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Martin A. Hainz schrieb uns am 14.11.2017
Thema: Es gibt ihn – und wie verstünde man ihn?

Der vorliegende Band, The Hermeneutics of Hell, herausgegeben von Gregor Thuswaldner und Daniel Russ, befaßt sich mit Visionen des Teufels – und, was dem zuweilen irritierend christlichen Unterton jedenfalls der Herausgeber entspricht, auch seinen Repräsentationen, mitunter entsteht der Eindruck, es gehe nicht um Philologie und Texte, sondern um (Krypto-)Theologisches: Der Teufel existiere, nun gehe es an Texte zu ihm.

Das ist bedauerlich, weil in diesem Rahmen sehr lesenswerte Detailstudien nicht nur für Gläubige geboten werden, zu Texten, die konstituieren, was Hölle und Teufel seien, aber damit auch, was das Böse ausmache … folgenreiche Literaturgeschichte also, bis in Atmosphären des Politischen oder
in die Jurisdiktion. Und eigentlich entwickeln auch die Herausgeber etwas anderes, neben dem „devil we know", was nicht ironiefrei gesagt ist, gebe es mehr, seien „very different devils", statt „the devil […] devils that come in many guises". Und wir seien darum womöglich ahnungs- und hilflos vor „the malovent tricksters we thought we knew." Dies seien Abbilder und Konstitutionen von Bosheit, teils, so möchte man ergänzen, aber auch der Praktiken jener, die hiermit andere verdammten; gleichwohl ist der Teufel wohl „a very important literary being", wobei aber um Hegels Urteil ein Bogen gemacht wird, daß dessen „Identität mit sich" nur bedingt literaturtauglich sein könnte.

An diese Einleitung schließen Betrachtungen zu einzelnen Texten und Textzusammenhängen an, mit je als prominentem Epizentrum dem Teufel, aber auch mit dem, wofür er stehe, etwa die Prüfung (tentatio), die bei Luther gleichsam zwischen religiöser Praxis und teuflischer Heimsuchung – „temptation" – stehe: „Oratio, Meditatio, Tentatio"… An dieses lesenswerte Ausloten von Carl P.E. Springer schließt u.a. David Johannes Olszynskis Aufsatz über den „Discourse on the Devil in the Early Modern Age in Georg Bernhardt S.J.'s Tundalus Redivivus (1622)" an, die Frage, ob Literatur, wenn schlüpfrige Rhetorik des Teufels sei, nicht an sich verdächtig sei, behandelt David Parry ausgesprochen spannend, mit u.a. Hamacher diskutiert Caroline Sauter die „Diabolic Logic of Logos" in Goethes Faust, wobei die Exegese des Übersetzenden dessen wie des Urtexts Defizite verhandle, Milton und Goethe werden unter den Stichworten „Literature, Theology, Survival" von S. Jonathon O'Donnell einer von Derrida inspirierten Lektüre unterzogen und Dostojewski steht im Zentrum von Irina Kuznetsovas Beitrag.

Hier nimmt das Projekt Gestalt an und Fahrt auf, auch wenn die naheliegende Beschränkung der Texte auf christliche – und also auch christliche Kontexte – den Anspruch, es gehe um Weltliteratur, fraglich erscheinen läßt. Besser wäre es gewesen, den Akzent aufs Transkulturelle zu setzen, durch Zeiten hindurch, komparatistisch, wie es O'Donnell tut, ins fast Translatologische gehend, wenn Matthew J. Smith Baudelaires Lektüren des Satans bei Milton untersucht.

Insgesamt ist der Band somit doch überzeugend, der einschlägig (d.h. an Literatur oder Theologie) Interessierte wird Anregendes finden. Ein besseres Glossar würde diese Anregungen zu finden helfen, doch mit Geduld hat man hier eine spannende Handreichung zu einem Themenfeld, das, wie die Texte immer wieder zeigen, relevant ist.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 06.11.2017
Thema: „Der Rest ist Literatur"

Im vorliegenden Band Die Synkopenrede. I. Logodaedalus unternimmt Jean-Luc Nancy, sicherlich einer der anregendsten Denker unserer Zeit, zweierlei: Er fragt nach der Synkope, aber dies auch im Rahmen einer Frage nach dem Stil Kants.

Man sei in allem, was man habe/wisse, diskursiv abhängig, immerhin, denn noch die Abhängigkeit von Moden sei jener von der (inexistenten) Natur vorzuziehen. Natur nämlich sei, was nicht ist – „dasselbe" das, woran man sich nicht ein dialektisch abarbeiten könnte. Denn was zeigte die Dialektik? – „Dialektik […] als ihre eigene Unmöglichkeit", Text wäre die Undenkbarkeit dessen, worin, was nicht gedacht worden sei, diskurrierte: „Der Rest ist Literatur", worin
die Synkope auftritt, der Dissonanz bei Badiou nicht unähnlich, die bei bei jenem „das »und« des Akkords" wäre…

Rhythmisch entspricht dem die Synkope, es ist der Zusammenfall von nichts, wenn die Synkope sich realisierte, oder etwas, wenn die Synkope dieses nicht gänzlich zusammenfielen ließ, etwas „verunentscheidbart sich" darin.

Dies sei, was sei … nicht, was „pünktlich: Punkt für Punkt" realisiert würde: womit es die angemessene und sich ums Literarische nicht bekümmernde Form nicht gibt. Es gelten „Lettern […] nur, wo sie schön […] sind", also belletristisch, so Nancy, während, was das Schichteste ist, sich „dem Grotesken" annähert.

Dieser Gedankengang ist zugleich ein Porträt des Stilisten Kant, ihn entlang, durch ihn hindurch, bzw. wäre dies der Fall, erfolgte dies alles nicht im Wissen, daß die „Unreinheit der Quelle" den Kommentar fragwürdig macht, der dies sein will. Ein spannender, herausfordernder Band.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 02.11.2017
Thema: Derridas Katze ... never belongs

Hélène Cixous erzählt in Aus Montaignes Koffer gesprächsweise – das Gegenüber ist Peter Engelmann, in dessen Verlag der Band erscheint – sich: ihren Werdegang, ihr Denken, ihre Einflüsse von anderen und auf andere.

Alles beginnt mit dem Feminismus, den als Anliegen zu entdecken und zu entwickeln sich rasch als Frage der Institutionen erwies. Dabei erweist sich dieses emanzipatorische Anliegen als eines unter ähnlichen, die Frage etwa, wie eine rasche Ausbildung (inklusive das „Doctorat de troisième Cycle") Bildung heute ersetzte, ist hier ebenso präsent wie jene, wo man was studieren könne:

„Die Universitäten sind zweckorientiert. Wahrheit steht meiner
Ansicht nach auf keinen Fall auf ihrem Programm. Sie sind in ein Produktionssystem eingegliedert."

Institution ist alsbald etwas, das durch Freundschaft sich entwickeln kann, aufgebrochen, umgestaltet, der „Lehrstuhl (Cixous') diente den Études féminines, und was den Rest betraf, so waren wir Bettler", angewiesen auf Derridas generöse Übernahme der „Verantwortung für die Philosophie" und auf „Mithilfe" der „Psychoanalytiker in Paris 8". Das ist das Produktive des damaligen Netzwerkens, das mit den Schülerinnen Judith Butler und Avita Ronell in Gegenwart und Zukunft reicht.

Das Netzwerk ermöglicht und ermutigt hier. Derrida habe Cixous ermutigt, ihm sei das, „was sie sage[n], [...] selbstverständlich", so er zu dem „Widerstand", auf den sie als Promovierende mit einer Dissertation – in vier Kolonnen geschrieben ein Verstoß gegen das System der Sorbonne – stößt. Die so entstehende Schule ist auch eine des Fragens, der „Phantasie sind keine Grenzen gesetzt", mag das auch, wenn alles „trans-irgendwas" sei, so Cixous, neben einer Chance ein Risiko, etwa: das der Unschärfe, bedeuten.

Diese Unschärfe prägt die Freundschaft Cixous' und Derridas, nicht immer ohne ihr Unbehagen, wenn er appropriierte, was sie erdacht hatte:

„»Pass auf, das habe ich gerade geschrieben. Gerade habe ich das niedergeschrieben, ich warne dich.« »Macht nichts.«"

Wenn es etwa um Derridas Katze geht, gehe es um jene Cixous', „meine Katze" – wiewohl da Derrida vor Jahren das letzte Wort gehabt hätte, „a pussy-cat never belongs" (J.D.: The Animal that Therefore I Am, trans. David Wills, ed. Marie-Louise Mallet. New York 2008).

Dennoch: Freundschaft und Denken, Freundschaft im Denken. Es geht dabei gegen andere Unschärfen, etwa jene, die den sich globalisierenden Kapitalismus als Summe von Abhängigkeiten in sich entstellen und vor allem dem Diskurs entziehen, wobei Kapitalismus, Islamismus und russischer Imperialismus immer einen Feudalismus meinen, „im erschreckenden Spiegel der globalisierten Welt". Gegen diesen müßten die Medien arbeiten, gegen das Unscharfe, statt „gleichgültig" zu bleiben. So aber setze sich dieser ungestört noch in den „Mikrostaaten" des Alltags fort: bis zum unfähigen Schuldirektor, der „in einer kleinen Diktatur" „die Funktionsstörung von oben" ist.

Dagegen stünde die Zuspitzung, die sich als krank denunzieren ließe und es vielleicht auch ist:

„Ich glaube, Literatur ist immer ein bisschen wahnsinnig. Wenn sie den Wahnsinn nicht streift, ist Literatur nicht Literatur."

„Die Alltagssprache, die war schrecklich."

Philosophie ist folglich „Philosophie, die sich poetisieren lässt", womöglich ... wie Cixous jedenfalls zu Derrida vermerkt, der sich dementsprechend zitieren mußte: „Nicht aus Narzissmus." Eher ist es der Gestus, ein „Wort [...] entdeckt" zu haben, eine Option, beides in einem, im „Passwort" – wobei man ans Schibboleth bei Derrida denken wird müssen. Manches sei „meschugge" und nur dies, gerade wegen der nationalsozialistischen Deutschlehrerin, die Cixous dieses Wort verbieten wollte.

Montaigne ist dafür das Beispiel. „Wenn du Montaigne liest", so setzt Cixous an, bricht ab, setzt anders fort: „(D)ie Literatur heutzutage ist unglaublich verarmt", sie verfüge nicht über diese „außergewöhnliche(n) semantische(n) Ressourcen", bis in die „Syntax" sei Montaigne „von immerwährender Modernität", ganz Sprache: „Die Mächtigkeiten der Sprache sind [...] unbeschränkt [...], da ist die absolute Bibliothek."

Von hier aus geht es noch weiter, bis hin zu Merkel, die als Repräsentantin des Volks mit dessen Souveränität sagen durfte, was aus Angst vorm Front national in Frankreich – zu Unrecht – keiner sagen zu dürfen vermeint: „Meiner Ansicht nach ist, was Merkel da getan hat, völlig unerhört und verblüffend."

Alles in allem ein mutiger wie ermutigender, diffiziler, spannender und facettenreicher Band. Cixous ist lesenswert, immer und auch hier.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 29.10.2017
Thema: Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker

Die Dialoge Alexander Kluges gehören zum Reizvollsten der Gegenwartsliteratur. Improvisiert wird hier, von Frage zu Antwort oder Präzisierung der Frage oder Gegenfrage, ohne Leitstimme, fast jazzig. Auch das Gespräch mit Ferdinand von Schirach reiht sich in diese Dialoge wunderbar ein, der Kriminalist, Jurist und Autor leitet das Gespräch manchmal, manchmal wird er geleitet, meistens gibt es keine „Leitstimme".

Man kommt gemeinsam den Unter- und Auslassungen auf die Spur, das Böse sei „ein schneller Begriff", verlangsamend versteht man es. Das ist so etwas wie die implizite Poetik dieser Texte, die dem Übersichtlichen mißtrauen, den Problemen eher vertrauen, bis zu dem Versteck, das, wenn der Tag Terror wäre,
eine „Tugend" sein müßte – gegen das „Blitzartige".

So wird der Prozeß gegen Sokrates durchdacht, „der erste Justizmord", vielleicht aber auch etwas anderes. Denn das (Wieder-)Etablieren der Bürgerlichkeit auch qua Prozeßordnung sei vielleicht ebenso darin zu sehen, zumal direkt nach dem Niedergang von Perikles' Athen gegen Sparta: „Die Bürger müssen jetzt alles tun, um ihren Staat zu sichern."

Das ignoriert Sokrates, wohl wissentlich; er droht und beschimpft die wie immer problematische Justiz: „Das ist natürlich nicht sehr klug. Richter zu bedrohen funktioniert fast nie." „Sokrates […] verteidigt sich nicht rechtlich, er verteidigt sich philosophisch", so resümiert das Risiko Sokrates', das dieser im Kauf genommen habe, Schirach. Man müsse darum trotz dem Problem des Prozesses dies konzedieren: Dieses „Athen (ist) nicht Nordkorea."

Doch auch Sokrates hat so nicht Unrecht, wovon die Diskutanten zur Demokratie als sich selbst heilender kommen, auch in diesem Falle: „Vielleicht ist der Idiot die Schutzimpfung gegen schlimmere Politiker", so Kluge zum nicht zu über- und nicht zu unterschätzenden Querulanten.

Ähnlich werden andere Problemfelder begrifflich verlangsamt, um voranzukommen, etwa bei der Frage, was Denken und was (oder exklusiv: wer?) intelligent sei, mit Verweis auf die Schach spielende Wolke bei Lem. Oder bei der Erzählung von Intensität. Wie von Intensivem zu sprechen sei, deutet Schirach an: „Indirekt kann man es erzählen."

Indirektheit ist das Kompositionsprinzip, das keines ist, sondern sich hernach entfaltet zu haben scheint, in einem höchst klugen und anregenden Bändchen.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 26.10.2017
Thema: Banalität des Bösen?

Jean-Luc Nancy, einer der meistbeachteten Gegenwartsdenker, kreist nicht zum ersten Male um Heidegger. Schon singulär plural sein (Berlin: diaphanes 2004) war eine Meditation zu diesem Denker. Nun allerdings sind die Schwarzen Hefte des Meisterdenkers bekannt und es erschien Nancy unumgänglich, sich hierzu zu äußern, in einem schmalen Band, der aber durchaus Gewicht hat.

Dabei geht es zunächst um die Formel der Banalität, daß nämlich ohne „Banalisierung” in der Tat Mord nicht industriell werden könne. Treffe diese die Ontologie als imperialer „Planetarismus”, wie Nancy mit Heidegger überlegt? Was, wenn das Seyn (etc.) von einer „Nichtigkeit” wäre oder diese
Aussage in sich sinnlos wäre..?

Dies verbindet dann Nancy mit Assoziationen zum Judentum, das Heidegger wie diese Denkmöglichkeit verstören habe müssen ... ob das soch so sagen läßt, erscheint fragwürdig, „der Jude” (!) als „Index eines Verfehlens” Heideggers setzt voraus, daß es den Juden gebe, der dann zeigte, daß sein „Fehlen ihm”, also Heidegger”, „fehlt”, wie Nancy mit Lyotards Notizen zu Celan andeutet.

Von hier wäre eine Diskontinuität zu denken, statt eines Seins und seiner Lehre, bis ins Christentum, eine Wette aufs Unmögliche, die nach Derrida klingt, auf die „Gnade” nicht als „etwas [...], das bezeichnet, benannt oder beschrieben werden kann.”

„(W)ir müssen lernen, ohne Sein und ohne Bestimmung zu existieren, nicht vorzugeben, etwas anzufangen oder neu anzufangen – noch etwas abzuschließen.”

Dies als Schlußbefund liest sich dann wie etwas vage aufgekochter Existenzialismus, doch die Grundfrage und die Ausführungen bis dahin sind lesenswert.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 25.10.2017
Thema: François Caillat: Foucault gegen Foucault

Der vorliegende Band, worin François Caillat in das Denken Michel Foucaults einführt, und zwar großteils im Gespräch, mit Geoffroy des Lagasnerie, Arlette Farge, Leo Bersani und Georges Didi-Huberman, wirft pointiert vor allem darauf ein Licht, wie Foucaults Denkbewegungen sich entwickeln.

Immer, so scheint es, ist da der Gegensatz zwischen u.a. sympolischen Zentren und Peripherien, wobei das Gleichgewicht die Kunst ist: aus ihm zu geraten, wo das Ereignis es erfordert, es aber diskursiv auch wieder zu finden.

So wird das, was den Menschen oder das Denken präformiert, aufgedeckt, Aufklärung der „Unklarheiten”, aus denen sich alle Macht-Effekte ergeben: „Niemand sagt etwas, aber es wird
gesagt.”

