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Karsten Herrmann schrieb uns am 20.02.2018
Thema: Colson Whitehead: Underground Railroad

Erschütternd finster und eminent erhellend

Der 1969 in New York geborene Colson Whitehead gehört zusammen mit Teju Cole zu den wichtigsten und zugleich am schwierigsten einzuordnenden afro-amerikanischen Autoren. Seine Romane bespielen ein breites Spektrum vom atmosphärisch-dichtem und psychologisch nuancenreichen Erzählen über postmodernes Collagieren bis zur Zombie-Phantastik. Nicht im entferntesten lässt er, der in der gehobenen Mittelschicht geboren wurde und auf eine New Yorker Privatschule ging, sich dabei auf das Etikett „schwarzer“ Schriftsteller reduzieren und lässt die Rassen- und Diskriminierungsfrage allenfalls sublim und untergründig mitschwingen. Doch jetzt blickt er in seinem zugleich mit dem National
Book Award und dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman „Underground Railway“ in die im doppelten Wortsinne schwarze Vergangenheit der USA zurück. Er  zeichnet ein ebenso erschütterndes wie erhellendes Bild vom menschenverachtenden System der Sklaverei und macht zugleich Mut durch den unbedingten Freiheitswillen seiner Protagonistin.

Colson Whitehead erzählt in „Underground Railway“ die Geschichte der jungen Cora, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer der Baumwollplantagen Georgias ausgepresst und geschunden wird. Seit ihre Mutter von der Plantage floh und sie im Stich ließ, ist sie auf sich alleine gestellt und versucht sich nicht nur gegen ihren despotischen Besitzer, sondern auch in der von Intrigen und Machtkämpfen bestimmten Sklaven-Hierarchie zu behaupten: „Es  gab eine Ordnung von Elend, ein in anderem Elend steckenden Elend, und man musste den Überblick behalten.“

Nach einem Zusammenstoß mit ihrem „Herren“ beschließt Cora zusammen mit Caesar von der Plantage zu fliehen. Auf der Flucht tötet sie im verzweifelten Kampf einen weißen Jungen und nach einem Weg durch die Sümpfe kommen sie zu einer Station der „Underground Railroad“. Das, was historisch ein Netzwerk von Fluchtrouten, Unterschlüpfen und Unterstützern gewesen ist, transformiert Whitehead hier in die Realität und lässt die beiden Flüchtenden in einem unterirdischen Bahnhof in einen dampfenden Zug einsteigen. Als Bessie Carpenter steigt sie in South Carolina wieder aus, wo sie an einem Schulprogramm teilnimmt und Arbeit findet. Doch ein Sklavenjäger hat sich auf ihre Spur gesetzt und so muss sie erneut fliehen und landet in einer heißen und stickigen Dachkammer in North Carolina. Aus einem kleinen Guckloch mit Blick auf den Park, in dem als öffentliches Spektakel wöchentlich von den „Nachtreitern“ wieder eingefangene  Sklaven erniedrigt und gehängt werden, eröffnet sich ihr  das System der Sklaverei, das auf Angst, Kontrolle, Denunziation und bestialischer Gewalt fußt.  Auf verblüffende Weise führt Whitehead hier das Schicksal von Cora mit dem von Anne Frank und das System der Sklaverei mit dem Nationalsozialismus eng. „Eine Tages“, so ist sich Cora sicher, „würde das System im Blut zusammenbrechen“.

„Underground Railroad“ ist ein finsteres und blutiges Buch, ein Buch, das in das rabenschwarze Herz der Sklaverei führt und richtig weh tut. Geschickt verwebt Colson Whitehead dabei das Einzelschicksal von Cora, deren steiniger Weg in die Freiheit sie aus der Dachkammer noch weiter über Tennessee bis nach Indiana führt, mit den ebenso hasserfüllten wie nüchtern berechnenden  Strukturen und Funktionsmechanismen der Sklaverei. Diese bildet zusammen mit der Enteignung und Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner so etwas wie die „Erbsünde“ Amerikas und einen bis heute nicht versiegenden Quell des Rassismus und des Nationalismus. Und so unterstreicht Whitehead im Interview auch: „immer, wenn man über den Rassismus der Vergangenheit schreibt, schreibt man auch über den Rassismus der Gegenwart.“ Und so ist „Underground Railroad“ auch gerade angesichts der aktuellen nationalistischen und ausgrenzenden Tendenzen in den USA und einigen Ländern Europas ein eminent wichtiges Buch.



Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolas Stingl. Hanser 2017. 352 Seiten. 24,00 Euro.

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 17.02.2018
Thema: Hans Blumenberg, Helmut Kiesel und Heimo Schwilk über Ernst Jünger

Auf verlorenem Posten – Zum 20. Todestag von Ernst Jünger

Biographie und Werk von Ernst Jünger stehen unter strenger normativer Kontrolle. Daran hat sich auch 20 Jahre nach seinem Tode nichts geändert. Am 17. Februar 1998 starb Ernst Jünger im Alter von fast 103 Jahren. Sein Leben erstreckte sich über ein Jahrhundert zweier Weltkriege und des Kalten Krieges, die letzten zehn Jahre lebte und erlebte er im wiedervereinigten Deutschland. Jünger wird 1895 in Heidelberg geboren und Deutschland ist, obwohl noch im Kaiserreich, in die Moderne eingetreten. Zweimal in seinem langen Leben sah er den Kometen Halley, der alle sechsundsiebzig Jahren an der Erde vorüberzieht. Für viele, die seine Zeitgenossen waren, ist es ein
provozierendes Leben im Jahrhundert der Kriege gewesen. Er hat polarisiert und fasziniert, weil er sich partout in kein Schema fügen wollte. Die Zeiten jedoch , in denen Ernst Jünger Anlass für politische Protestdemonstrationen geboten hat, wie 1982 vor der Verleihung des Goethe-Preises, sind vorüber. Inzwischen beschäftigt man sich mit ihm so kühl und sachlich, wie er einem seiner liebsten Hobbys nachgegangen ist: dem Käfersammeln. Geblieben von ihm sind ein sehr spannungs- und widerspruchsgeladenes Gesamtwerk und eine epochale Biographie. Doch auch wenn die schroffen Auseinandersetzungen um Jünger der Vergangenheit angehören, sollte man sie nicht einfach ad acta legen. Schließlich spiegeln sie auf besonders lehrreiche Weise deutsche Befindlichkeiten im 20. Jahrhundert.

Dieses unerschöpflichen Erzählstoffes haben sich Helmut Kiesel und Heimo Schwilk angenommen. Sie schildern Jüngers Leben und Werk im Kolorit des Zeithorizontes, und er ist für beide eine Jahrhundertgestalt, die wie kaum eine zweite die zentralen Wendungen und Widersprüche der deutschen Geschichte verkörpert. Schwilk macht bereits im Vorwort klar, dass Jünger zum „demokratischen Diskurs“ wenig beizutragen hat, viel aber zu dem, was „Heidegger die Existenzialien genannt hat: Zeitlichkeit, Geworfenheit, Sterblichkeit.“ Die Gewissheit, dass das Leben ein Geheimniszustand sei, dieser „romantische Grundzug seines Lebens schloss ihn weitgehend von einer Gegenwart aus, die an der Banalisierung unserer Existent tagaus tagein geschäftig arbeitet. Er verkörpert das Rätsel der deutschen Seele, deren faszinierende Eigenwilligkeit“, den Metaphysiker. Dies trifft wohl zu auf den späten Jünger, doch nicht auf den Theoretiker und Propagandisten des Krieges, der er auch war, ungerührt den Untergang prognostizierend, wie es in den 1920 erschienenen Aufzeichnungen „In Stahlgewittern“ und in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen während des Zweiten Weltkriegs geschieht. Ernst Jünger erhielt als letzter Offizier im Jahre 1918 den Kriegsorden „Pour le Merite“. Die ästhetisierenden Darstellungen von Krieg und Gewalt, die Ästhetik des Schreckens in seinem Werk brachten ihm den Ruf ein, ein Militarist und Vorbereiter des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Jedenfalls vertrat Jünger in den zwanziger Jahren extreme nationalistische Positionen, doch vom Nationalsozialismus distanzierte er sich bereits vor der Machtergreifung im Jahre 1933.

Helmut Kiesel beschreibt dies sehr genau und entwirft somit ein neues Bild des Schriftstellers jenseits von Verehrung und Verteufelung. Jünger werde zwar den Totengräbern der Weimarer Republik zugerechnet, doch solle man die Macht des Wortes nicht überschätzen. „Wenn die ‚Macht des Wortes‘ so groß gewesen wäre, wie Jüngers Kritiker es unterstellen, dann hätten auch die Reden und Schriften der prorepublikanischen Intelligenz, etwa der Brüder Mann, eine ganz andere Wirkung haben und die Republik vor dem Untergang retten müssen.“ Doch ist dies tatsächlich so? Ist es wirklich gleichgültig, ob man als Intellektueller für oder gegen die Weimarer Republik war? Thomas und Heinrich Mann sowie zahlreiche andere bedeutenden deutsche Schriftsteller zumindest sahen dies in jener Zeit völlig anders. Die Neigung der beiden Biographen, mit Jünger Frieden zu schließen, ist zwar wegen der von ihnen dargestellten Reichhaltigkeit und Tiefe des schriftstellerischen Werkes nachvollziehbar, darf aber keine moralische Indifferenz zur Folge haben. Kiesel und Schilk differieren nur in Details, ihr Gesamtwurf wird von der gleichen Intention getragen: Werk und Person Jüngers endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 1951 entstand Jüngers Essay „Der Waldgang“, der sich mit Totalitarismus und Anpassung beschäftigt. In Jüngers Roman „Eumeswil“ findet dieses schriftstellerische Nachdenken seinen Abschluss. Sowohl Kiesel wie auch Schwilk betonen, dass der Waldgänger ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit habe und sich den Automatismen der Vereinnahmung durch den Staat entziehe. Ernst Jünger macht hier allerdings keinen großen Unterschied zwischen demokratischen und autoritären Staatsformen, er verleugnet oder verkennt die tiefen Antagonismen und Differenzen. In „Eumeswil“ entwickelt er die Figur des Waldgängers zum distanzierten Beobachter weiter, der in einer Spätzeit lebt, die keine weitere Entwicklung mehr zulässt. Der Roman wird deshalb auch als „Kommentar und eine philosophie des posthistoire“ gedeutet.

Auch für den Philosophen Hans Blumenberg wird an Jüngers Werk und Person nicht weniger als die Gestalt des zwanzigsten Jahrhunderts erkennbar. Die Essays und Notizen Blumenbergs zu Jünger umfassen einen Zeitraum von vierzig Jahren. Dies ist auch das editorische Problem der Herausgeber des Buches, das auch zum Teil Unfertiges aus dem Nachlass des Philosophen umfasst, der wie kaum ein anderer auf das gelungene Konstrukt seiner philosophischen Sprache achtete. Wir lesen hier in der Werkstatt des Philosophen.  Jünger ist für Blumenberg der einzige deutsche Schriftsteller, der sich in seinem Werk unbeirrt mit dem Problem des Nihilismus, mit der „Vernichtung der Welt“ beschäftigt habe; in der Wüste, im Kriegertod, im Drogenrausch und Abenteuer, in der technisch-biologischen Konstruktion des Arbeiters. „Auf den Marmorklippen“, 1939 in Deutschland erschienen und von der gleichgeschalteten Presse totgeschwiegen, zähle zu den „wichtigsten Ereignissen der deutschen Geistesgeschichte“, so Blumenberg kurz nach dem Kriege. Die Figuren, an denen Jünger seine Zeit erfasst, der Krieger und Anarch, der Arbeiter und Waldgänger, lösen bei Blumenberg Reflektionen darüber aus, wie in einer Welt der Maschinen und Waffen, in einer Welt der Simulakren überhaupt noch zu leben sei. Hierbei findet er Verbindungen zum eigenen philosophischen Themen: Die „Lesbarkeit der Welt“ sowie die ungeheure Differenz von „Weltzeit und Lebenszeit“.
In der Essaysammlung „Das abenteuerliche Herz“, die zeitgleich mit den „Stahlgewittern“ entstand, wird eine Figur des menschlichen Schicksals beschrieben, die Jünger als „der Verlorene Posten“ beschreibt. Diese Figur befindet sich in der Lage eines Schachspielers, der sich zum langen Endspiel rüstet, obwohl er den Verlust der Partie als unvermeidlich erkennt, eine Insel inmitten drohender Niederlage und Auflösung. Sie kann dem Einzelnen das Gefühl geben, „Letztes und Endgültiges“ zu tun. Als solchen Einzelnen sah sich Ernst Jünger.

Dieter Kaltwasser

(Zum 10. Todestag Ernst Jüngers Februar 2008 im Bonner General-Anzeiger erstmals erschienen.)

Hans Blumenberg: Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 185 Seiten, 19,80 EUR. ISBN-13: 9783518584835

Helmut Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. 720 Seiten, 16,95 EUR. Pantheon, München 2009. ISBN-13: 9783570550830

Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014. 648 Seiten, 25 EUR. ISBN-13: 9783608939545

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Karsten Herrmann schrieb uns am 15.02.2018
Thema: Clemens J. Setz: Bot

Der Computer-Klon schreibt

Alexa und Siri führen heute vor, was Computer-Pioniere wie Alan Turing oder Science-Fiction-Schriftsteller wie Philipp K. Dick noch als Utopie formulierten: Ein Dialog zwischen Mensch und Maschine, die digitale Rekonstruktion eines menschlichen Hirns.

In diesem Fahrwasser hat sich jetzt der österreichische Schrift-steller Clemens J. Setz daran gemacht, ein autobiografisches Buch durch einen Computer-Klon schreiben zu lassen: „Der Autor selbst fehlt und wird durch sein Werk ersetzt.“ Grundlage dafür bildeten die gesammelten digitalen Journale des Autors, die qua Volltextsuche und entsprechende Zufallstreffer Fragen zu Werk, Leben, An- und Einsichten ihres Schöpfers beantworten. /> Literarisches Experiment

Um es vorwegzunehmen: Das literarische Experiment von Clemens J. Setz zeigt sowohl Licht wie auch Schatten und manche der digitalen Zufallstreffer und Collagen bleiben beliebig und unergiebig. Doch über weite Strecken erweist sich der Synästhetiker Setz, „der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt“, als Meister der kleinen Form. Dystopische Szenen reihen sich in diesem Buch an kleine urbane Entdeckungen, groteske Zusammenhänge an literarische Reminiszenzen und surreale Fantasien.

Aufhänger können inspirierende Apotheken, ein Hebelchen im Putz, Parkbänke, Gerüche oder Stiefmütterchen sein, die „aussehen wie Günter Grass“. Mit genauem Blick bürstet Setz das „Gewebe der Wirklichkeit“ gegen den Strich und die gewohnte Wahrnehmung, enttarnt in unserem Alltag Überraschendes und die leicht übersehenen „Glitches“, die „Fehler, Blasen und Verwerfungen“.
Höchst originell

Wie schon in seinen Romanen „Indigo“ oder „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ erweist sich Clemens J. Setz auch in „Bot“ als einer der derzeit eigenwilligsten und originellsten deutschsprachigen Schriftsteller. Alltägliches Leben, Kunst, Literatur und Philosophie fließen hier in einem spannenden Remix zusammen.

„Bot“ ist dabei insbesondere auch ein Buch für literarische Flaneure, für das ziellose Herumschweifen und beiläufige Aufsammeln. Belohnt wird der Leser durch exquisite Fundstücke, verblüffende Ein- und Aussichten und hochpoetische Miniaturen. Das „Gespräch ohne Autor“ ist, wie der digitale Setz-Klon es so schön in Bezug auf die Tagebücher Jules Renards formuliert immer wieder mal „ein Springballspender für die Seele.“

Clemens J. Setz: Bot. Gespräch ohne Autor. Suhrkamp, 166 Seiten, ISBN: 978-3-518-42786-6, 20,00 Euro.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 11.02.2018
Thema: Szczepan Twardoch: Der Boxer

Neoexpressionistische Wucht

Der Pole Szcepan Twardoch ist ein außergewöhnlicher Autor mit neo-expressionistischer Wucht und avancierten Romankompositionen. Mit dem Monumentalroman „Morphin“, der in Warschau spielt und die morbid-exzessive Atmosphäre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einfing, gelang ihm 2012 der internationale Durchbruch. Mit seinem neuen Roman „Der Boxer“ kehrt er nach seinem erdverbundenen Schlesien-Roman „Drach“ nun nach Warschau und in die Zeit der 1930er Jahre zurück.

Erzählt wird „Der Boxer“ im Rückblick von Mojzesz Bernstein, dessen Vater von dem Boxer und Mafiosi Jakub Shapiro getötet wurde: „Ich […] bin siebzehn Jahre alt und
bin kein Mensch, ich bin ein Nichts, es gibt mich nicht“. Doch dann nimmt Shapiro den jungen und bettelarmen Bernstein als Wiedergutmachung unter seine Fittiche und führt ihn in die Welt des Boxens und in die lukrativen Geschäfte des Unterweltpaten und Sozialisten  Kaplica ein.

Warschau ist schon zu dieser Zeit eine zweigeteilte Stadt: Auf der einen Seite die christlichen Polen,  die die Macht und das Geld haben, auf der anderen Seite die Juden, die in den Armutsvierteln leben und sich wie Shapiro nur durch Sport, Gewalt oder Verbrechen Ansehen und Geld verschaffen können. Im Aufstieg sind in Warschau zu dieser Zeit die Nationalisten und Falangisten, die an einem Staatsstreich arbeiten und die polnischen Juden nach Palästina vertreiben oder in Kon-zentrationslagern einsperren wollen. Hier leuchtet schon der spätere nationalsozialistische Genozid nach dem Einmarsch der Deutschen auf.

Auf faszinierende Weise verbindet Szcepan Twardoch in „Der Boxer“ den zeitgeschichtlichen Hintergrund und jüdische Lebensweise mit der Halb- und Unterwelt des Boxens und des Verbrechens – ein Leben in Saus und Braus mit viel Wodka, Kokain, Prostituierten, feinen Anzügen, schicken Autos und natürlich jeder Menge Gewalt. Schließlich will Jakub Shapiro, der trotz seiner Brutalität als Sympathieträger dargestellt wird,  aus dieser Welt ausbrechen und mit seiner Frau und seinem Sohn nach Palästina auswandern. Doch als der Pate Kaplica auf Be-treiben der Nationalisten und Faschisten inhaftiert wird und der Staatsstreich bevor steht, eskaliert die Gewalt und das Rad des Todes dreht sich immer unausweichlicher.

Wie schon in „Morphin“ erzählt Twardoch mit düsterer neo-expressionistischer Wucht und höchster Sinnlichkeit. Und zunehmend stellt er dabei die Verlässlichkeit seines Erzählers Mojzesz Bernstein in Frage, der die Geschichte scheinbar viele Jahre später in Tel Aviv auf einer „IBM Selectra II“ niederschreibt. Und so lässt er das Buch dann mit einer tragischen Überraschung enden, die noch einmal die Frage nach Schicksal, Schuld und Sühne in ein neues Licht stellt.


Szcepan Twardoch: Der Boxer. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 464 S., 22,95 Euro

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Karsten Herrmann schrieb uns am 11.02.2018
Thema: Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

Schmerzender Nachklang

In dieses Buch muss man sich erst tief hineinbohren, bevor es einen richtig packt. Bei mir war es auf Seite 106 so weit, als Haslett schreibt: Michael hatte „etwas von einem Mystiker. Es war, als blickte er gelassen ins innerste Herz der Dinge, in dem Wissen, dass es für das, was er sah, keine Worte gab.“ Aber hinter dieser Gelassenheit ist Michael von Ängsten und Befürchtungen geplagt und seine Krankheit wie auch schon die seines Vaters John bilden das schwarze Herz dieses immer intensiver werdenden Romans.

Adam Haslett erzählt über zwei Generationen die Geschichte der Familie von John und Michael: In den sechziger Jahren lernt die Amerikanerin Margaret in London John kennen, der in einer
alten vornehmen Welt aufgewachsen ist und hinter dessen geschmeidiger Fassade die Angst sein Leben zerfrisst. Das Paar siedelt in die USA über und bleibt in Boston hängen, wo es die drei Kinder Michael, Celia und Alec bekommt und John die Familie mehr schlecht als recht über Wasser hält. Auch ein Rückkehrversuch nach England schlägt fehl und zurück in den USA verschärft sich ihre Lebenssituation. John macht sich schwere Vorwürfe, dass er seine Familie ständig enttäuscht. Er fühlt sich „als Mörder“, als „ein Lebensdieb“ und sucht den letzten Ausweg: „Was ich versuche, ist unmöglich. Mich von ihnen zu verabschieden, ohne zu sagen, dass ich gehe.“

Und wie von John befürchtet, steckt die Angststörung auch in Michael und zerfrisst nun sein Leben. Nur die Musik – von Disco über Funk bis zu Techno – übertönt die Angst. Michael studiert Literatur und vertieft sich in die Leiden der amerikanischen Sklaven und die postkolonialistische Literatur und Theorie. Der Schmerz der Welt ist sein Schmerz und bald können ihm nur noch immer erhöhte Dosen verschiedenster Psychopharmaka helfen: „Mit einem Mal lag die Welt nicht mehr in den Fesseln des Grauens.“

Während Michael in Psychopharmaka versinkt, starten seine Geschwister Celia und Alec in ihr Berufsleben als Psychotherapeutin und als Journalist und finden auch in der Liebe ihr Glück. Aber dann setzt Alec alles auf eine Karte, um Michael von seiner Medikamentenabhängigkeit runterzubringen.

Adam Haslett erzählt seine Familiengeschichte wechselnd aus den Perspektiven der anfänglich fünf Familienmitglieder. Er entwickelt tiefgründige Charaktere mit Ecken und Kanten und spürt ebenso den Spannungen und Verwerfungen in diesem Familienkosmos wie auch den Glücksmomenten und einer tiefen inneren Verbundenheit nach. Mit aller Kraft versucht die Mutter Margret ihre „Welt zusammenzuhalten“, doch wie ein schwarzes Loch lauern die Krankheit und der Tod in ihr.

„Stellt euch vor, ich bin fort“ ist ein packender Familienroman jenseits aller Klischees und Romantisierung. Er zeigt sich auf der Höhe der Zeit und ihrer höchst individuellen Lebensentwürfe. Er ist einfühlsam, aber auch tough und tragisch. Und so gibt es auch kein Happy End, aber einen langen schmerzlich grundierten Nachklang.


Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt, 462 S., 22,95 Euro.

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 09.02.2018
Thema: Hans Christoph Buch: Ungestraft unter Palmen

Im Dialog mit den Schatten großer Toter

von Christoph Ludszuweit

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

Das von H.C. Buch verwendete Zitat von Alexander von Humboldt könnte als Leitmotiv seiner thematisch weit gestreuten Aufsatzsammlung Ungestraft unter Palmen. Wege zur Weltliteratur dienen. Es stellt einen Bezugsrahmen zu einer Reihe von Autoren her, welcher auch seinen eigenen literarischen Arbeiten zugrunde liegt.

In seinem Essay Die Geburt des Romans aus dem Geist der Reportage untersucht Buch ein Problem, mit er sich schon lange herumschlägt: das Unvermögen der deutschen Literaturkritik, im Grenzbereich von Fiktion und
Non-Fiction angesiedelte Romane angemessen zu würdigen, weil nicht eindeutig erkennbar ist, wo die Realität endet und die literarische Phantasie beginnt.

In seinen Poetik-Vorlesungen an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main von 1990 ging es H.C. Buch darum, Bausteine zu einer Poetik des kolonialen Blicks zu entwickeln. Er untersuchte darin die „durch die Ausweitung des geographischen Horizonts bewirkten Veränderung der Wahrnehmung und deren Niederschlag in Kunst und Literatur“ und beschränkte sich allerdings noch auf rein deutschsprachige Texte.

In seiner kürzlich vorgelegten Essaysammlung setzt er nun diese literaturhistorische Aufarbeitung unter veränderten Vorzeichen fort. Die Texte umfassen teils umgearbeitete Rezensionen und Interviews, Studien und Essays. Sie handeln immer noch davon, dass Nähe ein durchaus ferner Ort sein kann, von der „„Dialektik von Nähe und Ferne, Exotik und Provinz, deren wechselseitige Durchdringung und Vermischung das Nahe fern und das Ferne nah erscheinen lassen.“ Nun blickt Buch über den deutschsprachigen literarischen Tellerrand hinaus und betreibt Spurensuche anhand ausgewählter Beispiele aus der Weltliteratur. Querverweise zu seiner eigenen Poetik verbindet er mit spannenden Betrachtungen zu Klassikern wie Goethe und Daniel Defoe. Oder er schildert auf unterhaltsame Weise seine Begegnungen mit Schriftstellerkollegen wie Jorge Edwards, Mario Vargas Llosa und dem somalischen Autor Nuruddin Farah, der sich selbstironisch als Afrikas führender Feminist tituliert; seine Romane und Erzählungen liegen bei Suhrkamp in deutscher Übersetzung vor. Farah hatte 1980 gegen ein dilettantisch organisiertes Horizonte-Festival in Berlin protestiert,  wo die afrikanischen Autoren „wie Affen im Zoo“ vorgeführt wurden. Anfang der neunziger Jahre lernte er als DAAD-Stipendiat in Berlin Deutsch, um Goethes Faust im Original zu lesen. Buch preist ihn als einen der wenigen afrikanischen Intellektuellen, die „den Kolonialismus nicht als Vorwand benutzen, um abzulenken von Fehlentwicklungen, die durch die Kolonialherrschaft allein nicht zu erkären sind: Korruption, Brutalität und Ineffizienz, so Farah, seien ein Erbe des Clan-Systems und der afrikanischen Familienstruktur mit ihrer Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft, der Frau unter den Mann und der Jugend unter das Alter – eine Tradition, die den Übergang vom Land in die Stadt und vom Tribalismus zur Moderne erschwert.“

Ein anderes Highlight des Bandes ist H.C. Buchs Gedenkblatt für den aus Petersburg stammenden Kultautor Joseph Brodsky, der ihn von allen Dichtern, denen er begegnet ist, am tiefsten beeindruckt hat. Schon zu Beginn seiner literarischen Laufbahn hatte er in der UDSSR Lagerhaft und Verbannung durchlitten. Dreißig Jahre später, inzwischen in Greenwich Village in New York lebend,  antwortete er auf die Frage, wie er es mit der Religion halte, verneinend, er sei kein religiöser Mensch: „Ich bin ein schlechter Jude, ein schlechter Russe und ein schlechter Amerikaner, aber ein guter Poet. Ein Dichter weiß mehr über das höchste Wesen als die Kirche oder der Papst.“ Für Buch ist Brodsky ein „philosophischer, nein: ein metaphysischer Dichter, wie es ihn nach Rilke im deutschen Sprachraum nicht mehr gegeben hat....Brodskys Werk, die Essays ebenso wie die Gedichte, ist ein Dialog mit den Schatten großer Toter, deren Gedächtnis er in seiner Nobelpreisrede beschwört.““

Es geht nicht nur um Weltliteratur gestern und heute, er unternimmt auch den Versuch einer „Selbstfindung aus germanophilem Geist“,  um Dichtung und Wahrheit und um die Geburt des Romans aus dem Geist der Reportage. Buch blickt auf das wilhelminische Deutschland zurück, vor allem auf das damals schon als Mekka der Wissenschaft gepriesene Berlin. Er stößt auf frühe Vorläufer antikolonialer Kritik, erinnert an Pioniere der Entkolonialisierung wie den philippinischen Poeten José Rizal, an den amerikanischen Bürgerrechtler Dubois oder den japanischen Arzt Mori Ogai, die bei Robert Koch Medizin studiert hatten und sich von Deutschland stark inspirieren ließen. Auch ein Mark Twain war von Berlin fasziniert und galt als regelrecht germanophil;  diesem legt H.C. Buch einen (auf Daten von Twains Biographie gestützten) Monolog in den Mund, in dem schon damals Kreuzberg als Highlight hervorschimmerte:

„Höhepunkt meines Lebens aber war der Halleysche Komet, dessen Vorbeiflug ich in Gesellschaft Kaiser Wilhelms II. vom Kreuzberg, der höchsten Erhebung Berlins, aus beobachtete“, um wenig später einzugestehen: „Aber das kann nicht wahr sein, denn als der Halleysche Komet 1834 auftauchte, war ich Embryo im Bauch meiner Mutter, und bei seiner Wiederkehr am 19. Mai 1910 war ich schon tot.“

Twain verbrachte 1892 sechs Monate in Berlin, zunächst in einer Mietwohnung und dann im Hotel Royal an der Ecke Wilhelmstr./Unter den Linden, er wurde sogar Kaiser Wilhelm II als Gesprächspartner vorgestellt, über dessen Schwester er (auch ein in Berlin entstandenes) Romanfragment schuf. Aus seinem berühmten Essay, mit dem er - in gutmütigem Spott - der  ‚schrecklichen deutschen Sprache’ seines Gastlandes – wie er sie nannte – ein Denkmal setzte, las er sogar öffentlich vor einem großen und begeisterten Berliner Publikum.

