III.2.1 Hochschul- und Forschungsinstitute

Leseprobe

Von Ralf Klausnitzer

2.1 Hochschul- und Forschungsinstitute

Eine professionalisierte Beschäftigung mit literarischen Texten findet an verschiedenen Orten und Institutionen statt – in Verlagen und Agenturen wie in der Literaturkritik, auf dem Theater wie an Akademien und Universitäten. Von Vermarktungsund Verwertungsperspektiven im Umgang mit Literatur unterscheiden sich Beobachtungsinstanzen, die ihrerseits nach Zugangsweisen, Zeiteinsatz und Aufmerksamkeitsverhalten differenziert werden können. Zielt eine in der Regel rasch reagierende Literaturkritik auf qualitative Urteile, entwickeln zeitinvestive wissenschaftliche Thematisierungsweisen von Literatur jene distanzierte Reflexivität, die Beziehungen zwischen Texten und Kontextelementen ebenso zu konzeptualisieren und methodisch zu klären sucht wie die Schrittfolgen ihres eigenen Vorgehens. Während wertende Aussagen – etwa im Feuilleton, aber auch in Zensurbescheiden – kein hohes Maß an intersubjektiver Geltung beanspruchen, sind Theorien und Modelle der institutionalisierten Literaturforschung als Bestandteile einer wissenschaftlich disziplinierten Kommunikation an elaborierte Regeln nachvollziehbarer Argumentation gebunden (auch wenn deren Umsetzung sehr unterschiedlich ausfallen kann).

Diese besondere Kommunikation über (literarische) Texte erfolgt im Rahmen mehr oder weniger autonomer Strukturen, deren Anfänge bis in die Antike zurückreichen. Schon in der von Platon um 385 v. Chr. gegründeten Akademie erlernten die hier versammelten Schüler des Philosophen einen methodisch regulierten Umgang mit sprachlich formulierten Wissensansprüchen; die von seinem Schüler Aristoteles erhaltenen esoterischen Schriften dürften größtenteils als Vorlesungsskripte entstanden sein und verweisen (nicht zuletzt durch ihre sachlich knappe Sprache) auf die Bedeutung, die einer textförmigen Vermittlung erworbener Einsichten zukam.

Mit Entstehung der europäischen Universitäten seit dem 12. Jh. und der fortschreitenden Differenzierung ihrer Fakultäten, vor allem aber im Zuge der Neuorganisation der universitären Wissenskultur im 19. Jh. verstetigen sich jene institutionalisierten Umgangsformen, mit und in denen noch in der Gegenwart wissenschaftliche Erkenntnisse erzeugt und vermittelt werden: Disziplinen bieten einen sozial wie epistemisch konditionierten Raum, in dem wiederholte Beobachtungen an einem spezialisierten Gegenstandsbereich gemacht und zur weiteren Bearbeitung durch Experten weitergegeben werden können; sie stiften einen mehr oder weniger homogenen Kommunikationszusammenhang und garantieren durch regulierte Sozialisationsprozesse und Karrieremuster die Reproduktion der eigenen disziplinären Strukturen wie des Wissenschaftssystems.

Realisiert werden diese disziplinär gebundenen Bearbeitungen eines methodisch isolierten Objektbereichs an universitären Lehrstühlen (in Österreich auch ›Lehrkanzeln‹ genannt), deren Inhaber im 19. und beginnenden 20. Jh. Ordinarius publicus hieß und verpflichtet war, jede Woche eine öffentliche und unentgeltliche Vorlesung über sein Fach zu halten. Heute hat ein Professor gleich welcher Besoldungsgruppe neben der Durchführung seiner Lehrveranstaltungen (im Wesentlichen noch immer Vorlesungen und Seminare) und der Betreu- ung von Studierenden vor allem zu forschen und Mittel für weitere Forschung zu akquirieren; zugleich soll er in den Gremien der universitären Selbstverwaltung mitwirken und qualitativ hochwertige Beiträge publizieren. Unterstützt wird er dabei von Mitarbeitern seines Lehrstuhls, deren akademische Qualifikation durch Promotion und Habilitation erfolgt. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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