Es geht also um „Unterbrechungen”, die „bedeutungstragend” werden und es nicht immer werden sollten, wogegen Foucault „identitätsmobil” in diesem Unterbrechen bleibt, unentschieden: Hier wird Stil Denken und Denken Stilfrage. Didi-Huberman beschreibt dies so:

„Der Text ist so durchdacht, dass man sich am Ende jedes Satzes denkt: Ganz genau, so ist es. Und der Beginn des folgenden Satzes stellt die Dinge wieder infrage.”

„Der Gipfel sind Gedichte, da muss man bei jeder Zeile einen Schnitt machen.”

Es gibt Systematischeres, es gibt Detailreicheres zu Foucault – aber in bezug auf seine Schnittstellen-Kunst ist der vorliegende geglückt wie nur weniges aus der Sekundärliteratur.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 11.10.2017
Thema: Obi Assemboni / Anna Babka / Laura Beck / Axel Dunker (Hg.): Postkolonialität denken

Postkolonialität zu denken bedeutet, sich auf Spezifika der neuen Verhältnisse einzulassen und nicht durch die Postkolonialität eher die Kolonialität fortzuführen. Insofern muß sie sich womöglich auch lokal zutragen, wie dieser Band schön zeigt. Die Frage Can the Subaltern speak, die Spivak einst stellte, führt zu der Antwort, nicht daß, sondern konkret: wie der/die/das Subalterne spricht, wie David Simo, einer der Beiträger, es formuliert.

Er zeigt denn auch, wie Schräglagen entstanden, durch Abtretungen, durch Fehleinschätzungen, durch naive Machtanalysen – und was daraus als
Utopie folgen könnte.

Der andere Mensch – zum Tier erklärt, das es auch ähnlichen Gründen wie diesen anderen Menschen so nicht gibt (man kann hier auf Derrida wie auf Žižek verweisen) – wird zum Fall für den Zoo, seine Interessen gelten nichts. Die „inferiorisierende” Diskursivierung ist dabei nicht Theorie, sondern Ausflucht.

Dem geht der mit Größen wie Paul M. Lützeler prominent besetzte Band auf den Grund, lesenswert. Der Arbeitskreis Kulturanalyse, der hinter dem Band steht, ist längst ein Epizentrum der germanistischen Forschung in Österreich.

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Martin A. Hainz schrieb uns am 08.10.2017
Thema: Gustavo Zagrebelsky / Carl Schmitt: Gegen die Diktatur des Jetzt

Pathos statt Politik


Das Bändchen Gegen die Diktatur des Jetzt von Gustavo Zagrebelsky ist interessant, aber zugleich in weiten Passagen als so etwas wie eine Fußnote zu Beobachtungen Günther Anders’ zu beschreiben, der im Bändchen nicht vorkommt. Und es sind dies die besten Passagen, in anderen werden Ressentiments referiert.

Die Thesen:

1. Politik sei als Herrschaftsform nicht „Oligarchien, Technokratien, Plutokratien usw. [sic!]” meine, was nett, aber schwer zu verteidigen ist, weil man dazu schon blind für die elitäre Konstitution des demos, Wahlkampfkosten und noch vieles sein muß, um zu verfechten, hier bestünde ein blanker Gegensatz.

2.
Man müsse sehen, daß heute „Algorithmen im eigentlichen Sinne politische Entscheidungen” „ersetzen”, was man zu den Kostenkalkulationen eines Atomkrieges schon bei Anders eben ausgeführt findet, wobei dieser nicht von im eigentlichen Sinne politische Entscheidungen geredet hätte, was suggeriert, dieses Feld lasse sich leicht abgrenzen und wäre nicht schon Folge politischer Operationen.

3. Die „Dezentralisierung politischer Macht” verwandle diese „in Souveränität der Finanzwirtschaft” als ob dies – wieder – zweierlei sei.

4. Es werden „die Mittel […] zu Zwecken und die Zwecke ihrerseits zu Mitteln”, was wieder früher, bissiger und durchdachter bei Anders steht.

Dies und mehr wird mit Rückgriffen auf das Altertum (etwa die polis) formuliert, mit irritierenden Wendungen wie jener, daß es aber heute „keine […] notwendig gerechte Gemeinschaft mehr” gebe.

Nicht mehr. Früher wäre alles besser gewesen, ach, vor allem vorm Sündenfall. Und da rutscht das Bändchen dann ins befürchtete Fahrwasser einer Politik wider „Nutznießer […] im eigenen Schlamm” und für die wahre (=heroische und naturgemäße, bräunliche) Entscheidung, womit Schmitts Text als Abschluß folgerichtig erscheint, wiewohl eben nur, wenn man folgen will, und zwar etwas, das nicht überzeugt, sondern aus Inkohärenz und Rhetorik einen Jargon der Eigentlichkeit flicht, der dann „von der Lage des Zentralgebietes” aus, wie Schmitt es formuliert – von dem diesem Band eine Rede (sozusagen statt Anders‘ Texten) beigefügt ist, entscheiden kann und fast nicht mehr muß.

„Wer keinen anderen Feind mehr kennt als den Tod und in seinem Feinde nichts erblickt als leere Mechanik, ist dem Tod näher als dem Leben”, so Schmitt, dessen Rede hier das Bändchen wieder ins Bedenkenswerte hebt, mit einem Gedanken, der angesichts Schmitts Haltung überrascht, nämlich jenem, daß es nicht Politik und leere Mechanik gebe, sondern Diskursmöglichkeiten, die dann klügere Antworten allerdings auch als jene Schmitts gestatteten, bei dem leider doch immer der „Kampf” folgt.

Fazit: Der schmale Band beginnt klug, aber verliert sich … was, wenn man also lieber den radikaleren und zugleich darum nicht ganz so pathosbesoffenen Anders, hier ein Phantom im Text, liest?

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Martin A. Hainz schrieb uns am 07.10.2017
Thema: Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze

Der Dichter kann nicht dem Volk dienstbar sein – zu Zwetajewas Schreibheften


Marina Zwetajewa muß man dem Lyrikaffinen nicht vorstellen – ein unruhiger Geist, eine wunderbare Lyrikerin, kosmopolitisch sozialisiert, angeregt, wiewohl nicht immer in ihren Anliegen gefördert, erlebt sie den Symbolismus, dabei fasziniert nicht durch die Theorie, sondern durch die Poesie: aber sie als Theorie.

Daß diese als freigeistig-dekadent denunzierten Verfahren dem Stalinismus nicht entsprachen, versteht sich, ihr Werk ist ein einziger Einspruch – und sieht man, was ihr zuletzt genommen wird, ausspioniert, der Mann 1941
erschossen, Tochter Ariadna 8 Jahre im Gefängnis, wegen ihres Mannes, Spitzel des NKWD, so hatte sie in dieser Opposition schwerlich Unrecht, die am 31. August 1941 in ihrem Selbstmord endet ... oder gipfelt.

Daß man die Werke lesen soll – keine Frage. Bereichernd sind auch die Schreibhefte, die Felix Philipp Ingold nun übersetzt und herausgegeben hat. Darin erlebt man ihre Versuche, ihre Abbrüche, Reflexionen, die hochkonzentriert sind.

Immer wieder Motiv ist der Schreiber, der nicht schreibe: Eher sei er Werkzeug seines Schreibens, verstehe sich im Schreiben, aber nicht zwingend sich und nicht zwingend im Lesen...

Man sei man selbst in der Technik („Wie ein Stock den Arm vollenden kann!”), hierin erfahre man sich – „seine Augen zu sehen” gelte es.
Dazu gesellen sich theologische Reflexionen, worin der Blick wieder neu auf das gelenkt wird, auch durch kleine Epiphanien wie jene, daß „Engel [...] aus Feuer” seien, oder jene, daß der Minotauros nicht Herr seines Labyrinthes sei, sondern Teil seines Verhängnisses, „ein hadernder Knecht.”

Und zum Kommunismus:

„Der Dichter kann nicht dem Volk dienstbar sein – weil er selbst das Volk ist.”

Verstörendes, Schönes, auch für Kenner des Werks eine Entdeckung!

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Manfred Gessat schrieb uns am 03.10.2017
Thema: Bov Bjerg: Auerhaus

Was ich von der Geschichte des
armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt, und leg es euch hier vor, und weis, daß ihr mir`s danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, und
seinem Schicksaale eure Thränen nicht versagen.

Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund seyn, wenn du aus
Geschick oder eigner Schuld keinen nähern finden kannst.
WERTHER, Vorrede






Ich fand das ganze Buch langweilig.
AUERHAUS, Höppner



WERTHER im AUERHAUS
Eine
Lesehilfe für Erwachsene

immer mal weg!

Höppner war immer mal für ein paar Tage weg*. Aber dieses mal war etwas anders.  Auch Frieder wäre in der Zwischenzeit fast "weg" gewesen, hätte ihn sein Vater nicht gera-de rechtzeitig gefunden.

Kein schlechter Romananfang: Zweierlei "weg". Der Kurztrip und der Tod. Der Roman-einfall wird auch nicht dadurch schlechter, dass wir ihn seit WERTHER kennen. Wie froh bin ich, daß ich weg bin! beginnt Goethes Briefroman, das düstere Ende schon im ersten Satz vorweg nehmend. Wir werden noch sehen, wie extensiv sich Bjerg der Vorlage be-dient; hier beachte man den Tonfall:

Jedenfalls, als die Sache passierte, da war ich gar nicht da. Und hatte auch nichts mitbekommen, logisch.

Präziser hätte es selbst Goethe nicht sagen können. Auch er war ja immer mal weg. Als die Wetzlarer Katastrophe (1) passierte, war er bereits seit sieben Wochen wieder unter-wegs. Deshalb hatte er auch vom Selbstmord seines entfernten Jurakollegen Karl Wilhelm Jerusalem nichts mitbekommen. Logisch. Aber über die genauen Umstände des Todes ließ sich Goethe brieflich genauestens unterrichten.

Jerusalems Vater war ein hoch angesehener Theologe. Beide waren mit Lessing befreun-det. Der Sohn hatte sich in einem demütigenden Streit mit einem kleinlichen Vorgesetzten verkämpft, hinzu kam die nicht erwiderte Liebe zu einer verheirateten Frau. Sein Schicksal  und die eigenen Erlebnisse in Wetzlar verarbeitete Goethe zwei Jahre später in „Die Lei-den des jungen Werthers“; ein Briefroman, ein Geniestreich, Weltliteratur.

mäandern

WERTHER und AUERHAUS (2) stehen in engem Verhältnis. In Hinsicht auf "Adoleszens-literatur" kann das eigentlich nicht überraschen. Die „Wertherzeit“ ist menschentypisch, vergleichbar dem Ödipuskomplex. Jeder junge Mensch hat damit irgendwann irgendwie zu tun (3). Greift sich ein Autor das Thema, steht er automatisch im Banne des WERTHER.


* Zur besseren Lesbarkeit sind alle AUERHAUS-Zitate fett, alle WERTHER-Zitate fett und kursiv gedruckt. Alle Zitate aus Die Leiden des jungen Werthers stammen aus der Erstfassung von 1774, bzw. den Ergänzungen von 1887, ein-schließlich Goethes orginaler Orthographie und Grammatik, die sich offenkundig mehr den Ohren als den Augen ver-pflichtet fühlte. Textkorrekturen nach dem Erstdruck wurden nicht berücksichtigt. Neudruck der Texte Suhrkamp TB-Ausgabe, Frankfurt 1998

(1) Horst Flaschka, Goethes "Werther", Werkkontextuelle Deskription und Analyse, München 1987. Soweit nicht aus-drücklich vermerkt, sind alle biographischen Hinweise auf Goethe und WERTHER Flaschkas Standardwerk entnommen.

(2) Bov Bjerg, AUERHAUS, Roman, Berlin 2015. - Von mir erstmals 2015 unter Titel "Hintergründiges zu Bov Bjergs `Auerhaus` " bespochen. Beide Aufsätze ergänzen sich. Der zweite vorliegende Studie möchte die WERTHER-Themen im AUERHAUS darstellen, freilich ohne es darauf  zu reduzieren.
(3) "Es müßte schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der `Werther` käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben." Goethes Gespräch mit Eckermann am 2.1.1824. -  "Der Selbstmord ist ein Ereignis der menschlichen Natur, welches, mag auch darüber schon so viel gesprochen und gehandelt sein als da will,doch einen jeden Menschen zur Teilnahme fordert, in jeder Zeitepoche wieder einmal verhandelt werden muß", Dichtung und Wahrheit, In: Goethes Werke, Hamburg 1964, Bd.9, S.583 ff.
Dafür bräuchte er ihn nicht einmal selber gelesen zu haben. Zu tief hat sich Goethes Erst-lingsroman in das Tableau jugendlicher Entwicklung eingraviert. Salinger, Plensdorf, Kracht, Herrndorf und Bjerg übernehmen seine Plots so selbstverständlich wie dutzend
andere zuvor. Auch das macht ihn zur Weltliteratur.

Auf welche Weise sich Bov Bjerg des WERTHER annimmt, ist allerdings so kunstreich und berührend, dass sein Roman sich interpretatorisch einige Kärrnerarbeit verdient hat.

Von einigem Interesse könnte etwa der Umstand sein, dass wir den Vornamen Werthers so wenig wie den von Höppner kennen, sich übrigens auch Goethe im Privatkreis fast aus-schließlich mit Nachnamen anreden ließ. Über Werthers und Höppners Väter wissen wir kaum mehr, als dass sie tot sind. Auch über die Mütter erfahren wir nicht übermäßig viel, aber es reicht.

Die Söhne halten sie auf emotionaler Distanz (4). Werthers Mutter verließ nach dem Tod des Mannes den bisherigen Familienwohnsitz, um sich in ihre unerträgliche Stadt ein-zusperren. Höppners Mutter ist nicht umgezogen, hat dafür aber den unerträglichen F2M2 geheiratet, dem die Wohnung nicht eng genug sein kann. Andererseits arbeitet sie für ihre Kinder bis zum Umfallen, ist fürsorglich und lässt viel mit sich machen; wohin gegen Wer-thers Mutter  sich um die Karriere ihres Sohnes sorgt und ihn gern in Aktivität gehabt hät-te. Was aber aus Goethes, bzw. Werthers offiziellen Ambitionen in Wetzlar (Studium, Be-ruf, Familie) wurde, ähnelt wiederum Höppner; es blieb beim Herumeiern!

Höppner interessiert sich für Sachbücher, keine Romane. Ob er damit wirklich der ideale Chronist für Frieders letzte Lebensmonate ist, haben wir nicht zu entscheiden. Jedenfalls pflegt er wie der (fiktive) Herausgeber des WERTHER eine zumeist nüchtern-distanzierte Prosa, selbst wenn er sich am Ende die Thränen nicht versagen kann. Gewissenhaft wertet er alle aufgefundenen Zettel im Auerhaus aus, als sei es ihm ebenfalls ein beson-deres Anliegen, auch das kleinste aufgefundene Blättchen nicht zu gering zu achten. (5)

Seine profane Ausrichtung führt Höppner - romanhaft verwirrend -  in die Nähe einer wei-
teren Person, nämlich zu Lottes Verlobtem - gleichzeitig Goethes Freund und Rivale - Johann Christian Kestner alias Werthers Freund und Rivale Albert. Von niemand anderem als diesem Kestner/Albert liehen sich - nicht weniger romanhaft verwirrend - Jerusalem/
/Werther die Pistolen zum Selbstmord und erhielt danach Goethe den sachlichen Bericht, den er - romanhaft zum Dritten - fast wortgetreu in seinen WERTHER übernahm. Soviel zur Sache.

Es deutet sich etwas an: Es könnte sich lohnen, WERTHER und AUERHAUS mäandernd zu lesen. Nicht auszuschließen, dass die vergleichende Lektüre zu interessanten Erkennt-nissen führt. Vielleicht münden sie in einen Kreis, vielleicht auch in eine Spirale.




(4) Enttäuschungen wollen sie ihnen möglichst fernhalten. Werther bittet seinen Freund, seiner Mutter dergleichen Nach-richt bei einem Säftchen mitzuteilen; Höppner verschweigt sie lieber ganz.

(5) Der fiktive Herausgeber WERTHERs tritt zum Schluss des Romans immer deutlicher in seiner Rolle als beglaubigen-de Instanz für die Echtheit der Ereignisse in Erscheinung; ähnlich Höppners Mutter, wenn sie ihrem Sohn den Zeitungs-artikel über die Narretei junger Männer vorliest.
Idyllen

Wir lebten ein richtiges Leben mit Aufstehen und Frühstückmachen und Federballspielen, mit Essen besorgen und zusammen kochen.

Immer mal weg ist nicht die ganze Lösung. Vagabunden sehnen sich gleichzeitig nach Idyllen. Höppner schaut im Fernsehen gerne Alte Filme und den ganzen Heile-Familie-
-Kram., "Ach könnte das schön sein, als friedlicher Bürger ..., ein Häuschen mit Garten ..." (6), wir kennen noch die Evergreens.

