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Yahya Elsaghe schrieb uns am 19.07.2016
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Ein Blick in die Tages- und Boulevardpresse des 4. April 2016 hätte KMS davon überzeugen können, wie überholt und haltlos seine unbeirrt repepetierte Behauptung von der Verfemung, nein, pardon, von den erheblichen Ressentiments ist, die nach wie vor in der Schweiz gegen Max Frisch bestehen sollen; mögen hierzulande mittlerweile auch Salatbars und Imbissbuden nach diesem benannt sein. KMS konnte seine Behauptung mit keinem Zeugnis belegen, sondern nur mit einem irreführenden Verweis auf die Neue Zürcher Zeitung, der sich ganz mühelos entkräften ließ. Einmal überführt, blieb ihm nur die nun nochmals vorgeschobene Berufung auf irgendwelche „Fachleute“. Die frage man. Wer auch immer dazu zählen soll — außer KMS selber, versteht sich —: Solche Experten, literatursoziologisch spezialisiert auf das öffentliche Standing von Schweizer Autoren und auf deren Ranking im kollektiven Bewusstsein, müssten ja doch, um die Behauptung zu stützen, dafür ihrerseits Belege beibringen können, wie KMS selbst halt keinen einzigen anzuführen weiß.
Dagegen hat Frischs 25. Todestag wieder hübsches Belegmaterial für das Gegenteil geliefert. In der auflagenstärksten Schweizer Tageszeitung stand zu lesen, Frisch sei „unser aller Nationaldichter“, und anderswo, er sei „das Gewissen in unserem Land“, „der große Frisch“, „ein Klassiker“, „Aushängeschild“ der Schweiz. Gerade deswegen, weil man Frisch inzwischen ganz selbstverständlich als moralische Instanz herumreichen darf, können die fragwürdigen Seiten seiner Texte so leicht übersehen bleiben. Deshalb auch, fanden wir, war es einmal an der Zeit, die darin mitlaufenden Sexismen, Rassismen, Chauvinismen herauszustellen. Dass diese gewissermaßen zwangsläufig und notgedrungen in Frischs Romane und Dramen verschleppt wurden, braucht man dem Autor persönlich nicht anzulasten. Die besprochenen Texte sind eben Erzeugnisse ihrer Epoche, von der uns, KMS offenbar ausgenommen, mehr als ein halbes Jahrhundert feministische und postkoloniale Theoriebildung trennt.
KMSs Verfahren ist hier indessen sehr aufschlussreich, ein Paradebeispiel für die Machinationen der Diskurse, ihrer Meinungsführer oder derer, die es gerne wären. Zuerst der Schuss in den Ofen, ein an den Haaren herbeigezogener und gründlich danebengegangener Versuch, eine kreuzfalsche Behauptung zu retten; dann, weil keiner Argumente mehr habhaft, die Selbstverschanzung des Ofenschützen hinter einer fachmännischen communis opinio, die es hier erstens nicht gibt und die zweitens, wenn es sie gäbe, ja noch immer falsch sein könnte.
Dass KMS in Ermangelung von Belegen und Argumenten sich hinter einer vorgeschützten Diskursgemeinschaft von Fachmenschen versteckt, um aus einem so behüteten Refugium heraus einfach weiter zu behaupten, was erwiesenermaßen nicht der Wahrheit entspricht, — diese wenig couragierte Rückversicherung bei scheint’s immer schon etablierten Mehrheits- und Machtverhältnissen ist symptomatisch für seine Art, die Auseinandersetzung zu führen oder ihr vielmehr aus dem Weg zu gehen. Sie ist das Symptom eines wild entschlossenen Willens, Diskursmacht auf Biegen und Brechen auszuüben, zu behalten oder wiederzugewinnen. Als Mandatar und Vollstrecker der „wissenschaftlich“ einzig „ernstzunehmenden“ Diskursform glaubt KMS das Vorrecht zu haben oder sich nehmen zu dürfen, ohne weitere Argumentation zu bestimmen, was an Aussagen „indiskutabel“ ist und was nicht — mag Frisch auch in seiner Korrespondenz zum Beispiel eigens bekannt haben, dass er sich sehr wohl vorstellen könne, wie einer sich in seine eigene Tochter verliebt. Die These, um sie einmal korrekt wiederzugeben: dass in Homo faber gewisse Männer- oder Väterphantasien ausgesponnen oder angeboten, nobilitiert „oder“ mythisch gerechtfertigt werden, „versehen mit dem Index eines gottgewollten Verhängnisses; sei es nun ober- oder unterhalb der Bewußtseinsschwelle, sei es schon auf der Produktions- oder lediglich auf der Rezeptionsseite“, — diese These bräuchte also gerade einen schulmeisterlich auf die Intentionen des Autors eingeschworenen Leser wie KMS durchaus nicht gleich zu „entsetzen“.
