Rezensionen von Online-Abonnenten

Informationen zu dem Forum

Archiv


Christian Milz schrieb uns am 02.03.2017
Thema: Albert Camus: Der Fremde

Büchners Woyzeck und Camus‘ Fremder folgen merkwürdigerweise einem ähnlichen Schema und ihre nachhaltige Rätselhaftigkeit ist vielleicht rätselhafter ist als die in ihnen abgehandelten Morde selbst. Im Fremden erschießt die Hauptfigur Meursault einen ihm unbekannten Algerier in der Nachmittagshitze eines nordafrikanischen Mittelmeerstrandes, während Büchners Woyzeck eine Geliebte mit dem Messer massakriert, die sich nicht mehr hat zuschulden kommen lassen als einen Seitensprung, wobei ihre Beziehung zum Täter noch nicht einmal klar definiert ist und Büchners Moralvorstellungen ansonsten alles andere als zimperlich sind.

Beide Morde werfen also gravierende ethische Fragen auf, die bis heute ungeklärt sind, so dass
sich die Interpretation damit äußerst schwer tut. Da andererseits die Verweigerung von Sinn gewissermaßen zum Wesen der Moderne gehört, hat sich der Kulturbetrieb mit der scheinbaren Unlösbarkeit beider Fälle arrangiert und im einen Fall das Absurde, im anderen einen nachvollziehbaren, wenn nicht berechtigten Ausraster aus sozialer Deprivation dafür verantwortlich gemacht. Und man hat sich in diesen Erklärungsansätzen behaglich eingerichtet, allerdings mit problematischen Konsequenzen, die denjenigen, die sich Institutionen auf einem nachgewiesenen Holzweg gegenübersehen, nicht unähnlich sind: Man sträubt sich mit Händen und Füßen gegen jede auch noch so begründete Richtungsänderung, weil selbige jahre- bzw. jahrzehntelange Irrtümer zwangsläufig und peinlichst offensichtlich machen würde.

Vor fast 10 Jahren habe ich spaßeshalber einen Detektiv auf Camus' Fall Meursault angesetzt, der sehr schnell das Motiv für die Schüsse auf den armen, unschuldigen Algerier herausfand. Der Essay wurde in der in Graz erscheinenden Literaturzeitschrift Lichtungen (110) publiziert, freilich ohne nennenswerte Aufmerksamkeit hervorzurufen. Interessanterweise war die Voraussetzung für diesen  Ermittlungserfolg eine brisante Hypothese in Bezug auf das Mordmotiv im Fall Woyzeck.

Warum weder die Literaturwissenschaft noch der Kulturbetrieb mit Theatern, Literaturkritikern usw. eine fast simpel zu nennende detektivische Untersuchung einer fiktiven Mordgeschichte nicht hinbekommt, gehört zu den Fragen, die zu stellen wohl kaum zu vermeiden sein wird.
Wir sind im Handumdrehen bei dem springenden Punkt. Camus‘ Geschichte teilt sich ganz ausdrücklich in zwei Abschnitte. Erstens: die Tat mit ihrer Vorgeschichte. Zweitens: Verhaftung, Untersuchung und Prozess. Dabei scheint merkwürdig, dass der Prozess sich überaus intensiv mit der Beerdigung der kurz vor dem Mord im Altersheim verstorbenen Mutter des Täters und seiner Beziehung zu ihr befasst. Als Zeugen werden unter anderem der Direktor und Pförtner des Altersheims sowie ein alter Mann aufgerufen, der mit der Mutter im Heim war. Der Angeklagte wird gefragt, warum er seine Mutter ins Heim gab. Lang und breit werden die Beerdigung und das Verhalten des Täters danach erörtert. Offensichtlich will die Anklage den Charakter des Täters anschwärzen und das Verfahren scheint so üblich und plausibel, dass es uns auf eine falsche Fährte lockt. Meursault habe nicht nur bei der Beerdigung seiner Mutter mehr oder weniger unbeteiligt, ja gefühllos gewirkt (und er tut das übrigens auch beim Erzählen), sondern sich auch kurz danach mit einer Freundin am Strand vergnügt. Meursault habe den Algerier umgebracht, heißt es, weil er seine moralische Schuld der Mutter gegenüber kaschieren wolle. Denn der Mord ereignet sich so offensichtlich zufällig und grundlos, dass das Gericht nicht daran vorbeikommt, sozusagen im Wasser Linien zu ziehen und Haare zu spalten. Irgendwie tut einem der Franzose direkt leid. Diesen Prozess hat er nicht verdient. Dabei vergisst man leicht, dass er den Algerier auf dem Gewissen hat. Wir haben Mitgefühl mit dem Mörder.

Während das Publikum, einschließlich der Profis, sich über die Implikationen der Geschichte, das Existenzielle, Absurde usw., den Kopf zerbricht, nimmt mein Detektiv die Details unter die Lupe: Meursault gibt fünf Schüsse auf sein Opfer ab. Anscheinend ist dieses bereits nach dem ersten Schuss tot. Trotzdem schießt Meursault noch vier Mal. Warum diese vier Schüsse, fragt der Untersuchungsrichter? Mit dieser Frage trifft er den Nagel auf den Kopf, und der Text lässt keinen Zweifel an ihrer brisanten Bedeutung. Freilich kommt der Richter anschließend auf Gott und die Sinnfrage zu sprechen und lenkt damit vom Thema ab. Nur den Detektiv führt er nicht an der Nase herum. Die Pause nach dem ersten Schuss elektrisiert ihn, sein Instinkt sagt ihm: Hier liegt der Schlüssel. Kurz darauf hat er die Lösung. Ihm fällt auf, dass der Täter offenbar registriert, dass sein Opfer nach dem ersten Schuss tot ist. Meursault stellt das aus der Distanz fest. Damit haben wir das entscheidende Indiz, das der Detektiv nun unter die Lupe nimmt. Denn normalerweise würden wir nach dem ersten Schuss zwei Reaktionen erwarten, nur nicht die von Meursault. Entweder nämlich handelt der Täter im Affekt, warum auch immer, dann würden die weiteren Schüsse unmittelbar folgen. Oder aber er zögert: Dann schaut er sich das wehrlose Opfer aus der Nähe an, um dessen Zustand genau beurteilen zu können. Meursault registriert den Tod des Opfers, zögert und gibt dann vier weitere Schüsse ab. Diese Handlungsweise ist so ungewöhnlich und auffallend, dass der Untersuchungsrichter geradezu über sie stolpert. Anders ausgedrückt, legt Camus hier eine Spur. Meursaults vier Schüsse gelten genau genommen der Leiche. Genauer gesagt, einer Leiche. Das ist weniger absurd, als es auf den ersten Blick aussieht. Denn als der Detektiv das Rätsel der vier Schüsse nach dem Zögern gelöst hat, wird ihm auch klar, warum der erste Schuss fallen muss: Ganz einfach, um für diese Leiche zu sorgen, auf die Meursault dann vier Mal schießen kann. „Vier kurze Schläge an das Tor des Unheils“, heißt es in dem Text. Vier! Der erste spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle! Das Motiv liegt in dem Wunsch, auf eine Leiche zu ballern.

Von einer Leiche war aber schon im ersten Teil der Geschichte die Rede: von Meursaults verstorbener Mutter, er nennt sie durchgehend „Mama“. Ist der Leser erst einmal so weit gekommen, bestätigt der Text diese Hypothese umgehend. Hitze, Sand usw., die laut Meursault entscheidenden Tatumstände, werden mit der Beerdigung in einen direkten Zusammenhang gestellt. Meursault schießt auf seine Mutter. Tat, Prozess und der scheinbar absurde implizite Vorwurf (Muttermord) hängen dramaturgisch zusammen.

Nun bleibt nur noch die – allerdings entscheidende – Frage: Warum dieser symbolische Muttermord, der immerhin ein unschuldiges Opfer erfordert?
In der Zelle findet der Täter einen Zeitungsausschnitt (ein geradezu banales Indiz!), der den Plot eines anderen Camus-Dramas, das Missverständnis enthält: Eine Mutter bringt (unwissentlich) ihren Sohn um. Das heißt, sie bringt aus Habgier jemanden um, der sich dann als ihr Sohn herausstellt.  

Solch eine Binnengeschichte wird niemals zufällig, nicht ohne Grund erzählt. Vor allem nicht, wenn sie so konstruiert daherkommt. Sie ist vielmehr ein Schritt in Richtung Tatmotiv. In der Abgeschiedenheit und Stille der Zelle meldet sich sozusagen Meursaults Erinnerung. Da gibt es eine Mutter, die ihren Sohn vernichtet, weil sie ihn nicht als solchen erkennt und als Fremden behandelt. Vor Gericht sagt Meursault: „Alle gesunden Menschen wünschen mehr oder weniger den Tod derer, die sie liebten.“ Meursault wünscht also tatsächlich den Tod seiner Mutter und dieser Wunsch wird letztendlich abgeurteilt, nicht aus unterschwelligem Rassismus und Geringschätzung des Lebens eines Algeriers (wenngleich das mit hereinspielen mag), sondern weil die ganze Erzählung sich tatsächlich um die Mutterbeziehung, die Beziehung Meursaults zu seiner  Mama dreht. Bleibt die Frage, inwieweit die furchtbare Mutter des Zeitungsschnipsels mit der des Täters korreliert.

Jetzt muss der Detektiv kombinieren. Meursault redet in diesem Punkt etwas um den heißen Brei herum, was freilich verständlich ist. Aber er hat ein Thema, das sich wie besessen durch die ganze Geschichte zieht. Er liebt Sonne und Meer, aber er fühlt sich von der Sonne bzw. ihrer Hitze vergewaltigt. Meer heißt auf Französisch la mer . Mutter la mère. Beide klingen absolut identisch. Der Mord findet am Meer statt und die Geschichte beginnt mit dem Tod der mère, bei dem auch eine infernalische Hitze eine Rolle spielt. Typisch für die Geschichte ist, dass Meursault in der Verhandlung einen Knaller loslässt, den aber keiner zur Kenntnis nimmt, weder das Gericht noch das Publikum. Meursault sagt: „Schuld an allem hätte die Sonne.“ Er wird sogar noch deutlicher: "

„Die Hitze legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedes Mal, wenn ich ihren heißen Atem auf dem Gesicht fühlte, biss ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste (…) und spannte mich, um über die Sonne und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoss, zu triumphieren.“

Meursaults Aussage klingt tatsächlich wie das Erlebnis einer Vergewaltigung durch die Sonne. Warum schießt Meursault dann aber auf die Mutter und wünscht sich ihren Tod? Wenn sie ihn geliebt hat, wie die Sonne, und wenn Meursault sie so zurückgeliebt hat, dann müsste die Aussage im Klartext so verstanden werden:

„Mutter legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedes Mal, wenn ich ihren heißen Atem auf dem Gesicht fühlte, biss ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste (…) und spannte mich, um über die Mutter und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoss, zu triumphieren.“

Der dunkle Rausch ist der Beweis, dass man hier tatsächlich Mutter oder, wie Meursault sagt, Mama lesen sollte, denn auf sie ist er gemünzt. In Nordafrika ist die meteorologische Hitze eine Trivialität, das weiß auch Camus. Der dunkle Rausch ist sexuell-inzestuös konnotiert, anders ist er nicht stimmig.

Diese detektivische Untersuchung ist noch keine Interpretation, sondern nur deren Voraussetzung. Hat diese Geschichte eine autobiografische Ursache? Was erzählt sie denjenigen, die unter keinem ausgeprägten Mutterkomplex leiden? Eignet Sonne, Hitze, Meer, diesen Motoren eines merkwürdig unterkühlten wie unkontrollierbaren Affektes, eine umfassende symbolische Bedeutung? Dafür sprechen nicht zuletzt die glasklare Sprache dieser Erzählung und ihre durchschlagende Wirkung.

