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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 23.04.2018
Thema: Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage

Unterwegs im Denken

"Zeilen und Tage": Der Philosoph Peter Sloterdijk öffnet seine Notizhefte

Keine Frage: Peter Sloterdijk ist en vogue. Seine 2012 unter dem Titel "Zeilen und Tage" veröffentlichten Denktagebücher wurden vom Feuilleton gefeiert, kaum ein kritischer Ton fand sich in den zahlreichen Besprechungen. Wenn ein Buch die Bedürfnisse des feuilletonistischen Zeitalters bedient, um ein Wort Hermann Hesses zu bemühen, dann sind es die "datierten Notizen" des rastlosen Philosophen aus Karlsruhe, der damit auch sein bislang persönlichstes Buch veröffentlichte.

Entstanden sind sie aus tagebuchartigen Notaten, die Peter Sloterdijk handschriftlich "in linierten
DIN-A4-Heften" Morgen für Morgen festgehalten hat. Eine Publikation war nicht vorgesehen. Ende des Jahres 2011 entschloss sich der Tagebuchschreiber allerdings doch zur Veröffentlichung, indem er sich Heft 100 vornahm, das am 28. Mai beginnt, und seine Niederschriften bis zum Heft 111, das am 8. Mai 2011 endet, transkribierte.

Innerhalb dieser Hefte arbeitet sich die Sloterdijk'sche "Themen-Maschine" ab an dem, was ihm aufgefallen war und noch bevorstand: Begegnungen, Lektüreeindrücke, Zeitdiagnose von der Euro-Krise bis Fukushima, immer wieder Reiseerlebnisse, Reflexionen und Entwürfe, Gedanken über Gott und die Welt, Polemiken.

Entstanden ist ein assoziationsreiches und selbstreflexives, komplexes und heterogenes, zum Teil widersprüchliches und vor Neologismen nur so strotzendes Denktagebuch, ein Glasperlenspiel, das zuweilen zum geisteswissenschaftlichen Quiz gerät und gelegentlich vor Peinlichkeiten nicht zurückschreckt. Bedenkt man, dass im Zeitraum der Notizen vier Bücher Sloterdijks erschienen, so erstaunt schon die rein quantitative Produktion des Karlsruher Philosophen und seine Kreativität nötigt Respekt ab.

Positiv zu konstatieren ist die weitgehend durchgängige Weigerung Sloterdijks, voyeuristische Wünsche des Publikums zu bedienen. Wir erfahren zwar einiges über den begeisternd Rad fahrenden Philosophen, seine Vorliebe für TV-Fußballübertragungen, die er mit Heidegger teilt, und seine unverdrossenen, zuweilen etwas pingeligen Schilderungen der ihn anscheinend faszinierenden Interieurs der Luxushotels während seiner zahllosen Reisen rund um den Globus, nach Stanford und Abu-Dhabi, nach Boston, Paris und New York; ein unentwegt fliegender Händler in Sachen Philosophie. Er notiert die Preise, Ehrungen und Einladungen, die er erhält, Größe der Auditorien und Zuschauerquoten des Philosophischen Quartetts werden akribisch festgehalten.

Die Themen, die er in seinen Vorträgen verhandelt, sind so weit voneinander entfernt wie die Standorte, an denen er redet, in immer neuen Anläufen unterwegs zu einer "Umwandlung von Metaphysik in Allgemeine Immunologie und in den diversen Anläufen zu einer Theorie der Psychopolitik", die er als roten Faden seiner Denkbewegungen konstatiert. Im gleichen Kontext attestiert er seinem ersten Biografen Hans-Jürgen Heinrichs, davon kaum etwas wahrgenommen zu haben.

An der "Kritischen Theorie" und den 68ern müht er sich nach wie vor ab, und seine Reaktion auf Kritik an seinen Zeitdiagnosen gerät nicht immer souverän.

Seine etwas abseitigen Vorschläge zur Steuerpolitik, von ihm selbst überschwänglich als "thymotische Steuerreform" deklariert, der Ersetzung der Steuern durch freiwillige "Gaben" der Wohlhabenden, haben Axel Honneth alarmiert, exponierter Schüler von Jürgen Habermas und zugleich einer der wichtigsten Vertreter der "Frankfurter Schule".

In einem Beitrag "Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe" wirft Honneth seinem Kollegen die Verletzung der Normen intellektueller Redlichkeit vor, dessen Thesen zum Sozialstaat bezeichnet er als "verschroben" und "baren Unsinn, der sich einer Mischung aus historischer Ignoranz und theoretischer Chuzpe verdankt". In diesem philosophischen Klassenkampf, abwechselnd in der "Zeit" und FAZ ausgefochten, steckte Sloterdijk nicht zurück und warf Honneth seinerseits einen "Lektürerückstand von sechstausend bis achttausend Seiten" bezüglich seiner Arbeit vor, wie er in den Notizen referiert.

Dies alles macht "Zeilen und Tage" für den zum Vergnügen, der derartige Dehnübungen goutiert, der Philosophie als geistiger Disziplin und Übung wird allerdings ein Bärendienst erwiesen, zu kleingeistig und ressentimentverdächtig sind hier die Attacken.

Dies schmälert insgesamt den intellektuellen Gewinn nicht, der aus der Lektüre dieses Denktagebuchs gezogen werden kann, nicht wenige der Aphorismen, Essays und Rezensionen sind sprachliche Preziosen und treffende philosophische Analysen zugleich.

Unübertrefflich das Fichte-Zitat und Sloterdijks Kurzkommentar zur Neurophilosophie vom 22. November 2010: ",Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen sein, sich für ein Stück Lava im Monde als für ein Ich zu halten.? Sag statt Lava Gehirn, und Du bist auf der Höhe der Diskussion."

Unter dem 26. Juni 2010, Sloterdijk hat Geburtstag, findet sich das Notat: "Lagebestimmung, datumsgemäß. Der Philosoph ist unter der Decke eingerollt, der Autor unauffindbar, der Hochschullehrer reif für die Klinik." Der letzte Eintrag vom 8. Mai 2011 lautet: "Ein Freund sagt: Halte auf Dich, bleib gesund, die Welt braucht uns noch eine Weile." Die Geister werden sich auch in Zukunft an Peter Sloterdijk scheiden, doch auch das kann ein Zeichen philosophischen Ranges sein.

Dieter Kaltwasser

Für den November 2018 ist von seinem Verlag ein Fortsetzungsband mit Notizen Sloterdijks angekündigt: Peter Sloterdijk "Neue Zeilen und Tage - Notizen 2011-2013"



Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Suhrkamp, 639 S., 24,95 Euro.

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Connie Ruoff schrieb uns am 18.04.2018
Thema: Juli Zeh: Unterleuten

„UNTERLEUTEN“ VON JULI ZEH


2. ZUM INHALT
Der Trailer

Juli Zeh stellt uns ein fiktives Dorf vor: Unterleuten im Jahr 2010. In ständig wechselnden Perspektiven lernt der Leser die Dorfgemeinschaft mit ihren unterschiedlichen Bewohnern und deren Ziele dahinter kennen.

Ein Teil ist aus dem Westen zugezogen, ein anderer Teil sind Alteingesessene. Alle wollen nur das Beste für das Dorf.

Der Roman ist in sechs Teile mit jeweils 13 Kapiteln gegliedert. Die Teile tragen die Überschrift der Person, aus deren Blickwinkel bzw. Perspektive erzählt wird.

Zur Orientierung kann der Leser auf das Personenglossar oder die Internetseite zurückgreifen.

Der Investor aus
dem Westen weckt viele Konflikte.
Es geht um Familiengeheimnisse, DDR-Vergangenheit, Ehekrisen, persönliche Probleme.

„Die Wahrheit war das, was die Leute erzählen. Und immer wieder stellt sich die Frage, was ist die Wahrheit?“


Zwei Männer polarisieren das Dorf Unterleuten in zwei Lager. Und schon wird aus der idyllischen Gemeinde ein Kampfplatz der Lokalmatadore.

Wie weit gehen die Eigeninteressen?

Es ist eine Gesellschaftsstudie, die eine vorgetäuschte Realität durch Facebook, Xing Account und Homepages entwickelt.

Rache, kriminelle Aktionen, Selbstjustiz, Tratsch und Verleumdung, soziale Verstrickungen, Abhängigkeiten beeinflussen mögliche Investoren genauso, wie Dorfbewohner, die einen Gewinn aus dem Landverkauf ziehen möchten.

Bei diesen Nachbarn braucht man keine Feinde. Alles das, was in der Großstadt geschieht, passiert auch hier in der Anonymität des Dorfes, die für die meisten so transparent ist, dass diejenigen nicht selten am Pranger enden. Eine Gemeinschaft, die ihrer Gemeinschaft selbst das Ende bereitet.

5/5 Punkten

3. PROTAGONISTEN
Linda Franzen war mit Frederic Wachs zusammen, liebt aber Bergamotte, einen Oldenburger Hengst. Sie verehrt die Schriften von Manfred Gortz.

Besondere Merkmale: blond, hübsch, knallhart. Sie ist Stolz darauf eine Rolle in Unterleuten innezuhaben. Sie strebt danach, das eigene Schicksal zu optimieren. Das Prinzip des unbewegten Bewegers

Rudolf Gombrowski war Landwirt und Geschäftsführer der Ökologica GmbH. Auf den ersten Blick wirkt er ungeschickt, auf den zweiten Blick ist er ziemlich schlau. Sein Mot

„Der größte Vorteil entsteht, wenn jeder bekommt, was er sich wünscht – dieser Satz war für Gombrowski keine Masche, sondern eine Philosophie. Wenn alle zufrieden seien, sagte Gombrowski, hätten am Ende auch alle den größten Nutzen. Das sei das Schöne in Unterleuten. Man schaffe es immer, sich gütlich zu einigen.“

Sein größtes Vermögen war, dass ihm jeder im Dorf etwas schuldete.

Bodo schaller ist Automechaniker und Kleinkrimineller. Seine besonderen Merkmale: dick und dubios.

Kron ist ein ehemaliger Brigadeführer und schon immer Gombrowskis Erzfeind.

Die Rollen der Protagonisten sind ständig im Wandel. Sie entwickeln sich und reagieren auf jedes Ereignis.

5/5 Punkten

4. LINKS ZU UNTERLEUTEN
Juli Zeh erweckt das fiktive Brandenburgische Unterleuten zum Leben durch geschickte fingierte Internetauftritte.

Zu Manfred Gortz und Dein Erfolg:
manfred-gortz.de
youtube
Der Autor auf randomhouse.de
Das Hörbuch auf randomhouse.de
Dein Erfolg auf amazon.de
Der Autor auf Twitter
Der Autor auf facebook

Extra angelegte Homepages von im Roman auftauchenden Institutionen und Firmen:
vogelschutzbund-unterleuten.de
maerkischer-landmann-unterleuten.de
ventodirect.de

Zur Diskussion über pferdevernarrte Partnerinnen auf reiterrevue.de

Profile der genannten Romanfiguren:
Lucy Finkbeiner auf facebook
Kathrin Kron-Hübschke auf facebook
Jule Fließ auf facebook
Sebastian Pilz auf Xing

Alle Romanfiguren und Schauplätze im Überblick:
unterleuten.de

Interview mit Juli Zeh

Juli Zeh zu Unterleuten

5. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Juli erzählt humorvoll, ironisch, manchmal auch mit Untertönen – bisweilen gar sarkastisch. Helene Grass moduliert mit ihrer Sprache und setzt die Untertöne, die bei Juli Zeh fast immer fast immer mitklingen. Die wechselnden Erzählperspektiven offenbaren dem Leser die unterschiedlichen Beweggründe der Parteien.

In der Mitte zieht es sich ganz schön, deswegen ziehe ich einen Punkt ab. Allerdings gebe ich den Punkt als Extrapunkt für die gelungenen Fake Accounts im Internet. Sehr amüsant.

5/5 Punkten

6. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Unterleuten“ von Juli Zeh hat 656 Seiten, einen flexiblen Einband und ist am 11.09.2017 unter der ISBN 9783442715732 bei btb im Genre Romane erschienen.

5/5 Punkten

7. FAZIT
Zwanzig Hauptakteure zeigen auf 656 Seiten ein Abbild der Gesellschaft. Es ist ein Roman, der digitale Komponenten hat, eine Art gesellschaftliches Rollenspiel. Die Leser sind herzlich eingeladen, einzusteigen.

Es ist wirklich ein Buch, das durchaus zwischendurch einen Ausflug ins Internet schätzt, um Unterleuten und die Bewohner näher kennenzulernen. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt.

Deswegen „Leseempfehlung!



@btb Ich bedanke mich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 18.04.2018
Thema: Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles

„WIR SAGEN UNS DUNKLES“ VON HELMUT BÖTTIGER


2. ZUM INHALT
Helmut Böttiger zeigt uns eine Beziehung, die gepflastert mit Stolpersteinen war.

Im Focus steht die Zeile „Wir sagen uns Dunkles“ aus „Corona“

Beide waren bedeutende Lyriker der Nachkriegszeit. Leo Antschel (ein rumänischer Name wird mit c geschrieben. Anagramm von Celan.) und Ingeborg Bachmann waren sehr unterschiedlich. Bachmann galt als eine nach außen gerichtete Person, die sich immer wieder neu erfindet und wahrscheinlich keiner der übernommenen Rollen entspricht. Allerdings könnte man ihr Liebesleben als chaotisch oder durcheinander bezeichnen.

Ihre Gemeinsamkeit waren sechs Wochen
Liebesreigen.

Celans Gedichte zeigen dir seine Trauer und elegisch das Verzichten müssen.

Lyrik wird zur Sprache und zum Spielzeug.


Ihre Bezugsgröße ist Wien.
Der Kommunismus erscheint als utopisches Ideal – eine Leitvorstellung. Celan sang Revolutionslieder mit.
Seine Freunde betrachteten ihn als Mimose, als Narziß, unduldsam ja geradezu hochmütig.
Die Nacht, in der Celans Eltern verhaftet wurden, verbrachte dieser bei einem Mädchen. Diese „Schuld, überlebt zu haben“ wird ihn sein ganzes Leben begleiten. Er selbst war 1 1/2 Jahre lang ein Zwangsarbeiter.

Zuvor hatte er ein Studium Romanistik, Russisch und Anglistik angefangen.

Sein Sprachtalent war außerordentlich. Englisch, russisch, rumänisch und französisch.

Sein wohl berühmtestes Gedicht ist die Todesfuge.

You Tube Schwarze Milch der Frühe,

„Ich nehme die Frauen wie Zigaretten, die ich Ausrauche und wegwerfe.“

Auch dieses Zitat ist von Paul Celan



Ich habe „Die Todesfuge“, „Corona“, „Die gestundete Zeit“, ein Filmbericht über Ingeborg Bachmann und Trailers „Die Geträumten“ zusammengestellt.

Paul Celan liest selbst aus „Corona“. „Die gestundete Zeit“ wird von Katharina Thalbach gelesen.



Ich habe mir den Film von Suhrkamp gekauft und war enttäuscht. Gedichte werden gelesen und wir hören die Gedanken der Sprecher dazu. Es hat mich überhaupt nicht angesprochen. Die Atmosphäre war mir zu clean.

Gleichzeitig bekommt der Leser ein Porträt der Gruppe 47 und die gespannte Atmosphäre zwischen Celan, Bachmann und der Gruppe.

Termine der Lesung



5/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Helmut Böttiger nimmt kapitelweise Bachmann und Celan in den Focus. Aber daraus entstehen letztendliche nicht nur die Biographien zweier Menschen, sondern Böttiger zeigt uns ein verworrenes und komplexes Beziehungsgeflecht.

Zwei Alphatiere, die zugleich Mimosen sind und denen Normalität und Mittelmäßigkeit ein Gräuel sind, finden keine beständige Brücke zueinander. Ihre Welt ist die Lyrik und nicht die Banalität des Alltags.

5/5 Punkten

4. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Wir sagen uns Dunkles“ von Helmut Böttiger hat 250 Seiten, einen festen Einband und ist am 28.08.2017 unter der ISBN 9783421046314 bei DVA im Genre Biografien erschienen und kostet 22 €.

Auf dem Cover sind Fotografien von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

Das Buch ist auch im Scoobe Katalog enthalten.

5/5 Punkten

5. FAZIT
Ich freue mich sehr, Ingeborg Bachmann und Paul Celan näher kennengelernt zu haben. Es hat mich bewegt, Ingeborg Bachmann und Paul Celan, und ihr Gedichte wie „Corona“ und „Gestundete Zeit“ vortragen zu lassen, durch das Wissen, dass die beiden nicht nur Absender sonder auch Adressaten sind.

Helmut Böttiger ist es gelungen, den Leser die Emotionen fühlen zu lassen und ihm die Leidenschaft, ja die Abhängigkeit voreinander, aufzuzeigen.

@Randomhouse und @dva
Vielen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 07.04.2018
Thema: Botho Strauß: Der Fortführer

Es überrrascht nicht, wie der Autor Botho Strauß in diesem Band mit literarischer und philosophischer Minimalprosa versucht,  sich selbst neu zu erfinden, indem er die Vergangenheit und ihre Retrotopien preist. Er pfeift zwar mit Hilfe der Kirchenväter und antiker Großtestimonials vernehmlich auf die Welt, doch es ist einmal mehr die Melodie des Ressentiments, die dabei ertönt. Es gelingen mitunter feine literarische Miniaturen des Heute, doch machen die nachfolgenden reaktionären Reflexionen alles zunichte. Da hilft Strauß auch kein Sound der Skepsis: „Mein Weg war der der konsternierten Nachfrage. Wie denn? Wie ist’s nur möglich?“ Die poetische Diktion wird gegen den theorieversessenen Diskurs in Stellung gebracht. Doch mitten im Gewühl behält selten einer den Kopf frei über dem Gewühl: „Die Welt ist insipide geworden. Debilwerden als Rasseschicksal.“ Wie wahr. Wie falsch.

(Rowohlt, 208 S., 20 Euro)

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 07.04.2018
Thema: Francois Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität

Das Wesen der Kultur, so formuliert es der französiche Philosoph und Sinologe François Jullien in seinem neuen Buch, ist die Veränderung. Der Glaube an eine kulturelle Identität beruht auf einer Illusion. Jullien plädiert leidenschaftlich dafür, Traditionen, Bräuche und eine gemeinsame Sprache als Ressourcen zu nutzen, die allen zur Verfügung stehen. Überall auf der Welt hat zurzeit der Nationalismus als Reaktion auf die Globalisierung Konjunktur; insbesondere in Europa ist von einem Schutzwall „der kulturellen Identität gegenüber einer Uniformisierung“ die Rede. Der Autor hingegen legt die Betonung nicht auf die kulturellen „Unterschiede“, sondern auf die „Abstände“ zwischen den Kulturen, die diese in „Spannung zueinander aufrechterhalten“. Sie bringen, so Jullien, das Gemeinsame zwischen ihnen im Dialog zum Vorschein. Sehr empfehlenswerte Lektüre!

(Suhrkamp, 80 Seiten, 10 Euro)

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Connie Ruoff schrieb uns am 04.04.2018
Thema: Bernhard Schlink: Olga

„Olga“ von Bernhard Schlink
2. Zum Inhalt
Bernhard Schlink gehört zu meinen Lieblingsautoren und ich habe mich sehr auf den neuen Roman „Olga“ gefreut.

Der Roman ist dreigeteilt.

Der erste Teil wird aus der Perspektive eines allwissenden (auktorialen) Erzählers geschrieben und schildert Olgas Leben bis zu ihrer Flucht. Der Autor beschreibt mit wenigen nüchternen Worten, geradezu wohltemperiert das Geschehen. Olga ist eine Frau, Autodidaktin, die immer auf sich selbst gestellt war und ist. Herbert bildet dazu eine Kulisse, die nichts mit dem Alltag zu tun hat. Es sind gemeinsame Stunden, die der Liebe und nicht der Auseinandersetzung miteinander dienen. Allerdings nehmen Herbert und das Leben
ihr oft die Entscheidungskompetenz ab und sie kann nur noch das Beste in der Situation suchen.

Im zweiten Teil stellt uns Ferdinand Olga aus seiner Perspektive vor, so wie er sie kannte. Bernhard Schlink liebt starke Frauen. Er beweist es immer wieder. Wie schon in „Der Vorleser“ sehen wir hier einen jungen Mann, der eine große Nähe und Bewunderung zu einer älteren Frau empfindet. Wenngleich in der Beziehung zu Olga die erotische Komponente fehlt. Dennoch ist es eine prägende Beziehung. Besonders gut gefallen mir folgende Worte des Autors:



„Meine Großeltern waren gestorben, bei denen ich die glücklichsten Ferien verbracht hatte. In meinem Leben war ein Platz frei.“ Olga S. 138

Der dritte Teil besteht aus Olgas Briefen an Herbert.

Um welche Fragen geht es?

Bernhard Brink zeigt mit Olgas Leben, eine erzählte Zeit von über 90 Jahren. Er zeigt auch, wie diese Zeit den Menschen prägte. Der Kolonialismus,  Nationalsozialismus, die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau sind nur drei Themen daraus und natürlich geht es, wie bei fast allen Büchern von Schlink, um die Frage der Schuld.

Es ist aber auch ein Buch, das sehr viel Mut macht oder mit meinen eigenen Worten: Du bist selbst deines Glückes Schmied. Wenn du etwas mit aller Kraft möchtest, erreichst du es auch.

5/5 Punkten

3. Protagonisten
Olga ist eine Frau, die etwas im Leben erreichen möchte.  Sie kämpft mit aller Kraft, um die Ausbildung zur Lehrerin. Sie liebt Herbert, erkennt aber zugleich, dass er ein Träumer und ein Suchender ist, der mit dem Erreichten nie zufrieden sein wird. Dasselbe denkt sie über Deutschland und den "deutschen Mann".

Olga ist aber zugleich auch sehr unerbittlich und verbannt Eik, wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung und seinem Festhalten daran, aus ihrem Leben. Sie ist traurig darüber, dass sie ihm nicht vermitteln konnte, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Sie schreibt Herbert regelmäßig Briefe, in denen sie ihre Entscheidungen begründet und erklärt. Es ist für sie nicht wichtig, dass Herbert tot ist und die Briefe niemals ihren Adressaten erreichen. Es ist für sie persönlich eine Aufarbeitung ihres Lebens. Durch einen letzten Paukenschlag begehrt sie noch einmal gegen das Schicksal auf und der Kreis schließt sich.

Auch Bernhard Schlink schließt durch Ferdinands Begegnung mit Adelheid den Kreis.

5/5 Punkten

4. Sprachliche Gestaltung
Bernhard Schlink schreibt nüchtern und dennoch mit Metaphern durchzogen. Er zeigt Eckpunkte, die der Leser selbst mit Inhalten füllt.

5/5 Punkten

5. Cover und äußere Erscheinung
„Olga“ von Bernhard Schlink hat 320 Seiten, einen festen Einband und ist am 12.01.2018 unter der ISBN 9783257070156 bei Diogenes im Genre Romane erschienen.

Das Buch hat eine leserfreundliche Größe und das integrierte rote Lesezeichenband. Also das perfekte Mitnahmebuch. Der Schutzumschlag zeigt einen Ausschnitt des Ölgemäldes von „A Dark Pool“ von Laura Knight.

Das Motiv gefällt mir gut. Die Weite des Meeres und die Frau auf den Felsen, die bodenständig zuschaut.

5/5 Punkten

6. Fazit
Bernhard Schlink hat Olga, und somit vielen Frauen aus dieser Generation, die in ihrer Rolle als Frau, männliche Aufgaben übernehmen mussten, aber keineswegs die entsprechende Anerkennung erhielten; Frauen denen eine akademische Bildung aufgrund ihres Geschlechts versagt wurde.

Ich hätte Olga gerne kennengelernt. Olga, die kühl Frederik als langweilig bezeichnet und vernarrt Herberts Träumereien nachsieht. Eine Olga, die selbst nur am Ende ihres Lebens vom „richtigen Weg“ abweicht und sich dennoch nie verbiegt. Sie bleibt sich immer treu. Eine starke Frau!

Für mich eines der beeindruckendsten Bücher, die ich bislang gelesen habe.

Leseempfehlung

Ich bedanke mit herzlich beim Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.



Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 30.03.2018
Thema: Michael Sontheimer / Peter Wensierski: Berlin – Stadt der Revolte

»Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt«:

zum Versuch einer Topographie der Revolte

oder: Die Vermessung der Revolte in beiden Teilen Berlins

von Christoph Ludszuweit


„Time will tell!“ (Bob Marley)

Im 50. Jahr nach der Studentenrevolte rücken die Berliner Orte der Protestbewegung so langsam, aber sicher in das öffentliche Bewusstsein. Man muss hier ja nicht sehr weit fahren, um Orte zu finden, die damals Schauplätze von Revolten waren, Spuren der Revolte in Ost und West und Hinweisen auf legendäre und weniger bekannte Schlachtorte der sog. Studentenbewegung im Westen sind die Autoren in jahrelanger Recherchearbeit nachgegangen. Sie stießen auf teils
verschlungene, rizhomhaft sich kreuzende Pfade der damaligen Subkulturen von Feministinnen, Hausbesetzern und Punks, die - zwar auf unterschiedliche Weise - deutlich sichtbar durchaus in BEIDEN Teilen Berlins beheimatet waren.

Sontheimer war 1978/79 Mitgründer der taz, in den 1980er-Jahren Redakteur und Autor bei der Zeit und arbeitet seit 1995 beim Spiegel. Wensierski war ab 1979 Reisekorrespondent für verschiedene Medien aus der DDR, von 1986 bis 1993 Fernsehjournalist bei der ARD und arbeitet seitdem auch beim Spiegel. Er wurde u.a. mit dem Bundesfilmpreis, dem Europäischen Fernsehpreis und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – beides also gestandene Journalisten.