Das friedliche Landleben, die häusliche Familie, die überschaubare dörfliche Ordnung kommen in Deutschland literarisch in der zweiten Häfte des 18. Jahrhunderts so richtig in Mode. WERTHER beglückt seine Leser mit populären Plots (7):

Du kennst von Alters her meine Art, … mir an irgendeinem vertraulichen Ort, ein Hüttchen aufzu-schlagen, und mich darin zu beherbergen.

Die große Welt interessiert gerade nicht. Die Deutschen machen keine Revolution (8). Der Leser erfährt von der politischen Großwetterlage im WERTHER wie im AUERHAUS gera-de mal am Rande, wobei beide Romane sich der gleichen Technik bedienen.

Werther berichtet nach einer eher privaten als öffentlichen Demütigung in nachklingender Erregung seinem Freund: Ich wollte in den Krieg! das hat mir lange am Herzen gele-gen. Von feindlicher Bedrohung oder patriotischer Begeisterung war aber nirgendwo die Rede. Friedliches Hessen! Etwas anderes als persönliche Verärgerung und Betroffenheit möchte Werther ja auch nicht ausdrücken.

Höppner will sich um den Wehr- und Zivildienst drücken. Nach der Pfeife von irgend-welchen Spezial-Schwachmaten zu tanzen, das war nicht mein Fall. Überhaupt ist alles Scheiße. Mehr Gründe braucht es nicht. `68 ist lange her. Im kalten Krieg lässt  sich leben. Ich habe noch nie einen Toten gesehen, sagt der Zeitsoldat! Glückliche BRD! Grundlos dreht Bjerg die Zeitspirale nicht 30 Jahre zurück. AUERHAUS 2015 hätte nicht mehr funktioniert.

Sollte der Eindruck entstehen, junge Männer hätten sich in 200 Jahren kaum verändert, so widersetzen sich ihm wenigstens die Frauen:

.….so sehnt sich der unruhigste Vagabund zulezt wieder nach seinem Vaterlande, und findet er in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in dem Kreise seiner Kinder und der Geschäfte zu ihrer Er-haltung, all die Wonne, die er in der weiten öden Welt vergebens suchte.

Ich sagte: „ Wenn ich nach Berlin ziehe, besuchst du mich dann?“
Vera sagte: „Na, was denkst du denn?“
Ich: „Willst du mal Kinder?“
Vera: „Du spinnst.“

(6) Räuber-Song aus "Das Wirtshaus im Spessart", Günter Neus und Wolfgang Müller, 1958

(7) Damit beschenkt uns auch B. Bjerg. Lotte hätte es zu schätzen gewußt: Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wieder finde, bey dem`s zugeht wie um mich ...

(8) Das ist der Hauptgrund, warum die deutsche Hüttchenidylle so schnell peinlich wird: das notorische Schwächeln ihres Gegengewichts. Our House hatte es da leichter, die Charts zu stürmen, obwohl es sich von deutschen Sehnsüchten eigentlich nicht unterscheidet.

Bov Bjergs Vierzeiler stellt die modernen Geschlechterverhältnisse klar.

Kerker und Regeln

Familien- und Landleben als Waffe gegen höfisches Aristokratentum und städtische Ent-fremdung? Das Modell hinkte schon immer. Bornierter Eskapismus. Die sozialen Krän-kungen bleiben, selbst in der Light-Version.

Das Gymnasium für die Stadtrandkinder bekommt keinen Eigennamen, sowenig wie der Bauernsohn, der nach Kuhstall riecht. Wir nannten ihn bloß „der Bauer“. Frieder hat dafür wenigstens die historische Erklärung. Guten Abend. Ich komme geradewegs aus dem Feudalismus. Sind Sie bereits auf dem Weg in die Industriegesellschaft?

Standesmäßig zählt er sich wie Werther zu den Subalternen (8a). Doch was ist schlim-mer? Die feudale Bevormundung (9) oder das bürgerliche Regelwerk ? Birth, School, Work, Death. Ist Karriere wirklich alles? Nein! So sieht es das Auerhaus-Team, so fühlt es Werther.

Man kann zum Vortheile der Regeln viel sagen, ohngefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. ….Folgt der Mensch , so giebts einen brauchbaren jungen Menschen, nur mit seiner Liebe ist’s am Ende und wenn er ein Künstler ist, mit seiner Kunst.

"Meine Eltern sind stolz darauf, dass ich aufs Gymnasium gehe. Und wenn ich mal zum Mond fliege, sind sie auch darauf stolz. Aber sie werden es nicht verstehen." "Was?" "Wie sich die Schwerelosig-
keit anfühlt. ..."

Wer sich jung fühlt und entwickeln möchte, reibt sich an der Enge. Anders als F2M2, dem im Gegensatz dazu selbst die Zimmer zu hoch sind. Doch Höppners häusliche Rebellion dagegen – ARSCHLOCH DUMM WIE 1m FELDWEG – verschwindet hinter der Tapete.

Werther wendet sich (mit versteckten Hinweisen auf Platons Höhlengleichnis) gegen den Käfig oder Kerker, in dem er sich eingesperrt fühlt. Er gerät in Verzweiflung, wenn er sich ansieht, wie alle Würksamkeit und alles Nachforschen auf träumende Resignation hinausläuft, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemahlt.- Da trifft es sich für F2M2 doch ausgespro-chen günstig, dass er bereits von Beruf Maler ist. Kein Maler, der malen konnte. ... Sondern einer, der anmalen konnte. Wände und so.

Trauerspiele

Das deutsche Trauerspiel. Wenn sich Werther erschießt, wird "Emilia Galotti" aufge-schlagen daneben liegen. WERTHER und AUERHAUS zitieren die vertrauten Muster:

Die Väter imitieren feudale Herrschaft. Die töchterliche Unschuld bringt sich um. Die Frau-en üben sich in kreativer Haushaltsführung.

Ein gutes junges Geschöpf … verlassen von aller Welt … stürzt … sich hinunter, um im Tode all ihre Quaalen zu ersticken.

Die große Schwester von Lothar…hatte sich aufgehängt. … Sie war schwanger, hieß es hinterher. Sie
wurde nicht einmal 18.

(8a) Frieder hat Erfahrungen als Omega-Wolf ."Wenn man nicht im Gehege drin ist, dann ist das interessant."

(9) Werther verkämpft sich weniger mit der feudalen Ordnung als mit ihren Bürokraten und seiner Elterngeneration.
Werther erzählt von einer braven Frau, deren Mann - ein geiziger, rangiger Hund - sie so knapp hält, dass sie ihre Familie nicht anders versorgen kann, als sich den Rest zusam-men zu stehlen, zur Not wöchentlich aus der Loosung (der Kirchenkollekte).

Knappe Budgets sind primär Frauensache. Höppners Mutter schleppt regelmäßig abge-laufene Essachen aus dem Supermarkt. Vera bringt Frieder auf die Idee, die teuren Sa-chen beim Penny zu klauen. - Aber geklaut ist selbst die Idee.

Fluchtwege

Werther flieht aus der Enge seines Lebens. Er entdeckt die paradiesische Natur, das liebe Thal; verliert sich in pantheistische Stimmungen und  am Bache liegend im Wim-meln der kleinen Welt zwischen den Halmen, armen Würmgen, Ameisen. Er genießt das einfache Landleben, einen Garten, gestaltet von einem fühlenden Herzen, und einen Kirchplatz, ringsum eingeschlossen mit Bauernhäusern, Scheuern und Höfen. So vertraulich, so heimlich ...

Das AUERHAUS hat das Paradies weit hinter sich gelassen. Das Tal wird von einer Um-gehungsstraße überspannt; der Mühlbach ist eingedolt. Als Gärten posieren Brennes-selhügel, ehemalige Misthaufen, hier und da mit Geranien bepflanzt. Der Kirchturm lugt über eine Mauer aus groben Steinen ... wie ein dicker, missgünstiger Zwerg. Gott sei Dank eingesperrt ...

Werther kennt noch einen weiteren Fluchtweg - den problematisch-deutschesten! - den Weg nach Innen; Innerlichkeit, die Einsamkeit des Herzens. Ich kehre in mich selbst zu-rück, und finde eine Welt!  

Arbeit und Karriere zählen nicht zu Werthers Fluchtwegen. Haben einen weiteren überse-hen? Wir werden es im Auge behalten.

Wie steht es nun um Höppners Alternativen? Wenn wir es richtig sehen, ist ihm nur noch eine geblieben: Berlin, Knast und Klapse in Einem.

Trittspuren

Mir war nie aufgefallen, wie ausgetreten die Treppe eigentlich war. Die Mulden im Holz, glattpoliert wie Bachkiesel.

Höppner wurde nach seinem verpatzten Abitur Treppenhausputzer, mit geschärftem Blick für Trittspuren. Im Nachhinein kündete sich seine Eignung für den Beruf bereits im Prolog des  AUERHAUSes an. Höppner war es, der auch die Spuren im Neuschnee entdeckte.

Ich erkannte Frieders frische Stiefelstempel und ging ihnen nach.

Aber warum drückt er sich denn so gestelzt aus? Stiefelstempel? Warum notiert er nicht
einfach "Fußspuren"?  

Die Antwort ist einfach, auch wenn Höppner selbst nichts davon weiß. "Stiefelstempel" ist ein Kunstwort, über das der Leser, wenn er aufpasst, gleich in den ersten Zeilen des
AUERHAUSes stolpern kann. Stiefel, zumal im Gravitationsfeld von Adoleszenz, sind untrennbar mit Werther verbunden (10).
Und Stempel? Sprachlich bilden sie den eigentlichen Fremdkörper. Sie prägen das Kunstwort; wirken selber wie in den Satz hinein gestempelt, passen eher zu Büro  und Verwaltung (11) als zum Schnee. Wir finden des Rätsels Lösung wieder im WERTHER.

Großzügig wurde der begabte Jüngling in ein fürstliches Haus eingeladen. Sein Gastgeber und Gönner suchte das Gespräch mit der Kunst, gerade weil er in Wahrheit selber nichts davon verstand. Die Situation, die sich daraus entwickelte, können wir in Werthers Briefen fast körperlich nachempfinden: wie er mit den Zähnen knirscht, wenn es der Fürst mal wieder recht gut zu machen denkt und auf des jungen Gastes warme Imagination an Natur und Kunst mit einem gestempelten Kunstworte drein tölpelt.

Daher also kommen die drein getölpelten Stiefelstempel am Beginn des AUERHAUS! Ein heimlich aus dem WERTHER entführtes Kunstwort, das Bjerg als stillen Wegweiser in seinen Roman einbaute.

Die Absätzen wiesen die Richtung. Wollen wir sie zurück verfolgen?

Der fiktive Herausgeber von Werthers Briefnachlass wollte seinen Lesern ursprünglich ebenfalls mitteilen, wodurch er angetrieben worden, den Fustapfen des unglücklichen
emsiger nachzugehen. Goethe strich später die Stelle. Aber in den Schlussszenen, im
düsteren Umfeld von Werthers Todesnähe, tauchen die Fustapfen wieder auf. Sie verlaufen und vermischen sich - wie im AUERHAUS ! - mit den Spuren des älteren Dichters und Vorgängers. Es eröffnet sich eine dichterische Kaskade!

Wenn ich ihn denn finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Haide die Fustapfen seiner Väter sucht und ach! ihre Grabsteine findet. ... Der Wanderer wird kommen .... und fragen: Wo ist der Sänger ...? Sein Fußtritt geht über mein Grab hin und er fragt vergebens nach mir auf der Er-de.

Frieder

Der Vater hat eine warme Stimme und glaubt an die zehn Gebote. Die Mutter nimmt
Schlaftabletten. Beide machten den Darkroom zu Frieders Kinderzimmer. Seither erlebt
Frieder seine Umwelt meist hinter Glas. So ein ganz dickes Glas. Davon abgesehen, ist Frieder hochbegabt.

Nach turbulenten Monaten im AUERHAUS verlässt er als Einser-Abiturient das schwäbi-sche Bauerndorf, wird Fahrradmechaniker in einer kleinen Stadt in Hessen ohne Fuß-gängerzone (12) und begeht dort Selbstmord. Depressionen sind wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager, hatte schon Höppners Mutter erklärt. Man kommt bei allem
Strampeln doch nicht vom Fleck. (13)

Was wissen wir über Frieder hinter dem Glas? Sein Name und Talent sind ihm nur ange-


(10) Werthers unkonventioneller Tracht erreichte Kultstatus. Kestner beschreibt erstmals von Jerusalem: blauer Frack, gelbe Weste und Beinkleider, braune Stulpenstiefel. Goethe weist auf ihre Verbreitung "unter den Niederdeutschen in Nachahmung der Engländer" hin; Dichtung und Wahrheit, Werke Bd.9, Hamburger Ausgabe, München 1981. -  Die grellfarbene Outfits im AUERHAUS knüpfen an der Werther-Tracht an: Veras grüne Haare und Harrys rote Latzhose, auf der Silvesterparty noch steigerungsfähig: eine Kluft aus rote(m) Netzhemd, knallenge(n) Jeans mit abgeschnitten(en) Beinen bis hoch zum Schritt, schwarze(r) Nylon-Strumpfhose.

(11) Stempeln und Stempelkissen begegnen uns gleich wieder. Dann geht es  weniger um Fußabdrücke.

(12) Wetzlar ist eine hessische Kleinstadt bis heute ohne Fußgängerzone!

(13) Wie Frieder sich auf dem Fahrrad fortbewegt, gleicht er einem absurd große(n) Metronom.
heftet (14). Das Psychogramm erhielt er von K.W. Jerusalem(15), von Goethe die Locken.
Wenn er gekonnt hätte, hätte er so sorgenlos und draufgängerisch gelebt wie Alexis
Sorbas, der Grieche, oder sich zumindest nicht besonders viele Gedanken gemacht wie Harry, der Schwule. (16) Aber real bleibt er der Bauer mit minderen Erfolgsaussich-ten, zumal bei Mädchen. Eine aus der Zeit gefallene Protestgestalt im Geruch des niede-ren Standes. Ein bisschen Kaspar Hauser. (18)



Doppelgänger

Wenn wir Frieder zum ersten Mal begegnen, ist er bereits seit Monaten in der psychiatri-scher Klinik am der Stadtrand. Im Herbst hat er den ersten Freigang. Der Park ist regne-risch und nebelig; der Springbrunnen ... mit Brettern vernagelt, Winterstarre spürbar. Höppner träumt vom Tod. Ich will in die Stadt, sagt Frieder. Dort ist alles noch trostloser,
die Fußgängerzone … kaum auszuhalten, …statt Sitzbänken eine Betonpyramide, ... der ideale Ort für Leute mit Depressionen. Hier waren sie mit ihrer Umwelt im Einklang.

Frieders erster Gang ins Freie, unverkennbar symbolisch aufgeladen, ruft förmlich nach  mäandernder Lektüre:

Werther zieht es aus dem unangenehm engen Wetzlar in die unaussprechliche Schönheit der Natur rings umher. Eine paradiesische Frühlingslandschaft, ein Brunnen mit klarstem Wasser aus Marmor-felsen wird zum Ort der Begegnung. Werther verströmt pantheistische Träume und spürt die Gegenwart des Allmächtigen.

Frieders Laufrichtung steht in gewolltem Gegensatz zu Werthers. Es herrscht Herbst statt Frühling, nordische Todesstimmung statt südlicher Anmut. Der Brunnen ist schon zuge-
deckt, das Wasser abgestellt. Anstelle des Landlebens lockt die Stadt. Träumerische All-heit weicht dem Alptraum des Erhängtwerdens, der poetische Aufschwung dem Gleich-maß der Depression.

"Die Absätze wiesen die Richtung!"

Motivumkehrung statt Parallelführung, zugleich Verdopplung. Wie das literarisch geht, zeigt WERTHER.