Die ausführliche Analyse in französischer Sprache bei BoD: Christian Milz: Sur Albert Camus: L'Étranger. La porte du malheur: Le cas Meursault

Antwort schreiben

Oliver Pfohlmann schrieb uns am 23.02.2017
Thema: Ein Drittel seines Selbst

Über Oliver Matuscheks Stefan Zweig-Biografie und eine Ausgabe des Briefwechsels zwischen Zweig und seiner ersten Frau Friderike

1930 bekannte Friderike Zweig ihrem Gatten, wie sehr ihr auf der Seele laste, „dass Dich kein Mensch – außer mir – wirklich kennt, und dass einmal die hohlsten, blödsinnigsten Sachen über Dich geschrieben sein werden.“ Soweit Friderike Recht behielt, trug sie dazu nicht unwesentlich selbst bei: mit verklärenden Erinnerungswerken à la Stefan Zweig. Wie ich ihn erlebte und einer Auswahl ihres Briefwechsels mit dem Dichter, deren Manipulationen erst heute sichtbar werden. Wo etwa der späte Zweig „wir“ schrieb und damit sich und seine zweite Frau Lotte Altmann
meinte, tilgte Friderike die Rivalin kurzerhand, indem sie ein „ich“ setzte.
Friderike überlebte Stefan und Lotte, die 1942 im brasilianischen Exil gemeinsam den Freitod wählten, um beinahe drei Jahrzehnte. In der Rolle der selbsternannten Dichterwitwe bestimmte sie maßgeblich das Bild des weltweit berühmtesten und erfolgreichsten österreichischen Autors seiner Zeit. Zwei Titel, erschienen 2006 zum 125. Geburtstag Zweigs, ermöglichten erstmals einen detailreicheren, lebensnahen Blick auf Stefan Zweig: eine Biografie von Oliver Matuschek sowie eine um alle Fälschungen bereinigte neue Auswahl des Briefwechsels zwischen Stefan und Friderike, die Jeffrey B. Berlin und Gert Kerschbaumer besorgt haben.
Matuschek konstatiert gleich zu Beginn die Kluft zwischen der Prominenz Zweigs und der Tatsache, dass von seinem Leben nur wenig bekannt wurde: „Selbst auf gute Bekannte wirkte er verschlossen, und sogar engen Freunden blieb vieles an ihm rätselhaft.“ Was nicht zuletzt daran liegt, dass Zweig kein autobiografischer Autor war: „Dein Schrifttum ist ja nur ein Drittel Deines Selbst“, hatte ihm schon Friderike geschrieben. Der literaturtypische Exhibitionismus war Zweig fremd; seine Autobiografie Die Welt von Gestern geriet ihm zu einem Epochenpanorama, das private Lebensumstände weitgehend aussparte, einschließlich der Ehefrauen.
Den Arbeitstitel der Autobiografie, „Drei Leben“, übernimmt Matuschek jedoch von Zweig. In drei Blöcken beschreibt er kenntnisreich die „Lehr- und Wanderjahre“ Zweigs, der als Sohn eines jüdischen Textilunternehmers bis zum Ersten Weltkrieg keinerlei materielle Sorgen kannte; die Erfolgsjahre des „Erwerbs-Zweigs“ (so eine boshafte Titulierung Hofmannsthals) in Salzburg nach dem Krieg und die Jahre des Exils in England, USA und Brasilien, als der Autor zunehmend in Pessimismus und Depression versank. Dabei kann sich der Historiker und Politologe auf bislang unbekanntes Material stützen, vor allem auf die Briefe von Zweigs Bruder Alfred.
Dass Matuschek durchweg skeptische Distanz gegenüber seinen Quellen bewahrt, gefällt. Für Wiener Klatschgeschichten wie das auf Benno Geiger zurückgehende Gerücht, Zweig habe sich, armiert mit einem Attest Freuds, in Wiener Parks regelmäßig vor Frauen entblößt, hat Matuschek wenig übrig. Korrigiert werden aber auch Zweigs Selbstdarstellungen. So war er im August 1914 durchaus kein Pazifist der ersten Stunde, der er später gewesen sein wollte. Vielmehr schäumte auch Zweig zunächst, Deutschland müsse nun „mit beiden Fäusten, nach rechts und links ... zuschlagen“, und nahm in einem offenen Brief für die Dauer des Krieges Abschied von den „Freunden im Fremdland“.
Erhellend ist Matuscheks Darstellung von Zweigs Begegnung mit Gustav Mahler an Bord eines Übersee-Dampfers 1911. Der todkranke Komponist wollte niemanden mehr sehen, doch der junge Zweig erhaschte dennoch, wie er es selbst später beschrieb, voller Scheu und Ergriffenheit einen letzten Blick auf Mahlers „harte(s) Kinn“, in dem er noch die „Stoßkraft seines Willens“ erkannte. Alma Mahler erinnerte sich dagegen mit Schaudern an einen jungen Österreicher, der sensationslüstern über die Koffer linste, anstatt beim Tragen zu helfen, wie er es zunächst versprochen hatte...
Überhaupt, die Verehrungssucht Zweigs! Sein Freund Romain Rolland sprach treffend vom „Seelenjäger“ Zweig, der als „frommer Liebhaber des Genius“ wie im Fieberwahn durch Europa eilte und Handschriften zusammenraffte. Für ein Doppelblatt aus dem Faust gab Zweig ein Vermögen aus; er erwarb Mozarts Bäsle-Briefe, Autografen von Beethoven, Napoelon, Leonardo da Vinci. Am Ende sogar, wie Matuschek entdeckte, unter strengster Geheimhaltung ein Redemanuskript Hitlers, diesmal freilich in der Hoffnung, so dem Diabolischen auf die Schliche zu kommen.
Während Zweig als Bestseller-Biograf oft allzu ungehemmt seiner Empathie vertraute, hätte Matuscheks Darstellung, bei allem Materialreichtum, ein Schuss Leidenschaft gut getan; sie liest sich streckenweise so nüchtern wie eine unliebsame Auftragsarbeit. Auch reiht sie zu sehr ihr Material aneinander, anstatt ihren Gegenstand zu profilieren. Etwas näher an die „brennenden Geheimnisse“ Zweigs gelangt man da schon durch den Briefwechsel mit seiner ersten Frau.
Am 25. Juli 1912 hatte Friderike von Winternitz ihren ersten „unschicklichen“ Brief an den verehrten jungen Dichter geschrieben. Mit ihm begann eine lebenslange Freundschaft, die auch die Scheidung 1938 überdauerte. Friderike war damals noch mit ihrem ersten Mann verheiratet, Mutter zweier Töchter und schrieb, wie sie gleich bekannte, „auch“. Dass Zweig ihre Beziehung später lange Zeit verheimlichte, dürfte weniger an ihrer anfänglichen Illegitimität gelegen haben, als vielmehr an Zweigs Bedürfnis nach Unabhängigkeit.
Dieses zu respektieren wurde zunächst zu Friderikes Erfolgsrezept. Als „Lamm“,  wie sie ihre Briefe unterschrieb, tolerierte sie Zweigs Liebschaften und Bordellbesuche, wurde dafür von „Stefan Pascha“ zu seinem „dauernden Oberhaserl“ ernannt, wie sie zufrieden im Tagebuch notierte. So wusste sie auch von seiner Parallelbeziehung zu einem französischen „Unterhaserl“ namens Marcelle. „Mein Brüderchen, denn nicht wahr, jetzt bist Du ganz mein Brüderchen, wenn Du diesen Brief hast und mit Deiner Freundin bist“, schrieb sie ihm stichelnd im Juli 1914 nach Paris. Nicht Friderike, der Kriegsausbruch setzte dem völkerverbindenden Dreieck ein Ende.
Zur Heirat kam es erst 1920. In den Salzburger Jahren entfremdete sich das Paar zusehends; der gefeierte Bestsellerautor flüchtete sich vor Frau und Festspieltrubel in Vortragsreisen durch ganz Europa. „Vor mir reist Werfel: wo ich lese, war er tags zuvor, und ich begegne ihm also nie, nur die gleichen Portiers bringen dem einen das Gepäck heraus und dem andern herein: ein Symbol des Betriebs!“ Seine Salzburger „Correspondenzverwalterin“ provozierte Zweig mit Hinweisen auf Hotelzimmer „mit gefährlich breitem Bett“; kein Wunder, dass Friderikes Antworten zunehmend verbitterter ausfielen.
Ende der zwanziger Jahre setzen Zweigs Altersdepressionen ein: „mir ist, als säßen die Schrauben lockerer in der Maschine: am besten wäre, sie im fünfzigsten Jahr ganz abzustellen und noch einmal den Versuch zu machen, die Welt zu erfahren, statt sie zu schildern.“ Bald darauf begannen die Jahre des Exils.

Oliver Matuschek: Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biografie. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2006. 410 S., 9,95 Euro.

Stefan Zweig – Friderike Zweig: „Wenn einen Augenblick die Wolken weichen“. Briefwechsel 1912–1942. Herausgegeben von Jeffrey B. Berlin und Gert Kerschbaumer. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2006. 440 S., 24,90 Euro.

Antwort schreiben

Günther M. Doliwa schrieb uns am 30.01.2017
Thema: Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

Über allem Barmherzigkeit
Oder Vom Unglück der Missgunst zur Glückskunst der Gunst

Walser hat das Jahr der Weisheit ausgerufen. Den „Roman“ braucht man nicht zu verreißen, er wird gleich freiwillig, wie zur vorbeugenden Entkräftung jeglicher Kritik, in 52 Stücken geboten. Ihn Roman zu nennen heißt ihn verkennen. Die Frage ist, ob man nicht in Walsers Falle geht, seine „Verbergungsroutinen“, wenn man treu-brav den erotischen Episoden, Gedankenspielen, Betrachtungen, Reflexionen, Anekdoten mit entsprechenden Assoziationen folgt, um das listig-nervige Versteckspiel mit Andeutungen und Ersatznamen aufzulösen.
Das Buch ist im Rhythmus der 52 Jahreswochen angelegt. Sein Inhalt sind Skizzen,
Affekte, Fantasien, Gedichte, Einfälle, die alle um Walser kreisen. Es treten keine realen Figuren auf, sondern Schemen, ja Gespenster, die den Autor heimsuchen und deren Blässe nur noch einen Hauch von Leben ahnen lässt. Doch die Gespenster, scheint es, haben ihren Schrecken verloren. Wie der Erzfeind Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), einst „Erlkönig“ genannt, weil in seinen Armen nicht wenige Schriftsteller entschliefen. Der Kritiker soll „zeigen, ob und wie ein Autor schreiben kann.“ (Befand einst MRR in: Wer schreibt, provoziert 1966, S.160)