Wie eben an den Kautelen beziehungsweise an der Unterschlagung der Kautelen ersichtlich geworden ist, unter die wir das Argument vom besonderen appeal des erzählten Inzests und seiner mythologischen Unterlegung gestellt hatten, versimpelt KMS dieses wie andere Argumente zur Unkenntlichkeit, um sie erst in solch entstellter Form zu disqualifizieren. Es entbehrt daher nicht der Pikanterie, wenn er sich über unsere Wiedergabe seiner eigenen „Überlegungen“ empört, die wir immerhin am Stück und zu einem ‚guten‘ Teil ihres Umfangs wortwörtlich zu zitieren uns die Mühe machten. Im Übrigen hat KMS tatsächlich behauptet — indem er auch noch der germanistischen „Einflussforscherei“ erlag, über die sich Frisch so genüsslich zu mokieren pflegte —, dass Barblin kein Vergewaltigungsopfer sei; eine Meinung, die vielleicht nicht ganz zufällig an gewisse Gerichtsplädoyers erinnert. Der sie vertritt, und zwar ausdrücklich gegen die in diesem Fall schwarz auf weiß protokollierte Absicht des Autors, befindet sich damit in großer, teils auch gar nicht so schlechter, aber eben, wen wundert’s, durch die Bank männlicher Gesellschaft. Dass ihm bei seiner Fehllesung sein eigenes Geschlecht in die Quere gekommen sein könnte — wie seinem Frisch etwa bei den patent sexistischen Tagebuchnotaten über „das Weib“ —, daran scheint er bisher keinen Gedanken verschwendet zu haben.
Einen nicht weniger bedenklichen Mangel an Problembewusstsein gibt die dorftyrannische Attitüde zu erkennen, mit der sich KMS anmaßt, einem vorzuschreiben, welchen Fragen man gefälligst „sich stellen müsste“. Solch ein peremptorisch einforderbares Recht auf Beantwortung soll die Frage haben: „Warum lässt Frisch“ den und den „an Krebs sterben“? Wobei wir die einzig richtige Antwort darauf gleich noch hinterherserviert bekamen, aber vorsichtshalber doch nur in Gestalt einer rhetorischen Frage: „Durchkreuzung von Fabers Glauben an die Berechenbarkeit von allem und jedem?“
Erstens einmal: Warum soll denn ausgerechnet ein Krebstod — ausgerechnet Krebs, of all maladies, vor allen anderen natürlichen Todesarten! — den Glauben an die Berechenbarkeit von allem und jedem zu durchkreuzen so prachtexemplarisch geeignet sein? Verstehe das, wer kann. Vor allem aber scheint KMS in den letzten fünfzig, sechzig Jahren noch überhaupt nichts gehört oder verstanden zu haben von so etwas wie intentional fallacy. Dabei hätte ihn gerade das zum Fremdschämen peinliche Schicksal seiner eigenen „Mutmaßungen“ eines Besseren belehren müssen — in Wahrheit handelt es sich freilich um keine als solche relativierten „Mutmaßungen“, sondern um einen „Kommentar“, abgegeben im Brustton der Fachmännlichkeit. Spätestens sein Kommentar zu den „diskreten Hinweisen“, die uns ein „hinter Faber stehender Erzähler“ (sic!) zur theologischen Tiefgründigkeit des Namens „Jo(Hanna)“ geben wolle, hätte den Fachmann schon etwas an der Klugheit einer Fragestellung zweifeln lassen können, wie er sie uns in puncto Krebs aufzwingen zu sollen meint. Denn er selber muss ja nunmehr doch einräumen, dass sein Kommentar ganz und gar „hinfällig“ geworden sei, seitdem nämlich die Lesart des Typoskripts ihm, KMS, bekannt sei. Und wem, bitte schön, verdankt er diese Bekanntschaft? Könnte es vielleicht nicht doch sein, dass unser entsetzlicher Scharlatanismus „denn doch“ nicht ganz so ertraglos war?
Staunenswert auch, wie angestrengt und verbissen KMS auf anderen unhaltbaren Behauptungen beharrt, indem er Gegenargumente nicht entkräftet, sondern diffamiert. Fabers antiamerikanische Philippiken seien „angeblich nachträglich“ autorisiert. Sie sind es nicht „angeblich“; sondern sie sind es. Punkt. Das kann jeder und jede nachlesen. Die stehengebliebene Tirade gegen „the American Way of Life“ behält darum ihre volle und ganze Geltung; anders als die vernichteten Briefe an Dick und Marcel, deren Inhalt ohnedies unbekannt bleibt und von denen KMS dennoch steif und fest behauptet, dass sie in der Scheltrede auf die Amerikaner ausbuchstabiert seien — nur wegen einer Rekurrenz des Namens des einen (nur des einen) Empfängers, und das in einem extrem sprunghaften und assoziativen Textpassus. Ganz abgesehen davon, dass es in Homo faber durchaus nicht nur theoretische, sondern reihenweise mimetische und als solche keinesfalls mehr subjektivierbare Sätze sind, die in die Kerbe des seinerzeit nun einmal gang und gäben Antiamerikanismus schlagen; so in der Szene an der Via Appia. Usw. usf.