Sie erzählen facettenreich, erfreulich unideologisch, ohne großen Firlefanz und theoretischen Überbau, gut lesbar (und mit nur wenigen – verzeihbaren - sachlichen Fehlern) eine spannende Geschichte. die Geschichte einer widerborstigen und aufsässigen Metropole. Sie werfen mit fast fotografisch geschultem Blick (sozusagen als teil- und Anteil-nehmende Beobachter) kurze, einprägsame Schlaglichter auf Häuser, in Wohnungen, auf Straßen und Plätze. Gestützt auf Interviews und Gespräche mit vielen unmittelbar und aktiv Beteiligten entwerfen sie so eine empfehlenswerte, weil vieles im Rückblick erklärende Topographie der Revolte. Wie in einem historischen Reiseführer laden sie zum Flanieren und staunenden Entdecken ein. Weitere Stichworte: friedliche Revolution, Häuserkampf - an Orten der Revolte fehlt es in Berlin wahrlich nicht. Sie erkunden die Welt der einstigen Rebellen, von denen schon viele längst gestorben sind. Wer  - außer vielleicht einstige Alternative und Dissidenten – weiß denn heute noch, wo etwa die legendäre Kommune 1 zuallererst beheimatet war? Zweite Preisfrage: Wo entstand der erste Kinderladen? Dritte Frage: was passierte genau mit Andreas Baader in der Miquelstraße 83?
Letzte Preisfrage:  Was passierte wann und wo in den bewegten Monaten von 1967/68 - wieso rief etwa ein rhetorischer Feuerkopf wie Rudi Dutschke zum Sieg der vietnamesischen Revolution im Audimax der TU auf und wo hatte die RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof ihre letzte legale Wohnung?" Anfangs zitieren sie den italienischen Professor Johannes Agnoli: „Revolten kennen im Allgemeinen nur das Scheitern, sonst wären sie Revolutionen", so der überaus sympathische, längst und viel zu früh verstorbene Professor vom einst als linke Hochburg gerühmten Otto-Suhr-Institut der Freien Universität.
Fast 60 Orte zeigt das Buch mit kleinen roten Fähnchen auf einer Karte, die vom Auditorium Maximum der FU in der Garystraße in Dahlem bis nach Pankow reichen. Dort, in der Elsa-Brandström-Straße 18 verfasste die Liedermacherin Bettina Wegner ihre Flugblätter gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei.
Aber auch im Osten gab es Kommunen und einen Piratensender, wie Sontheimer und Wensierski rekonstruierten, die von einem kleinen subversiven Westberliner Kassettenverlag namens STECHAPFEL VERLAG in der Görlitzerstr. 74 in Kreuzberg 36 redaktionell betreut wurden.
Mehrere Adressen sind auch Orte von Pioniertaten. In der Suarezstraße 41 residierte etwa die erste Redaktion der "tageszeitung" ("taz"), in der Bülowstraße 17 der erste Schwulenbuchladen, in der Neuköllner Kopfstraße 12 der erste Kinderladen. Und ein deutsch-spanischer Kindergarten ist heute in der Charlottenburger Wielandstraße 13 untergebracht. Im Herbst 1968 zogen dort der kürzlich verstorbene "Bommi" Baumann, Eckhard Siepmann und Georg von Rauch ein, der Anwalt Otto Schily (später von Wiglaf Dorste als „Otto-Abschiebe-Anthroposoph tituliert) war deren Nachbar. Die "Wielandkommune" wurde eine der ersten Wohngemeinschaften, später formierte sich daraus der "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen", eine der ersten militanten Gruppen der West-Berliner Subkultur.
Ein anderer geschichtsträchtiger Ort ist auch eine Wohnung in der Knesebeckstraße 89 in Charlottenburg, wo Ingrid Schubert residierte, die wenige Monate vorher bei der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader in der Miquelstraße mitgemacht hatte. Bei einer späteren Hausdurchsuchung fand die Polizei eine Pistole, Autonummern und Molotowcocktails. Die Wohnung gilt – so zumindest in der unvermeidlichen  Legendenbildung - als Keimzelle der Roten-Armee-Fraktion (RAF).

An gleicher Adresse ist heute übrigens eine schnieke Cocktailbar und eine Naturheilpraxis untergebracht. Jedenfalls ist der Band unterhaltsam und das Lesen macht endlich mal wieder auch etwas Spaß!

Michael Sontheimer, Peter Wensierski: Berlin - Stadt der Revolte, Ch. Links Verlag, Berlin, 448 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-86153-988-9.

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Karl-Josef Müller schrieb uns am 16.03.2018
Thema: Franzobel: Das Floß der Medusa - Der Jude hat Verstopfung

Der Jude hat Verstopfung


Der Roman „Das Floß der Medusa“ des österreichischen Schriftstellers Franzobel war nominiert für den Deutschen Buchpreis 2017 und hatte es in die Endauswahl, die sogenannte ‚Shortlist‘ der sechs besten Bücher, geschafft. Bereits im August wurde dem Autor der Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen verliehen, nicht zuletzt als Anerkennung für „Das Floß der Medusa“. Dabei spielt Franzobel in diesem Roman ohne Bedenken mit antisemitischen Klischees.


Gewalt, Ekel und Sex, häufig kaum voneinander zu trennen, kennzeichnen die Atmosphäre in Franzobels Roman „Das Floß der Medusa“. Ordinär soll und muss es zugehen, kaum eine
Zote, und sei sie noch so abgegriffen, wird vermieden: „Außerdem gab es eine Kompassrose um den Nabel oder einen flötenspielenden Fakir – man kann sich denken, welche Schlange der zum Stehen brachte. (…) Da kam Maiwetter, Jean-Pierre, schwuler Name, und bat um eine vertrauliche Unterredung.“
Kimmelblatt, einer der Soldaten auf der Medusa, hat Verstopfung. Alle Mittel, das Leiden zu beheben, sind gescheitert. „Dann hilft nur ein Klistier, verkündete Savigny.“ Savigny ist Schiffsarzt auf der Medusa und einer der beiden Autoren des dokumentarischen Romans „Der Schiffbruch der Fregatte Medusa“. Franzobels Roman basiert auf diesem zeitgenössischen Text aus dem Jahr 1817, das Geschehen selbst ereignete sich im Sommer des Jahres 1816.
„Gepfählt, von der eigenen Scheiße aufgespießt.“ So beschreibt Franzobel den körperlichen Zustand von Menachim Kimmelblatt kurz vor der Verabreichung des Klistiers. Um anschließend, geradezu genüsslich, seinen Lesern das Ergebnis zu präsentieren: „Dann hörte man ein Glucksen in diesem aufgeblähten Leib, der wie ein Vulkan kurz vorm Ausbruch stand, und wenig später, kein Geräusch, doch der Körper explodierte wie der indonesische Vulkan Tambora, schoss eine braune Fontäne aus ihm heraus, spuckte dieser kleine muskulöse Hintern eine jaucheartige mit Brocken angereicherte Flüssigkeit, ein Fäkalgeysir, um eine Klimakatastrophe anzurichten.“
Doch Kimmelblatt ist nicht nur Soldat, sondern vor allen Dingen Jude: „Der Jude Kimmelblatt trug einen roten Fez und erzählte Witze“. Sein Jiddisch klingt wie die Verballhornung dieser Sprache: „‘Ist der Jiddn Kimmelblatt meschugge! Auf diesen Tinnef geht er nicht. Floß? Das ist nicht koscher! Das ist trefe!‘“
Neben Kimmelblatt lässt der österreichische Autor einen weiteren Juden auftreten. Anders als im Falle Menachim Kimmelblatt, handelt  es sich bei der Romanfigur Kummer um einen historisch verbürgten Passagier der Medusa, der in dem dokumentarischen Roman von Savigny und Corréard in seiner Eigenschaft als Naturforscher mehrfach erwähnt wird. Von einer jüdischen Herkunft des Forschers ist nicht die Rede, keine einziger Passagier der Medusa wird als Jude bezeichnet.
Franzobel hingegen unterstreicht die jüdischen Rassemerkmale des Forschers:  „Der bärtige Wissenschaftler hatte eine lustige Nase und eine sanfte Stimme. Die Karikatur eines Juden, nur dass er nicht mehr an die Thora glaubte, keine Gebetsschnüre um die Hüfte und auch keinen Schtreimel trug, sich um den Sabbat wenig scherte, stattdessen an die Wissenschaft glaubte, an Fakten und nicht an das Goldene Tor in Jerusalem.“ Kummer erscheint als Klischee des assimilierten Juden, bei Franzobel muss dieses „Mitglied der Philanthropischen Gesellschaft von Kap Verde“, eine Äquatortaufe über sich ergehen lassen. Dieses Ereignis schildern J.B. Heinrich Savigny und Alexander Corréard in ihrem dokumentarischen Roman in wenigen Worten: „Während wir das Kap-Barbas umsegelten, sah Herr von Chaumareys mit sorgloser Gutmütigkeit der Wendekreisposse zu“. Die beiläufige Beobachtung der Augenzeugen nimmt Franzobel zum Anlass, Kummer einem zutiefst demütigenden und schmerzhaften Ritual zu unterziehen. Dem Wissenschaftler werden Haare und Bart geschoren, außerdem muss er den Rüssel eines geschlachteten Schweines küssen.
Die antisemitischen Hintergründe dieses Rituals sind offensichtlich, auch vor 76 Jahren bedienten sich Soldaten der deutschen Wehrmacht der Schere, um die jüdische Bevölkerung zu demütigen. Mehrere Fotos der „Propagandakompanien der Wehrmacht - Heer und Luftwaffe“, zugänglich auf der Internetseite des Bundesarchivs Koblenz, tragen den Titel „Sowjetunion, Ukraine.- Deutsche Soldaten beim Abschneiden des Bartes eines alten jüdischen Mannes (Rasur)“. In einer Bilderfolge zeigen die Fotos vom Juli 1941 die Demütigung eines Mannes, dem Kopfhaar und Bart abgeschnitten werden, umringt von den grinsenden Gesichter deutscher Soldaten.
Franzobel schildert Kummer nicht als orthodoxen Juden, für den die Rasur von Haupt- und Barthaar oder die Taufe mehr als nur eine tiefe Kränkung bedeuten würden. Allerdings wird Kummer auch in dieser Szene vom Autor explizit als Jude kenntlich gemacht: „Als man ihm jedoch die Hose hinunterzog und Mama Neptun, ein mit üppigem Busen ausgestopfter Matrose, seinen beschnittenen Penis lobte, ‚da hat sich der Rabbi angestrengt‘, ihm dann aber an die Nüsse fasste und zukniff, fest wie ein Nussknacker, so dass dem armen Kummer der stechende Schmerz bis unter die Zähne, nein, weiter, bis in den Schädel fuhr, verging es ihm.“ Erneut weidet sich Franzobel am Leid seiner Figur, das Mitleid mit „dem armen Kummer“ klingt hämisch.
Muss noch darauf hingewiesen werden, was die erzwungene Taufe für einen gläubigen Juden bedeutet und welchen historischen Hintergrund Franzobel damit ins Bild rückt?
Den Höhepunkt der Geschmacklosigkeit erreicht der österreichische Autor mit einem Vergleich zwischen der Schlachtung des Schweines, dessen Rüssel Kummer anschließend küssen muss, und der sich lösenden Verstopfung von Menachim Kimmelblatt: „Während ihn die Schweinsäuglein entsetzt anstarrten, der mächtige Allesfresserkörper zuckte und die paarhufigen Beine zitterten wie bei einem Stromschlag, schoss (ähnlich dem Kimmelblatt‘schen Fäkalgeysir) ein Schwall Blut in die Schüssel.“

„eine Parabel auf menschliche Schwäche und Gewaltbereitschaft“
Franzobel bevorzugt das Teleobjektiv. Er rückt seinen Figuren so nah wie irgend möglich, er folgt ihnen, wenn sie ihre Notdurft verrichten, er weiß, was sie denken und was in ihnen vorgeht. Er ist ein wahrlich allwissender Erzähler, der seinen Lesern suggeriert, mit der Lektüre zum Augenzeugen eines historischen Geschehens zu werden.
Eines Geschehens, das sich einreiht in die Abfolge der „großen Katastrophen“, die „oft im Verborgenen“ geschehen, so Franzobel in seinem Roman. Und weiter: „Wie bei den Konzentrationslagern, Völkermorden, Foltergefängnissen oder Tragödien um die Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer bekam die Öffentlichkeit auch vom Unglück der Fregatte Medusa zunächst nichts mit.“ Franzobel spannt einen Bogen vom systematischen und industriell betriebenen Massenmord an den europäischen Juden über die Völkermorde allgemein bis hin zu den Flüchtlingsschiffen auf dem Mittelmeer. Hier wird nebeneinandergestellt, was streng voneinander zu unterscheiden wäre.
Die Rezensentin Mareike Ilsemann argumentiert in gleicher Weise:  „Die Kunst inszeniert Grauen oder rekonstruiert es nachträglich. Auf dem Floß der Medusa war es Realität. So wie auch in Konzentrationslagern, Foltergefängnissen und bei Völkermorden, auf die der Erzähler verweist. Franzobels ‚Floß der Medusa‘ ist ein Meisterwerk, das uns mit der unbequemen Wahrheit konfrontiert: Unter bestimmten Bedingungen ist die Spezies Mensch zu allem fähig.“ Dem Roman von Franzobel wird bescheinigt, er liefere eine wahrheitsgemäße Schilderung dessen, was sich zunächst auf den Schiffen und später dann auf dem Floß zugetragen hat. Und auch Ilsemann sieht kein Problem darin, die Konzentrationslager, Völkermorde und Foltergefängnisse quasi gleichberechtigt nebeneinander zu stellen.
„Der Autor bedient sich eines rustikalen, teilweise sehr derben Stils, der im ersten Moment abstoßend wirkt. Aber er demonstriert mit diesem Jargon lediglich, wie brutal und rau es unter den Matrosen und Soldaten zuging.“ Wie Ulf Heise, betonen die meisten Rezensenten des Romans dessen Realismus, der ja nur zeige, „wie brutal und rau es unter Matrosen und Soldaten zuging“. Genau dieser Realismus, der einher geht mit dem Versprechen, hier werde die Wirklichkeit auf dem Floß geschildert, führt zu der Frage, warum Franzobel die beiden jüdischen Figuren auftreten lässt.
Die überwiegend positiven Besprechungen des Romans verwechseln das bloß Gemachte des Romans mit der Wirklichkeit dessen, was sich historisch zugetragen hat. Und selbst eine der wenigen kritischen Stimmen verkennt den Unterschied zwischen Fiktion und Realität: „Nahe an Trash- und Splatter-Elementen, schwelgt Franzobel geradezu in amputierten Gliedern, abgeschlagenen Köpfen, schwärenden Wunden oder Körperflüssigkeiten aller Art, in Wahnsinn, Raserei und Selbstmord. Gnadenlos zeigt er den Verfall des Menschlichen, den Kampf ums Überleben bis zum Allerletzten.“ Zunächst betont Karsten Herrmann völlig zu Recht die Schwächen des Romans, um dann doch zu behaupten, das Machwerk zeige „den Verfall des Menschlichen, den Kampf ums Überleben bis zum Allerletzten.“ Seinem Fazit wiederum kann man nur zustimmen: „Doch bleiben seine Charaktere weitgehend plakativ, und mit zunehmender Länge überstrapaziert er sein Theater der Grausamkeit. So läuft sich das ‚Floß der Medusa‘ in der schier endlosen Wiederholung des Provokanten und Schockanten tot und bietet kaum Zwischentöne.“ Besser lassen sich die Defizite des Romans kaum benennen. Franzobel will dem Leser eine Augenzeugenschaft suggerieren, die doch nur auf dem Prinzip der grenzenlosen Überbietung basiert. Was sein Roman zeigt, sind seine, des Autors, Phantasien. An keiner Stelle reflektiert der Text den unvermeidlichen Abstand zwischen den historischen Geschehnissen selbst und dem nachträglichen Versuch, diese im Bild wie Théodore Géricault oder in einem dokumentarischen Roman wie die Autoren und Augenzeugen Corréard und Savigny darzustellen.
Der Versuch einer Annäherung an das Geschehen wird ersetzt durch einen Voyeurismus, der sich die Objekte seiner Begierde selbst erschafft. Die beiden jüdischen Figuren Kimmelblatt und Kummer verkörpern dieses Verfahren besonders deutlich.  
In seinem Text „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ spricht Jean Améry davon, dass er sich selbst nie als Jude gefühlt oder definiert hat. Zum Juden gestempelt wird er trotzdem und gegen seinen Willen: „Die Gesellschaft, sinnfällig im nationalsozialistischen deutschen Staat (…) hatte mich soeben in aller Form um mit aller Deutlichkeit zum Juden gemacht“. Man könne sich zu seinem Judentum bekennen, zur jüdischen Religion oder Kultur, so Améry, etwas anderes hingegen sei es, „durch den Antisemiten (...) in eine Situation gedrängt“ zu werden, „in der er sich das Bild seiner selbst vom Feinde habe aufdrängen lassen.“ Améry zitiert hier zustimmend Jean Paul Sartre.
Untrennbar verbunden ist diese Fremdzuweisung seiner selbst als Jude mit dem Entzug der Würde, so Jean Améry. Denn erst nachdem der nationalsozialistische Staat in den Nürnberger Gesetzen definiert hatte, wer, Jude sei, konnte die Entrechtung, Entwürdigung und schließlich Vernichtung der Menschen beginnen, die der damalige deutsche Staat und große Teile der deutschen Bevölkerung als Juden definiert hatte.
In seinem Roman beraubt Franzobel zwei Figuren auf besonders drastische Art und Weise ihrer Würde, beide, sowohl der erfundene Kimmelblatt als auch der historisch verbürgte Kummer, sind Juden. Nein, sie sind nicht Juden, Franzobel ist es, der sich, aus welchen Beweggründen auch immer, dafür entscheidet, diese beiden Figuren wiederholt als Juden zu bezeichnen. Er macht sie zu Juden, vor ihm, dem allwissenden Erzähler, können sie ihre wahre Identität, nämlich Jude zu sein, nicht verbergen. Kummer kann sich noch so sehr als Freigeist gerieren, seine Physiognomie zeigt deutlich, wer er ist, nämlich ein Jude.
Was auf Kummer zutrifft, gilt auch für Kimmelblatt. Dieser muss auf einem französischen Schiff unter Franzosen ein verballhorntes Jiddisch sprechen, das nicht dazu dient, ihm eine eigene kulturelle Identität und Würde zuzuschreiben. Das Jiddisch, das Franzobel seinem Kimmelblatt in den Mund legt, dient einzig und allein dazu, ihn zu karikieren und so zum typischen Muster eines Juden zu degradieren.
Bleibt die Frage nach Franzobels Beweggründen für seine Entscheidung für Kimmelblatt und Kummer. Vielleicht gibt es darauf keine Antwort, aber möglicherweise gilt für die beiden Romanfiguren, was Ernst Gombrich über seine jüdische Herkunft gesagt hat: „Wenn es nach dem geht, was vielleicht fromme Juden einen Juden nennen würden, wäre ich kein Jude. Aber wenn man heute gefragt wird, sagt man selbstverständlich: Ja, ich bin Jude. Die richtige Antwort wäre: Ich bin das, was der Hitler einen Juden genannt hat. Das bin ich.“
Ersveröffentlichung in: hagalil, 30. Oktober 2017 http://www.hagalil.com/2017/10/franzobel/

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 11.03.2018
Thema: Reinhold Lewin: Luthers Stellung zu den Juden

"...wer immer aus irgendwelchen Motiven gegen die Juden schreibt, glaubt das Recht zu besitzen, triumphierend auf Luther zu verweisen." - Zur Neuerscheinung des 1911 erschienenen Buches 'Luthers Stellung zu den Juden' von Roland Lewin, dem erste(n) profunde(n) Forscher zum Thema Luther und die Juden.“ (Thomas Kaufmann)

von
Christoph Ludszuweit (aus: Literaturkritik.de)

Im Vorwort zum jüngst von Karsten Krampitz herausgegebenen Band von Reinhold Lewin, 'Luthers Stellung zu den Juden. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland während des Reformationszeitalters' wird dieser als erste wissenschaftlich fundierte Monographie bezeichnet, knapp drei Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkrieges veröffentlicht. Krampitz bezieht
sich in seinem für einen historischen Beitrag flott geschriebenen, detailreichen und den aktuellen Forschungsstand kenntnisreich resümierenden Vorwort auf den (in Berlin lebenden) Dichter Durs Grünbein, der in einem Spiegel-Interview unlängst zu Protokoll gegeben hatte:
"Jede politische Mordbewegung beginnt damit, dass jemand sie ankündigt.“

Worte wie "Lebensraum“, "Umsiedlung“ oder„"Rassereinheit“ seien in dieser Hinsicht also die 'offizielle(n) Annoncen’. Überhaupt werde bei Mordfällen vor Gericht immer wieder gern und meist vorschnell nach solchen Anzeichen gesucht und habe der Angeklagte irgendwann einmal gesagt: „Ich bringe dich um!“

Eine solche Ankündigung hat es sicher auch beim Mord an den europäischen Juden gegeben, über lange Zeit. Julius Streicher verteidigte sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess mit den verräterischen Worten: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank.“ In seinem berühmt-berüchtigten Buch Von den Juden und ihren Lügen hatte Dr. Martin Luther die Juden einst als ‚ein Schlangengezücht’ beschimpft, deren Synagogen man niederbrennen und vernichten solle.
Bei Luthers Antisemitismus beschäftigt sich Krampitz auch intensiv mit einer - von vielen Historikern bezweifelten - "direkten Verbindungslinie von Luther zu Hitler“. Dass es weltweit Judenhass gab und gibt, darf als Binsenweisheit gelten; Pogrome in Polen oder Russland hatten allerdings wohl kaum etwas mit Luther direkt zu tun gehabt bzw. waren nicht unvermittelt auf Luthers unverhohlen antisemitische Töne zurückzuführen.
Der deutsche Vernichtungswille "speiste" sich eher aus den unterschiedlichsten Quellen. Weder können Nazis sich auf die Pogrome in Russland berufen noch dürfte es irgendeinen orthodoxen Theologen gegeben haben, der ähnlich hasserfüllte Traktate gegen die Juden geschrieben hat wie ein frisch promovierter Dr. Luther, von den aus Russland stammenden antisemitischen Pamphleten vielleicht einmal abgesehen. Krampitz, der neben historischen Arbeiten übrigens auch als Romanautor und Dramatiker von sich reden machte, argumentiert schlüssig und begründet seine Behauptungen in nachvollziehbarer Form. So hatte Hitler hat den Armeniermord zu Anfang des letzten Jahrhunderts ja auch zur Rechtfertigung für sein Vorgehen gehen die Juden gebraucht. Warum sollte er sich nicht auch auf Luther berufen haben? Die evangelische Kirche war in Teilen ja besonders eifrig darum bemüht, dem "Führer" nachzufolgen und hat sogar Kirchengebäude mit seinem Konterfei und seinen Sprüchen versehen (siehe etwa den Katalog der Gedenkstätte Deutscher Widerstand - Sonderausstellung.
Der Band ist verdienstvoll, weil er (nicht nur für die innerjüdische Rezeptionsgeschichte zu Luthers Schriften über Judentum und Juden) als wichtigster Text von Lewin nun endlich in neuer und sorgfältig editierter Form vorliegt.
Schon 1911 kam Lewin zu der (viel später in der so genannten Lutherdekade wieder aufgenommenen) Erkenntnis, dass es etwa in den 1543er Schriften "Von den Juden und ihren Lügen" und "Vom Schem Hamphoras..." nicht mehr nur um die rein theologische Unterscheidung von Evangelium vs. Gesetz ging oder um die angebliche Blindheit der Juden gegenüber der Verheißung bzw. Offenbarung Christi. Erstmals wurden nun Forderungskataloge publiziert, die direkt politische Verfolgungs- und Vernichtungsabsichten artikulierten. Daran lässt sich kaum rütteln.
Lewin beschrieb offenbar sehr hellsichtig schon 1911, wie Luther zum Hassprediger gegen die Juden wurde.
Krampitz zitiert Lewin so: "Die Saat des Judenhasses, die Luther in seinen letzten Schriften ausstreut, schreibt Lewin am Ende des Buches, schießt zu seinen Lebzeiten nur verkümmert empor. Sie geht aber nicht spurlos verloren, sondern wirkt noch lange durch die Jahrhunderte fort; wer immer aus irgendwelchen Motiven gegen die Juden schreibt, glaubt das Recht zu besitzen, triumphierend auf Luther zu verweisen.“

Die zunächst schwer zu dechiffrierende Statue auf dem Titelcover, für die es leider keinen Herkunftsnachweis gibt, stellt offensichtlich eine der unsäglichen "Judensäue" dar, die sich bis heute an zahllosen Kirchengebäuden, so auch an der Wittenberger Stadtkirche befinden. Gefunden werden kann genau diese dort auf einem Foto abgebildete "Judensau" übrigens am Martinsmünster in Colmar/Elsass.
Im Biographischen Handbuch der Rabbiner ist zu lesen: „Lewin, Reinhold, Dr., geb. 3. April 1888 in Magdeburg, gest. März 1943 im KZ Auschwitz“. Von 1906 bis 1912 durchlief er in Breslau am Jüdischen Theologischen Seminar eine Ausbildung zum Rabbiner und studierte zur selben Zeit an der Universität Philosophie und Geschichte. Am 20. März 1911 wurde er mit einer Arbeit zum Thema „Luthers Stellung zu den Juden“ promoviert, die im nächsten Monat wieder als Buchfassung vorliegt. Lewin war Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg, wurde ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Ritterkreuz des Albrechtsordens 1. Klasse. Nach dem Krieg lebte er bis 1938 in Königsberg, wo er als reformorientierter Rabbiner in der dortigen jüdischen Gemeinde wirkte. Seine Promotionsschrift unterscheidet sich in einem zentralen Punkt vom Gros der neueren Literatur: Luthers Hasstraktate gegen die Juden werden weder verteidigt noch relativiert. Ebenso wenig geht Lewin auf Luthers Lebensphasen ein oder auf den jeweiligen Stand der Reformation. Sein Kontext ist ein anderer: das Elend der jüdischen Diaspora im ausgehenden Mittelalter. „Kein Jahr verstreicht, das nicht neue Verfolgungen heraufbeschwört, Verbannungen und Ausweisungen folgen einander ohne Aufhören.“ Um 1520 „gibt es in ganz Deutschland, wenn man von Prag absieht, nur noch zwei ansehnliche Gemeinden, die von Worms und Frankfurt a. M.“ (...) Ermisst man die ungeheure Summe der Not und des Elends, von denen die trockenen Zahlen predigen, so begreift man, mit welch elementarer Gewalt messianische Schwärmereien die verängstigten Gemüter gefangen nehmen und berücken mussten. Jedes Zeichen, das auf einen Umschwung der Verhältnisse hindeutet, wird begierig aufgegriffen; man horcht ängstlich in die Welt hinaus, ob nicht in irgendeinem Winkel der Erlöser sich zeige.“
Im Jahr 1938 wurde der Rabbiner Reinhold Lewin in die Gemeinde nach Breslau versetzt. Im Gedenkbuch des Council of Jews from Germany lesen wir unter seinem Namen: „Den Versuchen seiner Freunde, ihn nach Amerika zu retten, war kein Erfolg beschieden, weil das amerikanische Generalkonsulat in Berlin die Erteilung des nötigen Visums verweigerte. So ist Reinhold Lewin mit seiner Frau und zwei Kindern zum Märtyrer geworden.“

Er wurde mit ihnen 1943 in Ausschwitz ermordet.