Im Feuer der Kritik gehärtet

Auf den ersten Blick mag es ungerecht vorkommen, wenn man gleich Walsers Oberkritiker anführt und ihm, ich betone zunächst, in fast allen Punkten Recht geben muss. Aber es verblüfft. „Mann kann nie wissen, womit er (Walser) aufwarten wird. Seine Fehlschläge ließen seinen Ruhm wachsen. Er sei ein erstaunlicher Künstler und ein miserabler Handwerker.“ (MRR, Literatur der kleinen Schritte 1971, S.51f., 164ff.) Walser sei „auf erfreuliche Weise unberechenbar. In seinen erzählerischen Werken sind seine essayistischen Partien die interessantesten. Er ist ein Meister der Psychologie.“ Es gebe auch „schauderhafte Entgleisungen. Was ihm im Privaten wie Beruflichen widerfahren ist“, benutzt er“ egozentrisch.“ „Verwertung seiner intimen Erlebnisse“ gehöre stets dazu. Obwohl Walser schon im Einhorn gesteht, er sei „vielleicht doch nicht der Kämpfer für eine neue Sittlichkeit.“ Für ihn trügen bestimmte „Wörter noch ihre sündhafte Ladung“. Kristleins (Walsers) „Scham“ sei anachronistisch.
Der Roman könne bei Walser „zerbröckeln, sich auflösen in einzelne Bestandteile, nicht nur in Episoden und Szenen, sondern auch und vor allem in Glossen und Feuilletons, in Parodien und Kommentare, in Skizzen, Aphorismen und Impressionen. Diese nichtepischen Einschübe scheinen mir die besten Abschnitte zu sein…“
Das klingt wie eine 50 Jahre vorher hellsichtig vorweggenommene Beschreibung von Der letzte Rank, 2017. Walser scheint sich gleich auf seine Stärken konzentriert zu haben. Was für „ein Könner“ Martin Walser ist, anerkennt der spätere Literaturpapst bereits 1967: Walser beobachte meisterhaft, formuliere virtuos, parodiere witzig, kommentiere geistreich, lege diskursiv dar. (Wer schreibt…S.168) Wenn das keine Verbeugung ist! Die sinnlich erfahrbare Welt entziehe sich aber Walsers Feder. Eine epische Welt könne er weder „andeuten, geschweige denn schaffen.“ Unter großen Gefühlen und Leidenschaften „bricht seine Kunst zusammen.“ Seine „ungeheuerliche Beredsamkeit“ arte bisweilen aus in „pure Geschwätzigkeit“. Setze seine Selbstkontrolle aus, werde er „sich selber eine einzige Akklamation.“ Soweit Reich-Ranicki 1967.
Wie urteilen Rezensenten heute? „Es dürfe gerätselt werden. Nichts als Sprache“ (Stuttgarter Zeitung). „Entlarvend und verbergend zugleich“ (Welt n24). „Literarisches Hakenschlagen.“ (NDR) „Kokett-narzisstische Walser-Prosa. Schwer erträglich.“ (Spiegel-online) „Nichts Neues“ (Tages-spiegel) „Freunde sind hier nicht vorgesehen“ (FAZ). „Letzte Fluchten“ (Zeit-online). „Meine Feinde“ (SZ) Das trifft teils zu, aber doch daneben. Ich komme zu einem anderen Ergebnis als die  landläufige, feuilletonübliche, gegen Walser angestrengte Kritik. Die Frage ist: Wie versteht man den Autor recht? Je nachdem wie das Feuilleton aufnimmt, ob wohlwollend, vorurteilsgeladen oder herantastend, dementsprechend  fallen die Einschätzungen aus. Fingerspitzengefühl und Takt können nie schaden.

Heimsuchung durch Wort-Gespenster

Walser ist kein Anfänger, er ist ein Alt-Meister seines Fachs. Satzlosigkeit will er, Musterlosigkeit, Abschied von Attraktionen und Theorien, aber satzverliebt, wörterverliebt wie er immer noch ist, zaubert er makellose Sätze. „Zu träumen genügt. Unfassbar sein wie eine Wolke, die schwebt.“ (62) Nicht verstummen können, aber nicht vorstellbar sein wollen, sein Dilemma. Macht seinen Mund auf, weckt Interesse, behauptet nichts mehr zu wollen, atmet in Sätzen, die schweben. Martin Walser, der am 24. März 90 Jahre alt wird, schenkt uns, ohne Larmoyanz, so diskret wie ihm möglich, nicht ohne (leichte) Anflüge von Eitelkeit, eine beachtlich intime Selbstanalyse. Im Grunde ist es eine Selbstbetrachtung, die ausgeht vom Unglück der Missgunst und endet beim Glück der Gunst. Über allem waltet Barmherzigkeit. Von Kapitel zu Kapitel, entsteht vor unseren Augen zwar kein Roman, aber ein Anekdotenbaum. Ein Aphorismen-Strauß. Ein Psychogramm von „Verbergungsroutinen“, von denen er 1998 in der Paulskirche sprach. Da arbeitet sich einer, der kunstvoll mit Worten jonglieren kann, der spüren muss, was Worte bewirken, durch das Unerträgliche erlittener Fehlanzeigen, durch die von klein auf erlernte Fälschung der Gefühle beim Umgang mit Frauen zum Empfang der Verantwortung im „Salon der Wahrheit“, ja bis zur Barmherzigkeit. Da verarbeitet einer die Heimsuchung durch das Übel-Wort eines seiner Kritiker: „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ (7) Vom Unglück der Missgunst also geht das Buch aus. Wie viele Menschen haben solch einen Entwertungssatz gehört, der ihre Lebensfreude zügeln sollte! Dir geht es ein bisschen zu gut! Pass auf! Die Strafe folgt auf dem Fuß. Glück geht nicht ungestraft.

Unwahrheit rühmen

Das Paket ist nur falsch deklariert. Das, was es sein will, ist es nicht. Aber als das, was es ist - ein geistreiches Bündel von Reflexionen, Epigrammen, Maximen - als das ist es anregend, eine um Verständnis werbende Lebensbilanz. Es klingt paradox, mit dem Rühmen der Unwahrheit der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen zu wollen. Über allem könnte als alternativer Titel stehen: Unwahrheit rühmen. Um nur Wahrheiten zu verkünden, als Wahrheitssager, bist du im Grunde „unter Menschen nicht mehr möglich.“ Die Kunst der Fuge ist die Kunst der Lüge. „Die Kunst der Fuge bzw. die Fähigkeit, mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen, das ist die menschliche Fähigkeit überhaupt. Keine ist edler und menschenfreundlicher als sie.“ (69) So klingt Walsers literarisches Credo. Ich glaube allerdings, dass es die verdrängte, wieder und neu entdeckte dialektische Wahrheit ist, die frei macht, auf diese literarische Art Zeugnis abzulegen von einem spannungsreichen, schmerzsatten, wiesenblühendem Leben.
Martin Walser rankt mit „Statt etwas oder Der letzte Rank“ (also einem hilfreichen Ausweg oder einer gerissenen Wendung, um Verfolger abzuschütteln) ein offenes Geheimnis um sich. Seine Beredsamkeit wirkt gezähmt. Der Leser kann sich auf Wendung über Wendung, Rank über Rank, Knick über Knick, gefasst machen. Skizzen machen noch keinen Roman. Einzelmotive werden nicht mit Erzählkraft gebündelt, sondern in Momentaufnahmen zerstreut. Weibliche Figuren tragen Brüste, weidmannshaft beschrieben, duften aber nicht. Die alte Schwäche!
Der aktuelle Walser-Text erzählt nicht viel – er bekennt. „Mein Mund war eine gute Wehr.“ (67) Das klingt schwer nach Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Darin wird die Forderung sichtbar: Nutze dein Mundwerk, wandere aus Gewissheiten aus, die Wand, vor der du stehst, hat Wort-Überraschungen für dich bereit: unvorstellbar schön, unverstellbar wahr, uneinholbar für die nicht auf ewig bösen Verfolger. Wem also?
Freunden wie Gegnern sowie dem Hauptfeind, auf den jeder ein Schicksalsrecht zu haben scheint, weil er sein „Alter Ego“ darstellt. Auch den Frauen und Witwen, die ihn mit ihren Geschichten behelligen, die er angeblich nur aus „Mitleid“ tröstet mit seinem Wortvorrat und die nebenbei seine geheimen Lüste befriedigen. Alle führen zu ihm selbst, ins Zentrum, in die Tiefe seiner eingepaukten Verbote seiner als „sündhaft“ empfundenen Regungen. Walser stammt aus dem katholischen Bayern. Nicht nur da gibt es Aufklärungsbedarf über sich selbst unterhalb der majestätisch krönenden Alpen.

Vom utopischen Charakter der Existenz

Von der Mausefalle der Existenz spricht er. Die zwingt uns in den Grundwiderspruch, mehr zu wollen als was ist. Existenz trägt einen utopischen Charakter in sich. Etwas fehlt. Zeit etwa. Zeit mustern. Die leere Wand betrachten, auf der kein Menetekel erscheint. Bis ein Wort sich wie von selbst hinschreibt, das ein Rätsel bleibt. Das Leben von einer höheren Warte überschauen. Könnte ausarten zur Selbstbespiegelung, Selbstbezichtigung, zu einer Selbstbeschimpfungsorgie. Tut es aber nicht. Es geht um ihn höchst selbst. Hilferufe übertönte er angeblich durch Ausstoßen eigener Notrufe. Selbstliebe auf die Spitze treiben, dass sie schrecklich wird. Atmen schon als Geständnis, nicht damit aufhören zu wollen. Eingesenkte Anpassungsprogramme, Fremdsteuerung, ohnmächtig geübt, wirken sich aus bei ihm; ein ganzes langes Leben wirken sie nach. Erwartungen erfüllen, die ihm zuwiderlaufen. Konventionen und Kontinuität einüben, die eigenen Erkenntnissen widersprechen. Moral lernen, statt seinen Gefühlen nachspüren. „Das Sich-beherrschen ist immer eine Fälschung der Gefühle.“ Er komme sich „unwach, geduldig, weltfremd“ vor. Er habe Anwandlungen, Gefühle los zu werden, indem er sie weitersagt, gegen die Drohung, es durch Aussprechen nur schlimmer zu machen. Im Grunde kommt ja das ganze Zeitalter mit dem Wechsel der Empfindungen nicht klar. Walser gönnt der Draußenwelt nicht den Triumph zu erfahren, was ihm, in ihm passiert. Also redet er kryptisch oder schweigt. Aber weil er es nicht kann, erfindet er Figuren, Stellvertreter des Verschweigens. Aus Scheu verstummt er, lässt Romanfiguren plaudern. Mittelschwere Feigheit hat er bei sich registriert.

Dieses „ganze Treue-Brimborium“

Monogamie empfindet Walser schier als Unmöglichkeit. „Offenbar war es nicht erlaubt, zwei Menschen zugleich zu lieben.“ (49) Er verwirft (wie schon in seinem ihm auf den Leib geschnittenen Goethebuch) in später Altersgeste „das ganze Treue-Brimborium“. Vorwerfbarkeit von Seitensprüngen wird so entkräftet: „Würde jeder dem anderen genügen, gäbe es keine Untreue.“ (50) Das wäre nun wirklich ein Satz für die Gegenwart. Weshalb genügen sich Menschen nicht? (MRR: „Walser, der deutschen Gegenwart immer noch nicht gewachsen?“) „Genug kann nie genügen…“ (K. Wecker) Weshalb ist dieser Störfaktor in alle Beziehungen eingebaut wie ein Schöpfungsmuster? Welche Liebe genügt? Kommen wir ohne Überschreitung des Liebesbegriffs überhaupt zurecht? Leider wenig dazu von Walser. Aber eine Andeutung von Gnade in der Erfahrung von Barmherzigkeit am Schluss.
Walser lässt in seine Erziehung und Gefühlsdressur blicken. Er habe „sich selber zugerichtet.“ Dies verursachte ein „Mundbeben“ bei ihm. Fluchtimpulse. Andere, Verfolger, lasen darin Aggression. Unaufhörlich plauderte er aus, warf Perlen hin vor andere, die er, höflich wie er ist, nicht wagt, Säue zu nennen. „Hinrichten musst du das Gefühl, jedes.“ (51) Der Haltlose hielt sich fest am Blatt Papier und - nicht ohne Gefahr - an seiner wechselnden Größe. Unbescheidene Vergleiche schleichen sich ein beim Großschriftsteller, dem letzten Recken seiner Zunft in Deutschland: Sokrates wäre besser dran als er. Dante hätte es als von Vergil Geführter besser gehabt als er. (S.50)