(14) Zu Frieder als Meisterdieb und J.P. Hebels Zundelfrieder vgl. meinen Aufsatz "Hintergründiges ..." (s. Fußnote 2)

(15) ausführlich zu Jerusalem: Heinrich Gloël, Goethes Wetzlarer Zeit, besonders Kapitel IX; Berlin 1911; Nachdruck Wetzlar 1999. Besonders hervorzuheben: "Der Zartbesaitete ... hatte das Bedürfnis nach freundschaftlichem Verkehr, war aber so verschlossen und wählerisch, daß er nur mit wenigen befreundet war." - "Er neigte zur Melancholie und zur Vereinsamung, er entzog sich allezeit der menschlichen Gesellschaft.." - "Die Natur hatte ihm ... die `Fähigkeit zur Verstellung` versagt".- "er ging in den Tod als gequältes, nicht genügend widerstandsfähiges Menschenkind .."; mit  "übertriebenem Hang zu metaphysischen Spekulationen". " Leibnitzen`s Werke las er großem Fleiße."  Aus Lessings Nachruf stammen die ehrenden Worte: "Es war die Neigung zu deutlicher Erkenntnis; das Talent, die Wahrheit bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen. Es war der Geist der kalten Betrachtung. Aber ein warmer Geist, und so viel schätzbarer." (zit. aus: Philosophische Aufsätze von Karl Wilhelm Jerusalem, hrsg. von Gotthold Ephraim Lessing, Braunschweig 1776). - Goethe schrieb: "Der unglückliche Jerusalem! ... Gott weiß, die Einsamkeit hat sein Herz unter-graben, und - seit 7 Jahren kenn`ich die Gestalt, ich habe wenig mit ihm geredt`..." (zit. nach H. Flaschka a.a.O. Seite

(16) Immer mal wieder irren sich die Protagonisten. Das ist im AUERHAUS nicht anders als im WERTHER. Harry hat auch eine unverkennbar schwäbische Seite: "Anschaffen, das lohnt sich vielleicht noch zwei, drei Jahre. Ich muss auch an später denken."

(17) entfällt

(18) "Was macht man mit einem Raum ohne Fenster?"
Das Verdopplungsmotiv taucht dort zunächst in Gestalt der Jahreszeit auf. Wie sich die Natur zum Herbst neigt, wird es Herbst in mir und um mich her.  Werthers Stimmung verdüstert sich, sein Untergang beginnt. Dann begegnet er zwei menschlichen Doppelgän-gern; einem Bauernburschen (19), anschließend einem armen Kranken im grünen Rokke. Die Lage wird einigermaßen unübersichtlich. Wer folgt wem?

Den Bauernknecht trieben aufrichtige Liebe, Treue und Leidenschaft zu Gewalt und Mord. Als Werther unmittelbar nach der Bluttat am Ort des Verbrechens, seinem sonst so geliebten Platze, eintrifft, entdeckt er entsetzt, wie sichtbar sich alles verändert hat. Die starken Bäume standen ohne Laub ..., waren ent-blättert.

Im Falle Frieders kündet sich soeben seine Entlassung aus dem Irrenhaus an, aber kei-neswegs geheilt, sein Überleben ist ungewiss. Mit Höppner bildet auch er ein Doppelge-spann, ein merkwürdiges, seit Jahren.

Es war ein bisschen so, als ob ich noch einen Bruder hätte.

Hier beginnt nun Bov Bjergs Spiel mit Wiederholung, Variation, Verdopplung und Goethe!

Keiner der Brüder ist zur Mordtat fähig. (20) Dennoch tauchen in Höppner auf dem Hin- und Rückweg zusammen mit Frieder von der Klapse in die Stadt Gedanken an Mord und Selbstmord auf. Wie zum Glück entdecken sie beim Überquerung der Schienengeleise keine Blutflecken und schubst auch keiner den anderen vor den Zug. Höppner tut nur so! Danach springt er ausgelassen in einen Laubhaufen und kickt das Laub ausein-ander.

Es machte mir Spaß, mich wie ein Kind zu fühlen, oder zumindest so zu tun. Na ja, ein bißchen tat ich es auch für Frieder.

Der Weg des Paares über die Eisenbahnbrücke bewegt sich eindeutig entlang der Schlüs-selworte aus Werthers Doppelgängerszenen: Psychiatrie/Tollhaus, Mord/Bluttat und Herbst/Laub. - Nur: wo bleiben die aufrichtige Liebe, Treue und Leidenschaft ?

Die Stelle der Leidenschaft übernimmt Höppners kindliches Vergnügen nach der nicht ge-tanen Tat! Und aufrichtige Liebe und Treue? Zwei Lesearten sind möglich: Bjerg wollte seinem eher coolen Publikum die gefühlsüberladenen Worte taktvoll ersparen.  Alternativ: Er legte Goethes Worte, bzw. die Eigenschaften, die sie ausdrücken, nur etwas tiefer, verschob sie in den Subtext der Handlung. Aufrichtige Liebe und Treue seien auf diese
Weise dem Roman rekonstruierbar erhalten geblieben, steuerten quasi von unten das AUERHAUS weiter!

Wir wollen über den mordenden Bauernknecht nicht Werthers zweiten Doppelgänger,  den armen Kranken, vergessen.



(19) Goethe hat die Bauernknecht-Episoden erst in die Zweitfassung des WERTHER (1786) eingefügt. Die Umarbeitung war u.a. eine Reaktion auf den Wertherkult. Die Nebenhandlung mit dem Bauernburschen sollte die Identifikation mit dem Romanhelden erschweren. - Bjerg unterstreicht mit den Namensgebungen "Bauer Frieder" und "Höppner Hühner-knecht" den Doppelgängerstatus seiner eigenen Romanhelden - und ihre literarische Herkunft.

(20) Sowenig wie Goethe oder Werther dazu in der Lage waren. Aber die Spannbreite ihrer inneren Beziehung sollte man nicht unterschätzen :"Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt`ihn umgebracht", Goethe, Römische Elegien II (1795) - Andererseits spricht Goethe wieder in seiner Trilogie der Leidenschaften (1827)  "An Werther" vom "vielbewein-ten Schatten".
Er war wie Werther erst der Leidenschaft, dann jedoch der Raserei verfallen und hatte ein Jahr an Ketten im Tollhaus gelegen. Auch dort, bekennt der Kranke, war einmal eine Zeit, da mir`s so wohl war. ..., so lustig, so leicht wie ein Fisch im Wasser! Doch die Zeit, von der er so rühmte, daß er so glücklich  ... gewesen, war der Abschnitt seines Lebens gewesen, wo er nichts von sich wußte. - Zu seinem jähem Erschrecken registriert Werther plötzlich seine innere Nähe zu dem armen Kranken,.

Einen abgründigen Humor wird Bov Bjerg niemand absprechen wollen. Aus dem Kranken im grünen Rokke macht er einen in seinen Dienstauftrag versunkenen Polizisten; den Typ am Stempelkissen, der die Fingerabdrücke nahm. Im AUERHAUS verkörpert der Typ das Gegenmotiv zu Frieders Aktionismus.

Er sah ganz konzentriert aus und gleichzeitig total abwesend, wie im Halbschlaf. Als ob er meditierte. Vera hatte mal gesagt, wenn man in dem, was man machte, völlig aufging und dabei die Zeit vergaß, war das das Glück. Dieser Polizist war glücklich. ... In diesem Moment hätte ich gerne mit ihm ge-tauscht.

Reifungsstörung

Die Väter waren immer viel dümmer als die Mütter ... Die klügsten und freundlich-
sten Frauen hatten die dümmsten Arschlöcher zum Mann.

Antike Helden und Ritter waren gestern. Mit privatisierenden Männern lässt sich kein Staat machen. Werthers oder Höppners Vater werden nicht einmal namentlich erwähnt. Werther ist so wenig ein Kraftkerl (21) wie Frieder oder Höppner. Im Gegenteil, alle drei haben ein regelrechtes Defizit an Männlichkeit (22).

Die Qualitäten der Typen, die bei Frauen Erfolg haben, möchte sich Höppner lieber nicht genauer vorstellen. Den Auerhahn im AUERHAUS gibt Harry. Er verkörpert zwar auch
nicht gerade einen sexuellen Kraftprotz, aber um Höppner auszustechen, reicht es. Wenn es um die Vergabe des Markenzeichens Kerl geht, bleibt der seinen Minimalanforderun-gen an Männlichkeit selbst als Chronist noch treu. Ein Kerl ist für ihn sogar der Zeitsoldat, der noch nie in einem Krieg war.

Frieder/Höppner/Werther sind unfähig, sich aus ihrer Trägheit in Beziehungen zu einer konsequenten Haltung zu ermannen, im Ernstfall werden sie von ihren Gefühlen über-mannt. Ihr Mangel an Männlichkeit ist nicht weiblichen, sondern infantilen Ursprungs (23).

Väter, die keine Welt mehr repräsentieren, hinterlassen unsichere Söhne. Die bewegen
sich in träumender Resignation, geraten ins Schwanken, sobald sie ihr angestammtes Milieu - das unerträgliche Gefängnis - verlassen und flüchten sich in eine Zuschauer-
rolle, ins Kontemplative.

Ich fand Partys ziemlich blöd, und Frieder fand das eigentlich auch. Ich dachte zumindest, dass er das dachte. Wenn wir mal auf eine Party gingen, setzten wir uns irgendwohin und blieben da sitzen.
... Wir unterhielten uns und guckten geradeaus und beobachteten Leute, ...

(21) Kerl ist ein Schlagwort des Sturm und Drang. Merkmal ist der Tatendurst , fakultativ die sexuelle Ausschweifung. Berühmt ist Karl Moor aus Schillers "Räubern": "Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen." Der Götz von Berlichingen, an dem Goethe noch in Wetzlar schrieb, war ebenfalls ein Kerl im Gegensatz zu seinem schwächlichen Jugendfreund von Weislingen, mit dem Werther bezeichnenderweise mehr gemein hat als mit Götz. Vgl. Horst Flaschka aaO S.130 ff

(22) zu diesem ganzen Abschnitt: Horst Lange, Die Berge als Schule der Männlichkeit, Goethes Briefe aus der Schweiz als Kommentar zu den Leiden des jungen Werthers, in: Oliver Ruf (Hrsg.), Goethe und die Schweiz, Hannover 2013

(23) Horst Lange, a.a.O. S. 222f.
... die vielerley Menschen, die allerley neuen Gestalten, machen mir ein buntes Schauspiel vor der Seele..... Ob`s nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr ich werde gespielt wie eine Mario-nette ...

Sexuell  sind solche Söhne im typischen Fall verklemmt!

Was ist das mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nicht meine Liebe zu ihr die heiligste, reinste, brüderlichste Liebe? Habe ich jemals einen strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt?

Wir guckten den anderen beim Sündigen zu, dann standen wir wieder auf und fuhren nach Hause. ... Küssen und Flirten und so was, das sollte man nicht ins Lächerliche ziehen, ...

Sie verlieren sich spekulativ ins Unendliche, erkunden die Grenzen ihrer Vorstellungs-kraft (24), halten sich für allmächtig, weil sie mal geklaut haben, aber scheitern vor der Wirklichkeit (25).

Immerhin gibt es auch zarte Reifungsschritte. Zwischen Höppner und Frieder entwickelt sich ein männliches Bündnis. Keine erotische Beziehung, aber ein informativer Austausch und eine gegenseitige Stützung in Geschlechterfragen (26). Erste Früchte werden sicht-bar.

Frieder: "Manchmal war sie ein Arschloch."
Ich: "Finde ich nicht."
Frieder: "Findest du doch."


Gewissheiten

"Ich hab`s gemacht! Ich hab`s gemacht!"

Schluss mit Reden und Träumen. Nicht weiter nur im Kreis. Kein Herumeiern mehr. - Kino-Action, Taten, (h)opp oder top. Tabletten, Axt, Pistole! (27)(27a)

Frieder durchbricht das Glas. Sein Aktionismus bringt selbst Höppner in Bewegung:

Ich holte aus und knallte ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Ich drosch mit ganzer Kraft. ...
Frieder ... wehrte sich nicht.

"Seien Sie ein Mann!" beschwört Lotte Werther.




(24) Ich erinnere mich so lebhaft, wenn ich ... dem Wasser nachsah, ... wie ... ich mir ... vorstellte, wo es nun hinflösse, ... und bald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand, ...bis ich mich ganz im Anschauen einer unsicht-baren Ferne verlohr.

(25) Herrlich, wenn Höppner Hühnerknecht versucht, eine Gans zu tranchieren. "Haben Sie das schon mal gemacht, junger Mann?"

(26) Sie tauschen ihre Erfahrungen, genauer: ihre fehlenden Erfahrungen mit Mädchen oder Frauen aus, geben sich moralischen Rückhalt bei Niederlagen. Das Lästern über Frauen ist eine von vielen Eigenschaften, mit denen sich Män-nernetzwerke festigen. Wie vieles, was in dieser Studie abgehandelt wird, entwickelten sich diese Verhaltensnormen forciert im 18. Jahrhundert. Horst Lange spricht von der Etablierung homosozialer Bindungen, a.a.O. S. 225f. Frieder parodiert die Netzwerkidee, indem auf der Silvesterparty wahlos Leute einander vorstellt und sogar versucht, sie mit irgendeiner ausgedachten Gemeinsamkeit zu verkuppeln.

(27) "In dem Moment, wo ich die Tabletten runtergeschluckt habe, da war ich irgendwie ganz da. ..."

(27a) "Ich hab`s drauf angelegt. Dass der Bulle schießt. Ich hab es drauf angelegt."
Die Tat allein bewirkt es noch nicht. Indem Werther sich erschießt, wird er kein Mann, son-dern nur unsterblich - und zwar als ewiger Jüngling! Frieders Aktionen bewirken gar nichts. Er kommt keinem Zentrum näher, keinen Millimeter.

Für alle gewiss ist nur der Tod (28). Wie man ihm begegnen wird, reif oder unreif, darüber entscheidet das ganze Leben. Sterben folgt subjektiven Gewissheiten, aufgeladen mit  dem, wovon das Leben zuletzt noch zehrt.

Sterben! Was heißt das? Sieh wir träumen, wenn wir vom Tode reden.
Vergehen! - Was heißt das? das ist wieder ein Wort! ein leerer Schall für mein Herz.--
Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht!
Wir werden uns wieder sehn! Hier und dort wieder sehn!
Ich gehe voran! ... und ich fliege dir entgegen und fasse dich ...

Werthers Suggestionen durchschimmern noch Höppners nächtliche Imaginationen nach seinem missglückten Suizid nach Wetterbericht.

Ich schaute in einen Tunnel. Es wurde immer dunkler. ...  Ich hörte eine Stimme, es war Frieders Stim-me. Frieder war also schon tot. Er nahm mich in den Arm, ich stand auf und schwebte mit ihm zum Licht.  



Wanderer

Ja wohl bin ich nur ein Wandrer, ein Waller (Pilger) auf der Erde! Seyd ihr denn mehr?

Nein, Höppner ist auch nur ein Wanderer. Immer mal weg. Dabei begibt er sich dreimal sogar auf eine echte Wanderung, zu Fuß (30) wie früher. Mal aus Beengtheit, mal aus
Verlorenheit. Mal aus dem Elternhaus, mal aus dem Auerhaus.

WERTHER ist vieles. Unter anderem ist er ein Grundtext der Romantik. Goethe hat das Motiv des gefühlvollen Wanderns vorgeprägt, das Wilhelm Müllers und Heinrich Heines Helden begleiten wird. All ihren Wanderungen liegt etwas Fluchtartiges, Unvorhersehbares zu Grunde. Sie sind Befreiungsakte aus innerer Beklemmung.

Das erste Mal zieht Höppner das Weihnachtsessen für Alte und Obdachlose dem üb-lichen familiären Heiligabend-Streit vor. Draußen ist es kalt, in seinem Inneren auch. Märtyrer- und Samariter-Fantasien begleiten seinen Fußmarsch. Das christliche Liebes-mahl (31) mit Pennern und Nonnen hebt seine Stimmung. Wiedersehen mit Pauline.

Die zweite Wanderung führt ihn in Suizidabsichten mit einer Flasche Wodka in der Plas-tiktüte durch den Wald. Wir werden ihr eigenen Abschnitt widmen.


(28) Werther (auch Höppner?) betrachtet den Tod - im Gegensatz zu Frieder - nicht als biologisches, sondern als onto-logisches  Ereignis. Die Seele wechselt bloß den Seinszustand! -  So ist für Werther wirklich gewiss nur ein Faktum: Sein Wunsch und seine Fantasie einer Zweierbeziehung vertragen sich nicht mit einer Welt, die sich aus Dreierbeziehungen baut. Deshalb bleibt ihm nur die eine Lösung: eins von uns dreyen muß weg und das will ich seyn.!

(29) entfällt

(30) fustapfen und Doppelgänger werden wir nicht mehr los, der sterbende Vagabund im Straßengraben meldet sich schon an!

(31) Die Tradition der Liebesmahlfeier (Agape) betont das gemeinsame Verzehren mitgebrachter Speisen, gleichgültig wer was und wieviel mit gebracht hat, und den Gedanken der Caritas. Es soll schon 1. Jahrhundert bestanden haben und unterscheidet sich vom Abendmahl (Eucharistie) als Opfermahl.
Höppners dritte Wanderung steht im Zeichen der Auflösung des Auerhauses. Der Appetit war ihm vergangen (32).

Es gab Tage, das war das Auerhaus schlimmer als eine Familie voller F2M2. Tage, an denen niemand mehr mit irgendwem redete. Ich ging raus ...

