Der Konvent der Intellektuellen

Die weißen Blätter. Jg. 5, 1918, H. 2 (August), S. 96 – 105.

Von René Schickele

Ich verkenne weder die zeitgemäße Romantik dieses Wortes, noch entgeht mir der Schauer, den es auslöst.

Jedoch ich bin dagegen, und ich will sagen, warum.

Es gibt vier, deutlich voneinander zu unterscheidende Gruppen von Intellektuellen. In allen Ländern.

Die erste Gruppe, zu der ich gehöre, hält es für unmöglich, daß ein Geistiger, der diesen Namen verdient, auf irgendeine Weise für den Krieg, also auch für die Fortführung des Krieges tätig sei.

Die zweite Gruppe besteht aus bürgerlichen Ideologen, die finden, daß die eine der Parteien für ein politisches Ziel kämpfe, das ihr eigenes ist, und deshalb rückhaltlos zu ihr stehen.

Die dritte Gruppe sind Utopisten und Revolutionäre, die auf ihre Art genau dasselbe tun, wie die sozialistischen Mehrheitsparteien in den kriegführenden Ländern. Wie diese mit ihren Regierungen, so haben sie mit den natürlichen Gegnern ihrer Idee einen Burgfrieden geschlossen. Sie haben den Kampf für die reine Idee abgebrochen, um erst einmal einem bestimmten Staat, einer bestimmten Staatengruppe zum Sieg zu verhelfen. Dieser revolutionäre Opportunismus (prinzipielle Gegner des Staates, die, aus taktischen Erwägungen, für einen bestimmten Staat kämpfen) scheint mir heilloser, als der sozialistische, bei dem es schließlich nur um die Auslegung des Begriffs der „Landesverteidigung“ geht.

Zur vierten Gruppe habe ich selbst gehört. Sie unterscheidet sich von der dritten insofern, als sie, statt eines bestimmten politischen, ein kulturelles Ziel im Auge hat. Ich hielt, ohne mich mit einer der Parteien zu identifizieren, eine Mitwirkung der Geistigen am Kriege für unvermeidlich. Ich hatte mir dafür eine eigenwillige und etwas komplizierte Taktik zurechtgelegt. Man sollte sich die einzelnen Parteien und ihre Aktionen daraufhin ansehen, ob sie der Verwirklichung eines demokratischen Europa förderlich oder hinderlich seien. Je nach der Lage sollten die Intellektuellen hier oder dort, auch abwechselnd und an bestimmten Punkten nach besten Kräften mithelfen. Es war im Grund die typische Emigrantenpolitik.

Ich habe die meisten Intellektuellen denselben Weg gehen sehen. Aus einer taktischen Verirrung wurde nur zu bald eine seelische, daraus trieb eine Verwirrung zuerst der Grundsätze, dann der Instinkte. Der Umweg zu unserem Ziel, auf dem wir, die schlauen Indianer, uns glaubten, hatte uns selbst umgekehrt.

Nun gestehe ich jedem das Recht zu, sich seine Freunde und Feinde selbst auszusuchen. Jedoch, von der Möglichkeit, sich durch Vermischung ihres Blutes mit dem wahlverwandten in die Familie aufnehmen zu lassen, machen die allermeisten Intellektuellen keinen Gebrauch. Was ist die Folge? Sie sind Kriegführende, ohne zu kämpfen, wie sich’s für sie gehörte. Sie stecken von hier bis zum Hals im Kompromiß. Sie haben gar nicht die Möglichkeit, in dem ihnen zum Aufenthalt dienenden Umkreis der Partei aufrichtige Patrioten zu sein, sie sind nur die Antipatrioten der andern Partei. Menschen mit einer nur negativen Einstellung können nicht gemeinsam handeln, weil es kein negatives Ideal gibt, das gemeinschaftsbildende Kraft besäße. Die Negation gebiert neue Negationen, die einander sektiererisch abhetzen. Ich nenne das politischen Protestantismus. Der Protest kann schwächen – das gehört zur Kriegführung –, aber er bleibt unfähig, eine neue Gemeinsamkeit zu erzeugen, stark genug, die alten, mörderisch verbissenen Gemeinschaften in sich aufzunehmen und zu versöhnen. Und das allein wäre der Friede.

Nicht als ob der Sieg der einen oder der andern Partei im gewöhnlichen Sinne des Wortes gleichgültig wäre, nein. Der Weg zum Ziel wäre vermutlich kürzer, wenn der eine, er wäre ganz gewiß länger, wenn der andere siegte. Der Preußengeneral und der kriegführende Pazifist gehören nicht ein und demselben Geschlecht an. Und wenn Amerika in Waffen starrt, und wenn es, für die blutige Prozession, noch so eifrig Altäre baut, auf denen das große Messer angebetet wird, es bleibt, auf dem Gebiete der bürgerlichen Ideologie, noch immer die Neue Welt.

Aber der militärische Sieg, jeder militärische Sieg, kann nur derselbe sein, wie der Krieg, und eine Niederlage statt der Entscheidung wiederum nur eine Fortsetzung des Krieges. So gewiß ein Urwald aus eigenen Kräften keine menschliche Ordnung hervorbringt und der Mensch nur auf dem Boden leben kann, den er dem Urwald abgerungen hat, wo er den Urwald vor seinem, des Menschen Bedürfnis, hat verschwinden lassen, ebenso kann der Friede nur dort entstehen und gedeihen, wo der Krieg wahrhaftig beseitigt ist und auf freiem Felde der Mensch sich behauptet. Solange die Intellektuellen polemisierend mitkämpfen, ob mittendrin oder auf den Flügeln oder im Rücken, verrichten sie eine häßlichere Arbeit, als die Kriegssänger, und keine bessere und keine schönere, als Thersites, und ich, für mein Teil, würde, wenn ich unbedingt wählen müßte, noch immer dem antiken Kläffer jenen Schäferhund, den Tyrtäus vorziehen. In allen Ländern.