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Stefan Woll schrieb uns am 05.07.2016
Thema: Hans-Harald Müller: „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“
Zum Tod von Hans-Albert Walter (1935–2016)

Dass Hans-Albert Walter tot ist, bestürzt mich sehr. Kennen und schätzen gelernt habe ich ihn in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, die ihn, bevor er nach Hamburg berufen wurde, zu den Neueren Philologien an die Universität Frankfurt führten. Sehr viel neue Einsicht in die Komplexität von Exil-Themen, seien sie literarisch, seien sie theatral, verdanke ich Hans-Albert Walter, der für mich auch ein Ermutiger war. Sehr gerne denke ich auch an die Kuchen-Nachmittage zurück, die ich - uns gegenseitig heftig umwölkend mit Zigarettenqualm - mit ihm und seiner Frau in seinem Haus am Taunus-Hang zubringen durfte. Lange Jahre hörten wir nichts mehr von einander. Ich bin nicht minder getroffen von seinem Tod.

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Karl Wilhelm Goebel schrieb uns am 22.06.2016
Thema: Oliver Pfohlmann: Marionette Ich?
Über Philipp Hübls „Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten“

Die abschließende Bemerkung führt zur Spannung... Wenn sich der Autor...dann würde er den Himmel oder die Hölle oder weder noch erleben...?
Ich jedenfalls hätte gern etwas mehr über das Ungesagte gelesen!

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Annabel Richter schrieb uns am 14.06.2016
Thema: Rolf Löchel: Wo der Wurm drin ist
Frank Schätzings nur an Umfang gewichtiger Wissenschaftsroman "Der Schwarm"

Ich finde dieses Buch großartig, einerseits sehr informativ und andererseits fantastisch. Ehrlich, ich bin eigentlich nur auf diese Seite gekommen, weil ich nach diesem Schelf und dem Wurm gegoogelt habe. Es ist jetzt gleich 3Uhr und ich kann einfach nicht mehr schlafen und bin auf ihrer Kritik hängengeblieben. Was soll ich sagen? Ich habe diese Punkte, die sie so hervorbringen, nicht erkannt. Im Gegenteil, die Figuren im Roman habe ich mir sehr wohl so realistisch vorstellen können. Da kommt mir der Verdacht, ich bin vielleicht zu naiv für diese Welt und ziemlich blond. Ich fühle mich kritisiert und unmöglich.
Der Wurm hat jetzt genug gebohrt und ich werde gleich wieder herrlich schlafen können. Und ihnen kann ich nur raten, sich mal mit
Meeresbiologen zusammen zu setzten und über diesen Buch zu fachsimpeln. Sie werden feststellen, dass mein geliebter Frank Schätzing es hervorragend versteht, diese Charaktere in Worte zu fassen. Ich werde es bestimmt noch ein zweites mal lesen...Gute Nacht lieber Rolf:)

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Winfried Berger schrieb uns am 13.06.2016
Thema: Thomas Anz: Gewalt oder Liebe
„Der Tod und das Mädchen“ – Ein Gedicht von Matthias Claudius als Kippfigur

Als Laie, unbedarft im Bezug auf Sekundärliteratur, habe ich eine Frage an die Forschung. Wie verbürgt ist die Grossschreibung von „Lieber“. Mir wäre „Geh, wilder Knochenmann! Geh lieber! (Lass mich lieber leben.)“ als Deutung viel einfacher.
Mir ist klar, dass die Tradition orthographische und Interpunktionsfehler unwiderruflich fortschleppt. So ist z.B. in Schillers Glocke überall verbürgt:
„Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Sprützen Quellen, Wasserwogen.“
Aus einer frühen Übersetzung ins Englische (Thomas James Arnold, 1846) wird aber deutlich, dass es sich um Feuersprützen handelt, die die Wasserwogen hoch im Bogen quellen.
Könnte es sein, dass es sich bei Claudius
auch um einen interpretatorische Abschreibfehler handelt?
Just a thought.
Winfried Berger