„Moral vernichtet alles“

Walser nannte einmal in einer Sendung als seine Todsünde sein Hauptlaster: Unkeuschheit (Luxuria: Ausschweifung, Wollust). Er, der von Haus aus Untreue, fühlt sich wie von Überwachungskameras beobachtet, beurteilt, geprüft. Das hat er mit jeder öffentlichen Person gemein. Daraus entspringen seine Frauengeschichten. Er merkt, wie wenig er mit sich übereinstimmt. Der Moral genügte er nie. Das Gewissen beißt jene, deren Charakter ihren Taten nicht gewachsen ist. (Nietzsche) Hier entlastet ein Selbstverborgener sein Gewissen. Seine Offenbarung, ein Selbstgeständnis. Jene, die immer richtig lägen, „die Leuchten des guten Gewissens“ (41), kennten die innerste Einsamkeit nicht. Einsam macht das Unvorzeigbare. Von Anfang an kann er nur leben, wenn er sich verstellt. Und da er gern lebt, macht ihm das Schmerzen. Er habe eindeutig zu viel sublimiert, seine Gefühle verfälscht. Er fühlt sich allgemein in dem, was er tut und denkt und sagt, verneint. Stellvertreter der Überichs treten öffentlich auf gegen ihn. Er wird sie seine Feinde nennen. Dabei hat er nur einen Hauptfeind. Der macht ihm das Leben zur Hölle mit seiner Fundamentalkritik im Namen des Großenganzen. In seinen besten Momenten erkennt Walser, dass der Über-Kritiker auch Teil in ihm selbst ist. Wie kann die Kritik hier nur übersehen, als wäre dies nichts Neues bei Walser! In der Alptraum- Szene im Eisenbahnabteil, wo alle wie in einer Hölle die Anschuldigungen endlos wiederholen. Freunde, nur Fantasie. Gegner zuhauf. Klangen, wenn sie redeten, nur nach Verachtung. Feinde erst recht, reizbare, gereizte, schütteten Schlimmes über ihn aus. Er, nur unschuldiger Anlass zu Ärger, Verdruss, Verriss? Nur Opfer?
Martin Walser hatte keine Hemmungen, „am 28. Oktober 1961, kurz nach zwei Uhr morgens auf einer Tagung der Gruppe 47 in Gegenwart mehrerer prominenter Zeugen eine kraftvoll-männliche, militärisch knappe Ansprache zu halten, in der er die Literaturkritiker aller Länder und Zeiten mehrfach und nachdrücklich als ‚Lumpenhunde‘ bezeichnete.“ (Reich-Ranicki, Wer schreibt, provoziert…S.57)
Einer der „Lumpenhunde“ vergisst nicht, einer besonders nimmt besonders übel, dass es ihm ein bisschen zu gut gehe (S.39). Dieser Satz eröffnet das Buch. Ein Lumpenhund verübelt ihm sein Wohlbefinden, missgönnt, neidet vielleicht seinen Erfolg. Walser fühlt sich selbst als Störung dessen, was nach der Weltkritik nicht sein soll. Im Namen und Rahmen des Großenganzen wird der Auftritt des Großkritikers, dessen Namen kein Geheimnis ist, stets eine „moralische Strafaktion“. Der sieht sich in Mission des untadeligen Unangreifbaren. Obwohl jener beileibe angreifbar gewesen wäre, wenn der Kritisierte sich getraut hätte, zurück zu keilen. MRR erweckt mehr Neid als Verachtung für seine „Geldgier“, seine Sexprotzereien, seine „Selbstvergrößerungssucht“ (S. 98). Dabei tadelt er souverän und vernichtend ihn, den Mangelhaften. Sein Feind sammelt Skalpe. Zum sinnhaften Beweis für das Skalpell in der Hand erwähnt der Gekränkte, dass der Feind sich nass rasiere, also mit scharfer Klinge arbeite.
Die beiden schenken sich nichts. Dazu mangelte es nicht in Walsers Charakter. Als er 2002 wagt „Tod eines Kritikers“ in den Ring zu werfen, um die Macht im Kulturbetrieb bloßzustellen, steht er im Nu selbst unter kritischem Feuer. „Opferstolz, typisch deutsche Reaktion, schäbige Abrechnung, antisemitischer Hass“ wird ihm nachgesagt. Er, umstritten wie nie. Aber jeder der Hähne hat was davon. Auch Walser schmückt sich mit seinem Feind. Groß Feind, groß Ehr! Einem Clou verdanke er seine Rettung vor dessen Klinge. Er, Walser, sei sowieso nicht erreichbar, selbst vom ärgsten Feind nicht. Er sei „allem und allen entkommen.“ Nur sich noch nicht. Und da stünde er jetzt, und könne nicht anders als die innere Distanz festzustellen, die ihm geholfen habe, mit den Anfeindungen und Böswilligkeiten fertig zu werden. Er widerspricht dem Angetanen nicht, leidet und – duldet. „Ich leide, also bin ich.“ Er dankt lieber nicht, obwohl versäumte Undankbarkeit sich stets vordränge. Die Fülle könnte sonst abnehmen. Den Zauber erhält er sich lieber.
Sieger und Verlierer enträtselt Walser. Sieger sind EIN Haufen, EIN Jubel. Besiegte, nur Einzelne. Ach, könnte man nur den Sieg verschaukeln in der Hängematte! Wer Macht habe und es genieße, jemandes Niederlagen zu erklären, nütze Macht aus. Er stemmt sich der Moral mit Hochmut entgegen. Denn: „Moral vernichtet alles.“ (49) Zur Genealogie der Moral hat Nietzsche Erhellendes gesagt. Der Mensch des Ressentiments, dessen Seele schiele, habe das schlechte Gewissen erfunden. Strafe zähme, härte, kälte ab, mache aber nicht besser. Wie man dem Menschen ein Gedächtnis einbrenne. Wozu Moral benützt werde usw.

Tumult-Wort „Moralkeule“

Im Licht dieses Rank-Buches können wir Martin Walser würdigen, und, soweit möglich, ein Stück rehabilitieren. Ich wage einen (gefährlichen) Sprung zurück. Hierher gehört nämlich das Tumult-Wort „Moralkeule“, das Walser am 11.10.1998 in seiner Friedenspreisrede verwandte (Unwort des Jahres 1999), das ihm als „geistige Brandstiftung“ ausgelegt wurde, als Willen zur historischen Verharmlosung, gar zum Vergessen der deutschen Schande. Trotz aller Text-Gegenbeispiele: „Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz.  Unvergängliche Schande. Wir müssen die Wunde namens Deutschland offenhalten.“ Bei Licht betrachtet und recht verstanden wollte Walser damals nicht Schuld relativieren, sondern sich absetzen von staatlich verordneter Buß-„Pflichtübung“, von der „Drohroutine“, vom anhebendem Dauergeschwätz über „moralisch-politische Verwahrlosung“. „Auschwitz eignet sich nicht dafür.“ Hierher gehört Walsers Auffassung von Gewissen. Allgemein anerkannt ist: Kollektivschuld gibt es ebenso wenig wie Kollektivgewissen, weil Gewissen Merkmal der Person ist. Gleichwohl wirken Krieg und Verbrechen auf und in den Seelen der Nachgeborenen, von den untergetauchten Tätern und verdrängungskünstlerischen Mitläufern zu schweigen. Naives Gutmenschentum findet man zu Recht banal. „Gewissen ist nicht delegierbar.“ „Ein gutes Gewissen ist keins.“ (Derselbe Satz findet sich im Rank-Buch in Kap. 13, S.41) „Mit seinem Gewissen ist jeder allein.“ Werde aber Gewissen „öffentlich gefordert, regiert nur der Schein.“ Walser hielt es für „unmöglich, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.“ Also: Kein Davonstehlen aus dem nationalen und emotional-kollektiven Erbe! Er sah sich „moralisch-politisch gerügt“ und eingeschüchtert. Seine „freiheitsdurstige Seele“ wehrte sich. Er sah Grenzen des Sühnen-Könnens. Er zitierte, um sein Verständnis von persönlichem Gewissen zu verdeutlichen, Heidegger: „Das Schuldigsein gehört zum Dasein selbst.“ Und Hegel, der Gewissen als „tiefste innerliche Einsamkeit mit sich“ verstand. Nach dem Brandstifter-Vorwurf von Ignaz Bubis war Walser verkrampft, erbittert, verbohrt und reagierte borniert. Er bedauerte das nach einem Versöhnungsversuch, zumal Bubis 1999 starb.
Im Licht dieser Walser-Geständnisse, in Ansehung der damaligen zu würdigenden aufrichtigen Intention Walsers, in Anbetracht seines umfangreichen Lebenswerks und nicht zuletzt aus Respekt vor seinem hohen Alter fände ich die Chance günstig (Zauberwort: Gunst!), Walser öffentlich im Feuilleton zu rehabilitieren. Es zeugte von später Gerechtigkeit und Sensibilität, Walser von falscher Feindschaft zu erlösen. Wie formulierte damals Walser in seiner Friedenspreis-Rede:  „Birgt nicht jeder ein innerstes, auf Selbstachtungsproduktion angelegtes Spiegelkabinett? Ist nicht jeder eine Anstalt zur Lizensierung unvereinbarster Widersprüche? Ist nicht jeder ein Fließband der unendlichen Lüge-Wahrheit-Dialektik?“ Er, Walser kontrolliere sich, wenn er fürchte, die Sprache „enthülle meine Unvorzeigbarkeit zu sehr. Da mobilisiere ich furcht- und bedachtsam sprachliche Verbergungsroutinen jeder Art.“
Ich erlaube mir, hier und heute, Walsers Hoffnung von damals zu wiederholen, als er wünschte, „daß man sein Dasein streift auf eine nicht kalkulierbare, aber vielleicht erlebbare Art.“ Walser sprach damals vom Schutz vor „Bekenntnispeinlichkeiten“, was nun wiederum zur Besprechung des aktuellen Buches zurückführt, obwohl ich keineswegs peinlich berührt war bei der Lektüre.