Sein Weg führt mit deutlichen Anklängen an Werthers Lieblingsweg an der Kirche, am Friedhof vorbei in die Natur, in den Frühling. Die Obstbaumblüte beginnt, zum letzten Mal begegnen wir dem Vagabunden, auch wenn er nicht mehr selber Erscheinung tritt. Der Tausch der Vierpfennigstücke unterstreicht das Doppelgängermotiv. Aber unüber-sehbar ist Höppner auf einem anderen Weg angelangt als seine romantischen Vorgänger. Ein Lindenbaum steht nirgends.

Ich bemerkte erst jetzt, dass die Obstbäume blühten. ...
Hinter den Stämmen der Bäume ging ein hellgrüner Riegel quer, das war die Hecke vom Friedhof. Lebensbaum oder so was.

Undinen (33)

Werthers Naturerleben reicht von anfänglicher Schwärmerei bis zur endlichen Entfrem-dung. Wie er sie erlebt, korrespondiert dabei eng mit dem Stand seiner Frauenbeziehun-gen. Die vormalige Freundin rückte ihm zu nahe, die jetzige (Lotte) bleibt seiner Leiden-schaft zu indifferent. In den Naturszenen spiegeln sich die Gefühle. Sie erzeugen Unruhe, Aufbruchstimmung, Wanderlust und -elend.

Naturparallelismus ist das eine, Gegensätzlichkeit das andere. Das Dreieck Werther, Lot-
te und Natur ist komplex und konflikthaft. Werther sucht oder vernachlässigt die Natur je nach dem Stand seiner Frauenbeziehung. Anfänglich begegnet er der Natur noch wie der Gestalt einer Geliebten. Zweitrangig wird sie erst, als Lotte erscheint. Zwischen Lotte und der Natur entwickelt sich eine Konkurrenz, deren feingewebtes Netz sich am Motiv des Wasser - von den Thränen bis zum übergetretenen Fluß - bestens nachverfolgen lässt. (34)

Von Goethes Wassermetaphorik zu den Allegorien der Romantiker in ihren Nixen- und
Undinenmärchen (35) war es nur ein kurzer Weg. Das Schwanken des männlich Lieben-
den zwischen einer edlen Frauenseele und einer zweideutig lockenden Naturgestalt (36)
wird implizit schon im WERTHER breit verhandelt. Wasser blieb das Signum dämonen-
hafter Weiblichkeit.


(32) Trotz gebratener Fischstäbchen! Höppners Zurückweisung des WG-Gerichts vor dem Verlassen des Auerhaus parodiert eine der bewegenden Schlussszenen zwischen Lotte und Werther: Lotte sitzt am Klavier und spielt ein Menu-ett, das beiden vormals sehr lieb gewesen war. Um Gottes Willen, sagte ich ... hören sie auf. Werther, sagte sie, mit einem Lächeln, das mir durch die Seele gieng, sie sind sehr krank, ihre Lieblingsgerichte widerstehen ihnen... Ich riß mich weg ...

(33) zu den Abschnitten Wanderer und Undinen sehr lesenswert: Jane K. Brown, "Es singen wohl die Nixen": Werther und das Märchen der Romantik, in: Ironie und Objektivität; Aufsätze zu Goethe, Würzburg 1998

(34) vgl. auch H. Flaschka a.a.O. S.163

(35) Melusine, Loreley, Rusalka. Auch im Blautopf soll eine Nixe gehaust haben. Höppner ist wieder mal ahnunslos, was Vera vorhat. Er liest halt Sachbücher.
  
(36) Lotte erscheint wiederholt als gefährliche Ablenkung vom Ideal der Natur, übernimmt selbst die Rolle der Wasser-nixe, gerät zur Doppelgängerin der Natur, etwa in der Magnetenberg- oder der Kanarienvogelszene J.K. Brown a.a.O.
S. 189

Von derlei Zweideutigkeiten und Untiefen weiß Höppner trotz Vera und Pauline nichts. Mit Frauen geht es ihm wie dem frühen Werther mit der Natur. Er sieht nur paradiesische Un-schuld. Dabei ist er der Gefahr näher, als er denkt.

Ihre Augen waren ganz nah an meinen Augen. … Ihr Mund auf meinem Mund. Den Geschmack hatte ich nicht erwartet. Es war komisch, aber sie schmeckte irgendwie nach Wasser … und … konnte nicht ablenken von dem tollen Gefühl, das ihre Lippen auf meinen Lippen bewirkten.




Portraits

...du solltest sie sehen, diese Augen. ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine vorstel-lende Kraft ist so schwach, ...Werther über Lotte.

... quasi das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte. … Haare, ganz glatt ...mit Glatze noch schöner aus als vorher, noch symmetrischer. Ihr Kopf war ganz rund ...ihre wahnsinnig schönen Augen ... Und die Ohren.  Perfekt geformte Ohrmuscheln, ... Höppner über Pauline.

Zu schön. ... Mann, die war so perfekt, dass ich mir nicht einmal einen runterholen konnte, wenn ich an sie gedacht habe! ... Frieder über Pauline.

Ich (bin) nicht im Stande, dir zu sagen, wie vollkommen sie ist, warum sie vollkommen ist. ... Werther über Lotte.

Um was geht es? Kraftraubende Ikonen oder verzehrende Gefühle? Ungehemmte Lust klingt jedenfalls anders: Greifen die Kinder nicht nach allem, was ihnen in den Sinn fällt?

Anbetung schaft eher Distanz als Nähe. Das Thema beschäftigt auch Theologen. Der
charismatische Schweizer Pfarrer Lavater (37) besuchte Goethe zur Zeit der Niederschrift des Werther. Sein Lieblingsthema war das menschliche Portrait. Die edle Seele zeige sich
im vollkommenen Portrait! Goethe gefiel der Gedanke. Gemeinsam machten sie sich ans
physiognomieren; ihr Enthusiasmus entlud sich in der Kunst des Scherenschnitts. Kein Wunder, dass Lottes Schattenriss ihre besondere Aufmerksamkeit fand. Er wird für Wer-ther zum Objekt der Leidenschaft wie des Verzichts, der Verehrung wie des künstleri-schen Ersatzes.

Lottens Porträt habe ich dreymal angefangen, und habe mich dreymal prostituiert (blamiert), das hat mich um so mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeit sehr glücklich im Treffen war. Darauf hab ich denn ihren Schattenriß gemacht, und damit soll mir genügen.


Pauline scheint von solchen Dingen zu wissen.

Sie spielte mit den Händen vor der Herdtür. Ein Schattenengel, ein Schattenschaf. Ein Schattenhund, der bellte.






(37) Rüdiger Safranski, Goethe, München 2013, S. 172 f.
Weihnacht

So ein Quatsch! Das ist doch nichts Christliches! Das kommt von der Germanen. Hatte Jesus einen Weihnachtsbaum?

Bewegende Fragen. Die Antwort ist gar nicht einfach. Weder die Herkunft des Weihnachts-fests, noch die des Weihnachtsbaums sind eindeutig geklärt. Über Jesu Geburtstag weiß man gar nichts, von Märtyrern interessieren eher die Todestage. Aber kirchlich wurde schon im 4. Jahrhundert der 25. Dezember als Tag seiner Ankunft diskutiert. Der Weih-nachtsbaum kam über 1000 Jahre später, vom protestantischen Deutschland verbreitete er sich über die Welt. Eine originär christliche Botschaft verkörperte zu keinem Zeitpunkt, schon gar nicht den christlichen Heiland. Auf dem Petersplatz steht er erst seit 1982!

Fest und Baum in der heutigen Version entwickelten sich am wahrscheinlichsten durch Verschmelzung zahlreicher religiöser Riten und Bräuche (38), wobei Konkurrenz, Ausrot-tung, Kulturkampf im weitesten Sinne wohl keine geringe Rolle gespielt haben. Der Baum-schmuck hat der Verbreitung des "Christbaums" als Augenweide sicher nicht geschadet. Anders gesagt, das ungeschmückte heidnische Grün hatte es auf Dauer schwer gegen die glitzernde Konkurrenz.

Im 18.Jahrhundert machte der Christbaum seine eigentliche Karriere. Er mutierte zum ge-fühlten Zentrum der bürgerlich-häuslichen Gemeinschaft. Mit Goethe hielt er Einzug in die Literatur. Werther erinnert sich inmitten seiner Vorbereitungen zu seinem Selbstmord zwei Tage vor der Weihnacht an die Zeiten, da einen ... die Erscheinung eines aufgepuzten Baums mit Wachslichtern, Zukkerwerk und Aepfeln in paradisische Entzükkung  sezte.

Unter dem aufgepuzten Baum geht es für Kinder und Obdachlose im WERTHER wie im AUERHAUS vorwiegend um Süssigkeiten/Zukkerwerk und Geschenke. (Die Verlegung der Kinderbescherung vom traditionellen Nikolaustag auf Weihnachten war ein Teil des lu-therischen Konfessionskriegs.) Für die Erwachsenen ist Heilig Abend eine konkurrenzlos wichtige Terminsache, der beschissenste Arbeitstag im Jahr. Weihnachten im AUER-HAUS ist noch verminter als im WERTHER. Auf den Straßen konkurriert der Lichterbaum mit der Leuchtreklame der Volksbank um Kundschaft.

Darkroom

Frieder spürt keine Entzükkung an Weihnachten. Er wurde im Dunkeln geboren, seine
Erinnerung gehört dem Darkroom. Sein Umhauen des Lichterbaums ist weniger ein An-griff auf die christliche Botschaft (39) als auf die Dorfgemeinschaft, die ihn als Kind im Stich lies.

"Der Frieder war schon immer speziell."

Zu seinem Begräbnis kommt zwar das halbe Dorf, aber "Wegen seiner Familie, nicht


(38) Goethes eigenes synkretistisches Verhältnis zur Religion ist bekannt. Auch im WERTHER gestattet er unterschied-lichsten religiösen Einstellungen die Koexistenz, allerdings ohne sie dadurch ihrer Unterschiede zu berauben. Goethe selbst verstand sich nicht als Christ.

(39) Gleich geht im Stall das Licht an, im Stall von Bauer Seidel.  Frieder ist der einzige, dem das frühmorgens auf-fällt. Er präzisiert den Hinweis gegenüber dem Freund so, als könne der ihn missverstehen. Welcher Stall, welches Licht? Als Weihnachtssymbole sind sie immerhin einige Jahrhunderte älter als der Weihnachtsbaum!
wegen ihm."

Höppner erinnern die Dörfler an seine Hühner, so still wie sie immer waren auf dem Weg zum Schlachthof. Auf ihrem Zug zum Gasthaus "Ochsen" gleichen sie in ihrer schwarzen Kleidung gar Riesenameisen, seelenlosen Geschöpfen! (40)


Wenigstens einmal und sei es für kurze Zeit will Frieder sich mit ihnen im Dunkeln verein-nen. Es geht ihm weniger darum, die Lichter zu löschen, sondern es dunkel werden zu las-sen. Ich glaube, dass ist ein Unterschied.

Es war stockdunkel. Und still. ... Eine Stimme begann, "Stille Nacht" zu summen. Dann noch eine Stimme und noch eine. Alle drei Frauen summten "Stille Nacht".

Etwas fällt auf. Gemessen an der Bedeutung, die die Aktion für Frieder hat, hält sich die Reaktion der christlichen Dorfgemeinschaft in Grenzen. Der Protest der Gemeindearbeiter ist so verhalten wie kindisch. In ihrer Protestaktion bleiben sie allein. Kein Geistlicher hat sie begleitet.

Bäume

Man möchte sich dem Teufel ergeben ... über all die Hunde, die Gott auf Erden duldet, ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was drauf noch werth ist. ... Ich sage dir, dem Schulmeister standen die Trä-nen in den Augen, da wir gestern davon redeten, dass sie abhauen worden – abgehauen! Ich möchte toll werden, ich möchte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat.

Das waren andere Töne! Gegen Werthers Wut und Empörung sind die Protestaktionen der Gemeindearbeiter zahm und zahnlos. Man muss Werthers donnernde Anklage (41) - Sie liegen! - im Ohr haben, um den hintergründigen Spott nicht zu überhören, dass die Arbei-ter das tagelange auf dem Parkplatz (L)iegen lassen des Baumes für ihre Aktion halten!

Aber der Reihe nach. Um was geht es? Bäume symbolisieren in germanischer Tradition die unzerstörte, heile Natur, darüber hinaus dienen sie als Orte der Begegnung und Bera-tung. Die christliche Kirche misstraute beidem. Erstens sei die Ursünde des Menschen kein Vergehen gegen die Natur, sondern gegen Gott gewesen, zweitens sollten Menschen ihre wichtigen Dinge unter dem Kreuz und nicht im Schatten obskurer Bäume regeln. Boni-facius wusste, was er tat!

Noch im WERTHER finden die bewegendsten Begegnungen im Schatten von Bäumen statt. Auf dem Kirchplatz stehen Linden, ebenfalls am oftmals aufgesuchten Brunnen und vor dem Tore von Werthers Heimatstadt. Unter Linden möchte Werther begraben sein. In einer Allee aus Castanienbäumen (42) stand er häufig mit Lotte.



(40) Für Werther sind umgekehrt selbst kleinste Kreaturen beseelte Wesen. Der harmloseste Spaziergang kostet tausend tausend armen Würmgen das Leben, es zerrüttet ein Fustritt die müseligen Gebäude der Ameisen, und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. - Höppner bleibt in seiner Einschätzung zweideutig. Den ontolo-gischen Status beseelter Wesen scheint er Ameisen nicht zuzubilligen, aber gewisse anthropophile Fähigkeiten schon. Herbstwanderungen neben der A8 oder der A6 hält er zumindest nicht für ganz unmöglich.

(41) Anklage und Klage! Werthers Liebesverhältnis zur Natur ist spürbar!

(42) Werther hielt sich gerne in der Castanien-Allee auf, auch bevor er Lotte kannte. Ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier oft gehalten.  (Zu "sympathetisch" siehe Seite 19 f.) - Im AUERHAUS klaubt Höppner Kasta-nien vom Rasen des Psychiatrieparks!
Die Geschichte der Nußbäume führt zu einem der gewaltigsten Gefühlsausbrüche des Romans. Die Schönheit der Bäume prägte die Idylle eines Pfarrgartens, wo man sie über Generationen gepflegt und geehrt worden. Und dann hatte die neu eingezogene, aufge-klärter Theologie zuneigende Pfarrersfrau die Nußbäume ..., die uns so lieblich be-schatteten, kurzer Hand beseitigen lassen.

So einer Kreatur war es auch allein möglich, meine Nussbäume abzuhauen. …. Die Bäume nehmen ihr das Tageslicht.

Das ganze Dorf murrt, ... die Frau Pfarrer soll`s spüren, was für eine Wunde sie dem Ort gegeben hat, aber das christlich-aufklärerische Bündnis gegen die Natur steht auf Seiten der Pfarrersfrau.


Frevel

Auch dieses gilt es zu bedenken: Frieder hat den Weihnachtsbaum zwar umgehauen, aber nicht gefällt. Der Natur entrissen haben ihn die, die ihn wie Tausende andere alljähr-lich aus dem Wald holten. Ein industriemäßig betriebener, gedankenloser Naturfrevel zur Feier der christlichen Ankunft! Womöglich waren die Gemeindearbeiter selber die Täter!

Zweideutigkeiten zur Weihnacht. Brückenschläge zu Höppner Hühnerknechts gruseligen Plastikboxen an der Verlade-Rampe zum Schlachthaus - Ich stopfte die Hühner rein .. -, zur tranchierten Gans am Pennertisch und der sicher ausgedachten Geschichte - Der Typ redete wirr. Er verstand, dass ich nichts verstand. - vom Auschwitz-Apother, der nach fünf Jahren Bau zum Weihnachtskonzert entlassen wurde. Im Vergleich zur unsicher verbürg-ten Ankunft der HERRN kam dieser Herr pünktlich. Die Leute sind aufgestanden und haben geklatscht. Deswegen?

Bedenkt man alles recht, geht der verhaltene Protest der Christengemeinde auf Frieders Aktion durchaus in Ordnung. Das schlechte Gewissen liegt auf ihrer Seite.



heile Natur

Höppner wandert durch den verschneiten Wald, bergauf mit Wodka und Suizidabsichten,
Alc und Kälte.  Es lohnt sich, genau zu lesen.

Ich stapfte hoch. Senkrecht zum Hang, durch den Schnee, zwischen den Bäumen durch. Kahle Bu-chen. Und immer wieder Weihnachtsbäume. Ungeschmückte(!) Weihnachtsbäume, die noch standen (!), überzogen mit Schneeschimmelpilz. Dichte, heile(!) Welt. Die Tannenzweige streichelten mir die Wangen. ...

Die Nächstenliebe mag bei Nonnen in guten Händen sein. Die Natur braucht keinen Hei-land! Wir bekommen von ihr am meisten, wenn wir ihr mit unseren Erlösungsgedanken fernbleiben. Die waren immer schon speziell (43).