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Christfried Tögel schrieb uns am 13.06.2016
Thema: Thomas Anz: Bleibt Freud schlechter ediert als Hitler oder Heidegger?
Zu den ersten Bänden der von Christfried Tögel herausgegebenen Gesamtausgabe

Ja, Freud bliebt schlechter ediert als Hitler oder Heidegger und auch als die meisten großen Denker der letzten 200 jahre - jedenfalls die Texte der von mir im Psychosozial-Verlag (Gießen) herausgegebene Sigmund-Freud-Gesamtausgabe (SFG).

Der Grund: Auch mehr als 80 Jahre, nachdem die Nazis in Deutschland Freuds Bücher verbrannt haben, hat es bisher niemand fertig gebracht Freuds Gesamtwerk zugänglich zu machen (nur die digital vorliegende Ausgabe von „Freud im Kontext“ hat das versucht – allerdings ohne die zu Freuds Lebzeiten erschienenen z.T. stark veränderten Nachauflagen und nur mit einem Teil der Rezensionen). Die SFG hat nicht den Anspruch, eine historisch-kritische Gesamtausgabe zu sein. Sie ist lediglich eine Leseedition
mit Einführungstexten zum biographischen und wissenschaftshistorischen Hintergrund des jeweiligen Textes.

In einer Rezension von Michael Hagner in der FAZ  vom 8.1.2016 wird der Ausgabe genau das zum Vorwurf gemacht, nämlich daß sie eine „Access-Mentalität“ und die „ungehinderte Zugänglichkeit von Texten über deren editorische Aufbereitung stellt.“ Aber das ist das Programm der SFG. Die „editorische Aufarbeitung“ bleibt einer – weiterhin dringend notwendigen – historisch-kritischen Gesamtausgabe vorbehalten.

Christfried Tögel (Herausgeber der Sigmund-Freud-Gesamtausgabe, SFG)

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Andreas Joppien schrieb uns am 10.06.2016
Thema: Dieter Lamping: Bob Dylan
Mutmaßungen über eine Maske

Große Güte, wer braucht sowas denn?  Die meisten solcher Dylan- Analytiker scheinen unter dem Übervater mehr  zu leiden, als die größten Fans. Bedenklich ist allerdings, zu suggerieren, Dylans Werke fehle die Existenzberechtigung.Wer seine eigenen limitierten Aufnahmemöglichkeiten zum alleinigen Maßstab nimmt,um  Kunst zu bewerten,bewegt sich nicht mehr in einem Austausch mit anderen, sondern befindet sich irgendwie in einem schwarzen Loch.Hat Dylan Sie nicht genug beachtet?

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Ingrid Haas schrieb uns am 08.06.2016
Thema: Björn Bertrams: Ein Buch zu viel
David Foenkinos liefert einen rundum misslungenen Roman über Charlotte Salomon und heimst damit Preise in Frankreich ein

In Übereinstimmung mit dem Kommentar von Fida Elisabeth bleibt auch mir die Kritik von Björn ... am Autor des Buches "Charlotte" zum grössten Teil unverständlich. Wie  auch Fida Elisabeth habe ich den Text in kürzester Zeit gelesen, da die Geschichte mich sehr in ihren Bann gezogen hat und die von Foenkinos gewählte Form des Textes mir eine Distanz zur Schwere von Charlotte's Schicksal ermöglichte (Text auf Französich gelesen). Durch Foenkinos' Buch habe ich überhaupt erst von Charlotte's Leben und ihrer Kunst erfahren, es hat mich neugierig gemacht, allein dafür gebührt dem Schriftsteller mein Dank.

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Jurek Molnar schrieb uns am 08.06.2016
Thema: Dieter Lamping: Bob Dylan
Mutmaßungen über eine Maske

Es gehört ja durchaus Mut dazu, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen, und die ergebenen Fans (wie ich einer bin) mit dermaßen blasphemischen Provokationen  zu reizen.
Sie werden sicher ein paar unangenehme Reaktionen darauf erhalten und ich bin sicher die untergriffigen Anwürfe, die sie ernten werden, werden sie wohl darin bestätigen. Darum möchte ich, als einer der Dummen, die da Kunst sehen, wo sie nur großsprecherische Überforderung erblicken, darauf verzichten, auf die Polemik mit weitere Polemik zu reagieren. (Das hoffe ich jedenfalls.)
Ich werde versuchen ein zwei Punkte heraus zu arbeiten, wo ich glaube, dass sie falsch liegen.