Auch seinen Antipoden Rubén Darío aus Nicaragua, den Dichter des Modernismo, zog es damals nach Berlin. Beide Autoren stellt er nebeneinander, beide waren, wie der weitgereiste Buch betont, „ständig auf Achse und verbrachten mehr Zeit auf Reisen als an einem Ort....Beide kamen vom Journalismus her und hatten hunderte Artikel und Reportagen veröffentlicht, bevor sie sich der Literatur verschrieben.“

Den Grenzen von Dichtung und Wahrheit geht er am Beispiel von Daniel Defoe nach. Dieser hatte in London Auswanderer aus der Pfalz befragt, wo er die dortige Zeltstadt der ausgewanderten „Pfälzer“ besuchte, und Artikel über das immer noch aktuelle Thema der Armutsmigration veröffentlicht, bevor er zehn Jahre später als Romanautor in die Geschichte eingehen sollte. Buch konstatiert dazu völlig zu Recht: „Die Argumente pro und contra Migration haben sich bis heute kaum verändert, ähnlich wie die schon damals geführte Debatte, ob England ein Einwanderungsland sei.“

Hans Christoph Buch, Ungestraft unter Palmen. Wege zur Weltliteratur. zu Klampen Verlag, Springe 2017

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Dr. Christoph Ludszuweit
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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Karl Ove Knausgård: Kämpfen

Elektrisierender existentieller Kampf

Mit „Kämpfen“ legt Karl Ove Knausgård nun den Abschluss eines in der Literaturgeschichte wohl einmaligen und zugleich megaerfolgreichen Mammutprojektes vor: In sechs Bänden und auf über 4.500 Seiten versucht er sein Leben in der ganzen unermesslichen Bandbreite ohne literarische Überhöhung und Fiktionalisierung niederzuschreiben: Er will nicht das „‘als ob‘ der Kunst, diese[n] Abgrund, der sie von der Wirklichkeit trennt“, sondern er will „versuchen, zum Rohen und Willkürlichen dieser Realität vorzudringen.“ Von Karsten Herrmann

Alle sechs Bände kreisen dabei auch um den strengen und stets missgelaunten Vater, der die
Familie früh verließ und schließlich als Alkoholiker in Einsamkeit endete – ein Kapitel in seinem Leben, mit dem Knausgård nie wirklich abschließen kann. Daneben erzählt er über die sechs Bände hinweg von seinen Jugendfreundschaften, der ersten Liebe, dem ersten späten Onanieren, dem Studium am Literaturinstitut in Bergen oder über die Freude am Trinken, bis er sich vergisst und anderen dann vor den Kopf stößt. Und immer wieder geht es natürlich um Literatur, um Leseerlebnisse und den Kampf um das Schreiben, das ihm erst so gar nicht gelingen will.

Im sechsten Band stehen nun das Leben in der Familie mit seiner Frau Linda und den drei kleinen Kindern sowie die anstehende Veröffentlichung des ersten Bandes über den Tod des Vaters im Mittelpunkt. Er hat die Manuskripte an die darin vorkommenden Personen verschickt und wartet nun voller Furcht auf die Reaktionen – und tatsächlich überzieht ihn sein Onkel väterlicherseits mit wüsten Beschimpfungen und droht eine Klage an. Es droht eine Schlammschlacht in den Medien. Noch einmal gerät Knausgård ins Zweifeln über sein radikales autobiographisches Projekt und fragt sich, was er seiner Familie und seinen Freunden damit antut. Er martert sich mit der Frage, wie wahr seine Erinnerungen sind, wie trügerisch das Gedächtnis ist und wie viel Fiktion und Reduktion auch immer in einem noch so wahrhaftigen autobiographischem Schreiben steckt: „Ist die Welt etwas anderes, als unsere Vorstellung davon?“

In einem stetigen Wechsel zwischen den ganz kleinen Dingen des alltäglichen Lebens, der radikalen Selbstentblößung und einer stetigen literatur- und kulturtheoretischen Reflexion führt Karl Ove Knausgård sein autobiographisches Schreiben im ersten Teil des1280 Seiten umfassenden  „Kämpfen“ zur höchsten Vollendung und macht im Vergleich zu den ersten Bänden noch einen deutlichen Quantensprung. So erzählt er ebenso von Landschaften, Licht und Wolken wie vom Windelwechseln, Socken suchen, einkaufen gehen und kochen, ebenso vom vorzeitigen Samenerguss, vom besinnungslosen Saufen und einem tief bereuten Fremdgehen, vom Anschreien und Schütteln der Kinder wie auch von den für ihn so wichtigen Schriftstellern und Denkern von Shakespeare über Broch und Hamsun bis Handke. Es ist eine Poetik der Aufmerksamkeit für die kleinen und großen Dinge des Lebens, ein konzentrierter Akt der Vergegenwärtigung im zerstreuenden Nebel des Alltags.

Wie ein Meteorit schlägt in dieses Erzählen und seinem fast süchtig machenden Flow dann ein knapp 500 Seiten langer Essay ein, der von der Interpretation eines Gedichtes Celans ausgeht und über Hitlers „Mein Kampf“ (im Original heißen Knausgårds Bücher „Min Kamp 1 – 6“) zur Kartierung des geisteswissenschaftlichen Denkens zu Beginn des 20. Jahrhunderts übergeht. Es scheint, als würde Knausgård hier ein intellektuelles Vermächtnis und ein Gegengift gegen den immer wieder erhobenen Vorwurf eines banalen Alltagsrealismus in seinen Abschlussband einbrennen wollen.

Im dritten Teil des Bandes steht schließlich die manisch-depressive Erkrankung seiner Frau Linda und eine auch durch die erste Buchveröffentlichung ausgelöste Ehekrise im Mittelpunkt – ohne jedoch noch einmal diesen zwingenden Lesesog des ersten Teils  zu entwickeln. Am 2. September 2011 um 7.07 Uhr kann Knausgård seinen Roman endlich beenden und freut sich darauf zu „genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin.“

Karl Ove Knausgårds sechsbändige Autobiographie und insbesondere der letzte Band ist eine radikale Selbstvergewisserung, eine einzigartige Meditation über das Leben in seiner ganzen Bandbreite sowie über die Frage, wie man dieses Leben und das Schreiben bedingungslos miteinander verbinden kann. Dieses Projekt der Wahrhaftigkeit erstarrt dabei nie zur Pose und immer bleibt der elektrisierende existentielle Kampf des Sohnes, Vaters, Ehemanns, Freundes und Schriftstellers Karl Ove Knausgård spürbar.


Karl Ove Knausgård: Kämpfen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand 2017. 1280 Seiten. 29,90 Euro

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Omar El Akkad: American War

Düstere neue Welt

Unsere Welt ist in den letzten Jahren ins Wanken geraten und zeigt sich von vielen Seiten bedroht: Unberechenbare Staatslenker, Terror, (Bürger-) Kriege, Fluchtwellen oder Klimakatastrophe. So wundert es nicht, dass in der Literatur derzeit auch Dystopien, also die Darstellung von negativen bis apokalyptischen Gesellschaftsentwicklungen Konjunktur haben. Eine besonders beklemmende hat nur der in Nordamerika lebende und in Ägypten geborene Omar El Akkad mit „American War“ vorgelegt.

El Akkad erzählt von einem düsteren Amerika im Jahr 2075: Die Meeresspiegel sind gestiegen und haben Millionen zur Flucht ins Landesinnere gezwungen und zwischen den Nord- und Südstaaten ist ein Bürgerkrieg
ausgebrochen. Mittendrin ist die Familie Chestnut, die an einer der Frontlinien lebt und deren Vater bei einem Terroranschlag ums Leben kommt. Gemeinsam mit ihren zwei Töchtern und dem Sohn siedelt die Mutter in ein Flüchtlingslager über, wo sie sechs Jahre lang leben. Hinter Stacheldraht lernt die jüngste Tochter Sarat, die Hauptprotagonistin, eine Welt voller Gefahr, Gewalt und Leid kennen. Hier gerät sie auch in die Fänge von Albert Gaines, einem charismatischen Verführer, der ihr den Hass auf die gegnerischen Nordstaaten einpflanzt. Als das Flüchtlingscamp überfallen und ein Massaker verübt wird, kennt die überlebende Sarat nur noch einen Gedanken: Rache. Als Scharfschützin verübt sie Attentate auf hochrangige Nordstaatler – bis sie gefasst und mit jahrelanger Folter gebrochen wird. Zurück in Freiheit wird sie schließlich willfähriges Werkzeug eines teuflischen Plans, dem Millionen von Nordstaatlern zum Opfer fallen sollen.

Omar El Akkad entwirft in seinem Roman eine Welt in radikalen Umbrüchen: Während die USA in Wassermassen und verheerendem Bürgerkrieg versinken, haben sich die arabischen Staaten zur neuen Weltmacht aufgeschwungen und versuchen ihre Einflusssphäre auszudehnen. Am Beispiel der introvertierten, aber furchtlosen und verbissenen Sarat zeigt El Akkad, wie ein Mensch indoktriniert und radikalisiert und schließlich als fürchterliche Waffe eingesetzt wird. Das Ganze erzählt er in einem lakonischen, sich jeglicher Wertung enthaltenen Ton und mit zuweilen drastischen Bildern. Eine quasi dokumentarische Funktion übernehmen die zusätzlich eingefügten Berichte aus Untersuchungsausschüssen und von Zeitzeugen.

„American War“ ist ein Buch, das den Leser packt und schaudern lässt. Geschickt verbindet er in seiner Dystopie aktuelle krisenhafte Entwicklungen von der drohenden Klimakatastrophe bis zu globalen und nationalen politischen Umwälzungen in den USA. Das eigentlich erschreckende an dieser apokalyptischen Welt ist, dass sie gar nicht mehr so unvorstellbar scheint.


Omar el Akkad: American War. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer, 446 Seiten. 24,00 Euro.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

Das Glück des Friedhofs

Ganze zwei Jahrzehnte mussten die Leser nach dem Welt-Bestseller „Gott der kleinen Dinge“ auf den neuen Roman der Inderin Arundhati Roy warten. In der Zwischenzeit wurde Roy zu einer Ikone der Kapitalismuskritiker und der Anti-Globalisierungs-Bewegung und verfasste statt Belletristik politische Essays. Der Zorn über Ungerechtigkeit, Korruption, Rassismus und Gewalt sprüht so nun auch noch aus jeder Seite ihres neuen Romans, der sich insgesamt als ein Buch mit Licht und Schatten, als ein ebenso stacheliges wie anziehendes Buch entpuppt.

Im Zentrum des 550 Seiten-Romans steht der in Alt-Dehli geborene und aufgewachsene Anjum, der sich zum Schrecken der Mutter als ein Transgender mit beiderlei
Geschlechtsmerkmalen, als eine „Hijra“ entpuppt. Magisch fühlt sich Amjun von der „Khwabgah“, einem Haus der Hijras in der Nachbarschaft angezogen und wird dort in jungen Jahren aufgenommen: „Er betrat diese gewöhnliche, heruntergekommene Haus, als schritte er durch das Tor zum Paradies.“ Er, der sich als sie fühlt, wird in die Traditionen und Rituale der Gemeinschaft eingeführt und wird im Laufe der Zeit zu Dehlis berühmtester Hijra. Größtes Mutterglück erfährt sie, als sie das Findelkind Zunaib aufnimmt und in der Khwabgah großzieht. Doch auf einer Reise wird sie Opfer der antimuslimischen Stimmungsmache in Indien nach 9/11 und kommt in ein Lager, in der ihr Unsägliches widerfährt. Zurück in Dehli zieht sie sich auf den nahegelegenen Friedhof zurück und errichtet dort einen Hort der Menschlichkeit und des Glücks mit „Volksbad“, „Volkszoo“ und „Volksschule“.

In einem zweiten ausgedehnten Erzählstrang berichtet Roy vom Freiheitskampf in Kaschmir, in den vier ehemalige Studienfreunde auf verschiedenen Seiten verwickelt sind. Diabolischer Gegner der Freiheitskämpfer in Kaschmir ist  Amrak Singh, „ein Spieler, ein tollkühner Offizier, ein tödlicher Inquisitor und ein fröhlicher kaltblütiger Mörder“. Er ist in diesem Buch das Sinnbild für das Böse, das Berechnende und Zynische und wird am Ende doch seinen Preis bezahlen.

Arundhati Roy wechselt in ihren Erzählsträngen rasant die Zeiten und Räume, baut Tagebucheinträge, Briefe, Notizen, groteske Fragebögen und mäandernde Abschweifungen ein. Ihre Prosa wechselt dabei zwischen blumig-poetisch, obszön, zornig, versöhnend und mehr oder minder direkter politischer Agitation: Mit Verve klagt sie so immer wieder die Ungerechtigkeit in ihrem Heimatland an, die bitterste Armut auf der einen Seite, den unvorstellbaren Luxus auf der anderen Seite, geißelt Umsiedlungen, Betrug, Korruption und die blinde Gewalt zwischen Hinduisten und Moslems.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein zwiespältiges Buch, ein mehrfaches Zwitterwesen. Letztlich ist es ebenso monströs wie es Roys in die kapitalistische Jetztzeit katapultiertes Heimatland Indien mit seinen uralten Kastensystemen, religiösen Dogmen und finsteren Ritualen ist. Der Roman bringt den Leser zwischenzeitlich an die Grenzen des Verstehens und der Geduld, um dann aber die vielen Fäden und Ebenen zum Ende wieder erzählerisch großartig zusammenzuführen. Mit Amjums alternativem Lebensmodell auf dem Friedhof beschwört Roy die Möglichkeit eines anderen, besseren Lebens, die Möglichkeit von Glück und Menschlichkeit in einer enthemmten Welt.


Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks. Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer 2017. 550 Seiten. 24,00 Euro

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Juli Zeh: Leere Herzen

Agonie der Demokratie

Mit „Unterleuten“ hat Julie Zeh im vergangenen Jahr ein großes gesellschaftliches Kaleidoskop der deutschen Nachwende-Gesellschaft vorgelegt und dabei auf gelungene Weise die Befindlichkeiten einer Epoche eingefangen. In „Leere Herzen“ projiziert die immer wieder auch politisch aktive Schriftstellerin unsere Gesellschaft nun in eine vielleicht gar nicht so ferne Zukunft hinein, in der die Werte verfallen und unsere Demokratie auf dem Spiel steht.

Im Zentrum des Romans stehen Britta Söldner – ein sprechender Nachname – und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Ihre Firma „Die Brücke“ therapiert offiziell potenzielle Selbstmörder, die der Superrechner
„Lassie“ mit komplizierten Algorithmen aus dem Netz fischt. Die hoffnungslosen Fälle vermittelt die Firma im Hintergrund an terroristische Vereinigungen aller Art für medienwirksame und dosiert geregelte Selbstmordanschlägen. Der Terror als Dienstleitung.

Privat lebt Britta Söldner mit ihrem Mann, einem Start up-Unternehmer und ihrer Tochter in einem gesichtslosen und blitzsauberen Reihenhaus in Braunschweig, denn die Großstadt ist out, die Provinz „kein Heilmittel für den abgerockten Metropolenwahn“ und dem 21. Jahrhundert entsprechen jetzt aufgeräumte Mittelstädte.

Brittas Familie und ihre Freunde, die sich zum frühen Essen und Prosecco trinken treffen, leben in einer Zeit der „Leeren Herzen“, in der keine Werte, Träume oder Utopien mehr Orientierung geben: „Die Wahrheit ist, dass seit vielen Jahren niemand mehr weiß, was er denken soll.“ Politik erscheint ihnen wie das Wetter: „Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht.“ Und so in diesem Deutschland der nahen Zukunft auch die „Besorgten Bürger“ an der Macht, die Stück für Stück demokratische Errungenschaften abbauen.

Doch das ist nicht das Problem von Britta und Babak – ihr Problem ist vielmehr, dass sie plötzlich Konkurrenz zu ihrem solitären Geschäftsmodell bekommen und verfolgt werden. Zusammen mit der toughen und schönen Julietta, die auf ihren Einsatz als Selbstmordattentäterin brennt, fliehen sie auf das Land und decken ein Komplott auf.

Juli Zeh entwirft in ihrem Roman eine nahe liegenden und manchmal dennoch etwas plakative Gesellschaftsdystopie, in der politisches oder soziales Engagement durch soziale Medien und den sonstigen Rückzug in das Private ersetzt worden ist. In der zweiten Hälfte des Buches steht dann ein handlungsgetriebener Politthriller im Vordergrund, an dessen Ende sich die Frage stellt, ob die Demokratie mit undemokratischen Mitteln geschützt werden darf.

Julie Zeh erweist sich in „Leere Herzen“ einmal mehr als eine souveräne Erzählerin, die auch kleinere konzeptionelle Schwächen und Leerläufe in ihrem Roman souverän überbrückt und ihre Heldin am Schluss ein Stück weit zu sich selber zurückfinden lässt – mit überraschenden Konsequenzen.

    Julie Zeh: Leere Herzen. München: Luchterhand 2017, 352 S., 20 Euro. Verlagsinformationen zum Buch

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Connie Ruoff schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Simon Strauß: Sieben Nächte

„SIEBEN NÄCHTE“ VON SIMON STRAUSS
1. KLAPPENTEXT
Schließt die Augen und zerbrecht das Glas. Es ist Nacht, ein junger Mann sitzt am Tisch und schreibt. Er hat Angst. Davor, sich entscheiden zu müssen. Für eine Frau, einen Freundeskreis, einen Urlaubsort im Jahr. Er hat Angst, dass ihm das Gefühl abhandenkommt. Dass er erwachsen wird. Doch ein Bekannter hat ihm ein Angebot gemacht: Sieben Mal um sieben Uhr soll er einer der sieben Todsünden begegnen. Er muss gierig, hochmütig und wollüstig sein, sich von einem Hochhaus stürzen, den Glauben und jedes Maß verlieren.

Sieben Nächte ist ein Streifzug durch die Stadt, eine Reifeprüfung, die vor zu viel Reife schützen soll, ein letztes
Aufbäumen im Windschatten der Jugend. Simon Strauß erzählt von einem jungen Mann an der Schwelle, der alles aufbringt, um sich Gewohnheit und Tristesse zu verwehren. Er muss gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Sich dem Leben preisgeben, um sich die Empfindung zu erhalten. Im Schutze der Nacht entwickelt er aus der Erfahrung der sieben Todsünden die Konturen einer besseren Welt, eines intensiveren Lebens. »Simon Strauß erzählt von einem, der auszog, um die ewige Jugend zu suchen – und schreibt ein Buch, das so klug und berührend ist, dass man ihm auf der Stelle folgen will.« Theresia Enzensberger »Was für ein leidenschaftliches, angstfreies, traditionstrunkenes, zukunftsgieriges Kampfbuch gegen die Abgeklärtheit. Gegen die Müdigkeit der In-Spuren-Geher. Der Lebenswiederholer. Ein Pamphlet für die Offenheit der Herzen!« Volker Weidermann


2. ZUM INHALT
Die sieben Todsünden: Superbia (Hochmut), Gula (Völlerei), Acedia (Faulheit), Avaritia (Habgier), Invidia (Neid), Luxuria (Wollust) und Ira (Jähzorn).
Haben die sieben Todsünden heute für unser Leben eine Bedeutung? Welchen Sinn hat es Sünden zu begehen, nur zum Zwecke, es getan zu haben. Welches Gefühl weckt es in uns, Todsünden zu begehen. Die Fragestellung ist eine philosophische Herausforderung.


Der Hinweis auf Mephistopheles ist nicht zu übersehen. Was will Simon Strauss’Mephistopheles? Ist er auch, „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Ist er „der Geist, der stets verneint“ (Faust I)? Sein eigentliches Element ist Sünde, Zerstörung und das Böse. Wozu will er dem Erzähler-Ich verhelfen?


Es ist die Wette oder das Angebot, das Goethes Faust oder auch den biblischen Hiob mit dem Buch „Sieben Nächte“ verbindet.


Um dem Leser die Problematik aufzuzeigen, nimmt der Autor auf Geschichten aus der Bibel, wie den Turmbau zu Babel (11. Kapitel Genesis oder Mose 1) oder das jüngste Gericht Bezug. Auch „I have a dream“ von Martin Luther King fehlt nicht. Ich habe, beiweitem, nicht alles notiert, es gibt noch viele Bezüge zu finden. Das Buch erinnert mich an ein Bilderrätsel oder Wimmelbuch. Ein Blick reicht nicht. Das Buch bedarf der innigen Suche nach der Bedeutung.


Am besten gefallen mir die Gedanken zur Faulheit, besser vielleicht Trägheit. Spielen wir nur eine Rolle? Sind wir angepasst und uniform? Ist es wieder Zeit für eine Aufklärung: „Sapere aude“. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Aus (Was ist Aufklärung? Von Kant). Sind wir zu faul, uns unseres Verstandes zu bedienen?

Wollen wir keine Entscheidungen treffen, um keine Möglichkeit, abzulehnen. Aber sich auf nichts festzulegen, macht auch nicht glücklich. Wir geraten ohne Richtung in ein Labyrinth.

Auch das Kapitel Luxuria – Wollust ist mit wenigen Worten so dicht geschrieben, weil er den Leser an Werke, wie Eyes Wide Shut, schöner Gigolo, armer Gigolo, kleiner Mann was nun? oder Regisseure wie Visconti und Buňuel erinnert. Der englische Lyric von „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ passt genau. Die letzte Zeile lautet: „As life goes on, without me“. Durch das Hervorrufen von Empfindungen beim Hinweis auf diese „geistigen Artefakte“ beschreibt er uns das gesamte Ausmaß der Wollust. Beeindruckend!

5/5 Punkten



3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Simon Strauss nutzt die Gewalt der Sprache und lässt den Leser betäubt zurück. Schöne Worte aus Buchstaben zusammengesetzt, haben die Bedeutung des Begriffes. Aber das genügt dem Autor nicht. Die Konnotation, die die Worte begleitet, hat eine zusätzliche Bedeutung. Auch die Kunst, Metaphern bildgebend anzuwenden, beherrscht Simon Strauss virtuos. Wie ästhetisch und klar seine Sprache ist, kann man sehen:

„Die Palme hier im Saal ist eine sehr kleine Schwester. Schüchtern steht sie in der Ecke, lässt sich von den Gästen betasten. Aber ihre Äste bewegen sich dabei nicht. Umarmungen bedeuten ihr nichts.“ S. 102. Kapitel Luxuria – Wollust.

5/5 Punkten



4. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Sieben Nächte“ von Simon Strauß hat 144 Seiten, einen festen Einband und ist am 08.07.2017 unter der ISBN 9783351050412 bei Blumenbar, im Genre Romane erschienen.

Das Cover zeigt einen Mann im Alter des Erzähler-Ichs, dem man ansieht, dass er in einer für ihn schwierigen Situation steckt. Es ist vielleicht ein Selbstbildnis. Dieser fragende Blick ist unbeschreiblich. Als ob er dem Leser genau in die Augen schaut. Wahrscheinlich ist das Original gemalt.

Das kleine Buch ist hochwertig verarbeitet. Ein Kleinod, das jedes Buchregal schmückt.

5/5 Punkten

5. FAZIT
Simon Strauss geht von einem sehr belesenen und bibelfesten Leser aus. Er deutet vieles in Verweisen oder Bildern an. Wenn der Leser keinen Bezug zu Bild oder Werk hat, fällt es ihm schwer, die Atmosphäre wahrzunehmen.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Man muss sich darauf einlassen und vielleicht auch einmal im Internet nachlesen (Google weiss alles), um die Hinweise aufzudecken. Aber es lohnt sich. Simon Strauss zeigt die sieben Todsünden in allen Schattierungen. Sicherlich haben sie inzwischen einen Bedeutungswandel vollzogen, aber sie sind dicht bei uns.

Die Frage ist, hat dem Erzähler-Ich die Reise durch die Abwege der Todsünden bei seinem Problem der Alltäglichkeit und Belanglosigkeit geholfen? Das muss der Leser selbst entscheiden.

Es ist ein Buch, das bleibt. Es ist unmöglich, es zu lesen, ohne sich seines Verstandes zu bedienen. Eine eindeutige Leseempfehlung!