(43) Kultureller Synkretismus hat allzeit Konjunktur. Wo kommt er her, was treibt ihn? Aufrichtige Liebe und Freund-schaft ? Oder bemühte Ignoranz im Schlepptau heimlicher Gebietsansprüche? Nur eins, mein Bester, in der Welt ist`s sehr selten mit dem Entweder Oder gethan. - Kürzlich wurde der Autor Zeuge einer Einladung zu einer protes-tantischen Heilig-Abend-Andacht. "Wir feiern nicht in der Kirche, sondern draußen an einem großem Feuer. Weißt Du, wie damals die Hirten ..." Ach ja ?! Feld und Feuer waren immer schon christlich, wie der Baum? (E)inerseits, anderer-seits, quasi und sozusagen. Egal, nicht egal.
Höhepunkte

Über allen Gipfeln ist Ruh. Wir erleben die Metamorphose des bildungsfernen Stadtrand-Gymnasiasten in literarische Hochkultur. Sie nähert sich dem Höhepunkt.

Der Schnee schimmerte, als ob er sich am Tag vollgesaugt hätte mit Licht, das er nach und nach wie-der abgab.

Schön empfunden, wie von Goethe (44).

Ich sagte laut in den Wald: "Vera fickt mit Harry!"
In Gedanken strich ich "fickt" durch und schrieb darüber: "schläft wahrscheinlich".
...
Ich wusste nicht, was das alles bedeutete.

Dann wollen wir es ihm erklären. Die erste Fassung des WERTHER (1774) war ganz im Sprachstil des Sturm und Drang geschrieben, oft unbändig-derb in der Wortwahl. In der Weimarer Fassung (1787) änderte und ergänzte Goethe manches; durchgängig alles, was ihm zu unflätig erschien oder als allzu modischer Wortschatz (45). - Höppner wiederholt unter dem besänftigenden Einfluss der Natur gerade Goethes mäßigende Entwicklung im Zeitraffer!

Ovid hätte an der Verwandlung des aliteraten Höppner in Literatur und Literaturgeschichte seine Freude gehabt! Trotzdem ist es riskant, was Bjerg seinen Protagonisten alles zumu-tet, übrigens in diesem Falle sogar gegen ausdrücklich besseren Rat. Was nachträgliche Verbesserungen betrifft, war Werther ganz anderer Auffassung als Goethe.

Ich habe gelernt, wie ein Autor durch eine zweyte veränderte Auflage, und wenn sie noch so poetisch besser gewesen wäre, notwendig seinem Buche schaden muß.

Werther verbreitet Skepsis. Die Skepsis springt über. Auch Höppner beunruhigen jetzt Ver-änderungen, besonders wenn sie mit Vera und Kerlen gleichzeitig zu tun haben. Hat sie neuerdings einen Haupt- und einen Nebenkerl? - Die Pointe liegt im "Kerl". Höppner be-unruhigt Harrys Männlichkeit, Goethe störte das Wort! In der Zweitfassung hatte er des-halb alle Kerls gestrichen oder sie penibel mit Mann oder Mensch ersetzt (46). Bloß damit Höppner das wieder rückgängig macht? Was erlaubt sich der Kerl?! Goethe mag sich beruhigen, ein 1774er Kerl und ein 2015er Kerl meinen beileibe nicht das Gleiche (47).







(44) Goethe kennt dieses Phänomen vom Leuchtenden Schwerspat. Er beschreibt ihn in seiner Italienischen Reise. Da der Stein von einem Bolognese entdeckt wurde, heißt er auch Bononischer Stein. Unter diesem Namen lernt Werther die Eigenschaft des nächtlichen Schimmerns kennen.

(45) Victor Lange, Die Sprache als Erzählform in Goethes Werther, S. 269, in: Formenwandel, Festschrift zum 65. Geburtstag von Paul Böckmann, hrsg. von W. Müller-Seidel und W. Preisendanz, Hamburg 1964

(46) vgl. H. Flaschka S.142 f.   - Höppners Schlusskorrektur seines Abituraufsatzes wiederholt köstlich Goethes zweifel-haftes Verfahren. "Klos" ersetzte ich durch "Toiletten" und "Scheiße" durch "Fäkalien".

(47) Mit Goethes Streichung der Kerls verband sich indessen eine tiefe Dramatik. Der Eifer, mit der Goethe ans Werk ging, spiegelt seinen Bruch mit dem Sturm und Drang, v.a. in der Person von J.M. Reinhold Lenz, den man noch 1775 als Goethes "jüngeren Bruder" tituliert hatte. (Brief Herdes an Hamann, zit. nach Königs Erläuterungen a.a.O. S. 101). Der symbolische Brudermord in Gestalt der Streichaktion ist schwerlich zu übersehen. (vgl. dazu die Fußnoten 20 und 21). Höppner Beharren auf "Kerl" rüttelt somit an der ganzen Architektur von Brüdern und Doppelgängern!
Empfindsamkeit

Die Zeiten und die Sprache ändern sich. Als Goethe seinen WERTHER schrieb, befand sich eine Literaturperiode auf ihrem Kulminationspunkt, über die wir heute nur noch lä-cheln, - wenn wir sie denn noch kennen: die Periode der Empfindsamkeit. (48) Empfind-samkeit meinte weniger ein bestimmtes Gefühl als ein Kulturmuster (49), die stete Suche nach Herzensbeziehungen und Innerlichkeit. Ihr Schlüsselworte hießen in ihrer englischen /französischen Herkunft sensitivity/sensibilitè (50) und sympathy/sympathie (51), in ge-quältem Deutsch: sympathetische Gefühle.

Was führt freie, aufgeklärte Menschen zusammen? Was ist Liebe ohne die segnende Hand Gottes? Sympathetische Gefühlen wollten den Wunsch nach Individuation mit der Hoffnung auf harmonischen Ausgleich utopisch vereinen. Beides sollte möglich sein! Doch in Werthers empfindsamer Natur müssen wir es miterleben, wie sich diese Wünsche mit Fortgang der Handlung immer mehr zerstreuen. Sie ergibt keine Harmonie - aller sympa-thy und Seelenverwandtschaft zum Trotz.

Und darf ich`s sagen? ... sie wäre mit mir glücklicher geworden als mit ihm! O er ist nicht der
Mensch, die Wünsche dieses Herzens alle zu füllen. Ein gewisser Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel - nimm`s wie du willst, daß sein Herz nicht sympathetisch schlägt bey - Oh! - bey der Stelle eines lieben Buchs, wo mein Herz und Lottens in einem zusammen treffen.

Vielleicht wäre unser Freund noch zu retten gewesen, vermutet der Herausgeber des Werther, wenn es nicht ausgerechnet am Vortag des sorgfältig geplanten Selbstmordes
zwischen Lotte, Albert und Werther, - zwischen allen dreien! - zum Bruch der sympatheti-schen Gefühle gekommen wäre. (51a)  Erst nach geschehener Tat melden sie sich über-mächtig zurück. Die Beerdigung wird ohne die beiden Zurückgebliebenen stattfinden.

(48) Die Empfindsamkeit verbreitete sich von England und Frankreich nach Deutschland, etwa ab 1740. Das Jahr 1773 gilt als ihr Höhepunkt, der WERTHER als ihr literarisches Hauptwerk. Für Goethe war das zeitlebens ein Schock. Er wollte sich qua "poetischer Beichte" ja gerade von dem Empfindsamkeitskult befreien, aber danach berief sich jahrzehn-telang jede Empfindelei auf  ihn!

(49) Klaus P. Hansen betont ihren in sich konsistenten Zeitgeist, der die großen Metaphysiker des 17. Jahrhunderts (Descartes, Leibnitz), den Pietismus, die englische moral-sence-Philosophie und den französischen Sensualismus vereint. Vgl. seinen Aufsatz "Neue Literatur zur Empfindsamkeit" Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft Und Geistesgeschichte 64 (3):514-528 (1990). Sozialkritisch wird dieser Zeitgeist mal als Waffe gegen die Adelsherr-schaft, mal als Ausdruck bürgerlicher Resignation gesehen.

(50) sensitivity könnte man vereinfacht mit "von Natur aus tugendhaft" übersetzen. Sensibilitè geht von der Vorstellung einer allen Menschen angeborenen  Neigung zu Moral, Treue, Hilfsbereitschaft, Caritas aus, ohne dass es dazu ver-nünftiger Reflexion bedarf. Der Begriff steht zwischen Vernunft und Leidenschaft. Lit.: Frank Baasner, Der Begriff `sen-sibilitè` im 18. Jahrhundert, Heidelberg 1988

(51) "Sympathy" würde man heute mit Mitgefühl/Verständnis/Empathie übersetzen. Ihre Grundidee reicht aber tiefer. Sie wurzelt in einer Philosophietradition, die bis in die Antike zurück reicht; der doppelten Erfahrung der Welt als einerseits vereinzelt, atomisiert, individuiert, und gleichzeitig als Weltganzes, Unit. - Ontologisch stellt sich die Frage nach einer  inneren Verbindung alles Einzelnen, sei es nun belebt oder unbelebt, irdisch oder göttlich. Die Monadenlehre operiert mit der Vorstellung einer atomisierten Weltseele.- Medizingeschichtlich ging es ihr um das Verständnis des Zusammenwir-kens getrennter Organe. In der noch immer gebräuchlichen Bezeichnung "sympathisches Nervensystem"  hat Paracel-sus seine Fußstapfen hinterlassen.- Ethisch hoffte man, dass Menschen über eigene Automatismen verfügen, die sie nach Auflösung von Schuld und Zwang weiterhin zu altruistischem Verhalten bewegen. Sympathy stellte man sich wie einen Kitt  vor, als eine Eigenschaft, der die sündige, unaufgeklärte amorphe Masse der Menschheit zusammenhält.  - Sympathy wurde deutlich organhafter gedacht als unsere heutigen Begriffe von Sympathie und Liebe. Das sympathe-tische Band der Liebe beinhaltete Seelenverwandtschaft und Freundschaftskult, selbst Inzest. Liebe kommt in diesem Verständnis einer physikalischen Kraft nahe. Werther erzählt das Mährgen vom Magnetenberg zur Beschreibung der Seelenkräfte, die zwischen ihm und Lotte wirken. In den Wahlverwandschaften vergleicht Goethe (wie Pauline in der Sylvesternacht) Liebe mit Chemie. Vgl. dazu: Klaus P. Hansen, "SYMPATHIY" in: Die empfindsame Theologie Nathaniel Hawthornes, Rheinbach1989

(51a) "jedes dachte seinem Recht und dem Unrechte des andern nach." Zur "beliebten Deutschlehrer-Frage", wie
Albert vermochts nicht. Man fürchtete für Lottens Leben.

Im Vergleich zu diesem Trio oder Paar verleiht die Fähigkeit, sympathetische Gefühle einfach abzuschalten, Frieder und Pauline (beim Holzspalten) nahezu übermenschliche Fähigkeiten:

Von den beiden blinzelte keiner. ... Die Axt schlug in das Scheit. Frieder sagte: "Das war knapp".

Wo sympathy einst die Zuversicht verbreitete, dass monadischen Existenzen keine Isolier-haft drohe, scheint manch einer das heute geradezu zu fürchten:

"Mein Vater ... hat sich ein paar Bienenstöcke besorgt. Das ist jetzt sein Hobby: Imkerei. Er hat so einen Astronautenanzug an und steht in einer Wolke von Bienen. Gesellig, oder?"


Relikte

Wir nähern uns dem Zentrum. Wer das AUERHAUS aufmerksam liest, wird sie an vielen Stellen noch entdecken: die Spuren von Empfindsamkeit und sympathetischer Gefühle. Versteckt, verschlungen, parodistisch finden wir ihre Schlüsselworte über den Text ver-streut; immer ironisch, mitunter blasphemisch, im Ergebnis berührend. Mäandernd gele-sen, werden sie deutlich.

"Weint er?" ... "Er lacht."

Wollüstige Tränen vergießen, ein schmerzliches Vergnügen zu haben, sind typisch  für Werther und die Empfindsamen (52). Ihre Tränen sind vor allem Ausdruck von Leiden-schaft, in zweiter Linie von Trauer.


"Heult nicht, um die alten Säcke ist es nicht schade!"

Frieder meint es witzig. Er spricht von den Zwiebelsäcken. Aber wie jeder Witz besteht er aus zwei Seiten. Die Auflösung der Auerhaus-WG ist schon im Gange. Der Abschied ist vor allem für Frieder zum Heulen. "Das ist seine schönste Zeit gewesen. Das hat er in das Buch geschrieben." (52a)

Es kam, wie es der Herausgeber des WERTHER ankündete:

Ihr könnt seinem Schicksal eure Thränen nicht versagen.

Vera und Harry hatten langgeheulte Gesichter, müde und traurig.


Vor dem Essen sagte Frieder: "Lasset uns beten!" "Wir riefen: Der Hunger treibt`s rein, der Geiz behält`s drin!" Frieder sagte: "Amen"

Kein Pietismus ohne Frömmigkeit. Der gemeinsame Beginn der Mahlzeit, das kurze Inne-halten, die Andacht, dass jede Mahlzeit etwas Besonderes, nicht Selbstverständliches ist, hat gute Gründe. Selbst im Auerhaus, dessen gedeckter Tisch sich zu einem Gutteil der Missachtung des 7. Gebotes (nicht Stehlen!) verdankt.

(Fortsetzung Fußnote 51a) Werther vielleicht zu retten gewesen wäre, siehe auch Leo Kreutzer, Mein Gott Goethe, Hamburg 1980, S.22 ff.
(52) Oliver Ruf a.a.O. S. 220  

(52a) Ein Roman ohne Tagebuch ist in der Epoche der Empfindsamkeit undenkbar. Ein Tagebuch führt (und vernach-lässigt) Werther; ein Tagebuch findet Frieders Vater unter der Hinterlassenschaft seines Sohnes.
Der Glaube die Gotteskindschaft hat gelitten; beten geht eigentlich nicht mehr.  Aber bei
allem Spott bleibt der Wunsch nach dem vormals christlichen Ritual bestehen. Werther be-fand sich da noch in einer Zwischenposition. Wie gerne hätte er gebetet, den Vater im Himmel zu Hilfe gebeten. Aber zu welchem Zweck, wohl nicht zur Übertretung des 6. Ge-botes (nicht Ehebrechen!)?

Ich kann nicht bethen: Laß mir sie! und doch kommt sie mir oft als die Meine vor; Ich kann nicht bethen: Gib mir sie.


Die Seele hat sich aus einer theologischen zu einer menschlichen Angelegenheit gewan-delt. Die gute Seele - Lotte - schmückt Offen- und Treuherzigkeit.

Das Gespräch fiel auf das Vergnügen am Tanze. Wenn diese Leidenschaft ein Fehler ist, sagte Lotte, so gesteh ich ihnen gern, ich weis nichts über`s Tanzen.

Zumindest weiß sie nicht alles. Frieder und Lotte hätten sich einiges zu erzählen.

"Tanzen und Knutschen, das hat der Teufel gemacht... Der einzige Grund, warum ich hingehe." (53)


Die Seele wohnt nicht länger im Himmel, sondern im Herzen.

Irgendwer hatte mit dem Finger ein Herz auf das Fenster gemalt.

Das Herz wurde zum wertvollsten Organ des Menschen, weil Sitz empfindsamster Gefüh-le. Die Hierarchie war niemals unumstritten. Die Vernunft sollte auf keinen Fall ins Hinter-treffen kommen, hielt man dagegen. Um das Gewicht, besser das Gleichgewicht, der obe-ren und unteren Seelenkräfte wurde hart gerungen:

"Ich hab mir das Hirn erfroren bei meinen Eltern." ... "Ich das Herz."

Niemand sollte dem AUERHAUS unterstellen, es behalte diese Dinge nicht im Auge. Werther verteidigte seine eigene Hierarchie und Sichtweise; sehr zur Entrüstung der Aufklärer.

Ach was ich weis, kann jeder wissen. - Mein Herz hab ich allein.


Himmlisch, paradiesisch, seelig, heilig, göttlich oder auch ein Engel oder Samariter lösten sich im 18. Jahrhundert vom sakralen Sprachgebrauch, können sei

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Dennis Gerstenberger schrieb uns am 03.10.2017
Thema: Graham Swift: Ein Festtag

Wieviel Schuld trägt Jane?