Karsten Krampitz (Hrsg.): Neuausgabe von Reinhold Lewins Luthers Stellung zu den Juden, 2018 im Alibri-Verlag, Aschaffenburg erschienen. (181 S., mit ausführlichem Literatur- und Personenverzeichnis)

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 08.03.2018
Thema: Frank Wedekind

»Sie standen ratlos in Zylinderhüten"
Zum 100. Todestag von Frank Wedekind

Vielen seiner Zeitgenossen blieb Frank Wedekind ein Rätsel, der umstrittenste Schriftsteller in seiner Generation war er gewiss. Seine Werke werden bis heute kontrovers diskutiert. Die Literaturkritik vor allem tat sich schwer mit ihm. Wir kennen Wedekind als Dichter, Schauspieler, Kabarettist und Journalist, der in München für die satirische Wochenzeitschrift »Simplicissimus« schrieb. Mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken kämpfte er gegen die Schule als Dressurort, die bürgerliche Fassadenwelt und sexuelle Prüderie, er gehörte zu den meistgespielten Dramatikern seiner Epoche. Seine Texte fielen der
Zensur zum Opfer und wurden wegen ihres anstößigen sexuellen Inhalts als sittenwidrig angesehen und beschlagnahmt. Es kam zu Gerichtsprozessen, wegen Majestätsbeleidigung aufgrund eines Spottgedichts wurde er in Festungshaft genommen.

Frank Wedekind wird am 24. Juli 1864 in Hannover geboren, nachdem sein Vater Friedrich Wilhelm Wedekind nach fast zwanzigjährigem Aufenthalt in Kalifornien nach Europa zurückgekehrt ist. In der Schweiz geht er zur Schule, in dieser Zeit entstehen seine ersten Texte. 1884 geht Wedekind nach Lausanne und anschließend nach München, um Jura zu studieren. In den Jahren 1887 bis 1890 lebt Wedekind abwechselnd in Zürich, Berlin und München, wo er nun häufig das Café Luitpold besucht. Ab 1888, nach einer kurzen beruflichen Episode bei Maggi als Vorsteher der Werbeabteilung und abgebrochenem Jurastudium, arbeitet er als freier Schriftsteller in Zürich. Zwei Jahre später beginnt er die Arbeit an »Frühlings Erwachen«, in den 1890er Jahren entsteht nach und nach die Kunstfigur »Lulu«. Im Dezember 1891 reist Frank Wedekind nach Paris, wo er in einer Dachstube wohnt und mit seinem Freund, dem Komponisten Richard Weinhöppel, häufig das Moulin Rouge und ähnliche Etablissements besucht. In Paris beginnt er mit der Arbeit an seinem Drama »Lulu«, die ihn zur Recherche nach London führt, in die Stadt des Frauenmörders Jack the Ripper. Der Stoff wird später von Alban Berg zu seiner gleichnamigen Oper umgearbeitet, die den Wortlaut der Texte fast unverändert übernimmt. Frauen, Erotik und Sexualität sind Wedekinds Lebensthemen, sein Frauenbild jedoch bleibt widersprüchlich.

Zurück in München wird Wedekind Mitarbeiter der von Albert Langen herausgegebenen Satirezeitschrift Simplicissimus, allein im ersten Jahrgang 1896 erscheinen 24 Beiträge von ihm.  Er lernt Lou Andrea-Salomé, August und Frida Strindberg, mit der er eine Affäre und einen gemeinsamen Sohn hat, Thomas und Heinrich Mann sowie die legendäre Dame der Schwabinger Bohème, die überschöne Franziska zu Reventlow, kennen. Erst nach der Jahrhundertwende, die Wedekind in Festungshaft erlebt, feiert er seinen Durchbruch als Dramatiker.

1905 trifft er die um 20 Jahre jüngere Schauspielerin Tilly Newes, die in Graz die Rolle der Lulu probt. Die Heirat erfolgt ein Jahr später. Endlich gelingt auch der künstlerische Durchbruch mit der Berliner Uraufführung von Frühlings Erwachen unter der Regie von Max Reinhardt. Am 12. Dezember 1906 wird die Tochter Anna Pamela geboren, die Familie bezieht eine Wohnung in der Münchner Prinzregentenstraße. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbringt Wedekind, trotz immer wiederkehrenden Krisen und Trennungsabsichten, Auseinandersetzungen und gegenseitigen Kränkungen, an der Seite seiner über zwanzig Jahre jüngeren Frau Tilly, die ihn um mehr als ein halbes Jahrhundert überleben wird. Sein Enkel Anatol Regnier stellt in seiner 2007 erschienenen Biographie des Großvaters die Diskrepanzen vor, die hervortreten, wenn private Aufzeichnungen und das Werk des Autors kontrastiert werden: "In seinen Tagebüchern scheint sich Wedekind von außen zu betrachten, sich selbst zu ironisieren. In seinen dichterischen Texten steigt er hinab in die Tiefen und Abgründe seines Wesens und zeigt sich in geradezu zwanghafter, vielleicht auch übertriebener Ehrlichkeit nackt."

Der Philosoph und Musiksoziologe Theodor W. Adorno fand 1932, 14 Jahre nach dem Tode des Schriftstellers, die berühmten Worte: »Wedekinds Dichtungen sind heute wie Chiffren ihrer selbst. Sie anzuschauen und sie verstehen ist eigentlich das gleiche. Darum taugen sie zur Erinnerung: die lautlose Bilderschrift des Jüngstvergangenen.« In dem Rundfunkvortrag beurteilt Adorno den Umgang der damaligen literarischen Öffentlichkeit mit Wedekind  als ein »Begräbnis erster Klasse« und beklagt das Fehlen der Stoffe Wedekinds ebenso wie seine Techniken, »als sei mit einem Mal den Menschen gänzlich gleichgültig, worum sie zuvor zitterten und ihre ganze Existenz angegriffen fühlten.« Wedekinds Dichtungen, so der Philosoph im hohen Ton Walter Benjamins, »schauen ihren Stoff, die Bürgerlichkeit der letzten Vorkriegsjahrzehnte, mit so starren, fremden, gleichsam hohlen Augen an, dass sie heute als vom gleichen Blick gedeutete sich kundgibt, die er vordem nur als erstarrende Fratze zu bannen schien«.  Adorno nennt Wedekind einen Autor der literarischen Moderne, einen Vorläufer des Surrealismus und der Techniken Bertolt Brechts.

Theaterhöhepunkte der letzten vierzig Jahre sind zweifellos die Inszenierungen von »Frühlings Erwachen« durch das Berliner Ensemble am Theater am Schiffbauerdamm unter der Regie von Bernhard Klaus Tragelehn und Einar Schleef im Jahre 1974 sowie Peter Zadeks »Lulu« am Deutschen Theater in Hamburg 1988. Werke wie »Frühlings Erwachen«, »Erdgeist«, »Der Kammersänger«, »Marquis von Keith«, »Die Büchse der Pandora«, »König Nicolo«, »Musik«, »Franziska« und »Lulu«, gehören zum Repertoire der Bühnen in der Gegenwart. Im Dezember 2013 sorgt die junge Autorin Helene Hegemann an der Kölner Oper für Furore. Die Pop-Autorin macht aus der 1908 erschienen Wedekind-Satire »Musik« eine Sadomaso-Groteske. Die Rockband Metallica veröffentlicht 2011 zusammen mit dem Ex-Velvet-Underground-Sänger Lou Reed eine CD namens »Lulu«, die von der Figur der »Monstretragödie« beeinflusst ist.

Frank Wedekind stirbt am 9. März 1918 in München, auf dem dortigen Waldfriedhof wird er am 12. März unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt. Doch selbst seine Beerdigung gerät zu einer Theaterinszenierung; Skandal, Drama, Pathos und Peinlichkeit inklusive. Am offenen Grab werden Männern Hüte vom Kopf geschlagen. Thomas Mann tritt während der Grabrede seines Bruders, die ihn empört, die Flucht an. Bertolt Brecht reimt: »Sie standen ratlos in Zylinderhüten. / Wie um ein Geieraas. Verstörte Raben. / Und ob sie (Tränen schwitzend) sich bemühten:/Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben.«

Dieter Kaltwasser

(Der Artikel erschien erstmals am 19.07.2014 zum 150. Geburtstag Frank Wedekinds im Bonner General-Anzeiger)

Literaturhinweise:

Anatol Regnier: Frank Wedekind. Eine Männertragödie. btb, München 2010. 464 Seiten
12,95 EUR. ISBN-13: 9783442740949

Anatol Regnier: Du auf Deinem höchsten Dach. Tilly Wedekind und ihre Töchter. btb, München 2005. 448 Seiten, 10 EUR.
ISBN-13: 9783442726745

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Karsten Herrmann schrieb uns am 07.03.2018
Thema: Daniel Galera: So enden wir

Von der Gegenkultur zur Affirmation

Der 1979 in Sao Paulo geborene Daniel Galera ließ vor knapp fünf Jahren mit seinem Debut „Flut“ und einem unbehausten, zweifelnden und suchenden Protagonisten ohne Namen aufhorchen. In seinem zweiten Roman lässt er nun drei Freunde auf eine wilde Zeit des Erwachsenenwerdens zurückblicken.

Ausgangspunkt des Romans ist der Tod von Andrei alias „Duke“, der beim Joggen in Porto Alegro überfallen und ermordet wird und der der vierte im engen Bunde der Freunde war. Er hatte sich zum literarischen Nachwuchsstar entwickelt und blieb „doch immer ein Rätsel“. Zum Zeitpunkt seines Todes liegt eine schlimme Hitzewelle über den müllübersäten
Straßen von Porto Allegro, so „dass die ganze Stadt wie unter einer Glasglocke vor sich hin dämmerte.“

Im Perspektiven-Wechsel zwischen Aurora, die Biochemie in Sao Paulo studiert, Emiliano, der sich als Journalist über Wasser hält und von Artero, der es mit Marketing zu Reichtum gebracht hat, lässt Daniel Galera das frühere und das aktuelle Leben seiner Protagonisten aufleuchten. Zur Jahrtausendwende gehörten sie alle zu dem avantgardistischen E-Fanzine „Orangotango“ und machten mit subversiven Videofilmen, Texten und Performances auf sich aufmerksam. 1999 war „das Jahr, in dem wir mit einer Intensität gelebt hatten, die es später nicht mehr geben sollte.“

Auf der einen Seite erzählt Daniel Galera in „So enden wir“ einfühlsam und zuweilen auch sehr explizit von vier verschiedenen Lebensläufen, von den in der Phase des Coming of Age klassischen Hoffnungen,  Enttäuschungen, Irrungen und Wirrungen. Auf zeitgeschichtlicher Folie zeigt Daniel Galera aber auch das seit Dada offenbare Dilemma des Umschlags von Avantgarde und Subversion in Affirmation und Marketing  und damit die alles assimilierende Kraft des kapitalistischen Systems. Er zeigt wie das Potenzial einer digitalen Gegenkultur schwindet und von Narzissmus, Exhibitionismus und Pornographie, von einsamen und verzweifelten Ersatzhandlungen verdrängt wird.


Daniel Galera: So enden wir. Suhrkamp, 232 S., 22 Euro. ISBN 978-3518428016

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 05.03.2018
Thema: Hans Christoph Buch: Ungestraft unter Palmen

Dialog mit den Schatten großer Toter

von Christoph Ludszuweit

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

Das von H.C. Buch verwendete Zitat von Alexander von Humboldt könnte als Leitmotiv seiner thematisch weit gestreuten Aufsatzsammlung Ungestraft unter Palmen. Wege zur Weltliteratur dienen. Es stellt einen Bezugsrahmen zu einer Reihe von Autoren her, welcher auch seinen eigenen literarischen Arbeiten zugrunde liegt.

In seinem Essay Die Geburt des Romans aus dem Geist der Reportage untersucht Buch ein Problem, mit er sich schon lange herumschlägt: das Unvermögen der deutschen Literaturkritik, im Grenzbereich von Fiktion und
Non-Fiction angesiedelte Romane angemessen zu würdigen, weil nicht eindeutig erkennbar ist, wo die Realität endet und die literarische Phantasie beginnt.

In seinen Poetik-Vorlesungen an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main von 1990 ging es H.C. Buch darum, Bausteine zu einer Poetik des kolonialen Blicks zu entwickeln. Er untersuchte darin die „durch die Ausweitung des geographischen Horizonts bewirkten Veränderung der Wahrnehmung und deren Niederschlag in Kunst und Literatur“ und beschränkte sich allerdings noch auf rein deutschsprachige Texte.

In seiner kürzlich vorgelegten Essaysammlung setzt er nun diese literaturhistorische Aufarbeitung unter veränderten Vorzeichen fort. Die Texte umfassen teils umgearbeitete Rezensionen und Interviews, Studien und Essays. Sie handeln immer noch davon, dass Nähe ein durchaus ferner Ort sein kann, von der „„Dialektik von Nähe und Ferne, Exotik und Provinz, deren wechselseitige Durchdringung und Vermischung das Nahe fern und das Ferne nah erscheinen lassen.“ Nun blickt Buch über den deutschsprachigen literarischen Tellerrand hinaus und betreibt Spurensuche anhand ausgewählter Beispiele aus der Weltliteratur. Querverweise zu seiner eigenen Poetik verbindet er mit spannenden Betrachtungen zu Klassikern wie Goethe und Daniel Defoe. Oder er schildert auf unterhaltsame Weise seine Begegnungen mit Schriftstellerkollegen wie Jorge Edwards, Mario Vargas Llosa und dem somalischen Autor Nuruddin Farah, der sich selbstironisch als Afrikas führender Feminist tituliert; seine Romane und Erzählungen liegen bei Suhrkamp in deutscher Übersetzung vor. Farah hatte 1980 gegen ein dilettantisch organisiertes Horizonte-Festival in Berlin protestiert,  wo die afrikanischen Autoren „wie Affen im Zoo“ vorgeführt wurden. Anfang der neunziger Jahre lernte er als DAAD-Stipendiat in Berlin Deutsch, um Goethes Faust im Original zu lesen. Buch preist ihn als einen der wenigen afrikanischen Intellektuellen, die „den Kolonialismus nicht als Vorwand benutzen, um abzulenken von Fehlentwicklungen, die durch die Kolonialherrschaft allein nicht zu erkären sind: Korruption, Brutalität und Ineffizienz, so Farah, seien ein Erbe des Clan-Systems und der afrikanischen Familienstruktur mit ihrer Unterordnung des Individuums unter die Gemeinschaft, der Frau unter den Mann und der Jugend unter das Alter – eine Tradition, die den Übergang vom Land in die Stadt und vom Tribalismus zur Moderne erschwert.“

Ein anderes Highlight des Bandes ist H.C. Buchs Gedenkblatt für den aus Petersburg stammenden Kultautor Joseph Brodsky, der ihn von allen Dichtern, denen er begegnet ist, am tiefsten beeindruckt hat. Schon zu Beginn seiner literarischen Laufbahn hatte er in der UDSSR Lagerhaft und Verbannung durchlitten. Dreißig Jahre später, inzwischen in Greenwich Village in New York lebend,  antwortete er auf die Frage, wie er es mit der Religion halte, verneinend, er sei kein religiöser Mensch: „Ich bin ein schlechter Jude, ein schlechter Russe und ein schlechter Amerikaner, aber ein guter Poet. Ein Dichter weiß mehr über das höchste Wesen als die Kirche oder der Papst.“ Für Buch ist Brodsky ein „philosophischer, nein: ein metaphysischer Dichter, wie es ihn nach Rilke im deutschen Sprachraum nicht mehr gegeben hat....Brodskys Werk, die Essays ebenso wie die Gedichte, ist ein Dialog mit den Schatten großer Toter, deren Gedächtnis er in seiner Nobelpreisrede beschwört.““

Es geht nicht nur um Weltliteratur gestern und heute, er unternimmt auch den Versuch einer „Selbstfindung aus germanophilem Geist“,  um Dichtung und Wahrheit und um die Geburt des Romans aus dem Geist der Reportage. Buch blickt auf das wilhelminische Deutschland zurück, vor allem auf das damals schon als Mekka der Wissenschaft gepriesene Berlin. Er stößt auf frühe Vorläufer antikolonialer Kritik, erinnert an Pioniere der Entkolonialisierung wie den philippinischen Nationaldichter José Rizal, der in Berlin Medizin studiert hatte und mit seinem Roman Noli me tangere ein Hauptwerk der phillipinischen Literatur geschrieben hatte, und er erwähnt den amerikanischen Bürgerrechtler Dubois oder den japanischen Arzt Mori Ogai, die bei Robert Koch Medizin studiert hatten und sich von Deutschland stark inspirieren ließen. Auch ein Mark Twain war von Berlin fasziniert und galt als regelrecht germanophil;  diesem legt H.C. Buch einen (auf Daten von Twains Biographie gestützten) Monolog in den Mund, in dem schon damals Kreuzberg als Highlight hervorschimmerte:

„Höhepunkt meines Lebens aber war der Halleysche Komet, dessen Vorbeiflug ich in Gesellschaft Kaiser Wilhelms II. vom Kreuzberg, der höchsten Erhebung Berlins, aus beobachtete“, um wenig später einzugestehen: „Aber das kann nicht wahr sein, denn als der Halleysche Komet 1834 auftauchte, war ich Embryo im Bauch meiner Mutter, und bei seiner Wiederkehr am 19. Mai 1910 war ich schon tot.“

Twain verbrachte 1892 sechs Monate in Berlin, zunächst in einer Mietwohnung und dann im Hotel Royal an der Ecke Wilhelmstr./Unter den Linden, er wurde sogar Kaiser Wilhelm II als Gesprächspartner vorgestellt. Über die Schwester von Friedrich II schrieb er auch ein (in Berlin entstandenes) Romanfragment. Aus seinem berühmten Essay, mit dem er - in gutmütigem Spott - der  ‚schrecklichen deutschen Sprache’ seines Gastlandes – wie er sie nannte – ein Denkmal setzte, las er sogar öffentlich vor einem großen und begeisterten Berliner Publikum.

Auch seinen Antipoden Rubén Darío aus Nicaragua, den Dichter des Modernismo, zog es damals nach Berlin. Beide Autoren stellt er nebeneinander, beide waren, wie der weitgereiste Buch betont, „ständig auf Achse und verbrachten mehr Zeit auf Reisen als an einem Ort....Beide kamen vom Journalismus her und hatten hunderte Artikel und Reportagen veröffentlicht, bevor sie sich der Literatur verschrieben.“

Den Grenzen von Dichtung und Wahrheit geht er am Beispiel von Daniel Defoe nach. Dieser hatte in London Auswanderer aus der Pfalz befragt, wo er die dortige Zeltstadt der ausgewanderten „Pfälzer“ besuchte, und Artikel über das immer noch aktuelle Thema der Armutsmigration veröffentlicht, bevor er zehn Jahre später als Romanautor in die Geschichte eingehen sollte. Buch konstatiert dazu völlig zu Recht: „Die Argumente pro und contra Migration haben sich bis heute kaum verändert, ähnlich wie die schon damals geführte Debatte, ob England ein Einwanderungsland sei.“

Hans Christoph Buch, Ungestraft unter Palmen. Wege zur Weltliteratur. zu Klampen Verlag, Springe 2017

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Christoph Ludszuweit schrieb uns am 26.02.2018
Thema: Gretchen Dutschke: 1968. Worauf wir stolz sein dürfen.

Besprechung aus LITERATURKRITIK.DE, "Die Träume liegen auf der Straße.“ (Guido Viale)
oder:
Wie stolz kann man auf Deutschland sein?

https://www.pinterest.de/pin/541487555173235493/

(Rezension von Christoph Ludszuweit)

„Das Leben muss im Blick nach vorn gelebt werden, aber kann nur in der Rückschau verstanden werden.“ - dieses dem dänischen Philosophen Sören Kierkegaard zugeschriebene ‚Gesetz’ (zitiert bei Jan Assmann, "Totale Religion - Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung“ Picus Verlag Wien 2. Auflage 2017, S. 24) könnte auch Gretchen Dutschkes neuer kritischer Bilanz als Leitmotiv zugrunde liegen. Die 1942 in Oak Park, Illinois
geborene Autorin weist darauf hin, dass, je älter man werde, desto plausibler jene kluge Bemerkung sei, der zufolge das Leben nach vorne gelebt und von hinten her verstanden werden muss.

"Die drei Jahre zwischen 1966 und 1969 verliefen wie im Rausch, mal strahlend hell, mal im tiefsten Dunkel, euphorisch und verzweifelt, fast wie im Kino.(...) 50 Jahre später erscheint diese Welt wie eine Karikatur,“ heißt es in ihrem Epilog.

Nur wenige Wochen nach Beginn des (wie immer auch titulierten) „Gedenkjahres zu 50 Jahren 1968 erscheint die Flut von Neuerscheinungen dazu jetzt schon fast unüberschaubar. Es scheint sich dabei – wieder einmal - eine Art von ‚Kulturkampf’ um die Deutungshoheit zu diesem 'Begriff' abzuzeichnen bzw. herauszubilden. Aus der Vielzahl der oft zweifelhaften begrifflichen Relativierungsversuche ragt ihr (auf den ersten Blick) unprätentiöser, stark persönlich gefärbter Text angenehm, weil stark persönlich gefärbt, heraus.

Ihr mit vielen (bislang unbekannten) privaten S/W-Fotos versehenes und bei etwa 200 Seiten eher schmales Bändchen muss wohl etwas in Eile geschrieben worden sein. Der bei der Überarbeitung behilfliche Journalist Reinhard Mohr, früher – nach 'Gastspielen' beim PFLASTERSTRAND, der taz auch beim ehemaligen Nachrichtenmagazin tätig, in der sog- SPIEGEL-Sprache also bewandert, könnte ev. versucht haben, streckenweise seinen eigenen Stil einzubringen, was gewisse Brüche im Text hervorruft, mit denen sich freilich leben lässt.

Es enthält viele teils anrührende Kapitel, voll Sprengkraft gegen die hiesige Gesellschaft, gegen die damalig noch erstarrte 68er Gesellschaft und die von heute. Autobiographie ist eben das, was sie wirklich gut kann. Auch in ihrem neuen Buch dominiert wieder die Perspektive der Ehefrau und Mitkämpferin, sie spricht nun allerdings etwas mehr von ihrem von sich selbst. Kein Satz daraus klingt auch nur ansatzweise etwa nach einem veritablen Roman, was sie allerdings auch nie beansprucht hat (schade eigentlich!).

Das Buch ist jedenfalls flott und gut verständlich geschrieben, leider fehlt ein Personenverzeichnis. Sie beschreibt zunächst ihr Ankommen in Deutschland im Jahr 1964. Als gebürtige Amerikanerin (heute ist sie „"Wahl-Deutsche“) reiste sie auf einem rostigen Kohledampfer an, zusammen mit 40 Seeleuten und zwölf anderen Passagieren. Erst ging es zum Deutschlernen an ein bayerisches Goethe-Institut und danach in die „"Frontstadt des Goldenen Westens“, nach West-Berlin, wo sie bald Rudi Dutschke, den ‚'Mann ihres Lebens’ kennenlernte und wo aus kleinen Anlässen bald Proteste entstanden, mit Provokationen und einer Revolte, die eine große Wirkung dieses wirkungsmächtigen „Tumults“ (H.M. Enzensberger) freisetzte.

Sie hatte bereits 1996 eine sehr detaillierte (und sogar auf der SPIEGEL-Bestsellerliste gelandete) Biographie über Rudi Dutschke verfasst, seine Herkunft, seine private und politische Entwicklung ausführlich, sehr persönlich und nicht unkritisch dargestellt, mit vielen Informationen, die bis dato kaum oder gar nicht bekannt waren, etwa Dutschkes nationalrevolutionäre Sympathien bzw. sein positives Verhältnis zur Deutschen Einheit oder seine Utopie einer Berliner Räterepublik analog zur Pariser Kommune. Zudem hatte sie 2003 Dutschkes Tagebücher publiziert, die er von 1963 bis zu seinem Tod 1979 geführt hatte. Dabei setzte sie sich auch mit verschiedenen heutigen Deutungen der Politik Rudi Dutschkes, ihres Mannes, auseinander. Vor allem dessen nationalistische Vereinnahmung durch ehemalige Mitstreiter wie Bernd Rabehl war ihr ein Dorn im Auge und stieß auf ihren energischen Widerspruch.