@Aufbauverlag und Blumenbar
Vielen Dank für das traumhaft schöne Rezensionsexemplar! Die Leserunde bei lovelybooks hat viel Spaß gemacht.

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Nell Zink: Nikotin

Gefühlvoll, spöttisch und obszön

Mit ihrem ornithologisch grundierten Ehe- und Ent-wicklungsroman  „Mauerläufer“ fand die Debutantin Nell Zink vor gut einem Jahr in der Literaturkritik viel Beachtung als frische, originelle Stimme. Die 1964 in Kalifornien geborene Zink ist dabei sowohl literarisch wie geographisch eine Grenzgängerin: Nach ihrem Studium in den USA promovierte sie in Tübingen in Medienwissenschaft und lebt heute in Bad Belzig. Ihr Sujet findet sie aber in ihrem Geburtsland.

In „Nikotin“ erzählt Nell Zink von einem besetzten Haus in Jersey City und seinen schrägen Bewohnern. Zu ihnen stößt die junge Penny, die nach dem langsamen Tod ihres Vaters Norm kein
Geld hat und Orientierung sucht. Das besetzte Haus ist das Haus ihrer Großeltern väterlicherseits und sie selbst ist die Tochter eines von ihrem Vater adoptierten Straßenmädchens aus Kolumbien, die jetzt als erfolgreiche Investmentbankerin arbeitet. Komplettiert wird die schräge Patchworkfamilie durch zwei Stiefbrüder von Penny.

Das von einer letzten Legion Raucher besetzte Haus „Nikotin“ gehört zu einem Kreis von weiteren besetzten Häusern mit verschiedenen Motti wie Alternative Energien, Veganes Essen oder Esoterik und in dieser Community versammeln sich Anarchisten, Hippies, Nerds, New Age-Jünger und eine große geschlechtlich-sexuelle Vielfalt von Hetereros über Bis und Transvestiten bis hin zu Queers und Asexuellen. Einer aus der letzteren Kategorie ist Rob, in den sich Penny verliebt und den sie mit Engagement zu verführen sucht. Doch das gemeinschaftliche und gutmenschbeseelte Leben im „Nikotin“ gerät in Gefahr, als Pennys macht- und geldgieriger Stiefbruder Matt ins Geschehen eingreift und alles durcheinanderwirbelt.

Nell Zink erweist sich auch in „Nikotin“ als eine äußerst originelle literarische Stimme, die furios auf einer Klaviatur zwischen tragikomisch, gefühlvoll, spöttisch, grotesk und obszön spielt und den Roman wie eine Srewball-Komödie immer schneller vorantreibt. Mit Lust und Ironie spiegelt sie dabei auch die sich ausdifferenzierenden intellektuellen Westküstendiskurse mit ihrem Kampf für Minderheiten- und Tierrechte, Antidiskriminierung, Gender  und überhaupt eine bessere Welt wieder. Doch diese gesellschaftspolitische und diametral zu Trump und seinen Wählern stehende Dimension gerät in der zweiten Hälfte des Romans aus dem Blick und alles dreht sich nur noch um Sex und Liebe zwischen den Protagonisten und den vielen Nuancen dazwischen. So reicht es nicht ganz für einen wirklich guten Roman, aber unterhaltsam und lesenswert bleibt „Nikotin“ allemal.


Nell Zink: Nikotin. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Rowohlt, 400 S., 22,95 Euro

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Connie Ruoff schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Han Kang: Menschenwerk

„MENSCHENWERK“ VON HAN KANG

1. KLAPPENTEXT

„Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin. Und Sie, ebenso ein Mensch wie ich, welche Antworten können Sie mir geben?“
Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert? Han Kang beschreibt in ihrem neuen Roman, wie dehnbar die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit sind. Ein höchst mutiges Buch und ein brennender Aufruf gegen jede Art von Gewalt.
»Han Kang zu lesen ist wie in einen Strudel aus Brutalität und Zärtlichkeit geworfen zu werden, aus dem man
durchgeschüttelt, perplex und tief bewegt wieder auftaucht.« Doris Dörrie


2. ZUM HÖRBUCH

Das Hörbuch ist eine ungekürzte Ausgabe und ist am 15. September 2017 bei Finch&Zebra erschienen. Es hat eine Spieldauer von 6 Stunden und 10 Minuten. Du findest es auf der Plattform bei Audible, in BookBeat und in Scribd. Natürlich ist das Hörbuch auch für 12,99 € im Handel erhältlich.

Die Übersetzungen sind beide von Ki-Hyang Lee, dennoch sind sie nicht identisch. Ich glaube, die kleinen Änderungen wurden gemacht, damit es melodischer klingt. Ich höre gerne beim Lesen zu und dabei fiel es mir gleich auf. Inhaltlich unterscheidet es sich eher nicht.

Gesprochen von Rike Schmidt
Einige kennen Rike Schmidt als Schauspielerin. Sie spielte an der Seite von Maximilian Schell die Hauptrolle in der ZDF-Serie „Der Fürst und das Mädchen“.

3. ZUR AUTORIN

Die koreanische Autorin Han Kang war zu der Zeit des Massakers neun Jahre. Jahre später hat sie ein Fotobuch über den Aufstand bei ihrenth Eltern gefunden.Nähere Angaben zur Autorin findest du hier.

4. ZUM INHALT

Han Kang beschreibt Geschehnisse des Gwangju-Aufstandes vom 18. Mai bis 27. Mai 1980, der mit einem Studentenaufstand gegen die herrschende Militärtjunta begann.

Die Tatsache, dass Krieg verroht, ist wohl wahr. Dennoch beschreibt „Menschenwerk“ Folterszenen, die von Männern an Frauen begangen wurden, die jenseits der Vorstellungskraft liegen. Leichen werden wie Abfall entsorgt. Unbewaffnete Menschen werden von Scharfschützen getötet. Manche sind noch halbe Kinder. Empathie auf militärischer Seite ist nicht vorhanden.

Das Buch ist grausam. Nein! Das Buch schildert wie grausam Menschen sein können und auch sind. Die Brutalität versteckt in schönen Worten ist kaum zu ertragen. Die Sätze und die Bilder im Kopfkino lassen dich nicht mehr los.

Aber es gibt eben auch die anderen Opfer, die Verfolgten, die sich untereinander verbünden, einander trösten, an einander Anteil nehmen und wieder und wieder bereit sind, für die Freiheit ihr Leben zu riskieren.

5/5 Punkten

5. PROTAGONISTEN

Dong-Ho kümmert sich um Opfer, um Leichenberge. Militärs überschütten sie und entzünden sie. Die Autorin beschreibt genau, wie der menschliche Körper reagiert. Sie lässt auch Seelen der Toten sprechen. Warum ist der Mensch dazu fähig, seinem Nächsten solche Gräueltaten anzutun?

Im zweiten Kapitel versucht die Seele des Getöteten, das Geschehen zu verstehen.

Ein Junge sucht die Leiche seines Freundes. Man spürt Trauer, Fassungslosigkeit. Wie soll man weiterleben? Warum ist der Freund tot? Warum wurde man selbst verschont!

Warum tut Keiner was dagegen?

Han Kang erzählt die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkel und dennoch ist ihnen gemeinsam, dass es immer die Blickwinkel der Opfer sind. Die Episoden sind aus unterschiedlichen Zeiten und zeigen, dass dieses Massaker noch bis heute in den Menschen nachwirkt.

5/5 Punkten

6. SPRACHLICHE GESTALTUNG

Die Sprache von Han Kang ist ein Gemälde der Ästhetik. Ich habe das Gefühl, dass die Autorin die Gewalttaten mit der Schönheit der Sprache bekämpft.

Die Seele, die mit dem Jungen spricht, ist sicherlich eine ungewöhnliche Art des Erzählens. Die Seele, die den Jungen mit du anspricht. Han Kang präsentiert die einzelnen Episoden in sich voneinander unterscheidenden Schreibstilen und aus mehreren Opferperspektiven.

5/5 Punkten

7. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

„Menschenwerk“ von Han Kang, übersetzt von Ki-Hyang Lee, hat 224 Seiten, einen festen Einband und ist am 15.09.2017 unter der ISBN 9783351036836 bei Aufbau Verlag im Genre Romane erschienen und kostet 20 €.

Auf dem zartgelben Cover ist eine Elster, die auf dem Skelett eines menschlichen Torsos sitzt, zu sehen und darüber wurden Blätter eines Ginkgobaumes gestreut.

Der Titel Menschenwerk sagt den Inhalt aus. Das ist das Werk von Menschen. Unglaublich aber wahr!

5/5 Punkten

8. FAZIT

Das Buch und der Schreibstil haben mich tief beeindruckt. Sicherlich keine leichte Kost!

Große Leseempfehlung!

@NetGalley und Aufbau Verlag
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.





WDR3 Podcast

Deutschlandfunk Kultur Podcast

Connie’s Schreibblogg https://schreibblogg.de

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Connie Ruoff schrieb uns am 31.01.2018
Thema: Robert Menasse: Die Hauptstadt

„DIE HAUPTSTADT“ VON ROBERT MENASSE


1. üZUM INHALT

Der Wiener Autor Robert Menasse erhielt 2017 den Deutschen Buchpreis. Mit diesem Preis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. „Die Hauptstadt“ war der Sieger.

Robert Menasse gibt uns in „Die Hauptstadt“ 235 mal die Buchstabenfolge SCHWEIN zu lesen. Dennoch geht es keineswegs um Tiere. Er zeichnet uns eher ein Psychogramm unserer Zeit. Er lässt die Geschichte in der fiktiven Welt der Europäischen Union spielen. Trotzdem läuft in Brüssel eine nicht identifiziertes namenloses Schwein durch die Straßen. Das Schwein als
Metapher? Was will der Autor damit sagen?

Der Leser erfährt viel über chinesische Essgewohnheiten, den Mangel an Schweinsohren, Schweinehandel, den Dissens über einen Ausbau der Schweineproduktion, Stilllegungsprämien und die Haltung zu Tierschutz.

Die Verknüpfung der EU mit Auschwitz ist ungewöhnlich, aber nachvollziehbar. Es erinnert uns wieder an unsere Geschichte

Der Autor zeigt uns Episoden, die den Leser auf unsere zeitgenössischen Probleme hinweisen, mit denen wir kämpfen: BREXIT, Flüchtlinge, Euro Krise, wachsender Rechtspopulismus und Terrorismus.

In diesen Episoden hat der Autor einen Mordfall versteckt, der jedoch nur die Aufgabe hat, den Verschwörungstheoretiker im Leser zu wecken.

5/5 Punkten

2. PROTAGONISTEN

Robert Menasse hat seine Charaktere liebevoll gezeichnet. Sie haben eine vollständige Vita. Der Leser erfährt ihre Vergangenheit und welche Pläne sie für die Zukunft schmieden. Sie Alle suchen Anerkennung und Liebe – sie folgen „the Pursuit of happiness“!



Fenia Xenopoulou, eine Zypriotin ist äußerst ehrgeizig. Sie ist Kommissarin des Bereichs „Kultur“. Durch einflussreiche Kontakte versucht sie, ihre Versetzung zu erreichen.



Martin Susman, einer der Mitarbeiter des Fachbereichs Kultur, wird mit der Ideenfindung zur Jubiläumsveranstaltung beauftragt. Er besucht im Rahmen einer Dienstreise Birkenfeld und Auschwitz. Dort hat er das folgende Erlebnis.

„Zwei Jugendliche sprechen Türkisch. Ein Lehrer fordert sie auf, hier nicht Türkisch zu sprechen, einer antwortet: Genau hier sprechen wir nicht deutsch.“
Martin Susmans Vater war Schweinebauer. Sein Bruder Florian machte aus dem väterlichen Betrieb den größten Schweinemastbetrieb Europa und versucht in Brüssel auf Martin politischen Einfluss zu nehmen und seine Interessen durchzusetzen.

„Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil ist Susmans Lieblingsbuch. Was soll das über ihn aussagen?



Professor Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, trauert seiner großen Liebe nach.

Eine sehr schöne Stelle im Buch: Eines morgens wandte er sich seiner Frau zu und „plötzlich in größter Erregung spürte er es: Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten.“
Zwei Jahre später stirbt seine Frau.



Kommissar Brunfaut muss aus politischen Gründen, die Ermittlungen in einem Mordfall, niederlegen. Nicht einmal mehr die Akten des Falls sind auffindbar.



Der Leser lernt David de Vriend kennen, als er gerade seinen Hausstand auflöst, um in ein Altenheim zu ziehen. Robert Menasse zeigt uns, dass David de Vriend mit dem Fortschreiten der Demenz zu kämpfen hat. Er hat in seinem Zimmer ein Notizblatt, auf dem Namen der Menschen geschrieben sind, die er kennt oder kannte. Sobald einer dieser Menschen stirbt, streicht er den Namen durch. Auch sein Name steht darauf.

Es fällt ihm schwer, sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Er floh als Kind vom Deportationszug, der seine Eltern in den Tod fuhr. Er ist einer der letzten Zeitzeugen.



Außerdem gibt es noch den Auftragskiller, der im Namen des Herrn tötet.



Sie alle sind die Schauspieler in „Die Hauptstadt“. Sie haben dem bürokratischen Moloch Europäische Kommission Leben eingehaucht.

5/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG

Robert Menasse zeigt hier einen für die Belletristik außergewöhnlichen Schreibstil. In einer dialektischen Erzählweise, oder einem Diskurs ähnlichen Stil, offenbart uns der Autor die Charaktere und die Themen des Romans.

Dadurch sieht der Leser nicht nur die Entscheidungen seiner Protagonisten, sondern auch, deren Beweggründe und die Abwägung derselben. Der Leser kommt dem vermeintlichen Menschen hinter den Figuren sehr nahe.

Termine für Lesungen von Robert Menasse.

5/5 Punkten

4.  COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

„Die Hauptstadt“ von Robert Menasse hat 459 Seiten, einen festen Einband und ist am 11.09.2017 unter der ISBN 9783518427583 bei Suhrkamp im Genre Romane erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,00 € und als ebook Text 20,99 €.

Das Cover ist weiß. Eine Häuserlinie ist angedeutet. Der Titel und der Autor werden durch das geradezu minimalistische Cover hervorgehoben. Auf die Fakten beschränkt!

5/5 Punkten

5. FAZIT

Robert Menasse hat den Focus auf europäisches Zeitgeschehen gerichtet. Er zeigt es uns, in Handlungen seiner Protagonisten oder Auswirkungen auf dieselben. Es ist ein wenig, wie Zeitung lesen. Es sind Meldungen aus dem Tagesgeschehen mit denen er uns an Dinge, wie das Widerstandrecht aus Artikel 20 Absatz 4, mit dem Motto „Resistance is possible“, erinnert. Die für das Buch erbrachte  vierjährige Rechercheleistung ist unbeschreiblich.

Mit „Die Hauptstadt“ ist es dem Autor gelungen, durch seine teils ironische Blickweise, der Rieseninstitution „Europäische Kommission“ eine menschliche Seite zu verleihen.

Der Autor zeigt, dass er „Show it, Dont Tell it!“ absolut beherrscht. Das Buch ist eine Freude zu lesen.

@Suhrkamp und NetdalleyDE
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

Connie’s Schreibblogg https://schreibblogg.de

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Connie Ruoff schrieb uns am 31.01.2018
Thema: Hannah Arendt: Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen

„WIE ICH EINMAL OHNE DICH LEBEN SOLL, MAG ICH MIR NICHT VORSTELLEN“ VON HANNAH ARENDT

1. KLAPPENTEXThannah arendt cover briefe

Freundschaft, so Arendt in ihrem Denktagebuch, gehört zu den »tätigen Modi des Lebendigseins«, und Briefe sind deren herausragende Zeugnisse. Dieser Band versammelt weitgehend unveröffentlichte Briefwechsel der politischen Philosophin mit ihren langjährigen Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil-Mendelsohn und Helen Wolff. Neben den gemeinsamen Projekten prägte die Freundschaften auch, dass alle Frauen die Wirklichkeiten von Emigration und Immigration kannten. Die Briefwechsel führen mitten hinein in Arendts Gedanken- und Arbeitswelt, sie
erzählen Privates und Alltägliches aus fünf sehr unterschiedlichen, intensiv gelebten Freundschaften.


2. ZUR PERSON HANNAH ARENDT



1924 lernte Hannah Arendt in Marburg Martin Heidegger kennen. Sie hatte ein Verhältnis mit den 16 Jahre älteren Familienvater. 1926 wechselte sich nach Freiburg zu Edmund Husserl und dann nach Heidelberg zu Karl Jaspers. Bei ihm promovierte sie über den „Liebesbegriff bei Augustin“. Auch Hans Jonas arbeitete dort über Augustinus.

Hannah Arendt heiratete Günther Stern bzw. Anders (Die Antiquiertheit des Menschen). Das Ehepaar flüchtete 33 nach Berlin. Dort wurde Hanne Arendt durch die Gestapo festgenommen und acht Tage inhaftiert. Heidegger trat im gleichen Jahr der NSDAP bei. Hannah Arendt erlebte somit selbst die „Entfremdung von Feinden“. Sie emigrierte ohne Papiere nach Paris. 1937 ließ sich das Ehepaar Arendt/Stern scheiden.

1937 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. In Paris war sie Teil der Gruppe (Walter Benjamin, Erich Cohn-Bendit und Kurt Heidenreich und weitere) um Heinrich Blücher, ihren früheren Kommilitonen, den sie 1940 heiratete.

Im gleichen Jahr wurde das Ehepaar zusammen mit anderen interniert. Sie galten als feindlichen Ausländer. „Freunde internieren dich, Feinde schicken dich ins Konzentrationslager“.

Sie konnten flüchten und reisten über Lissabon aus. Walter Benjamin tötete sich selbst. In New York fand das Ehepaar eine Heimat. Hannah Arendt betrachtete sich selbst als „Amerikanerin“.

Eine wichtige Rolle fand sie als als Reporterin der Zeitschrift „The New Yorker“ in Israel beim Eichmann Prozess. Daraus gingen Reportagen und auch eines ihrer bekanntesten und bis heute umstrittesten Werke „Die Banalität des Bösen“ hervor Sie polarisierte. Dies und ihre Darstellung der Rolle der Judenräte eckte vor allem in Israel außerordentlich an. Langjährige Freunde wie Blumenfeld wandten sich von ihr ab. Ich empfehle hierzu den Film „Hannah Arendt“ von Margaretha Trotta mit Barbara Sukova.
Der interessierte Leser entdeckt in diesem Film auch Charlotte Beradt und lernt ein wenig vom „Mythos Hannah Arendt“ kennen. Das Buch zum Film findest du auch bei Piper, sowie zahlreiche weitere Bücher zum Thema oder von Hannah Arendt

3. ZUM INHALT

Ich habe Hannah Arendts Leben im vorigen Punkt zusammengefasst, weil es mir wichtig erscheint, was in ihrem Umfeld geschah, wo sie war, welche Erfahrung sie gemacht hat und in welcher Gefahr sie schwebte. Sie lebte viele Jahre damit, verfolgt zu werden, verlor Freunde an das System. Nur so kann man ermessen, welche Bedeutung „Freundschaft“ für Hannah Arendt hat. Nachzulesen in ihrem „Denktagebuch“.

Die Herausgeberinnen Ingeborg Nordmann und Ursula Lutz editierten die Briefen hervorragend und immer unter Arendts Begriff der Freundschaft. Namen wie Karl Jaspers, Martin Heidegger oder Blumenfeld kennt der Leser im Zusammenhang zu Hannah Arendt. Die Absenderinnen der hier veröffentlichten Briefe sind weniger bekannt. Deswegen gefallen mir die kurzen Biografien der Damen zur Einführung. Es sind private Briefe.

Die Briefe sind von unterschiedlichen Freundinnen, die mit ihr gemeinsam den Status der „Verfolgten“ hatten.

Ich war enttäuscht, dass es sich nur bei Hilde Fränkel um einen Briefverkehr handelt, bei den anderen sehen wir die Briefe der Freundinnen, aber wenig von Hannah Arendt. Dennoch zeigen die Briefe, in in welchem Verhältnis Hannah Arendt zu ihnen stand. Allerdings sagen die Briefe weniger über Hannah Arendt aus als über die Zeit, das Leben in dieser Zeit und über die Freundinnen.

5/5 Punkten

4. BRIEFE VON

Rose Feitelson (Briefe 1952 bis 1963) und Helen Wolff Briefe 1954. Der nachfolgende Briefverkehr, wenn auch einseitig, ist wirklich sehr intim, besonders die Briefe von oder an Hilde Fränkel haben mich sehr berührt und ich fühlte mich als unerwünschter Lauscher.

ANNE WEIL (BRIEFE 1945 BIS 1975)

160 Seiten an Briefen. Anne Weil ist die Jugendfreundin aus Königsberger Zeiten. Arendt bezeichnet ihre Beziehung zu Anne sei „wie ein warmes Tuch über den Schultern“. Es war eine sichere beständige Freundschaft ohne Risiken.

HILDE FRÄNKEL (BRIEFE 1949 BIS 1950)

Hilde Fränkel bekämpft zu dieser Zeit mit Tapferkeit ihre Krebserkrankung.
Der Ton ist der völlige Gegensatz zu Anne Weil:
Die Briefe von Hilde Fränkel sind voll stürmischer Gefühle.

Fränkel zu Arendt: „Du bist der einzige Mensch in meinem Leben, zu dem ich voll und ganz ja sage. Entweder fehlt das Menschliche oder das Geistige Du hast alles in vollstem Maße.“

Arendt antwortet: „Wie ich einmal ohne dich Leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“.

Man braucht nicht viel Vorstellungsvermögen, um die Tiefe dieser Freundschaft zu empfinden. Das ist Liebe.

Aber wie gesagt, genau bei diesen Briefen kam ich mir, wie ein Voyeur vor.

CHARLOTTE BERADT (BRIEFE 1955 BIS 1976)

Charlotte Beradt hatte mit Heinrich Blücher, Arendts zweitem Ehemann, schon vor ihrer Freundschaft mit Hannah Arendt, ein Liebesverhältnis. Dies weitete sich zeitweise in eine „Menage a trois“ aus. Charlotte war die, die Blücher und Arendt ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat gab. Sie sorgte für beide.

5/5 Punkten

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

„Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“ von Hannah Arendt, herausgegeben von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann hat 688 Seiten, einen festen Einband und ist am 01.12.2017 unter der ISBN 978-3-492-97837-8 bei Piper unter dem Genre Biografien erschienen und kostet 28,99 €.

Das Cover ist ein sehr apartes Foto der jungen Hannah Arend. In Interview aus den 60er oder 70er Jahren wirkt sie auf mich um einiges härter.
Die editorischen Notizen am Schluss des Buches und die Einführungen zu den unterschiedlichen „Briefwechseln“ gefallen mir gut. Man erfährt einige Eckdaten der Brieffreundinnen und erkennt die Gemeinsamkeiten oder auch Unterschiede, das erleichtert das Verständnis.

5/5 Punkten

6. FAZIT

Die Briefe sind Zeitdokumente einer Zeit vor meiner Geburt. Die Briefe waren für mich Farbklekse auf eine Tabula rasa, einer leeren Tafel, deren Gesamtheit ein dunkles Abbild dieser Zeit mit kleinen strahlenden Punkten, die den Mut und die Tapferkeit im Alltag der Emigration und Immigration der Frauen darstellen.

Ich möchte betonen, dass diese Rezension keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit hat. Hannah Arendt hätte noch viele weitere Seiten Ausführung verdient, aber das würde den Rahmen sprengen. Deswegen dieser kleine Ausflug in „Hannah Arendts Welt“.

@netgalley und Piper
Vielen Dank für dieses bemerkenswerte Rezensionsexemplar! Die Briefe sind wahrlich Zeitzeugen!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.



