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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 20.01.2017
Thema: Tilmann Lahme: Die Manns

Und immer wieder Neues
Über Tilmann Lahmes brillante Geschichte der Manns
Einige werden sich fragen: Warum und zu welchem Zwecke noch eine weitere Familiengeschichte der Manns? Sind nicht in den letzten vierzig Jahren genügend Porträts über sie erschienen? Es muss wirklich gute Gründe dafür geben, warum der Leser sein Interesse auch auf diese neue Familienbiographie richten soll.
Lahme nimmt dabei eine distanzierte, zuweilen ironische Beobachterposition ein, die gerade bei dieser viel zu oft idealisierten Familie vonnöten ist. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Manns und hat 2009 eine hochgelobte Golo-Mann-Biographie publiziert. Für das vorliegende Buch hat er die gesamte, in vielen Teilen unbekannte
Familienkorrespondenz der Manns gesichtet. Darüber hinaus hat er Notizen und Tagebücher ausgewertet und stellt uns eine profund geschriebene Familiengeschichte vor, die wir so noch nicht kannten. Lahmes Chronik beginnt in den frühen 1920er Jahren und endet am 8. Februar 2002 mit dem Tode Elisabeth Mann Borgeses, der jüngsten Tochter. Aus acht Blickwinkeln der einzelnen Mitglieder wird die Familienkonstellation gespiegelt und in die Geschichte der Familie chronologisch eingewoben. Neues erfährt man vor allem von den Kindern, sodass wir achtzig Jahre lang an den Schicksalen der gesegneten wie auch geplagten Familie teilnehmen. Thomas Mann lässt Goethe in seinem Roman „Lotte in Weimar“ das von Nietzsche vermittelte chinesische Sprichwort zitieren: "Der große Mann ist ein öffentliches Unglück". Damit charakterisiert er nicht nur Goethe, sondern sich selbst und seine fatalen Wirkungen aufs Trefflichste.
Thomas Manns Werk überragte zu seinen Lebzeiten das der Konkurrenz – und es beherrschte sein Familienleben. Katia Mann hielt ihrem Ehemann, im Kreise der „amazing family“ der „Zauberer“ genannt, den Rücken frei, so dass er sich in Ruhe seinem literarischen Werk widmen konnte, zu seinem Wohle und dem seiner Kinder, denn einige von ihnen blieben lange von den finanziellen Zuwendungen des Vaters abhängig.
Das Zentralgestirn der Familie überstrahlt naturgemäß alle anderen. „Er siegt, wo er hinkommt,“ schreibt sein Sohn Klaus voller Bitterkeit in sein Tagebuch, als die Familie vor dem „Dritten Reich“ in die USA flieht. Klaus Mann wollte selbst ein erfolgreicher Schriftsteller werden, und muss sich doch nur immer am übergroßen Maß seines Vaters messen lassen, dessen Imitat er immer bleiben wird. Andererseits werden die Kabarett-Auftritte von Erika und Klaus, vor allem in Amerika, immer als die der Kinder des „größten lebenden Schriftstellers“ beworben, ein Segen und Fluch zugleich.
Klaus nimmt sich 42jährig in Cannes das Leben. Zwei Jahrzehnte extensiver Drogenkonsum haben seinen Organismus zermürbt. "Er hätte es ihnen (Erika und Katia) nicht antun dürfen", notiert Thomas Mann eisig in seinem Tagebuch. Wie erfolgreich kann man denn überhaupt noch werden, wenn der eigene Vater Nobelpreisträger ist? So stellt sich die Frage für die sechs Kinder Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Die älteste Tochter Erika ist die große Stütze des „Zauberers“, der lange Zeit leider auch zauderte, und sich erst nach jahrelangem Drängen der Familie – vor allem von Klaus, Erika und Golo - zum Exil bekennt. Davon abgesehen würde es Golo Mann schon ausreichen, wenn man ihn mit seiner Familie in Ruhe ließe. Die Mutter zweifelt, ob Historiker zu sein (wie Golo) schon ein anständiger Beruf sei. Reicht es aus ein hochbegabter Violinist und Bratschist zu sein (wie Michael)? Später erfolgt dann ein vollständiger beruflicher Bruch bei ihm. Er wird Professor für Germanistik, stirbt mit siebenundfünfzig Jahren an einer Alkohol- und Schlafmittelvergiftung. Die mittlere Tochter Monika, auch „Mondkalb“ genannt, wurde von der ganzen Familie abgelehnt. Das „Mönchen“ sei so nutzlos wie die Ziervasen der Urgroßmutter, sagt die schrecklich nette Schwester Erika über sie.
Von familiären Abgründen und Weltliteratur, vom Kampf gegen Hitler und politischen Fehlern der Familie wird erzählt, vom persönlichem Unglück der Kinder, von Liebe und Eifersucht, von der Drogensucht Einzelner ist die Rede, vom Glanz und Erfolg der „amazing family“ und der Legende von der harmonischen Familie, die der „Zauberer“ höchstselbst der Welt aufgetischt hat. Die Geschichte der Familie Mann, die sich heldenhaft dem Nationalsozialismus in den Weg gestellt hat, ist nur die eine Seite der Medaille; der Preis, den jeder Einzelne aus der Familie dafür entrichtet hat, ist hoch. Auch über die Finanzen der Manns weiß der Biograph genauestens Bescheid. Als Thomas Mann im August 1955 stirbt, hinterlässt er fünf Kinder in materieller Sicherheit.  
Tilmann Lahme hat ein aussergewöhnliches, ironisch distanziertes, stilistisch bestechendes und brillantes Familienportrait verfasst, das uns die Manns in einem neuen, anderen, klareren Licht sehen lässt. Es wird Bestand haben in der Literatur über Thomas Mann und die Seinen.
Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie, S. Fischer 2015, 480 Seiten, 24,99 EUR, ISBN: 978-3-10-043209-4