„Ich liebe alle Frauen dieser Welt.“

Ausnahmslos jeder Mensch will „sich bemerkt vorkommen.“ Der Weltlauf schwemmt ihn vor die musterlose Wand, wo ihm der sinnlose Laut „Gott“ begegne. Erschöpft, ihrer bedürftig, nimmt sie ihn auf und beschenkt ihn mit göttlicher Musik. Vor Gott wird man am Rand der unwiderruflichen Niederlage anspruchslos. Er spricht von wahren „Erlösungswuchten“ (46).
Anderes Selbstbild. Der Narr mit Schellen hüpft von einem Bein auf das andere und verrät, wo er gerade steht. Er muss Erwartungen erfüllen. Er muss ernst zu nehmende Lieben erwidern mit zumutbaren Wahrheiten. Ergebnis? Unglück. Wie viele Lieben sind genug? „Weil wir einander nicht genügen, gibt es Untreue.“ (Beziehungsmantra) Wir erklären verschiedenen Begegneten Liebe, scheuen Aussagen, fälschen kontinuierlich Gefühle. Gefühlsfälschung (S.51) nimmt breiten Raum ein. Wann? Wie oft? Warum? Immer anderen zuliebe. Aber Gefühlsrechnungen scheitern – am Rechnen.
„Er musste auf sich immer verzichten.“ Nun nicht mehr. Wie der letzte Rank und Schwenk zeigt. Statt etwas gibt er sich. Entzündbar, leicht entflammbar, umarmungsbereit liefert er sich den Frauen, dem Leser, der Anonymität, allen aus. Er brachte ins Intime stets „Wörterware“ mit, „um mitgenommen zu werden, egal, wohin;“ für ein Lächeln gab er seinen Weg in die Hände von Frauen (53): Magdalenas Ausschnitt (Warschau), Alexandras Körper (Freiburg), Frau W.s Blond,  Schwester Lauras schicksalsschönes Gesicht. Als die Gefühlsfälschung auffliegt: Tschüss! Danke! Du arbeitest wie blöd! Du gehst mir zu wenig an die Wäsche! Jede Nähe hat ihren Preis.
Affären regen sein Dichten an. Um Vorwürfe, „Satzdenkmale“, auszulöschen, sagt er sich: „Ich liebe alle Frauen dieser Welt.“ (54) Viel Vergnügen! Möchte man zurufen. Das klingt nach Beglückungszwang und nach totaler Selbstüberforderung. Er lernte „sich benehmen, um möglichst viel Liebe zu ernten.“ Er lernte, das Chaos zu fälschen. Verbote waren in ihn „hinein gepaukt worden.“ (55) Wie soll man da dem Schmerz das Singen beibringen? Der Mann als Feind, als Verkörperung der Norm und Moral. Die Frau als Haar, als Kleid, als Körper, als Welt. Aus Gefühlsüberschwang, aus Geständniszwang, machte er am liebsten gleich Heiratsanträge. Er, der „Spürbarkeiten“-Lieferant (70), der Wörterbringer als Witwentröster, der sagen muss, was jede gern hören will. Wie immer. Schön der Reihe nach, wenn es denn ginge. Das Muster gefallen zu wollen, lieb-brav-guter Junge sein, der die Mutter nicht ent-täuschen will, die er betrügen muss, um nicht ein Spielzeug, „um mehr als ein Geschöpf zu sein.“

Exkurs: Passivitätskompetenz und Spielintelligenz

Das Buch wäre auch psychologisch und spirituell subtil zu deuten. Philosophisch erklärt sich dieses Verhalten vielleicht so. Da spricht die Sorge des modernen Subjekts um sich selbst auf dem Weg zur Freiheit. Der ausdrücklich atheistische Philosoph Peter Sloterdijk nennt die partielle Aufhebung der Eigentätigkeit „Passivitätskompetenz“ (Du musst dein Leben ändern 2009, S. 590f).
Unwillkommene Passivität wie sich erpressen oder betrügen zu lassen wird allmählich abgelegt. Es kommt darauf an, die passiven Momente im Selbstbezug moderner Existenz frei zu kultivieren. Man wirkt auf sich ein, indem man anderen erlaubt, auf sich einzuwirken. Ein kompetenzteiliger Aktionsraum entsteht. Das Handeln wird gekrümmt. Das Subjekt kann leiden. Es beugt sich aber nicht. Es gibt sich zeitweilig aus der Hand, um sich nachher wieder klug in die Hand zu nehmen. (Siehe Walsers Umgang mit Frauen und mit dem besten Feind.) Dieses passivitätskompetente Verhalten gehört zur „Spielintelligenz von Menschen in einer entfalteten Netzwelt, in der man keinen eigenen Zug machen kann, wenn man nicht zugleich mit sich spielen lässt.“ (Ebd. 594) Was man früher lässig Gelassenheit nannte, Somit gewinnt der als Konsument, als Patient, als Wähler, als Rezipient, (bei Walser) als Romanproduzent das Diplom einer Genesung aus einer früheren Ohnmacht zu einer gelassenen Genugtuung, letztendlich doch dazuzugehören und (wie wir sehen werden) barmherzig umarmt zu sein. Wenn das keine letzte Kurve, kein letzter Rank ist auf einer zivilisierten Reise!

Im „Salon der Wahrheit“

Im „Salon der Wahrheit“ (Kap 23), im abgefahrenen Zug der Zeit, geschieht die total anstrengende Wiederholung der Anfeindungen. Die Hölle, „ein Schmierenspektakel“ (S.73). Schulderkenntnis ist „der Versuch besser wegzukommen als mir zustand.“ Tricksen hilft nichts. Auch nicht, sich anzuwanzen durch „Selbstpreisgabe“. Schuld an den gegnerischen Anschuldigungen, an den Qualen der Frauen, die im Albtraum in der „Gepäckablage“ (!) liegen, ist er, Walser, selbst. Im Salon der Wahrheit dämmert ihm:
„Nichts was ich erlitt, stammte nicht von mir.“ (83) Durch Rücknahme der Positionen des äußerlichen Zustoßens, durch Übernahme der Außenfigur ins spielende-spiegelnde Innere sind beide Seiten erlöst. Damit verschwindet der Feind. Abspaltung wird integriert, bittere Heimsuchung heimgeholt.  Heilung vom Wahn, reines (kindliches) Opfer zu sein, wird möglich. Er, der sich bei Männern klein, bei Frauen groß fühlt, gewinnt sein Ebenmaß. Um „Selbstverkleinerung“ bemüht (S.81), suchte er einst überall.
Er trifft in einer anderen Schlüsselszene auf die betrogene Liese, die nach dem Auskotzen ihrer Geschichte und dem Nebenbei-Verkehr im Hotelbett sich erbricht und erstickt. Er landet, um sich zu erklären, vor Gericht. Freispruch! Er will nicht schuld sein. „Unschuldig schuldig!“ Urteilt der Gerichtshof. Ihrem atemraubenden Anspruch nicht zu genügen, tat weh. Der Frau daheim hat er eine Affäre zu erklären. Sie versteht ihn: „Da siehst du, wo du hinkommst mit deinem ewigen Mitleid.“ (S.80) Bei einer so mitfühlenden Frau muss man sich wegen Eskapaden nicht groß verantworten. Er gesteht sich ein: „Ich bin unmöglich, also bin ich.“ (85) Er erlebt jemand, der an Zungenkrebs stirbt und kommentiert: „Wer immer nur die Wahrheit sagt…“ (87)
Müdigkeitsbekämpfung, Aufstehen erzwingt er, auch von seinen Kindern, handgreiflich. Walser hat drei Töchter. Und einen unehelichen Sohn, mit der dritten Frau vom Spiegel-Chef Augstein. Pfarrern und Philosophen wie Adorno, Bloch, Sartre gegenüber ist er, der in Regensburg einst Philosophie studierte, „unrettbar befangen“ (96). Wörter, die ihn verführen könnten, schickt er ins Quartier der „Fremdenlegion“. Böse Wörter zu vertreiben, stellte das Paradies wieder her.

„Ich entschuldige mich, also bin ich.“

Der „Feuilletongewaltige“, (97), Frank Schirrmacher wohl, „zum Rechthaben geboren“, existiert nur noch in den Initialen XYZ (92). Walser sieht sich als eine labile Größe. Getroffen und gestutzt unter den Urteilen harscher Kritk des Gewaltigen empfindet er, wie er kleiner wird, „nicht von der Sonne des Gefühls beschienen“ (98). Kein Quäntchen Daseinsrecht bleibt. „Der prominenteste Geistesmensch der Stadt“ sorgt in einer „Mischung aus Jux und Protzerei“ dafür, dass sich die Größenverhältnisse zwischen ihnen veränderten. Er flieht und fliegt in die USA und bemerkt erfreut, wie der andere aus der Distanz schrumpft. Welch ein „Grund für eine endgültige Emigration!“ (100) Seine eigene „Größe-Unbeständigkeit“ (100) macht ihm zu schaffen. Er hängt in der Luft. Seine gefühlte Verkleinerung deutet er als Versuch sich zu schützen.
Walser findet dann dieses Bild, wie von Kafka entliehen: „Viereckigkeit“ beherrscht ihn, bis ihn eine Erfindung, Kafkas fantasierte Schwester Wilhelma, herausführt. Mitten in der Nacht stören sie den Allgewaltigen, der zu seiner Ausstellung, seinem Vortrag zu kommen droht,. Jener, „von Vorurteilen gepanzert“, mit dem typischen „Miteinander von Mitleid und Hohn“, „keinem Satz ohne Pointe“, nimmt Wilhelma gar nicht wahr. Walser gibt zu, er wollte den Gestörten nur quälen mit einer Unsichtbaren. Walser kann jenen nur Verkleinern durch Bedauern, dass er etwas nicht wahrnimmt, was er ganz bestimmt weiß. Den Bericht zur Ausstellung schreibt ein anderer, „gepflegt langweilig“, weil jener sich in jener Nacht erkältet hat. Der Milde fehlt die Schärfe von jenem. Da spürt er, wie er den Kritiker braucht, der ihm Aufmerksamkeit verschafft. Segen und Fluch in einem. Die Lebensverstrickung schlechthin.
Walser unterzeichnet am Königsplatz einen Friedensvertrag mit dem Erzfeind, nicht ohne Hintergedanken, nicht ohne schwer zu verhehlende Freude, als jener stirbt.
Dann taucht Elvira auf, spendet einen „Silvesterkuss“. Mit der vorbehaltlosen Friedlichkeit ist es nicht weit her. Nichts ist vollkommen: „Das Leben ist ein Fragment.“ Er begreift: Alle kämpfen um ihr Leben einen lautlosen, verbitterten Kampf, um zu überwinden, was sie am Leben hindert. Walser fühlt sich einer Entschuldigung nahe (125). Erfahrung wird Maxime. „Ich entschuldige mich, also bin ich.“ Wieder ein abgewandelter Descartes-Satz. Beinahe-Verzeihen verströmt beinahe Wohlbefinden.
Danach, zur bekannten Abwechslung, wieder eine erotische Begegnung mit einer Porno-Schreiberin, unter Pseudonym, das er schon aus Eitelkeit scheuen würde. Er will erkannt sein, und sei’s auf seine Kosten! (121) Sie nennt seine Romane „Hirngespinste“. Ohne zu erkennen, warum sie selber daran schuld sind, fallen die Menschen auf die Illusion herein, die sie Liebe nennen. Die Frau entdeckt an ihm, dass er nicht genießen kann, sondern eher Klugheiten liefert. Aufgeregte Vögel. Aufregend vögeln (114). Er besucht sie, Carola, in ihrem bizarren Liebesgarten mit Lourdesgrotte, wo sie für jeden Verflossenen ein Beet angelegt hat. Die Affäre findet ihren Höhepunkt an ihrem Krankenbett und – erlischt.

Vom Menschenrecht „zu wissen, was das Leben erträglich macht“

Geschichte wiederholt sich in Trauma auslösenden Verwechslungen. Nach Vorträgen sei man „erschöpft, aber hemmungslos“. Bekanntes Spiel im euphorisierten Zustand: Einer redet, die andern fungieren als Geber von Stichwörtern, die den Redner beflügeln. Er wird von einer Frau mit einem Spontaneitätsgenie verwechselt, einem „Überraschungs-Tsunami“ (129). Als etwas gesehen zu werden, was er nicht ist, löst das alte Dilemma aus. Trotz Erfolgen, trotz „Anerkanntheiten“. Fehlanzeigen der Kritik holen ihn immer wieder ein. Walser fordert ein Menschenrecht zu wissen, was hilft, das Leben erträglich zu machen (131). „Aber wie lernt man vergessen, was man nicht verträgt?“
Wiederkehr des Verdrängten. An Leerstellen des Lebens, etwa wo jemand (wie Ellen) ihn zu etwas (zu einem Ferdinand) macht, der zu sein ihm alles fehlt. Diesem „Denkzwang“ entkommt er einfach nicht oder nur schwer. Bei solchen Zufällen wird „sein Kopf von Deutlichkeiten gefoltert“. (131) Unwiderstehlich. Wie eine Besessenheit. Die Kränkungen wiederholen sich. Das „Unerträgliche“ passiert ihm dauernd; er kann es nicht vergessen. „Von Evolution keine Spur.“ (131) Das wäre seine Gnade, die Begnadigung. Von Unschuld kann man nur träumen. „Die Pfeile sind entfernt, die Wunden brennen.“ Schmerz steigert das Dasein. „Ich leide, also bin ich.“
36. Woche (Kapitel). Ein Gebet. Dann ein Traum, mit unübersetzbarer Textmusik. Danach ein Aphorismus über die Schaukel von Unwichtigkeit und Stolz.