50 Jahre nach der viel gerühmten, oft gescholtenen 68er Bewegung erzählt Gretchen Dutschke nun erneut aus ihrem Leben. In ihrer Bilanz betreibt sie eine schonungslose Analyse der Fehler und Illusionen. Sie unterstreicht dabei vor allem die Erfolge der Bewegung, betrachtet aus der Perspektive einer Außenstehenden, die sich vielleicht gerade durch diese Distanz ein hohes Maß an Unabhängigkeit bewahren konnte.

Sie fragt danach, was davon noch das Potential hätte, auch heute zur Revolte beizutragen oder was wenigstens dazu taugen könnte, die Lust auf eine sich den globalen Herausforderungen stellende und neue Protestbewegung erneut zu entfachen. Um nicht weniger als eine weltweite Revolution müsse es sich handeln.

Wenngleich sich die 68er-Utopien einer globalen Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung auch nicht so recht realisieren ließen - „"Der Traum ist aus“, sang Rio Reiser einst, und dieses Leitmotiv bestimmt auch heute ihren Blick. Zumindest ist dieser große unbändige Traum von einem so ganz anderen Leben trotz des (im Text explizit vermerkten) TUNIX-Kongresses von anno 1978 irgendwo auf der langen Wegstrecke gehörig steckengeblieben, versandet. Sie erinnert dabei an den italienischen Autoren Vidale: „Noch 1979 schrieb der italienische Autor und Aktivist der Gruppe Il Manifesto, Guido Viale, ein Buch mit dem Titel 'Die Träume liegen auf der Straße'. Und es stimmt: "Ohne überschießende Fantasie, sich andere, bessere, gerechtere Zustände vorzustellen, geht nichts voran. Der Charme der Revolte lag ja vor allem in der frechen juvenilen Provokation, nicht zuletzt in jenem fröhlichen unernsten Hedonismus, dessen Soundtrack vor allem die Rockmusik bildete.“

Und doch leben Elemente eines ehemaligen, nun verschütteten Widerstand gegen eine "autoritär verwaltete Welt“ (Adorno) im vereinigten (und nun neu gespaltenen) Deutschland fort. Der Freiheitsdrang dieses Protestes wird sich – da ist sie sicher - am Ende irgendwann doch noch durchsetzen. Sie meint, dass Deutschlands Verwandlung in eine tolerante Zivilgesellschaft insbesondere diesem Aufbruch zu verdanken ist. Ihre Haltung bzw. der Standpunkt, dass jeder einzelne deutsche Bürger auf "ein demokratisches, freies, weltoffenes Deutschland stolz sein“ könne, wird sicher nicht nur bei den strammen Anti-Deutschen einiges Bauchgrimmen oder Widerwillen und Abscheu hervorrufen. Deutlich wurde dies in Ansätzen bereits bei der ersten, für einen Sonntag erstaunlich gut besuchten Berliner Lesung Mitte Januar, wo sie Teile aus ihrem Text bei "GRETCHEN LIEST IM GRETCHEN CLUB“ vortrug. Als sie auf das Thema Stolz zu sprechen kam, war ein deutliches Murren bei Teilen des Publikums kaum zu überhören, zumeist bei den schon ergrauten bis weißhaarigen Besuchern.
Man darf gespannt sein, wie das, was wir damals noch als „'bürgerliche Öffentlichkeit' bezeichneten, heute, also genau ein halbes Jahrzehnt später, auf Gretchen Dutschkes Bilanz reagieren wird; wohlwollend? Kritisch? Denunziatorisch? Und die Linke? Angeekelt? Empört und verabscheuend? Zustimmend? Oder sonstwie differenziert? Ich vermute jedenfalls: die meisten Einwände, Streitpunkte und Formilierung von Widersprüchen wird es im Blick auf die Debatte um den Begriff Nationalstolz geben - nationaler Stolz, Stolz, deutsch zu sein oder wie auch immer formuliert....
Es treibt die Autorin an, einen Gegenbegriff von "Stolz" zu entwickeln oder ein anderes Konzept von "Stolz“ - unseren Stolz auf all das, was wir (bzw. die viel gerühmten/geschmähten sog. Altachtundsechziger seitdem alles für diese Gesellschaft geleistet haben, angefangen von der Kinderladen-, Schüler-, Jugendlichen- und Studentenbewegung, und zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen, von A (z.B. alternative Ernährung/Reisen/Medien (damals genannt: Gegenöffentlichkeit) bis Z (z.B. Zensur und Zensuren abschaffen, Zeitungen wie die taz, ein anderer Zeitbegriff (z.B. Entschleunigung).

Man sollte ihre Einlassungen in Sachen 'stolz auf Deutschland sein' nicht falsch verstehen: 1968 stellte für sie - ganz in Rudis Sinne – letztendlich„"die erfolgreiche Durchführung von Idealen der damals gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848" dar, auch wenn es den meisten Rebellen von damals nicht bewusst gewesen ist. Für das, was wir heute die 'antiautoritäre Kulturrevolution' nennen, gab es und gibt es stets einen Orientierungspunkt: die "Vollendung jener Demokratisierung in allen Lebensbereichen, die mit der bürgerlichen Revolution von 1848 begonnen hatte, dann aber allzu rasch an den Machtverhältnissen scheiterte.“
Die folgende nachträgliche Einlassung war nun kurz nach Erscheinen des Buches auf ihrer Facebook-Seiten nachzulesen, im Buch selbst waren ihre Ausführungen dazu vom Verlag erheblich verkürzt worden.
Es treibt G. Dutschke nämlich um, dass es in Deutschland so viele linksgerichtete Menschen gibt, meistens aus der älteren Generation, die es nicht nur ablehnen, den Begriff 'Stolz' in Bezug auf Deutschland zu akzeptieren, sondern diese Sprachverwendung sogar regelrecht verdammen - ein Phänomen, das es in diesem Umfang kaum anderswo dieser Welt gibt und definitiv mit der deutschen Geschichte zu tun haben muss. "Andererseits aber nehmen die rassistischen Rechten ohne Problem das Wort auf und benutzen es als eine Art Vorschlaghammer, um die angeblich von den Alt-68ern 'verseuchte',die 'versiffte', 'dekadente' oder in den Hedonismus geflüchtete deutsche Gesellschaft zu bekämpfen. 'Stolz' bedeutet für sie, stolz darauf zu sein, als Deutsche(r) geboren zu sein. Damit wollen sie die Einwanderer und alle deutschen Menschen mit dem vielbeschworenen Migrationshintergrund ausgrenzen."
"Kann man also die Hassmenschen der AfD bekämpfen", fragt G. Dutschke rhetorisch, "indem man versucht, ihnen ihr „"Stolzsein“ wegzunehmen?"
Sie betont m.E. zu Recht, dass wir uns stattdessen einen ANDEREN, einen EIGENEN Begriff von 'Stolz' aneignen oder erarbeiten sollten: "unseren Stolz auf all das, was wir - d.h. alle Menschen, die in Deutschland leben - machen konnten, können und müssen, um dieses Land demokratischer, lebenswerter oder gerechter zu machen und frei zu gestalten. Vor allem auch, um eine Wiederholung der schlimmen Vergangenheit zu vermeiden." - angesichts der vielen neuen (verkappt oder frech-offen auftretenden) Nazis und rechten Hetzer im bundesdeutschen Parlament ist dies in der Tat keine leichte Aufgabe und zwingt dazu, eindeutig 'Farbe zu bekennen'. Nun hat das Wort 'Stolz' ja im Deutschen recht verschiedene Bedeutungen: laut Duden liegt die erste (vorgezogenene) Bedeutung darin, "von Selbstbewusstsein und Freude über einen Besitz, eine [eigene] Leistung erfüllt (zu) sein" bzw."ein entsprechendes Gefühl zum Ausdruck bringend oder hervorrufend”.

Stolz und Freude über alles, was von den 1968igern geleistet wurde, ist für die Autorin ein durchaus adäquater Ausdruck und passt zudem überhaupt nicht zu der Idee, irgendwo geboren zu sein, wofür man ja nun mal rein gar nichts kann und auch gar keinen Beitrag hätte leisten können. Eine zweite Bedeutung von „'Stolz' existiert allerdings auch im Sinne von überheblichem und abweisendem Selbstbewusstsein - was ja auch zu den sog. 'AfD-Hassmenschen' passt wie die Faust aufs Auge. (Weitere Synonyme: "affektiert, angeberisch, aufgeblasen, wichtigtuerisch, arrogant.“) Das Gegenteil von 'Stolz' kann Beschämung oder Scham sein. Wenn man etwa seine Scham über ein begangenes Unrecht zugibt und alles zu verhindern sucht, was dazu führt, dass so etwas wieder geschieht, dann kann man wirklich stolz sein. Es handelt sich für die Autorin also um ein dialektisches Verhältnis, etwas, das sich bewegt und weiterentwickelt. Natürlich kann man die 'Hassmenschen' nicht mit einem Wort bekämpfen. Trotzdem muss man bei dem Versuch, Menschen zu überzeugen, schon etwas dazu sagen, denn Wörter bzw. Worte überzeugen die Leute sowieso immer - jedenfalls mehr oder weniger - ob man es nun will oder nicht. Ihr geht es um mehr als bloß darum, stolz zu sein. Es geht um die sog. neue deutsche Identität. Und es gibt nun einmal einen Kampf um die Bestimmung dieser deutschen Identität, und zwar entweder inklusiv oder exklusiv. Gretchen Dutschke kommt zu dem Schluss: "Letztendlich kann man nicht einfach sagen, wir sind stolz, deutsch zu sein oder in Deutschland zu leben. Wir sollten uns schon etwas genauer ausdrücken: Stolz also im Sinne von Freude über das, was wir geleistet haben. Eine deutsche Identität müsste zugeben, dass es ein sehr dunkles Kapital gegeben hat und dass heute diese Identität dadurch bestimmt wird, dass wir konkret (und nicht nur abstrakt) etwas dafür tun, damit eine solche Dunkelheit nie wieder aufziehen wird".

Gretchen Dutschke: 1968. Worauf wir stolz sein dürfen.kursbuch.edition, Hamburg 2018

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Karsten Herrmann schrieb uns am 20.02.2018
Thema: Colson Whitehead: Underground Railroad

Erschütternd finster und eminent erhellend

Der 1969 in New York geborene Colson Whitehead gehört zusammen mit Teju Cole zu den wichtigsten und zugleich am schwierigsten einzuordnenden afro-amerikanischen Autoren. Seine Romane bespielen ein breites Spektrum vom atmosphärisch-dichtem und psychologisch nuancenreichen Erzählen über postmodernes Collagieren bis zur Zombie-Phantastik. Nicht im entferntesten lässt er, der in der gehobenen Mittelschicht geboren wurde und auf eine New Yorker Privatschule ging, sich dabei auf das Etikett „schwarzer“ Schriftsteller reduzieren und lässt die Rassen- und Diskriminierungsfrage allenfalls sublim und untergründig mitschwingen. Doch jetzt blickt er in seinem zugleich mit dem National
Book Award und dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Roman „Underground Railway“ in die im doppelten Wortsinne schwarze Vergangenheit der USA zurück. Er  zeichnet ein ebenso erschütterndes wie erhellendes Bild vom menschenverachtenden System der Sklaverei und macht zugleich Mut durch den unbedingten Freiheitswillen seiner Protagonistin.

Colson Whitehead erzählt in „Underground Railway“ die Geschichte der jungen Cora, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer der Baumwollplantagen Georgias ausgepresst und geschunden wird. Seit ihre Mutter von der Plantage floh und sie im Stich ließ, ist sie auf sich alleine gestellt und versucht sich nicht nur gegen ihren despotischen Besitzer, sondern auch in der von Intrigen und Machtkämpfen bestimmten Sklaven-Hierarchie zu behaupten: „Es  gab eine Ordnung von Elend, ein in anderem Elend steckenden Elend, und man musste den Überblick behalten.“

Nach einem Zusammenstoß mit ihrem „Herren“ beschließt Cora zusammen mit Caesar von der Plantage zu fliehen. Auf der Flucht tötet sie im verzweifelten Kampf einen weißen Jungen und nach einem Weg durch die Sümpfe kommen sie zu einer Station der „Underground Railroad“. Das, was historisch ein Netzwerk von Fluchtrouten, Unterschlüpfen und Unterstützern gewesen ist, transformiert Whitehead hier in die Realität und lässt die beiden Flüchtenden in einem unterirdischen Bahnhof in einen dampfenden Zug einsteigen. Als Bessie Carpenter steigt sie in South Carolina wieder aus, wo sie an einem Schulprogramm teilnimmt und Arbeit findet. Doch ein Sklavenjäger hat sich auf ihre Spur gesetzt und so muss sie erneut fliehen und landet in einer heißen und stickigen Dachkammer in North Carolina. Aus einem kleinen Guckloch mit Blick auf den Park, in dem als öffentliches Spektakel wöchentlich von den „Nachtreitern“ wieder eingefangene  Sklaven erniedrigt und gehängt werden, eröffnet sich ihr  das System der Sklaverei, das auf Angst, Kontrolle, Denunziation und bestialischer Gewalt fußt.  Auf verblüffende Weise führt Whitehead hier das Schicksal von Cora mit dem von Anne Frank und das System der Sklaverei mit dem Nationalsozialismus eng. „Eine Tages“, so ist sich Cora sicher, „würde das System im Blut zusammenbrechen“.

„Underground Railroad“ ist ein finsteres und blutiges Buch, ein Buch, das in das rabenschwarze Herz der Sklaverei führt und richtig weh tut. Geschickt verwebt Colson Whitehead dabei das Einzelschicksal von Cora, deren steiniger Weg in die Freiheit sie aus der Dachkammer noch weiter über Tennessee bis nach Indiana führt, mit den ebenso hasserfüllten wie nüchtern berechnenden  Strukturen und Funktionsmechanismen der Sklaverei. Diese bildet zusammen mit der Enteignung und Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner so etwas wie die „Erbsünde“ Amerikas und einen bis heute nicht versiegenden Quell des Rassismus und des Nationalismus. Und so unterstreicht Whitehead im Interview auch: „immer, wenn man über den Rassismus der Vergangenheit schreibt, schreibt man auch über den Rassismus der Gegenwart.“ Und so ist „Underground Railroad“ auch gerade angesichts der aktuellen nationalistischen und ausgrenzenden Tendenzen in den USA und einigen Ländern Europas ein eminent wichtiges Buch.



Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolas Stingl. Hanser 2017. 352 Seiten. 24,00 Euro.

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Dieter Kaltwasser schrieb uns am 17.02.2018
Thema: Hans Blumenberg, Helmut Kiesel und Heimo Schwilk über Ernst Jünger

Auf verlorenem Posten – Zum 20. Todestag von Ernst Jünger

Biographie und Werk von Ernst Jünger stehen unter strenger normativer Kontrolle. Daran hat sich auch 20 Jahre nach seinem Tode nichts geändert. Am 17. Februar 1998 starb Ernst Jünger im Alter von fast 103 Jahren. Sein Leben erstreckte sich über ein Jahrhundert zweier Weltkriege und des Kalten Krieges, die letzten zehn Jahre lebte und erlebte er im wiedervereinigten Deutschland. Jünger wird 1895 in Heidelberg geboren und Deutschland ist, obwohl noch im Kaiserreich, in die Moderne eingetreten. Zweimal in seinem langen Leben sah er den Kometen Halley, der alle sechsundsiebzig Jahren an der Erde vorüberzieht. Für viele, die seine Zeitgenossen waren, ist es ein
provozierendes Leben im Jahrhundert der Kriege gewesen. Er hat polarisiert und fasziniert, weil er sich partout in kein Schema fügen wollte. Die Zeiten jedoch , in denen Ernst Jünger Anlass für politische Protestdemonstrationen geboten hat, wie 1982 vor der Verleihung des Goethe-Preises, sind vorüber. Inzwischen beschäftigt man sich mit ihm so kühl und sachlich, wie er einem seiner liebsten Hobbys nachgegangen ist: dem Käfersammeln. Geblieben von ihm sind ein sehr spannungs- und widerspruchsgeladenes Gesamtwerk und eine epochale Biographie. Doch auch wenn die schroffen Auseinandersetzungen um Jünger der Vergangenheit angehören, sollte man sie nicht einfach ad acta legen. Schließlich spiegeln sie auf besonders lehrreiche Weise deutsche Befindlichkeiten im 20. Jahrhundert.

Dieses unerschöpflichen Erzählstoffes haben sich Helmut Kiesel und Heimo Schwilk angenommen. Sie schildern Jüngers Leben und Werk im Kolorit des Zeithorizontes, und er ist für beide eine Jahrhundertgestalt, die wie kaum eine zweite die zentralen Wendungen und Widersprüche der deutschen Geschichte verkörpert. Schwilk macht bereits im Vorwort klar, dass Jünger zum „demokratischen Diskurs“ wenig beizutragen hat, viel aber zu dem, was „Heidegger die Existenzialien genannt hat: Zeitlichkeit, Geworfenheit, Sterblichkeit.“ Die Gewissheit, dass das Leben ein Geheimniszustand sei, dieser „romantische Grundzug seines Lebens schloss ihn weitgehend von einer Gegenwart aus, die an der Banalisierung unserer Existent tagaus tagein geschäftig arbeitet. Er verkörpert das Rätsel der deutschen Seele, deren faszinierende Eigenwilligkeit“, den Metaphysiker. Dies trifft wohl zu auf den späten Jünger, doch nicht auf den Theoretiker und Propagandisten des Krieges, der er auch war, ungerührt den Untergang prognostizierend, wie es in den 1920 erschienenen Aufzeichnungen „In Stahlgewittern“ und in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen während des Zweiten Weltkriegs geschieht. Ernst Jünger erhielt als letzter Offizier im Jahre 1918 den Kriegsorden „Pour le Merite“. Die ästhetisierenden Darstellungen von Krieg und Gewalt, die Ästhetik des Schreckens in seinem Werk brachten ihm den Ruf ein, ein Militarist und Vorbereiter des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Jedenfalls vertrat Jünger in den zwanziger Jahren extreme nationalistische Positionen, doch vom Nationalsozialismus distanzierte er sich bereits vor der Machtergreifung im Jahre 1933.

Helmut Kiesel beschreibt dies sehr genau und entwirft somit ein neues Bild des Schriftstellers jenseits von Verehrung und Verteufelung. Jünger werde zwar den Totengräbern der Weimarer Republik zugerechnet, doch solle man die Macht des Wortes nicht überschätzen. „Wenn die ‚Macht des Wortes‘ so groß gewesen wäre, wie Jüngers Kritiker es unterstellen, dann hätten auch die Reden und Schriften der prorepublikanischen Intelligenz, etwa der Brüder Mann, eine ganz andere Wirkung haben und die Republik vor dem Untergang retten müssen.“ Doch ist dies tatsächlich so? Ist es wirklich gleichgültig, ob man als Intellektueller für oder gegen die Weimarer Republik war? Thomas und Heinrich Mann sowie zahlreiche andere bedeutenden deutsche Schriftsteller zumindest sahen dies in jener Zeit völlig anders. Die Neigung der beiden Biographen, mit Jünger Frieden zu schließen, ist zwar wegen der von ihnen dargestellten Reichhaltigkeit und Tiefe des schriftstellerischen Werkes nachvollziehbar, darf aber keine moralische Indifferenz zur Folge haben. Kiesel und Schilk differieren nur in Details, ihr Gesamtwurf wird von der gleichen Intention getragen: Werk und Person Jüngers endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 1951 entstand Jüngers Essay „Der Waldgang“, der sich mit Totalitarismus und Anpassung beschäftigt. In Jüngers Roman „Eumeswil“ findet dieses schriftstellerische Nachdenken seinen Abschluss. Sowohl Kiesel wie auch Schwilk betonen, dass der Waldgänger ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit habe und sich den Automatismen der Vereinnahmung durch den Staat entziehe. Ernst Jünger macht hier allerdings keinen großen Unterschied zwischen demokratischen und autoritären Staatsformen, er verleugnet oder verkennt die tiefen Antagonismen und Differenzen. In „Eumeswil“ entwickelt er die Figur des Waldgängers zum distanzierten Beobachter weiter, der in einer Spätzeit lebt, die keine weitere Entwicklung mehr zulässt. Der Roman wird deshalb auch als „Kommentar und eine philosophie des posthistoire“ gedeutet.

Auch für den Philosophen Hans Blumenberg wird an Jüngers Werk und Person nicht weniger als die Gestalt des zwanzigsten Jahrhunderts erkennbar. Die Essays und Notizen Blumenbergs zu Jünger umfassen einen Zeitraum von vierzig Jahren. Dies ist auch das editorische Problem der Herausgeber des Buches, das auch zum Teil Unfertiges aus dem Nachlass des Philosophen umfasst, der wie kaum ein anderer auf das gelungene Konstrukt seiner philosophischen Sprache achtete. Wir lesen hier in der Werkstatt des Philosophen.  Jünger ist für Blumenberg der einzige deutsche Schriftsteller, der sich in seinem Werk unbeirrt mit dem Problem des Nihilismus, mit der „Vernichtung der Welt“ beschäftigt habe; in der Wüste, im Kriegertod, im Drogenrausch und Abenteuer, in der technisch-biologischen Konstruktion des Arbeiters. „Auf den Marmorklippen“, 1939 in Deutschland erschienen und von der gleichgeschalteten Presse totgeschwiegen, zähle zu den „wichtigsten Ereignissen der deutschen Geistesgeschichte“, so Blumenberg kurz nach dem Kriege. Die Figuren, an denen Jünger seine Zeit erfasst, der Krieger und Anarch, der Arbeiter und Waldgänger, lösen bei Blumenberg Reflektionen darüber aus, wie in einer Welt der Maschinen und Waffen, in einer Welt der Simulakren überhaupt noch zu leben sei. Hierbei findet er Verbindungen zum eigenen philosophischen Themen: Die „Lesbarkeit der Welt“ sowie die ungeheure Differenz von „Weltzeit und Lebenszeit“.
In der Essaysammlung „Das abenteuerliche Herz“, die zeitgleich mit den „Stahlgewittern“ entstand, wird eine Figur des menschlichen Schicksals beschrieben, die Jünger als „der Verlorene Posten“ beschreibt. Diese Figur befindet sich in der Lage eines Schachspielers, der sich zum langen Endspiel rüstet, obwohl er den Verlust der Partie als unvermeidlich erkennt, eine Insel inmitten drohender Niederlage und Auflösung. Sie kann dem Einzelnen das Gefühl geben, „Letztes und Endgültiges“ zu tun. Als solchen Einzelnen sah sich Ernst Jünger.

Dieter Kaltwasser

(Zum 10. Todestag Ernst Jüngers Februar 2008 im Bonner General-Anzeiger erstmals erschienen.)

Hans Blumenberg: Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 185 Seiten, 19,80 EUR. ISBN-13: 9783518584835

Helmut Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. 720 Seiten, 16,95 EUR. Pantheon, München 2009. ISBN-13: 9783570550830

Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014. 648 Seiten, 25 EUR. ISBN-13: 9783608939545

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Karsten Herrmann schrieb uns am 15.02.2018
Thema: Clemens J. Setz: Bot

Der Computer-Klon schreibt

Alexa und Siri führen heute vor, was Computer-Pioniere wie Alan Turing oder Science-Fiction-Schriftsteller wie Philipp K. Dick noch als Utopie formulierten: Ein Dialog zwischen Mensch und Maschine, die digitale Rekonstruktion eines menschlichen Hirns.

In diesem Fahrwasser hat sich jetzt der österreichische Schrift-steller Clemens J. Setz daran gemacht, ein autobiografisches Buch durch einen Computer-Klon schreiben zu lassen: „Der Autor selbst fehlt und wird durch sein Werk ersetzt.“ Grundlage dafür bildeten die gesammelten digitalen Journale des Autors, die qua Volltextsuche und entsprechende Zufallstreffer Fragen zu Werk, Leben, An- und Einsichten ihres Schöpfers beantworten. /> Literarisches Experiment

Um es vorwegzunehmen: Das literarische Experiment von Clemens J. Setz zeigt sowohl Licht wie auch Schatten und manche der digitalen Zufallstreffer und Collagen bleiben beliebig und unergiebig. Doch über weite Strecken erweist sich der Synästhetiker Setz, „der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt“, als Meister der kleinen Form. Dystopische Szenen reihen sich in diesem Buch an kleine urbane Entdeckungen, groteske Zusammenhänge an literarische Reminiszenzen und surreale Fantasien.

Aufhänger können inspirierende Apotheken, ein Hebelchen im Putz, Parkbänke, Gerüche oder Stiefmütterchen sein, die „aussehen wie Günter Grass“. Mit genauem Blick bürstet Setz das „Gewebe der Wirklichkeit“ gegen den Strich und die gewohnte Wahrnehmung, enttarnt in unserem Alltag Überraschendes und die leicht übersehenen „Glitches“, die „Fehler, Blasen und Verwerfungen“.
Höchst originell

Wie schon in seinen Romanen „Indigo“ oder „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ erweist sich Clemens J. Setz auch in „Bot“ als einer der derzeit eigenwilligsten und originellsten deutschsprachigen Schriftsteller. Alltägliches Leben, Kunst, Literatur und Philosophie fließen hier in einem spannenden Remix zusammen.