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Oliver Pfohlmann schrieb uns am 09.01.2017
Thema: Das Murmeln der Ururgroßmütter

Über Cornelia Travniceks Coming-of-Age-Roman „Junge Hunde“

Manchmal kommt es eben knüppeldick. Da kann sich Johanna, die Protagonistin in Cornelia Travniceks Coming-of-Age-Roman „Junge Hunde“, noch so sehr um alles und alle kümmern, das familiäre Umfeld der Psychologiestudentin löst sich dennoch genauso unaufhaltsam auf wie die Persönlichkeit ihres dementen Vaters. Kaum ist dieser in einer betreuten WG untergebracht, muss das im niederösterreichischen Tullnerfeld stehende Elternhaus verkauft werden. Ihr Bruder Stefan, den es nach Kanada zieht, ist ihr dabei so wenig eine Hilfe wie ihre Mutter, die sich lieber um Kinder in Peru als um ihre Familie kümmert. Und Johannas bester Freund Ernst, der als Baby
adoptiert wurde, sucht ausgerechnet jetzt in China nach seiner leiblichen Mutter, wobei er sich prompt selbst verliert. Wie zur Krönung des Ganzen stirbt erst noch Johannas Hund, dann wirft eine Postkarte, die sie beim Ausräumen des Elternhauses entdeckt, die Frage auf, ob der Mann, der sie großzog, wirklich ihr Vater ist. Der zweite Roman der Österreicherin Cornelia Travnicek, Jahrgang 1987, spielt mit Erinnerungen, Rückblenden und Perspektivwechseln und neigt dazu, etwas  zu dick aufzutragen; insgesamt wirkt er etwas weniger handlungsgetrieben als ihr unlängst verfilmter Debütroman „Chucks“ (2012). Dass man „Junge Hunde“ – ein Auszug daraus wurde bereits 2012 in Klagenfurt mit dem Publikumspreis ausgezeichnet – dennoch gern liest, liegt an der von der studierten Sinologin mit viel Erzähllust geschilderten Chinareise von Johannas Freund, aber auch an der grundsympathischen Protagonistin, die in ihrer Verzweiflung nachts sogar dem „Murmeln ihrer Urur- und Urururgroßmüttern“ lauscht.

Cornelia Travnicek: Junge Hunde. Roman. München: DVA, 2015, 240 Seiten, 22,90 SFr, 14,99 Euro.