Connie’s Schreibblogg ää

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Alexandra Richter schrieb uns am 01.01.2018
Thema: Lorenz Jäger: Walter Benjamin

Brauner Schnee von gestern
Wider die neueste Walter-Benjamin-Biographie

„Porträt eines jüdischen Bolschewisten“ wäre sicher der zutreffendere und die Katze gleich aus dem Sack lassende Untertitel für dieses dem „Leben eines Unvollendeten“ gewidmete Buch gewesen. Neues biographisches Material wird nicht vorgelegt. Stattdessen zeichnet Lorenz Jäger Walter Benjamins Denken entlang der beiden als Schimpfwörter und nicht als theologisch-politische Kategorien gefassten Bezeichnungen nach. Einerseits beschäftigt den Autor die als Rätsel und Geheimnis verpackte Frage, was denn „das Jüdische“ sei, mit der Benjamins intellektuelle Leistung von der Geschichte der deutschen Philosophie
losgekoppelt und als kabbalistische Spintisiererei abgetan werden soll. Zugleich warnt Jäger vor der angeblich unerkannt in Benjamins Schriften schlummernden Gefahr eines Aufrufs zu Klassenkampf und Weltrevolution. Der Bogen spannt sich so von einer perfiden Zu- und Festschreibung jüdischer Identität aufgrund von Herkunft und Physiognomie (der Beruf des Vaters nicht weniger als Benjamins Gesichtszüge und Körperhaltung) zu der absolut haarsträubenden Hitlerschen Gleichsetzung von Juden, dekadenten Literaten, Deserteuren, Vaterlandsverrätern und Kommunisten. Dass solche Behauptungen als Argumente in Deutschland im Jahre 2017 öffentlich ins Feld geführt werden können, ohne einen größeren Skandal zu erregen – Micha Brumliks Stellungnahme in der taz und eine Besprechung von Harald Loch in der Jüdischen Allgemeinen waren seltene kritische Echos –, mutet erst einmal gespenstisch an.
Es beginnt mit Benjamins allererstem Text, einem Märchen, aus dem Jäger nur ein Motiv herausliest: den Kaufmann, die Hauptfigur der Erzählung, ein zweiter Ritter Blaubart, der als die jüdische Vatergestalt identifiziert wird. Dessen Haus, das einzige, das nicht unter dem Schutz eines Heiligen steht, wie auch dessen internationale Tätigkeit, kurz das "Anderssein" des Kaufmanns, das die spannungsgeladene Atmosphäre im Text erzeugt, sind für Jäger Ausdruck des jüdischen Unangepasstseins, der nicht gelungenen und deswegen unheimlichen Assimilation. Seine Interpretation - "Abstrakt und monumental wird ein jüdischer Händler skizziert" (S. 12) und die Gleichsetzung von verbotenem Zimmer (dem beim Händler wohnenden Mädchen wird der Zugang zu dem oberen Zimmer ausdrücklich untersagt) und angeblichem Tabu von Benjamins jüdischer Herkunft (S. 13) - ist nur das erste Beispiel eines immer wiederkehrenden Schemas dieser radikal voreingenommenen Lektüre. Dazu gehören auch Belege durch historische Standardwerke für antisemitischen Stereotypen. Sie sollen z.B. dem „internationalen Prinzip des Jüdischen“ einen wissenschaftlichen Anstrich geben: „In einer Umwelt, die durch ihr Alter ausgezeichnet ist und in traditionellen Bahnen ihren Handel betreibt, vertritt dieser Kaufmann ein anderes Prinzip, das internationale, das des Fernhandels im großen Stil, durch den exotische Waren ins Land kommen. Damit wird das Jüdische angedeutet“ (S. 12). Die Passage verweist in der Fußnote auf das Handbuch der europäischen Geschichte. Noch problematischer ist das Zitieren kritischer jüdischer Stimmen, die judenfeindlich umgemünzt werden. So soll zum Beispiel eine inoffizielle „Berufsstatistik“ von Benjamins Freund, dem Historiker des Judentums Gershom Scholem, einen Satz wie „der Kaufmannsberuf aber war zu dieser Zeit für deutsche Juden typisch“ (S. 14) legitimieren. An anderer Stelle fragt sich Lorenz Jäger, warum die Benjamins Weihnachten feiern, „obwohl Christi Geburt an sich für Juden kein Fest sein kann.“ (S. 18). Der Autor lässt durchblicken, dass Juden nicht wirklich Christen und daher auch nicht Deutsche sind. Ihre Anpassung an christliche Bräuche und deutsche Kultur ist vorgetäuscht und geheuchelt.
Perfide ist auch die Art und Weise, wie Stellen aus Werk und Zeugnissen zusammengestellt werden. Kein missliebiges Urteil von Freunden oder Bekannten wird ausgelassen: Benjamin ist ein Schuft, der seine Freunde verrät (S. 40), ein Simulationskomödiant, der sich vorm Kriegsdienst drückt (S. 45), ein Vaterlandsverräter (S. 86), ein Jude mit Adlernase, in dessen Gesicht die List des Weisen zu lesen war (S. 47), der Angehörige des „Pariavolkes“ (S. 48), der mit der Hure solidarische Literat (S. 32). Der dahinter stehende ideelle Gewährsmann wird in der dazugehörigen Fußnote genannt: „Für Hitler waren  und  meist synonym. Die russische Revolution habe  gesichert“ (S. 346). Es ist kaum zu glauben: Hier wird Mein Kampf in der Ausgabe von 1943 zitiert und als Argument herangezogen.
Durch dieses Prisma werden nun die verschiedenen Stationen von Benjamins Lebensweg „neu“ beleuchtet: Tatsächlich (und zum Glück) sind der Forschung die so aufgezeigten „Parallelen“ bisher entgangen, wie zum Beispiel, dass es seit dem Vormärz „Jüdische Kritiker der deutschen Literatur“ gab (S. 91). An einer solchen Feststellung ist erst einmal nichts auszusetzen. Nur ist der von Jäger daraus gezogene Schluss paranoid: Benjamin mache in seiner Dissertation die (jüdische) Kritik stark, um die (deutsche) Dichtung anzugreifen. In dieser „Selbstermächtigung des Kritikers und Prosaisten gegenüber dem Dichter“ (S. 92) erkennt der Biograf eine verborgene Strategie, ein jüdisches Komplott. Auch die grundlegende Idee der Frühromantiker, die Benjamin in seiner Promotion herausarbeitete, dass nämlich die Prosa „die Idee der Poesie“ sei, steht bei Jäger für die (politische) Intention, die deutsche Dichtung in jüdisches Literatentum umzuschreiben. Die Akzentverschiebung ist klar erkennbar: nicht Deutsche waren judenfeindlich, sondern die Juden sind anti-deutsch. In diesem Sinne ist es Jäger auch ein Bedürfnis, die Diskussion um die Ablehnung von Benjamins Habilitation, die seiner universitären Karriere ein Ende setzte, erneut aufzurollen und die damaligen „deutschen“ Professoren in Schutz zu nehmen. „Schulz hatte von 1914 bis 1918 gekämpft und war dafür mit dem Ritterkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden.“ (S. 152) Und Cornelius hatte wohl nicht ganz unrecht, so läßt Jäger anklingen, wenn für ihn der so unverständlich schreibende Benjamin „den Studierenden kein Führer“ (S. 153) sein konnte.
Die Freundschaft zwischen Benjamin und Rang (über den Jäger promoviert hat) wird als exemplarisch für das deutsch-jüdische Verhältnis hingestellt, auch hier wieder mit einer Verschiebung, die man erst beim zweiten Lesen wahrnimmt, nämlich als exemplarisch für ihre Unvereinbarkeit. So habe für Benjamin die Hauptschwierigkeit darin bestanden, „als Jude zu deutschen Problemen“ (S. 124) Stellung zu nehmen. Denn, so Jäger an anderer Stelle: „Der europäische Krieg konnte nicht der Krieg der Juden sein“ (S. 56). Dass Benjamin dem Ersten Weltkrieg aus Überzeugung fernblieb, wird als Feigheit, seine dezidiert pazifistische Position nach dem Selbstmord seines Dichterfreundes Heinle als fehlender Patriotismus ausgelegt: „Der Erste Weltkrieg fand währenddessen ohne Benjamin statt“ (S. 44). Und alles nur, um dann die Frage zu stellen, die sich in der Tat und zu Recht noch niemand, weder in Deutschland noch anderswo, gestellt hat: „In welchem Sinne war Benjamin deutsch, vom Bildungsgang und von der Staatsangehörigkeit einmal abgesehen?“ (S. 103)
Nach und nach und in feinsten bis gröbsten Dosierungen werden dem Leser Klischees und Gemeinplätze des antisemitischen Propagandamaterials verabreicht. Dabei stützen sich Zitate und Quellen fast ausschließlich auf Benjamins Schriften sowie auf die von Erdmut Wizisla unter dem Titel Begegnungen mit Benjamin zusammengestellte Auswahl persönlicher Zeugnisse. Dies wirft ein weiteres bezeichnendes Licht auf die Absicht des Verfassers. Indem so gut wie keine Forschungsliteratur zitiert und die weltweite, Disziplinen übergreifende Diskussion, die Benjamins Schriften hervorgerufen haben, totgeschwiegen wird, entsteht der Eindruck eines um sich selbst kreisenden, wirkungslosen Werkes, dem positive Originalität abgesprochen wird. Benjamin habe lediglich deutsche philosophische Begriffe jüdisch „umgeprägt“ (S. 53) oder klassische Texte der deutschen Literatur wie Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften „mit theologischen Kategorien überschrieben“ (S. 115). Wo Benjamin in einem Nachtrag zu seiner Arbeit Ursprung des deutschen Trauerspiels eine Affinität, das heißt Nähe und Übereinstimmung, mit Goethe erkennt und festhält, sieht Jäger ein Umfärben am Werk, ein weiteres Moment dieser unendlichen Geschichte der misslungenen Aneignung und in fine unmöglichen Assimilation an deutsche Kultur. Diese Stoßlinie führt direkt in die Ecke der Geschichte, in die Jäger Benjamin gerne stellen würde, in der er aber schon zu seinem Lebzeiten nie stand und in die ihn auch keine noch so „belastende“ Biographie zu drängen vermag. Ging es doch Benjamin nicht um spezifisch „Jüdisches“, sondern um Theologie und um die in ihr enthaltenen und tradierten Versprechen. Gerade im Passagenwerk, aber auch in seinen literaturkritischen Schriften kommt der Theologie (die ja bekanntlich klein und hässlich ist und sich nicht mehr zeigen darf) die Funktion einer nicht explizit genannten Methode des Lesens der Welt zu: Sie soll aufdecken, wo begrabene Hoffnungen liegen.
Als zweiter Reizpunkt fungiert bei Jäger der linke, der rote Benjamin. Einen ersten Hinweis auf die brennende Gefahr seiner Schriften sieht Jäger in dem wie der biblische Dornbusch glühenden roten Haarschopf des Philosophen (S. 22), in seinem Pseudonym „Ardor“ (S. 22), aber auch in seinem Vornamen Walter, der auf die gleiche Wurzel wie „Gewalt“ zurückgehe (S. 18). Das Geburtsjahr 1892 („Denn was hieß es, 1892 geboren worden zu sein?“ S. 19) wird bei Jäger zum Startschuss eines politisches Programms, nämlich der Entscheidung zwischen rechts- oder linksradikal. Laut der von Jäger zusammengestellten Liste kamen außer Benjamin auch Dollfuss, Franco und Tito in jenem Jahr zur Welt, sowie Oswald Pohl, einer der Organisatoren des Holocausts, und der SA-Führer Gregor Strasser (S. 20). Dass sich Benjamin für die linke Seite der Trennlinie entschied, wird ihm als proton pseudos, als Urfehler, angelastet: „Benjamin hatte die späteren Jahre des Krieges [...] im Ausland verbracht, während die Schriftsteller, die sich in der Weimarer Republik nach rechts wandten [...] als Soldaten gekämpft hatten. Das war eine lebensgeschichtlich begründete, erfahrene Trennlinie, die durch Argumente und noch so subtile analytische Kraft nicht mehr zu überbrücken war.“ (S. 89) Auch die Dissertation gerät in dieses ideologische Schussfeuer. Sie erscheint als Position im Streit zwischen linker, antibürgerlicher Avantgarde und rechter, den Nationalsozialismus vorbereitender Spätromantik. Die Ästhetik wird so für Jäger zum „Kriegsschauplatz zwischen faschistischer und linker Politik“ (S. 100). Nicht weniger als die religiöse erfolgt auch die politische Zuschreibung bei Jäger aufgrund von willkürlich konstruierten Analogien und Ähnlichkeiten. So soll die Widmung der Einbahnstraße an Asja Lacis, die laut Benjamin diese Straße im Autor „als Ingenieur“ durchgebrochen habe, ein Bekenntnis zum Stalinismus sein, da Stalin die Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“ (S. 162) bezeichnet hat.
Quer durch Benjamins Leben spürt Jäger Spuren von Radikalismus und Extremismus nach, dabei Thomas Manns Porträt des frankophilen Zivilisationsliteraten folgend: „Er hat des Jakobiners Hang zur Anarchie und zum Despotismus, zur Sentimentalität und zum Doktrinarismus, Terrorismus, Fanatismus und zum radikalen Dogma, zur Guillotine. Er hat seine schreckliche Naivität. Er ist, wie jener, ein Humanitätsprinzipienreiter mit der Vorliebe fürs Blutgerüst“ (S. 37). Sämtliche intellektuelle Stationen Benjamins erscheinen versehen mit Warnlichtern vor extremistischen Tendenzen: Der Jugendbewegung ging es um die „Abkehr vom Bürgertum“ (S. 22), die Forderung des Tages zu Beginn des ersten Weltkriegs war „Radikalismus“ (S. 35), den Dadaisten ging es um eine Weltrevolution gegen Deutschland (S. 82), die Avantgarde war eine Form von „Fundamentalismus“ (S. 89). Benjamins „Denken in Extremen“, wie er es in einem Brief an Gretel Adorno einmal beschrieb, wird bei Jäger zu einem „extremen Denken“. Generell wird das Brutale, Unmenschliche, Radikale hervorgehoben und ausgiebigst zitiert, z.B. wenn Benjamin in einem Brief von der „Kampfgesinnung“ (S. 51) der linken Politik spricht. Die jüdischen Intellektuellen, mit denen Benjamin in regem und engem Austausch stand, erscheinen als verkappte Kriegshetzer und Weltumstürzler. Ernst Bloch war ein „erschreckend mächtiger Jude [...] eine brutale Naturkraft, die sich nicht ohne Eitelkeit das Ziel gesetzt hat, die Welt umzudenken“ (S. 85), Goldbergs Buch Die Wirklichkeit der Hebräer eine „Kriegslehre“ (S. 59), Gutkinds Theorie des jüdischen Rituals eine „Geheimwissenschaft“ (S. 62). Wenn Scholem witzig und geistreich von den drei „Sekten“ (S. 65) spricht, die das deutsche Judentum hervorgebracht habe – gemeint sind die Warburg-Schule, das Institut für Sozialforschung und der Kreis um Oskar Goldberg – wird diese Bezeichnung von Jäger als faktische Kategorie zur Darstellung des jüdischen Umfeldes herangezogen. Zahlreiche Studien aus dem Umkreis der Benjamin-Forschung (z.B. Gabriele Guerra, Judentum zwischen Anarchie und Theokratie oder Michael Löwy, Juifs hétérodoxes) haben längst die Komplexität und das breite, bis zur Heterodoxie reichende Spektrum jüdischer Intellektualität aufgezeigt, die sich nur schematisch auf einen Nenner bringen lässt.
Dabei wird immer wieder auf die Ähnlichkeit von links- und rechtsradikal, von konservativ-nationalistisch und jüdisch-revolutionär verwiesen, als ließen sich dadurch historische Verfehlungen aufwiegen oder gar wiedergutmachen. So findet Jäger, dass sich im Vergleich zum Entwurf einer Kathedrale des mit Benjamin befreundeten Dadaisten Johannes Baader Speers „Germania“ „regelrecht mickrig“ (S. 82) ausnehme. Die „genealogische Kette“ (S. 53) der Juden, der „Zusammenhang der Geschlechter“ (S. 54), die Überzeugung, in einer „Blutreihe“ zu stehen (S. 54, Scholem-Zitat), ist für Jäger eine „Akzentuierung ethnisch- genealogischer Gedankengänge“ (S. 55), also eine andere Form von Rassismus, die „auch im Judentum erst nach 1945 in den Hintergrund trat“ (S. 55). Und im Hinblick auf die stalinistischen Säuberungen heißt es im Ton der Rechtfertigung: „Nicht nur das nationalsozialistische Deutschland fuhr einen harten Kurs.“ (S. 298). Diese nicht nur historisch höchst zweifelhaften Parallelen sollen dem Leser wohl suggerieren, dass die historische Schuld rechts und links gleichermaßen verteilt liegt. Jägers Präferenz geht dabei aus dem Aufbau seiner Argumentation implizit hervor. Dies zeigt bspw. die Verformung von Horkheimers These, der Kapitalismus habe den Antisemitismus produziert. Durch Jägers Gleichsetzung von Kapitalisten und jüdischen Händlern liest sich diese These plötzlich so, als seien die Juden selbst an ihrer Vernichtung schuld: „Judenfeindschaft ist demnach die bloße Überbau-Spiegelung der zunehmenden Steuerungstendenzen in der Wirtschaft.“ (S. 322) Nicht anders verfährt Jäger mit dem Satz „kein Ruhm dem Sieger, kein Mitleid den Besiegten“, der sich unter dem Titel „Problem der Tradition II“ in einem Nachlasskonvolut aus dem Umkreis der Thesen befindet. Geht es Benjamin darum, dass die Besiegten nichts vom Mitleid haben, da sich dadurch ihre Situation nicht grundlegend verändert – der Satz drückt für ihn „die kongenitale Schwäche des deutschen Bürgertums“ (GS I:3, S. 1237) aus –, gehört für Jäger dieser Satz „zur Gattung des Revolutionskitsches [...] Seine inhumane Botschaft schreit, wie man fast sagen möchte, zum Himmel“ (S. 329).
Benjamins „Linkstotalitarismus“, so Jägers These, war schon in der frühen Metaphysik angelegt, in der Sprache der Dinge, deren korrespondierende Seite der säkulare, d.h. marxistisch Messianismus sei. „Wir werden sehen, wie aus der Veränderung der  proletarischer Klassenkampf und kommunistische Partei werden“ (S. 77), prophezeit der Autor. Denn der Klassenkampf, so Jäger, war „für Benjamin die Hauptsache“ (S. 38). „Revolution, Messianismus und Kunstavantgarde [bilden] eine Gedankenfolge“ (S. 89). Auch die Sprache trete bei Benjamin in den Dienst des Klassenkampfes (während Benjamin vom Kampf gegen den Faschismus und im Kunstwerkaufsatz von nicht faschistisch verwertbaren Begriffen spricht!), dieser „gnadenlosen fixen Idee“ (S. 308). Dieser bilde auch die Grundlage der achtzehn Thesen über den Begriff der Geschichte, Benjamins letztem Text, zu denen die achtzehn Kapitel von Jägers Buch gewissermaßen Gegenthesen aufstellen: „Der eine Hauptbegriff der Thesen ist der Klassenkampf. Der andere ist Erlösung.“ (S. 325). Bei diesem letzten Text nun erreicht die Fehlleistung von Jägers Lektüre ihren Höhepunkt. Benjamin mache sich in den Thesen „die allerhärtesten bolschewistischen Maximen“ zu eigen (S. 327). Sein Bild vom Schachautomaten entspreche „sehr genau einer Verschwörungstheorie, wie sie die Nationalsozialisten für den  behaupteten“. Die dazu gehörige Belegstelle aus Mein Kampf mit „Hitlers zentrale[r] Formulierung“ (S. 377) folgt stante pede: „siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen.“ (ebenda) So rechtfertigt die planetarische Gefahr von Benjamins Thesen a posteriori noch Hitlers Exterminationspolitik!
Wir haben es also mit einer durch und durch „politischen Biographie“ zu tun, wie Jäger seine vorhergehende Arbeit zu Adorno gattungsgeschichtlich definierte. Auch dort gab es Assoziationsreihen in Bezug auf das Geburtsjahr. Auch dort ging es um das Aufzeigen eines Gescheiterten und Unvollendeten, eines wirkungslosen, jüdisch-marxistischen Intellektuellen. Nun ist es grundsätzlich nicht verwerflich und in andern Ländern wie Frankreich sogar üblich, einen Autor auch im Hinblick auf seine politische Wirkung und Implikation zu befragen. Doch was Jäger hier vorlegt, ist ideengeschichtliche Fälschung. Ging es Benjamin doch in seinen politischen Schriften um das Politische als philosophisches Problem. So zielte Benjamins Projekt einer Schrift zur Politik mit dem Titel Der wahre Politiker auf eine philosophische Auseinandersetzung gerade auch mit theologischen Heilsversprechen. Im selben Sinn geht es in den Thesen um den „Begriff der Geschichte“, um das „Bild der Vergangenheit“, das von den politischen Parteien unterschiedlich gefasst und instrumentalisiert wird. Und auch der Text Zur Kritik der Gewalt ist weder eine pazifistische Kampfschrift noch eine Rechtfertigung linker Aufstände (als die sie in den 1970er Jahren rezipiert wurde), sondern eine Infragestellung und Grenzziehung zwischen dem eigentlichen politischen Bereich von Recht und Gewalt und dem theologischen der Gerechtigkeit. Die Chance, mit Benjamin und von seinem Denken ausgehend eine Kritik der linken Politik zu konstruieren, wurde hier vergeben.
Politik lässt sich weder mit philosophischen noch mit biographischen Mitteln (wie hier) fortführen. Dass das Leben eines Menschen mit seinem Werk nicht identisch ist hat, hatte Benjamin in seinem Wahlverwandtschaften-Aufsatz gegen Gundolf angemahnt. Ebenso fragwürdig ist eine Übersetzung von Biographie in Ideengeschichte und Politik. Brods Kafka- Biographie warf Benjamin Voreingenommenheit und fehlenden Erkenntniswert vor. Auch Jägers Buch muss sich den Vorwurf der Voreingenommenheit gefallen lassen, sagt es doch mehr über seinen Autor als seinen Gegenstand aus. Der Erkenntniswert allerdings scheint indirekt erhalten zu sein, zeigt sich hier doch eine aktuelle Tendenz deutschen Denkens. Diese wurde in der Badischen Zeitung vom Historiker Jörg Später zutreffend als „die Wunde Benjamin“ bezeichnet. Warum eine Verletzung oder zumindest Kränkung des neuen rechten Denkens vorliegt, woher diese rührt und warum in diesem Buch die Tarnkappe wieder neben dem Stahlhelm hängt, sind im Kontext von Leitkulturdebatte und Antisemitismus-Dokumentation Fragen von akuter Aktualität.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 16.12.2017
Thema: Gerhard Schweppenhäuser / Christian Bauer: Ethik im Kommunikationsdesign

Gerhard Schweppenhäuser, einer der anregendsten Denker aus dem Kontext der Frankfurter Schuler, der sein Vater noch zuzurechnen war, muß man kaum vorstellen, er legte als Herausgeber etwa den exzellenten Band Impuls und Negativität. Ethik und Ästhetik bei Adorno (Hamburg, Berlin 1995) vor und ist Verfasser u.a. einer klugen Untersuchung von Adornos Ethik nach Auschwitz (Hamburg 1993) und einer souveränen Adorno-Einführung für Junius (Hamburg 1996), denkt ferner immer wieder das Verhältnis von Kommunikationsbedingungen, Inhalten und möglichen Ethiken neu, bis hin zu adornianischen Reflexionen zu „Naddel" (Biefeld 2004).

Mit Christian Bauer, einem jungen Medienwissenschafter der FH Würzburg, hat er nun
einen umfang- wie facettenreichen Band zu Ethik im Kommunikationsdesign vorgelegt, Untertitel: Verständigung, Verantwortung und Orientierung als Kriterien visueller Gestaltung.

Der Band beschreibt einerseits in Grundsatzüberlegungen und andererseits anhand von Fallstudien, was heute kommunikatives Handeln sei: sein könne und sein müsse. Dabei wird durchaus mit Ironie operiert, etwa im Wissen, daß die Welt betrogen sein wolle, wobei Walter Serners Letzte Lockerung das Motto liefert.

Ironie brauche es wegen der „soziale(n) Bühne der Öffentlichkeit", die kein zufälliges Bild sei – bis hin ins Technische:

„Just jene Weise des Dialogs, die am ehesten demokratischen Maßstäben gerecht wird, ist nicht ohne einen gewissen Elitarismus […] zu realisieren. Der Traum egalitärer Kommunikation scheitert […] an den wesenseigentümlichsten Beschränkungen"…

So gehe es also um Handlungsmodelle, die beides verbänden, „exemplarisch handeln" müsse man, so die Autoren mit Arendts Denktagebuch, ohne es sich zu billig zu machen, die Schwarmintelligenz der netizens wird jedenfalls gründlich nicht dekonstruiert, sondern schon auseinandergenommen.

Vor diesem Hintergrund wird dann in Detailstudien diskutiert, worauf zu Pauschales keine Antwort fände. „Geht es um Gebrauchsanleitungen für eine Herz-Lungen-Maschine oder für Landminen?" – Das müßte man wissen, ehe man ein Design als hilfreich bewertet. Sind Darstellungen der FGM („Female Genital Mutilation") dokumentierende Anklagen oder Anleitungen – bzw.: Wozu können sie werden? Wie ist mit Organspenden umzugehen, ab welcher Sicherstellung wären sie bewerbbar?

Dabei zeigt sich vor allem, wie Detailwissen, Grundlagenfragen und Designkenntnis ineinander verschränkt sind, daß also Kommunikationsdesign nicht einfach etwas optimiert, das, wofern da kommuniziert werde, schon einmal gut sei. Und auch die Zwiespältigkeit etablierter Designs – Travestierbarkeit und Optionen der Kritik – werden durchgespielt.

Das Ergebnis ist ein höchst anregender Band, der manchmal kein Ganzes ergeben will (das ja adornianisch auch „das Unwahre" wäre), aber viele Impulse liefert und einen produktiv irritiert und belehrt.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 09.12.2017
Thema: Ann-Cathrin Drews / Katharina D. Martin (Hg.): Innen – Außen – Anders

Der Band Innen – Außen – Anders, der u.a. Körperkonzepten im Werk von Gilles Deleuze und Michel Foucault nachspürt, ist eigentlich eine überaus anregende (und quasi „rhizomatische") Fußnote zu den Texten der beiden, und zwar genauer zu dem, was aus diesen und anderen Texten in ihrer glänzenden Studie Innen des Außen – Außen des Innen einst Petra Gehring (München 1994) ableitete.

Das mag nun wie eine Relativierung der Bedeutung dieses neuen Bandes klingen, so aber ist es nicht gemeint – denn die Detailuntersuchungen entsprechen dem, worum es geht: keine Einheit, sondern eine Vervielfältigung, immer wieder der „Augenblick der Verwirklichung", wie mit Deleuze
Angelika Seppi es formuliert.

Nach einer Einleitung samt Reverenz bzw. Referenz zu Gehring wird das Feld nochmals und teils neu abgesteckt, das dann aber auch gerne verlassen wird. Die „aparallele Entwicklung" (Deleuze & Parnet) wird dabei, so die Herausgeber, zu dem, worin Einheiten sich negieren und scheinbar neu konstituieren, ob man sie nun „Körper" oder anders nennt. Dem folgen Überlegungen zum Abbild versus Trugbild, zur „Umlenkung" (Deleuze), die aber fraglich bleibt, wie Irene Breuer ausführt. Was etwas sei, entstehe ja erst durch „Differenz und Wiederholung", durch beide, unvermeidlich: eine „Unendlichkeit von Abbildern" (Deleuze) sei das „Sein".

Hieraus werden gender-Fragen diskutiert – der Körper als Montage von (Geschlechts-)Identitäten in Anna Schobers spannenden Ausführungen –, ebenso aber, was Disziplin sei, nämlich die „gewissenhafte[n] Liebe zum Detail", was umschlagen könne, denn von dieser bei Pierre Buhlmann zum Monster, das gegen das (Natur-)Gesetz verstoße, wie mit Foucault Kerstin Borchardt diskutiert, ist es nicht weit.

Insgesamt ist der Band, der sehr ideen-, material- und kenntnisreich ist (was zu einer gewissen Unübersichtlichkeit in den Fußnoten der Einleitung führt), an den Themenkreisen Interessierten wärmstens zu empfehlen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 09.12.2017
Thema: Monster und Kapitalismus: Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2/2017

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaften thematisiert Monster und Kapitalismus. Monster seien, was der Kapitalismus durch Ausschließung dessen, was nicht profitabel ist, entstehen: „Wo hört der Zombie auf und wo beginnt der Mensch?"

Der Zombie, den Ben Fine so als Produkt liest, ein „Abfallprodukt" zumindest, ist aber zugleich Problem des ihn schaffenden Systems: Kapitalismus sei vor allem die „Sorge [...] um die ungehinderte Zirkulation des Kapitals", so Patricia A. Gwordz in ihrem Essay zur Mutterschaft, er sei also um „Normalisierung" bemüht, weswegen noch
der Nur-mehr-Konsument, der prima vista kapitalismustauglich scheint, wie der Zombie integriert werden müsse: Oniomanie, also krankhafte Kauflust, behandelt im vorliegenden Heft Uwe Lindemann.