„Vorwurfs-Unruhe bleibt.“ „Unterdrückung von Wünschen kostet Kraft“

40. Woche. Fixe Idee: Am liebsten alle Vorwürfe streichen, damit Ruhe herrscht da drinnen. Da, eine Anklage wegen Beleidigung. Er habe im Lokal einen Staatssekretär wohl als „diese schwule Obersau“ diffamiert (141). Ein für einen Freund gehaltener Zeuge sagt gegen ihn aus. Die Freundschaft mit jenem, wohl Siegfried Unseld, zerbricht. Der stellt enttäuscht fest, Walser „zöge die Strafe der Besinnung vor.“ Die „Vorwurfs-Unruhe ist geblieben“ (144). Es dürfe ihm einfach nicht gut gehen. Sofort nähme er alle gegen sich ein. Wohlbefinden als Verbot, als Übel zu nehmendes Glück, ein Verbotswort, das Walser meidet.
„Du stirbst an dem, was ein Mensch dir antut!“ Steht an der Wand, die zum Sprachmedium eines gunstbereiten Gottes wird. „Ich bin doch nicht Nebukadnezar.“ (146) Tapete drüber! So geht das ins Erträgliche. Nur das Unbewusste gibt den Spielverderber. Wie rehabilitiert man das Wort „Unvernunft“? Sein Schlaf gebiert Ungeheuer (Goya). Gedanken sind freche Tiere, deine Opposition im eigenen Oberhaus. Sie agieren im Namen auswärtiger Interessen, sind „nie ganz einverstanden oder gar zufrieden“ (149) mit dem, was er geschafft hat, was ihm gelungen ist. (Hier meldet sich sein innerer Kritiker) Immerhin hält ihn sein innerer Widerspruch für „zurechnungsfähig“. Seine Wehrhaftigkeit lässt nach. Er kapituliert vor einer Fliege, die sein Glas beansprucht. (152)
Er fantasiert eine Begegnung mit Sartre, der im Fahrplan liest, wagt aber keinen Schritt auf den Gloriosen zu. Sein Dilemma: Scham und Scheu. „Aber wie immer in meinem Leben unterließ ich, was ich eigentlich wollte, und blieb sitzen.“ (155) Traurige Selbsterkenntnis! „Die Unterdrückung von Wünschen kostet Kraft.“ Um hellwach zu bleiben, tut er was Autoaggressoren tun, er schneidet sich in die eigene Hand/Haut. Später, am Ende sieht er ein: „Viel zu wenig frech bin ich.“ (169) Wer seine Feigheit so gut tarnt, kommt nie in der Freiheit an. Er muss einfach zähneknirschend (weiter) dienen.

„Ich konnte, ohne zu jonglieren, dieses Leben nicht aushalten.“

Entspannungsbild. Sein Bild mit dem Jonglieren dreier Bälle, blassrot, blau und schwarz. (Kap. 47) „Ich konnte, ohne zu jonglieren, dieses Leben nicht aushalten.“ (158) Weil das Ende naht und alles weh tut, hofft er auf ein Ende des anstrengenden Spiels. „Meine Sehnsucht war zu spielen. Schönstens und endlos.“ Er hofft, man werfe ihm einen vierten Ball „so schön zu, dass er die drei andern Bälle fallen lassen könnte.“ Das anstrengende Spiel wäre endlich aus.
In der Fußgängerzone heißt es dann richtig: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ Es muss in ihm ein richtiger „Mangel an Zugehörigkeit“ in jeder Hinsicht geherrscht haben. Erst und jetzt, da er nicht mehr stört, gehört er dazu. Erleichtert, allein zu gehen fähig, nicht mehr gegen die Einbahnstraße in die Strafe laufend, zugehörig.
„Problemlos. Ziellos. Schmerzlos. Schwerelos.“ (161) Blickwechselfreudig. Lächelnd. Nach einem Sturz gerettet werden, am liebsten von einer Frau, per Hubschrauber. Warum nicht vom Frieden träumen. „Zu träumen genügt.“ (10)
Wer wirft ihm den Ball zu, der ihn von aller Anstrengung erlöst?

„Barmherzigkeit, ein zurückgerufenes Wort“

Letzte Wahrnehmung, versöhnlich stimmend, erlösend, ist nicht das Allerweltswort Liebe, sondern „Barmherzigkeit, eines der größten unter den Großwörtern der Geistesgeschichte“ (166). „Bestürzend annehmlich“ findet Walser, endlich ins Klima einer Barmherzigkeit versetzt zu sein. (166) „Liebe ist ein Hin und Her… Barmherzigkeit, ist eine Einbahnstraße. Eine himmlische. Du wurdest beschenkt, ohne dass gefragt wurde, ob du es verdienst, ob du es wert bist.“ Barmherzigkeit, ein verschollenes Wort, das Walser „zurückgerufen“ wird. Er darf sie spüren, „eine Gefühlsdeutlichkeit ohnegleichen“, sie wendet sich selbstloser zu als Liebe. Es muss „aus der Fülle einer Wunder wirkenden Tradition stammen.“ Walsers christliche Wurzel deutet sich hier an. Man kann nicht reagieren. Man lässt geschehen. Man erkennt den Rang des Wortes an, „dass man sie sich gefallen lässt. Die Welt, in der du nur durch Leistung giltst, gibt es nicht mehr, solange du Barmherzigkeit erfährst.“ (167)
Walsers Quintessenz seiner „Meditation über sich selbst“ (Iris Radisch): Ich bin es, ohne Grund, wert, „mir selbst nicht verloren zu gehen“. Hier spricht kein Dichter-Ich: Hier spricht ein bedingt rühmlicher Mensch, der aufgehoben sein will im großen Ganzen. Eine letzte Verwandlung ununterscheidbar in alles, tautologisch gesprochen: „Ich bin…, also bin ich.“ (169)

Martin Walser bekannte eingangs, er wolle „ein Glückskunstwerk schaffen“. Ich entlehne dieses Wort und wandle es um in Glücks-Gunst. Die Kunst, die Walser im Rank-Buch vorführt, besteht darin, aus dem Unglück der Missgunst, leidvoll erfahren, bis zur Glücksgunst, nämlich zur Barmherzigkeit vorzudringen. Begünstigt vom Aufheben der Vorwürfe – seltsam, ich schrieb versehentlich Vorwürde! - vom Verzeihen also, breitet sich eine willkommene, willkommen heißende Gunst für alle aus. Allen ist gegönnt, dass es ihnen gut geht. Das ist – ich greife das Geschenk des Unbewussten auf - die Vollwürde der göttlichen Kunst. Der Künstler profitiert. Die Gunst der Stunde entpuppt sich als die Stunde der Kunst.
Walser ist wahrlich kein Aktivist, der Imperativen folgen würde, die mit äußeren und äußersten Mitteln äußerlichen Zielen folgen, aber „ein Glückskunstwerk“ verfehlen. Ressentiments aller Art verhindern die Friedensfeier der Versöhnten. Verstummen wie Anpassung sind ausgeschlossen. Rachefeldzüge abgeblasen. Da findet einer seinen späten Frieden: Statt etwas, also sich. Und einen versöhnten Blick. Das entschlackte Gold. „Das Echo der Freundlichkeit.“ (171) „Zur Friedensfeier komm ich, sagt mir, wohin.“ (170) Das Buch endet mit lauter Umarmungen. Barmherzigkeit beseitigt Missgunst. Auf die Kunst der Gunst käme es an.
Am Ende wünscht sich Walser, der vielleicht zu wenig freche, der sich nicht überall willkommen fühlte mit seinen ungebetenen Gefühlen, dem nun kein Fallensteller, Untersteller, Verdächtiger, „keiner zu schrecklich zum Umarmen ist,“ gleichfalls öffentlich die Geste freundlicher Zustimmung. Robinson will gefunden werden.
Ergründen wir, wo wir am liebsten wären. Dort finden wir uns. Einen Uneinholbaren allerdings könnte man nicht einmal „streifen“. Lassen wir ihn also ziehen, nach seinem letzten „Rank“, der letzten Kurve, und winken ihm dankbar und freundlich nach.
Es möge ihm gut gehen.


Günther M. Doliwa, vom 23. - 30. Januar 2017
www.doliwa-online,de

Antwort schreiben

Dieter Kaltwasser schrieb uns am 20.01.2017
Thema: Tilmann Lahme: Die Manns

Und immer wieder Neues
Über Tilmann Lahmes brillante Geschichte der Manns
Einige werden sich fragen: Warum und zu welchem Zwecke noch eine weitere Familiengeschichte der Manns? Sind nicht in den letzten vierzig Jahren genügend Porträts über sie erschienen? Es muss wirklich gute Gründe dafür geben, warum der Leser sein Interesse auch auf diese neue Familienbiographie richten soll.
Lahme nimmt dabei eine distanzierte, zuweilen ironische Beobachterposition ein, die gerade bei dieser viel zu oft idealisierten Familie vonnöten ist. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Manns und hat 2009 eine hochgelobte Golo-Mann-Biographie publiziert. Für das vorliegende Buch hat er die gesamte, in vielen Teilen unbekannte
Familienkorrespondenz der Manns gesichtet. Darüber hinaus hat er Notizen und Tagebücher ausgewertet und stellt uns eine profund geschriebene Familiengeschichte vor, die wir so noch nicht kannten. Lahmes Chronik beginnt in den frühen 1920er Jahren und endet am 8. Februar 2002 mit dem Tode Elisabeth Mann Borgeses, der jüngsten Tochter. Aus acht Blickwinkeln der einzelnen Mitglieder wird die Familienkonstellation gespiegelt und in die Geschichte der Familie chronologisch eingewoben. Neues erfährt man vor allem von den Kindern, sodass wir achtzig Jahre lang an den Schicksalen der gesegneten wie auch geplagten Familie teilnehmen. Thomas Mann lässt Goethe in seinem Roman „Lotte in Weimar“ das von Nietzsche vermittelte chinesische Sprichwort zitieren: "Der große Mann ist ein öffentliches Unglück". Damit charakterisiert er nicht nur Goethe, sondern sich selbst und seine fatalen Wirkungen aufs Trefflichste.
Thomas Manns Werk überragte zu seinen Lebzeiten das der Konkurrenz – und es beherrschte sein Familienleben. Katia Mann hielt ihrem Ehemann, im Kreise der „amazing family“ der „Zauberer“ genannt, den Rücken frei, so dass er sich in Ruhe seinem literarischen Werk widmen konnte, zu seinem Wohle und dem seiner Kinder, denn einige von ihnen blieben lange von den finanziellen Zuwendungen des Vaters abhängig.
Das Zentralgestirn der Familie überstrahlt naturgemäß alle anderen. „Er siegt, wo er hinkommt,“ schreibt sein Sohn Klaus voller Bitterkeit in sein Tagebuch, als die Familie vor dem „Dritten Reich“ in die USA flieht. Klaus Mann wollte selbst ein erfolgreicher Schriftsteller werden, und muss sich doch nur immer am übergroßen Maß seines Vaters messen lassen, dessen Imitat er immer bleiben wird. Andererseits werden die Kabarett-Auftritte von Erika und Klaus, vor allem in Amerika, immer als die der Kinder des „größten lebenden Schriftstellers“ beworben, ein Segen und Fluch zugleich.
Klaus nimmt sich 42jährig in Cannes das Leben. Zwei Jahrzehnte extensiver Drogenkonsum haben seinen Organismus zermürbt. "Er hätte es ihnen (Erika und Katia) nicht antun dürfen", notiert Thomas Mann eisig in seinem Tagebuch. Wie erfolgreich kann man denn überhaupt noch werden, wenn der eigene Vater Nobelpreisträger ist? So stellt sich die Frage für die sechs Kinder Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Die älteste Tochter Erika ist die große Stütze des „Zauberers“, der lange Zeit leider auch zauderte, und sich erst nach jahrelangem Drängen der Familie – vor allem von Klaus, Erika und Golo - zum Exil bekennt. Davon abgesehen würde es Golo Mann schon ausreichen, wenn man ihn mit seiner Familie in Ruhe ließe. Die Mutter zweifelt, ob Historiker zu sein (wie Golo) schon ein anständiger Beruf sei. Reicht es aus ein hochbegabter Violinist und Bratschist zu sein (wie Michael)? Später erfolgt dann ein vollständiger beruflicher Bruch bei ihm. Er wird Professor für Germanistik, stirbt mit siebenundfünfzig Jahren an einer Alkohol- und Schlafmittelvergiftung. Die mittlere Tochter Monika, auch „Mondkalb“ genannt, wurde von der ganzen Familie abgelehnt. Das „Mönchen“ sei so nutzlos wie die Ziervasen der Urgroßmutter, sagt die schrecklich nette Schwester Erika über sie.
Von familiären Abgründen und Weltliteratur, vom Kampf gegen Hitler und politischen Fehlern der Familie wird erzählt, vom persönlichem Unglück der Kinder, von Liebe und Eifersucht, von der Drogensucht Einzelner ist die Rede, vom Glanz und Erfolg der „amazing family“ und der Legende von der harmonischen Familie, die der „Zauberer“ höchstselbst der Welt aufgetischt hat. Die Geschichte der Familie Mann, die sich heldenhaft dem Nationalsozialismus in den Weg gestellt hat, ist nur die eine Seite der Medaille; der Preis, den jeder Einzelne aus der Familie dafür entrichtet hat, ist hoch. Auch über die Finanzen der Manns weiß der Biograph genauestens Bescheid. Als Thomas Mann im August 1955 stirbt, hinterlässt er fünf Kinder in materieller Sicherheit.  
Tilmann Lahme hat ein aussergewöhnliches, ironisch distanziertes, stilistisch bestechendes und brillantes Familienportrait verfasst, das uns die Manns in einem neuen, anderen, klareren Licht sehen lässt. Es wird Bestand haben in der Literatur über Thomas Mann und die Seinen.
Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie, S. Fischer 2015, 480 Seiten, 24,99 EUR, ISBN: 978-3-10-043209-4