Den Intellektuellen wird, wenn sie mehr sein wollen als freiwillige, mobilisierte und selbst desertierte Militärschreiber, nichts übrig bleiben, als sich erst einmal und allen Ernstes selbst zu sammeln.

Was, in aller Welt, kann der Geistige anderes wollen als den Geist! Der Geist aber ist der uralte Antipode der Materie, des dunkeln Triebes, der Gewalt. Also kann er, natürlicherweise, nur ein Ziel haben: daß die Gewalt aufhöre, weil ihm bis dahin zuviel fehlt, um sich auch nur klar zu manifestieren, und alles, um im großen wirksam zu werden, alles, sogar die Gelegenheit.

Ich sage nicht: er kann nur das Ziel haben, daß die Gewalt möglichst schnell aufhöre, obwohl ich vielleicht den Mut hätte, mich für ein Ideal abschlachten zu lassen, nicht aber, andere unter’s Messer zu werfen. Ich sage nicht: um jeden Preis, obwohl in jeder Minute – stellt euch das doch nur einmal deutlich vor, ihr Hornochsen! – Menschen umgebracht werden, die unsere besten Freunde, unsere Männer, unsere Väter und Söhne hätten sein können. Meine Ohnmacht enthebt mich dieser entsetzlichen Entscheidung. Ich sage: daß die Gewalt gründlich aufhöre.

Hier höre ich den Beifall der Intellektuellen, die, im Nebenamt des Intellektuellen, sozusagen als Gelegenheitsarbeiter zu einer Zeit, wo alle arbeiten, – mitschießen und mitstechen. Gerade, damit Gewalt gründlich aufhöre, rufen sie, müsse der Kampf ausgefochten werden bis zum Ende, und deshalb, nur deshalb, seien sie dabei.

Don Quichote noch ritt gegen Windmühlen. Die heutigen Intellektuellen begnügen sich damit, kleine Pamphlete in die Flügel zu blasen. Und die Mühle ist längst dabei, sich selbst aufzumahlen! Der Tag kommt, da hat sie sich aufgefressen bis auf die letzte Schraube, bis auf die letzte Faser, sie fällt, dann und keine Sekunde früher, von selbst zusammen und gibt, dann erst, den Menschen wieder frei.

*

Aufersteht aus den Trümmern Phönix Mensch. Werft, sage ich, seinen Befreiungsschrei jetzt schon in den Sturm, als locktet ihr ihn mit seinem eigenen Ruf! Malt sein Bild an alle Wände, die noch vom Angstschweiß der Plakate und Verordnungen überfleßen! Die neue Musik stimmt an, nicht hoffend, daß sie die Kanonen und explodierenden Minen und das andere vielfache Schlachtgeschrei mit ihrer süßen Hand ersticke, aber gewiß, sie und sonst nichts zwischen Himmel und Erde könne die mörderischste Schlacht, selbst diese Schlacht, diese Schlacht der Schlachten von einem neuen Leben entbinden.

Wo ihr einen antrefft, der nachdenklich, ermattet, verzweifelt scheint, tretet zu ihm und sagt ihm ins Ohr: Ich will dir frohe Botschaft bringen. Nehmt seinen Kopf in die Hände, lächelt ihn an und, wenn es dann noch nötig ist, sprecht …

Sorgt für den Frieden. Glaubt, es gibt wenige genug, die für diese Mission in Betracht kommen, und Gott weiß, ob man sie nötig haben wird. Denn sie, die diesen Krieg führen, werden ewig unfähig sein, den Frieden herbeizuführen. Sie können nur einen Waffenstillstand schließen.

Sollte aber eine in falscher Bescheidenheit meinen, er könne nicht singen, – wo doch die geringste Handreichung und jede wohlempfangene Hilfe und jeder Wille zum Guten alle Kreatur zum Singen bringt – so mag er sich in des Teufels Namen ein Gewehr geben lassen und kämpfen.

Sollte er zögern, im Glauben, daß er allein seinen Posten gut genug halten könne, den an der Front dagegen hunderttausend andere besser als er, so mag er bleiben, wo er ist. Aber er nenne sich nicht einen Geistigen, sondern, wie ich nun ernsthaft vorschlagen möchte, einen Militärschreiber. Worauf es sehr natürlich erscheinen wird, daß Militärschreiber sich zu einem Kriegerverein zusammentun.

Einen Zusammenschluß irgendeiner Art von kriegführenden Intellektuellen mit Geistigen ist unmöglich.

Was ein fescher Intellektueller ist, der wird mich salbaderig finden. Ihn juckt das Schießpulver, das allenthalben vertan wird. Wenn er sich kratzt, ist ihm wie in Kampfgetümmel und Handgemenge. Er braucht nur in die Schreibmaschine zu diktieren, um, den Ozean in seiner Brust von einer roten Schärpe gebändigt, ein General zu sein, der die Insurgenten zum entscheidenden Sturmangriff ansetzt. So nimmt er tätig teil an der großen Zeit.

Der Bericht über die Bergpredigt schließt mit der Bemerkung, das Volk habe sich über Jesus entsetzt, „denn er predigt gewaltig, und nicht wie die Schriftgelehrten“. Die Schriftgelehrten nämlich waren, was sie noch heute sind: Diskutierer, Schreier, Haarspalter und Rechthaber. Sie teilen das Schlachtfeld der Erde mit den Soldaten.

*

Ich sehe zwei Häuser mit roten Laternen. Auf der einen Seite das Haus „Zum Bauch“, auf der andern das Haus „Zum gutgeschirrten Pegasus“. Sie sind Nachbarn, wenn sie auch nichts voneinander wissen wollen.

