Vorbemerkungen des Herausgebers

Nachdem Marceli Ranicki im Juli 1958 Polen verlassen hatte, wurde er in Deutschland, genauer: in der BRD, unter dem neuen Namen Marcel Reich-Ranicki innerhalb weniger Jahre zum prominentesten, einflussreichsten und umstrittensten Literaturkritiker seiner Zeit. Er profilierte sich hier zunächst vornehmlich als Fachmann für die Literatur Osteuropas und der DDR, die man damals in der Bundesrepublik noch nicht so nennen durfte. Im September 1958 erschien als Aufmacher der Buchmessenbeilage der Frankfurter Allgemeinen sein zweiter Artikel in dieser Zeitung, eine Rezension zu Arnold Zweigs Roman Die Zeit ist reif. Der in der DDR bedeutendste, doch in der Bundesrepublik damals kaum bekannte Aufbau-Verlag hatte ihn veröffentlicht. Arnold Zweig, der in Polen geborene und 1933 aus Deutschland geflohene Autor, war 1948 aus der Emigration zurückgekehrt, und zwar nach Ost-Berlin.

Am 7. März 1959 leitete Reich-Ranicki in der Welt eine ganze Serie von Artikeln unter dem Titel „Deutsche Schriftsteller, die jenseits der Elbe leben“ mit den Sätzen ein: „Es gibt deutsche Schriftsteller unserer Zeit, die man an der Wolga und an der Weichsel besser kennt als am Rhein und Main. Es gibt deutsche Romane, die in chinesischer Übersetzung und in den Sprachen asiatischer Sowjetvölker vorliegen, aber in Hamburg oder Frankfurt in keiner Buchhandlung zu finden sind. Es gibt eine deutsche Literatur, die in der Bundesrepublik ignoriert wird – die Literatur der Sowjetzone.“ In den Jahren 1959 bis 1961 schrieb er für den Norddeutschen Rundfunk eine monatliche Zeitschriftenschau über Literatur und literarisches Leben in der DDR, und 1960 erschien im Paul List Verlag eine von ihm herausgegebene Sammlung von Geschichten etlicher in der DDR lebender Autoren unter dem, wie er später kommentierte, „unsinnigen“ Titel Literatur in Mitteldeutschland.

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