III.2.3 Archive und Bibliotheken

Leseprobe

Von Konrad Umlauf

2.3 Archive und Bibliotheken

Funktionen von Archiven

Archive entstanden in den frühen Hochkulturen als Speicher von Verwaltungsschriftgut in Keilschrift auf Tontafeln (vgl. I.8.5). Auch heute noch ist die Verwahrung des Schriftguts von Organisationen, z. B. einer Akademie der Künste, im weiteren Sinn auch des Schriftguts von Familien oder Einzelpersonen, das für die laufenden Geschäftsprozesse nicht mehr benötigt wird, aber aus kulturellen oder rechtlichen Gründen dauerhaft aufbewahrt werden soll, die Kernaufgabe von Archiven. Darüber hinaus bewahren Archive heute auch Bild-, Ton- und Filmdokumente auf. Bei den meisten Archiven kommen die Bestände nicht dank einer Sammlungsaktivität ins Haus, sondern durch Übernahme: Mutterorganisationen als Bestandsbildner, z. B. Ministerien, geben ihr für die laufenden Ge- schäftsprozesse nicht mehr benötigtes Material, häufig auf Basis rechtlicher Regelungen oder Vereinbarungen mit dem Archiv, an das Archiv ab. Archivfunktionen nehmen daneben auch Bibliotheken, Museen, Akademien und eine Fülle weiterer Einrichtungen wahr.

Der Terminus ›Archiv‹ im analytischen Sinn, auch die Selbstbezeichnung ›Archiv‹ (z. B. Archiv und Bibliothek der Akademie der Künste Berlin) wird meistens nur dann verwendet, wenn der Bestand von Umfang, Bedeutung und organisatorischer und räumlicher Verfasstheit her ein gewisses, nicht näher bestimmbares Eigengewicht erlangt hat. So kann Walter Kempowski von seiner Sammlung unveröffentlichter Tagebücher, Biografien, Korrespondenzen usw. als seinem ›Archiv‹ sprechen, während die meisten anderen Schriftsteller ihre Materialsammlung nicht so exponiert benennen. Mitunter wird der Terminus ›Archiv‹ uneigentlich verwendet, beispielsweise handelt es sich beim Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn, und beim Amos Oz Archive an der Ben Gurion University, Israel, um Sammlungen der Publikationen von den und über die Autoren, nicht etwa um die Nachlässe. Im Zentrum eines Archivs stehen Unikate – von den wegen ihrer Durchschnittlichkeit bewusst archivierten Einkommenssteuerakten eines Durchschnittsverdieners in einem Staatsarchiv bis zu Erich Kästners in Gabelsberger Kurzschrift verfasstem Autograf von Emil und die Detektive im Deutschen Literaturarchiv, Marbach, von der (einzigen) Filmaufnahme der Redesequenz ›Ich bin ein Berliner‹ Präsident Kennedys im Landesarchiv Berlin bis zur Handschrift C des Nibelungenlieds in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe.

Zur Kernaufgabe eines Archivs gehört außer dem Verwahren der Originale die Ordnung und Verzeichnung in – nur teilweise publizierten – Findbüchern (Repertorien), zunehmend in Datenbanken. Die Erschließung von Archivgut wurde lange vernachlässigt. Teilweise begnügte man sich mit pauschalen Auflistungen, die nicht mehr mitteilen als etwa ›Nachlass William Shakespeare‹ (wenn er überliefert worden wäre). Eine bislang selten vorgenommene analytische Verzeichnung macht anhand eines Datenerfassungsschemas Titelaufnahmen zu jedem einzelnen Dokument und kann darüber hinaus deren Inhalt stichwortartig aufführen (Regesten). Literaturarchive verwenden meistens ein Ordnungs- und Beschreibungsschema zwischen beiden Extremen, das nach individuellen Erfordernissen auch modifiziert werden kann, kleinere Konvolute bildet und einen Nachlass etwa mit den Angaben kennzeichnet: »Nachlass. Kästner, Erich. 127 Kästen […] Lyrik: Einzelgedichte ›Jahrgang 1899‹ u. a. […] Prosa: Romane (mit zugehörigen Korrespondenzen) wie […], Reden und Vorträge, Artikel u. a. Briefe von und an Günther Anders, Stefan Andres […]«. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach, aus dem diese Auszüge zitiert sind, hat zunächst in einem Zettelkatalog, seit 1999 in der Datenbank Kallías (www.dla-marbach.de/ opac_kallias/index.html, 16.7.2007) die Erschließung der Einzelstücke vorgenommen. Dies leistet auch die Datenbank Kalliope für Nachlässe und Autografen aus ca. 500 Bibliotheken, Archiven und Museen aus Deutschland und verschiedenen anderen Ländern (http://kalliope.staatsbibliothekberlin. de, 16.07.2007) nach den »Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autographen (RNA)« (http://zka.staatsbibliothek-berlin.de/rna, 16. 7. 2007). [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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