Mütterlichkeit wäre also aufzulösen, Kapitalstauung – und das Alter. Wohl dürfe alles „revolutionssatt" sein, „handlungsmüde" akkumulierend aber nicht, so Solvejg Nitzke.

Ein Loblied auf das Sterben sind folglich Thomas Machos Ausführungen zum Vampir, worin „unauffällige Rentner in Polyesterkleidung" die wahren Monster (oder einfach das Problem) seien. Das ist originell, wie es Macho meist ist; dennoch sei angemerkt, daß große Teile des glänzend formulierten Beitrags im Windschatten Ungenannter argumentieren, zum „sensibel, mitleids- und liebesfähig" gewordenen Vampir sei u.a. auf Clemens Ruthners Aufsatz zu diesen Ambivalenzen aus dem Jahr 2000 bzw. erweitert 2003 verwiesen.

Der Band eröffnet jedenfalls Metaphern und Figuren der Diskurse entlang Möglichkeiten, den Kapitalismus klarer zu sehen. Abgeschlossen wird er mit Diskussionen, etwa jener, was das sei: die Kulturwissenschaft(en). Erfüllen oder verraten kulturwissenschaftliche Diskurse sich, wo sie „gesellschaftsbezogen" agieren?

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Martin A. Hainz schrieb uns am 27.11.2017
Thema: Die Stimme schafft das Gesetz: Nancy und der kategorische Imperativ

Jean-Luc Nancys Schriften zum kategorischen Imperativ sind bemerkenswerte Exerzitien im Grammatischen: Der Imperativ sei keine Verbform, die nicht „von dieser Welt" sei, er zeige, beschreibe oder argumentiere nicht. Nichts spräche also für den Imperativ, auch nicht das Imperium, Rom sei die Welt, aber „Rom", das metaphysisch „sich […] durch das Recht ausspricht", hat sich immer „schon wiederholt".

Darin bestehe dann so etwas wie der Bezug des Imperativs auf die Wahrheit, seine „Wahrheit wird vorgeschrieben aufgrund ihres Entzugs": „Der Imperativ will gerade nichts bedeuten", so formuliert Nancy: „Aber gerade das bleibt uns zu denken."

Diesen Gedankengang
entwickelt Nancy wie angedeutet in einer Reihe von hier versammelten Texten, Lektüren Kants und Nietzsches und Überlegungen zu den Prinzipien, die Athen und Rom seien: „Die Stimme schafft das Gesetz", metaphysisch-juridisch.

Es sind Aufsätze, die teils aus den späten 70er und frühen 80er Jahren stammen, samt einem Vorwort von 2007. Die Texte sind also nicht neu, aber sie sind unverbraucht und noch immer brauchbare, empfehlenswerte Beiträge zu – nicht nur akademischen – Fragen der Gegenwart.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 14.11.2017
Thema: Es gibt ihn – und wie verstünde man ihn?

Der vorliegende Band, The Hermeneutics of Hell, herausgegeben von Gregor Thuswaldner und Daniel Russ, befaßt sich mit Visionen des Teufels – und, was dem zuweilen irritierend christlichen Unterton jedenfalls der Herausgeber entspricht, auch seinen Repräsentationen, mitunter entsteht der Eindruck, es gehe nicht um Philologie und Texte, sondern um (Krypto-)Theologisches: Der Teufel existiere, nun gehe es an Texte zu ihm.

Das ist bedauerlich, weil in diesem Rahmen sehr lesenswerte Detailstudien nicht nur für Gläubige geboten werden, zu Texten, die konstituieren, was Hölle und Teufel seien, aber damit auch, was das Böse ausmache … folgenreiche Literaturgeschichte also, bis in Atmosphären des Politischen oder
in die Jurisdiktion. Und eigentlich entwickeln auch die Herausgeber etwas anderes, neben dem „devil we know", was nicht ironiefrei gesagt ist, gebe es mehr, seien „very different devils", statt „the devil […] devils that come in many guises". Und wir seien darum womöglich ahnungs- und hilflos vor „the malovent tricksters we thought we knew." Dies seien Abbilder und Konstitutionen von Bosheit, teils, so möchte man ergänzen, aber auch der Praktiken jener, die hiermit andere verdammten; gleichwohl ist der Teufel wohl „a very important literary being", wobei aber um Hegels Urteil ein Bogen gemacht wird, daß dessen „Identität mit sich" nur bedingt literaturtauglich sein könnte.

An diese Einleitung schließen Betrachtungen zu einzelnen Texten und Textzusammenhängen an, mit je als prominentem Epizentrum dem Teufel, aber auch mit dem, wofür er stehe, etwa die Prüfung (tentatio), die bei Luther gleichsam zwischen religiöser Praxis und teuflischer Heimsuchung – „temptation" – stehe: „Oratio, Meditatio, Tentatio"… An dieses lesenswerte Ausloten von Carl P.E. Springer schließt u.a. David Johannes Olszynskis Aufsatz über den „Discourse on the Devil in the Early Modern Age in Georg Bernhardt S.J.'s Tundalus Redivivus (1622)" an, die Frage, ob Literatur, wenn schlüpfrige Rhetorik des Teufels sei, nicht an sich verdächtig sei, behandelt David Parry ausgesprochen spannend, mit u.a. Hamacher diskutiert Caroline Sauter die „Diabolic Logic of Logos" in Goethes Faust, wobei die Exegese des Übersetzenden dessen wie des Urtexts Defizite verhandle, Milton und Goethe werden unter den Stichworten „Literature, Theology, Survival" von S. Jonathon O'Donnell einer von Derrida inspirierten Lektüre unterzogen und Dostojewski steht im Zentrum von Irina Kuznetsovas Beitrag.

Hier nimmt das Projekt Gestalt an und Fahrt auf, auch wenn die naheliegende Beschränkung der Texte auf christliche – und also auch christliche Kontexte – den Anspruch, es gehe um Weltliteratur, fraglich erscheinen läßt. Besser wäre es gewesen, den Akzent aufs Transkulturelle zu setzen, durch Zeiten hindurch, komparatistisch, wie es O'Donnell tut, ins fast Translatologische gehend, wenn Matthew J. Smith Baudelaires Lektüren des Satans bei Milton untersucht.

Insgesamt ist der Band somit doch überzeugend, der einschlägig (d.h. an Literatur oder Theologie) Interessierte wird Anregendes finden. Ein besseres Glossar würde diese Anregungen zu finden helfen, doch mit Geduld hat man hier eine spannende Handreichung zu einem Themenfeld, das, wie die Texte immer wieder zeigen, relevant ist.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 06.11.2017
Thema: „Der Rest ist Literatur"

Im vorliegenden Band Die Synkopenrede. I. Logodaedalus unternimmt Jean-Luc Nancy, sicherlich einer der anregendsten Denker unserer Zeit, zweierlei: Er fragt nach der Synkope, aber dies auch im Rahmen einer Frage nach dem Stil Kants.

Man sei in allem, was man habe/wisse, diskursiv abhängig, immerhin, denn noch die Abhängigkeit von Moden sei jener von der (inexistenten) Natur vorzuziehen. Natur nämlich sei, was nicht ist – „dasselbe" das, woran man sich nicht ein dialektisch abarbeiten könnte. Denn was zeigte die Dialektik? – „Dialektik […] als ihre eigene Unmöglichkeit", Text wäre die Undenkbarkeit dessen, worin, was nicht gedacht worden sei, diskurrierte: „Der Rest ist Literatur", worin
die Synkope auftritt, der Dissonanz bei Badiou nicht unähnlich, die bei bei jenem „das »und« des Akkords" wäre…

Rhythmisch entspricht dem die Synkope, es ist der Zusammenfall von nichts, wenn die Synkope sich realisierte, oder etwas, wenn die Synkope dieses nicht gänzlich zusammenfielen ließ, etwas „verunentscheidbart sich" darin.

Dies sei, was sei … nicht, was „pünktlich: Punkt für Punkt" realisiert würde: womit es die angemessene und sich ums Literarische nicht bekümmernde Form nicht gibt. Es gelten „Lettern […] nur, wo sie schön […] sind", also belletristisch, so Nancy, während, was das Schichteste ist, sich „dem Grotesken" annähert.

Dieser Gedankengang ist zugleich ein Porträt des Stilisten Kant, ihn entlang, durch ihn hindurch, bzw. wäre dies der Fall, erfolgte dies alles nicht im Wissen, daß die „Unreinheit der Quelle" den Kommentar fragwürdig macht, der dies sein will. Ein spannender, herausfordernder Band.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 02.11.2017
Thema: Derridas Katze ... never belongs

Hélène Cixous erzählt in Aus Montaignes Koffer gesprächsweise – das Gegenüber ist Peter Engelmann, in dessen Verlag der Band erscheint – sich: ihren Werdegang, ihr Denken, ihre Einflüsse von anderen und auf andere.

Alles beginnt mit dem Feminismus, den als Anliegen zu entdecken und zu entwickeln sich rasch als Frage der Institutionen erwies. Dabei erweist sich dieses emanzipatorische Anliegen als eines unter ähnlichen, die Frage etwa, wie eine rasche Ausbildung (inklusive das „Doctorat de troisième Cycle") Bildung heute ersetzte, ist hier ebenso präsent wie jene, wo man was studieren könne:

„Die Universitäten sind zweckorientiert. Wahrheit steht meiner
Ansicht nach auf keinen Fall auf ihrem Programm. Sie sind in ein Produktionssystem eingegliedert."

Institution ist alsbald etwas, das durch Freundschaft sich entwickeln kann, aufgebrochen, umgestaltet, der „Lehrstuhl (Cixous') diente den Études féminines, und was den Rest betraf, so waren wir Bettler", angewiesen auf Derridas generöse Übernahme der „Verantwortung für die Philosophie" und auf „Mithilfe" der „Psychoanalytiker in Paris 8". Das ist das Produktive des damaligen Netzwerkens, das mit den Schülerinnen Judith Butler und Avita Ronell in Gegenwart und Zukunft reicht.

Das Netzwerk ermöglicht und ermutigt hier. Derrida habe Cixous ermutigt, ihm sei das, „was sie sage[n], [...] selbstverständlich", so er zu dem „Widerstand", auf den sie als Promovierende mit einer Dissertation – in vier Kolonnen geschrieben ein Verstoß gegen das System der Sorbonne – stößt. Die so entstehende Schule ist auch eine des Fragens, der „Phantasie sind keine Grenzen gesetzt", mag das auch, wenn alles „trans-irgendwas" sei, so Cixous, neben einer Chance ein Risiko, etwa: das der Unschärfe, bedeuten.

Diese Unschärfe prägt die Freundschaft Cixous' und Derridas, nicht immer ohne ihr Unbehagen, wenn er appropriierte, was sie erdacht hatte:

„»Pass auf, das habe ich gerade geschrieben. Gerade habe ich das niedergeschrieben, ich warne dich.« »Macht nichts.«"

Wenn es etwa um Derridas Katze geht, gehe es um jene Cixous', „meine Katze" – wiewohl da Derrida vor Jahren das letzte Wort gehabt hätte, „a pussy-cat never belongs" (J.D.: The Animal that Therefore I Am, trans. David Wills, ed. Marie-Louise Mallet. New York 2008).

Dennoch: Freundschaft und Denken, Freundschaft im Denken. Es geht dabei gegen andere Unschärfen, etwa jene, die den sich globalisierenden Kapitalismus als Summe von Abhängigkeiten in sich entstellen und vor allem dem Diskurs entziehen, wobei Kapitalismus, Islamismus und russischer Imperialismus immer einen Feudalismus meinen, „im erschreckenden Spiegel der globalisierten Welt". Gegen diesen müßten die Medien arbeiten, gegen das Unscharfe, statt „gleichgültig" zu bleiben. So aber setze sich dieser ungestört noch in den „Mikrostaaten" des Alltags fort: bis zum unfähigen Schuldirektor, der „in einer kleinen Diktatur" „die Funktionsstörung von oben" ist.

Dagegen stünde die Zuspitzung, die sich als krank denunzieren ließe und es vielleicht auch ist:

„Ich glaube, Literatur ist immer ein bisschen wahnsinnig. Wenn sie den Wahnsinn nicht streift, ist Literatur nicht Literatur."

„Die Alltagssprache, die war schrecklich."

Philosophie ist folglich „Philosophie, die sich poetisieren lässt", womöglich ... wie Cixous jedenfalls zu Derrida vermerkt, der sich dementsprechend zitieren mußte: „Nicht aus Narzissmus." Eher ist es der Gestus, ein „Wort [...] entdeckt" zu haben, eine Option, beides in einem, im „Passwort" – wobei man ans Schibboleth bei Derrida denken wird müssen. Manches sei „meschugge" und nur dies, gerade wegen der nationalsozialistischen Deutschlehrerin, die Cixous dieses Wort verbieten wollte.

Montaigne ist dafür das Beispiel. „Wenn du Montaigne liest", so setzt Cixous an, bricht ab, setzt anders fort: „(D)ie Literatur heutzutage ist unglaublich verarmt", sie verfüge nicht über diese „außergewöhnliche(n) semantische(n) Ressourcen", bis in die „Syntax" sei Montaigne „von immerwährender Modernität", ganz Sprache: „Die Mächtigkeiten der Sprache sind [...] unbeschränkt [...], da ist die absolute Bibliothek."

Von hier aus geht es noch weiter, bis hin zu Merkel, die als Repräsentantin des Volks mit dessen Souveränität sagen durfte, was aus Angst vorm Front national in Frankreich – zu Unrecht – keiner sagen zu dürfen vermeint: „Meiner Ansicht nach ist, was Merkel da getan hat, völlig unerhört und verblüffend."

Alles in allem ein mutiger wie ermutigender, diffiziler, spannender und facettenreicher Band. Cixous ist lesenswert, immer und auch hier.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 29.10.2017
Thema: Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker

Die Dialoge Alexander Kluges gehören zum Reizvollsten der Gegenwartsliteratur. Improvisiert wird hier, von Frage zu Antwort oder Präzisierung der Frage oder Gegenfrage, ohne Leitstimme, fast jazzig. Auch das Gespräch mit Ferdinand von Schirach reiht sich in diese Dialoge wunderbar ein, der Kriminalist, Jurist und Autor leitet das Gespräch manchmal, manchmal wird er geleitet, meistens gibt es keine „Leitstimme".

Man kommt gemeinsam den Unter- und Auslassungen auf die Spur, das Böse sei „ein schneller Begriff", verlangsamend versteht man es. Das ist so etwas wie die implizite Poetik dieser Texte, die dem Übersichtlichen mißtrauen, den Problemen eher vertrauen, bis zu dem Versteck, das, wenn der Tag Terror wäre,
eine „Tugend" sein müßte – gegen das „Blitzartige".

So wird der Prozeß gegen Sokrates durchdacht, „der erste Justizmord", vielleicht aber auch etwas anderes. Denn das (Wieder-)Etablieren der Bürgerlichkeit auch qua Prozeßordnung sei vielleicht ebenso darin zu sehen, zumal direkt nach dem Niedergang von Perikles' Athen gegen Sparta: „Die Bürger müssen jetzt alles tun, um ihren Staat zu sichern."

Das ignoriert Sokrates, wohl wissentlich; er droht und beschimpft die wie immer problematische Justiz: „Das ist natürlich nicht sehr klug. Richter zu bedrohen funktioniert fast nie." „Sokrates […] verteidigt sich nicht rechtlich, er verteidigt sich philosophisch", so resümiert das Risiko Sokrates', das dieser im Kauf genommen habe, Schirach. Man müsse darum trotz dem Problem des Prozesses dies konzedieren: Dieses „Athen (ist) nicht Nordkorea."

Doch auch Sokrates hat so nicht Unrecht, wovon die Diskutanten zur Demokratie als sich selbst heilender kommen, auch in diesem Falle: „Vielleicht ist der Idiot die Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker", so Kluge zum nicht zu über- und nicht zu unterschätzenden Querulanten.

Ähnlich werden andere Problemfelder begrifflich verlangsamt, um voranzukommen, etwa bei der Frage, was Denken und was (oder exklusiv: wer?) intelligent sei, mit Verweis auf die Schach spielende Wolke bei Lem. Oder bei der Erzählung von Intensität. Wie von Intensivem zu sprechen sei, deutet Schirach an: „Indirekt kann man es erzählen."

Indirektheit ist das Kompositionsprinzip, das keines ist, sondern sich hernach entfaltet zu haben scheint, in einem höchst klugen und anregenden Bändchen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 26.10.2017
Thema: Banalität des Bösen?

Jean-Luc Nancy, einer der meistbeachteten Gegenwartsdenker, kreist nicht zum ersten Male um Heidegger. Schon singulär plural sein (Berlin: diaphanes 2004) war eine Meditation zu diesem Denker. Nun allerdings sind die Schwarzen Hefte des Meisterdenkers bekannt und es erschien Nancy unumgänglich, sich hierzu zu äußern, in einem schmalen Band, der aber durchaus Gewicht hat.

Dabei geht es zunächst um die Formel der Banalität, daß nämlich ohne „Banalisierung” in der Tat Mord nicht industriell werden könne. Treffe diese die Ontologie als imperialer „Planetarismus”, wie Nancy mit Heidegger überlegt? Was, wenn das Seyn (etc.) von einer „Nichtigkeit” wäre oder diese
Aussage in sich sinnlos wäre..?

Dies verbindet dann Nancy mit Assoziationen zum Judentum, das Heidegger wie diese Denkmöglichkeit verstören habe müssen ... ob das soch so sagen läßt, erscheint fragwürdig, „der Jude” (!) als „Index eines Verfehlens” Heideggers setzt voraus, daß es den Juden gebe, der dann zeigte, daß sein „Fehlen ihm”, also Heidegger”, „fehlt”, wie Nancy mit Lyotards Notizen zu Celan andeutet.

Von hier wäre eine Diskontinuität zu denken, statt eines Seins und seiner Lehre, bis ins Christentum, eine Wette aufs Unmögliche, die nach Derrida klingt, auf die „Gnade” nicht als „etwas [...], das bezeichnet, benannt oder beschrieben werden kann.”

„(W)ir müssen lernen, ohne Sein und ohne Bestimmung zu existieren, nicht vorzugeben, etwas anzufangen oder neu anzufangen – noch etwas abzuschließen.”

Dies als Schlußbefund liest sich dann wie etwas vage aufgekochter Existenzialismus, doch die Grundfrage und die Ausführungen bis dahin sind lesenswert.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 25.10.2017
Thema: François Caillat: Foucault gegen Foucault

Der vorliegende Band, worin François Caillat in das Denken Michel Foucaults einführt, und zwar großteils im Gespräch, mit Geoffroy des Lagasnerie, Arlette Farge, Leo Bersani und Georges Didi-Huberman, wirft pointiert vor allem darauf ein Licht, wie Foucaults Denkbewegungen sich entwickeln.

Immer, so scheint es, ist da der Gegensatz zwischen u.a. sympolischen Zentren und Peripherien, wobei das Gleichgewicht die Kunst ist: aus ihm zu geraten, wo das Ereignis es erfordert, es aber diskursiv auch wieder zu finden.

So wird das, was den Menschen oder das Denken präformiert, aufgedeckt, Aufklärung der „Unklarheiten”, aus denen sich alle Macht-Effekte ergeben: „Niemand sagt etwas, aber es wird
gesagt.”

Es geht also um „Unterbrechungen”, die „bedeutungstragend” werden und es nicht immer werden sollten, wogegen Foucault „identitätsmobil” in diesem Unterbrechen bleibt, unentschieden: Hier wird Stil Denken und Denken Stilfrage. Didi-Huberman beschreibt dies so:

„Der Text ist so durchdacht, dass man sich am Ende jedes Satzes denkt: Ganz genau, so ist es. Und der Beginn des folgenden Satzes stellt die Dinge wieder infrage.”

„Der Gipfel sind Gedichte, da muss man bei jeder Zeile einen Schnitt machen.”

Es gibt Systematischeres, es gibt Detailreicheres zu Foucault – aber in bezug auf seine Schnittstellen-Kunst ist der vorliegende geglückt wie nur weniges aus der Sekundärliteratur.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 11.10.2017
Thema: Obi Assemboni / Anna Babka / Laura Beck / Axel Dunker (Hg.): Postkolonialität denken

Postkolonialität zu denken bedeutet, sich auf Spezifika der neuen Verhältnisse einzulassen und nicht durch die Postkolonialität eher die Kolonialität fortzuführen. Insofern muß sie sich womöglich auch lokal zutragen, wie dieser Band schön zeigt. Die Frage Can the Subaltern speak, die Spivak einst stellte, führt zu der Antwort, nicht daß, sondern konkret: wie der/die/das Subalterne spricht, wie David Simo, einer der Beiträger, es formuliert.

Er zeigt denn auch, wie Schräglagen entstanden, durch Abtretungen, durch Fehleinschätzungen, durch naive Machtanalysen – und was daraus als
Utopie folgen könnte.

Der andere Mensch – zum Tier erklärt, das es auch ähnlichen Gründen wie diesen anderen Menschen so nicht gibt (man kann hier auf Derrida wie auf Žižek verweisen) – wird zum Fall für den Zoo, seine Interessen gelten nichts. Die „inferiorisierende” Diskursivierung ist dabei nicht Theorie, sondern Ausflucht.

Dem geht der mit Größen wie Paul M. Lützeler prominent besetzte Band auf den Grund, lesenswert. Der Arbeitskreis Kulturanalyse, der hinter dem Band steht, ist längst ein Epizentrum der germanistischen Forschung in Österreich.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 08.10.2017
Thema: Gustavo Zagrebelsky / Carl Schmitt: Gegen die Diktatur des Jetzt

Pathos statt Politik


Das Bändchen Gegen die Diktatur des Jetzt von Gustavo Zagrebelsky ist interessant, aber zugleich in weiten Passagen als so etwas wie eine Fußnote zu Beobachtungen Günther Anders’ zu beschreiben, der im Bändchen nicht vorkommt. Und es sind dies die besten Passagen, in anderen werden Ressentiments referiert.

Die Thesen:

1. Politik sei als Herrschaftsform nicht „Oligarchien, Technokratien, Plutokratien usw. [sic!]” meine, was nett, aber schwer zu verteidigen ist, weil man dazu schon blind für die elitäre Konstitution des demos, Wahlkampfkosten und noch vieles sein muß, um zu verfechten, hier bestünde ein blanker Gegensatz.

2.
Man müsse sehen, daß heute „Algorithmen im eigentlichen Sinne politische Entscheidungen” „ersetzen”, was man zu den Kostenkalkulationen eines Atomkrieges schon bei Anders eben ausgeführt findet, wobei dieser nicht von im eigentlichen Sinne politische Entscheidungen geredet hätte, was suggeriert, dieses Feld lasse sich leicht abgrenzen und wäre nicht schon Folge politischer Operationen.

3. Die „Dezentralisierung politischer Macht” verwandle diese „in Souveränität der Finanzwirtschaft” als ob dies – wieder – zweierlei sei.

4. Es werden „die Mittel […] zu Zwecken und die Zwecke ihrerseits zu Mitteln”, was wieder früher, bissiger und durchdachter bei Anders steht.

Dies und mehr wird mit Rückgriffen auf das Altertum (etwa die polis) formuliert, mit irritierenden Wendungen wie jener, daß es aber heute „keine […] notwendig gerechte Gemeinschaft mehr” gebe.

Nicht mehr. Früher wäre alles besser gewesen, ach, vor allem vorm Sündenfall. Und da rutscht das Bändchen dann ins befürchtete Fahrwasser einer Politik wider „Nutznießer […] im eigenen Schlamm” und für die wahre (=heroische und naturgemäße, bräunliche) Entscheidung, womit Schmitts Text als Abschluß folgerichtig erscheint, wiewohl eben nur, wenn man folgen will, und zwar etwas, das nicht überzeugt, sondern aus Inkohärenz und Rhetorik einen Jargon der Eigentlichkeit flicht, der dann „von der Lage des Zentralgebietes” aus, wie Schmitt es formuliert – von dem diesem Band eine Rede (sozusagen statt Anders‘ Texten) beigefügt ist, entscheiden kann und fast nicht mehr muß.

„Wer keinen anderen Feind mehr kennt als den Tod und in seinem Feinde nichts erblickt als leere Mechanik, ist dem Tod näher als dem Leben”, so Schmitt, dessen Rede hier das Bändchen wieder ins Bedenkenswerte hebt, mit einem Gedanken, der angesichts Schmitts Haltung überrascht, nämlich jenem, daß es nicht Politik und leere Mechanik gebe, sondern Diskursmöglichkeiten, die dann klügere Antworten allerdings auch als jene Schmitts gestatteten, bei dem leider doch immer der „Kampf” folgt.

Fazit: Der schmale Band beginnt klug, aber verliert sich … was, wenn man also lieber den radikaleren und zugleich darum nicht ganz so pathosbesoffenen Anders, hier ein Phantom im Text, liest?

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Martin A. Hainz schrieb uns am 07.10.2017
Thema: Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze

Der Dichter kann nicht dem Volk dienstbar sein – zu Zwetajewas Schreibheften


Marina Zwetajewa muß man dem Lyrikaffinen nicht vorstellen – ein unruhiger Geist, eine wunderbare Lyrikerin, kosmopolitisch sozialisiert, angeregt, wiewohl nicht immer in ihren Anliegen gefördert, erlebt sie den Symbolismus, dabei fasziniert nicht durch die Theorie, sondern durch die Poesie: aber sie als Theorie.

Daß diese als freigeistig-dekadent denunzierten Verfahren dem Stalinismus nicht entsprachen, versteht sich, ihr Werk ist ein einziger Einspruch – und sieht man, was ihr zuletzt genommen wird, ausspioniert, der Mann 1941
erschossen, Tochter Ariadna 8 Jahre im Gefängnis, wegen ihres Mannes, Spitzel des NKWD, so hatte sie in dieser Opposition schwerlich Unrecht, die am 31. August 1941 in ihrem Selbstmord endet ... oder gipfelt.

Daß man die Werke lesen soll – keine Frage. Bereichernd sind auch die Schreibhefte, die Felix Philipp Ingold nun übersetzt und herausgegeben hat. Darin erlebt man ihre Versuche, ihre Abbrüche, Reflexionen, die hochkonzentriert sind.

Immer wieder Motiv ist der Schreiber, der nicht schreibe: Eher sei er Werkzeug seines Schreibens, verstehe sich im Schreiben, aber nicht zwingend sich und nicht zwingend im Lesen...

Man sei man selbst in der Technik („Wie ein Stock den Arm vollenden kann!”), hierin erfahre man sich – „seine Augen zu sehen” gelte es.
Dazu gesellen sich theologische Reflexionen, worin der Blick wieder neu auf das gelenkt wird, auch durch kleine Epiphanien wie jene, daß „Engel [...] aus Feuer” seien, oder jene, daß der Minotauros nicht Herr seines Labyrinthes sei, sondern Teil seines Verhängnisses, „ein hadernder Knecht.”

