„Julius Cäsar“ in Berlin: Hollmann statt Shakespeare

1972

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Die deutschen Bühnen, deren nun schon permanente Spielplanmisere hinreichend bekannt ist und die sich daher immer wieder genötigt sehen, mit Kümmerlichem und Verstaubtem aufzuwarten – warum machen sie schon seit Jahren einen so großen Bogen um den „Julius Cäsar“?

Weshalb will man in einer Zeit, in der die Politik unser Leben mehr denn je beherrscht, gerade von demjenigen Shakespeare-Drama nichts wissen, das Politisches auf höchster Ebene der Literatur und des Theaters behandelt? Man sucht doch (oft krampfhaft) die „gesellschaftliche Relevanz“. Hier ist sie, wenn sie auch nicht unbedingt – was dies auch bedeuten mag – „progressiv“ scheint, vielmehr jene, die nicht aufhören, das Substantiv „Gesellschaft“ zu deklinieren, eher beunruhigen und irritieren kann. Aber ist das ein Fehler?

Fürchten etwa die deutschen Bühnen ein Stück, das die Ohnmacht des politischen Arguments, die Macht des demagogischen Worts und die Fragwürdigkeit des Volkswillens mit erschreckender Deutlichkeit sichtbar macht? Stört es sie, daß dieses Stück gegen die Diktatur zugleich auch die Republik anzweifelt, daß es die Tyrannei anklagt und doch die Verschwörung bloßstellt und ablehnt?

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Ein Beitrag zur Sonderausgabe
Marcel Reich-Ranicki: Mein Shakespeare. Hg. von Thomas Anz. Marburg 2016.





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