Wenn sie der Meinung, das ist schlechte Musik, müssen sie ja nicht
zuhören, aber die Frage ist schon berechtigt: Warum diese bittere Abrechnung mit jemandem, dem sie totale Bedeutungslosigkeit attestieren? Warum die Mühe?
Das Elend der Dylan Interpretation ist, dass sie sich zuerst darauf konzentriert alle anderen Interpreten als unqualifiziert abzuwehren, um sich als einzige wahre Religion zu etablieren und sie sie sind da im Übrigen keine Ausnahme.
Es geht in ihrer Kritik nicht so sehr um Dylan selbst als um seine Fans, die sie für Trottel halten, denen die kritische Distanz fehlt. Wenn sie schreiben, dass diese Fans Leute sind, "die ästhetische Ansprüche manchmal gar nicht mehr zu kennen scheinen" ist das in erster Linie sehr tief und Ausdruck einer verächtlichen Haltung, so wie sie Adelige gegenüber dem Pöbel empfinden. "Dylans Auftritte haben allerdings wenig gemein mit den Konzerten großer Musiker oder Schauspieler, die, nach intensiver Vorbereitung, dem Publikum ihre Kunst auf höchstem Niveau, in größtmöglicher Vollendung vorführen."

Es ist mir nicht ganz nachvollziehbar, warum ausgerechnet sie als einziger zu wissen glauben wie Kunst zu sein hat und welchen Zielen sie verpflichtet ist. Sie stilisieren sich selbst als adeligen Connaisseur, dessen ästhetische Urteil universal zu gelten hat und meine Frage wäre: Warum glauben sie das?

Dass sie Dylans Musik nicht mögen, ist ihre Sache, aber sie kritisieren eigentlich prinzipiell nicht, dass sie schlecht ist, sondern dass er überhaupt welche macht und es bestürzt sie zutiefst, dass ihm einen Menge Leute immer noch zuhören, obwohl der Herr Lamping aufgrund seiner ästhetischen Urteilskraft eigentlich schon den Deckel darauf geschraubt und mit dem Vermerk "Unzureichend" markiert hat. Dylan ist nicht schlecht, sagen sie, sondern völlig überflüssig. Das ist schon mehr als ein Geschmacksurteil, das ist ein Urteil, wie die Realität auszusehen hat, wenn sie der Chef wären.

Es sei also zusammen gefasst:
Dylan ist ein schlechter Musiker, seine Lyrics sind scheiße, er beherrscht kein Instrument richtig, und seine letzte gute Platte ist 50 Jahre alt. Das sind alles Urteile, die kann man haben und ich bin der letzte der bestreitet, dass jeder nach seiner Facon selig werden soll. Aber das ist nicht der Punkt auf den sie hinaus wollen.

Sie sagen natürlich, dass er ein schlechter Künstler ist, aber eigentlich wollen sie darauf hinaus, dass er ein unnötiger Künstler ist. Sie bestreiten vor allem seine Relevanz und meinen nicht nur, dass sein Werk überschätzt wird, es sollte ihrer Meinung auch gar nicht entstanden sein.

Was ich sehe und lese ist eher die Behauptung aus dem eigenen Anspruch eine analytische Tiefe abzuleiten, die sie nicht haben. Sie meinen, dass er keine Lyrik schreiben würde, die relevant sei, weil sie offenbar diese Lyrik nicht lesen. Versuchen sie "Gates of Eden" zu analysieren und haben sie Spass dabei, oder bloß die erste Strophe von "It's allright Ma".

Diese beiden erwähnen sie gar nicht, obwohl doch "Bringing it all back home" die einzige Platte von Wert ist, wenn man ihnen folgen will.

Mein Verdacht ist ein jedoch anderer. ich glaube, dass sie zu jenen Dylanhörern zählen, die ihm seine Hinwendung zur Religiosität nie verziehen haben und deren Polemik darauf abzielt, die metaphysische und spirituelle Ebenen von Kunst generell zu denunzieren. Eine deutsche Überheblichkeit und ein Herrenmenschengestus, der vor allem dort Kunstlosigkeit erblickt, wo er das Menschliche aus den Augen verliert. Dylans Pose - und das begreifen sie eben nicht - ist nicht die eines Künstlers, sondern die eines Menschen. Sein Werk handelt nicht von ästhetischen Kategorien, sondern davon wie man wird, was man ist. Seine Kunst ist Vertikalspannung, in der ausprobiert wird, wie man als Mensch überlebt, wenn das eigene Leben und die Kunst ein Trapez ist. Sie können das nicht verstehen, denn sie haben etwas Besseres: ein Herz aus Stein. Was sie nicht verstehen ist, dass Dylan das Menschsein vorübt, indem er daraus Musik macht, die sich damit beschäftigt, was relevant ist und was nicht.