„Bot“ ist dabei insbesondere auch ein Buch für literarische Flaneure, für das ziellose Herumschweifen und beiläufige Aufsammeln. Belohnt wird der Leser durch exquisite Fundstücke, verblüffende Ein- und Aussichten und hochpoetische Miniaturen. Das „Gespräch ohne Autor“ ist, wie der digitale Setz-Klon es so schön in Bezug auf die Tagebücher Jules Renards formuliert immer wieder mal „ein Springballspender für die Seele.“

Clemens J. Setz: Bot. Gespräch ohne Autor. Suhrkamp, 166 Seiten, ISBN: 978-3-518-42786-6, 20,00 Euro.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 11.02.2018
Thema: Szczepan Twardoch: Der Boxer

Neoexpressionistische Wucht

Der Pole Szcepan Twardoch ist ein außergewöhnlicher Autor mit neo-expressionistischer Wucht und avancierten Romankompositionen. Mit dem Monumentalroman „Morphin“, der in Warschau spielt und die morbid-exzessive Atmosphäre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einfing, gelang ihm 2012 der internationale Durchbruch. Mit seinem neuen Roman „Der Boxer“ kehrt er nach seinem erdverbundenen Schlesien-Roman „Drach“ nun nach Warschau und in die Zeit der 1930er Jahre zurück.

Erzählt wird „Der Boxer“ im Rückblick von Mojzesz Bernstein, dessen Vater von dem Boxer und Mafiosi Jakub Shapiro getötet wurde: „Ich […] bin siebzehn Jahre alt und
bin kein Mensch, ich bin ein Nichts, es gibt mich nicht“. Doch dann nimmt Shapiro den jungen und bettelarmen Bernstein als Wiedergutmachung unter seine Fittiche und führt ihn in die Welt des Boxens und in die lukrativen Geschäfte des Unterweltpaten und Sozialisten  Kaplica ein.

Warschau ist schon zu dieser Zeit eine zweigeteilte Stadt: Auf der einen Seite die christlichen Polen,  die die Macht und das Geld haben, auf der anderen Seite die Juden, die in den Armutsvierteln leben und sich wie Shapiro nur durch Sport, Gewalt oder Verbrechen Ansehen und Geld verschaffen können. Im Aufstieg sind in Warschau zu dieser Zeit die Nationalisten und Falangisten, die an einem Staatsstreich arbeiten und die polnischen Juden nach Palästina vertreiben oder in Kon-zentrationslagern einsperren wollen. Hier leuchtet schon der spätere nationalsozialistische Genozid nach dem Einmarsch der Deutschen auf.

Auf faszinierende Weise verbindet Szcepan Twardoch in „Der Boxer“ den zeitgeschichtlichen Hintergrund und jüdische Lebensweise mit der Halb- und Unterwelt des Boxens und des Verbrechens – ein Leben in Saus und Braus mit viel Wodka, Kokain, Prostituierten, feinen Anzügen, schicken Autos und natürlich jeder Menge Gewalt. Schließlich will Jakub Shapiro, der trotz seiner Brutalität als Sympathieträger dargestellt wird,  aus dieser Welt ausbrechen und mit seiner Frau und seinem Sohn nach Palästina auswandern. Doch als der Pate Kaplica auf Be-treiben der Nationalisten und Faschisten inhaftiert wird und der Staatsstreich bevor steht, eskaliert die Gewalt und das Rad des Todes dreht sich immer unausweichlicher.

Wie schon in „Morphin“ erzählt Twardoch mit düsterer neo-expressionistischer Wucht und höchster Sinnlichkeit. Und zunehmend stellt er dabei die Verlässlichkeit seines Erzählers Mojzesz Bernstein in Frage, der die Geschichte scheinbar viele Jahre später in Tel Aviv auf einer „IBM Selectra II“ niederschreibt. Und so lässt er das Buch dann mit einer tragischen Überraschung enden, die noch einmal die Frage nach Schicksal, Schuld und Sühne in ein neues Licht stellt.


Szcepan Twardoch: Der Boxer. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 464 S., 22,95 Euro

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Karsten Herrmann schrieb uns am 11.02.2018
Thema: Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort

Schmerzender Nachklang

In dieses Buch muss man sich erst tief hineinbohren, bevor es einen richtig packt. Bei mir war es auf Seite 106 so weit, als Haslett schreibt: Michael hatte „etwas von einem Mystiker. Es war, als blickte er gelassen ins innerste Herz der Dinge, in dem Wissen, dass es für das, was er sah, keine Worte gab.“ Aber hinter dieser Gelassenheit ist Michael von Ängsten und Befürchtungen geplagt und seine Krankheit wie auch schon die seines Vaters John bilden das schwarze Herz dieses immer intensiver werdenden Romans.

Adam Haslett erzählt über zwei Generationen die Geschichte der Familie von John und Michael: In den sechziger Jahren lernt die Amerikanerin Margaret in London John kennen, der in einer
alten vornehmen Welt aufgewachsen ist und hinter dessen geschmeidiger Fassade die Angst sein Leben zerfrisst. Das Paar siedelt in die USA über und bleibt in Boston hängen, wo es die drei Kinder Michael, Celia und Alec bekommt und John die Familie mehr schlecht als recht über Wasser hält. Auch ein Rückkehrversuch nach England schlägt fehl und zurück in den USA verschärft sich ihre Lebenssituation. John macht sich schwere Vorwürfe, dass er seine Familie ständig enttäuscht. Er fühlt sich „als Mörder“, als „ein Lebensdieb“ und sucht den letzten Ausweg: „Was ich versuche, ist unmöglich. Mich von ihnen zu verabschieden, ohne zu sagen, dass ich gehe.“

Und wie von John befürchtet, steckt die Angststörung auch in Michael und zerfrisst nun sein Leben. Nur die Musik – von Disco über Funk bis zu Techno – übertönt die Angst. Michael studiert Literatur und vertieft sich in die Leiden der amerikanischen Sklaven und die postkolonialistische Literatur und Theorie. Der Schmerz der Welt ist sein Schmerz und bald können ihm nur noch immer erhöhte Dosen verschiedenster Psychopharmaka helfen: „Mit einem Mal lag die Welt nicht mehr in den Fesseln des Grauens.“

Während Michael in Psychopharmaka versinkt, starten seine Geschwister Celia und Alec in ihr Berufsleben als Psychotherapeutin und als Journalist und finden auch in der Liebe ihr Glück. Aber dann setzt Alec alles auf eine Karte, um Michael von seiner Medikamentenabhängigkeit runterzubringen.

Adam Haslett erzählt seine Familiengeschichte wechselnd aus den Perspektiven der anfänglich fünf Familienmitglieder. Er entwickelt tiefgründige Charaktere mit Ecken und Kanten und spürt ebenso den Spannungen und Verwerfungen in diesem Familienkosmos wie auch den Glücksmomenten und einer tiefen inneren Verbundenheit nach. Mit aller Kraft versucht die Mutter Margret ihre „Welt zusammenzuhalten“, doch wie ein schwarzes Loch lauern die Krankheit und der Tod in ihr.

„Stellt euch vor, ich bin fort“ ist ein packender Familienroman jenseits aller Klischees und Romantisierung. Er zeigt sich auf der Höhe der Zeit und ihrer höchst individuellen Lebensentwürfe. Er ist einfühlsam, aber auch tough und tragisch. Und so gibt es auch kein Happy End, aber einen langen schmerzlich grundierten Nachklang.


Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Rowohlt, 462 S., 22,95 Euro.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Karl Ove Knausgård: Kämpfen

Elektrisierender existentieller Kampf

Mit „Kämpfen“ legt Karl Ove Knausgård nun den Abschluss eines in der Literaturgeschichte wohl einmaligen und zugleich megaerfolgreichen Mammutprojektes vor: In sechs Bänden und auf über 4.500 Seiten versucht er sein Leben in der ganzen unermesslichen Bandbreite ohne literarische Überhöhung und Fiktionalisierung niederzuschreiben: Er will nicht das „‘als ob‘ der Kunst, diese[n] Abgrund, der sie von der Wirklichkeit trennt“, sondern er will „versuchen, zum Rohen und Willkürlichen dieser Realität vorzudringen.“ Von Karsten Herrmann

Alle sechs Bände kreisen dabei auch um den strengen und stets missgelaunten Vater, der die
Familie früh verließ und schließlich als Alkoholiker in Einsamkeit endete – ein Kapitel in seinem Leben, mit dem Knausgård nie wirklich abschließen kann. Daneben erzählt er über die sechs Bände hinweg von seinen Jugendfreundschaften, der ersten Liebe, dem ersten späten Onanieren, dem Studium am Literaturinstitut in Bergen oder über die Freude am Trinken, bis er sich vergisst und anderen dann vor den Kopf stößt. Und immer wieder geht es natürlich um Literatur, um Leseerlebnisse und den Kampf um das Schreiben, das ihm erst so gar nicht gelingen will.

Im sechsten Band stehen nun das Leben in der Familie mit seiner Frau Linda und den drei kleinen Kindern sowie die anstehende Veröffentlichung des ersten Bandes über den Tod des Vaters im Mittelpunkt. Er hat die Manuskripte an die darin vorkommenden Personen verschickt und wartet nun voller Furcht auf die Reaktionen – und tatsächlich überzieht ihn sein Onkel väterlicherseits mit wüsten Beschimpfungen und droht eine Klage an. Es droht eine Schlammschlacht in den Medien. Noch einmal gerät Knausgård ins Zweifeln über sein radikales autobiographisches Projekt und fragt sich, was er seiner Familie und seinen Freunden damit antut. Er martert sich mit der Frage, wie wahr seine Erinnerungen sind, wie trügerisch das Gedächtnis ist und wie viel Fiktion und Reduktion auch immer in einem noch so wahrhaftigen autobiographischem Schreiben steckt: „Ist die Welt etwas anderes, als unsere Vorstellung davon?“

In einem stetigen Wechsel zwischen den ganz kleinen Dingen des alltäglichen Lebens, der radikalen Selbstentblößung und einer stetigen literatur- und kulturtheoretischen Reflexion führt Karl Ove Knausgård sein autobiographisches Schreiben im ersten Teil des1280 Seiten umfassenden  „Kämpfen“ zur höchsten Vollendung und macht im Vergleich zu den ersten Bänden noch einen deutlichen Quantensprung. So erzählt er ebenso von Landschaften, Licht und Wolken wie vom Windelwechseln, Socken suchen, einkaufen gehen und kochen, ebenso vom vorzeitigen Samenerguss, vom besinnungslosen Saufen und einem tief bereuten Fremdgehen, vom Anschreien und Schütteln der Kinder wie auch von den für ihn so wichtigen Schriftstellern und Denkern von Shakespeare über Broch und Hamsun bis Handke. Es ist eine Poetik der Aufmerksamkeit für die kleinen und großen Dinge des Lebens, ein konzentrierter Akt der Vergegenwärtigung im zerstreuenden Nebel des Alltags.

Wie ein Meteorit schlägt in dieses Erzählen und seinem fast süchtig machenden Flow dann ein knapp 500 Seiten langer Essay ein, der von der Interpretation eines Gedichtes Celans ausgeht und über Hitlers „Mein Kampf“ (im Original heißen Knausgårds Bücher „Min Kamp 1 – 6“) zur Kartierung des geisteswissenschaftlichen Denkens zu Beginn des 20. Jahrhunderts übergeht. Es scheint, als würde Knausgård hier ein intellektuelles Vermächtnis und ein Gegengift gegen den immer wieder erhobenen Vorwurf eines banalen Alltagsrealismus in seinen Abschlussband einbrennen wollen.

Im dritten Teil des Bandes steht schließlich die manisch-depressive Erkrankung seiner Frau Linda und eine auch durch die erste Buchveröffentlichung ausgelöste Ehekrise im Mittelpunkt – ohne jedoch noch einmal diesen zwingenden Lesesog des ersten Teils  zu entwickeln. Am 2. September 2011 um 7.07 Uhr kann Knausgård seinen Roman endlich beenden und freut sich darauf zu „genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin.“

Karl Ove Knausgårds sechsbändige Autobiographie und insbesondere der letzte Band ist eine radikale Selbstvergewisserung, eine einzigartige Meditation über das Leben in seiner ganzen Bandbreite sowie über die Frage, wie man dieses Leben und das Schreiben bedingungslos miteinander verbinden kann. Dieses Projekt der Wahrhaftigkeit erstarrt dabei nie zur Pose und immer bleibt der elektrisierende existentielle Kampf des Sohnes, Vaters, Ehemanns, Freundes und Schriftstellers Karl Ove Knausgård spürbar.


Karl Ove Knausgård: Kämpfen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand 2017. 1280 Seiten. 29,90 Euro

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Omar El Akkad: American War

Düstere neue Welt

Unsere Welt ist in den letzten Jahren ins Wanken geraten und zeigt sich von vielen Seiten bedroht: Unberechenbare Staatslenker, Terror, (Bürger-) Kriege, Fluchtwellen oder Klimakatastrophe. So wundert es nicht, dass in der Literatur derzeit auch Dystopien, also die Darstellung von negativen bis apokalyptischen Gesellschaftsentwicklungen Konjunktur haben. Eine besonders beklemmende hat nur der in Nordamerika lebende und in Ägypten geborene Omar El Akkad mit „American War“ vorgelegt.

El Akkad erzählt von einem düsteren Amerika im Jahr 2075: Die Meeresspiegel sind gestiegen und haben Millionen zur Flucht ins Landesinnere gezwungen und zwischen den Nord- und Südstaaten ist ein Bürgerkrieg
ausgebrochen. Mittendrin ist die Familie Chestnut, die an einer der Frontlinien lebt und deren Vater bei einem Terroranschlag ums Leben kommt. Gemeinsam mit ihren zwei Töchtern und dem Sohn siedelt die Mutter in ein Flüchtlingslager über, wo sie sechs Jahre lang leben. Hinter Stacheldraht lernt die jüngste Tochter Sarat, die Hauptprotagonistin, eine Welt voller Gefahr, Gewalt und Leid kennen. Hier gerät sie auch in die Fänge von Albert Gaines, einem charismatischen Verführer, der ihr den Hass auf die gegnerischen Nordstaaten einpflanzt. Als das Flüchtlingscamp überfallen und ein Massaker verübt wird, kennt die überlebende Sarat nur noch einen Gedanken: Rache. Als Scharfschützin verübt sie Attentate auf hochrangige Nordstaatler – bis sie gefasst und mit jahrelanger Folter gebrochen wird. Zurück in Freiheit wird sie schließlich willfähriges Werkzeug eines teuflischen Plans, dem Millionen von Nordstaatlern zum Opfer fallen sollen.

Omar El Akkad entwirft in seinem Roman eine Welt in radikalen Umbrüchen: Während die USA in Wassermassen und verheerendem Bürgerkrieg versinken, haben sich die arabischen Staaten zur neuen Weltmacht aufgeschwungen und versuchen ihre Einflusssphäre auszudehnen. Am Beispiel der introvertierten, aber furchtlosen und verbissenen Sarat zeigt El Akkad, wie ein Mensch indoktriniert und radikalisiert und schließlich als fürchterliche Waffe eingesetzt wird. Das Ganze erzählt er in einem lakonischen, sich jeglicher Wertung enthaltenen Ton und mit zuweilen drastischen Bildern. Eine quasi dokumentarische Funktion übernehmen die zusätzlich eingefügten Berichte aus Untersuchungsausschüssen und von Zeitzeugen.

„American War“ ist ein Buch, das den Leser packt und schaudern lässt. Geschickt verbindet er in seiner Dystopie aktuelle krisenhafte Entwicklungen von der drohenden Klimakatastrophe bis zu globalen und nationalen politischen Umwälzungen in den USA. Das eigentlich erschreckende an dieser apokalyptischen Welt ist, dass sie gar nicht mehr so unvorstellbar scheint.


Omar el Akkad: American War. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer, 446 Seiten. 24,00 Euro.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

Das Glück des Friedhofs

Ganze zwei Jahrzehnte mussten die Leser nach dem Welt-Bestseller „Gott der kleinen Dinge“ auf den neuen Roman der Inderin Arundhati Roy warten. In der Zwischenzeit wurde Roy zu einer Ikone der Kapitalismuskritiker und der Anti-Globalisierungs-Bewegung und verfasste statt Belletristik politische Essays. Der Zorn über Ungerechtigkeit, Korruption, Rassismus und Gewalt sprüht so nun auch noch aus jeder Seite ihres neuen Romans, der sich insgesamt als ein Buch mit Licht und Schatten, als ein ebenso stacheliges wie anziehendes Buch entpuppt.

Im Zentrum des 550 Seiten-Romans steht der in Alt-Dehli geborene und aufgewachsene Anjum, der sich zum Schrecken der Mutter als ein Transgender mit beiderlei
Geschlechtsmerkmalen, als eine „Hijra“ entpuppt. Magisch fühlt sich Amjun von der „Khwabgah“, einem Haus der Hijras in der Nachbarschaft angezogen und wird dort in jungen Jahren aufgenommen: „Er betrat diese gewöhnliche, heruntergekommene Haus, als schritte er durch das Tor zum Paradies.“ Er, der sich als sie fühlt, wird in die Traditionen und Rituale der Gemeinschaft eingeführt und wird im Laufe der Zeit zu Dehlis berühmtester Hijra. Größtes Mutterglück erfährt sie, als sie das Findelkind Zunaib aufnimmt und in der Khwabgah großzieht. Doch auf einer Reise wird sie Opfer der antimuslimischen Stimmungsmache in Indien nach 9/11 und kommt in ein Lager, in der ihr Unsägliches widerfährt. Zurück in Dehli zieht sie sich auf den nahegelegenen Friedhof zurück und errichtet dort einen Hort der Menschlichkeit und des Glücks mit „Volksbad“, „Volkszoo“ und „Volksschule“.

In einem zweiten ausgedehnten Erzählstrang berichtet Roy vom Freiheitskampf in Kaschmir, in den vier ehemalige Studienfreunde auf verschiedenen Seiten verwickelt sind. Diabolischer Gegner der Freiheitskämpfer in Kaschmir ist  Amrak Singh, „ein Spieler, ein tollkühner Offizier, ein tödlicher Inquisitor und ein fröhlicher kaltblütiger Mörder“. Er ist in diesem Buch das Sinnbild für das Böse, das Berechnende und Zynische und wird am Ende doch seinen Preis bezahlen.

Arundhati Roy wechselt in ihren Erzählsträngen rasant die Zeiten und Räume, baut Tagebucheinträge, Briefe, Notizen, groteske Fragebögen und mäandernde Abschweifungen ein. Ihre Prosa wechselt dabei zwischen blumig-poetisch, obszön, zornig, versöhnend und mehr oder minder direkter politischer Agitation: Mit Verve klagt sie so immer wieder die Ungerechtigkeit in ihrem Heimatland an, die bitterste Armut auf der einen Seite, den unvorstellbaren Luxus auf der anderen Seite, geißelt Umsiedlungen, Betrug, Korruption und die blinde Gewalt zwischen Hinduisten und Moslems.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein zwiespältiges Buch, ein mehrfaches Zwitterwesen. Letztlich ist es ebenso monströs wie es Roys in die kapitalistische Jetztzeit katapultiertes Heimatland Indien mit seinen uralten Kastensystemen, religiösen Dogmen und finsteren Ritualen ist. Der Roman bringt den Leser zwischenzeitlich an die Grenzen des Verstehens und der Geduld, um dann aber die vielen Fäden und Ebenen zum Ende wieder erzählerisch großartig zusammenzuführen. Mit Amjums alternativem Lebensmodell auf dem Friedhof beschwört Roy die Möglichkeit eines anderen, besseren Lebens, die Möglichkeit von Glück und Menschlichkeit in einer enthemmten Welt.


Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks. Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer 2017. 550 Seiten. 24,00 Euro

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Juli Zeh: Leere Herzen

Agonie der Demokratie

Mit „Unterleuten“ hat Julie Zeh im vergangenen Jahr ein großes gesellschaftliches Kaleidoskop der deutschen Nachwende-Gesellschaft vorgelegt und dabei auf gelungene Weise die Befindlichkeiten einer Epoche eingefangen. In „Leere Herzen“ projiziert die immer wieder auch politisch aktive Schriftstellerin unsere Gesellschaft nun in eine vielleicht gar nicht so ferne Zukunft hinein, in der die Werte verfallen und unsere Demokratie auf dem Spiel steht.

Im Zentrum des Romans stehen Britta Söldner – ein sprechender Nachname – und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Ihre Firma „Die Brücke“ therapiert offiziell potenzielle Selbstmörder, die der Superrechner
„Lassie“ mit komplizierten Algorithmen aus dem Netz fischt. Die hoffnungslosen Fälle vermittelt die Firma im Hintergrund an terroristische Vereinigungen aller Art für medienwirksame und dosiert geregelte Selbstmordanschlägen. Der Terror als Dienstleitung.

Privat lebt Britta Söldner mit ihrem Mann, einem Start up-Unternehmer und ihrer Tochter in einem gesichtslosen und blitzsauberen Reihenhaus in Braunschweig, denn die Großstadt ist out, die Provinz „kein Heilmittel für den abgerockten Metropolenwahn“ und dem 21. Jahrhundert entsprechen jetzt aufgeräumte Mittelstädte.

Brittas Familie und ihre Freunde, die sich zum frühen Essen und Prosecco trinken treffen, leben in einer Zeit der „Leeren Herzen“, in der keine Werte, Träume oder Utopien mehr Orientierung geben: „Die Wahrheit ist, dass seit vielen Jahren niemand mehr weiß, was er denken soll.“ Politik erscheint ihnen wie das Wetter: „Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht.“ Und so in diesem Deutschland der nahen Zukunft auch die „Besorgten Bürger“ an der Macht, die Stück für Stück demokratische Errungenschaften abbauen.

Doch das ist nicht das Problem von Britta und Babak – ihr Problem ist vielmehr, dass sie plötzlich Konkurrenz zu ihrem solitären Geschäftsmodell bekommen und verfolgt werden. Zusammen mit der toughen und schönen Julietta, die auf ihren Einsatz als Selbstmordattentäterin brennt, fliehen sie auf das Land und decken ein Komplott auf.

Juli Zeh entwirft in ihrem Roman eine nahe liegenden und manchmal dennoch etwas plakative Gesellschaftsdystopie, in der politisches oder soziales Engagement durch soziale Medien und den sonstigen Rückzug in das Private ersetzt worden ist. In der zweiten Hälfte des Buches steht dann ein handlungsgetriebener Politthriller im Vordergrund, an dessen Ende sich die Frage stellt, ob die Demokratie mit undemokratischen Mitteln geschützt werden darf.

Julie Zeh erweist sich in „Leere Herzen“ einmal mehr als eine souveräne Erzählerin, die auch kleinere konzeptionelle Schwächen und Leerläufe in ihrem Roman souverän überbrückt und ihre Heldin am Schluss ein Stück weit zu sich selber zurückfinden lässt – mit überraschenden Konsequenzen.

    Julie Zeh: Leere Herzen. München: Luchterhand 2017, 352 S., 20 Euro. Verlagsinformationen zum Buch

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Connie Ruoff schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Simon Strauß: Sieben Nächte

„SIEBEN NÄCHTE“ VON SIMON STRAUSS
1. KLAPPENTEXT
Schließt die Augen und zerbrecht das Glas. Es ist Nacht, ein junger Mann sitzt am Tisch und schreibt. Er hat Angst. Davor, sich entscheiden zu müssen. Für eine Frau, einen Freundeskreis, einen Urlaubsort im Jahr. Er hat Angst, dass ihm das Gefühl abhandenkommt. Dass er erwachsen wird. Doch ein Bekannter hat ihm ein Angebot gemacht: Sieben Mal um sieben Uhr soll er einer der sieben Todsünden begegnen. Er muss gierig, hochmütig und wollüstig sein, sich von einem Hochhaus stürzen, den Glauben und jedes Maß verlieren.

Sieben Nächte ist ein Streifzug durch die Stadt, eine Reifeprüfung, die vor zu viel Reife schützen soll, ein letztes
Aufbäumen im Windschatten der Jugend. Simon Strauß erzählt von einem jungen Mann an der Schwelle, der alles aufbringt, um sich Gewohnheit und Tristesse zu verwehren. Er muss gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben. Sich dem Leben preisgeben, um sich die Empfindung zu erhalten. Im Schutze der Nacht entwickelt er aus der Erfahrung der sieben Todsünden die Konturen einer besseren Welt, eines intensiveren Lebens. »Simon Strauß erzählt von einem, der auszog, um die ewige Jugend zu suchen – und schreibt ein Buch, das so klug und berührend ist, dass man ihm auf der Stelle folgen will.« Theresia Enzensberger »Was für ein leidenschaftliches, angstfreies, traditionstrunkenes, zukunftsgieriges Kampfbuch gegen die Abgeklärtheit. Gegen die Müdigkeit der In-Spuren-Geher. Der Lebenswiederholer. Ein Pamphlet für die Offenheit der Herzen!« Volker Weidermann


2. ZUM INHALT
Die sieben Todsünden: Superbia (Hochmut), Gula (Völlerei), Acedia (Faulheit), Avaritia (Habgier), Invidia (Neid), Luxuria (Wollust) und Ira (Jähzorn).
Haben die sieben Todsünden heute für unser Leben eine Bedeutung? Welchen Sinn hat es Sünden zu begehen, nur zum Zwecke, es getan zu haben. Welches Gefühl weckt es in uns, Todsünden zu begehen. Die Fragestellung ist eine philosophische Herausforderung.


Der Hinweis auf Mephistopheles ist nicht zu übersehen. Was will Simon Strauss’Mephistopheles? Ist er auch, „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Ist er „der Geist, der stets verneint“ (Faust I)? Sein eigentliches Element ist Sünde, Zerstörung und das Böse. Wozu will er dem Erzähler-Ich verhelfen?


Es ist die Wette oder das Angebot, das Goethes Faust oder auch den biblischen Hiob mit dem Buch „Sieben Nächte“ verbindet.


Um dem Leser die Problematik aufzuzeigen, nimmt der Autor auf Geschichten aus der Bibel, wie den Turmbau zu Babel (11. Kapitel Genesis oder Mose 1) oder das jüngste Gericht Bezug. Auch „I have a dream“ von Martin Luther King fehlt nicht. Ich habe, beiweitem, nicht alles notiert, es gibt noch viele Bezüge zu finden. Das Buch erinnert mich an ein Bilderrätsel oder Wimmelbuch. Ein Blick reicht nicht. Das Buch bedarf der innigen Suche nach der Bedeutung.