Antwort schreiben

Oliver Pfohlmann schrieb uns am 09.01.2017
Thema: Das Murmeln der Ururgroßmütter

Über Cornelia Travniceks Coming-of-Age-Roman „Junge Hunde“

Manchmal kommt es eben knüppeldick. Da kann sich Johanna, die Protagonistin in Cornelia Travniceks Coming-of-Age-Roman „Junge Hunde“, noch so sehr um alles und alle kümmern, das familiäre Umfeld der Psychologiestudentin löst sich dennoch genauso unaufhaltsam auf wie die Persönlichkeit ihres dementen Vaters. Kaum ist dieser in einer betreuten WG untergebracht, muss das im niederösterreichischen Tullnerfeld stehende Elternhaus verkauft werden. Ihr Bruder Stefan, den es nach Kanada zieht, ist ihr dabei so wenig eine Hilfe wie ihre Mutter, die sich lieber um Kinder in Peru als um ihre Familie kümmert. Und Johannas bester Freund Ernst, der als Baby
adoptiert wurde, sucht ausgerechnet jetzt in China nach seiner leiblichen Mutter, wobei er sich prompt selbst verliert. Wie zur Krönung des Ganzen stirbt erst noch Johannas Hund, dann wirft eine Postkarte, die sie beim Ausräumen des Elternhauses entdeckt, die Frage auf, ob der Mann, der sie großzog, wirklich ihr Vater ist. Der zweite Roman der Österreicherin Cornelia Travnicek, Jahrgang 1987, spielt mit Erinnerungen, Rückblenden und Perspektivwechseln und neigt dazu, etwas  zu dick aufzutragen; insgesamt wirkt er etwas weniger handlungsgetrieben als ihr unlängst verfilmter Debütroman „Chucks“ (2012). Dass man „Junge Hunde“ – ein Auszug daraus wurde bereits 2012 in Klagenfurt mit dem Publikumspreis ausgezeichnet – dennoch gern liest, liegt an der von der studierten Sinologin mit viel Erzähllust geschilderten Chinareise von Johannas Freund, aber auch an der grundsympathischen Protagonistin, die in ihrer Verzweiflung nachts sogar dem „Murmeln ihrer Urur- und Urururgroßmüttern“ lauscht.

Cornelia Travnicek: Junge Hunde. Roman. München: DVA, 2015, 240 Seiten, 22,90 SFr, 14,99 Euro.

Antwort schreiben

Oliver Pfohlmann schrieb uns am 09.01.2017
Thema: Die Sache mit dem Suizid

„Das grenzenlose Und“: Im Romandebüt der Klagenfurterin Sandra Weihs schließen eine Borderlinerin und ein an Krebs Erkrankter einen Selbstmordpakt

Die Borderlinerin Marie will eigentlich nur eins: sich endlich „in Ruhe und Frieden umbringen können“. Wie auch anders, wenn man erkannt hat, dass man die allgemeine „Beschissenheit der Dinge“ doch nie wird ändern können? Also Suizid nicht aus Verzweiflung, sondern – darauf legt die Achtzehnjährige Wert – aufgrund von gründlichem Nachdenken. Mit freundlicher Unterstützung ihres Lieblingsautors, des Obermisanthropen Cioran.
Aber Marie hat Pech: Man lässt sie nicht. Weder die Sozialarbeiterin Sarah, die in der betreuten
Mädchen-WG nach dem Rechten sieht, noch ihre Zimmergenossin Amina, die gleich „Marie metzelt schon wieder“ schreit, sobald sich die Ich-Erzählerin in Sandra Weihs Romandebüt nur ein bisschen mit der Rasierklinge ritzt, um in ihrer Borderline-Logik ihre Alkoholikermutter nachträg-lich zu bestrafen. Und natürlich auch nicht ihr Therapeut Willi, der das Mädchen zu einem „Kuhhandel“ überredet hat: Marie lässt sich ein Jahr lang auf seine Sitzungen ein und sieht in dieser Zeit davon ab, sich „den Exitus zu verpassen“, dafür bewahrt Willi sie im Gegenzug vor der Psychiatrie.
Seitdem spielt Marie auf Willis bunter Couch mit dem Therapeuten verbales Pingpong und fühlt sich wie eine Gefangene, die auf den Tag ihrer Entlassung wartet. So lange, bis sie Willies „Drei-Uhr-Klienten“ Emanuel kennenlernt, dessen Schicksal für Marie die Ungerechtigkeit der Welt beweist: Schließlich hat der junge Mann mit den Rehaugen aufgrund eines Hirntumors nur noch ein paar Wochen zu leben, also „eine Freikarte in den Tod“. Überraschenderweise, jedenfalls für Marie, geht es aber auch Emanuel nicht gut: Er hat er Angst vor dem Sterben, und eben die soll Marie ihm nehmen. Was liegt da näher als ein Selbstmordpakt?
Ob und wie dieser ausgeführt wird, soll hier natürlich nicht verraten werden, aber dass sich Marie die Sache mit dem Suizid am Ende noch einmal überlegen wird, dürfte auf der Hand liegen. Die Autorin, 1983 in Klagenfurt geboren, arbeitet selbst als Sozialarbeiterin, und von ihren Erfahrungen dürfte vieles in diesen stellenweise fesselnden, durchweg straight erzählten Coming-of-Age-Roman eingegangen sein. Für ihr Debüt erhielt Sandra Weihs sogar den renommierten Jürgen-Ponto-Literaturpreis. Das scheint allerdings zu hoch gegriffen, denn auf den 190 Seiten liegen literarisch doch Licht und Schatten ständig nebeneinander: witzig-erhellende Dialoge neben verquastem Heile-Welt-Denken („Endlich nimmst du dich als Teil dieser Gesellschaft wahr! Ja, Marie. Du bist wie all die anderen.“), der erfrischend unkonventionelle Therapeut neben Klischee-Figuren wie Emanuels Großmutter, der ehemaligen Bordellchefin mit großem Herzen und wogendem Busen. Auch wäre der Roman mit Blick auf das Zielpublikum und dem etwas seifigen Schluss in einem Jugendbuchverlag vermutlich besser aufgehoben gewesen.  

Sandra Weihs: Das grenzenlose Und. Roman. Frankfurt, Frankfurter Verlagsanstalt 2015, 192 S., 19,90 Euro.

Antwort schreiben

Dennis Gerstenberger schrieb uns am 07.01.2017
Thema: Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Der auktoriale Kehlmann

Du hättest gehen sollen ist nicht nur ein Schauerroman, sondern eine echte Knobelaufgabe

Von Dennis Gerstenberger

Ein Ehepaar mit ihrer 4jährigen Tochter will in einem abgelegenen Haus in den Bergen ein paar Tage Urlaub machen. Der Vater und Ich-Erzähler versucht sich an der Fortsetzung seines erfolgreichen Drehbuchs Allerbeste Freundin. Doch läuft es nicht gut, auch nicht in seiner Ehe. Er streitet permanent mit seiner Frau, die am vierten Abend die beiden verlässt. Der Ich-Erzähler muss also allein für sich und seine Tochter sorgen, doch geschehen seltsame Dinge, die Realität gerät aus den Fugen. Es fängt beim Einkaufen im Dorf an, wo der
eigensinnige Verkäufer und eine Frau mit seltsamen Augen ihm den Ratschlag geben, das angemietete Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Er will diesem Ratschlag folgen, schafft es jedoch wegen des Streits mit seiner Frau nicht rechtzeitig. Nachts sind nun Geräusche zu hören, Menschen oder Geister tauchen auf, der rechte Winkel hat keine 90 Grad und er kein Spiegelbild mehr. Beim Hinausgehen aus einem Raum gelangt er wieder in dasselbe Zimmer hinein. Es wird immer unheimlicher, der Mann kriegt es mit der Angst zu tun, kann seine Frau telefonisch nicht erreichen. Sie taucht doch noch auf, holt ihre Tochter ab und lässt ihren Mann auf seinen Wunsch hin allein im Spukhaus zurück. Der letzte Satz endet unfertig, fast vier leere, nummerierte Seiten schließen sich an.

Die Skizze des Inhalts lässt bereits erahnen, dass die Erzählung vielerlei Anhaltspunkte zum Weiterdenken und Interpretieren bietet, weil sie mehrschichtig ist und etliche Elemente anderer berühmter Werke aufgreift. Zum einen das Setting, das sehr stark an The Shining von Stephen King erinnert. Dann finden sich phantastische Elemente, die aus Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann stammen könnten; die Liste ließe sich leicht verlängern. Man könnte meinen, es handelt sich um einen Horror- oder Gruselroman, doch bietet die Erzählung mehr. Denn Kehlmann schafft es, aus dem Sammelsurium etwas Neues zu konstruieren, dem Geschehen seinen eigenen Stempel aufzudrücken und in eine neue Dimension vorzustoßen.