Und zum Kommunismus:

„Der Dichter kann nicht dem Volk dienstbar sein – weil er selbst das Volk ist.”

Verstörendes, Schönes, auch für Kenner des Werks eine Entdeckung!

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Manfred Gessat schrieb uns am 03.10.2017
Thema: Bov Bjerg: Auerhaus

Was ich von der Geschichte des
armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt, und leg es euch hier vor, und weis, daß ihr mir`s danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, und
seinem Schicksaale eure Thränen nicht versagen.

Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund seyn, wenn du aus
Geschick oder eigner Schuld keinen nähern finden kannst.
WERTHER, Vorrede






Ich fand das ganze Buch langweilig.
AUERHAUS, Höppner



WERTHER im AUERHAUS
Eine
Lesehilfe für Erwachsene

immer mal weg!

Höppner war immer mal für ein paar Tage weg*. Aber dieses mal war etwas anders.  Auch Frieder wäre in der Zwischenzeit fast "weg" gewesen, hätte ihn sein Vater nicht gera-de rechtzeitig gefunden.

Kein schlechter Romananfang: Zweierlei "weg". Der Kurztrip und der Tod. Der Roman-einfall wird auch nicht dadurch schlechter, dass wir ihn seit WERTHER kennen. Wie froh bin ich, daß ich weg bin! beginnt Goethes Briefroman, das düstere Ende schon im ersten Satz vorweg nehmend. Wir werden noch sehen, wie extensiv sich Bjerg der Vorlage be-dient; hier beachte man den Tonfall:

Jedenfalls, als die Sache passierte, da war ich gar nicht da. Und hatte auch nichts mitbekommen, logisch.

Präziser hätte es selbst Goethe nicht sagen können. Auch er war ja immer mal weg. Als die Wetzlarer Katastrophe (1) passierte, war er bereits seit sieben Wochen wieder unter-wegs. Deshalb hatte er auch vom Selbstmord seines entfernten Jurakollegen Karl Wilhelm Jerusalem nichts mitbekommen. Logisch. Aber über die genauen Umstände des Todes ließ sich Goethe brieflich genauestens unterrichten.

Jerusalems Vater war ein hoch angesehener Theologe. Beide waren mit Lessing befreun-det. Der Sohn hatte sich in einem demütigenden Streit mit einem kleinlichen Vorgesetzten verkämpft, hinzu kam die nicht erwiderte Liebe zu einer verheirateten Frau. Sein Schicksal  und die eigenen Erlebnisse in Wetzlar verarbeitete Goethe zwei Jahre später in „Die Lei-den des jungen Werthers“; ein Briefroman, ein Geniestreich, Weltliteratur.

mäandern

WERTHER und AUERHAUS (2) stehen in engem Verhältnis. In Hinsicht auf "Adoleszens-literatur" kann das eigentlich nicht überraschen. Die „Wertherzeit“ ist menschentypisch, vergleichbar dem Ödipuskomplex. Jeder junge Mensch hat damit irgendwann irgendwie zu tun (3). Greift sich ein Autor das Thema, steht er automatisch im Banne des WERTHER.


* Zur besseren Lesbarkeit sind alle AUERHAUS-Zitate fett, alle WERTHER-Zitate fett und kursiv gedruckt. Alle Zitate aus Die Leiden des jungen Werthers stammen aus der Erstfassung von 1774, bzw. den Ergänzungen von 1887, ein-schließlich Goethes orginaler Orthographie und Grammatik, die sich offenkundig mehr den Ohren als den Augen ver-pflichtet fühlte. Textkorrekturen nach dem Erstdruck wurden nicht berücksichtigt. Neudruck der Texte Suhrkamp TB-Ausgabe, Frankfurt 1998

(1) Horst Flaschka, Goethes "Werther", Werkkontextuelle Deskription und Analyse, München 1987. Soweit nicht aus-drücklich vermerkt, sind alle biographischen Hinweise auf Goethe und WERTHER Flaschkas Standardwerk entnommen.

(2) Bov Bjerg, AUERHAUS, Roman, Berlin 2015. - Von mir erstmals 2015 unter Titel "Hintergründiges zu Bov Bjergs `Auerhaus` " bespochen. Beide Aufsätze ergänzen sich. Der zweite vorliegende Studie möchte die WERTHER-Themen im AUERHAUS darstellen, freilich ohne es darauf  zu reduzieren.
(3) "Es müßte schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der `Werther` käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben." Goethes Gespräch mit Eckermann am 2.1.1824. -  "Der Selbstmord ist ein Ereignis der menschlichen Natur, welches, mag auch darüber schon so viel gesprochen und gehandelt sein als da will,doch einen jeden Menschen zur Teilnahme fordert, in jeder Zeitepoche wieder einmal verhandelt werden muß", Dichtung und Wahrheit, In: Goethes Werke, Hamburg 1964, Bd.9, S.583 ff.
Dafür bräuchte er ihn nicht einmal selber gelesen zu haben. Zu tief hat sich Goethes Erst-lingsroman in das Tableau jugendlicher Entwicklung eingraviert. Salinger, Plensdorf, Kracht, Herrndorf und Bjerg übernehmen seine Plots so selbstverständlich wie dutzend
andere zuvor. Auch das macht ihn zur Weltliteratur.

Auf welche Weise sich Bov Bjerg des WERTHER annimmt, ist allerdings so kunstreich und berührend, dass sein Roman sich interpretatorisch einige Kärrnerarbeit verdient hat.

Von einigem Interesse könnte etwa der Umstand sein, dass wir den Vornamen Werthers so wenig wie den von Höppner kennen, sich übrigens auch Goethe im Privatkreis fast aus-schließlich mit Nachnamen anreden ließ. Über Werthers und Höppners Väter wissen wir kaum mehr, als dass sie tot sind. Auch über die Mütter erfahren wir nicht übermäßig viel, aber es reicht.

Die Söhne halten sie auf emotionaler Distanz (4). Werthers Mutter verließ nach dem Tod des Mannes den bisherigen Familienwohnsitz, um sich in ihre unerträgliche Stadt ein-zusperren. Höppners Mutter ist nicht umgezogen, hat dafür aber den unerträglichen F2M2 geheiratet, dem die Wohnung nicht eng genug sein kann. Andererseits arbeitet sie für ihre Kinder bis zum Umfallen, ist fürsorglich und lässt viel mit sich machen; wohin gegen Wer-thers Mutter  sich um die Karriere ihres Sohnes sorgt und ihn gern in Aktivität gehabt hät-te. Was aber aus Goethes, bzw. Werthers offiziellen Ambitionen in Wetzlar (Studium, Be-ruf, Familie) wurde, ähnelt wiederum Höppner; es blieb beim Herumeiern!

Höppner interessiert sich für Sachbücher, keine Romane. Ob er damit wirklich der ideale Chronist für Frieders letzte Lebensmonate ist, haben wir nicht zu entscheiden. Jedenfalls pflegt er wie der (fiktive) Herausgeber des WERTHER eine zumeist nüchtern-distanzierte Prosa, selbst wenn er sich am Ende die Thränen nicht versagen kann. Gewissenhaft wertet er alle aufgefundenen Zettel im Auerhaus aus, als sei es ihm ebenfalls ein beson-deres Anliegen, auch das kleinste aufgefundene Blättchen nicht zu gering zu achten. (5)

Seine profane Ausrichtung führt Höppner - romanhaft verwirrend -  in die Nähe einer wei-
teren Person, nämlich zu Lottes Verlobtem - gleichzeitig Goethes Freund und Rivale - Johann Christian Kestner alias Werthers Freund und Rivale Albert. Von niemand anderem als diesem Kestner/Albert liehen sich - nicht weniger romanhaft verwirrend - Jerusalem/
/Werther die Pistolen zum Selbstmord und erhielt danach Goethe den sachlichen Bericht, den er - romanhaft zum Dritten - fast wortgetreu in seinen WERTHER übernahm. Soviel zur Sache.

Es deutet sich etwas an: Es könnte sich lohnen, WERTHER und AUERHAUS mäandernd zu lesen. Nicht auszuschließen, dass die vergleichende Lektüre zu interessanten Erkennt-nissen führt. Vielleicht münden sie in einen Kreis, vielleicht auch in eine Spirale.




(4) Enttäuschungen wollen sie ihnen möglichst fernhalten. Werther bittet seinen Freund, seiner Mutter dergleichen Nach-richt bei einem Säftchen mitzuteilen; Höppner verschweigt sie lieber ganz.

(5) Der fiktive Herausgeber WERTHERs tritt zum Schluss des Romans immer deutlicher in seiner Rolle als beglaubigen-de Instanz für die Echtheit der Ereignisse in Erscheinung; ähnlich Höppners Mutter, wenn sie ihrem Sohn den Zeitungs-artikel über die Narretei junger Männer vorliest.
Idyllen

Wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essen besorgen und zusammen kochen.

Immer mal weg ist nicht die ganze Lösung. Vagabunden sehnen sich gleichzeitig nach Idyllen. Höppner schaut im Fernsehen gerne Alte Filme und den ganzen Heile-Familie-
-Kram., "Ach könnte das schön sein, als friedlicher Bürger ..., ein Häuschen mit Garten ..." (6), wir kennen noch die Evergreens.

Das friedliche Landleben, die häusliche Familie, die überschaubare dörfliche Ordnung kommen in Deutschland literarisch in der zweiten Häfte des 18. Jahrhunderts so richtig in Mode. WERTHER beglückt seine Leser mit populären Plots (7):

Du kennst von Alters her meine Art, … mir an irgendeinem vertraulichen Ort, ein Hüttchen aufzu-schlagen, und mich darin zu beherbergen.

Die große Welt interessiert gerade nicht. Die Deutschen machen keine Revolution (8). Der Leser erfährt von der politischen Großwetterlage im WERTHER wie im AUERHAUS gera-de mal am Rande, wobei beide Romane sich der gleichen Technik bedienen.

Werther berichtet nach einer eher privaten als öffentlichen Demütigung in nachklingender Erregung seinem Freund: Ich wollte in den Krieg! das hat mir lange am Herzen gele-gen. Von feindlicher Bedrohung oder patriotischer Begeisterung war aber nirgendwo die Rede. Friedliches Hessen! Etwas anderes als persönliche Verärgerung und Betroffenheit möchte Werther ja auch nicht ausdrücken.

Höppner will sich um den Wehr- und Zivildienst drücken. Nach der Pfeife von irgend-welchen Spezial-Schwachmaten zu tanzen, das war nicht mein Fall. Überhaupt ist alles Scheiße. Mehr Gründe braucht es nicht. `68 ist lange her. Im kalten Krieg lässt  sich leben. Ich habe noch nie einen Toten gesehen, sagt der Zeitsoldat! Glückliche BRD! Grundlos dreht Bjerg die Zeitspirale nicht 30 Jahre zurück. AUERHAUS 2015 hätte nicht mehr funktioniert.

Sollte der Eindruck entstehen, junge Männer hätten sich in 200 Jahren kaum verändert, so widersetzen sich ihm wenigstens die Frauen:

.….so sehnt sich der unruhigste Vagabund zulezt wieder nach seinem Vaterlande, und findet er in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in dem Kreise seiner Kinder und der Geschäfte zu ihrer Er-haltung, all die Wonne, die er in der weiten öden Welt vergebens suchte.

Ich sagte: „ Wenn ich nach Berlin ziehe, besuchst du mich dann?“
Vera sagte: „Na, was denkst du denn?“
Ich: „Willst du mal Kinder?“
Vera: „Du spinnst.“

(6) Räuber-Song aus "Das Wirtshaus im Spessart", Günter Neus und Wolfgang Müller, 1958

(7) Damit beschenkt uns auch B. Bjerg. Lotte hätte es zu schätzen gewußt: Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wieder finde, bey dem`s zugeht wie um mich ...

(8) Das ist der Hauptgrund, warum die deutsche Hüttchenidylle so schnell peinlich wird: das notorische Schwächeln ihres Gegengewichts. Our House hatte es da leichter, die Charts zu stürmen, obwohl es sich von deutschen Sehnsüchten eigentlich nicht unterscheidet.

Bov Bjergs Vierzeiler stellt die modernen Geschlechterverhältnisse klar.

Kerker und Regeln

Familien- und Landleben als Waffe gegen höfisches Aristokratentum und städtische Ent-fremdung? Das Modell hinkte schon immer. Bornierter Eskapismus. Die sozialen Krän-kungen bleiben, selbst in der Light-Version.

Das Gymnasium für die Stadtrandkinder bekommt keinen Eigennamen, sowenig wie der Bauernsohn, der nach Kuhstall riecht. Wir nannten ihn bloß „der Bauer“. Frieder hat dafür wenigstens die historische Erklärung. Guten Abend. Ich komme geradewegs aus dem Feudalismus. Sind Sie bereits auf dem Weg in die Industriegesellschaft?

Standesmäßig zählt er sich wie Werther zu den Subalternen (8a). Doch was ist schlim-mer? Die feudale Bevormundung (9) oder das bürgerliche Regelwerk ? Birth, School, Work, Death. Ist Karriere wirklich alles? Nein! So sieht es das Auerhaus-Team, so fühlt es Werther.

Man kann zum Vortheile der Regeln viel sagen, ohngefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. ….Folgt der Mensch , so giebts einen brauchbaren jungen Menschen, nur mit seiner Liebe ist’s am Ende und wenn er ein Künstler ist, mit seiner Kunst.

"Meine Eltern sind stolz darauf, dass ich aufs Gymnasium gehe. Und wenn ich mal zum Mond fliege, sind sie auch darauf stolz. Aber sie werden es nicht verstehen." "Was?" "Wie sich die Schwerelosig-
keit anfühlt. ..."

Wer sich jung fühlt und entwickeln möchte, reibt sich an der Enge. Anders als F2M2, dem im Gegensatz dazu selbst die Zimmer zu hoch sind. Doch Höppners häusliche Rebellion dagegen – ARSCHLOCH DUMM WIE 1m FELDWEG – verschwindet hinter der Tapete.

Werther wendet sich (mit versteckten Hinweisen auf Platons Höhlengleichnis) gegen den Käfig oder Kerker, in dem er sich eingesperrt fühlt. Er gerät in Verzweiflung, wenn er sich ansieht, wie alle Würksamkeit und alles Nachforschen auf träumende Resignation hinausläuft, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemahlt.- Da trifft es sich für F2M2 doch ausgespro-chen günstig, dass er bereits von Beruf Maler ist. Kein Maler, der malen konnte. ... Sondern einer, der anmalen konnte. Wände und so.

Trauerspiele

Das deutsche Trauerspiel. Wenn sich Werther erschießt, wird "Emilia Galotti" aufge-schlagen daneben liegen. WERTHER und AUERHAUS zitieren die vertrauten Muster:

Die Väter imitieren feudale Herrschaft. Die töchterliche Unschuld bringt sich um. Die Frau-en üben sich in kreativer Haushaltsführung.

Ein gutes junges Geschöpf … verlassen von aller Welt … stürzt … sich hinunter, um im Tode all ihre Quaalen zu ersticken.

Die große Schwester von Lothar…hatte sich aufgehängt. … Sie war schwanger, hieß es hinterher. Sie
wurde nicht einmal 18.

(8a) Frieder hat Erfahrungen als Omega-Wolf ."Wenn man nicht im Gehege drin ist, dann ist das interessant."

(9) Werther verkämpft sich weniger mit der feudalen Ordnung als mit ihren Bürokraten und seiner Elterngeneration.
Werther erzählt von einer braven Frau, deren Mann - ein geiziger, rangiger Hund - sie so knapp hält, dass sie ihre Familie nicht anders versorgen kann, als sich den Rest zusam-men zu stehlen, zur Not wöchentlich aus der Loosung (der Kirchenkollekte).

Knappe Budgets sind primär Frauensache. Höppners Mutter schleppt regelmäßig abge-laufene Essachen aus dem Supermarkt. Vera bringt Frieder auf die Idee, die teuren Sa-chen beim Penny zu klauen. - Aber geklaut ist selbst die Idee.

Fluchtwege

Werther flieht aus der Enge seines Lebens. Er entdeckt die paradiesische Natur, das liebe Thal; verliert sich in pantheistische Stimmungen und  am Bache liegend im Wim-meln der kleinen Welt zwischen den Halmen, armen Würmgen, Ameisen. Er genießt das einfache Landleben, einen Garten, gestaltet von einem fühlenden Herzen, und einen Kirchplatz, ringsum eingeschlossen mit Bauernhäusern, Scheuern und Höfen. So vertraulich, so heimlich ...

Das AUERHAUS hat das Paradies weit hinter sich gelassen. Das Tal wird von einer Um-gehungsstraße überspannt; der Mühlbach ist eingedolt. Als Gärten posieren Brennes-selhügel, ehemalige Misthaufen, hier und da mit Geranien bepflanzt. Der Kirchturm lugt über eine Mauer aus groben Steinen ... wie ein dicker, missgünstiger Zwerg. Gott sei Dank eingesperrt ...

Werther kennt noch einen weiteren Fluchtweg - den problematisch-deutschesten! - den Weg nach Innen; Innerlichkeit, die Einsamkeit des Herzens. Ich kehre in mich selbst zu-rück, und finde eine Welt!  

Arbeit und Karriere zählen nicht zu Werthers Fluchtwegen. Haben einen weiteren überse-hen? Wir werden es im Auge behalten.

Wie steht es nun um Höppners Alternativen? Wenn wir es richtig sehen, ist ihm nur noch eine geblieben: Berlin, Knast und Klapse in Einem.

Trittspuren

Mir war nie aufgefallen, wie ausgetreten die Treppe eigentlich war. Die Mulden im Holz, glattpoliert wie Bachkiesel.

Höppner wurde nach seinem verpatzten Abitur Treppenhausputzer, mit geschärftem Blick für Trittspuren. Im Nachhinein kündete sich seine Eignung für den Beruf bereits im Prolog des  AUERHAUSes an. Höppner war es, der auch die Spuren im Neuschnee entdeckte.

Ich erkannte Frieders frische Stiefelstempel und ging ihnen nach.

Aber warum drückt er sich denn so gestelzt aus? Stiefelstempel? Warum notiert er nicht
einfach "Fußspuren"?  

Die Antwort ist einfach, auch wenn Höppner selbst nichts davon weiß. "Stiefelstempel" ist ein Kunstwort, über das der Leser, wenn er aufpasst, gleich in den ersten Zeilen des
AUERHAUSes stolpern kann. Stiefel, zumal im Gravitationsfeld von Adoleszenz, sind untrennbar mit Werther verbunden (10).
Und Stempel? Sprachlich bilden sie den eigentlichen Fremdkörper. Sie prägen das Kunstwort; wirken selber wie in den Satz hinein gestempelt, passen eher zu Büro  und Verwaltung (11) als zum Schnee. Wir finden des Rätsels Lösung wieder im WERTHER.

Großzügig wurde der begabte Jüngling in ein fürstliches Haus eingeladen. Sein Gastgeber und Gönner suchte das Gespräch mit der Kunst, gerade weil er in Wahrheit selber nichts davon verstand. Die Situation, die sich daraus entwickelte, können wir in Werthers Briefen fast körperlich nachempfinden: wie er mit den Zähnen knirscht, wenn es der Fürst mal wieder recht gut zu machen denkt und auf des jungen Gastes warme Imagination an Natur und Kunst mit einem gestempelten Kunstworte drein tölpelt.

Daher also kommen die drein getölpelten Stiefelstempel am Beginn des AUERHAUS! Ein heimlich aus dem WERTHER entführtes Kunstwort, das Bjerg als stillen Wegweiser in seinen Roman einbaute.

Die Absätzen wiesen die Richtung. Wollen wir sie zurück verfolgen?

Der fiktive Herausgeber von Werthers Briefnachlass wollte seinen Lesern ursprünglich ebenfalls mitteilen, wodurch er angetrieben worden, den Fustapfen des unglücklichen
emsiger nachzugehen. Goethe strich später die Stelle. Aber in den Schlussszenen, im
düsteren Umfeld von Werthers Todesnähe, tauchen die Fustapfen wieder auf. Sie verlaufen und vermischen sich - wie im AUERHAUS ! - mit den Spuren des älteren Dichters und Vorgängers. Es eröffnet sich eine dichterische Kaskade!

Wenn ich ihn denn finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Haide die Fustapfen seiner Väter sucht und ach! ihre Grabsteine findet. ... Der Wanderer wird kommen .... und fragen: Wo ist der Sänger ...? Sein Fußtritt geht über mein Grab hin und er fragt vergebens nach mir auf der Er-de.

Frieder

Der Vater hat eine warme Stimme und glaubt an die zehn Gebote. Die Mutter nimmt
Schlaftabletten. Beide machten den Darkroom zu Frieders Kinderzimmer. Seither erlebt
Frieder seine Umwelt meist hinter Glas. So ein ganz dickes Glas. Davon abgesehen, ist Frieder hochbegabt.

Nach turbulenten Monaten im AUERHAUS verlässt er als Einser-Abiturient das schwäbi-sche Bauerndorf, wird Fahrradmechaniker in einer kleinen Stadt in Hessen ohne Fuß-gängerzone (12) und begeht dort Selbstmord. Depressionen sind wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager, hatte schon Höppners Mutter erklärt. Man kommt bei allem
Strampeln doch nicht vom Fleck. (13)

Was wissen wir über Frieder hinter dem Glas? Sein Name und Talent sind ihm nur ange-


(10) Werthers unkonventioneller Tracht erreichte Kultstatus. Kestner beschreibt erstmals von Jerusalem: blauer Frack, gelbe Weste und Beinkleider, braune Stulpenstiefel. Goethe weist auf ihre Verbreitung "unter den Niederdeutschen in Nachahmung der Engländer" hin; Dichtung und Wahrheit, Werke Bd.9, Hamburger Ausgabe, München 1981. -  Die grellfarbene Outfits im AUERHAUS knüpfen an der Werther-Tracht an: Veras grüne Haare und Harrys rote Latzhose, auf der Silvesterparty noch steigerungsfähig: eine Kluft aus rote(m) Netzhemd, knallenge(n) Jeans mit abgeschnitten(en) Beinen bis hoch zum Schritt, schwarze(r) Nylon-Strumpfhose.

(11) Stempeln und Stempelkissen begegnen uns gleich wieder. Dann geht es  weniger um Fußabdrücke.

(12) Wetzlar ist eine hessische Kleinstadt bis heute ohne Fußgängerzone!

(13) Wie Frieder sich auf dem Fahrrad fortbewegt, gleicht er einem absurd große(n) Metronom.
heftet (14). Das Psychogramm erhielt er von K.W. Jerusalem(15), von Goethe die Locken.
Wenn er gekonnt hätte, hätte er so sorgenlos und draufgängerisch gelebt wie Alexis
Sorbas, der Grieche, oder sich zumindest nicht besonders viele Gedanken gemacht wie Harry, der Schwule. (16) Aber real bleibt er der Bauer mit minderen Erfolgsaussich-ten, zumal bei Mädchen. Eine aus der Zeit gefallene Protestgestalt im Geruch des niede-ren Standes. Ein bisschen Kaspar Hauser. (18)



Doppelgänger

Wenn wir Frieder zum ersten Mal begegnen, ist er bereits seit Monaten in der psychiatri-scher Klinik am der Stadtrand. Im Herbst hat er den ersten Freigang. Der Park ist regne-risch und nebelig; der Springbrunnen ... mit Brettern vernagelt, Winterstarre spürbar. Höppner träumt vom Tod. Ich will in die Stadt, sagt Frieder. Dort ist alles noch trostloser,
die Fußgängerzone … kaum auszuhalten, …statt Sitzbänken eine Betonpyramide, ... der ideale Ort für Leute mit Depressionen. Hier waren sie mit ihrer Umwelt im Einklang.

Frieders erster Gang ins Freie, unverkennbar symbolisch aufgeladen, ruft förmlich nach  mäandernder Lektüre:

Werther zieht es aus dem unangenehm engen Wetzlar in die unaussprechliche Schönheit der Natur rings umher. Eine paradiesische Frühlingslandschaft, ein Brunnen mit klarstem Wasser aus Marmor-felsen wird zum Ort der Begegnung. Werther verströmt pantheistische Träume und spürt die Gegenwart des Allmächtigen.

Frieders Laufrichtung steht in gewolltem Gegensatz zu Werthers. Es herrscht Herbst statt Frühling, nordische Todesstimmung statt südlicher Anmut. Der Brunnen ist schon zuge-
deckt, das Wasser abgestellt. Anstelle des Landlebens lockt die Stadt. Träumerische All-heit weicht dem Alptraum des Erhängtwerdens, der poetische Aufschwung dem Gleich-maß der Depression.

"Die Absätze wiesen die Richtung!"

Motivumkehrung statt Parallelführung, zugleich Verdopplung. Wie das literarisch geht, zeigt WERTHER.



(14) Zu Frieder als Meisterdieb und J.P. Hebels Zundelfrieder vgl. meinen Aufsatz "Hintergründiges ..." (s. Fußnote 2)

(15) ausführlich zu Jerusalem: Heinrich Gloël, Goethes Wetzlarer Zeit, besonders Kapitel IX; Berlin 1911; Nachdruck Wetzlar 1999. Besonders hervorzuheben: "Der Zartbesaitete ... hatte das Bedürfnis nach freundschaftlichem Verkehr, war aber so verschlossen und wählerisch, daß er nur mit wenigen befreundet war." - "Er neigte zur Melancholie und zur Vereinsamung, er entzog sich allezeit der menschlichen Gesellschaft.." - "Die Natur hatte ihm ... die `Fähigkeit zur Verstellung` versagt".- "er ging in den Tod als gequältes, nicht genügend widerstandsfähiges Menschenkind .."; mit  "übertriebenem Hang zu metaphysischen Spekulationen". " Leibnitzen`s Werke las er großem Fleiße."  Aus Lessings Nachruf stammen die ehrenden Worte: "Es war die Neigung zu deutlicher Erkenntnis; das Talent, die Wahrheit bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen. Es war der Geist der kalten Betrachtung. Aber ein warmer Geist, und so viel schätzbarer." (zit. aus: Philosophische Aufsätze von Karl Wilhelm Jerusalem, hrsg. von Gotthold Ephraim Lessing, Braunschweig 1776). - Goethe schrieb: "Der unglückliche Jerusalem! ... Gott weiß, die Einsamkeit hat sein Herz unter-graben, und - seit 7 Jahren kenn`ich die Gestalt, ich habe wenig mit ihm geredt`..." (zit. nach H. Flaschka a.a.O. Seite

(16) Immer mal wieder irren sich die Protagonisten. Das ist im AUERHAUS nicht anders als im WERTHER. Harry hat auch eine unverkennbar schwäbische Seite: "Anschaffen, das lohnt sich vielleicht noch zwei, drei Jahre. Ich muss auch an später denken."