Graham Swifts Ein Festtag endet mit offenen Fragen

Von Dennis Gerstenberger

Südengland, ein fast sommerlicher Sonntag Ende März. Paul und Jane sind allein und ungestört, sie schlafen miteinander. Dieser Sexualakt macht den Tag zu dem titelgebenden Festtag, denn es gibt viele Gründe, weswegen die beiden nicht zusammen sein dürften: Zum einen schreiben wir das Jahr 1924, vorehelicher Sex ist verpönt. Außerdem sollte Paul zwei Wochen später eine andere Frau ehelichen. Und drittens: Paul stammt aus guten Verhältnissen, während Jane nur ein Dienstmädchen ist. Schon seit mehr als sieben Jahren haben die beiden ein Verhältnis miteinander, doch zum
ersten Mal können sie ihre Zweisamkeit ungestört genießen, zum ersten Mal überhaupt kann Jane Pauls Zimmer betreten. Es bleibt jedoch auch das letzte Mal, dass sie sich sehen, da Paul noch am selben Tag auf dem Weg zu seiner Braut bei einem Autounfall ums Leben kommt.

Jane wird als hübsche junge Frau dargestellt, ein helles Mädchen, das gut lesen und auch schreiben kann und sich für Literatur interessiert. Sie legt einen erstaunlichen Wissensdurst an den Tag und betätigt sich als Wortsammlerin. Von ihrem Herrn darf sie sich Bücher ausleihen und geht auf in den fiktiven Welten. Besonders Joseph Conrad hat es ihr angetan, seine Werke fordern sie heraus. Nach dem tragischen Unfall Pauls wird sie fortziehen und Buchhändlerin in Oxford, später sogar eine berühmte und erfolgreiche Schriftstellerin. Diese anschließenden Jahrzehnte jedoch werden nur grob skizziert, es geht in dem Kurzroman hauptsächlich um den ersten und einzigen Tag, an dem sie ungestört mit Paul sein kann, den sie liebt und ihr Leben lang lieben wird. Es geht um den Tag, an dem Jane ihrem Paul auf Augenhöhe begegnen kann und dabei an Selbstbewusstsein gewinnt.

In dem Kurzroman prallen viele Gegensätze aufeinander: reich und arm, Herr und Dienerin, Glück und Schicksalsschläge. Graham Swift findet die Moderne im England der 20er Jahre, entspinnt ganz langsam das Drama des sich Annäherns und Auseinanderdriftens und entfaltet dabei eine betörende Sinnlichkeit. Als Leser wünscht man sich fast, dass die beiden, die anscheinend füreinander bestimmt sind, trotz der Widrigkeiten zueinander finden und gemeinsam glücklich werden. Dieses Glück widerfährt den Protagonisten nicht, sondern der Tag endet mit einer Tragödie, und dennoch bleibt es ein Festtag, weil beide den intensivsten Moment ihres Lebens gemeinsam erleben konnten. Zu den Stärken Swifts zählt, wie er diesen tragischen Tag so positiv darstellen kann, wie er das Leben aufblühen lässt.

Solche Geschichten können schnell in den Kitsch abdriften, doch Swift entkommt dieser Gefahr gekonnt und moralisiert nicht. Seine Protagonisten sind wegen der Kürze des Romans zwar recht grob gezeichnet, dennoch ist die zwischen den beiden brutalen Weltkriegen angesiedelte Geschichte äußerst filigran und mir einer außergewöhnlichen Ruhe erzählt. Die Gewalt ist durch die vier verstorbenen Brüder des Brautpaares zwar latent vorhanden, aber der Roman zeichnet sich auch dadurch aus, dass er die Extremsituationen nicht in den Mittelpunkt stellt: Es geht in erster Linie nicht um gesellschaftliche Konflikte oder den allgegenwärtigen Tod, sondern um das Leben selbst und die Lebensfreude, die unabhängig von Normen vorhanden ist. Janes Erlebnisse sind so stark, dass sie daraus schöpferisch tätig werden kann, sie profitiert bis an ihr Lebensende vom Verhältnis zu Paul, es ist und bleibt ihr Festtag.

Ein großartiger Roman, der viele Fragen aufwirft und offen lässt. Eine versteckte Frage beispielsweise ist, ob Jane nicht mindestens eine Mitschuld am Tode Pauls trägt? Schließlich hat sie ihn aufgehalten und er musste sich beeilen, um seine Braut nicht warten zu lassen. Die Antwort muss der Leser selbst geben, denn die selbstbewusste Jane stellt sie sich nicht einmal.

Graham Swift: Ein Festtag. Roman
Übersetzt aus dem Englischen von Susanne Höbel.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017.
142 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783423281102

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Edith Werner schrieb uns am 27.07.2017
Thema: Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters

Erinnerungskonstrukt, afrikanisch

Wie funktioniert Erinnerung? Wie trügerisch ist sie? Können wir uns auf unser Gedächtnis verlassen, um herauszufinden, was wirklich mit uns geschehen ist? Vor dem Hintergrund ihrer simbabwischen Heimat bindet Petina Gappah philosophische Gedankenspiele mit Elementen des Spannungsromans zusammen.

Eine junge Frau schreibt in der Todeszelle eines Gefängnisses der simbabwischen Hauptstadt  Harare ihr Leben auf. Sie soll ihren weißen Wohltäter Lloyd, der sie ihrer armen schwarzen Familie abgekauft hat, als sie ein Kind war, ermordet haben. Sie selbst ist auch weiß, aber anders als Lloyd. Sie ist eine weiße Schwarze, und damit doppelt isoliert, sind doch Albinos alles
andere als wohlgelitten in ihrem schwarzen Umfeld. Wer arm ist, braucht jemanden, der noch schlechter dran ist, um sich abgrenzen zu können. Über all dies wird der Leser nicht im Unklaren gelassen, denn Petina Gappah konstruiert und theoretisiert mehr als sie erzählt.

Die  Protagonistin schreibt sich in ihrer Zelle ihr vergangenes Leben zusammen. Aus Erinnerungsbruchstücken baut sie sich ihre Identität, und sie selbst heißt Memory. Schon die Neunjährige war für ihren professoralen Ziehvater Mnemosyne. Wir verstehen den allzu deutlichen Hinweis und sind verstimmt. Memory, der Originaltitel, ist in der sorgfältigen deutschen Übersetzung auf Anregung der Autorin zu Die Farben des Nachtfalters geworden. Da ist Vladimir Nabokov nahe, und das Nabokovs Erinnerungsbuch entnommene Motto lässt uns nicht im Zweifel über die angestrebte intertextuelle Verwandtschaft. Es wird überhaupt viel gelesen in Memory, was zu mancherlei literarischem name dropping einlädt.

Petina Gappah versammelt alle Elemente einer dramatischen Story. Da sind der weiße, wohlhabende Pygmalion, das Mädchen aus einer nicht nur armen, sondern auch zerrütteten schwarzen Familie, der Mord, das schlimme Gefängnis. Die Autorin gibt der schon oft erzählten Geschichte zwar mit dem Erinnerungsmotiv den besonderen Twist, aber sie löst nicht ein, was sie verspricht. Das Geschehen, die Personen bleiben plakativ. Der reißerische Schlussgalopp bis zur Auflösung der Whodunit-Frage wirkt aufgesetzt.

Den linguistisch interessierten Leser mögen die in Schona, der Sprache von Simbabwes Mehrheitsbevölkerung, belassenen Wendungen reizen. In einem Hörbuch könnten sie eine Klangdimension beitragen, die hier fehlen muss. Stilistisch changiert der Roman zwischen gerade heraus erzählter Handlung und etwas überfrachteter Selbstreflektion der Heldin. Sie weiß mindestens soviel von Literatur, Kunst und Philosophie wie ihre Autorin. Manchmal nur blitzt der schnelle Witz auf, der Petina Gappahs Kurzgeschichten ihre grausame Heiterkeit verliehen hat.

Dem Romanerstling ging der bisher nicht ins Deutsche übersetzte Erzählungsband An Elegy for Easterly voraus, für den die Autorin den Preis des Guardian für ein erstes Buch erhielt. Die dort enthaltenen Schlaglichter auf die Absurditäten und Zumutungen des Lebens in Simbabwe versprachen mehr. Vielleicht liegt Petina Gappah die Kurzform eher. Ein neuer Erzählungsband der Juristin, die ihre Tätigkeit bei der ILO in Genf zugunsten des freien Schreibens vorübergehend auf Eis gelegt hat, ist gerade auf dem englischsprachigen Markt erschienen: The Rotten Row. Deutschsprachige Verlage scheinen Romane mehr zu lieben als Kurzgeschichten, schade.

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Hans-Herbert Räkel schrieb uns am 26.07.2017
Thema: Ludger Honnefelder: Woher kommen wir?

Gerodete Lichtungen.  
Bücher machen oder Bücher schreiben? Auch in der Philosophie geht das eine nicht ohne das andere!
Von Hans-Herbert Räkel

Vorbemerkung: Folgende Rezension ist mit einem geänderten Untertitel zuerst am 30. Januar 2009 in der Süddeutschen Zeitung erschienen und bezog sich auf Ludger Honnefelder: Woher kommen wir? Ursprünge der Moderne im Denken des Mittelalters. Berlin UniversityPress, Berlin 2008. Aus Anlass einer 2017 erschienenen Neuausgabe im Verlag Velbrück Wissenschaft veröffentliche ich sie hier noch einmal. Siehe dazu meinen Leserbrief zu der href="http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23514">Rezension der neuen Ausgabe!

„Ursprünge der Moderne im Denken des Mittelalters“ freizulegen, verspricht der Untertitel von „Woher kommen wir?“ von Ludger Honnefelder. Wir haben in der Tat Überzeugungen geerbt, die uns selbstverständlich scheinen und doch jeden Tag neu verteidigt werden müssen: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – das behauptet gegen alle Erfahrung die Erklärung der Menschenrechte – und wenigstens dies blieb uns vom mühsam gewonnenen Glauben, dass alle Menschen Gottes Kinder seien und nicht einer des anderen Wolf.
Ludger Honnefelder hat völlig Recht, wenn er feststellt, dass das Denken des Mittelalters nur wenigen Fachleuten und sogar unter den Philosophen nur denen bekannt ist, die sich näher mit dieser Epoche befassen. Unter diesen gibt es aber freilich kaum jemanden, der dieses Denken besser kennte als er. Es entspringt einem Konflikt von zwei geistigen Bewegungen, die im hohen Mittelalter aufeinanderstoßen: die auf Offenbarung des einen Gottes gegründete Religion und die nach Gründen fragende wissenschaftliche Philosophie der Griechen. Nur lassen sich beide nicht vereinen. Die gläubige Vernunft musste ebenso Selbstkritik üben wie die denkende; denn muss der Glaube nicht für die Vernunft verantwortbar sein? Und muss das Denken nicht seine Grenze bestimmen können?
Mit großer Konsequenz und Ausdauer hat Ludger Honnefelder in seinen Forschungen die Geschichte des modernen Denkens bis ins Mittelalter zurückverfolgt. Sein großes Werk „Scientia transcendens“ (Meiner, 1990) zur Metaphysik des Mittelalters und der Neuzeit, in der insbesondere der 1308 in Köln gestorbene Johannes Duns Scotus als ein genialer Denker auf dem Wege zu Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ entdeckt wird, erweist die Erkenntniskritik, also das Herzstück der modernen Philosophie, als Erbstück aus dem Mittelalter. Dass kein Glaube die Wissenschaft obsolet macht, ist dem westlichen Denken seit langem geläufig; dass die Wissenschaft ihren Entdeckungen keinen Sinn einflößt, wird erst jetzt immer klarer und am Beispiel der Kernenergie und der Genmanipulation auch immer beunruhigender. Der Glaube an Mögliches und damit an eine Zukunft, die Idee der Freiheit des Individuums und damit der Verantwortung, die Menschheitsgeschichte und damit die Sorge um ihr vielleicht selbstverschuldetes Ende – das alles gab es nicht schon immer. Es ist in vielen Generationen von Menschen erdacht worden.
Nicht zufällig hat die moderne akademisch organisierte Philosophie sich hier ein neues Arbeitsfeld erobert, das man mit ein wenig Ironie „philosophisches Consulting“ nennen könnte: „Consulting ist eine meist produktunabhängige Dienstleistung, die Aufgaben umfasst, für die der Auftraggeber im eigenen Haus kein Know-how zur Verfügung hat“, heißt es im enzyklopädischen Jargon. Ludger Honnefelder hat sich mit Sachkenntnis und durchsichtigen Argumenten in verschiedenen Institutionen und politischen Gremien für ethische Fragen in den Wissenschaften, insbesondere in der Medizin und Bioethik, engagiert, und auch seine jüngsten Buchtitel bezeugen so etwas wie eine missionarische Ader: „Was soll ich tun, wer will ich sein?“ (2007) und „Was schulden wir einander?“ (2008) oder „Was heißt Verantwortung heute?“ (2008) stehen neben unserem „Woher kommen wir?“. Das Buch ist in der seit zwei Jahren virulenten Berlin University Press erschienen. „Wir brauchen Bücher, die wie Schneisen durch die Wälder führen, die Orientierung für unser Handeln bieten – dabei leicht sind, lesbar und sprachlich ,erträglich‘. Diese Bücher macht die Berlin University Press“, schreibt der Chef des Verlages und derzeitige Vorsteher des Börsenvereins für den deutschen Buchhandel Gottfried Honnefelder, der Bruder unseres Autors.
Ein Buch über die „Ursprünge der Moderne im Denken des Mittelalters“, das uns nicht nur die Herkunft unserer Überzeugungen, sondern auch deren Anspruch und Problematik erklärt, ist freilich sehr erwünscht – und wenn wir dem Verlagsprogramm und dem Titel glauben, dann haben wir es hier in der Hand. Aber Ludger Honnefelder hat dieses Buch gar nicht geschrieben. Außer dem ersten und dem letzten reproduzieren die fünfzehn Kapitel längst veröffentlichte Vorlesungen und Vorträge sowie Beiträge zu Sammelbänden, Festschriften, philosophischen Zeitschriften und zum Historischen Wörterbuch der Philosophie, die sich über fast ein Vierteljahrhundert (von 1984 bis 2007) erstrecken. Aber die festen Buchdeckel und der schöne grüne Umschlag mit einem bedeutungsvollen Fernrohr sind eben nur ein „Mantel“, wie ja auch die „Berlin University Press“ nur ein „Mantel“ ist, der weder mit Berlin noch mit einer University noch mit der englischen Sprache etwas zu tun hat.
Das Buch ist also inhaltlich und stilistisch heterogen. Es schlägt keine Schneise, sondern rodet Lichtungen. Eine Einleitung auf ganzen fünf und ein Resümee von knapp 10 Seiten helfen bei der Bemäntelung dieser Heterogenität. Die Einleitung ist so schnell hingeworfen, dass sogar syntaktische Inkongruenzen stehen geblieben sind, was in Honnefelders Schriften sonst nie vorkommt.Das Resümee formuliert die Grundgedanken abstrakt und verständlich, aber auch etwas gelangweilt. Nur wenige Eingriffe versuchen, die verschiedenen Ansätze mit dem Titel auf Vordermann zu bringen, z.B. durch einen einzigen angefügten Schlusssatz zu einem Artikel von 1986: „Allein hier liegt bei Augustin ein Ursprung der Moderne“. Der Artikel „natura communis“ im Historischen Wörterbuch der Philosophie (1986) schloss mit Leibniz und wird nun um ein paar Sätze über Ch. S. Peirce ergänzt. Das geschieht so lakonisch, dass nichts spürbar wird von dessen Bewunderung für die Gedanken des Johannes Duns Scotus – und noch weniger von der überzeugenden Darstellung, die der Autor dem amerikanischen Philosophen im vierten Teil seiner „Scientia transcendens“ gewidmet hat.
Hier greifen wir wohl den hauptsächlichen Mangel des Buches: Dass wesentliche Elemente des modernen Bewusstseins ihren Ursprung im Mittelalter haben, ist so richtig wie unbefriedigend. Aber Ludger Honnefelder wehrt mit seinem letzten Satz jede weitergehende Frage ab: „Wer dies bestreitet, muss entweder einer (ihrerseits unhistorischen) Musealisierung des Mittelalters das Wort reden oder die genannten Elemente aus dem modernen Bewusstsein eliminieren.“ Aber wer dies gar nicht bestreiten will, ist mit Hinweisen wie dem auf Ch. S. Peirce erst richtig auf den Geschmack gekommen. Wie rechtfertigen oder begründen „wir“ die Bedingungen aller unserer Erkenntnis, Moralität, Geschichtlichkeit? Und wer sind „wir“? Ludger Honnefelder jedenfalls ist Philosoph, Theologe und katholisch und hat dazu viel zu sagen und auch schon viel gesagt. Aber in diesem seinem letzten Satz ist er nur noch Professor.
Besonders in der ersten Hälfte des Buches produzieren wohl der Zwang zur Kürze und die professorale Sorge um Vollständigkeit einen Stil, der wenig Rücksicht auf den Leser nimmt. Keinem einzigen Satz von Ludger Honnefelder wird man vorwerfen können, dass er falsch oder auch nur nachlässig formuliert sei. Aber allzu oft ist seine Sorge nicht, lesbar zu schreiben, sondern unangreifbar. Es ist dies nicht einfach der persönliche Stil des Autors, denn er kann auch anders: Ist er nicht verständlich und überzeugend, wenn er ein Interview zu Fragen der Ethik gibt? Ist es nicht erstaunlich, dass seine Habilitationsschrift auf lange Strecken leichter zu lesen ist als manche Seite der hier versammelten Stücke? Und wer des Französischen mächtig ist, findet die beste und die am besten lesbare Darstellung seiner eigenen Position, die man ohne Zögern weise nennen darf, in jenen sechs Vorlesungen, die er als Inhaber der Chaire Étienne Gilson gehalten hat und die in einer ausgezeichneten französischen Übersetzung erschienen sind. Vielleicht wollte ja Ludger seinem Bruder nur einen Gefallen tun. Sein Porträt auf dem Umschlag blickt uns jedenfalls eher zweifelnd an, im Gegensatz zum jovial-erfolggewohnten Lächeln Gottfrieds, mit dem er im Internet seinen „Verlag für intelligent-leichte Wissenschaftsliteratur“ vorstellt