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Oliver Pfohlmann schrieb uns am 09.01.2017
Thema: Die Sache mit dem Suizid

„Das grenzenlose Und“: Im Romandebüt der Klagenfurterin Sandra Weihs schließen eine Borderlinerin und ein an Krebs Erkrankter einen Selbstmordpakt

Die Borderlinerin Marie will eigentlich nur eins: sich endlich „in Ruhe und Frieden umbringen können“. Wie auch anders, wenn man erkannt hat, dass man die allgemeine „Beschissenheit der Dinge“ doch nie wird ändern können? Also Suizid nicht aus Verzweiflung, sondern – darauf legt die Achtzehnjährige Wert – aufgrund von gründlichem Nachdenken. Mit freundlicher Unterstützung ihres Lieblingsautors, des Obermisanthropen Cioran.
Aber Marie hat Pech: Man lässt sie nicht. Weder die Sozialarbeiterin Sarah, die in der betreuten
Mädchen-WG nach dem Rechten sieht, noch ihre Zimmergenossin Amina, die gleich „Marie metzelt schon wieder“ schreit, sobald sich die Ich-Erzählerin in Sandra Weihs Romandebüt nur ein bisschen mit der Rasierklinge ritzt, um in ihrer Borderline-Logik ihre Alkoholikermutter nachträg-lich zu bestrafen. Und natürlich auch nicht ihr Therapeut Willi, der das Mädchen zu einem „Kuhhandel“ überredet hat: Marie lässt sich ein Jahr lang auf seine Sitzungen ein und sieht in dieser Zeit davon ab, sich „den Exitus zu verpassen“, dafür bewahrt Willi sie im Gegenzug vor der Psychiatrie.
Seitdem spielt Marie auf Willis bunter Couch mit dem Therapeuten verbales Pingpong und fühlt sich wie eine Gefangene, die auf den Tag ihrer Entlassung wartet. So lange, bis sie Willies „Drei-Uhr-Klienten“ Emanuel kennenlernt, dessen Schicksal für Marie die Ungerechtigkeit der Welt beweist: Schließlich hat der junge Mann mit den Rehaugen aufgrund eines Hirntumors nur noch ein paar Wochen zu leben, also „eine Freikarte in den Tod“. Überraschenderweise, jedenfalls für Marie, geht es aber auch Emanuel nicht gut: Er hat er Angst vor dem Sterben, und eben die soll Marie ihm nehmen. Was liegt da näher als ein Selbstmordpakt?
Ob und wie dieser ausgeführt wird, soll hier natürlich nicht verraten werden, aber dass sich Marie die Sache mit dem Suizid am Ende noch einmal überlegen wird, dürfte auf der Hand liegen. Die Autorin, 1983 in Klagenfurt geboren, arbeitet selbst als Sozialarbeiterin, und von ihren Erfahrungen dürfte vieles in diesen stellenweise fesselnden, durchweg straight erzählten Coming-of-Age-Roman eingegangen sein. Für ihr Debüt erhielt Sandra Weihs sogar den renommierten Jürgen-Ponto-Literaturpreis. Das scheint allerdings zu hoch gegriffen, denn auf den 190 Seiten liegen literarisch doch Licht und Schatten ständig nebeneinander: witzig-erhellende Dialoge neben verquastem Heile-Welt-Denken („Endlich nimmst du dich als Teil dieser Gesellschaft wahr! Ja, Marie. Du bist wie all die anderen.“), der erfrischend unkonventionelle Therapeut neben Klischee-Figuren wie Emanuels Großmutter, der ehemaligen Bordellchefin mit großem Herzen und wogendem Busen. Auch wäre der Roman mit Blick auf das Zielpublikum und dem etwas seifigen Schluss in einem Jugendbuchverlag vermutlich besser aufgehoben gewesen.  

Sandra Weihs: Das grenzenlose Und. Roman. Frankfurt, Frankfurter Verlagsanstalt 2015, 192 S., 19,90 Euro.

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Dennis Gerstenberger schrieb uns am 07.01.2017
Thema: Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Der auktoriale Kehlmann

Du hättest gehen sollen ist nicht nur ein Schauerroman, sondern eine echte Knobelaufgabe

Von Dennis Gerstenberger

Ein Ehepaar mit ihrer 4jährigen Tochter will in einem abgelegenen Haus in den Bergen ein paar Tage Urlaub machen. Der Vater und Ich-Erzähler versucht sich an der Fortsetzung seines erfolgreichen Drehbuchs Allerbeste Freundin. Doch läuft es nicht gut, auch nicht in seiner Ehe. Er streitet permanent mit seiner Frau, die am vierten Abend die beiden verlässt. Der Ich-Erzähler muss also allein für sich und seine Tochter sorgen, doch geschehen seltsame Dinge, die Realität gerät aus den Fugen. Es fängt beim Einkaufen im Dorf an, wo der
eigensinnige Verkäufer und eine Frau mit seltsamen Augen ihm den Ratschlag geben, das angemietete Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Er will diesem Ratschlag folgen, schafft es jedoch wegen des Streits mit seiner Frau nicht rechtzeitig. Nachts sind nun Geräusche zu hören, Menschen oder Geister tauchen auf, der rechte Winkel hat keine 90 Grad und er kein Spiegelbild mehr. Beim Hinausgehen aus einem Raum gelangt er wieder in dasselbe Zimmer hinein. Es wird immer unheimlicher, der Mann kriegt es mit der Angst zu tun, kann seine Frau telefonisch nicht erreichen. Sie taucht doch noch auf, holt ihre Tochter ab und lässt ihren Mann auf seinen Wunsch hin allein im Spukhaus zurück. Der letzte Satz endet unfertig, fast vier leere, nummerierte Seiten schließen sich an.

