III.2.2 Hochschullehre

Leseprobe

Von Holger Dainat

2.2 Hochschullehre

Wissenschaft und Erziehung

Neben dem publizierten Wissen gehört die Lehre zu den wichtigsten Leistungen, die eine wissenschaftliche Disziplin wie die Germanistik zur Selbsterhaltung und für andere soziale Teilsysteme erbringt. Weil sie vor allem Lehrer ausbildet, war und ist sie – wie die anderen Geisteswissenschaften auch – eher Gegenstand der Bildungs- als der Wissenschaftspolitik. Der Ressourcenzufluss als Bedingung für das Größenwachstum hängt bei diesen Disziplinen wesentlich stärker vom Ausbau des Er- ziehungssystems ab als von den Ergebnissen ihrer Forschung. Das entspricht allerdings nicht der Selbstwahrnehmung dieser Wissenschaften; hier dominiert eindeutig der Erkenntnisgewinn über die Lehre. Das bestimmt selbst die Fachgeschichtsschreibung, die zwar notiert, wann welcher Lehrstuhl und welches Institut geschaffen wurde, auch welche Vorlesungen gehalten wurden, die aber die Lehre bislang eher selten unter systematischen Gesichtspunkten untersucht hat. Literaturwissenschaftliche Selbstbeschreibungen konzentrieren sich in aller Regel auf die Erkenntnisproduktion und damit auf die Funktion der Wissenschaft für die Gesellschaft.

Aus disziplinärer Sicht dient die Lehre in erster Linie dazu, den eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden. Ohne diese Selbstreproduktion wäre der Fortbestand der Disziplin nicht gewährleistet. Für ihn ist es entscheidend, einmal erreichte Positionen zu festigen, um auf diesen Standards aufbauen zu können. Aus der Perspektive anderer sozialer Teilsysteme stellt es sich anders dar. Ihnen geht es um die Vermittlung relevanter Wissensbestände und Qualifikationen, die sich auf anderen als nur dem wissenschaftlichen Felde als nützlich erweisen. Von dieser Nachfrage anderer Bereiche hängt ein doppelter Ressourcenzufluss ab: zum einen die Mittel, die für den Fortbestand bzw. den Ausbau der Disziplin zur Verfügung gestellt werden, zum anderen die Studierenden, die sich für diese spezielle wissenschaftliche Ausbildung entscheiden.

Die Erwartungen der Wissenschaft und anderer sozialer Teilsysteme an die Lehre decken sich nicht. Sie schließen einander aber auch nicht aus. Vielmehr kommt es darauf an, in welcher Weise die unter schiedlichen Ansprüche aufeinander abgestimmt werden können. Das kann für beide Seiten von Vorteil sein. Eine größere Anzahl von Studierenden ermöglicht es der Disziplin, sich die Geeignetsten für die Rekrutierung des eigenen Nachwuchses auszuwählen. Gute Berufsperspektiven – auch und gerade für Karrieren jenseits des Wissenschaftssystems – ziehen Studierende an, was für das Größenwachstum einer Disziplin und den Ausbau ihrer fachspezifischen Infrastruktur von erheblicher Bedeutung ist. Die sozialen Teilsysteme können von der Partizipation an disziplinärem Wissen und an der Dynamik des Erkenntnisgewinns profitieren. So empfiehlt sich die Ausbildung der Lehrer an Institutionen, auf die sie ihre Schüler wiederum vorbereiten, selbst wenn diese nicht den beruflichen Bahnen ihrer Lehrer folgen wollen. In diesem Sinne haben die Klassischen Philologen im Deutschland des 19. Jh.s eine Schlüsselposition besetzt, denn allein das humanistische Gymnasium verlieh bis 1900 (in Preußen) die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Die Bildungsreform um 1900 machte mit der Umstellung von Neuhumanismus auf Nationalbildung die Germanistik zu einer der größten Disziplinen an den deutschen Universitäten, zumindest was die Zahl der Studierenden (nicht unbedingt der Lehrenden) betrifft. Auf der Relevanz des Deutschunterrichts in der höheren Bildung beruhte das Gewicht jener Disziplin, die vor allem Deutschlehrer ausbildete. Bis in die 1970er Jahre hinein strebten mehr als 80–90 % aller Germanistikstudierenden das Lehramt vor allem an den Gymnasien an. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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