Am besten gefallen mir die Gedanken zur Faulheit, besser vielleicht Trägheit. Spielen wir nur eine Rolle? Sind wir angepasst und uniform? Ist es wieder Zeit für eine Aufklärung: „Sapere aude“. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Aus (Was ist Aufklärung? Von Kant). Sind wir zu faul, uns unseres Verstandes zu bedienen?

Wollen wir keine Entscheidungen treffen, um keine Möglichkeit, abzulehnen. Aber sich auf nichts festzulegen, macht auch nicht glücklich. Wir geraten ohne Richtung in ein Labyrinth.

Auch das Kapitel Luxuria – Wollust ist mit wenigen Worten so dicht geschrieben, weil er den Leser an Werke, wie Eyes Wide Shut, schöner Gigolo, armer Gigolo, kleiner Mann was nun? oder Regisseure wie Visconti und Buňuel erinnert. Der englische Lyric von „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ passt genau. Die letzte Zeile lautet: „As life goes on, without me“. Durch das Hervorrufen von Empfindungen beim Hinweis auf diese „geistigen Artefakte“ beschreibt er uns das gesamte Ausmaß der Wollust. Beeindruckend!

5/5 Punkten



3. SPRACHLICHE GESTALTUNG
Simon Strauss nutzt die Gewalt der Sprache und lässt den Leser betäubt zurück. Schöne Worte aus Buchstaben zusammengesetzt, haben die Bedeutung des Begriffes. Aber das genügt dem Autor nicht. Die Konnotation, die die Worte begleitet, hat eine zusätzliche Bedeutung. Auch die Kunst, Metaphern bildgebend anzuwenden, beherrscht Simon Strauss virtuos. Wie ästhetisch und klar seine Sprache ist, kann man sehen:

„Die Palme hier im Saal ist eine sehr kleine Schwester. Schüchtern steht sie in der Ecke, lässt sich von den Gästen betasten. Aber ihre Äste bewegen sich dabei nicht. Umarmungen bedeuten ihr nichts.“ S. 102. Kapitel Luxuria – Wollust.

5/5 Punkten



4. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG
„Sieben Nächte“ von Simon Strauß hat 144 Seiten, einen festen Einband und ist am 08.07.2017 unter der ISBN 9783351050412 bei Blumenbar, im Genre Romane erschienen.

Das Cover zeigt einen Mann im Alter des Erzähler-Ichs, dem man ansieht, dass er in einer für ihn schwierigen Situation steckt. Es ist vielleicht ein Selbstbildnis. Dieser fragende Blick ist unbeschreiblich. Als ob er dem Leser genau in die Augen schaut. Wahrscheinlich ist das Original gemalt.

Das kleine Buch ist hochwertig verarbeitet. Ein Kleinod, das jedes Buchregal schmückt.

5/5 Punkten

5. FAZIT
Simon Strauss geht von einem sehr belesenen und bibelfesten Leser aus. Er deutet vieles in Verweisen oder Bildern an. Wenn der Leser keinen Bezug zu Bild oder Werk hat, fällt es ihm schwer, die Atmosphäre wahrzunehmen.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Man muss sich darauf einlassen und vielleicht auch einmal im Internet nachlesen (Google weiss alles), um die Hinweise aufzudecken. Aber es lohnt sich. Simon Strauss zeigt die sieben Todsünden in allen Schattierungen. Sicherlich haben sie inzwischen einen Bedeutungswandel vollzogen, aber sie sind dicht bei uns.

Die Frage ist, hat dem Erzähler-Ich die Reise durch die Abwege der Todsünden bei seinem Problem der Alltäglichkeit und Belanglosigkeit geholfen? Das muss der Leser selbst entscheiden.

Es ist ein Buch, das bleibt. Es ist unmöglich, es zu lesen, ohne sich seines Verstandes zu bedienen. Eine eindeutige Leseempfehlung!



@Aufbauverlag und Blumenbar
Vielen Dank für das traumhaft schöne Rezensionsexemplar! Die Leserunde bei lovelybooks hat viel Spaß gemacht.

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Karsten Herrmann schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Nell Zink: Nikotin

Gefühlvoll, spöttisch und obszön

Mit ihrem ornithologisch grundierten Ehe- und Ent-wicklungsroman  „Mauerläufer“ fand die Debutantin Nell Zink vor gut einem Jahr in der Literaturkritik viel Beachtung als frische, originelle Stimme. Die 1964 in Kalifornien geborene Zink ist dabei sowohl literarisch wie geographisch eine Grenzgängerin: Nach ihrem Studium in den USA promovierte sie in Tübingen in Medienwissenschaft und lebt heute in Bad Belzig. Ihr Sujet findet sie aber in ihrem Geburtsland.

In „Nikotin“ erzählt Nell Zink von einem besetzten Haus in Jersey City und seinen schrägen Bewohnern. Zu ihnen stößt die junge Penny, die nach dem langsamen Tod ihres Vaters Norm kein
Geld hat und Orientierung sucht. Das besetzte Haus ist das Haus ihrer Großeltern väterlicherseits und sie selbst ist die Tochter eines von ihrem Vater adoptierten Straßenmädchens aus Kolumbien, die jetzt als erfolgreiche Investmentbankerin arbeitet. Komplettiert wird die schräge Patchworkfamilie durch zwei Stiefbrüder von Penny.

Das von einer letzten Legion Raucher besetzte Haus „Nikotin“ gehört zu einem Kreis von weiteren besetzten Häusern mit verschiedenen Motti wie Alternative Energien, Veganes Essen oder Esoterik und in dieser Community versammeln sich Anarchisten, Hippies, Nerds, New Age-Jünger und eine große geschlechtlich-sexuelle Vielfalt von Hetereros über Bis und Transvestiten bis hin zu Queers und Asexuellen. Einer aus der letzteren Kategorie ist Rob, in den sich Penny verliebt und den sie mit Engagement zu verführen sucht. Doch das gemeinschaftliche und gutmenschbeseelte Leben im „Nikotin“ gerät in Gefahr, als Pennys macht- und geldgieriger Stiefbruder Matt ins Geschehen eingreift und alles durcheinanderwirbelt.

Nell Zink erweist sich auch in „Nikotin“ als eine äußerst originelle literarische Stimme, die furios auf einer Klaviatur zwischen tragikomisch, gefühlvoll, spöttisch, grotesk und obszön spielt und den Roman wie eine Srewball-Komödie immer schneller vorantreibt. Mit Lust und Ironie spiegelt sie dabei auch die sich ausdifferenzierenden intellektuellen Westküstendiskurse mit ihrem Kampf für Minderheiten- und Tierrechte, Antidiskriminierung, Gender  und überhaupt eine bessere Welt wieder. Doch diese gesellschaftspolitische und diametral zu Trump und seinen Wählern stehende Dimension gerät in der zweiten Hälfte des Romans aus dem Blick und alles dreht sich nur noch um Sex und Liebe zwischen den Protagonisten und den vielen Nuancen dazwischen. So reicht es nicht ganz für einen wirklich guten Roman, aber unterhaltsam und lesenswert bleibt „Nikotin“ allemal.


Nell Zink: Nikotin. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Rowohlt, 400 S., 22,95 Euro

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Connie Ruoff schrieb uns am 04.02.2018
Thema: Han Kang: Menschenwerk

„MENSCHENWERK“ VON HAN KANG

1. KLAPPENTEXT

„Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin. Und Sie, ebenso ein Mensch wie ich, welche Antworten können Sie mir geben?“
Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert? Han Kang beschreibt in ihrem neuen Roman, wie dehnbar die Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit sind. Ein höchst mutiges Buch und ein brennender Aufruf gegen jede Art von Gewalt.
»Han Kang zu lesen ist wie in einen Strudel aus Brutalität und Zärtlichkeit geworfen zu werden, aus dem man
durchgeschüttelt, perplex und tief bewegt wieder auftaucht.« Doris Dörrie


2. ZUM HÖRBUCH

Das Hörbuch ist eine ungekürzte Ausgabe und ist am 15. September 2017 bei Finch&Zebra erschienen. Es hat eine Spieldauer von 6 Stunden und 10 Minuten. Du findest es auf der Plattform bei Audible, in BookBeat und in Scribd. Natürlich ist das Hörbuch auch für 12,99 € im Handel erhältlich.

Die Übersetzungen sind beide von Ki-Hyang Lee, dennoch sind sie nicht identisch. Ich glaube, die kleinen Änderungen wurden gemacht, damit es melodischer klingt. Ich höre gerne beim Lesen zu und dabei fiel es mir gleich auf. Inhaltlich unterscheidet es sich eher nicht.

Gesprochen von Rike Schmidt
Einige kennen Rike Schmidt als Schauspielerin. Sie spielte an der Seite von Maximilian Schell die Hauptrolle in der ZDF-Serie „Der Fürst und das Mädchen“.

3. ZUR AUTORIN

Die koreanische Autorin Han Kang war zu der Zeit des Massakers neun Jahre. Jahre später hat sie ein Fotobuch über den Aufstand bei ihrenth Eltern gefunden.Nähere Angaben zur Autorin findest du hier.

4. ZUM INHALT

Han Kang beschreibt Geschehnisse des Gwangju-Aufstandes vom 18. Mai bis 27. Mai 1980, der mit einem Studentenaufstand gegen die herrschende Militärtjunta begann.

Die Tatsache, dass Krieg verroht, ist wohl wahr. Dennoch beschreibt „Menschenwerk“ Folterszenen, die von Männern an Frauen begangen wurden, die jenseits der Vorstellungskraft liegen. Leichen werden wie Abfall entsorgt. Unbewaffnete Menschen werden von Scharfschützen getötet. Manche sind noch halbe Kinder. Empathie auf militärischer Seite ist nicht vorhanden.

Das Buch ist grausam. Nein! Das Buch schildert wie grausam Menschen sein können und auch sind. Die Brutalität versteckt in schönen Worten ist kaum zu ertragen. Die Sätze und die Bilder im Kopfkino lassen dich nicht mehr los.

Aber es gibt eben auch die anderen Opfer, die Verfolgten, die sich untereinander verbünden, einander trösten, an einander Anteil nehmen und wieder und wieder bereit sind, für die Freiheit ihr Leben zu riskieren.

5/5 Punkten

5. PROTAGONISTEN

Dong-Ho kümmert sich um Opfer, um Leichenberge. Militärs überschütten sie und entzünden sie. Die Autorin beschreibt genau, wie der menschliche Körper reagiert. Sie lässt auch Seelen der Toten sprechen. Warum ist der Mensch dazu fähig, seinem Nächsten solche Gräueltaten anzutun?

Im zweiten Kapitel versucht die Seele des Getöteten, das Geschehen zu verstehen.

Ein Junge sucht die Leiche seines Freundes. Man spürt Trauer, Fassungslosigkeit. Wie soll man weiterleben? Warum ist der Freund tot? Warum wurde man selbst verschont!

Warum tut Keiner was dagegen?

Han Kang erzählt die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkel und dennoch ist ihnen gemeinsam, dass es immer die Blickwinkel der Opfer sind. Die Episoden sind aus unterschiedlichen Zeiten und zeigen, dass dieses Massaker noch bis heute in den Menschen nachwirkt.

5/5 Punkten

6. SPRACHLICHE GESTALTUNG

Die Sprache von Han Kang ist ein Gemälde der Ästhetik. Ich habe das Gefühl, dass die Autorin die Gewalttaten mit der Schönheit der Sprache bekämpft.

Die Seele, die mit dem Jungen spricht, ist sicherlich eine ungewöhnliche Art des Erzählens. Die Seele, die den Jungen mit du anspricht. Han Kang präsentiert die einzelnen Episoden in sich voneinander unterscheidenden Schreibstilen und aus mehreren Opferperspektiven.

5/5 Punkten

7. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

„Menschenwerk“ von Han Kang, übersetzt von Ki-Hyang Lee, hat 224 Seiten, einen festen Einband und ist am 15.09.2017 unter der ISBN 9783351036836 bei Aufbau Verlag im Genre Romane erschienen und kostet 20 €.

Auf dem zartgelben Cover ist eine Elster, die auf dem Skelett eines menschlichen Torsos sitzt, zu sehen und darüber wurden Blätter eines Ginkgobaumes gestreut.

Der Titel Menschenwerk sagt den Inhalt aus. Das ist das Werk von Menschen. Unglaublich aber wahr!

5/5 Punkten

8. FAZIT

Das Buch und der Schreibstil haben mich tief beeindruckt. Sicherlich keine leichte Kost!

Große Leseempfehlung!

@NetGalley und Aufbau Verlag
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.





WDR3 Podcast

Deutschlandfunk Kultur Podcast

Connie’s Schreibblogg https://schreibblogg.de

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Connie Ruoff schrieb uns am 31.01.2018
Thema: Robert Menasse: Die Hauptstadt

„DIE HAUPTSTADT“ VON ROBERT MENASSE


1. üZUM INHALT

Der Wiener Autor Robert Menasse erhielt 2017 den Deutschen Buchpreis. Mit diesem Preis zeichnet die Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. „Die Hauptstadt“ war der Sieger.

Robert Menasse gibt uns in „Die Hauptstadt“ 235 mal die Buchstabenfolge SCHWEIN zu lesen. Dennoch geht es keineswegs um Tiere. Er zeichnet uns eher ein Psychogramm unserer Zeit. Er lässt die Geschichte in der fiktiven Welt der Europäischen Union spielen. Trotzdem läuft in Brüssel eine nicht identifiziertes namenloses Schwein durch die Straßen. Das Schwein als
Metapher? Was will der Autor damit sagen?

Der Leser erfährt viel über chinesische Essgewohnheiten, den Mangel an Schweinsohren, Schweinehandel, den Dissens über einen Ausbau der Schweineproduktion, Stilllegungsprämien und die Haltung zu Tierschutz.

Die Verknüpfung der EU mit Auschwitz ist ungewöhnlich, aber nachvollziehbar. Es erinnert uns wieder an unsere Geschichte

Der Autor zeigt uns Episoden, die den Leser auf unsere zeitgenössischen Probleme hinweisen, mit denen wir kämpfen: BREXIT, Flüchtlinge, Euro Krise, wachsender Rechtspopulismus und Terrorismus.

In diesen Episoden hat der Autor einen Mordfall versteckt, der jedoch nur die Aufgabe hat, den Verschwörungstheoretiker im Leser zu wecken.

5/5 Punkten

2. PROTAGONISTEN

Robert Menasse hat seine Charaktere liebevoll gezeichnet. Sie haben eine vollständige Vita. Der Leser erfährt ihre Vergangenheit und welche Pläne sie für die Zukunft schmieden. Sie Alle suchen Anerkennung und Liebe – sie folgen „the Pursuit of happiness“!



Fenia Xenopoulou, eine Zypriotin ist äußerst ehrgeizig. Sie ist Kommissarin des Bereichs „Kultur“. Durch einflussreiche Kontakte versucht sie, ihre Versetzung zu erreichen.



Martin Susman, einer der Mitarbeiter des Fachbereichs Kultur, wird mit der Ideenfindung zur Jubiläumsveranstaltung beauftragt. Er besucht im Rahmen einer Dienstreise Birkenfeld und Auschwitz. Dort hat er das folgende Erlebnis.

„Zwei Jugendliche sprechen Türkisch. Ein Lehrer fordert sie auf, hier nicht Türkisch zu sprechen, einer antwortet: Genau hier sprechen wir nicht deutsch.“
Martin Susmans Vater war Schweinebauer. Sein Bruder Florian machte aus dem väterlichen Betrieb den größten Schweinemastbetrieb Europa und versucht in Brüssel auf Martin politischen Einfluss zu nehmen und seine Interessen durchzusetzen.

„Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil ist Susmans Lieblingsbuch. Was soll das über ihn aussagen?



Professor Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, trauert seiner großen Liebe nach.

Eine sehr schöne Stelle im Buch: Eines morgens wandte er sich seiner Frau zu und „plötzlich in größter Erregung spürte er es: Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten.“
Zwei Jahre später stirbt seine Frau.



Kommissar Brunfaut muss aus politischen Gründen, die Ermittlungen in einem Mordfall, niederlegen. Nicht einmal mehr die Akten des Falls sind auffindbar.



Der Leser lernt David de Vriend kennen, als er gerade seinen Hausstand auflöst, um in ein Altenheim zu ziehen. Robert Menasse zeigt uns, dass David de Vriend mit dem Fortschreiten der Demenz zu kämpfen hat. Er hat in seinem Zimmer ein Notizblatt, auf dem Namen der Menschen geschrieben sind, die er kennt oder kannte. Sobald einer dieser Menschen stirbt, streicht er den Namen durch. Auch sein Name steht darauf.

Es fällt ihm schwer, sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Er floh als Kind vom Deportationszug, der seine Eltern in den Tod fuhr. Er ist einer der letzten Zeitzeugen.



Außerdem gibt es noch den Auftragskiller, der im Namen des Herrn tötet.



Sie alle sind die Schauspieler in „Die Hauptstadt“. Sie haben dem bürokratischen Moloch Europäische Kommission Leben eingehaucht.

5/5 Punkten

3. SPRACHLICHE GESTALTUNG

Robert Menasse zeigt hier einen für die Belletristik außergewöhnlichen Schreibstil. In einer dialektischen Erzählweise, oder einem Diskurs ähnlichen Stil, offenbart uns der Autor die Charaktere und die Themen des Romans.

Dadurch sieht der Leser nicht nur die Entscheidungen seiner Protagonisten, sondern auch, deren Beweggründe und die Abwägung derselben. Der Leser kommt dem vermeintlichen Menschen hinter den Figuren sehr nahe.

Termine für Lesungen von Robert Menasse.

5/5 Punkten

4.  COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

„Die Hauptstadt“ von Robert Menasse hat 459 Seiten, einen festen Einband und ist am 11.09.2017 unter der ISBN 9783518427583 bei Suhrkamp im Genre Romane erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,00 € und als ebook Text 20,99 €.

Das Cover ist weiß. Eine Häuserlinie ist angedeutet. Der Titel und der Autor werden durch das geradezu minimalistische Cover hervorgehoben. Auf die Fakten beschränkt!

5/5 Punkten

5. FAZIT

Robert Menasse hat den Focus auf europäisches Zeitgeschehen gerichtet. Er zeigt es uns, in Handlungen seiner Protagonisten oder Auswirkungen auf dieselben. Es ist ein wenig, wie Zeitung lesen. Es sind Meldungen aus dem Tagesgeschehen mit denen er uns an Dinge, wie das Widerstandrecht aus Artikel 20 Absatz 4, mit dem Motto „Resistance is possible“, erinnert. Die für das Buch erbrachte  vierjährige Rechercheleistung ist unbeschreiblich.

Mit „Die Hauptstadt“ ist es dem Autor gelungen, durch seine teils ironische Blickweise, der Rieseninstitution „Europäische Kommission“ eine menschliche Seite zu verleihen.

Der Autor zeigt, dass er „Show it, Dont Tell it!“ absolut beherrscht. Das Buch ist eine Freude zu lesen.

@Suhrkamp und NetdalleyDE
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.

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Connie Ruoff schrieb uns am 31.01.2018
Thema: Hannah Arendt: Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen

„WIE ICH EINMAL OHNE DICH LEBEN SOLL, MAG ICH MIR NICHT VORSTELLEN“ VON HANNAH ARENDT

1. KLAPPENTEXThannah arendt cover briefe

Freundschaft, so Arendt in ihrem Denktagebuch, gehört zu den »tätigen Modi des Lebendigseins«, und Briefe sind deren herausragende Zeugnisse. Dieser Band versammelt weitgehend unveröffentlichte Briefwechsel der politischen Philosophin mit ihren langjährigen Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil-Mendelsohn und Helen Wolff. Neben den gemeinsamen Projekten prägte die Freundschaften auch, dass alle Frauen die Wirklichkeiten von Emigration und Immigration kannten. Die Briefwechsel führen mitten hinein in Arendts Gedanken- und Arbeitswelt, sie
erzählen Privates und Alltägliches aus fünf sehr unterschiedlichen, intensiv gelebten Freundschaften.


2. ZUR PERSON HANNAH ARENDT



1924 lernte Hannah Arendt in Marburg Martin Heidegger kennen. Sie hatte ein Verhältnis mit den 16 Jahre älteren Familienvater. 1926 wechselte sich nach Freiburg zu Edmund Husserl und dann nach Heidelberg zu Karl Jaspers. Bei ihm promovierte sie über den „Liebesbegriff bei Augustin“. Auch Hans Jonas arbeitete dort über Augustinus.

Hannah Arendt heiratete Günther Stern bzw. Anders (Die Antiquiertheit des Menschen). Das Ehepaar flüchtete 33 nach Berlin. Dort wurde Hanne Arendt durch die Gestapo festgenommen und acht Tage inhaftiert. Heidegger trat im gleichen Jahr der NSDAP bei. Hannah Arendt erlebte somit selbst die „Entfremdung von Feinden“. Sie emigrierte ohne Papiere nach Paris. 1937 ließ sich das Ehepaar Arendt/Stern scheiden.

1937 wurde ihr die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. In Paris war sie Teil der Gruppe (Walter Benjamin, Erich Cohn-Bendit und Kurt Heidenreich und weitere) um Heinrich Blücher, ihren früheren Kommilitonen, den sie 1940 heiratete.

Im gleichen Jahr wurde das Ehepaar zusammen mit anderen interniert. Sie galten als feindlichen Ausländer. „Freunde internieren dich, Feinde schicken dich ins Konzentrationslager“.

Sie konnten flüchten und reisten über Lissabon aus. Walter Benjamin tötete sich selbst. In New York fand das Ehepaar eine Heimat. Hannah Arendt betrachtete sich selbst als „Amerikanerin“.

Eine wichtige Rolle fand sie als als Reporterin der Zeitschrift „The New Yorker“ in Israel beim Eichmann Prozess. Daraus gingen Reportagen und auch eines ihrer bekanntesten und bis heute umstrittesten Werke „Die Banalität des Bösen“ hervor Sie polarisierte. Dies und ihre Darstellung der Rolle der Judenräte eckte vor allem in Israel außerordentlich an. Langjährige Freunde wie Blumenfeld wandten sich von ihr ab. Ich empfehle hierzu den Film „Hannah Arendt“ von Margaretha Trotta mit Barbara Sukova.
Der interessierte Leser entdeckt in diesem Film auch Charlotte Beradt und lernt ein wenig vom „Mythos Hannah Arendt“ kennen. Das Buch zum Film findest du auch bei Piper, sowie zahlreiche weitere Bücher zum Thema oder von Hannah Arendt

3. ZUM INHALT

Ich habe Hannah Arendts Leben im vorigen Punkt zusammengefasst, weil es mir wichtig erscheint, was in ihrem Umfeld geschah, wo sie war, welche Erfahrung sie gemacht hat und in welcher Gefahr sie schwebte. Sie lebte viele Jahre damit, verfolgt zu werden, verlor Freunde an das System. Nur so kann man ermessen, welche Bedeutung „Freundschaft“ für Hannah Arendt hat. Nachzulesen in ihrem „Denktagebuch“.

Die Herausgeberinnen Ingeborg Nordmann und Ursula Lutz editierten die Briefen hervorragend und immer unter Arendts Begriff der Freundschaft. Namen wie Karl Jaspers, Martin Heidegger oder Blumenfeld kennt der Leser im Zusammenhang zu Hannah Arendt. Die Absenderinnen der hier veröffentlichten Briefe sind weniger bekannt. Deswegen gefallen mir die kurzen Biografien der Damen zur Einführung. Es sind private Briefe.

Die Briefe sind von unterschiedlichen Freundinnen, die mit ihr gemeinsam den Status der „Verfolgten“ hatten.

Ich war enttäuscht, dass es sich nur bei Hilde Fränkel um einen Briefverkehr handelt, bei den anderen sehen wir die Briefe der Freundinnen, aber wenig von Hannah Arendt. Dennoch zeigen die Briefe, in in welchem Verhältnis Hannah Arendt zu ihnen stand. Allerdings sagen die Briefe weniger über Hannah Arendt aus als über die Zeit, das Leben in dieser Zeit und über die Freundinnen.

5/5 Punkten

4. BRIEFE VON

Rose Feitelson (Briefe 1952 bis 1963) und Helen Wolff Briefe 1954. Der nachfolgende Briefverkehr, wenn auch einseitig, ist wirklich sehr intim, besonders die Briefe von oder an Hilde Fränkel haben mich sehr berührt und ich fühlte mich als unerwünschter Lauscher.

ANNE WEIL (BRIEFE 1945 BIS 1975)

160 Seiten an Briefen. Anne Weil ist die Jugendfreundin aus Königsberger Zeiten. Arendt bezeichnet ihre Beziehung zu Anne sei „wie ein warmes Tuch über den Schultern“. Es war eine sichere beständige Freundschaft ohne Risiken.

HILDE FRÄNKEL (BRIEFE 1949 BIS 1950)

Hilde Fränkel bekämpft zu dieser Zeit mit Tapferkeit ihre Krebserkrankung.
Der Ton ist der völlige Gegensatz zu Anne Weil:
Die Briefe von Hilde Fränkel sind voll stürmischer Gefühle.

Fränkel zu Arendt: „Du bist der einzige Mensch in meinem Leben, zu dem ich voll und ganz ja sage. Entweder fehlt das Menschliche oder das Geistige Du hast alles in vollstem Maße.“

Arendt antwortet: „Wie ich einmal ohne dich Leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“.

Man braucht nicht viel Vorstellungsvermögen, um die Tiefe dieser Freundschaft zu empfinden. Das ist Liebe.

Aber wie gesagt, genau bei diesen Briefen kam ich mir, wie ein Voyeur vor.