Die Skizze des Inhalts lässt bereits erahnen, dass die Erzählung vielerlei Anhaltspunkte zum Weiterdenken und Interpretieren bietet, weil sie mehrschichtig ist und etliche Elemente anderer berühmter Werke aufgreift. Zum einen das Setting, das sehr stark an The Shining von Stephen King erinnert. Dann finden sich phantastische Elemente, die aus Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann stammen könnten; die Liste ließe sich leicht verlängern. Man könnte meinen, es handelt sich um einen Horror- oder Gruselroman, doch bietet die Erzählung mehr. Denn Kehlmann schafft es, aus dem Sammelsurium etwas Neues zu konstruieren, dem Geschehen seinen eigenen Stempel aufzudrücken und in eine neue Dimension vorzustoßen.

Der naheliegendste Erklärungsversuch ist, das Geschehen als Beschreibung der Realität zu verstehen. Der namenlose Ich-Erzähler, der etwa 40 Jahre alt ist, wird allmählich verrückt. Aus seiner gestörten Wahrnehmung gerät die Realität aus den Fugen. Dieser Deutungsversucht trägt jedoch nicht weit genug, weil auch alle anderen auftretenden Figuren bemerken, dass in dem Haus etwas nicht stimmt. Sowohl Ehefrau als auch Tochter bemerken die Anomalitäten und kommentieren sie. Und der Verkäufer im Dorf weiß sowieso davon. Eine psychologische Deutung kann das Geschehen demzufolge nicht erklären.

Ein Trick hilft, das Geschehen zu verstehen. Ein Trick, den Kehlmann selbst zur Sprache bringt. Zunächst sind zwei fiktive Ebenen vorhanden: Der Ich-Erzähler ist Herr über das von ihm geschaffene Drehbuch und seine darin auftretenden Figuren, insbesondere die allerbesten Freundinnen Jana und Ella. Er kann sie nach seinem Gutdünken behandeln. Ein plötzlicher Fahrradunfall gleich am Ende des ersten Absatzes der Erzählung zeugt von der Allmacht des Schöpfers und gleichzeitig von seiner Abneigung ihnen gegenüber, da sie ihn nicht wirklich interessieren. Doch ist er zum Schreiben gezwungen, sonst wird er durch einen anderen Schreiberling ersetzt.

Entscheidend ist die Beziehung Schöpfer-Schöpfung, also Autor-Figur, die in einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis steht: Die Figuren Jana und Ella sind Erfindungen des Drehbuchautors. Genauso verhält es sich zwischen Kehlmann und dem Ich-Erzähler von Du hättest gehen sollen. So wie der Ich-Erzähler mit seinen Figuren unfair oder gar brutal umgehen kann, so steht es auch in der Macht Kehlmanns, den Drehbuchautor nach Belieben zu schikanieren, zu täuschen oder im Unwissen zu lassen. Im Laufe der Erzählung wird der Ich-Erzähler immer mehr zu einer Figur degradiert, zu Kehlmanns Marionette. Am Anfang ist er selbst ein Schöpfer, doch allmählich wird er zur Schachfigur des Verfassers und kann sich sein Schicksal weder erklären noch sich dagegen wehren. Dabei verschmilzt er immer mehr mit seinem eigenen Drehbuch: Sein Notizbuch dient zunächst dazu, die fiktiven Jana und Ella zu beschreiben, doch schleichen sich immer mehr Tagebucheinträge ein und am Ende scheint der Ich-Erzähler verschwunden und in seinem eigenen Buch aufgegangen zu sein. Die beiden Ebenen der Erzählung verschmelzen zu einer einzigen, zurück bleiben nur die Fiktion und die Realitätsebene, in der Kehlmann der Autor und Demiurg ist.