Vor mehr als zwei Jahren schrieb ich, für diese Zeitschrift, eine Notiz, worin die bevorstehende Eröffnung des ersten Hauses angekündigt war.

Ich begegnen Landsleuten, sagte ich da, die mich mit einem todtraurigen Blick fragen: „Werden wir je wieder lachen können?“ Es waren nicht immer Kranke. Mir schien, im Gegenteil, als ob sie die einzigen seien, die sich an eine Zeit erinnerten, wo die andern noch für gesund gelten konnten. Ich antwortete: Aber, ich fürchte das Gegenteil. Ich fürchte, für Europa, daß, was in Rußland nach dem Krieg mit Japan und der Revolution kam – ein mittelmäßiger Dichter namens Arztibaschew machte daraus den Roman „Ssanin“ – das ganze Europa vergiftet, ein Après nous le déluge, das sich im Tingeltangel schadlos hält und „wieder lebt, wieder atmet, wieder genießt!“ Ich fürchte ein Kokottenlachen sondergleichen, den Sieg des Tanzbeins über alle zu erwartenden Konsequenzen dessen, was heute geschieht. Es wird, überdies, billig zu haben sein. Ich fürchte – nicht, daß die kapitalistische Gesellschaftsordnung sich totlacht, aber daß die vielen, die kleinen Leute, die übrigbleiben, dem Wahn anheimfallen, mit leichtem Sinn, mit der bühnenmäßigen Geste des Grandseigneurs ein paar Sprossen der sozialen Leiter hinaufturnen müssen. Ich fürchte, daß Europa der alte Mann wird, der sich, mit dem Opernglas, in die erste Parkettreihe setzt, um vom Ballett, das ihm geboten wird, nicht die geringste Regung zu verlieren, der Kunst wegen, versteht sich: fauler als ein Gaul, der die lästigen Fliegen mit unermüdlichen Schlägen des Schwanzes vertreibt, wozu viel Kraftanstrengung und eine gewisse Aufmerksamkeit gehört. Die Operette fürchte ich, das kitzelnde Feuilleton, die absichtsvoll gemalten Hüften der Diana in der Abenddämmerung. In einem Wort, das Leben und Lebenlassen des Bauches, statt daß die Herzen vom Tode auferstehen und die Gehirne Erkenntnisse zu Taten machen.

Seitdem haben wir Fortschritte gemacht in der Richtung.

Ich spreche nicht vom allgemeinen Wirtshaus, das an allen Straßen steht, worauf Soldaten marschieren und hinter ihnen Gesindel sich breit macht. An den Bauch als Tröster denke ich, als letzten Erwecker der entsetzten Seele, diese unheimlichste Form des Masochismus, als Mittler eines Weltgefühls, als Philosoph, sozusagen. An den Zynismus.

Der Mensch, sagt er, ist ein ebenso dummes wie unverbesserliches Tier. Laß es laufen und vergnüge dich an seinen Sätzen und Kapriolen, all den Tanzfiguren seiner Gemeinheit, die über alle Maßen komisch sind, wie sie auch vom Ausübenden gemeint seien. Befreie dich von der Angst vor dem Menschen, und er ist nur noch ein Pajaß.

Hier ist es, wo die beiden freien Menschen, der „hündische“ und der menschliche, sich scheiden. Jener überwindet mit der Angst vor dem Menschen gleichzeitig die Liebe zum Menschen. Der andere beginnt dann erst wahrhaft, nämlich bedingungslos zu lieben.

Stell, sage ich, dein Sach auf nichts und laß, in allem Äußern, mit dir geschehen. Die Armut ist gut, wenn sie kein Zwang ist. Der Reichtum ist gut, wenn er nicht selbstsüchtig ist, sondern wie das Wasser, das mit beiden Händen aus dem Brunnen geschöpft ist und durch die Finger rinnt, indes die Lippen trinken. Die Sünde beginnt, wo die Lust am Geld beginnt, das ist das goldene Kalb, das denen, die es umtanzen, nichts gibt, als einen Machtrausch. Ein Narr und Sklave, wer glaubt, das Geld habe eine Seele, oder ihm einen metaphysischen Wert irgendwelcher Art beimißt. Ich kenne Leute genug, die sich von Gott und Teufel, von Mutter und Kind und von sich selbst losgemacht haben, aber kaum einen, der sich vom Aberglauben an das Geld befreit hätte. Das beste, sage ich, wäre, wenn man das Geld beim Spazierengehen fände. Da es nicht so ist, so tue man wenigstens mit ihm, als ob man es beim Spazierengehen gefunden hätte.

Man sieht, ich bin nicht wie asketische Millionäre, daß ich den Luxus verschmähe. Ein schöner Frauenhut, selbst in einem Schaufenster, macht mir Freude. Gewiß, wie hätte Berlin in dieser schweren Zeit nicht einen Franziskus hervorbringen sollen, aber er brauchte nicht gar so traurig zu sein. Der alte war ein heiterer Geselle.

Man soll, man muß, man wird den Menschen wegnehmen, was sie heute hindert, froh zu sein, geben können nur wir ihnen; wir, die Geistigen. Und dann wird es letzten Endes noch immer an ihnen liegen, ob sie glücklich sind, denn, nicht wahr, den Willen dazu müssen sie selbst haben. Die Erziehung zum Glück – ein Thema für zehn Generationen Dichter, Musiker, Maler, Philosophen, Politiker, für zehn Generationen, schlechthin.

Der letzte Ernst der Dinge ist heiter. Sind sie nicht alle vergänglich und wunderbar in ihrer Einmaligkeit?

So weit kommt der Zyniker nie. Er sieht in den Dingen nur die ewige Dummheit, und er grinst.