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Justus Makollus schrieb uns am 14.06.2017
Thema: Szilard Borbély: Die Mittellosen

Mit seinem Romandebüt "Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg?" legte der ungarische Autor Szilárd Borbély eine, wie er selbst im Anhang schreibt, "eingeschränkte[...] Fiktion" vor, einen Hybriden, bestehend aus realen Kindheitserinnerungen und erdachter Handlung.
In vielen kleinen Szenen, die mehr oder weniger thematisch und zeitlich miteinander verwoben sind, schildert der Erzähler, ein Junge von unbestimmten Alter, den Alltag in einem ungarischen Dorf am Ende der 1960er Jahre. In einer sprachlichen Diktion, die von unendlicher Zerbrechlichkeit und Sensibilität geprägt ist, öffnet sich dem Leser eine Welt, die zwischen Jahrhunderte alter Tradition und den Umwälzungen der kommunistischen Revolution zerrissen
wird. Der Junge und seine Geschwister leben in einer Dorfgemeinschaft, die die Eltern der Kinder nicht akzeptiert, da diese "Zugezogene" sind und darüber hinaus Nachfahren von Großbauern, sog. Kulaken. Das Dorf lebt in der abgeschotteten Welt seiner eigenen Ideale und Geschwindigkeit und lehnt Veränderungen jeglicher Art strikt ab. Individuen werden nicht geduldet und ausgegrenzt, so geschehen mit den im Dorf lebenden Juden Ende 1944, so geschehen mit der Familie des Erzählers, die sich in einer sozialen Position zwischen dem Dorfkern und den Zigeunern am Dorfrand befinden. So auch geschehen mit dem Erzähler, der keinen Anschluss findet und von den anderen Kindern geschlagen und als "Jude" beschimpft wird, da das Fremde, das Unbekannte und non-konformistische Wesen der Familie eine Zuschreibung braucht, um im Kosmos der Dorfbewohner einen Platz zugewiesen zu bekommen.
Die Geschichte stellt zwei Entwürfe des Zusammenlebens antagonistisch gegenüber: zum einen die Individualität, die Einzigartigkeit des Menschen, die Freiheit der Gedanken und des Handelns. Den Wunsch nach Progression und Wandel. Auf der anderen Seite Angepasstheit, Konformismus und Verlust der Souveränität: alle Frauen sind Hausfrauen und Mütter, alle Männer arbeiten und gehen nach der Arbeit geschlossen in die nächste Kneipe. Wer sich dieser Uniformität zu entziehen versucht, wird gnadenlos ausgestoßen.
Das Plus des Textes, der dem Leser ein bedrücktes Gefühl der Empathie für den Erzähler beschert, liegt aber darin, dass er ohne jede Emphase auskommt; beinahe neutral gehalten und nur mit pointierten Parteinahmen des Erzählers versehen, legt "Die Mittellosen. Ist der Messias schon weg?" das Schicksal einer Familie dar, dass sich mühelos reproduzieren und auf andere Orte und Zeiten übertragen lässt. Im Anhang des Haupttextes, der von einem kurzen, mit "Verlorene Sprache" übertitelten Kommentar des Autors beginnt, spricht dieser von dem 'Wunsch, der Frage nachzugehen, wann er den Kontakt zu seinen Eltern, zu seiner Kindheit und den gemeinsamen Erinnerungen verloren hat. Und schlussfolgert, dass zu einer vollständigen Integration immer der Verrat an der eigenen Vergangenheit gehört:

"Die Migranten der ersten Generation tun alles, um die Vergangenheit zu vergessen, das Milieu, die Sprache, den Ort, den sie verlassen und den sie vergessen müssen, um erfolgreiche Migranten sein zu können. Auch das Band des Heimwehs und der Nostalgie müssen sie schonungslos zerschneiden, sonst gelingt der Versuch nicht. [...] In der zweiten Generation aber schlägt all das zurück, kommt das Geheimnis ans Licht. Denn ein Geheimnis zu haben, ist kein Segen, sagt der Talmud."

Das Leben in Freiheit hat seinen Preis, doch dafür einzustehen und zu kämpfen, erfordert mehr Mut und Entschlossenheit, als sich zu fügen und den eisernen Regeln einer hermetisch abgeriegelten Gemeinschaft unterzuordnen. Insofern ist dieses Buch ein Appell an die Freiheit und ein Zeugnis einer Generation, die mit den damit verbundenen Opfern wie keine andere umzugehen gezwungen war und ist.

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Christian Chappelow schrieb uns am 14.06.2017
Thema: Peter von Matts anekdotenreicher (und leider wenig aufschlussreicher) Ausflug in die Welt der Lyrik

Mit einem halben Katalog von Fragen zur Natur der Lyrik lädt der Reclam Verlag auf dem Klappentext zur Lektüre des Essaybandes Was ist ein Gedicht? vom Germanisten und Schriftsteller Peter von Matt ein. Mit euphemistischen Worten werden die Einlässe von Matts zum Gedicht gepriesen, der Autor gar als „einer der großen Literaturvermittler“ und ein „Verführer zum Lesen“ bezeichnet. Zurecht mag man behaupten, feierte der inzwischen achtzigjährige von Matt jüngst mit dem Band Sieben Küsse Glück und Unglück in der Literatur einen vergleichbaren, medienwirksamen Ausflug in Schicksalskonzepte um literarische Küsse. Ausgangspunkt der Verführung in die Lyrikwelt scheint zu sein, dass es Diskussionsbedarf zu mannigfaltigen Facetten dieser Literaturform gibt. Wie anders lässt sich erklären, dass dieser essayistische Rundumschlag von Matts nicht nur grundsätzliche Einblicke in das Verfassen von Gedichten, ihrer Geschichte und ihrer poetischen Gestaltungsmöglichkeiten geben will, sondern immer wieder erwähnt werden muss, dass eigentlich niemand weiß, was ein Gedicht sei (S. 9), oder dass in der Gegenwart die Existenz von Gedichten unter Verdacht stehe (S. 43)?

Die leichte Zugänglichkeit aktueller Forschungstopoi, aufbereitet für ein an Belletristik gewöhntes Lesepublikum, bestimmt das Werk. Es ist bestimmt durch die Verbindung von Arbeitsbereichen der Literaturwissenschaft und der Psychoanalyse – eine Kombination, die vor allem AnhängerInnen von Freud oder Jung gefallen dürfte. Irgendwo zwischen Essay, Kritik und Literaturwissenschaft anzusiedeln, möchte der Verfasser in Was ist ein Gedicht? den Fragekatalog aber nicht durch die „theoretischen Diskurse der Moderne“ (S. 14), sprich auch bestehende literaturwissenschaftliche Befunde, beantworten. Stattdessen wird die weite Welt des Gedichts in eigenen, anekdotenhaften mit bis unter esoterisch anmutenden Lesungen bereist; eine Strategie, die was Wesen des Gedichts als ein „anthropologisches Ereignis“ (ebd.) fassen mag, einem menschlichen Streben nach Vollkommenheit. Leider wird zu keinem Zeitpunkt der Lektüre eindeutig klar, was mit dieser Strategie wie verfolgt wird (ein ähnliches Narrativ zur anthropologischen Lesung von Gedichten konstruierte von Matt bereits in seinem 1998 veröffentlichten Essay mit dem Titel „Zur Anthropologie des Gedichts und zum Ärgernis seiner Schönheit“, auf dem der vorliegende Band aufbaut).

Das anthropologische Ereignis des Gedichts wird so im Detail in neun kürzeren thematischen Essays zu den Themen Vollkommenheit, Inspiration, Ernüchterung, Epochenmoral, Aufstand der Moderne, Hermetik, Natur, Politik und Liebe untersucht. Ein Mangel der sich aus dieser thematischen Einleitung ergibt ist der, dass der Leserin oder dem Leser keine Anhaltspunkte gegeben werden, über welche DichterInnen oder welche Epochen er nun liest. Zu willkürlich sind in den einzelnen Essays die besprochenen Gedichte gewählt, zu wenig Kontext geboten, als dass dabei nachhaltiger Erkenntnisgewinn über das Untersuchungsobjekt der Lyrik geboten wird. Ob man der sprachlich gekünstelten Argumentationslinie von Matts nun aus Erkenntnisinteresse oder literarisch gebildetem Unterhaltungsanspruch verfolgt, mag abhängig von Rezeptionsästhetik  und Leseverhalten sein. Der paternalistische wie elitäre Duktus, in dem diese anthropologische Argumentation umgesetzt wird, entzieht sich in Zitaten wie dem folgenden Vergleich zwischen der Frau und dem Gedicht zumindest sowohl Erkenntnis- wie auch Unterhaltungsanspruch:

Wenn man sagt, jede Frau wolle schön sein, ist das ein Klischee und womöglich ein sexistischer Akt. Dass dem trotzdem so ist, macht die Sache nicht einfache. So auch beim Gedicht (S. 13)

Lässt man sich auf den paternalistischen Tonfall sowie die Erkenntnis ein, dass es sich hier bewusst nicht um eine literaturwissenschaftlich und gattungstheoretisch zitierfähige Abhandlung zur Literaturform des Gedichts handelt, mögen die zahlreichen Anekdoten zum Wirken und Werk bekannter Weltautoren von Shakespeare über Rilke bis Brecht durchaus informativ unterhalten. Ebenso beeindrucken mag die neugierige Hingabe, mit der von Matt seine lyrischen Favoriten kommentiert. Kaum ein anderer Literaturkritiker der Gegenwart schafft es wohl, mit solch überschwänglichen Worte in die Welt sowohl klassischer wie auch moderner Dichtung einzutauchen, wie auch die sprachliche Konstruktion lyrischer ProtagonistInnen, Topoi und Emotionen mit argumentativem Spannungsaufbau entlang der eigenen Leseerfahrung paratextuell aufzuwerten.

Ebenso euphorisch ist mitunter die Sprachwahl der Unterüberschriften, mit der die besprochenen Dichterinnen und ihre Poetik wie in einem Drama in die Narrationen von Matts eingeführt werden. Beispiele hierzu: „Wenn der Gott verschwindet“ (S. 34, zu Shakespeare), „Brecht schafft Ordnung in der Lyrik“ (S. 90) oder auch „Verschlüsselung und Klartexte beim frühen Grass“ (S. 124). Die Leidenschaft des Autors für sein Forschungsfeld springt dabei auch auf den Leser überspringen. Eine gelungene (wenn auch hochgradig selbstinszenierende und unwissenschaftliche) Werbung also für eine Literaturform, die kaum nach Präsenz auf den Bestsellerlisten zeigt?

Nur mit zwei Einschränkungen lässt sich diese Frage positiv beantworten. Erstens zeigt sich in den großen und meinungsgeladenen Narrativen zum Wesen des Gedichts eine tendenzielle Abneigung gegen modernistische Texte. Auch den „Aufstand der Moderne“, der durch poetische Dekonstruktionen rebellierte, weiß von Matt als jugendlichen Leichtsinn etwas entzaubern, schreibt es doch mit absoluter Überzeugung davon, dass jedes Gedicht (ob es das möchte oder nicht) nach den vormodernen Idealen von Vollkommenheit strebe. Insgesamt lassen die absoluten (anthropologischen) Urteile zu dem Wesen des Gedichts wenig Raum für Detailsichtung, Opposition oder aber auch die angekündigte Diskussion. Vielmehr fühlt man sich wie vom Klassenlehrer im Gymnasium belehrt.

Zweite Einschränkung zeigt sich schnell für den an außereuropäischer Literatur interessierten Lyrikfreund. Die Frage scheint nur angebracht, mit welcher Legitimation man in der hochgradig selektiven Betrachtung primär deutscher, englischer oder französischer Gedichte ein „anthropologischen Ereignis“ definieren kann. Die absoluten Aussagen zum Anspruch der Vollkommenheit im Gedicht etwa bedürfen zwingend, und in dieser Erkenntnis verlieren sich die schönen Ausführungen von Matts an argumentativem Boden, eine Definition erstens der Terminologie des „Gedicht“ jenseits des Anthropologischen, zweitens eine zurecht bescheidene Selbstkritik gegenüber der eurozentrischen Perspektive auf die Welt der Literatur. Schließlich, und das mag man 2017 als dritten Kritikpunkt äußern, lässt der Blick auf die Großen der Welt der Lyrik keinen Raum für aktuelle Trends und Turns, beispielsweise Digitalisierung, Interaktivität oder Performanz, zu. Die Leitfrage „Was ist ein Gedicht?“ verpasst so Anschluss an relevante Diskussionen zum Zustand von Gedichtproduktion  und Gedichtrezeption um die Jahrtausendwende. Auch hierdurch rückt der Gesamteindruck des Bandes eher in die Richtung eines Reliktes vergangener Tage, sowohl durch die Ergötzung an den Genies der Lyrikgeschichte wie auch der Attitüde des elitären Literaturvermittlers.

Vielleicht auch möchte von Matt selbst ein lyrisches Genie imitieren, das nach Vollkommenheit strebt – eine Vollkommenheit, die der detaillierten, präzisen und nie absoluten wissenschaftlichen Erkenntnis durch Theoretisierung die intuitive Lesefreude nehmen kann.  Scheint es verlockend, die Augen einstweil für den Ernst literaturwissenschaftlichen Arbeitens zu Zeiten beschleunigter und ökonomisierter Forschungslandschaften zu schließen, geht kein Weg an der Frage vorbei, ob es auch in der so trivialen erscheinenden Welt der Literaturkritik angebracht ist, den einfachen Weg zur Erkenntnis zu gehen, den postfaktischen Weg um empirisch nachprüfbarer Verantwortung. Spannend ist die Frage „Was ist ein Gedicht?“ auf jeden Fall, der Band als unterhaltsame wie anekdotenreiche Begleitlektüre zur Texten von Weltliteratur empfehlenswert. Nur mit gutgläubiger Bewunderung für das Genie des Verfassers mag man den paternalistischen Duktus verzeihen. Stichhaltige Antworten auf die Frage sollte man andersweit suchen.

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Justus Makollus schrieb uns am 07.06.2017
Thema: Rafael Chirbes: Der Fall von Madrid

Spanien 1975. Diktator Franco liegt im Sterben, die alte Ordnung steht vor dem Zusammenbruch. Inmitten dieses Settings wird die Geschichte um den Geschäftsmann José Ricart angesiedelt, der seinen 75. Geburtstag just an dem Tag feiert, der für die kommenden Zeiten in Spanien so bedeutungsvoll ist. Ausgehend von der Hauptperson entspinnt der Roman ein Sittengemälde jener Zeit und seiner Menschen: der naiv-konservative Sohn, die prätentiöse Schwiegertochter, die radikal-theoretischen Enkel, der brutale und egoistische Polizeibeamte, der Freiheitskämpfer und seine Arbeiterfrau. Diese und weitere Figuren zeichnen das markante Bild der Tage des möglichen Umbruchs und der sozialen wie wirtschaftlichen Unsicherheiten. Chirbes' Stil ist sowohl intellektuell anspruchsvoll, etwa wenn er über die künstlerischen oder literarischen Strömungen referiert, als auch rabiat und deftig, wenn es um das menschliche Miteinander geht. Sex, Gewalt und seelische Folter sind hier die ständigen Begleiter. So gelingt es dem Text, ein authentisches Bild zum einen der gehobenen Besitzbürger und zum anderen der ideologisch verklärten Arbeiter zu zeichnen.
Man kann Chirbes vorwerfen, dass er sich in seinen Figuren verliert, was der Handlung leider anzumerken ist. Der großartige Anfang findet kein harmonisches Ende, vielmehr bietet der Text einen Schluss, der als solcher nicht vornehmlich notwendig erscheint. Hundert Seiten mehr, und das Buch wäre rundum gelungen. Dennoch ist "Der Fall von Madrid" ein paar Mußestunden wert.

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