Wie Dylan bin auch ich religiös. Sie als Atheist können das nicht begreifen. Sie halten es eben für dumm und primitiv, der Idee Raum zu geben, dass Mensch zu sein mehr bedeuten muss, als eine technokratische Verwaltungseinheit darzustellen. Dylan spricht zu mir und vielen anderen Menschen, obwohl er nicht mit uns redet und er erreicht uns trotzdem immer noch, obwohl das gar nicht möglich sein sollte und nur durch eine Verschwörung der Dummheit aller anderen zu erklären ist. Schlimmer noch, sie versuchen eine Identität zwischen Person und Werk herzustellen, die sich schon an seiner Prämisse blamiert.

Ich finde das zutiefst abstoßend, wenn man nichts anderes anzubieten hat, als einen Kunstbegriff, der eigentlich ideologische Hyperinflation ist. In ihrem Kunstbegriff wird alles, was sich nicht der technokratischen Ordnung des Seins fügt, oder besser, was durch die Gewalt des Begriffs nicht mit sich selbst ident gemacht werden kann, solange entwertet bis es in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und man es auf den Müll werfen kann. Ihr Text ist wenigstens in dieser Hinsicht enorm effektiv.

Die Entwertung des Menschlichen beginnt dort, wo man sich weigert zu sehen, dass die eigene Begrifflichkeit nicht identisch mit der Realität ist, die sie beschreiben soll. Und ihre Weigerung geht über ein Geschmacksurteil weit hinaus. Es versucht zu normieren, was sich der Norm widersetzt, und nicht als Identität gedacht werden kann.

Es bleibt als Frage, warum sie Dylan unbedingt zu einem "toten Hund" erklären müssen, wie einst Lessing Spinoza, anstatt einen Text über jene zu schreiben, die die Aufmerksamkeit ihrer Ansicht nach mehr verdienen. Ich persönlich hätte eine Auseinandersetzung mit Joni Mitchell lieber gelesen, als ihre Verbalinjurien gegen die Anhänger der falschen Religion.

MfG, Jurek Molnar

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Martin Saarbeck schrieb uns am 07.06.2016
Thema: Sascha Seiler: Neverending Troubadour
Bob Dylan wird 75. Ein Blick auf sein Lebenswerk

Also, to start with, eine Trilogie besteht eigentlich aus drei Werken (hier: Empire Burlesque, Knocked Out Loaded und Down In The Groove). Knocked Out Loaded wird einfach unterschlagen, obwohl hier Brownsville Girl zu finden ist und nicht auf Empire Burlesque, wie der Text darstellt. Gerade Empire Burlesque, hier finden sich doch gerade die Filmzitate u.a., die später auf Love & Theft so bedeutsam werden.

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Paul m. Backert schrieb uns am 01.06.2016
Thema: Dieter Lamping: Bob Dylan
Mutmaßungen über eine Maske