*

Den gutgeschirrten Pegasus haben Aktivisten derart zerzaust, daß er in seiner vorkriegerischen Form, der georgeschen, nur noch geringes Ansehen genießt. Die beschäftigungslosen jungen Leute aus feiner Familie allein liebäugeln noch mit dem, was sie, überdies irrtümlich, als die Luxusausgabe ihrer eigenen Langeweile hochhalten.

Indes hat sich im Krieg der gutgeschirrte Pegasus zum gutgesinnten gehäutet. Schon haben sich in Deutschland und anderswo Sekten und Brüderschaften gebildet, um, dem gemeinen Leben abgewandt, dem Geist zu dienen.

In diesen Laubhütten und esoterischen Hotels – wenn es nicht Sanatorien sind – werden schöne Briefe und ausgezeichnete Bücher geschrieben. Das Schärfste an Zeitkritik, von einer hymnischen Wildheit, das Strahlendste an Abkehr vom Reich des Kolossalen, das während des Krieges zu uns über die Grenze geflüchtet ist, kam aus der Kalltalgemeinde: der Roman vom „Hauptmann Deutschle“ (der in den Europäischen Büchern erscheinen wird). Die alte deutsche Rebellion des Geistes lebt heute vielleicht am lautersten in den Jungen – viele Kriegsbeschädigte sind darunter – die sich in einem verlorenen Flußtal, an einem Berg, an einem Wald ansiedeln und der Zeit nicht erliegen wollen.

Alles das ist vortrefflich unter der Bedingung, daß die Siedeleien sich auf der Wanderschaft befinden. So haben alle Missionare die Erde durchdrungen. Die Klöster starben, als sie stillstanden. Sie verfaulten in ihrer Ruhe.

Gepriesen seien die neuen Quellen, sorgsam behütet, die allenthalben springen! Sie mögen unbekümmert zu Tal fahren, selbst auf die Gefahr hin, daß sie eine Tagesreise weiter die Dynamos einer Zeitungsdruckerei treiben, oder daß auf ihren Wellen Bürger mit dem Grammophon den Abend entlang fahren. Gepriesen seien die gutgelaunten Waldbrüder, die jeden Morgen in der Erdenfrische baden, bevor sie an die Arbeit gehen! Es kann nicht anders sein, als daß sie alle erquicken. Die Säulenheiligen aber versteinern, niemand zuliebe und jedem zuleid, weil man wissen möchte, was dort oben mit ihnen vorgeht, und sie stummer sind als Baum und Gras.

Der Geist entsendet seine Missionare. Die einen bewahren die Einkehr und das Bad für alle, die des Weges kommen, und die größere Zahl derer, an die ihre Sendschreiben hinausgehen. Sie sind die schwächsten, aber vielleicht die reinsten. Und die meisten von ihnen sind körperlich krank und müssen sich erholen.

Die anderen mischen sich unter das Volk, denn es ist besser, täglich zu fallen, um wieder aufzustehen, als in der Einsamkeit keiner körperlichen Demütigung ausgesetzt zu sein. Sie sind Bettler und Verschwender, Hans Dampf und Wanderprediger in allen Gassen und Kamerad jedem, der es brauchen kann; geduldig, beständig – du, das ist wichtig: beständig! – und freien Blicks vor den Berserkern der Eindeutigkeit, die am liebsten alle Welt in ihre Kerker würfen, um den Beifall zu erpressen, den sie Recht, Logik, Konsequenz und, was weiß ich, noch wie nennen. Sie sind freie Menschen.

Man braucht kein Neunmalweiser zu sein, um die nötigen Unterscheidungen zu treffen. Die Frivolität, das ist der Parvenü der Freiheit. Der Pfaffe wuchert mit Gott. Der Soldat hat das bequemste und, meint er, sicherste Mittel gefunden, im Recht zu sein.

Die missionierenden Geistigen fragen nicht lange: sollen Geist und Politik im Gegensatz leben? Sie sollen nicht, sie tun es.* Der Gegensatz wird bleiben, unversöhnlich, solange die Politik zur Ordnung des Gemeinwesens und zur Erhaltung der Ordnung Gewalt anwendet. Aber der Grad, wenn auch nicht das Wesen des Gegensatzes, kann sehr verschieden sein. Alles, was zum Abbau der Gewalt in den Beziehungen zwischen den Menschen beiträgt, hat von vornherein ihre Unterstützung. Sie helfen wegräumen, Hürde um Hürde, die führ die Glücksjäger gebaut sind, auf der geraden Straße wird man zum Glück gelangen. Wo immer Kapitalklötze zerkleinert und Bastillen diskreditiert werden, sind sie dabei. Jawohl, sie sind Gleichmacher. Die schicksalhafte Ungleichheit der Menschen ist groß genug. Sie leiden genug darunter. Man braucht die Ungleichheit nicht noch künstlich zu vermehren. Die künstlichen Ungleichheiten, die staatlichen und die der Klassen, das ist die Ungerechtigkeit, und es lügt, wer behauptet, sie seien nur der Ausdruck für die innere Ungleichheit. Gelegentlich sind sie es gewesen, dann kamen die Erben. Gelegentlich sind sie es noch. Man kann die Erben beobachten, wie sie ihnen zweideutig gegenüberstehen: sie nehmen sie hin als Rechtfertigung für ihren älteren, natürlich viel vornehmeren Besitztitel. So lasse man sie die Probe auf die Ungleichheit der Menschen machen, indem man den verjährten Ausdruck dafür, auf dem sie sitzen, kassiert. Hic Rhodus, hic salta.