(17) entfällt

(18) "Was macht man mit einem Raum ohne Fenster?"
Das Verdopplungsmotiv taucht dort zunächst in Gestalt der Jahreszeit auf. Wie sich die Natur zum Herbst neigt, wird es Herbst in mir und um mich her.  Werthers Stimmung verdüstert sich, sein Untergang beginnt. Dann begegnet er zwei menschlichen Doppelgän-gern; einem Bauernburschen (19), anschließend einem armen Kranken im grünen Rokke. Die Lage wird einigermaßen unübersichtlich. Wer folgt wem?

Den Bauernknecht trieben aufrichtige Liebe, Treue und Leidenschaft zu Gewalt und Mord. Als Werther unmittelbar nach der Bluttat am Ort des Verbrechens, seinem sonst so geliebten Platze, eintrifft, entdeckt er entsetzt, wie sichtbar sich alles verändert hat. Die starken Bäume standen ohne Laub ..., waren ent-blättert.

Im Falle Frieders kündet sich soeben seine Entlassung aus dem Irrenhaus an, aber kei-neswegs geheilt, sein Überleben ist ungewiss. Mit Höppner bildet auch er ein Doppelge-spann, ein merkwürdiges, seit Jahren.

Es war ein bisschen so, als ob ich noch einen Bruder hätte.

Hier beginnt nun Bov Bjergs Spiel mit Wiederholung, Variation, Verdopplung und Goethe!

Keiner der Brüder ist zur Mordtat fähig. (20) Dennoch tauchen in Höppner auf dem Hin- und Rückweg zusammen mit Frieder von der Klapse in die Stadt Gedanken an Mord und Selbstmord auf. Wie zum Glück entdecken sie beim Überquerung der Schienengeleise keine Blutflecken und schubst auch keiner den anderen vor den Zug. Höppner tut nur so! Danach springt er ausgelassen in einen Laubhaufen und kickt das Laub ausein-ander.

Es machte mir Spaß, mich wie ein Kind zu fühlen, oder zumindest so zu tun. Na ja, ein bißchen tat ich es auch für Frieder.

Der Weg des Paares über die Eisenbahnbrücke bewegt sich eindeutig entlang der Schlüs-selworte aus Werthers Doppelgängerszenen: Psychiatrie/Tollhaus, Mord/Bluttat und Herbst/Laub. - Nur: wo bleiben die aufrichtige Liebe, Treue und Leidenschaft ?

Die Stelle der Leidenschaft übernimmt Höppners kindliches Vergnügen nach der nicht ge-tanen Tat! Und aufrichtige Liebe und Treue? Zwei Lesearten sind möglich: Bjerg wollte seinem eher coolen Publikum die gefühlsüberladenen Worte taktvoll ersparen.  Alternativ: Er legte Goethes Worte, bzw. die Eigenschaften, die sie ausdrücken, nur etwas tiefer, verschob sie in den Subtext der Handlung. Aufrichtige Liebe und Treue seien auf diese
Weise dem Roman rekonstruierbar erhalten geblieben, steuerten quasi von unten das AUERHAUS weiter!

Wir wollen über den mordenden Bauernknecht nicht Werthers zweiten Doppelgänger,  den armen Kranken, vergessen.



(19) Goethe hat die Bauernknecht-Episoden erst in die Zweitfassung des WERTHER (1786) eingefügt. Die Umarbeitung war u.a. eine Reaktion auf den Wertherkult. Die Nebenhandlung mit dem Bauernburschen sollte die Identifikation mit dem Romanhelden erschweren. - Bjerg unterstreicht mit den Namensgebungen "Bauer Frieder" und "Höppner Hühner-knecht" den Doppelgängerstatus seiner eigenen Romanhelden - und ihre literarische Herkunft.

(20) Sowenig wie Goethe oder Werther dazu in der Lage waren. Aber die Spannbreite ihrer inneren Beziehung sollte man nicht unterschätzen :"Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt`ihn umgebracht", Goethe, Römische Elegien II (1795) - Andererseits spricht Goethe wieder in seiner Trilogie der Leidenschaften (1827)  "An Werther" vom "vielbewein-ten Schatten".
Er war wie Werther erst der Leidenschaft, dann jedoch der Raserei verfallen und hatte ein Jahr an Ketten im Tollhaus gelegen. Auch dort, bekennt der Kranke, war einmal eine Zeit, da mir`s so wohl war. ..., so lustig, so leicht wie ein Fisch im Wasser! Doch die Zeit, von der er so rühmte, daß er so glücklich  ... gewesen, war der Abschnitt seines Lebens gewesen, wo er nichts von sich wußte. - Zu seinem jähem Erschrecken registriert Werther plötzlich seine innere Nähe zu dem armen Kranken,.

Einen abgründigen Humor wird Bov Bjerg niemand absprechen wollen. Aus dem Kranken im grünen Rokke macht er einen in seinen Dienstauftrag versunkenen Polizisten; den Typ am Stempelkissen, der die Fingerabdrücke nahm. Im AUERHAUS verkörpert der Typ das Gegenmotiv zu Frieders Aktionismus.

Er sah ganz konzentriert aus und gleichzeitig total abwesend, wie im Halbschlaf. Als ob er meditierte. Vera hatte mal gesagt, wenn man in dem, was man machte, völlig aufging und dabei die Zeit vergaß, war das das Glück. Dieser Polizist war glücklich. ... In diesem Moment hätte ich gerne mit ihm ge-tauscht.

Reifungsstörung

Die Väter waren immer viel dümmer als die Mütter ... Die klügsten und freundlich-
sten Frauen hatten die dümmsten Arschlöcher zum Mann.

Antike Helden und Ritter waren gestern. Mit privatisierenden Männern lässt sich kein Staat machen. Werthers oder Höppners Vater werden nicht einmal namentlich erwähnt. Werther ist so wenig ein Kraftkerl (21) wie Frieder oder Höppner. Im Gegenteil, alle drei haben ein regelrechtes Defizit an Männlichkeit (22).

Die Qualitäten der Typen, die bei Frauen Erfolg haben, möchte sich Höppner lieber nicht genauer vorstellen. Den Auerhahn im AUERHAUS gibt Harry. Er verkörpert zwar auch
nicht gerade einen sexuellen Kraftprotz, aber um Höppner auszustechen, reicht es. Wenn es um die Vergabe des Markenzeichens Kerl geht, bleibt der seinen Minimalanforderun-gen an Männlichkeit selbst als Chronist noch treu. Ein Kerl ist für ihn sogar der Zeitsoldat, der noch nie in einem Krieg war.

Frieder/Höppner/Werther sind unfähig, sich aus ihrer Trägheit in Beziehungen zu einer konsequenten Haltung zu ermannen, im Ernstfall werden sie von ihren Gefühlen über-mannt. Ihr Mangel an Männlichkeit ist nicht weiblichen, sondern infantilen Ursprungs (23).

Väter, die keine Welt mehr repräsentieren, hinterlassen unsichere Söhne. Die bewegen
sich in träumender Resignation, geraten ins Schwanken, sobald sie ihr angestammtes Milieu - das unerträgliche Gefängnis - verlassen und flüchten sich in eine Zuschauer-
rolle, ins Kontemplative.

Ich fand Partys ziemlich blöd, und Frieder fand das eigentlich auch. Ich dachte zumindest, dass er das dachte. Wenn wir mal auf eine Party gingen, setzten wir uns irgendwohin und blieben da sitzen.
... Wir unterhielten uns und guckten geradeaus und beobachteten Leute, ...

(21) Kerl ist ein Schlagwort des Sturm und Drang. Merkmal ist der Tatendurst , fakultativ die sexuelle Ausschweifung. Berühmt ist Karl Moor aus Schillers "Räubern": "Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen." Der Götz von Berlichingen, an dem Goethe noch in Wetzlar schrieb, war ebenfalls ein Kerl im Gegensatz zu seinem schwächlichen Jugendfreund von Weislingen, mit dem Werther bezeichnenderweise mehr gemein hat als mit Götz. Vgl. Horst Flaschka aaO S.130 ff

(22) zu diesem ganzen Abschnitt: Horst Lange, Die Berge als Schule der Männlichkeit, Goethes Briefe aus der Schweiz als Kommentar zu den Leiden des jungen Werthers, in: Oliver Ruf (Hrsg.), Goethe und die Schweiz, Hannover 2013

(23) Horst Lange, a.a.O. S. 222f.
... die vielerley Menschen, die allerley neuen Gestalten, machen mir ein buntes Schauspiel vor der Seele..... Ob`s nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr ich werde gespielt wie eine Mario-nette ...

Sexuell  sind solche Söhne im typischen Fall verklemmt!

Was ist das mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nicht meine Liebe zu ihr die heiligste, reinste, brüderlichste Liebe? Habe ich jemals einen strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt?

Wir guckten den anderen beim Sündigen zu, dann standen wir wieder auf und fuhren nach Hause. ... Küssen und Flirten und so was, das sollte man nicht ins Lächerliche ziehen, ...

Sie verlieren sich spekulativ ins Unendliche, erkunden die Grenzen ihrer Vorstellungs-kraft (24), halten sich für allmächtig, weil sie mal geklaut haben, aber scheitern vor der Wirklichkeit (25).

Immerhin gibt es auch zarte Reifungsschritte. Zwischen Höppner und Frieder entwickelt sich ein männliches Bündnis. Keine erotische Beziehung, aber ein informativer Austausch und eine gegenseitige Stützung in Geschlechterfragen (26). Erste Früchte werden sicht-bar.

Frieder: "Manchmal war sie ein Arschloch."
Ich: "Finde ich nicht."
Frieder: "Findest du doch."


Gewissheiten

"Ich hab`s gemacht! Ich hab`s gemacht!"

Schluss mit Reden und Träumen. Nicht weiter nur im Kreis. Kein Herumeiern mehr. - Kino-Action, Taten, (h)opp oder top. Tabletten, Axt, Pistole! (27)(27a)

Frieder durchbricht das Glas. Sein Aktionismus bringt selbst Höppner in Bewegung:

Ich holte aus und knallte ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich drosch mit ganzer Kraft. ...
Frieder ... wehrte sich nicht.

"Seien Sie ein Mann!" beschwört Lotte Werther.




(24) Ich erinnere mich so lebhaft, wenn ich ... dem Wasser nachsah, ... wie ... ich mir ... vorstellte, wo es nun hinflösse, ... und bald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand, ...bis ich mich ganz im Anschauen einer unsicht-baren Ferne verlohr.

(25) Herrlich, wenn Höppner Hühnerknecht versucht, eine Gans zu tranchieren. "Haben Sie das schon mal gemacht, junger Mann?"

(26) Sie tauschen ihre Erfahrungen, genauer: ihre fehlenden Erfahrungen mit Mädchen oder Frauen aus, geben sich moralischen Rückhalt bei Niederlagen. Das Lästern über Frauen ist eine von vielen Eigenschaften, mit denen sich Män-nernetzwerke festigen. Wie vieles, was in dieser Studie abgehandelt wird, entwickelten sich diese Verhaltensnormen forciert im 18. Jahrhundert. Horst Lange spricht von der Etablierung homosozialer Bindungen, a.a.O. S. 225f. Frieder parodiert die Netzwerkidee, indem auf der Silvesterparty wahlos Leute einander vorstellt und sogar versucht, sie mit irgendeiner ausgedachten Gemeinsamkeit zu verkuppeln.

(27) "In dem Moment, wo ich die Tabletten runtergeschluckt habe, da war ich irgendwie ganz da. ..."

(27a) "Ich hab`s drauf angelegt. Dass der Bulle schießt. Ich hab es drauf angelegt."
Die Tat allein bewirkt es noch nicht. Indem Werther sich erschießt, wird er kein Mann, son-dern nur unsterblich - und zwar als ewiger Jüngling! Frieders Aktionen bewirken gar nichts. Er kommt keinem Zentrum näher, keinen Millimeter.

Für alle gewiss ist nur der Tod (28). Wie man ihm begegnen wird, reif oder unreif, darüber entscheidet das ganze Leben. Sterben folgt subjektiven Gewissheiten, aufgeladen mit  dem, wovon das Leben zuletzt noch zehrt.

Sterben! Was heißt das? Sieh wir träumen, wenn wir vom Tode reden.
Vergehen! - Was heißt das? das ist wieder ein Wort! ein leerer Schall für mein Herz.--
Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht!
Wir werden uns wieder sehn! Hier und dort wieder sehn!
Ich gehe voran! ... und ich fliege dir entgegen und fasse dich ...

Werthers Suggestionen durchschimmern noch Höppners nächtliche Imaginationen nach seinem missglückten Suizid nach Wetterbericht.

Ich schaute in einen Tunnel. Es wurde immer dunkler. ...  Ich hörte eine Stimme, es war Frieders Stim-me. Frieder war also schon tot. Er nahm mich in den Arm, ich stand auf und schwebte mit ihm zum Licht.  



Wanderer

Ja wohl bin ich nur ein Wandrer, ein Waller (Pilger) auf der Erde! Seyd ihr denn mehr?

Nein, Höppner ist auch nur ein Wanderer. Immer mal weg. Dabei begibt er sich dreimal sogar auf eine echte Wanderung, zu Fuß (30) wie früher. Mal aus Beengtheit, mal aus
Verlorenheit. Mal aus dem Elternhaus, mal aus dem Auerhaus.

WERTHER ist vieles. Unter anderem ist er ein Grundtext der Romantik. Goethe hat das Motiv des gefühlvollen Wanderns vorgeprägt, das Wilhelm Müllers und Heinrich Heines Helden begleiten wird. All ihren Wanderungen liegt etwas Fluchtartiges, Unvorhersehbares zu Grunde. Sie sind Befreiungsakte aus innerer Beklemmung.

Das erste Mal zieht Höppner das Weihnachtsessen für Alte und Obdachlose dem üb-lichen familiären Heiligabend-Streit vor. Draußen ist es kalt, in seinem Inneren auch. Märtyrer- und Samariter-Fantasien begleiten seinen Fußmarsch. Das christliche Liebes-mahl (31) mit Pennern und Nonnen hebt seine Stimmung. Wiedersehen mit Pauline.

Die zweite Wanderung führt ihn in Suizidabsichten mit einer Flasche Wodka in der Plas-tiktüte durch den Wald. Wir werden ihr eigenen Abschnitt widmen.


(28) Werther (auch Höppner?) betrachtet den Tod - im Gegensatz zu Frieder - nicht als biologisches, sondern als onto-logisches  Ereignis. Die Seele wechselt bloß den Seinszustand! -  So ist für Werther wirklich gewiss nur ein Faktum: Sein Wunsch und seine Fantasie einer Zweierbeziehung vertragen sich nicht mit einer Welt, die sich aus Dreierbeziehungen baut. Deshalb bleibt ihm nur die eine Lösung: eins von uns dreyen muß weg und das will ich seyn.!

(29) entfällt

(30) fustapfen und Doppelgänger werden wir nicht mehr los, der sterbende Vagabund im Straßengraben meldet sich schon an!

(31) Die Tradition der Liebesmahlfeier (Agape) betont das gemeinsame Verzehren mitgebrachter Speisen, gleichgültig wer was und wieviel mit gebracht hat, und den Gedanken der Caritas. Es soll schon 1. Jahrhundert bestanden haben und unterscheidet sich vom Abendmahl (Eucharistie) als Opfermahl.
Höppners dritte Wanderung steht im Zeichen der Auflösung des Auerhauses. Der Appetit war ihm vergangen (32).

Es gab Tage, das war das Auerhaus schlimmer als eine Familie voller F2M2. Tage, an denen niemand mehr mit irgendwem redete. Ich ging raus ...

Sein Weg führt mit deutlichen Anklängen an Werthers Lieblingsweg an der Kirche, am Friedhof vorbei in die Natur, in den Frühling. Die Obstbaumblüte beginnt, zum letzten Mal begegnen wir dem Vagabunden, auch wenn er nicht mehr selber Erscheinung tritt. Der Tausch der Vierpfennigstücke unterstreicht das Doppelgängermotiv. Aber unüber-sehbar ist Höppner auf einem anderen Weg angelangt als seine romantischen Vorgänger. Ein Lindenbaum steht nirgends.

Ich bemerkte erst jetzt, dass die Obstbäume blühten. ...
Hinter den Stämmen der Bäume ging ein hellgrüner Riegel quer, das war die Hecke vom Friedhof. Lebensbaum oder so was.

Undinen (33)

Werthers Naturerleben reicht von anfänglicher Schwärmerei bis zur endlichen Entfrem-dung. Wie er sie erlebt, korrespondiert dabei eng mit dem Stand seiner Frauenbeziehun-gen. Die vormalige Freundin rückte ihm zu nahe, die jetzige (Lotte) bleibt seiner Leiden-schaft zu indifferent. In den Naturszenen spiegeln sich die Gefühle. Sie erzeugen Unruhe, Aufbruchstimmung, Wanderlust und -elend.

Naturparallelismus ist das eine, Gegensätzlichkeit das andere. Das Dreieck Werther, Lot-
te und Natur ist komplex und konflikthaft. Werther sucht oder vernachlässigt die Natur je nach dem Stand seiner Frauenbeziehung. Anfänglich begegnet er der Natur noch wie der Gestalt einer Geliebten. Zweitrangig wird sie erst, als Lotte erscheint. Zwischen Lotte und der Natur entwickelt sich eine Konkurrenz, deren feingewebtes Netz sich am Motiv des Wasser - von den Thränen bis zum übergetretenen Fluß - bestens nachverfolgen lässt. (34)

Von Goethes Wassermetaphorik zu den Allegorien der Romantiker in ihren Nixen- und
Undinenmärchen (35) war es nur ein kurzer Weg. Das Schwanken des männlich Lieben-
den zwischen einer edlen Frauenseele und einer zweideutig lockenden Naturgestalt (36)
wird implizit schon im WERTHER breit verhandelt. Wasser blieb das Signum dämonen-
hafter Weiblichkeit.


(32) Trotz gebratener Fischstäbchen! Höppners Zurückweisung des WG-Gerichts vor dem Verlassen des Auerhaus parodiert eine der bewegenden Schlussszenen zwischen Lotte und Werther: Lotte sitzt am Klavier und spielt ein Menu-ett, das beiden vormals sehr lieb gewesen war. Um Gottes Willen, sagte ich ... hören sie auf. Werther, sagte sie, mit einem Lächeln, das mir durch die Seele gieng, sie sind sehr krank, ihre Lieblingsgerichte widerstehen ihnen... Ich riß mich weg ...

(33) zu den Abschnitten Wanderer und Undinen sehr lesenswert: Jane K. Brown, "Es singen wohl die Nixen": Werther und das Märchen der Romantik, in: Ironie und Objektivität; Aufsätze zu Goethe, Würzburg 1998

(34) vgl. auch H. Flaschka a.a.O. S.163

(35) Melusine, Loreley, Rusalka. Auch im Blautopf soll eine Nixe gehaust haben. Höppner ist wieder mal ahnunslos, was Vera vorhat. Er liest halt Sachbücher.
  
(36) Lotte erscheint wiederholt als gefährliche Ablenkung vom Ideal der Natur, übernimmt selbst die Rolle der Wasser-nixe, gerät zur Doppelgängerin der Natur, etwa in der Magnetenberg- oder der Kanarienvogelszene J.K. Brown a.a.O.
S. 189

Von derlei Zweideutigkeiten und Untiefen weiß Höppner trotz Vera und Pauline nichts. Mit Frauen geht es ihm wie dem frühen Werther mit der Natur. Er sieht nur paradiesische Un-schuld. Dabei ist er der Gefahr näher, als er denkt.

Ihre Augen waren ganz nah an meinen Augen. … Ihr Mund auf meinem Mund. Den Geschmack hatte ich nicht erwartet. Es war komisch, aber sie schmeckte irgendwie nach Wasser … und … konnte nicht ablenken von dem tollen Gefühl, das ihre Lippen auf meinen Lippen bewirkten.




Portraits

...du solltest sie sehen, diese Augen. ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine vorstel-lende Kraft ist so schwach, ...Werther über Lotte.

... quasi das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte. … Haare, ganz glatt ...mit Glatze noch schöner aus als vorher, noch symmetrischer. Ihr Kopf war ganz rund ...ihre wahnsinnig schönen Augen ... Und die Ohren.  Perfekt geformte Ohrmuscheln, ... Höppner über Pauline.

Zu schön. ... Mann, die war so perfekt, dass ich mir nicht einmal einen runterholen konnte, wenn ich an sie gedacht habe! ... Frieder über Pauline.

Ich (bin) nicht im Stande, dir zu sagen, wie vollkommen sie ist, warum sie vollkommen ist. ... Werther über Lotte.

Um was geht es? Kraftraubende Ikonen oder verzehrende Gefühle? Ungehemmte Lust klingt jedenfalls anders: Greifen die Kinder nicht nach allem, was ihnen in den Sinn fällt?

Anbetung schaft eher Distanz als Nähe. Das Thema beschäftigt auch Theologen. Der
charismatische Schweizer Pfarrer Lavater (37) besuchte Goethe zur Zeit der Niederschrift des Werther. Sein Lieblingsthema war das menschliche Portrait. Die edle Seele zeige sich
im vollkommenen Portrait! Goethe gefiel der Gedanke. Gemeinsam machten sie sich ans
physiognomieren; ihr Enthusiasmus entlud sich in der Kunst des Scherenschnitts. Kein Wunder, dass Lottes Schattenriss ihre besondere Aufmerksamkeit fand. Er wird für Wer-ther zum Objekt der Leidenschaft wie des Verzichts, der Verehrung wie des künstleri-schen Ersatzes.

Lottens Porträt habe ich dreymal angefangen, und habe mich dreymal prostituiert (blamiert), das hat mich um so mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeit sehr glücklich im Treffen war. Darauf hab ich denn ihren Schattenriß gemacht, und damit soll mir genügen.


Pauline scheint von solchen Dingen zu wissen.

Sie spielte mit den Händen vor der Herdtür. Ein Schattenengel, ein Schattenschaf. Ein Schattenhund, der bellte.






(37) Rüdiger Safranski, Goethe, München 2013, S. 172 f.
Weihnacht

So ein Quatsch! Das ist doch nichts Christliches! Das kommt von der Germanen. Hatte Jesus einen Weihnachtsbaum?

Bewegende Fragen. Die Antwort ist gar nicht einfach. Weder die Herkunft des Weihnachts-fests, noch die des Weihnachtsbaums sind eindeutig geklärt. Über Jesu Geburtstag weiß man gar nichts, von Märtyrern interessieren eher die Todestage. Aber kirchlich wurde schon im 4. Jahrhundert der 25. Dezember als Tag seiner Ankunft diskutiert. Der Weih-nachtsbaum kam über 1000 Jahre später, vom protestantischen Deutschland verbreitete er sich über die Welt. Eine originär christliche Botschaft verkörperte zu keinem Zeitpunkt, schon gar nicht den christlichen Heiland. Auf dem Petersplatz steht er erst seit 1982!

Fest und Baum in der heutigen Version entwickelten sich am wahrscheinlichsten durch Verschmelzung zahlreicher religiöser Riten und Bräuche (38), wobei Konkurrenz, Ausrot-tung, Kulturkampf im weitesten Sinne wohl keine geringe Rolle gespielt haben. Der Baum-schmuck hat der Verbreitung des "Christbaums" als Augenweide sicher nicht geschadet. Anders gesagt, das ungeschmückte heidnische Grün hatte es auf Dauer schwer gegen die glitzernde Konkurrenz.

Im 18.Jahrhundert machte der Christbaum seine eigentliche Karriere. Er mutierte zum ge-fühlten Zentrum der bürgerlich-häuslichen Gemeinschaft. Mit Goethe hielt er Einzug in die Literatur. Werther erinnert sich inmitten seiner Vorbereitungen zu seinem Selbstmord zwei Tage vor der Weihnacht an die Zeiten, da einen ... die Erscheinung eines aufgepuzten Baums mit Wachslichtern, Zukkerwerk und Aepfeln in paradisische Entzükkung  sezte.

Unter dem aufgepuzten Baum geht es für Kinder und Obdachlose im WERTHER wie im AUERHAUS vorwiegend um Süssigkeiten/Zukkerwerk und Geschenke. (Die Verlegung der Kinderbescherung vom traditionellen Nikolaustag auf Weihnachten war ein Teil des lu-therischen Konfessionskriegs.) Für die Erwachsenen ist Heilig Abend eine konkurrenzlos wichtige Terminsache, der beschissenste Arbeitstag im Jahr. Weihnachten im AUER-HAUS ist noch verminter als im WERTHER. Auf den Straßen konkurriert der Lichterbaum mit der Leuchtreklame der Volksbank um Kundschaft.

Darkroom

Frieder spürt keine Entzükkung an Weihnachten. Er wurde im Dunkeln geboren, seine
Erinnerung gehört dem Darkroom. Sein Umhauen des Lichterbaums ist weniger ein An-griff auf die christliche Botschaft (39) als auf die Dorfgemeinschaft, die ihn als Kind im Stich lies.

"Der Frieder war schon immer speziell."

Zu seinem Begräbnis kommt zwar das halbe Dorf, aber "Wegen seiner Familie, nicht


(38) Goethes eigenes synkretistisches Verhältnis zur Religion ist bekannt. Auch im WERTHER gestattet er unterschied-lichsten religiösen Einstellungen die Koexistenz, allerdings ohne sie dadurch ihrer Unterschiede zu berauben. Goethe selbst verstand sich nicht als Christ.

(39) Gleich geht im Stall das Licht an, im Stall von Bauer Seidel.  Frieder ist der einzige, dem das frühmorgens auf-fällt. Er präzisiert den Hinweis gegenüber dem Freund so, als könne der ihn missverstehen. Welcher Stall, welches Licht? Als Weihnachtssymbole sind sie immerhin einige Jahrhunderte älter als der Weihnachtsbaum!
wegen ihm."

Höppner erinnern die Dörfler an seine Hühner, so still wie sie immer waren auf dem Weg zum Schlachthof. Auf ihrem Zug zum Gasthaus "Ochsen" gleichen sie in ihrer schwarzen Kleidung gar Riesenameisen, seelenlosen Geschöpfen! (40)


Wenigstens einmal und sei es für kurze Zeit will Frieder sich mit ihnen im Dunkeln verein-nen. Es geht ihm weniger darum, die Lichter zu löschen, sondern es dunkel werden zu las-sen. Ich glaube, dass ist ein Unterschied.