Die Dylan Kritik gibt es entweder als die panegurische Ausgabe oder als die überanstrengte Gegenreaktion auf diese (Dazwischen gibt es nichts). In letztere ist Lampings Artikel einzuordnen. Summa summarum weist er Dylan den Daumen nach unten, wie einst die römischen Kaiser im Colosseum einem x-beliebigen in Ungnade gefallenen Gladiator nach dem Fight. Es ist mittlerweile fast schon eine eigene Disziplin geworden, Artisten wie Neill Young oder Joni Mitchel, die Dylan kaum bis zur Schulter reichen, diesem gleichzustellen oder gar vorzuziehen. Die Zahl ihrer Meisterstücke ist an den Fingern einer Hand abzuzählen, die Texte zumeist erschreckend schwach. Verstehe ich recht, ist Herrn Lampings eigentliches Metier die Lyrik. Deshalb ist es schwer verständlich, dass ihm dies nicht ins Auge fällt. Übrigens, sogar die allerschwächsten Dylan CDs beinhalten mitunter einige seiner besten Stücke überhaupt, z.B. Brownsville Girl (wenn auch eine Coproduktion mit Sam Shepard). Ähnliches gilt für seine Konzerte. Dort befindet sich wohl das eigentliche schatzkästchen Bob Dylan-ein Tipp für Herrn Lamping, dem in diesem Zusammenhang das einzig Bedeutende zu sein scheint, dass Dylan nicht selten schlechte Konzerte abliefert (was auch positiv gedeutet werden kann, er ist noch nicht zum Computer entartet).    
Sehr geehrter Herr Lamping, alle Worte in dieser Welt sind schon gebraucht (auch Dylans) bis auf Ihre "überdehnte Hybritität. Was meinen Sie damit? Desolation Row verbleibt für mich nach wie vor einer der bemerkenswertesten Texte dieses Genres.  "Desolation Row ist ästhetisch unbefriedigend".  Ist das dann die vom Herrn Schulmeister abgegebene Note 5?  Joan Baez als Sängerin mit dem Sänger Bob Dylan zu vergleichen (nicht incompatibel?), was für einen Sinn macht das? Den gleichen wie Dylan mit Pavarotti zu vergleichen (was wäre dabei herausgekommen, hätte Pavarotti Like A Rolling Stone gesungen?). In der Malerkunst begriffen die Kritiker relativ früh, dass es Nonsense wäre, bei der Beurteilung eines Expressionisten die gleichen Masstäbe anzuwenden wie bei der eines flamischen Meisters. Sich mit der Dylanmaske zu beschäftigen macht wohl Mitte der 70er Jahre (rolling Thunder Reviev) noch Sinn, als Dylan sich selbst eine Dylanmaske (wie er sie nannte) einmal überstülpte, heute kaum. Sie wird aber immer wieder noch beschworen (masked And Anonymous).  Was ist so schlimm daran, dass Like A Rolling Stone "Längen aufweist"? Herrn Lampings tiefsinnige Gedanken, was diesen Song angeht, wirken ansonsten leider wie ein literarischer Selfie Kopfschuss (der glücklicherweise nicht irreparabel ist). Die meisten in der Ästhetik Bewanderten, und nicht nur diese (vielleicht beruht ein adäquates Kunstverständnis in gleichen Maßen auf Intuition wie auf Akademismus) würden das krasse Gegenteil behaupten. Lamping betreibt hier Analyse reiner Willkür. Noch einmal Herrn Lampings folgende Worte: "eine eigenständige Sicht auf die Welt ist in Dylans Texten kaum auszumachen, ebensowenig ein Gefühl oder Gedanke von bemerkenswerter Tiefe...  Es mangelt ihnen an eigener Sprache. Sic! Akademia on the run. Es spricht für sich selbst.  Dylan ist schon mit Shakespeare verglichen worden, lange bevor er selbst diesen zitiert hat. Weshalb wohl?  Mag sein, wegen seiner Fähigkeit, so viele Leute emotional anzusprechen, nicht nur in den 60ern, ohne dabei seine künstlerische Integrität zu beeinträchtigen. Wenn man noch behauptet, Dylan kenne keine künstlerische Reife, dann droht man endgültig in ein schwarzes Loch zu fallen. Es gibt kaum einen Künstler, der nicht nur unablässig auf der Suche danach war, sondern während der letzten Konzertjahrzehnte diese auch oft eingefangen hat wie Dylan. Seine "definitiven" Versionen, sie gibt es in reichlichem Maße und stammen also nicht aus dem Studio und sind auch oft gar nicht in den 60ern anzusiedeln, sondern in den 90ern und später. Vielleicht ist es angebracht, an Goethe zu erinnern, den Herr Lamping wahrscheinlich besser kennt als Dylan. Goethe sagt keineswegs "wer ewig strebend sich bemüht, den können wir nicht erlösen". Das aber scheinen Sie Dylan zuzurufen. Ich bin der polarisierenden Dylan Diskussionen satt. "Süßer Friede komm ach komm in meine Brust."  
Paul M. Backert

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ivo kügel schrieb uns am 09.05.2016
Thema: Stefanie Hoyer: Berthold Auerbachs „Neues Leben“ – zu Unrecht vergessen?
Ein Roman im Lichte seiner Kritik