Die Geistigen helfen die Gewalt abbauen, die Ausbeutung abbauen, die Trauer abbauen. Dies geschieht im Vordergrund ihres Lebens. Unabhängig bleibt von gewaltsamen Erfolgen, ob kapitalistischen oder revolutionären, wofür sie kämpfen. Erinnern diese, übrigens, heute, wo die Fugen der Gesellschaft weiterhin und tiefer krachen als je zuvor, gegenüber der einzigen Realität, der geistigen, nicht an ein majestätisches Brillantfeuerwerk, das einer über dem Niagarafall abbrennen ließe? Solche Spektakelstücke werden zur Schaffung einer neuen Welt beigetragen haben und noch weiter beitragen. Wir müssen über die Gewalt hinaus, über jede Art Gewalt, und ich fürchte, dieser Weg ist mit Gewalttaten gepflastert. Selbst wenn wir einsähen, es gehe nicht anders, wollten wir doch nicht daran beteiligt sein. Die Hilfe der Geistigen macht Halt vor der Gewalt.

*

Du lächelst. Du findest wohl, ich rede mit bukolischer Gelassenheit über Angelegenheiten, von denen sich nur mit Faustschlägen, bestenfalls mit bildlichen, sprechen läßt.

Ich hab dich einmal erblassen sehen, als ein Freund dir vorwarf, du seist nicht revolutionär. Tiefer wäre ein Korpsstudent nicht erschrocken, dem man, er sei nicht satisfaktionsfähig, ins Gesicht geschleudert hätte. Ich habe erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen deiner Partei beigewohnt, bei denen es akkurat um Kelch oder Brot ging. Darum sind Religionskriege geführt worden, und so war vorauszusehen, daß Lenin zuerst Kerenski, dann Malinkow mit dem Messer an die Doktrin ginge, genau, wie der Berg die Gironde geköpft hat. (Nebenbei: wenn es Ernst wird, geraten alle Intellektuellen – hörst du: alle – selbst wider Willen in die Gironde. Du solltest das kennen: die schwielige Faust aus der Redaktionskonferenz, in der Parteipresse, – die plötzlich rot anläuft und allmächtig ist.)

Wir können sprechen, soviel wir wollen, wir sagen immer dasselbe. Du zählst hundert Dinge auf, die geändert werden müssen, und ich stimme dir zu. Du wiederum stimmst leichthin zu, wenn ich erwidere, die Änderung könne nur eine historische sein, solang die Menschen, die sie vollbringen, die alten bleiben. Du glaubst, das komme hinterdrein und von selbst. Und es erscheint dir nicht wichtig genug, darüber Worte zu verlieren. Die Reaktion kommt! – wobei es keinen Unterschied macht, ob ein Bonaparte die Revolution liquidiert, oder ob die Verbürgerlichung einer halbwegs proletarisierten Masse in anderer Form vor sich geht. Das willst du mit Gewalt verhindern, und du weißt, daß dazu die Diktatur des Proletariats verewigt werden müßte. Nun werden deine roten Prätorianer naturgemäß eine bevorzugte Stellung einnehmen, ganz einfach, weil sie als die bewaffneten Diener der Ordnung die Herren sein werden in einem Staat, dessen Organen jede mystische Berufung abgeht. Die sichtbare und immer drohende Anwesenheit der Gewalt wird genügen, gegen sie die Gewalt aufzurufen, und die Menschen werden sie nicht ändern.

Ein anderer als du, der nicht auf eine Verallgemeinerung eingeschworen wäre, die recht eigentlich eine fixe Idee ist, ich meine die materialistische Geschichtsauffassung, könnte mir entgegenhalten, ich dächte historisch, das heißt in geschichtlichen Schemen, und damit könnte ich dem Phänomen der neuen Ordnung nicht beikommen. Aber ich denke nicht historisch, ich „glaube“ an die Geschichte nur insofern, als sie sich als eine Bestätigung des menschlichen Irrtums herausstellt: die Verwirklichung des Ideals mit Gewalt anzustreben. Du glaubst, der Kampf sei im Grund immer um das Futter gegangen. Das ist nicht wahr. Wohl aber scheint mir, daß der Hang zur gewaltsamen Befriedigung eines Verlangens, in jedem, bis auf den heutigen Tag, und in der Gemeinschaft, und der Glanz der Gewalt von unserm Aufstieg aus der Tierwelt herrührt. Damals haben wir diese Lebensform angenommen. Wir sind, trotz besserer Einsicht, dabei geblieben. Immerhin konnten wir davon allein nicht mehr leben, wir erfanden Religionen: wozu, wenn nicht, um uns mit ihrer Hilfe über unsere Tierheit zu erheben? Die Tierheit erwies sich als stärker, sie zog die Religion zu sich herab und nahm sie in ihr Wappen auf, einen Stern zwischen einem Wolfsrachen und einem Messer. Die Weltgeschichte enthält nichts, als die wahrhaft ermüdende Bestätigung einer schlechten Angewohnheit aus unsern vermutlich schwersten Tagen, wo wir uns mit der gesammelten List unserer unzähligen Feinde, mit einer Gewalt, die sie alle überbot, dem Urwald entrungen haben. Aber selbst wenn Gott nur eine Erfindung von uns wäre, so bewiese sie, daß wir auch innerlich aus dem Urwald hinausverlangen.

Damit beginnt ein neues Kapitel. Aber kaum daß wir es angefangen haben, blättern wir aufbrausend zurück, weil ein Nachbar mit bösem Blick unsern Weg gekreuzt hat und dort die erprobten Rezepte stehen, mit ihm fertig zu werden.

Worauf ich hoffe, das ist so einfach, daß man es in jedes Schulbuch setzen könnte. Ich hoffe auf eine Revolution gegen die Bestie, und das kann keine Revolution sein, die die Bestie gegen die Bestie losläßt. Wer auch von beiden siegte, es wäre immer die Bestie. Ich hoffe auf eine Revolution durch keine andere Gewalt als die der Herzen, der Überredung und des frohen Beispiels. Ich sage dir: hätten wir die paar tausend Jahre, die wir mit Massakern zugebracht haben, auf die Vorbereitung dieser einzigen, wirklichen, endgültigen Revolution verwandt, wir wären schon lange über den Berg.