Es war stockdunkel. Und still. ... Eine Stimme begann, "Stille Nacht" zu summen. Dann noch eine Stimme und noch eine. Alle drei Frauen summten "Stille Nacht".

Etwas fällt auf. Gemessen an der Bedeutung, die die Aktion für Frieder hat, hält sich die Reaktion der christlichen Dorfgemeinschaft in Grenzen. Der Protest der Gemeindearbeiter ist so verhalten wie kindisch. In ihrer Protestaktion bleiben sie allein. Kein Geistlicher hat sie begleitet.

Bäume

Man möchte sich dem Teufel ergeben ... über all die Hunde, die Gott auf Erden duldet, ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was drauf noch werth ist. ... Ich sage dir, dem Schulmeister standen die Trä-nen in den Augen, da wir gestern davon redeten, dass sie abhauen worden – abgehauen! Ich möchte toll werden, ich möchte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat.

Das waren andere Töne! Gegen Werthers Wut und Empörung sind die Protestaktionen der Gemeindearbeiter zahm und zahnlos. Man muss Werthers donnernde Anklage (41) - Sie liegen! - im Ohr haben, um den hintergründigen Spott nicht zu überhören, dass die Arbei-ter das tagelange auf dem Parkplatz (L)iegen lassen des Baumes für ihre Aktion halten!

Aber der Reihe nach. Um was geht es? Bäume symbolisieren in germanischer Tradition die unzerstörte, heile Natur, darüber hinaus dienen sie als Orte der Begegnung und Bera-tung. Die christliche Kirche misstraute beidem. Erstens sei die Ursünde des Menschen kein Vergehen gegen die Natur, sondern gegen Gott gewesen, zweitens sollten Menschen ihre wichtigen Dinge unter dem Kreuz und nicht im Schatten obskurer Bäume regeln. Boni-facius wusste, was er tat!

Noch im WERTHER finden die bewegendsten Begegnungen im Schatten von Bäumen statt. Auf dem Kirchplatz stehen Linden, ebenfalls am oftmals aufgesuchten Brunnen und vor dem Tore von Werthers Heimatstadt. Unter Linden möchte Werther begraben sein. In einer Allee aus Castanienbäumen (42) stand er häufig mit Lotte.



(40) Für Werther sind umgekehrt selbst kleinste Kreaturen beseelte Wesen. Der harmloseste Spaziergang kostet tausend tausend armen Würmgen das Leben, es zerrüttet ein Fustritt die müseligen Gebäude der Ameisen, und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. - Höppner bleibt in seiner Einschätzung zweideutig. Den ontolo-gischen Status beseelter Wesen scheint er Ameisen nicht zuzubilligen, aber gewisse anthropophile Fähigkeiten schon. Herbstwanderungen neben der A8 oder der A6 hält er zumindest nicht für ganz unmöglich.

(41) Anklage und Klage! Werthers Liebesverhältnis zur Natur ist spürbar!

(42) Werther hielt sich gerne in der Castanien-Allee auf, auch bevor er Lotte kannte. Ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier oft gehalten.  (Zu "sympathetisch" siehe Seite 19 f.) - Im AUERHAUS klaubt Höppner Kasta-nien vom Rasen des Psychiatrieparks!
Die Geschichte der Nußbäume führt zu einem der gewaltigsten Gefühlsausbrüche des Romans. Die Schönheit der Bäume prägte die Idylle eines Pfarrgartens, wo man sie über Generationen gepflegt und geehrt worden. Und dann hatte die neu eingezogene, aufge-klärter Theologie zuneigende Pfarrersfrau die Nußbäume ..., die uns so lieblich be-schatteten, kurzer Hand beseitigen lassen.

So einer Kreatur war es auch allein möglich, meine Nussbäume abzuhauen. …. Die Bäume nehmen ihr das Tageslicht.

Das ganze Dorf murrt, ... die Frau Pfarrer soll`s spüren, was für eine Wunde sie dem Ort gegeben hat, aber das christlich-aufklärerische Bündnis gegen die Natur steht auf Seiten der Pfarrersfrau.


Frevel

Auch dieses gilt es zu bedenken: Frieder hat den Weihnachtsbaum zwar umgehauen, aber nicht gefällt. Der Natur entrissen haben ihn die, die ihn wie Tausende andere alljähr-lich aus dem Wald holten. Ein industriemäßig betriebener, gedankenloser Naturfrevel zur Feier der christlichen Ankunft! Womöglich waren die Gemeindearbeiter selber die Täter!

Zweideutigkeiten zur Weihnacht. Brückenschläge zu Höppner Hühnerknechts gruseligen Plastikboxen an der Verlade-Rampe zum Schlachthaus - Ich stopfte die Hühner rein .. -, zur tranchierten Gans am Pennertisch und der sicher ausgedachten Geschichte - Der Typ redete wirr. Er verstand, dass ich nichts verstand. - vom Auschwitz-Apother, der nach fünf Jahren Bau zum Weihnachtskonzert entlassen wurde. Im Vergleich zur unsicher verbürg-ten Ankunft der HERRN kam dieser Herr pünktlich. Die Leute sind aufgestanden und haben geklatscht. Deswegen?

Bedenkt man alles recht, geht der verhaltene Protest der Christengemeinde auf Frieders Aktion durchaus in Ordnung. Das schlechte Gewissen liegt auf ihrer Seite.



heile Natur

Höppner wandert durch den verschneiten Wald, bergauf mit Wodka und Suizidabsichten,
Alc und Kälte.  Es lohnt sich, genau zu lesen.

Ich stapfte hoch. Senkrecht zum Hang, durch den Schnee, zwischen den Bäumen durch. Kahle Bu-chen. Und immer wieder Weihnachtsbäume. Ungeschmückte(!) Weihnachtsbäume, die noch standen (!), überzogen mit Schneeschimmelpilz. Dichte, heile(!) Welt. Die Tannenzweige streichelten mir die Wangen. ...

Die Nächstenliebe mag bei Nonnen in guten Händen sein. Die Natur braucht keinen Hei-land! Wir bekommen von ihr am meisten, wenn wir ihr mit unseren Erlösungsgedanken fernbleiben. Die waren immer schon speziell (43).

(43) Kultureller Synkretismus hat allzeit Konjunktur. Wo kommt er her, was treibt ihn? Aufrichtige Liebe und Freund-schaft ? Oder bemühte Ignoranz im Schlepptau heimlicher Gebietsansprüche? Nur eins, mein Bester, in der Welt ist`s sehr selten mit dem Entweder Oder gethan. - Kürzlich wurde der Autor Zeuge einer Einladung zu einer protes-tantischen Heilig-Abend-Andacht. "Wir feiern nicht in der Kirche, sondern draußen an einem großem Feuer. Weißt Du, wie damals die Hirten ..." Ach ja ?! Feld und Feuer waren immer schon christlich, wie der Baum? (E)inerseits, anderer-seits, quasi und sozusagen. Egal, nicht egal.
Höhepunkte

Über allen Gipfeln ist Ruh. Wir erleben die Metamorphose des bildungsfernen Stadtrand-Gymnasiasten in literarische Hochkultur. Sie nähert sich dem Höhepunkt.

Der Schnee schimmerte, als ob er sich am Tag vollgesaugt hätte mit Licht, das er nach und nach wie-der abgab.

Schön empfunden, wie von Goethe (44).

Ich sagte laut in den Wald: "Vera fickt mit Harry!"
In Gedanken strich ich "fickt" durch und schrieb darüber: "schläft wahrscheinlich".
...
Ich wusste nicht, was das alles bedeutete.

Dann wollen wir es ihm erklären. Die erste Fassung des WERTHER (1774) war ganz im Sprachstil des Sturm und Drang geschrieben, oft unbändig-derb in der Wortwahl. In der Weimarer Fassung (1787) änderte und ergänzte Goethe manches; durchgängig alles, was ihm zu unflätig erschien oder als allzu modischer Wortschatz (45). - Höppner wiederholt unter dem besänftigenden Einfluss der Natur gerade Goethes mäßigende Entwicklung im Zeitraffer!

Ovid hätte an der Verwandlung des aliteraten Höppner in Literatur und Literaturgeschichte seine Freude gehabt! Trotzdem ist es riskant, was Bjerg seinen Protagonisten alles zumu-tet, übrigens in diesem Falle sogar gegen ausdrücklich besseren Rat. Was nachträgliche Verbesserungen betrifft, war Werther ganz anderer Auffassung als Goethe.

Ich habe gelernt, wie ein Autor durch eine zweyte veränderte Auflage, und wenn sie noch so poetisch besser gewesen wäre, notwendig seinem Buche schaden muß.

Werther verbreitet Skepsis. Die Skepsis springt über. Auch Höppner beunruhigen jetzt Ver-änderungen, besonders wenn sie mit Vera und Kerlen gleichzeitig zu tun haben. Hat sie neuerdings einen Haupt- und einen Nebenkerl? - Die Pointe liegt im "Kerl". Höppner be-unruhigt Harrys Männlichkeit, Goethe störte das Wort! In der Zweitfassung hatte er des-halb alle Kerls gestrichen oder sie penibel mit Mann oder Mensch ersetzt (46). Bloß damit Höppner das wieder rückgängig macht? Was erlaubt sich der Kerl?! Goethe mag sich beruhigen, ein 1774er Kerl und ein 2015er Kerl meinen beileibe nicht das Gleiche (47).







(44) Goethe kennt dieses Phänomen vom Leuchtenden Schwerspat. Er beschreibt ihn in seiner Italienischen Reise. Da der Stein von einem Bolognese entdeckt wurde, heißt er auch Bononischer Stein. Unter diesem Namen lernt Werther die Eigenschaft des nächtlichen Schimmerns kennen.

(45) Victor Lange, Die Sprache als Erzählform in Goethes Werther, S. 269, in: Formenwandel, Festschrift zum 65. Geburtstag von Paul Böckmann, hrsg. von W. Müller-Seidel und W. Preisendanz, Hamburg 1964

(46) vgl. H. Flaschka S.142 f.   - Höppners Schlusskorrektur seines Abituraufsatzes wiederholt köstlich Goethes zweifel-haftes Verfahren. "Klos" ersetzte ich durch "Toiletten" und "Scheiße" durch "Fäkalien".

(47) Mit Goethes Streichung der Kerls verband sich indessen eine tiefe Dramatik. Der Eifer, mit der Goethe ans Werk ging, spiegelt seinen Bruch mit dem Sturm und Drang, v.a. in der Person von J.M. Reinhold Lenz, den man noch 1775 als Goethes "jüngeren Bruder" tituliert hatte. (Brief Herdes an Hamann, zit. nach Königs Erläuterungen a.a.O. S. 101). Der symbolische Brudermord in Gestalt der Streichaktion ist schwerlich zu übersehen. (vgl. dazu die Fußnoten 20 und 21). Höppner Beharren auf "Kerl" rüttelt somit an der ganzen Architektur von Brüdern und Doppelgängern!
Empfindsamkeit

Die Zeiten und die Sprache ändern sich. Als Goethe seinen WERTHER schrieb, befand sich eine Literaturperiode auf ihrem Kulminationspunkt, über die wir heute nur noch lä-cheln, - wenn wir sie denn noch kennen: die Periode der Empfindsamkeit. (48) Empfind-samkeit meinte weniger ein bestimmtes Gefühl als ein Kulturmuster (49), die stete Suche nach Herzensbeziehungen und Innerlichkeit. Ihr Schlüsselworte hießen in ihrer englischen /französischen Herkunft sensitivity/sensibilitè (50) und sympathy/sympathie (51), in ge-quältem Deutsch: sympathetische Gefühle.

Was führt freie, aufgeklärte Menschen zusammen? Was ist Liebe ohne die segnende Hand Gottes? Sympathetische Gefühlen wollten den Wunsch nach Individuation mit der Hoffnung auf harmonischen Ausgleich utopisch vereinen. Beides sollte möglich sein! Doch in Werthers empfindsamer Natur müssen wir es miterleben, wie sich diese Wünsche mit Fortgang der Handlung immer mehr zerstreuen. Sie ergibt keine Harmonie - aller sympa-thy und Seelenverwandtschaft zum Trotz.

Und darf ich`s sagen? ... sie wäre mit mir glücklicher geworden als mit ihm! O er ist nicht der
Mensch, die Wünsche dieses Herzens alle zu füllen. Ein gewisser Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel - nimm`s wie du willst, daß sein Herz nicht sympathetisch schlägt bey - Oh! - bey der Stelle eines lieben Buchs, wo mein Herz und Lottens in einem zusammen treffen.

Vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen, vermutet der Herausgeber des Werther, wenn es nicht ausgerechnet am Vortag des sorgfältig geplanten Selbstmordes
zwischen Lotte, Albert und Werther, - zwischen allen dreien! - zum Bruch der sympatheti-schen Gefühle gekommen wäre. (51a)  Erst nach geschehener Tat melden sie sich über-mächtig zurück. Die Beerdigung wird ohne die beiden Zurückgebliebenen stattfinden.

(48) Die Empfindsamkeit verbreitete sich von England und Frankreich nach Deutschland, etwa ab 1740. Das Jahr 1773 gilt als ihr Höhepunkt, der WERTHER als ihr literarisches Hauptwerk. Für Goethe war das zeitlebens ein Schock. Er wollte sich qua "poetischer Beichte" ja gerade von dem Empfindsamkeitskult befreien, aber danach berief sich jahrzehn-telang jede Empfindelei auf  ihn!

(49) Klaus P. Hansen betont ihren in sich konsistenten Zeitgeist, der die großen Metaphysiker des 17. Jahrhunderts (Descartes, Leibnitz), den Pietismus, die englische moral-sence-Philosophie und den französischen Sensualismus vereint. Vgl. seinen Aufsatz "Neue Literatur zur Empfindsamkeit" Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft Und Geistesgeschichte 64 (3):514-528 (1990). Sozialkritisch wird dieser Zeitgeist mal als Waffe gegen die Adelsherr-schaft, mal als Ausdruck bürgerlicher Resignation gesehen.

(50) sensitivity könnte man vereinfacht mit "von Natur aus tugendhaft" übersetzen. Sensibilitè geht von der Vorstellung einer allen Menschen angeborenen  Neigung zu Moral, Treue, Hilfsbereitschaft, Caritas aus, ohne dass es dazu ver-nünftiger Reflexion bedarf. Der Begriff steht zwischen Vernunft und Leidenschaft. Lit.: Frank Baasner, Der Begriff `sen-sibilitè` im 18. Jahrhundert, Heidelberg 1988

(51) "Sympathy" würde man heute mit Mitgefühl/Verständnis/Empathie übersetzen. Ihre Grundidee reicht aber tiefer. Sie wurzelt in einer Philosophietradition, die bis in die Antike zurück reicht; der doppelten Erfahrung der Welt als einerseits vereinzelt, atomisiert, individuiert, und gleichzeitig als Weltganzes, Unit. - Ontologisch stellt sich die Frage nach einer  inneren Verbindung alles Einzelnen, sei es nun belebt oder unbelebt, irdisch oder göttlich. Die Monadenlehre operiert mit der Vorstellung einer atomisierten Weltseele.- Medizingeschichtlich ging es ihr um das Verständnis des Zusammenwir-kens getrennter Organe. In der noch immer gebräuchlichen Bezeichnung "sympathisches Nervensystem"  hat Paracel-sus seine Fußstapfen hinterlassen.- Ethisch hoffte man, dass Menschen über eigene Automatismen verfügen, die sie nach Auflösung von Schuld und Zwang weiterhin zu altruistischem Verhalten bewegen. Sympathy stellte man sich wie einen Kitt  vor, als eine Eigenschaft, der die sündige, unaufgeklärte amorphe Masse der Menschheit zusammenhält.  - Sympathy wurde deutlich organhafter gedacht als unsere heutigen Begriffe von Sympathie und Liebe. Das sympathe-tische Band der Liebe beinhaltete Seelenverwandtschaft und Freundschaftskult, selbst Inzest. Liebe kommt in diesem Verständnis einer physikalischen Kraft nahe. Werther erzählt das Mährgen vom Magnetenberg zur Beschreibung der Seelenkräfte, die zwischen ihm und Lotte wirken. In den Wahlverwandschaften vergleicht Goethe (wie Pauline in der Sylvesternacht) Liebe mit Chemie. Vgl. dazu: Klaus P. Hansen, "SYMPATHIY" in: Die empfindsame Theologie Nathaniel Hawthornes, Rheinbach1989

(51a) "jedes dachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach." Zur "beliebten Deutschlehrer-Frage", wie
Albert vermochts nicht. Man fürchtete für Lottens Leben.

Im Vergleich zu diesem Trio oder Paar verleiht die Fähigkeit, sympathetische Gefühle einfach abzuschalten, Frieder und Pauline (beim Holzspalten) nahezu übermenschliche Fähigkeiten:

Von den beiden blinzelte keiner. ... Die Axt schlug in das Scheit. Frieder sagte: "Das war knapp".

Wo sympathy einst die Zuversicht verbreitete, dass monadischen Existenzen keine Isolier-haft drohe, scheint manch einer das heute geradezu zu fürchten:

"Mein Vater ... hat sich ein paar Bienenstöcke besorgt. Das ist jetzt sein Hobby: Imkerei. Er hat so einen Astronautenanzug an und steht in einer Wolke von Bienen. Gesellig, oder?"


Relikte

Wir nähern uns dem Zentrum. Wer das AUERHAUS aufmerksam liest, wird sie an vielen Stellen noch entdecken: die Spuren von Empfindsamkeit und sympathetischer Gefühle. Versteckt, verschlungen, parodistisch finden wir ihre Schlüsselworte über den Text ver-streut; immer ironisch, mitunter blasphemisch, im Ergebnis berührend. Mäandernd gele-sen, werden sie deutlich.

"Weint er?" ... "Er lacht."

Wollüstige Tränen vergießen, ein schmerzliches Vergnügen zu haben, sind typisch  für Werther und die Empfindsamen (52). Ihre Tränen sind vor allem Ausdruck von Leiden-schaft, in zweiter Linie von Trauer.


"Heult nicht, um die alten Säcke ist es nicht schade!"

Frieder meint es witzig. Er spricht von den Zwiebelsäcken. Aber wie jeder Witz besteht er aus zwei Seiten. Die Auflösung der Auerhaus-WG ist schon im Gange. Der Abschied ist vor allem für Frieder zum Heulen. "Das ist seine schönste Zeit gewesen. Das hat er in das Buch geschrieben." (52a)

Es kam, wie es der Herausgeber des WERTHER ankündete:

Ihr könnt seinem Schicksal eure Thränen nicht versagen.

Vera und Harry hatten langgeheulte Gesichter, müde und traurig.


Vor dem Essen sagte Frieder: "Lasset uns beten!" "Wir riefen: Der Hunger treibt`s rein, der Geiz behält`s drin!" Frieder sagte: "Amen"

Kein Pietismus ohne Frömmigkeit. Der gemeinsame Beginn der Mahlzeit, das kurze Inne-halten, die Andacht, dass jede Mahlzeit etwas Besonderes, nicht Selbstverständliches ist, hat gute Gründe. Selbst im Auerhaus, dessen gedeckter Tisch sich zu einem Gutteil der Missachtung des 7. Gebotes (nicht Stehlen!) verdankt.

(Fortsetzung Fußnote 51a) Werther vielleicht zu retten gewesen wäre, siehe auch Leo Kreutzer, Mein Gott Goethe, Hamburg 1980, S.22 ff.
(52) Oliver Ruf a.a.O. S. 220  

(52a) Ein Roman ohne Tagebuch ist in der Epoche der Empfindsamkeit undenkbar. Ein Tagebuch führt (und vernach-lässigt) Werther; ein Tagebuch findet Frieders Vater unter der Hinterlassenschaft seines Sohnes.
Der Glaube die Gotteskindschaft hat gelitten; beten geht eigentlich nicht mehr.  Aber bei
allem Spott bleibt der Wunsch nach dem vormals christlichen Ritual bestehen. Werther be-fand sich da noch in einer Zwischenposition. Wie gerne hätte er gebetet, den Vater im Himmel zu Hilfe gebeten. Aber zu welchem Zweck, wohl nicht zur Übertretung des 6. Ge-botes (nicht Ehebrechen!)?

Ich kann nicht bethen: Laß mir sie! und doch kommt sie mir oft als die Meine vor; Ich kann nicht bethen: Gib mir sie.


Die Seele hat sich aus einer theologischen zu einer menschlichen Angelegenheit gewan-delt. Die gute Seele - Lotte - schmückt Offen- und Treuherzigkeit.

Das Gespräch fiel auf das Vergnügen am Tanze. Wenn diese Leidenschaft ein Fehler ist, sagte Lotte, so gesteh ich ihnen gern, ich weis nichts über`s Tanzen.

Zumindest weiß sie nicht alles. Frieder und Lotte hätten sich einiges zu erzählen.

"Tanzen und Knutschen, das hat der Teufel gemacht... Der einzige Grund, warum ich hingehe." (53)


Die Seele wohnt nicht länger im Himmel, sondern im Herzen.

Irgendwer hatte mit dem Finger ein Herz auf das Fenster gemalt.

Das Herz wurde zum wertvollsten Organ des Menschen, weil Sitz empfindsamster Gefüh-le. Die Hierarchie war niemals unumstritten. Die Vernunft sollte auf keinen Fall ins Hinter-treffen kommen, hielt man dagegen. Um das Gewicht, besser das Gleichgewicht, der obe-ren und unteren Seelenkräfte wurde hart gerungen:

"Ich hab mir das Hirn erfroren bei meinen Eltern." ... "Ich das Herz."

Niemand sollte dem AUERHAUS unterstellen, es behalte diese Dinge nicht im Auge. Werther verteidigte seine eigene Hierarchie und Sichtweise; sehr zur Entrüstung der Aufklärer.

Ach was ich weis, kann jeder wissen. - Mein Herz hab ich allein.


Himmlisch, paradiesisch, seelig, heilig, göttlich oder auch ein Engel oder Samariter lösten sich im 18. Jahrhundert vom sakralen Sprachgebrauch, können sei

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Dennis Gerstenberger schrieb uns am 03.10.2017
Thema: Graham Swift: Ein Festtag

Wieviel Schuld trägt Jane?

Graham Swifts Ein Festtag endet mit offenen Fragen

Von Dennis Gerstenberger

Südengland, ein fast sommerlicher Sonntag Ende März. Paul und Jane sind allein und ungestört, sie schlafen miteinander. Dieser Sexualakt macht den Tag zu dem titelgebenden Festtag, denn es gibt viele Gründe, weswegen die beiden nicht zusammen sein dürften: Zum einen schreiben wir das Jahr 1924, vorehelicher Sex ist verpönt. Außerdem sollte Paul zwei Wochen später eine andere Frau ehelichen. Und drittens: Paul stammt aus guten Verhältnissen, während Jane nur ein Dienstmädchen ist. Schon seit mehr als sieben Jahren haben die beiden ein Verhältnis miteinander, doch zum
ersten Mal können sie ihre Zweisamkeit ungestört genießen, zum ersten Mal überhaupt kann Jane Pauls Zimmer betreten. Es bleibt jedoch auch das letzte Mal, dass sie sich sehen, da Paul noch am selben Tag auf dem Weg zu seiner Braut bei einem Autounfall ums Leben kommt.

Jane wird als hübsche junge Frau dargestellt, ein helles Mädchen, das gut lesen und auch schreiben kann und sich für Literatur interessiert. Sie legt einen erstaunlichen Wissensdurst an den Tag und betätigt sich als Wortsammlerin. Von ihrem Herrn darf sie sich Bücher ausleihen und geht auf in den fiktiven Welten. Besonders Joseph Conrad hat es ihr angetan, seine Werke fordern sie heraus. Nach dem tragischen Unfall Pauls wird sie fortziehen und Buchhändlerin in Oxford, später sogar eine berühmte und erfolgreiche Schriftstellerin. Diese anschließenden Jahrzehnte jedoch werden nur grob skizziert, es geht in dem Kurzroman hauptsächlich um den ersten und einzigen Tag, an dem sie ungestört mit Paul sein kann, den sie liebt und ihr Leben lang lieben wird. Es geht um den Tag, an dem Jane ihrem Paul auf Augenhöhe begegnen kann und dabei an Selbstbewusstsein gewinnt.

In dem Kurzroman prallen viele Gegensätze aufeinander: reich und arm, Herr und Dienerin, Glück und Schicksalsschläge. Graham Swift findet die Moderne im England der 20er Jahre, entspinnt ganz langsam das Drama des sich Annäherns und Auseinanderdriftens und entfaltet dabei eine betörende Sinnlichkeit. Als Leser wünscht man sich fast, dass die beiden, die anscheinend füreinander bestimmt sind, trotz der Widrigkeiten zueinander finden und gemeinsam glücklich werden. Dieses Glück widerfährt den Protagonisten nicht, sondern der Tag endet mit einer Tragödie, und dennoch bleibt es ein Festtag, weil beide den intensivsten Moment ihres Lebens gemeinsam erleben konnten. Zu den Stärken Swifts zählt, wie er diesen tragischen Tag so positiv darstellen kann, wie er das Leben aufblühen lässt.

Solche Geschichten können schnell in den Kitsch abdriften, doch Swift entkommt dieser Gefahr gekonnt und moralisiert nicht. Seine Protagonisten sind wegen der Kürze des Romans zwar recht grob gezeichnet, dennoch ist die zwischen den beiden brutalen Weltkriegen angesiedelte Geschichte äußerst filigran und mir einer außergewöhnlichen Ruhe erzählt. Die Gewalt ist durch die vier verstorbenen Brüder des Brautpaares zwar latent vorhanden, aber der Roman zeichnet sich auch dadurch aus, dass er die Extremsituationen nicht in den Mittelpunkt stellt: Es geht in erster Linie nicht um gesellschaftliche Konflikte oder den allgegenwärtigen Tod, sondern um das Leben selbst und die Lebensfreude, die unabhängig von Normen vorhanden ist. Janes Erlebnisse sind so stark, dass sie daraus schöpferisch tätig werden kann, sie profitiert bis an ihr Lebensende vom Verhältnis zu Paul, es ist und bleibt ihr Festtag.

Ein großartiger Roman, der viele Fragen aufwirft und offen lässt. Eine versteckte Frage beispielsweise ist, ob Jane nicht mindestens eine Mitschuld am Tode Pauls trägt? Schließlich hat sie ihn aufgehalten und er musste sich beeilen, um seine Braut nicht warten zu lassen. Die Antwort muss der Leser selbst geben, denn die selbstbewusste Jane stellt sie sich nicht einmal.

Graham Swift: Ein Festtag. Roman
Übersetzt aus dem Englischen von Susanne Höbel.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
142 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783423281102

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