Den Schlüssel zu dieser Interpretation legt uns Kehlmann selbst in die Hand: Sein Drehbuchautor stellt sich vor, wie es wäre, ein auf Papier gezeichnetes Wesen zu sein, das nur zwei Dimensionen kennt. Alles, was außerhalb stattfindet, kann es sich nicht erklären, es bliebe notwendigerweise unverständlich und wäre demzufolge ein Wunder. Der Ich-Erzähler kann sich innerhalb seiner Dimensionen genauso wenig erklären, dass es eine Macht außerhalb seiner Welt gibt, die nach Belieben in seine Realität eingreifen kann.

Kehlmann greift immer wieder bewusst in seine Romanhandlung ein. Seine Herrschaft über das Geschehen verdeutlicht er beispielsweise explizit in seinem Roman Ruhm, wo er als Figur sichtbar wird und direkt in das Geschehen eingreift, indem er seiner todkranken Protagonistin Rosalie wieder die Jugend schenkt. Er spielt mit seiner Allmacht und offenbart sie dem Leser. Auch Gauß und Humboldt sind in Die Vermessung der Welt nichts anderes als Figuren Kehlmanns, die er nach Belieben für seine Zwecke benutzt. In Du hättest gehen können ist dieser Eingriff nicht offensichtlich, aber doch deutlich spürbar.
Das alles kann Kehlmann in einer andeutungsreichen und verschachtelten Geschichte erzählen. Er gibt uns einige Hinweise und Andeutungen und hat letztlich ein gruseliges und kurzweiliges Werk geschaffen, eine elegante Knobelaufgabe mit präzisen, knappen Dialogen und tragendem Spannungsbogen, was insgesamt von der Lust des Autors am Fabulieren zeugt. Du hättest gehen sollen ist der gelungene Versuch des Autors, mit seinen Figuren zu spielen. Schon das Titelbild zeugt von den unterschiedlichen Standpunkten, selbst das "Du" des Titels ist zweideutig. Zum einen könnte es der Ich-Erzähler selbst sein, der sich darüber ärgert, einst nicht gegangen zu sein. Aber es kann auch Kehlmann sein, der zu seiner Figur spricht.

Diese im wortwörtlichen Sinne transzendente Interpretation eröffnet eine neue Dimension der Erzählung. Sie ist metaphysisch, vielleicht sogar theologisch angehaucht. Jedenfalls bietet und der Autor weit mehr als bloß eine Schauergeschichte.

Bibliografische Angabe
Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Erzählung
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2016
95 Seiten, 15 Euro ISBN 9783498035730

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Thomas Anz schrieb uns am 15.10.2016
Thema: Spaß statt Kritik? Norbert Bolz‘ Intellektuellenschelte gegen „Die Konformisten des Andersseins“