Einmal müssen wir Ernst machen mit der Utopie.

Heute, sag ich.

Sofort.

* Dazu im Lesebuch die Ausführung Werfels.

NACHWORT

Verhöhnung durch die Haustiere

Ihr Geistigen: fürchtet ihr euch nicht vor dem Werk, das ihr beginnen wollt, wie vor dem Tod?

Steht ihr nicht oft von der Arbeit auf wie aus dem Grab?

Schwankt ihr nicht den Weg vom Schreibtisch zum Bett und seid verbraucht, verwüstet, zerschlagen, als hättet ihr soeben in den vier Stunden euer ganzes Leben gelebt?

Stellt euch nicht der zufällige Blick eines Unbekannten auf der Straße vor die letzten Fragen, so daß ihr nicht weitergehen könnt und euch an die Wand lehnt, halb ohnmächtig vor Erschütterung?

Geht ihr nicht herum, ohne Schatten und wie verloren, und liegt schlaflos, weil es euch nicht gelingt, einer Forderung an die Menschen den Giftstachel zu nehmen?

Fühlt ihr nicht, vor Ungerechtigkeit und Gewalt, mit kaltem Schweiß auf der Stirn, das Rachebedürfnis heranziehen wie einen epileptischen Anfall?

Betrachtet ihr nicht, mit mühsamem Lächeln, eure Hände, bis die Lust zu würgen aus ihnen entwichen ist?

Lebt ihr nicht so innig mit dem Tier, daß vielfältig sein Trieb in euch widerhallt?

Darum versteht ihr den Staatsstreich des Esels, der sich zum König der Tiere ausrief: es war ihm gelungen, sein „I-A“ so hoch zu züchten, daß die Völker daraus ein Hauch von Gottes Wort anwehte. Und die Schlauheit der Wolfshunde, die ein Auge zudrücken und ihm dienen, weil sie mit ihm Gott auf ihre Seite gebracht haben.

Darum versteht ihr das toll gewordene Lamm, das in seiner panischen Angst den Tiger selbst erschreckt.

Die Haustiere kränken euch nicht, wenn sie, um auch einmal ihren Spaß zu haben, euch einladen, ihnen aus der Hand zu fressen, weil ihr so fromm seid.

Editorische Hinweise von Michael Stark

Textgrundlage

Deutsche Intellektuelle 1910-1933. Aufrufe, Pamphlete, Betrachtungen, hg. von Michael Stark. Heidelberg: Lambert Schneider 1984 (= Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 58), S. 106-117. [Druck der Fassung in: Die weißen Blätter]. Einleitend veränderter Nachdruck u.d. Titel An die Freunde sowie Verhöhnung durch die Haustiere in: René Schickele: Die Genfer Reise. Berlin: Paul Cassirer 1919, S. 156-178 und S. 179-180, und in: René Schickele: Werke in drei Bänden, hg. von Hermann Kesten unter Mitarbeit von Anna Schickele. Bd. 3. Köln, Berlin 1959, S. 435-447 und S. 448.

Kommentar

In dem seinerzeit vielbeachteten Essay Der Konvent der Intellektuellen verabschiedete der deutsch-französische Schriftsteller und Übersetzer René Schickele (geb. am 4. August 1883 in Oberehnheim/Obernai im Elsass, gest. am 31. Januar 1940 in Vence an der Côte d’Azur) das Projekt, die aus der Schweiz gegen die Kriegspolitik des Deutschen Kaiserreichs opponierenden, jedoch zerstrittenen Emigranten organisatorisch zu einen. Wie die beiden vorausgegangenen Versuche, eine „Vereinigung der deutschen Republikaner in der Schweiz“ zu bilden bzw. ein „Konvent der deutschen Emigranten“ nach Luzern einzuberufen, ist auch diese dritte und letzte Initiative an ideologischen und taktischen Gegensätzen sowie persönlichen Animositäten der Kriegsgegner untereinander gescheitert.

Weiterführende Literatur: Wolfgang Benz: Der „Fall Muehlon“. Bürgerliche Opposition im Obrigkeitsstaat während des Ersten Weltkriegs. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4, 1970, S. 343-365; Nicole Billeter: „Worte machen gegen die Schändung des Geistes!“ Kriegsansichten von Literaten in der Schweizer Emigration 1914/18 (Reihe: Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft, 99). Bern, Berlin, Bruxelles, Frankfurt am Main, New York, Oxford, Wien 2005; Albert M. Debrunner: Bücher gegen den Krieg. René Schickeles „Europäische Bibliothek“. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft 44, 2001, Heft 2, S. 100-117 (http://dx.dol.org./10.5169/seals-3887094); Martin Korol: Dada, Präexil und Die Freie Zeitung. Ernst Bloch, Homo Ludens und Tänzer; Hugo Ball, Rastlos auf der Suche nach Heimat; und ihre Frauen, Weggefährten und Gegner in der Schweiz 1916-1919. Bremen-Tartu-Sofia 2001 (elib.suub.uni-bremen.de/diss/docs/E-Diss174_Korol.pdf); Petra Schönemann-Behrens: „Organsiert die Welt!“ Leben und Werk des Friedens-Nobelpreisträgers Alfred Hermann Fried (1864-1921). Diss. 2004 (elib.suub.uni-bremen.de/diss/docs/E-Diss1332_SchoenemannP.pdf).