CHARLOTTE BERADT (BRIEFE 1955 BIS 1976)

Charlotte Beradt hatte mit Heinrich Blücher, Arendts zweitem Ehemann, schon vor ihrer Freundschaft mit Hannah Arendt, ein Liebesverhältnis. Dies weitete sich zeitweise in eine „Menage a trois“ aus. Charlotte war die, die Blücher und Arendt ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat gab. Sie sorgte für beide.

5/5 Punkten

5. COVER UND ÄUSSERE ERSCHEINUNG

„Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“ von Hannah Arendt, herausgegeben von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann hat 688 Seiten, einen festen Einband und ist am 01.12.2017 unter der ISBN 978-3-492-97837-8 bei Piper unter dem Genre Biografien erschienen und kostet 28,99 €.

Das Cover ist ein sehr apartes Foto der jungen Hannah Arend. In Interview aus den 60er oder 70er Jahren wirkt sie auf mich um einiges härter.
Die editorischen Notizen am Schluss des Buches und die Einführungen zu den unterschiedlichen „Briefwechseln“ gefallen mir gut. Man erfährt einige Eckdaten der Brieffreundinnen und erkennt die Gemeinsamkeiten oder auch Unterschiede, das erleichtert das Verständnis.

5/5 Punkten

6. FAZIT

Die Briefe sind Zeitdokumente einer Zeit vor meiner Geburt. Die Briefe waren für mich Farbklekse auf eine Tabula rasa, einer leeren Tafel, deren Gesamtheit ein dunkles Abbild dieser Zeit mit kleinen strahlenden Punkten, die den Mut und die Tapferkeit im Alltag der Emigration und Immigration der Frauen darstellen.

Ich möchte betonen, dass diese Rezension keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit hat. Hannah Arendt hätte noch viele weitere Seiten Ausführung verdient, aber das würde den Rahmen sprengen. Deswegen dieser kleine Ausflug in „Hannah Arendts Welt“.

@netgalley und Piper
Vielen Dank für dieses bemerkenswerte Rezensionsexemplar! Die Briefe sind wahrlich Zeitzeugen!

Ich vergebe insgesamt 5/5 Punkten.



Connie’s Schreibblogg ää

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Alexandra Richter schrieb uns am 01.01.2018
Thema: Lorenz Jäger: Walter Benjamin

Brauner Schnee von gestern
Wider die neueste Walter-Benjamin-Biographie

„Porträt eines jüdischen Bolschewisten“ wäre sicher der zutreffendere und die Katze gleich aus dem Sack lassende Untertitel für dieses dem „Leben eines Unvollendeten“ gewidmete Buch gewesen. Neues biographisches Material wird nicht vorgelegt. Stattdessen zeichnet Lorenz Jäger Walter Benjamins Denken entlang der beiden als Schimpfwörter und nicht als theologisch-politische Kategorien gefassten Bezeichnungen nach. Einerseits beschäftigt den Autor die als Rätsel und Geheimnis verpackte Frage, was denn „das Jüdische“ sei, mit der Benjamins intellektuelle Leistung von der Geschichte der deutschen Philosophie
losgekoppelt und als kabbalistische Spintisiererei abgetan werden soll. Zugleich warnt Jäger vor der angeblich unerkannt in Benjamins Schriften schlummernden Gefahr eines Aufrufs zu Klassenkampf und Weltrevolution. Der Bogen spannt sich so von einer perfiden Zu- und Festschreibung jüdischer Identität aufgrund von Herkunft und Physiognomie (der Beruf des Vaters nicht weniger als Benjamins Gesichtszüge und Körperhaltung) zu der absolut haarsträubenden Hitlerschen Gleichsetzung von Juden, dekadenten Literaten, Deserteuren, Vaterlandsverrätern und Kommunisten. Dass solche Behauptungen als Argumente in Deutschland im Jahre 2017 öffentlich ins Feld geführt werden können, ohne einen größeren Skandal zu erregen – Micha Brumliks Stellungnahme in der taz und eine Besprechung von Harald Loch in der Jüdischen Allgemeinen waren seltene kritische Echos –, mutet erst einmal gespenstisch an.
Es beginnt mit Benjamins allererstem Text, einem Märchen, aus dem Jäger nur ein Motiv herausliest: den Kaufmann, die Hauptfigur der Erzählung, ein zweiter Ritter Blaubart, der als die jüdische Vatergestalt identifiziert wird. Dessen Haus, das einzige, das nicht unter dem Schutz eines Heiligen steht, wie auch dessen internationale Tätigkeit, kurz das "Anderssein" des Kaufmanns, das die spannungsgeladene Atmosphäre im Text erzeugt, sind für Jäger Ausdruck des jüdischen Unangepasstseins, der nicht gelungenen und deswegen unheimlichen Assimilation. Seine Interpretation - "Abstrakt und monumental wird ein jüdischer Händler skizziert" (S. 12) und die Gleichsetzung von verbotenem Zimmer (dem beim Händler wohnenden Mädchen wird der Zugang zu dem oberen Zimmer ausdrücklich untersagt) und angeblichem Tabu von Benjamins jüdischer Herkunft (S. 13) - ist nur das erste Beispiel eines immer wiederkehrenden Schemas dieser radikal voreingenommenen Lektüre. Dazu gehören auch Belege durch historische Standardwerke für antisemitischen Stereotypen. Sie sollen z.B. dem „internationalen Prinzip des Jüdischen“ einen wissenschaftlichen Anstrich geben: „In einer Umwelt, die durch ihr Alter ausgezeichnet ist und in traditionellen Bahnen ihren Handel betreibt, vertritt dieser Kaufmann ein anderes Prinzip, das internationale, das des Fernhandels im großen Stil, durch den exotische Waren ins Land kommen. Damit wird das Jüdische angedeutet“ (S. 12). Die Passage verweist in der Fußnote auf das Handbuch der europäischen Geschichte. Noch problematischer ist das Zitieren kritischer jüdischer Stimmen, die judenfeindlich umgemünzt werden. So soll zum Beispiel eine inoffizielle „Berufsstatistik“ von Benjamins Freund, dem Historiker des Judentums Gershom Scholem, einen Satz wie „der Kaufmannsberuf aber war zu dieser Zeit für deutsche Juden typisch“ (S. 14) legitimieren. An anderer Stelle fragt sich Lorenz Jäger, warum die Benjamins Weihnachten feiern, „obwohl Christi Geburt an sich für Juden kein Fest sein kann.“ (S. 18). Der Autor lässt durchblicken, dass Juden nicht wirklich Christen und daher auch nicht Deutsche sind. Ihre Anpassung an christliche Bräuche und deutsche Kultur ist vorgetäuscht und geheuchelt.
Perfide ist auch die Art und Weise, wie Stellen aus Werk und Zeugnissen zusammengestellt werden. Kein missliebiges Urteil von Freunden oder Bekannten wird ausgelassen: Benjamin ist ein Schuft, der seine Freunde verrät (S. 40), ein Simulationskomödiant, der sich vorm Kriegsdienst drückt (S. 45), ein Vaterlandsverräter (S. 86), ein Jude mit Adlernase, in dessen Gesicht die List des Weisen zu lesen war (S. 47), der Angehörige des „Pariavolkes“ (S. 48), der mit der Hure solidarische Literat (S. 32). Der dahinter stehende ideelle Gewährsmann wird in der dazugehörigen Fußnote genannt: „Für Hitler waren  und  meist synonym. Die russische Revolution habe  gesichert“ (S. 346). Es ist kaum zu glauben: Hier wird Mein Kampf in der Ausgabe von 1943 zitiert und als Argument herangezogen.
Durch dieses Prisma werden nun die verschiedenen Stationen von Benjamins Lebensweg „neu“ beleuchtet: Tatsächlich (und zum Glück) sind der Forschung die so aufgezeigten „Parallelen“ bisher entgangen, wie zum Beispiel, dass es seit dem Vormärz „Jüdische Kritiker der deutschen Literatur“ gab (S. 91). An einer solchen Feststellung ist erst einmal nichts auszusetzen. Nur ist der von Jäger daraus gezogene Schluss paranoid: Benjamin mache in seiner Dissertation die (jüdische) Kritik stark, um die (deutsche) Dichtung anzugreifen. In dieser „Selbstermächtigung des Kritikers und Prosaisten gegenüber dem Dichter“ (S. 92) erkennt der Biograf eine verborgene Strategie, ein jüdisches Komplott. Auch die grundlegende Idee der Frühromantiker, die Benjamin in seiner Promotion herausarbeitete, dass nämlich die Prosa „die Idee der Poesie“ sei, steht bei Jäger für die (politische) Intention, die deutsche Dichtung in jüdisches Literatentum umzuschreiben. Die Akzentverschiebung ist klar erkennbar: nicht Deutsche waren judenfeindlich, sondern die Juden sind anti-deutsch. In diesem Sinne ist es Jäger auch ein Bedürfnis, die Diskussion um die Ablehnung von Benjamins Habilitation, die seiner universitären Karriere ein Ende setzte, erneut aufzurollen und die damaligen „deutschen“ Professoren in Schutz zu nehmen. „Schulz hatte von 1914 bis 1918 gekämpft und war dafür mit dem Ritterkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden.“ (S. 152) Und Cornelius hatte wohl nicht ganz unrecht, so läßt Jäger anklingen, wenn für ihn der so unverständlich schreibende Benjamin „den Studierenden kein Führer“ (S. 153) sein konnte.
Die Freundschaft zwischen Benjamin und Rang (über den Jäger promoviert hat) wird als exemplarisch für das deutsch-jüdische Verhältnis hingestellt, auch hier wieder mit einer Verschiebung, die man erst beim zweiten Lesen wahrnimmt, nämlich als exemplarisch für ihre Unvereinbarkeit. So habe für Benjamin die Hauptschwierigkeit darin bestanden, „als Jude zu deutschen Problemen“ (S. 124) Stellung zu nehmen. Denn, so Jäger an anderer Stelle: „Der europäische Krieg konnte nicht der Krieg der Juden sein“ (S. 56). Dass Benjamin dem Ersten Weltkrieg aus Überzeugung fernblieb, wird als Feigheit, seine dezidiert pazifistische Position nach dem Selbstmord seines Dichterfreundes Heinle als fehlender Patriotismus ausgelegt: „Der Erste Weltkrieg fand währenddessen ohne Benjamin statt“ (S. 44). Und alles nur, um dann die Frage zu stellen, die sich in der Tat und zu Recht noch niemand, weder in Deutschland noch anderswo, gestellt hat: „In welchem Sinne war Benjamin deutsch, vom Bildungsgang und von der Staatsangehörigkeit einmal abgesehen?“ (S. 103)
Nach und nach und in feinsten bis gröbsten Dosierungen werden dem Leser Klischees und Gemeinplätze des antisemitischen Propagandamaterials verabreicht. Dabei stützen sich Zitate und Quellen fast ausschließlich auf Benjamins Schriften sowie auf die von Erdmut Wizisla unter dem Titel Begegnungen mit Benjamin zusammengestellte Auswahl persönlicher Zeugnisse. Dies wirft ein weiteres bezeichnendes Licht auf die Absicht des Verfassers. Indem so gut wie keine Forschungsliteratur zitiert und die weltweite, Disziplinen übergreifende Diskussion, die Benjamins Schriften hervorgerufen haben, totgeschwiegen wird, entsteht der Eindruck eines um sich selbst kreisenden, wirkungslosen Werkes, dem positive Originalität abgesprochen wird. Benjamin habe lediglich deutsche philosophische Begriffe jüdisch „umgeprägt“ (S. 53) oder klassische Texte der deutschen Literatur wie Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften „mit theologischen Kategorien überschrieben“ (S. 115). Wo Benjamin in einem Nachtrag zu seiner Arbeit Ursprung des deutschen Trauerspiels eine Affinität, das heißt Nähe und Übereinstimmung, mit Goethe erkennt und festhält, sieht Jäger ein Umfärben am Werk, ein weiteres Moment dieser unendlichen Geschichte der misslungenen Aneignung und in fine unmöglichen Assimilation an deutsche Kultur. Diese Stoßlinie führt direkt in die Ecke der Geschichte, in die Jäger Benjamin gerne stellen würde, in der er aber schon zu seinem Lebzeiten nie stand und in die ihn auch keine noch so „belastende“ Biographie zu drängen vermag. Ging es doch Benjamin nicht um spezifisch „Jüdisches“, sondern um Theologie und um die in ihr enthaltenen und tradierten Versprechen. Gerade im Passagenwerk, aber auch in seinen literaturkritischen Schriften kommt der Theologie (die ja bekanntlich klein und hässlich ist und sich nicht mehr zeigen darf) die Funktion einer nicht explizit genannten Methode des Lesens der Welt zu: Sie soll aufdecken, wo begrabene Hoffnungen liegen.
Als zweiter Reizpunkt fungiert bei Jäger der linke, der rote Benjamin. Einen ersten Hinweis auf die brennende Gefahr seiner Schriften sieht Jäger in dem wie der biblische Dornbusch glühenden roten Haarschopf des Philosophen (S. 22), in seinem Pseudonym „Ardor“ (S. 22), aber auch in seinem Vornamen Walter, der auf die gleiche Wurzel wie „Gewalt“ zurückgehe (S. 18). Das Geburtsjahr 1892 („Denn was hieß es, 1892 geboren worden zu sein?“ S. 19) wird bei Jäger zum Startschuss eines politisches Programms, nämlich der Entscheidung zwischen rechts- oder linksradikal. Laut der von Jäger zusammengestellten Liste kamen außer Benjamin auch Dollfuss, Franco und Tito in jenem Jahr zur Welt, sowie Oswald Pohl, einer der Organisatoren des Holocausts, und der SA-Führer Gregor Strasser (S. 20). Dass sich Benjamin für die linke Seite der Trennlinie entschied, wird ihm als proton pseudos, als Urfehler, angelastet: „Benjamin hatte die späteren Jahre des Krieges [...] im Ausland verbracht, während die Schriftsteller, die sich in der Weimarer Republik nach rechts wandten [...] als Soldaten gekämpft hatten. Das war eine lebensgeschichtlich begründete, erfahrene Trennlinie, die durch Argumente und noch so subtile analytische Kraft nicht mehr zu überbrücken war.“ (S. 89) Auch die Dissertation gerät in dieses ideologische Schussfeuer. Sie erscheint als Position im Streit zwischen linker, antibürgerlicher Avantgarde und rechter, den Nationalsozialismus vorbereitender Spätromantik. Die Ästhetik wird so für Jäger zum „Kriegsschauplatz zwischen faschistischer und linker Politik“ (S. 100). Nicht weniger als die religiöse erfolgt auch die politische Zuschreibung bei Jäger aufgrund von willkürlich konstruierten Analogien und Ähnlichkeiten. So soll die Widmung der Einbahnstraße an Asja Lacis, die laut Benjamin diese Straße im Autor „als Ingenieur“ durchgebrochen habe, ein Bekenntnis zum Stalinismus sein, da Stalin die Schriftsteller als „Ingenieure der Seele“ (S. 162) bezeichnet hat.
Quer durch Benjamins Leben spürt Jäger Spuren von Radikalismus und Extremismus nach, dabei Thomas Manns Porträt des frankophilen Zivilisationsliteraten folgend: „Er hat des Jakobiners Hang zur Anarchie und zum Despotismus, zur Sentimentalität und zum Doktrinarismus, Terrorismus, Fanatismus und zum radikalen Dogma, zur Guillotine. Er hat seine schreckliche Naivität. Er ist, wie jener, ein Humanitätsprinzipienreiter mit der Vorliebe fürs Blutgerüst“ (S. 37). Sämtliche intellektuelle Stationen Benjamins erscheinen versehen mit Warnlichtern vor extremistischen Tendenzen: Der Jugendbewegung ging es um die „Abkehr vom Bürgertum“ (S. 22), die Forderung des Tages zu Beginn des ersten Weltkriegs war „Radikalismus“ (S. 35), den Dadaisten ging es um eine Weltrevolution gegen Deutschland (S. 82), die Avantgarde war eine Form von „Fundamentalismus“ (S. 89). Benjamins „Denken in Extremen“, wie er es in einem Brief an Gretel Adorno einmal beschrieb, wird bei Jäger zu einem „extremen Denken“. Generell wird das Brutale, Unmenschliche, Radikale hervorgehoben und ausgiebigst zitiert, z.B. wenn Benjamin in einem Brief von der „Kampfgesinnung“ (S. 51) der linken Politik spricht. Die jüdischen Intellektuellen, mit denen Benjamin in regem und engem Austausch stand, erscheinen als verkappte Kriegshetzer und Weltumstürzler. Ernst Bloch war ein „erschreckend mächtiger Jude [...] eine brutale Naturkraft, die sich nicht ohne Eitelkeit das Ziel gesetzt hat, die Welt umzudenken“ (S. 85), Goldbergs Buch Die Wirklichkeit der Hebräer eine „Kriegslehre“ (S. 59), Gutkinds Theorie des jüdischen Rituals eine „Geheimwissenschaft“ (S. 62). Wenn Scholem witzig und geistreich von den drei „Sekten“ (S. 65) spricht, die das deutsche Judentum hervorgebracht habe – gemeint sind die Warburg-Schule, das Institut für Sozialforschung und der Kreis um Oskar Goldberg – wird diese Bezeichnung von Jäger als faktische Kategorie zur Darstellung des jüdischen Umfeldes herangezogen. Zahlreiche Studien aus dem Umkreis der Benjamin-Forschung (z.B. Gabriele Guerra, Judentum zwischen Anarchie und Theokratie oder Michael Löwy, Juifs hétérodoxes) haben längst die Komplexität und das breite, bis zur Heterodoxie reichende Spektrum jüdischer Intellektualität aufgezeigt, die sich nur schematisch auf einen Nenner bringen lässt.
Dabei wird immer wieder auf die Ähnlichkeit von links- und rechtsradikal, von konservativ-nationalistisch und jüdisch-revolutionär verwiesen, als ließen sich dadurch historische Verfehlungen aufwiegen oder gar wiedergutmachen. So findet Jäger, dass sich im Vergleich zum Entwurf einer Kathedrale des mit Benjamin befreundeten Dadaisten Johannes Baader Speers „Germania“ „regelrecht mickrig“ (S. 82) ausnehme. Die „genealogische Kette“ (S. 53) der Juden, der „Zusammenhang der Geschlechter“ (S. 54), die Überzeugung, in einer „Blutreihe“ zu stehen (S. 54, Scholem-Zitat), ist für Jäger eine „Akzentuierung ethnisch- genealogischer Gedankengänge“ (S. 55), also eine andere Form von Rassismus, die „auch im Judentum erst nach 1945 in den Hintergrund trat“ (S. 55). Und im Hinblick auf die stalinistischen Säuberungen heißt es im Ton der Rechtfertigung: „Nicht nur das nationalsozialistische Deutschland fuhr einen harten Kurs.“ (S. 298). Diese nicht nur historisch höchst zweifelhaften Parallelen sollen dem Leser wohl suggerieren, dass die historische Schuld rechts und links gleichermaßen verteilt liegt. Jägers Präferenz geht dabei aus dem Aufbau seiner Argumentation implizit hervor. Dies zeigt bspw. die Verformung von Horkheimers These, der Kapitalismus habe den Antisemitismus produziert. Durch Jägers Gleichsetzung von Kapitalisten und jüdischen Händlern liest sich diese These plötzlich so, als seien die Juden selbst an ihrer Vernichtung schuld: „Judenfeindschaft ist demnach die bloße Überbau-Spiegelung der zunehmenden Steuerungstendenzen in der Wirtschaft.“ (S. 322) Nicht anders verfährt Jäger mit dem Satz „kein Ruhm dem Sieger, kein Mitleid den Besiegten“, der sich unter dem Titel „Problem der Tradition II“ in einem Nachlasskonvolut aus dem Umkreis der Thesen befindet. Geht es Benjamin darum, dass die Besiegten nichts vom Mitleid haben, da sich dadurch ihre Situation nicht grundlegend verändert – der Satz drückt für ihn „die kongenitale Schwäche des deutschen Bürgertums“ (GS I:3, S. 1237) aus –, gehört für Jäger dieser Satz „zur Gattung des Revolutionskitsches [...] Seine inhumane Botschaft schreit, wie man fast sagen möchte, zum Himmel“ (S. 329).
Benjamins „Linkstotalitarismus“, so Jägers These, war schon in der frühen Metaphysik angelegt, in der Sprache der Dinge, deren korrespondierende Seite der säkulare, d.h. marxistisch Messianismus sei. „Wir werden sehen, wie aus der Veränderung der  proletarischer Klassenkampf und kommunistische Partei werden“ (S. 77), prophezeit der Autor. Denn der Klassenkampf, so Jäger, war „für Benjamin die Hauptsache“ (S. 38). „Revolution, Messianismus und Kunstavantgarde [bilden] eine Gedankenfolge“ (S. 89). Auch die Sprache trete bei Benjamin in den Dienst des Klassenkampfes (während Benjamin vom Kampf gegen den Faschismus und im Kunstwerkaufsatz von nicht faschistisch verwertbaren Begriffen spricht!), dieser „gnadenlosen fixen Idee“ (S. 308). Dieser bilde auch die Grundlage der achtzehn Thesen über den Begriff der Geschichte, Benjamins letztem Text, zu denen die achtzehn Kapitel von Jägers Buch gewissermaßen Gegenthesen aufstellen: „Der eine Hauptbegriff der Thesen ist der Klassenkampf. Der andere ist Erlösung.“ (S. 325). Bei diesem letzten Text nun erreicht die Fehlleistung von Jägers Lektüre ihren Höhepunkt. Benjamin mache sich in den Thesen „die allerhärtesten bolschewistischen Maximen“ zu eigen (S. 327). Sein Bild vom Schachautomaten entspreche „sehr genau einer Verschwörungstheorie, wie sie die Nationalsozialisten für den  behaupteten“. Die dazu gehörige Belegstelle aus Mein Kampf mit „Hitlers zentrale[r] Formulierung“ (S. 377) folgt stante pede: „siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totentanz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen.“ (ebenda) So rechtfertigt die planetarische Gefahr von Benjamins Thesen a posteriori noch Hitlers Exterminationspolitik!
Wir haben es also mit einer durch und durch „politischen Biographie“ zu tun, wie Jäger seine vorhergehende Arbeit zu Adorno gattungsgeschichtlich definierte. Auch dort gab es Assoziationsreihen in Bezug auf das Geburtsjahr. Auch dort ging es um das Aufzeigen eines Gescheiterten und Unvollendeten, eines wirkungslosen, jüdisch-marxistischen Intellektuellen. Nun ist es grundsätzlich nicht verwerflich und in andern Ländern wie Frankreich sogar üblich, einen Autor auch im Hinblick auf seine politische Wirkung und Implikation zu befragen. Doch was Jäger hier vorlegt, ist ideengeschichtliche Fälschung. Ging es Benjamin doch in seinen politischen Schriften um das Politische als philosophisches Problem. So zielte Benjamins Projekt einer Schrift zur Politik mit dem Titel Der wahre Politiker auf eine philosophische Auseinandersetzung gerade auch mit theologischen Heilsversprechen. Im selben Sinn geht es in den Thesen um den „Begriff der Geschichte“, um das „Bild der Vergangenheit“, das von den politischen Parteien unterschiedlich gefasst und instrumentalisiert wird. Und auch der Text Zur Kritik der Gewalt ist weder eine pazifistische Kampfschrift noch eine Rechtfertigung linker Aufstände (als die sie in den 1970er Jahren rezipiert wurde), sondern eine Infragestellung und Grenzziehung zwischen dem eigentlichen politischen Bereich von Recht und Gewalt und dem theologischen der Gerechtigkeit. Die Chance, mit Benjamin und von seinem Denken ausgehend eine Kritik der linken Politik zu konstruieren, wurde hier vergeben.
Politik lässt sich weder mit philosophischen noch mit biographischen Mitteln (wie hier) fortführen. Dass das Leben eines Menschen mit seinem Werk nicht identisch ist hat, hatte Benjamin in seinem Wahlverwandtschaften-Aufsatz gegen Gundolf angemahnt. Ebenso fragwürdig ist eine Übersetzung von Biographie in Ideengeschichte und Politik. Brods Kafka- Biographie warf Benjamin Voreingenommenheit und fehlenden Erkenntniswert vor. Auch Jägers Buch muss sich den Vorwurf der Voreingenommenheit gefallen lassen, sagt es doch mehr über seinen Autor als seinen Gegenstand aus. Der Erkenntniswert allerdings scheint indirekt erhalten zu sein, zeigt sich hier doch eine aktuelle Tendenz deutschen Denkens. Diese wurde in der Badischen Zeitung vom Historiker Jörg Später zutreffend als „die Wunde Benjamin“ bezeichnet. Warum eine Verletzung oder zumindest Kränkung des neuen rechten Denkens vorliegt, woher diese rührt und warum in diesem Buch die Tarnkappe wieder neben dem Stahlhelm hängt, sind im Kontext von Leitkulturdebatte und Antisemitismus-Dokumentation Fragen von akuter Aktualität.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 16.12.2017
Thema: Gerhard Schweppenhäuser / Christian Bauer: Ethik im Kommunikationsdesign

Gerhard Schweppenhäuser, einer der anregendsten Denker aus dem Kontext der Frankfurter Schuler, der sein Vater noch zuzurechnen war, muß man kaum vorstellen, er legte als Herausgeber etwa den exzellenten Band Impuls und Negativität. Ethik und Ästhetik bei Adorno (Hamburg, Berlin 1995) vor und ist Verfasser u.a. einer klugen Untersuchung von Adornos Ethik nach Auschwitz (Hamburg 1993) und einer souveränen Adorno-Einführung für Junius (Hamburg 1996), denkt ferner immer wieder das Verhältnis von Kommunikationsbedingungen, Inhalten und möglichen Ethiken neu, bis hin zu adornianischen Reflexionen zu „Naddel" (Biefeld 2004).