Der naheliegendste Erklärungsversuch ist, das Geschehen als Beschreibung der Realität zu verstehen. Der namenlose Ich-Erzähler, der etwa 40 Jahre alt ist, wird allmählich verrückt. Aus seiner gestörten Wahrnehmung gerät die Realität aus den Fugen. Dieser Deutungsversucht trägt jedoch nicht weit genug, weil auch alle anderen auftretenden Figuren bemerken, dass in dem Haus etwas nicht stimmt. Sowohl Ehefrau als auch Tochter bemerken die Anomalitäten und kommentieren sie. Und der Verkäufer im Dorf weiß sowieso davon. Eine psychologische Deutung kann das Geschehen demzufolge nicht erklären.

Ein Trick hilft, das Geschehen zu verstehen. Ein Trick, den Kehlmann selbst zur Sprache bringt. Zunächst sind zwei fiktive Ebenen vorhanden: Der Ich-Erzähler ist Herr über das von ihm geschaffene Drehbuch und seine darin auftretenden Figuren, insbesondere die allerbesten Freundinnen Jana und Ella. Er kann sie nach seinem Gutdünken behandeln. Ein plötzlicher Fahrradunfall gleich am Ende des ersten Absatzes der Erzählung zeugt von der Allmacht des Schöpfers und gleichzeitig von seiner Abneigung ihnen gegenüber, da sie ihn nicht wirklich interessieren. Doch ist er zum Schreiben gezwungen, sonst wird er durch einen anderen Schreiberling ersetzt.

Entscheidend ist die Beziehung Schöpfer-Schöpfung, also Autor-Figur, die in einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis steht: Die Figuren Jana und Ella sind Erfindungen des Drehbuchautors. Genauso verhält es sich zwischen Kehlmann und dem Ich-Erzähler von Du hättest gehen sollen. So wie der Ich-Erzähler mit seinen Figuren unfair oder gar brutal umgehen kann, so steht es auch in der Macht Kehlmanns, den Drehbuchautor nach Belieben zu schikanieren, zu täuschen oder im Unwissen zu lassen. Im Laufe der Erzählung wird der Ich-Erzähler immer mehr zu einer Figur degradiert, zu Kehlmanns Marionette. Am Anfang ist er selbst ein Schöpfer, doch allmählich wird er zur Schachfigur des Verfassers und kann sich sein Schicksal weder erklären noch sich dagegen wehren. Dabei verschmilzt er immer mehr mit seinem eigenen Drehbuch: Sein Notizbuch dient zunächst dazu, die fiktiven Jana und Ella zu beschreiben, doch schleichen sich immer mehr Tagebucheinträge ein und am Ende scheint der Ich-Erzähler verschwunden und in seinem eigenen Buch aufgegangen zu sein. Die beiden Ebenen der Erzählung verschmelzen zu einer einzigen, zurück bleiben nur die Fiktion und die Realitätsebene, in der Kehlmann der Autor und Demiurg ist.

Den Schlüssel zu dieser Interpretation legt uns Kehlmann selbst in die Hand: Sein Drehbuchautor stellt sich vor, wie es wäre, ein auf Papier gezeichnetes Wesen zu sein, das nur zwei Dimensionen kennt. Alles, was außerhalb stattfindet, kann es sich nicht erklären, es bliebe notwendigerweise unverständlich und wäre demzufolge ein Wunder. Der Ich-Erzähler kann sich innerhalb seiner Dimensionen genauso wenig erklären, dass es eine Macht außerhalb seiner Welt gibt, die nach Belieben in seine Realität eingreifen kann.

Kehlmann greift immer wieder bewusst in seine Romanhandlung ein. Seine Herrschaft über das Geschehen verdeutlicht er beispielsweise explizit in seinem Roman Ruhm, wo er als Figur sichtbar wird und direkt in das Geschehen eingreift, indem er seiner todkranken Protagonistin Rosalie wieder die Jugend schenkt. Er spielt mit seiner Allmacht und offenbart sie dem Leser. Auch Gauß und Humboldt sind in Die Vermessung der Welt nichts anderes als Figuren Kehlmanns, die er nach Belieben für seine Zwecke benutzt. In Du hättest gehen können ist dieser Eingriff nicht offensichtlich, aber doch deutlich spürbar.
Das alles kann Kehlmann in einer andeutungsreichen und verschachtelten Geschichte erzählen. Er gibt uns einige Hinweise und Andeutungen und hat letztlich ein gruseliges und kurzweiliges Werk geschaffen, eine elegante Knobelaufgabe mit präzisen, knappen Dialogen und tragendem Spannungsbogen, was insgesamt von der Lust des Autors am Fabulieren zeugt. Du hättest gehen sollen ist der gelungene Versuch des Autors, mit seinen Figuren zu spielen. Schon das Titelbild zeugt von den unterschiedlichen Standpunkten, selbst das "Du" des Titels ist zweideutig. Zum einen könnte es der Ich-Erzähler selbst sein, der sich darüber ärgert, einst nicht gegangen zu sein. Aber es kann auch Kehlmann sein, der zu seiner Figur spricht.

Diese im wortwörtlichen Sinne transzendente Interpretation eröffnet eine neue Dimension der Erzählung. Sie ist metaphysisch, vielleicht sogar theologisch angehaucht. Jedenfalls bietet und der Autor weit mehr als bloß eine Schauergeschichte.

Bibliografische Angabe
Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Erzählung
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2016
95 Seiten, 15 Euro ISBN 9783498035730

Antwort schreiben

Thomas Anz schrieb uns am 15.10.2016
Thema: Spaß statt Kritik? Norbert Bolz‘ Intellektuellenschelte gegen „Die Konformisten des Andersseins“

Jeder kennt sie: jene Zeitgenossen, die angestrengt versuchen, anders zu sein als die anderen. Sie wollen sich von der Masse abheben, auffallen, provozieren und möglichst individuell erscheinen. Doch führt dieses Bemühen zu neuen Anpassungen, zum Anschluß an kollektive Moden, zum Konformismus in bestimmten Gruppen und Milieus.
Das sind die „Konformisten des Andersseins“. So jedenfalls nennt sie der Philosoph Norbert Bolz schon im Titel seines jüngsten Buches. In bestimmten kulturellen Milieus, so die Kernthese, werden Abweichungen von der Norm in einem derartigen Maße gesucht, daß sie selbst zur Norm werden. "Die Individualitätswerte kompensieren wachsende Abhängigkeit und Ersetzbarkeit. Das Ziel dieser
Individualität ist aber das aller allgemeinste: anders als alle anderen zu sein. Wir haben es hier also mit einer verfänglichen Spielart der Sei-spontan-Paradoxie zu tun: Weiche vom Gewohnten ab!"
Daran ist manches wahr. Doch was ist mit der Ausweitung der These zu einem Umfang von zweihundert Seiten beabsichtigt? Das Buch trägt den Untertitel "Ende der Kritik", und was von ihm einmal mehr verabschiedet wird, ist der seit der „Wende“ vor zehn Jahren zunehmend geschmähte Typus des kritischen Intellektuellen.
Die Linksintellektuellen sind die "Konformisten des Andersseins", die Bolz meint. Abgesehen davon, daß es sie so, wie sie von Bolz als Popanze seiner Polemik beschrieben werden, kaum noch gibt, ist das Niveau, auf dem das Buch ihnen hämisch zu Leibe rückt, oft kläglich. "Konsens ist Nonsens": Mit flotten Sprüchen wie diesem ist ihnen jedenfalls nicht überzeugend beizukommen. Und auch nicht mit solchen Sätzen: "Andy Warhol hatte recht: Die Welt ist schön, wo es McDonalds gibt. Jetzt ist auch Moskau schön." Die Alternativen zum linksintellektuellen Milieu, zu denen sich Bolz bekennt, nehmen nicht unbedingt für ihn ein. Neben Carl Schmitt beruft er sich auf Harald Schmidt: Dessen Show „beweist, daß es intelligenten Unsinn gibt - und ein Lachen, das ein Denken ist."
Kritisches Denken hingegen macht einfach keinen Spaß. Bolz beruft sich mit dieser Einschätzung auch auf Freud. Er kennt dessen Einsicht, daß kritisches Denken mit Anstrengung verbunden ist und daß es lustvoll sein kann, sich von dieser Anstrengung zu befreien. Freud nannte diesen Vorgang "Aufwandsersparnis". Der Ermattung von den Anstrengungen kritischen Denkens setzt Bolz die Erholung entgegen. Erschöpft von der "Akkordarbeit am Projekt der Moderne" haben wir Entspannung verdient. Und diese gewinnen wir, wenn wir endlich das, was ist, bejahen lernen, statt es ständig kritisch zu hinterfragen. Das zumindest legt Bolz nahe.
"Alle Kreter lügen", sagt der Kreter. Das berühmte logische Paradox läßt sich abwandeln: Kritiker sind Konformisten, kritisiert Bolz. Damit ist er selbst einer. Aus der Paradoxie der Normiertheit von Normabweichungen kann er sich auch nicht durch die Unterscheidung von "Konformisten des Andersseins" und "Nonkonformisten des Andersseins" befreien. Dem Rezensenten bleibt die Aufgabe, bei der Beurteilung ein gewisses Argumentationsniveau zur Norm zu erheben. Doch da schneidet Bolz im Vergleich zu manchem Gegner (vor allem Habermas) erschreckend schlecht ab. Und auch wenn man noch Originalitätsnormen verhaftet ist, kommt das Buch nicht gut weg. Das ist reichlich abgestandene Postmoderne der achtziger Jahre, die uns am Ende der neunziger noch einmal aufgetischt wird.
Die Postmoderne hatte gewiß unterschiedliche politische Spielarten und kann nicht pauschal als konservativ abgestempelt werden. In der Version von Bolz jedoch ist sie symptomatisch für das Bündnis einer alt- und jungkonservativen Allianz gegen Einstellungen, die eng mit der „68er Generation“ assoziiert sind.
In den politischen Konflikten der Gegenwart werden Generationenkonflikte allerdings nur vorgeschoben. Das läßt sich daran erkennen, daß es immer wieder Angehörige älterer Generationen waren, die sich in oft peinlicher und anbiedernder Weise auf die junge Generation beriefen. So verkündete im Dezember 1990 die Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt in der FAZ die „Abwahl einer Generation“, der 68er Generation. Sie habe „in jenem Augenblick, der zur Epoche wurde“ (gemeint ist der Fall der Mauer), vollkommen versagt. „Ihr Erbe wird nicht weitertragen. Es ist versunken und der Blick nun frei – auf jene Generation, die 1989 und 1990 geprägt worden ist.“
Die Intellektuellenschelte kommt vornehmlich aus dem Kreis von Intellektuellen. Und die schärfsten Kritiker der 68er Generation gehören dem Alter nach eben dieser Generation an. Botho Strauß ist dafür nur ein Beispiel. Es verweist auf den Widersinn all dieser Generationenkonstrukte.
Die Äußerungen von Brigitte Seebacher-Brandt standen nach der Wende am Anfang einer ganzen Reihe ähnlich gearteter, die bis heute nicht abgebrochen ist. Die hämischen Versuche, die Generation von Günter Grass anläßlich des Literaturnobelpreises in Rente zu schicken oder gar zu Grabe zu tragen, gehören dazu ebenso wie die intellektuell unbedarften Anstrengungen, eine neue „Generation Berlin“ aus der Taufe zu heben. Und auch das Buch von Bolz gehört in diese Reihe. Mit ihr versucht sich eine intellektuellenfeindliche Konformität mit dem Bestehenden zu etablieren. Intellektuelle sollten sich dagegen wehren, statt, um ihr Anderssein zu beweisen, an ihrer Selbstabschaffung mitzuwirken.
(Die Rezension ist zuerst erschienen in: Die Woche, 10. Dezember 1999)

Antwort schreiben