Ein „Konvent der deutschen, österreichischen und befreundeten Intellektuellen in der Schweiz einzuberufen“, hatte zuletzt im Juni 1918 der Schriftsteller Otto Flake (1880-1963), Elsässer wie Schickele, angemahnt und den 1. August 1918, den 5. Jahrestag des Kriegsbeginns, als Termin vorgeschlagen. Konstituiert werden sollte ein „Bund der Geistigen“, ein Programm auf Basis der Friedensresolution der Mehrheitsparteien des Reichstags vom 19. Juli 1917 erarbeitet und veröffentlicht sowie vereinbart werden, in einem künftigen Friedenskartell u.a. mit der Deutschen Friedensgesellschaft und dem Bund Neues Vaterland zu kooperieren (s. Otto Flake: Die Aufgaben der deutschen Intellektuellen. In: Die Friedens-Warte. Zürich. Jg. 20, Nr. 6, Juni 1918, S. 153-156). Für eine Sondernummer seiner Zeitschrift konnte danach Alfred Hermann Fried (1864-1921), der Herausgeber der Friedens-Warte und Friedens-Nobelpreisträger, Stimmen von über 30 Kriegsgegnern verschiedener Gruppierungen vereinen (Die Friedens-Warte. Jg. 20, Nr. 7/8, Juli/August 1918). Die prominentesten von ihnen – Hermann Hesse (1877-1962) ausgenommen – standen auch in der auf den 4. Juli 1918 datierten Teilnehmerliste zum Konvent, die von der Redaktion der Zeitschrift Die Freie Zeitung erstellt wurde. Verzeichnet waren 20 Namen, und ein ergänzender Brief von Fried an den ehem. Krupp-Direktor, Diplomaten und Mäzen Johann Wilhelm Muehlon (1878-1944) fügte sieben weitere hinzu (s. Korol, Anhang II. Verfeindete Brüder-die internen Kämpfe der Präexilanten und ihre Schwierigkeit zu koalieren, Dokument 9., S. 555, 10., S. 556). Neben Flake, Schickele, Fried und Muehlon sollten demnach zunächst folgende Kriegsgegner bzw. Friedenskämpfer konvenieren: Ludwig Rubiner und Leonhard Frank, Eugen Lewin-Dorsch (1883 – 1941), Schriftsteller, Sozialist und Ethnologe, Adolf Saager (1879-1949), Journalist und Schriftsteller, Hermann Fernau [eig. H. Latt] (1883-?), Jurist, Übersetzer und Journalist, Karl Ludwig Krause (1870-1936), Kunsthändler, Ernst Bloch, Hermann Rösemeier (1870 –?), Schriftsteller und Journalist, Eduard Stilgebauer (1868-1936), Schriftsteller, Andreas Latzko, (1876-1943), Hermann Staudinger (1881-1965), Chemiker und späterer Nobelpreisträger, Alexander Prinz zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst (1862-1924), Diplomat, Publizist und ehem. Mitglied des Deutschen Reichstags, Maximilian Graf von Montgelas (1860-1938), bayerischer General der Infanterie, Politiker, Militärattaché und Historiker, ferner Margarete Susman, verh. von Bendemann (1872-1966), Journalistin, Essayistin und Schriftstellerin, Georg Gretor (1892−1943), Journalist, Fritz von Unruh (1885-1970), Stefan Zweig (1881-1942), Ludwig Bauer (1876-1935), Jurist, Journalist und Schriftsteller, Hugo Ball, Heinrich Kanner (1964-1930), Politiker, Journalist und Zeitungsherausgeber, sowie Hans Schlieben (1865-1943), ehemals deutscher Konsul in Belgrad, und Otfried Nippold (1864-1938), Jurist. Als Tagungsort war das Berner Garten-Restaurant „Innere Enge“ in der Engestr. 54 vorgesehen.

Allerdings kam der Plan, Intellektuelle zusammenzuführen, die „gegen das heutige Regime ihres Heimatlandes eine unabhängige und ablehnende Stellung einnehmen“, über eine Vorbesprechung, auf der sich Ball, Bloch und Schlieben mit Fernau, Fried und Frank trafen, nicht hinaus. Sie fand am 13. Juli 1918 im Hause Muehlons statt, der vergeblich versuchte, zwischen den radikalen Demokraten um Die Freie Zeitung, zu denen auch Rösemeier und Stilgebauer gehörten, und Fried sowie den pazifistischen liberalen Demokraten zu vermitteln. Zu dieser von Ball und Bloch als „Moraliker“ betrachteten Gruppe zählten neben Frank, Rubiner und Schickele auch Albert Ehrenstein (1886-1950), Yvan Goll (1891-1950) und Ferdinand Hardekopf (1876-1954). Einig war man sich zwar in der Abkehr vom Deutschland Wilhelms II. und Ludendorffs, und gemeinsam verurteilte man das deutsche Festhalten am Ziel des annexionistischen Gewaltfriedens. Aber an der eindeutigen Parteinahme der Schlieben-Gruppe um Die Freie Zeitung für Frankreich und die Vereinigten Staaten, der die militärische Niederlage des Kaiserreichs als Voraussetzung künftiger Demokratisierung Deutschlands wünschenswert schien, schieden sich die Geister endgültig. Stefan Zweig, Schriftstellerkollege und Freund Romain Rollands (1866-1944), schrieb am 23. Juli 1918 an Fried, empört über die Attacken gegen sogenannte „bürgerliche Pazifisten“: „Nach den unfairen, geistlosen und im schlechtesten Sinne plumpdeutschen Angriffen der Freien Zeitung auf Romain Rolland und Hermann Hesse halte ich ein Zusammenarbeiten mit allen, die jener politisch einseitig orientierten Gruppe angehören, für unmöglich.“ (Korol, Dokument 21., S. 564)