Mit Christian Bauer, einem jungen Medienwissenschafter der FH Würzburg, hat er nun
einen umfang- wie facettenreichen Band zu Ethik im Kommunikationsdesign vorgelegt, Untertitel: Verständigung, Verantwortung und Orientierung als Kriterien visueller Gestaltung.

Der Band beschreibt einerseits in Grundsatzüberlegungen und andererseits anhand von Fallstudien, was heute kommunikatives Handeln sei: sein könne und sein müsse. Dabei wird durchaus mit Ironie operiert, etwa im Wissen, daß die Welt betrogen sein wolle, wobei Walter Serners Letzte Lockerung das Motto liefert.

Ironie brauche es wegen der „soziale(n) Bühne der Öffentlichkeit", die kein zufälliges Bild sei – bis hin ins Technische:

„Just jene Weise des Dialogs, die am ehesten demokratischen Maßstäben gerecht wird, ist nicht ohne einen gewissen Elitarismus […] zu realisieren. Der Traum egalitärer Kommunikation scheitert […] an den wesenseigentümlichsten Beschränkungen"…

So gehe es also um Handlungsmodelle, die beides verbänden, „exemplarisch handeln" müsse man, so die Autoren mit Arendts Denktagebuch, ohne es sich zu billig zu machen, die Schwarmintelligenz der netizens wird jedenfalls gründlich nicht dekonstruiert, sondern schon auseinandergenommen.

Vor diesem Hintergrund wird dann in Detailstudien diskutiert, worauf zu Pauschales keine Antwort fände. „Geht es um Gebrauchsanleitungen für eine Herz-Lungen-Maschine oder für Landminen?" – Das müßte man wissen, ehe man ein Design als hilfreich bewertet. Sind Darstellungen der FGM („Female Genital Mutilation") dokumentierende Anklagen oder Anleitungen – bzw.: Wozu können sie werden? Wie ist mit Organspenden umzugehen, ab welcher Sicherstellung wären sie bewerbbar?

Dabei zeigt sich vor allem, wie Detailwissen, Grundlagenfragen und Designkenntnis ineinander verschränkt sind, daß also Kommunikationsdesign nicht einfach etwas optimiert, das, wofern da kommuniziert werde, schon einmal gut sei. Und auch die Zwiespältigkeit etablierter Designs – Travestierbarkeit und Optionen der Kritik – werden durchgespielt.

Das Ergebnis ist ein höchst anregender Band, der manchmal kein Ganzes ergeben will (das ja adornianisch auch „das Unwahre" wäre), aber viele Impulse liefert und einen produktiv irritiert und belehrt.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 09.12.2017
Thema: Ann-Cathrin Drews / Katharina D. Martin (Hg.): Innen – Außen – Anders

Der Band Innen – Außen – Anders, der u.a. Körperkonzepten im Werk von Gilles Deleuze und Michel Foucault nachspürt, ist eigentlich eine überaus anregende (und quasi „rhizomatische") Fußnote zu den Texten der beiden, und zwar genauer zu dem, was aus diesen und anderen Texten in ihrer glänzenden Studie Innen des Außen – Außen des Innen einst Petra Gehring (München 1994) ableitete.

Das mag nun wie eine Relativierung der Bedeutung dieses neuen Bandes klingen, so aber ist es nicht gemeint – denn die Detailuntersuchungen entsprechen dem, worum es geht: keine Einheit, sondern eine Vervielfältigung, immer wieder der „Augenblick der Verwirklichung", wie mit Deleuze
Angelika Seppi es formuliert.

Nach einer Einleitung samt Reverenz bzw. Referenz zu Gehring wird das Feld nochmals und teils neu abgesteckt, das dann aber auch gerne verlassen wird. Die „aparallele Entwicklung" (Deleuze & Parnet) wird dabei, so die Herausgeber, zu dem, worin Einheiten sich negieren und scheinbar neu konstituieren, ob man sie nun „Körper" oder anders nennt. Dem folgen Überlegungen zum Abbild versus Trugbild, zur „Umlenkung" (Deleuze), die aber fraglich bleibt, wie Irene Breuer ausführt. Was etwas sei, entstehe ja erst durch „Differenz und Wiederholung", durch beide, unvermeidlich: eine „Unendlichkeit von Abbildern" (Deleuze) sei das „Sein".

Hieraus werden gender-Fragen diskutiert – der Körper als Montage von (Geschlechts-)Identitäten in Anna Schobers spannenden Ausführungen –, ebenso aber, was Disziplin sei, nämlich die „gewissenhafte[n] Liebe zum Detail", was umschlagen könne, denn von dieser bei Pierre Buhlmann zum Monster, das gegen das (Natur-)Gesetz verstoße, wie mit Foucault Kerstin Borchardt diskutiert, ist es nicht weit.

Insgesamt ist der Band, der sehr ideen-, material- und kenntnisreich ist (was zu einer gewissen Unübersichtlichkeit in den Fußnoten der Einleitung führt), an den Themenkreisen Interessierten wärmstens zu empfehlen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 09.12.2017
Thema: Monster und Kapitalismus: Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2/2017

Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaften thematisiert Monster und Kapitalismus. Monster seien, was der Kapitalismus durch Ausschließung dessen, was nicht profitabel ist, entstehen: „Wo hört der Zombie auf und wo beginnt der Mensch?"

Der Zombie, den Ben Fine so als Produkt liest, ein „Abfallprodukt" zumindest, ist aber zugleich Problem des ihn schaffenden Systems: Kapitalismus sei vor allem die „Sorge [...] um die ungehinderte Zirkulation des Kapitals", so Patricia A. Gwordz in ihrem Essay zur Mutterschaft, er sei also um „Normalisierung" bemüht, weswegen noch
der Nur-mehr-Konsument, der prima vista kapitalismustauglich scheint, wie der Zombie integriert werden müsse: Oniomanie, also krankhafte Kauflust, behandelt im vorliegenden Heft Uwe Lindemann.

Mütterlichkeit wäre also aufzulösen, Kapitalstauung – und das Alter. Wohl dürfe alles „revolutionssatt" sein, „handlungsmüde" akkumulierend aber nicht, so Solvejg Nitzke.

Ein Loblied auf das Sterben sind folglich Thomas Machos Ausführungen zum Vampir, worin „unauffällige Rentner in Polyesterkleidung" die wahren Monster (oder einfach das Problem) seien. Das ist originell, wie es Macho meist ist; dennoch sei angemerkt, daß große Teile des glänzend formulierten Beitrags im Windschatten Ungenannter argumentieren, zum „sensibel, mitleids- und liebesfähig" gewordenen Vampir sei u.a. auf Clemens Ruthners Aufsatz zu diesen Ambivalenzen aus dem Jahr 2000 bzw. erweitert 2003 verwiesen.

Der Band eröffnet jedenfalls Metaphern und Figuren der Diskurse entlang Möglichkeiten, den Kapitalismus klarer zu sehen. Abgeschlossen wird er mit Diskussionen, etwa jener, was das sei: die Kulturwissenschaft(en). Erfüllen oder verraten kulturwissenschaftliche Diskurse sich, wo sie „gesellschaftsbezogen" agieren?

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Martin A. Hainz schrieb uns am 27.11.2017
Thema: Die Stimme schafft das Gesetz: Nancy und der kategorische Imperativ

Jean-Luc Nancys Schriften zum kategorischen Imperativ sind bemerkenswerte Exerzitien im Grammatischen: Der Imperativ sei keine Verbform, die nicht „von dieser Welt" sei, er zeige, beschreibe oder argumentiere nicht. Nichts spräche also für den Imperativ, auch nicht das Imperium, Rom sei die Welt, aber „Rom", das metaphysisch „sich […] durch das Recht ausspricht", hat sich immer „schon wiederholt".

Darin bestehe dann so etwas wie der Bezug des Imperativs auf die Wahrheit, seine „Wahrheit wird vorgeschrieben aufgrund ihres Entzugs": „Der Imperativ will gerade nichts bedeuten", so formuliert Nancy: „Aber gerade das bleibt uns zu denken."

Diesen Gedankengang
entwickelt Nancy wie angedeutet in einer Reihe von hier versammelten Texten, Lektüren Kants und Nietzsches und Überlegungen zu den Prinzipien, die Athen und Rom seien: „Die Stimme schafft das Gesetz", metaphysisch-juridisch.

Es sind Aufsätze, die teils aus den späten 70er und frühen 80er Jahren stammen, samt einem Vorwort von 2007. Die Texte sind also nicht neu, aber sie sind unverbraucht und noch immer brauchbare, empfehlenswerte Beiträge zu – nicht nur akademischen – Fragen der Gegenwart.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 14.11.2017
Thema: Es gibt ihn – und wie verstünde man ihn?

Der vorliegende Band, The Hermeneutics of Hell, herausgegeben von Gregor Thuswaldner und Daniel Russ, befaßt sich mit Visionen des Teufels – und, was dem zuweilen irritierend christlichen Unterton jedenfalls der Herausgeber entspricht, auch seinen Repräsentationen, mitunter entsteht der Eindruck, es gehe nicht um Philologie und Texte, sondern um (Krypto-)Theologisches: Der Teufel existiere, nun gehe es an Texte zu ihm.

Das ist bedauerlich, weil in diesem Rahmen sehr lesenswerte Detailstudien nicht nur für Gläubige geboten werden, zu Texten, die konstituieren, was Hölle und Teufel seien, aber damit auch, was das Böse ausmache … folgenreiche Literaturgeschichte also, bis in Atmosphären des Politischen oder
in die Jurisdiktion. Und eigentlich entwickeln auch die Herausgeber etwas anderes, neben dem „devil we know", was nicht ironiefrei gesagt ist, gebe es mehr, seien „very different devils", statt „the devil […] devils that come in many guises". Und wir seien darum womöglich ahnungs- und hilflos vor „the malovent tricksters we thought we knew." Dies seien Abbilder und Konstitutionen von Bosheit, teils, so möchte man ergänzen, aber auch der Praktiken jener, die hiermit andere verdammten; gleichwohl ist der Teufel wohl „a very important literary being", wobei aber um Hegels Urteil ein Bogen gemacht wird, daß dessen „Identität mit sich" nur bedingt literaturtauglich sein könnte.

An diese Einleitung schließen Betrachtungen zu einzelnen Texten und Textzusammenhängen an, mit je als prominentem Epizentrum dem Teufel, aber auch mit dem, wofür er stehe, etwa die Prüfung (tentatio), die bei Luther gleichsam zwischen religiöser Praxis und teuflischer Heimsuchung – „temptation" – stehe: „Oratio, Meditatio, Tentatio"… An dieses lesenswerte Ausloten von Carl P.E. Springer schließt u.a. David Johannes Olszynskis Aufsatz über den „Discourse on the Devil in the Early Modern Age in Georg Bernhardt S.J.'s Tundalus Redivivus (1622)" an, die Frage, ob Literatur, wenn schlüpfrige Rhetorik des Teufels sei, nicht an sich verdächtig sei, behandelt David Parry ausgesprochen spannend, mit u.a. Hamacher diskutiert Caroline Sauter die „Diabolic Logic of Logos" in Goethes Faust, wobei die Exegese des Übersetzenden dessen wie des Urtexts Defizite verhandle, Milton und Goethe werden unter den Stichworten „Literature, Theology, Survival" von S. Jonathon O'Donnell einer von Derrida inspirierten Lektüre unterzogen und Dostojewski steht im Zentrum von Irina Kuznetsovas Beitrag.

Hier nimmt das Projekt Gestalt an und Fahrt auf, auch wenn die naheliegende Beschränkung der Texte auf christliche – und also auch christliche Kontexte – den Anspruch, es gehe um Weltliteratur, fraglich erscheinen läßt. Besser wäre es gewesen, den Akzent aufs Transkulturelle zu setzen, durch Zeiten hindurch, komparatistisch, wie es O'Donnell tut, ins fast Translatologische gehend, wenn Matthew J. Smith Baudelaires Lektüren des Satans bei Milton untersucht.

Insgesamt ist der Band somit doch überzeugend, der einschlägig (d.h. an Literatur oder Theologie) Interessierte wird Anregendes finden. Ein besseres Glossar würde diese Anregungen zu finden helfen, doch mit Geduld hat man hier eine spannende Handreichung zu einem Themenfeld, das, wie die Texte immer wieder zeigen, relevant ist.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 06.11.2017
Thema: „Der Rest ist Literatur"

Im vorliegenden Band Die Synkopenrede. I. Logodaedalus unternimmt Jean-Luc Nancy, sicherlich einer der anregendsten Denker unserer Zeit, zweierlei: Er fragt nach der Synkope, aber dies auch im Rahmen einer Frage nach dem Stil Kants.

Man sei in allem, was man habe/wisse, diskursiv abhängig, immerhin, denn noch die Abhängigkeit von Moden sei jener von der (inexistenten) Natur vorzuziehen. Natur nämlich sei, was nicht ist – „dasselbe" das, woran man sich nicht ein dialektisch abarbeiten könnte. Denn was zeigte die Dialektik? – „Dialektik […] als ihre eigene Unmöglichkeit", Text wäre die Undenkbarkeit dessen, worin, was nicht gedacht worden sei, diskurrierte: „Der Rest ist Literatur", worin
die Synkope auftritt, der Dissonanz bei Badiou nicht unähnlich, die bei bei jenem „das »und« des Akkords" wäre…

Rhythmisch entspricht dem die Synkope, es ist der Zusammenfall von nichts, wenn die Synkope sich realisierte, oder etwas, wenn die Synkope dieses nicht gänzlich zusammenfielen ließ, etwas „verunentscheidbart sich" darin.

Dies sei, was sei … nicht, was „pünktlich: Punkt für Punkt" realisiert würde: womit es die angemessene und sich ums Literarische nicht bekümmernde Form nicht gibt. Es gelten „Lettern […] nur, wo sie schön […] sind", also belletristisch, so Nancy, während, was das Schichteste ist, sich „dem Grotesken" annähert.

Dieser Gedankengang ist zugleich ein Porträt des Stilisten Kant, ihn entlang, durch ihn hindurch, bzw. wäre dies der Fall, erfolgte dies alles nicht im Wissen, daß die „Unreinheit der Quelle" den Kommentar fragwürdig macht, der dies sein will. Ein spannender, herausfordernder Band.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 02.11.2017
Thema: Derridas Katze ... never belongs

Hélène Cixous erzählt in Aus Montaignes Koffer gesprächsweise – das Gegenüber ist Peter Engelmann, in dessen Verlag der Band erscheint – sich: ihren Werdegang, ihr Denken, ihre Einflüsse von anderen und auf andere.

Alles beginnt mit dem Feminismus, den als Anliegen zu entdecken und zu entwickeln sich rasch als Frage der Institutionen erwies. Dabei erweist sich dieses emanzipatorische Anliegen als eines unter ähnlichen, die Frage etwa, wie eine rasche Ausbildung (inklusive das „Doctorat de troisième Cycle") Bildung heute ersetzte, ist hier ebenso präsent wie jene, wo man was studieren könne:

„Die Universitäten sind zweckorientiert. Wahrheit steht meiner
Ansicht nach auf keinen Fall auf ihrem Programm. Sie sind in ein Produktionssystem eingegliedert."

Institution ist alsbald etwas, das durch Freundschaft sich entwickeln kann, aufgebrochen, umgestaltet, der „Lehrstuhl (Cixous') diente den Études féminines, und was den Rest betraf, so waren wir Bettler", angewiesen auf Derridas generöse Übernahme der „Verantwortung für die Philosophie" und auf „Mithilfe" der „Psychoanalytiker in Paris 8". Das ist das Produktive des damaligen Netzwerkens, das mit den Schülerinnen Judith Butler und Avita Ronell in Gegenwart und Zukunft reicht.

Das Netzwerk ermöglicht und ermutigt hier. Derrida habe Cixous ermutigt, ihm sei das, „was sie sage[n], [...] selbstverständlich", so er zu dem „Widerstand", auf den sie als Promovierende mit einer Dissertation – in vier Kolonnen geschrieben ein Verstoß gegen das System der Sorbonne – stößt. Die so entstehende Schule ist auch eine des Fragens, der „Phantasie sind keine Grenzen gesetzt", mag das auch, wenn alles „trans-irgendwas" sei, so Cixous, neben einer Chance ein Risiko, etwa: das der Unschärfe, bedeuten.

Diese Unschärfe prägt die Freundschaft Cixous' und Derridas, nicht immer ohne ihr Unbehagen, wenn er appropriierte, was sie erdacht hatte:

„»Pass auf, das habe ich gerade geschrieben. Gerade habe ich das niedergeschrieben, ich warne dich.« »Macht nichts.«"

Wenn es etwa um Derridas Katze geht, gehe es um jene Cixous', „meine Katze" – wiewohl da Derrida vor Jahren das letzte Wort gehabt hätte, „a pussy-cat never belongs" (J.D.: The Animal that Therefore I Am, trans. David Wills, ed. Marie-Louise Mallet. New York 2008).

Dennoch: Freundschaft und Denken, Freundschaft im Denken. Es geht dabei gegen andere Unschärfen, etwa jene, die den sich globalisierenden Kapitalismus als Summe von Abhängigkeiten in sich entstellen und vor allem dem Diskurs entziehen, wobei Kapitalismus, Islamismus und russischer Imperialismus immer einen Feudalismus meinen, „im erschreckenden Spiegel der globalisierten Welt". Gegen diesen müßten die Medien arbeiten, gegen das Unscharfe, statt „gleichgültig" zu bleiben. So aber setze sich dieser ungestört noch in den „Mikrostaaten" des Alltags fort: bis zum unfähigen Schuldirektor, der „in einer kleinen Diktatur" „die Funktionsstörung von oben" ist.

Dagegen stünde die Zuspitzung, die sich als krank denunzieren ließe und es vielleicht auch ist:

„Ich glaube, Literatur ist immer ein bisschen wahnsinnig. Wenn sie den Wahnsinn nicht streift, ist Literatur nicht Literatur."

„Die Alltagssprache, die war schrecklich."

Philosophie ist folglich „Philosophie, die sich poetisieren lässt", womöglich ... wie Cixous jedenfalls zu Derrida vermerkt, der sich dementsprechend zitieren mußte: „Nicht aus Narzissmus." Eher ist es der Gestus, ein „Wort [...] entdeckt" zu haben, eine Option, beides in einem, im „Passwort" – wobei man ans Schibboleth bei Derrida denken wird müssen. Manches sei „meschugge" und nur dies, gerade wegen der nationalsozialistischen Deutschlehrerin, die Cixous dieses Wort verbieten wollte.

Montaigne ist dafür das Beispiel. „Wenn du Montaigne liest", so setzt Cixous an, bricht ab, setzt anders fort: „(D)ie Literatur heutzutage ist unglaublich verarmt", sie verfüge nicht über diese „außergewöhnliche(n) semantische(n) Ressourcen", bis in die „Syntax" sei Montaigne „von immerwährender Modernität", ganz Sprache: „Die Mächtigkeiten der Sprache sind [...] unbeschränkt [...], da ist die absolute Bibliothek."

Von hier aus geht es noch weiter, bis hin zu Merkel, die als Repräsentantin des Volks mit dessen Souveränität sagen durfte, was aus Angst vorm Front national in Frankreich – zu Unrecht – keiner sagen zu dürfen vermeint: „Meiner Ansicht nach ist, was Merkel da getan hat, völlig unerhört und verblüffend."

Alles in allem ein mutiger wie ermutigender, diffiziler, spannender und facettenreicher Band. Cixous ist lesenswert, immer und auch hier.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 29.10.2017
Thema: Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker

Die Dialoge Alexander Kluges gehören zum Reizvollsten der Gegenwartsliteratur. Improvisiert wird hier, von Frage zu Antwort oder Präzisierung der Frage oder Gegenfrage, ohne Leitstimme, fast jazzig. Auch das Gespräch mit Ferdinand von Schirach reiht sich in diese Dialoge wunderbar ein, der Kriminalist, Jurist und Autor leitet das Gespräch manchmal, manchmal wird er geleitet, meistens gibt es keine „Leitstimme".

Man kommt gemeinsam den Unter- und Auslassungen auf die Spur, das Böse sei „ein schneller Begriff", verlangsamend versteht man es. Das ist so etwas wie die implizite Poetik dieser Texte, die dem Übersichtlichen mißtrauen, den Problemen eher vertrauen, bis zu dem Versteck, das, wenn der Tag Terror wäre,
eine „Tugend" sein müßte – gegen das „Blitzartige".

So wird der Prozeß gegen Sokrates durchdacht, „der erste Justizmord", vielleicht aber auch etwas anderes. Denn das (Wieder-)Etablieren der Bürgerlichkeit auch qua Prozeßordnung sei vielleicht ebenso darin zu sehen, zumal direkt nach dem Niedergang von Perikles' Athen gegen Sparta: „Die Bürger müssen jetzt alles tun, um ihren Staat zu sichern."

Das ignoriert Sokrates, wohl wissentlich; er droht und beschimpft die wie immer problematische Justiz: „Das ist natürlich nicht sehr klug. Richter zu bedrohen funktioniert fast nie." „Sokrates […] verteidigt sich nicht rechtlich, er verteidigt sich philosophisch", so resümiert das Risiko Sokrates', das dieser im Kauf genommen habe, Schirach. Man müsse darum trotz dem Problem des Prozesses dies konzedieren: Dieses „Athen (ist) nicht Nordkorea."

Doch auch Sokrates hat so nicht Unrecht, wovon die Diskutanten zur Demokratie als sich selbst heilender kommen, auch in diesem Falle: „Vielleicht ist der Idiot die Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker", so Kluge zum nicht zu über- und nicht zu unterschätzenden Querulanten.

Ähnlich werden andere Problemfelder begrifflich verlangsamt, um voranzukommen, etwa bei der Frage, was Denken und was (oder exklusiv: wer?) intelligent sei, mit Verweis auf die Schach spielende Wolke bei Lem. Oder bei der Erzählung von Intensität. Wie von Intensivem zu sprechen sei, deutet Schirach an: „Indirekt kann man es erzählen."

Indirektheit ist das Kompositionsprinzip, das keines ist, sondern sich hernach entfaltet zu haben scheint, in einem höchst klugen und anregenden Bändchen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 26.10.2017
Thema: Banalität des Bösen?

Jean-Luc Nancy, einer der meistbeachteten Gegenwartsdenker, kreist nicht zum ersten Male um Heidegger. Schon singulär plural sein (Berlin: diaphanes 2004) war eine Meditation zu diesem Denker. Nun allerdings sind die Schwarzen Hefte des Meisterdenkers bekannt und es erschien Nancy unumgänglich, sich hierzu zu äußern, in einem schmalen Band, der aber durchaus Gewicht hat.

Dabei geht es zunächst um die Formel der Banalität, daß nämlich ohne „Banalisierung” in der Tat Mord nicht industriell werden könne. Treffe diese die Ontologie als imperialer „Planetarismus”, wie Nancy mit Heidegger überlegt? Was, wenn das Seyn (etc.) von einer „Nichtigkeit” wäre oder diese
Aussage in sich sinnlos wäre..?

Dies verbindet dann Nancy mit Assoziationen zum Judentum, das Heidegger wie diese Denkmöglichkeit verstören habe müssen ... ob das soch so sagen läßt, erscheint fragwürdig, „der Jude” (!) als „Index eines Verfehlens” Heideggers setzt voraus, daß es den Juden gebe, der dann zeigte, daß sein „Fehlen ihm”, also Heidegger”, „fehlt”, wie Nancy mit Lyotards Notizen zu Celan andeutet.

Von hier wäre eine Diskontinuität zu denken, statt eines Seins und seiner Lehre, bis ins Christentum, eine Wette aufs Unmögliche, die nach Derrida klingt, auf die „Gnade” nicht als „etwas [...], das bezeichnet, benannt oder beschrieben werden kann.”

„(W)ir müssen lernen, ohne Sein und ohne Bestimmung zu existieren, nicht vorzugeben, etwas anzufangen oder neu anzufangen – noch etwas abzuschließen.”

Dies als Schlußbefund liest sich dann wie etwas vage aufgekochter Existenzialismus, doch die Grundfrage und die Ausführungen bis dahin sind lesenswert.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 25.10.2017
Thema: François Caillat: Foucault gegen Foucault

Der vorliegende Band, worin François Caillat in das Denken Michel Foucaults einführt, und zwar großteils im Gespräch, mit Geoffroy des Lagasnerie, Arlette Farge, Leo Bersani und Georges Didi-Huberman, wirft pointiert vor allem darauf ein Licht, wie Foucaults Denkbewegungen sich entwickeln.

Immer, so scheint es, ist da der Gegensatz zwischen u.a. sympolischen Zentren und Peripherien, wobei das Gleichgewicht die Kunst ist: aus ihm zu geraten, wo das Ereignis es erfordert, es aber diskursiv auch wieder zu finden.

So wird das, was den Menschen oder das Denken präformiert, aufgedeckt, Aufklärung der „Unklarheiten”, aus denen sich alle Macht-Effekte ergeben: „Niemand sagt etwas, aber es wird
gesagt.”

Es geht also um „Unterbrechungen”, die „bedeutungstragend” werden und es nicht immer werden sollten, wogegen Foucault „identitätsmobil” in diesem Unterbrechen bleibt, unentschieden: Hier wird Stil Denken und Denken Stilfrage. Didi-Huberman beschreibt dies so:

„Der Text ist so durchdacht, dass man sich am Ende jedes Satzes denkt: Ganz genau, so ist es. Und der Beginn des folgenden Satzes stellt die Dinge wieder infrage.”

„Der Gipfel sind Gedichte, da muss man bei jeder Zeile einen Schnitt machen.”

Es gibt Systematischeres, es gibt Detailreicheres zu Foucault – aber in bezug auf seine Schnittstellen-Kunst ist der vorliegende geglückt wie nur weniges aus der Sekundärliteratur.

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