Jeder kennt sie: jene Zeitgenossen, die angestrengt versuchen, anders zu sein als die anderen. Sie wollen sich von der Masse abheben, auffallen, provozieren und möglichst individuell erscheinen. Doch führt dieses Bemühen zu neuen Anpassungen, zum Anschluß an kollektive Moden, zum Konformismus in bestimmten Gruppen und Milieus.
Das sind die „Konformisten des Andersseins“. So jedenfalls nennt sie der Philosoph Norbert Bolz schon im Titel seines jüngsten Buches. In bestimmten kulturellen Milieus, so die Kernthese, werden Abweichungen von der Norm in einem derartigen Maße gesucht, daß sie selbst zur Norm werden. "Die Individualitätswerte kompensieren wachsende Abhängigkeit und Ersetzbarkeit. Das Ziel dieser
Individualität ist aber das aller allgemeinste: anders als alle anderen zu sein. Wir haben es hier also mit einer verfänglichen Spielart der Sei-spontan-Paradoxie zu tun: Weiche vom Gewohnten ab!"
Daran ist manches wahr. Doch was ist mit der Ausweitung der These zu einem Umfang von zweihundert Seiten beabsichtigt? Das Buch trägt den Untertitel "Ende der Kritik", und was von ihm einmal mehr verabschiedet wird, ist der seit der „Wende“ vor zehn Jahren zunehmend geschmähte Typus des kritischen Intellektuellen.
Die Linksintellektuellen sind die "Konformisten des Andersseins", die Bolz meint. Abgesehen davon, daß es sie so, wie sie von Bolz als Popanze seiner Polemik beschrieben werden, kaum noch gibt, ist das Niveau, auf dem das Buch ihnen hämisch zu Leibe rückt, oft kläglich. "Konsens ist Nonsens": Mit flotten Sprüchen wie diesem ist ihnen jedenfalls nicht überzeugend beizukommen. Und auch nicht mit solchen Sätzen: "Andy Warhol hatte recht: Die Welt ist schön, wo es McDonalds gibt. Jetzt ist auch Moskau schön." Die Alternativen zum linksintellektuellen Milieu, zu denen sich Bolz bekennt, nehmen nicht unbedingt für ihn ein. Neben Carl Schmitt beruft er sich auf Harald Schmidt: Dessen Show „beweist, daß es intelligenten Unsinn gibt - und ein Lachen, das ein Denken ist."
Kritisches Denken hingegen macht einfach keinen Spaß. Bolz beruft sich mit dieser Einschätzung auch auf Freud. Er kennt dessen Einsicht, daß kritisches Denken mit Anstrengung verbunden ist und daß es lustvoll sein kann, sich von dieser Anstrengung zu befreien. Freud nannte diesen Vorgang "Aufwandsersparnis". Der Ermattung von den Anstrengungen kritischen Denkens setzt Bolz die Erholung entgegen. Erschöpft von der "Akkordarbeit am Projekt der Moderne" haben wir Entspannung verdient. Und diese gewinnen wir, wenn wir endlich das, was ist, bejahen lernen, statt es ständig kritisch zu hinterfragen. Das zumindest legt Bolz nahe.
"Alle Kreter lügen", sagt der Kreter. Das berühmte logische Paradox läßt sich abwandeln: Kritiker sind Konformisten, kritisiert Bolz. Damit ist er selbst einer. Aus der Paradoxie der Normiertheit von Normabweichungen kann er sich auch nicht durch die Unterscheidung von "Konformisten des Andersseins" und "Nonkonformisten des Andersseins" befreien. Dem Rezensenten bleibt die Aufgabe, bei der Beurteilung ein gewisses Argumentationsniveau zur Norm zu erheben. Doch da schneidet Bolz im Vergleich zu manchem Gegner (vor allem Habermas) erschreckend schlecht ab. Und auch wenn man noch Originalitätsnormen verhaftet ist, kommt das Buch nicht gut weg. Das ist reichlich abgestandene Postmoderne der achtziger Jahre, die uns am Ende der neunziger noch einmal aufgetischt wird.
Die Postmoderne hatte gewiß unterschiedliche politische Spielarten und kann nicht pauschal als konservativ abgestempelt werden. In der Version von Bolz jedoch ist sie symptomatisch für das Bündnis einer alt- und jungkonservativen Allianz gegen Einstellungen, die eng mit der „68er Generation“ assoziiert sind.
In den politischen Konflikten der Gegenwart werden Generationenkonflikte allerdings nur vorgeschoben. Das läßt sich daran erkennen, daß es immer wieder Angehörige älterer Generationen waren, die sich in oft peinlicher und anbiedernder Weise auf die junge Generation beriefen. So verkündete im Dezember 1990 die Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt in der FAZ die „Abwahl einer Generation“, der 68er Generation. Sie habe „in jenem Augenblick, der zur Epoche wurde“ (gemeint ist der Fall der Mauer), vollkommen versagt. „Ihr Erbe wird nicht weitertragen. Es ist versunken und der Blick nun frei – auf jene Generation, die 1989 und 1990 geprägt worden ist.“
Die Intellektuellenschelte kommt vornehmlich aus dem Kreis von Intellektuellen. Und die schärfsten Kritiker der 68er Generation gehören dem Alter nach eben dieser Generation an. Botho Strauß ist dafür nur ein Beispiel. Es verweist auf den Widersinn all dieser Generationenkonstrukte.
Die Äußerungen von Brigitte Seebacher-Brandt standen nach der Wende am Anfang einer ganzen Reihe ähnlich gearteter, die bis heute nicht abgebrochen ist. Die hämischen Versuche, die Generation von Günter Grass anläßlich des Literaturnobelpreises in Rente zu schicken oder gar zu Grabe zu tragen, gehören dazu ebenso wie die intellektuell unbedarften Anstrengungen, eine neue „Generation Berlin“ aus der Taufe zu heben. Und auch das Buch von Bolz gehört in diese Reihe. Mit ihr versucht sich eine intellektuellenfeindliche Konformität mit dem Bestehenden zu etablieren. Intellektuelle sollten sich dagegen wehren, statt, um ihr Anderssein zu beweisen, an ihrer Selbstabschaffung mitzuwirken.
(Die Rezension ist zuerst erschienen in: Die Woche, 10. Dezember 1999)

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