daß man sich die schlechtesten und fadenscheinig­sten Wiederholungen alter guter Kunstformen gefallen ließ. Das Volk als Ganzes ahnte wohl den großen Krieg sicherer als der Einzelne und spannte alle seine Nerven nach ihm.

Kunst in solcher Wartezeit war nicht aktuell, Kunst als Volkstat unzeitgemäß.

Das deutsche Volk ahnte, daß es erst durch den großen Krieg gehen mußte, um sich ein neues Leben und neue Ideale zu formen. Es behielt recht mit seinem Unwillen, in elfter Stunde neue Kunstideen aufzunehmen. Man sät nicht feinen Samen, wenn ein Sturm am Himmel steht.

Er ist schnell hereingebrochen und hat manche zarte Saat zerstört.

Ich glaube nicht, daß viel von dem, was wir neuen Maler in Deutschland an ungewohnten Kunstformen vor dem Kriege geschaffen haben, Wurzel fassen konnte. Wir werden von vorn anfangen müssen zu arbeiten; erst an uns selber in der Schule dieses großen Krieges, dann an un­serem deutschen Volk. Denn wenn das große Aufatmen kommt, wird der Deutsche auch wie­der nach seiner Kunst fragen, ohne die er in keiner reifen Zeit war.

Er war Bildner in der Gotik, Dichter und Musiker im neunzehnten Jahrhundert und wird wieder Bildner im zwanzigsten Jahrhundert sein. Wir Deutsche sind seit der Gotik formbildne­risch unsagbar arm geworden; wir besorgten anderes für die Welt; heute besorgen wir das Letz­te: diesen entsetzlichen Krieg. Wer ihn draußen miterlebt und das neue Leben ahnt, das wir uns mit ihm erobern, der denkt wohl, daß man den neuen Wein nicht in alte Schläuche faßt. Wir werden das neue Jahrhundert mit unserem formbildnerischen Willen durchsetzen.

Wie viele Gedanken Christi sind heute noch ungewußt, ungenutzt, verschwiegen. Jede Zeit hat ihren Christus, den sie verdient, und nimmt so viel aus diesem unerschöpften Born, als ihre Krüge fassen.

Der große Nazarener hat die Gesetze der Natur intuitiv erfaßt. Seine bilderreiche Sprache hat neben unserem neuen erkenntnis-theoretischen Denken ihre Wucht nicht verloren. Seine [305] tiefsten Gedanken wandeln noch parallel mit unserem Forschen; wir hören noch immer das Murmeln dieses lebendigen Quells neben uns.

In so wilden Tagen wie den unseren werden alle uralte Fragen neu gestellt, manche toten tot­gesagten Fragen stehen auf aus ihren Gräbern. Alle großen Ereignisse der Weltgeschichte sind große Gerichtstage für die menschliche Erkenntnis. Die ehrwürdigsten Meinungen und Glau­benssätze werden neu gewogen. Was gestern galt, ist heute verpaßt und abgetan. Nur die guten Dinge bleiben, die echten, inhaltsschweren, wahren; sie gehen geläutert und gestählt durch das Fegefeuer des Krieges.

Wir Europäer haben in jahrhundertelanger ernster, gemeinsamer Arbeit einen solchen ech­ten – nach Menschenwissen echten, wahren Schatz gehoben, ein Erbgut, das noch jeden Krieg überdauert hat und an dem kein Rost nagt: die »exakten Wissenschaften«. Zum ersten und ein­zigen Male ist dem menschlichen Geist das »Absolute« geglückt: sich ein Reich zu schaffen, das »auch nicht von dieser Welt« ist und doch alles, was Welt ist, fühlend und ordnend durchdringt. Die Wissenschaften kennen keine nationale Schranken, die Politik hat keinen Raum in ihnen. Alle modernen Menschen, alle guten Europäer stehen im Bann und Bunde dieses Reiches.

Wir können es nicht gutheißen, daß dem Geiste dieses obersten europäischen Gewissens ent­gegen einige deutsche Gelehrte mit gutem Namen etwas unternommen haben, das in Europa wie ein Signal zum Bannbruch wirken könnte: »sie verzichten in deutschem Nationalgefühl auf die ihnen durch Auszeichnungen von englischen Universitäten, Akademien und gelehrten Ge­sellschaften erwiesenen Ehren und damit verbundenen Rechte«.[1] Das ist nicht gut. Hier wird auf dem freien Forum der Wissenschaft ein Zaun errichtet; er kann nicht lange stehen; denn die Wissenschaft ist stärker, eine geistige Macht, die sich in das Unendliche dehnt; aber der Versuch ist eben darum nicht gut, weil er keine Zukunft in sich trägt. Alle nationale Erregung unserer Tage kann ihn nicht rechtfertigen.

Der Feind steht nicht dort, wohin der Pfeil abgesandt wurde. Unser deutscher Kulturgeist und nationaler Impuls muß in ganz anderer Richtung aktiv und aggressiv werden.

Soll der Krieg uns das bringen, was wir ersehnen und das in einem Verhältnis zu unseren Op­fern steht – der Atem stockt vor dieser Riesengleichung –, so müssen wir Deutsche nichts lei­denschaftlicher meiden als die Enge des Herzens und des nationalen Wollens. Sie verdürbe uns alles. Wer hat, dem wird gegeben. Nur mit dieser Devise werden wir auch geistig die Sieger blei­ben und die ersten Europäer sein. Der kommende Typ des Europäers wird der deutsche Typ sein; aber zuvor muß der Deutsche ein guter Europäer werden. Das ist er heute nicht immer und überall.

Geschrieben Herbst 1914

Der Aufsatz erschien anläßlich des Todes von Franz Marc, der am 4. 3. 1916 bei Verdun gefallen war. Un­mittelbar auf den Aufsatz folgt ein lyrischer Nachruf von Sophie van Leer: Auf den Tod von Franz Marc. Zu Marcs europäischer Gesinnung vgl. auch seinen in der Anm. 32 der Einleitung genannten Aufsatz Das geheime Europa.

[1] Es handelt sich hier um eine Erklärung deutscher Universitätslehrer vom 7.September 1914, abge­druckt in H. Kellermann (Hg.): Der Krieg der Geister (s. Anm. 33 der Einleitung), S. 28 f.

Anmerkung: Die Veröffentlichung des Dokuments und des Kommentars basiert auf: Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910-1920. Herausgegeben von Thomas Anz und Michael Stark. Stuttgart: Metzler 1982. S. 303-305.





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