Schickeles Essay Der Konvent der Intellektuellen ist etwa zeitgleich mit der am 13. August 1918 abgeschlossenen Erzählung Der deutsche Träumer im Kontext der Zusammenstellung des „Zeitbuchs“ Die Genfer Reise Juni/Juli 1918 verfasst und dort als An die Freunde überschriebenes Kapitel leicht überarbeitet enthalten. Erlebnishintergrund der Sammlung war die im Mai 1918 anlässlich der Beerdigung des befreundeten Malers Ferdinand Hodler (1853-1918) unternommene Reise an den Lac Léman. Fast unverändert erschien das neunte Kapitel mit dem Titel Der deutsche Träumer als separate Veröffentlichung (Zürich, Max Rascher Verlag 1919 [ = Europäische Bibliothek Nr. 8]). Erzählt wird von der Wandlung eines Kriegsbegeisterten zum Pazifisten, eine Entwicklung, die auch Schickele hinter sich hatte. Auf die biographische Nähe zur Figur des Erwin Bandelberg deutet darüber hinaus, dass der Protagonist nach Genf flieht, um ein Archiv als Grundlage für den publizistischen Kampf gegen den Krieg aufzubauen. Wie sich aus Harry Graf Kesslers (1868-1937) Tagebüchern erschließt, war Schickele Anfang 1917 von Schlieben für die Idee begeistert worden, „eine Presse-Agentur zu gründen, die Informationen von den extrem-revolutionären Elementen aller Länder […] sammeln“ sollte, und ließ, so Kesslers Notiz, das Vorhaben erst im Mai 1918 wieder fallen: „Er hat die Idee aufgegeben, am Genfer See sein Bureau zu machen. Er sagte, dort würde er alldeutsch, so widerwärtig und gemein sei das Schimpfen der Welsch-Schweizer auf die Deutschen.“ (Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880-1937, hg. von Günter Riederer unter Mitarbeit von Christoph Hilse. Bd. 6: 1916-1918. Stuttgart 2008. Eintrag vom 10. Februar 1917, S. 148, und vom 10. Mai 1918, S. 380). Das schloss für Schickele die weitere Kooperation mit frankophilen ‚militanten‘ Friedensfreunden aus.

Zur Veröffentlichung des Essays in der Sammlung Die Genfer Reise schrieb der Autor am 5. September 1918 an Kessler: „Der ‚Konvent der Intellektuellen‘, den Sie ja kennen, ist ein Kapitel daraus und nicht das wichtigste. Indessen habe ich auf dieses Kapitel hin, das ich für das Gebot der Stunde mit einigen Zeilen aktualisierte, eine solche Menge kameradschaftlicher Zurufe, u.A. aus Deutschland u. Österreich, aber auch von Franzosen erhalten, dass ich glaube: die ‚Genfer Reise‘ wird das Leitbuch der jungen Generation … Ich wäre selig, empfänden Sie nicht nur die Kämpfe, die dieses Buch mich gekostet hat, sondern auch die Rettung, die es bietet.“ (Kessler, S. 529) Schickele setzte auf die Utopie gewaltloser Revolution und lehnte den Umsturz nach bolschewistischem Vorbild ab. Im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel (Nr. vom 10. Juni 1919) war aus einer Rezension in der Berliner Freiheit zitiert: „Schickele plaudert nicht Feuilletons, er schenkt uns Dichtungen. In seinem Buch duften Wiesen, blühen Narzissen, drohen Gletscher, reifen Reben, glühen Sonnen. In Schickele hat die Internationale der Güte einen Propheten gefunden.“ (Zit. nach: Rahel E. Feilchenfeldt/Markus Brandis: Paul Cassirer Verlag 1898-1933. Eine kommentierte Bibliographie. München 2002, S. 380)

Erläuterung

Die Fußnote * verweist auf den Beitrag von Franz Werfel: Die Gefahr. [Aus dem Vorwort zu den Schlesischen Liedern von Petr Bezruč]. In: Die weißen Blätter. Bern. Jg. 5, 1918, H. 2 (August), S. 109-111. Ein Nachdruck dieser Vorrede war bereits in der Zeitschrift Die Aktion erschienen (Jg. 7, 1917, Nr. 5/6, 3. Februar 1917, Sp. 62-70). Werfel wendet sich gegen nationalpoltische Ziele – auch die der tschechischen Minderheit – mit den Worten: „Unser Herz fühlt connational mit allen Unterdrückten aller Völker. Unser Geist haßt die Macht- und Selbstbewußtseinsform aller Völker.“ (In: Die Schlesischen Lieder des Petr Bezruč [d.i. Vladimir Vašek (1867-1959)]. Verdeutscht von Rudolf Fuchs [(1890-1942)]. Vorrede von Franz Werfel. Leipzig: Kurt Wolff o.J. [1917], S. VII. Bei dem im Essay erwähnten zeitkritischen Roman aus der „Kalltalgemeinde“ handelt es sich um den unter dem Pseudonym Karl Zimmermann [d.i. Käthe Jatho-Zimmermann (1891-1989)] erschienenen Titel: Der Hauptmann Deutschle. Ein Buch für Enkel. Zürich: Max Rascher 1919 (= Europäische Bücher, 1. Druckschrift der Kalltal-Gemeinschaft). Die Autorin gründete mit ihrem Mann, dem Essayisten, Lyriker und Kulturphilosophen Carl Oskar Jatho (1884-1971), und dem Maler und Bildhauer Franz Wilhelm Seiwert (1894-1933) jene kommunitär lebende Künstlerkolonie im Eifeldorf Simonskall, die sich nach der örtlichen Umgebung „Kalltalgemeinschaft“ nannte und von 1919 bis 1921 bestand. Zeitweise gehörten Franz Nitsche (1887-1952), Otto Freundlich (1878-1943), Angelika Hoerle (1899-1923), Heinrich Hoerle (1895-1936), Marta Hegemann (1894-1970), Anton Räderscheidt (1892-1970) und B. Traven (1882-1969) zu der auch als „Kölner Progressive“ bezeichneten, vom späten Expressionismus und Dadaismus inspirierten Gruppe.





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