Sehr geehrte Frau Hoyer,

Neues Leben fiel mir in die Hand, und ich habe es nach zähem Anlauf mit wachsendem Interesse gelesen.So unparteiisch erscheint mir der Autor nicht. Nur vermeidet er krasse Polemik, indem er die restaurativen Argumente durchweg von sympathischen Personen vortragen lässt. Aber die geschilderten Umstände sprechen dorch für deutliche Kritik.  Der Lehrer Lutz (Schnörkel) kommt durchaus noch später vor. Überhaupt ist die Schilderung, wie sich die Lehrerschaft entwickelt, beste Beobachtung, Grundzüge bis heute unverändert. In der Charakterisierung der weiblichen Hauptfigur erscheint Auerbach recht fortschrittlich. Und in der Entwicklung seines Helden, den er ja nicht vorbehaltlos preist, kommt ein
gewisser Trost für den nach dem Idealen verlangenden Leser zum Ausdruck - die Amnestie ist eben doch zu akzeptieren. - Stilistisch soll die auktoriale Präsenz des Erzählers wohl verknüpfen, was an Handlungselementen nicht immer konsequenterscheint.
Nun, vier Jahre nach 48 mutig und klar gesehen, wie seltsam fremd sich ein Grundsatztreuer in der Herde der Opportunisten ausnimmt.

Beste Grüße

Ivo Kügel

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claudia schmölders schrieb uns am 03.05.2016
Thema: Norman Ächtler: Wir und Hegel?
Albrecht Koschorke erläutert die idealistische Geschichtsphilosophie narratologisch und wirft einen kulturtheoretischen Blick auf die gegenwärtige Krise Europas

Vielen Dank für diese umsichtige und kenntnisreiche Rezension des Buches von Albrecht Koschorke. Was dieser in einer kurzen Anmerkung sagt, möchte ich auch Ihnen in Erinnerung rufen. Es fehlt völlig der Hinweis auf die tragende Idee des Hegelschen Optimismus: die Adoration der Griechen. Weder Hegel noch Humboldt noch Hölderlin noch Nietzsche und vor allem nicht Heidegger wären denkbar ohne ihre schon zu Schulzeiten erworbene heimliche Heimat des Hellenentums, ohne die geistigen Werkzeuge, die unerhörten Innovationen, die gesamte Aufbruchstimmung und last but not least: die politisch republikanische Organisation dieses alten Landes. Das Scheitern der EU ist ohne die Griechenkrise nicht zu denken; und die Geschichte dieses Scheiterns wiederum, die schon 1830 mit dem Buch von Fallmerayer über die Verachtbarkeit der lebenden Griechen beginnt, ist mit der Haltung einer europaweiten narzisstischen Bildungselite identisch, die sich gerade jetzt wieder artikulieren will. Vielleicht findet sich ein Kulturwissenschaftler mit politischer Mission für diese memoria? Ich selbst habe 2012 eine Radiosendung dazu verfasst - aber Koschorkes Buch gäbe endlich den methodischen Rahmen.
Claudia Schmölders

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Heribert Hoven schrieb uns am 02.05.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Heribert Hoven: Döblin dekonstruiert Shakespeare
Über eine Neuauflage von „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“

Sehr geehrter Dr. Schweikert!
Sie haben natürlich vollkommen recht. Da muss ich, wie eben noch  auch unsere Kanzlerin, eingestehen, dass die von mir gewählte  Formulierung, missverständlich ist, weil der völlig falsche  Eindruck entstehen könnte, dass es vor der Fischer-Ausgabe  keinerlei Döblin-Gesamtausgaben gegeben habe. Ich könnte mich  natürlich damit herausreden, dass ich von einer Gesamtausgabe im  "gemeinsamen Fischer Verlag" geschrieben habe. Diese Gesamtausgabe  ist nun wirklich erst sehr lange nach Döblins Tod erschienen,  während die bei Walter und dtv erschienenen Bände vom Markt  genommen wurden. Aber lassen wir
das.
Meine Intention war, für das Werk Döblins und speziell für den  "Hamlet" zu werben, dessen beide Schlussversionen erst in der  Fischer-Ausgabe vorliegen. Ich wollte deutlich machen, aber da sage  ich Ihnen ja nichts Neues, dass die Nachkriegszeit für Döblin nicht  leicht war, dass er keinesfalls immer, wie etwa Brecht oder Th.  Mann, einen potenten Verlag hinter sich wusste und dass überdies  gerade der "Hamlet" durchaus noch in die aktuelle  Literaturlandschaft passt. Ich hoffe doch, dass dieses Anliegen  durch meine Nachlässigkeit nicht ins Hintertreffen geraten ist.
Mit freundlichen Grüßen
Heribert Hoven

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Dr. Uwe Schweikert schrieb uns am 26.04.2016
Thema: Heribert Hoven: Döblin dekonstruiert Shakespeare
Über eine Neuauflage von „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“

Herr Hoven schreibt, Döblin habe erst lange nach seinem Tod (er starb 1957) im S. Fischer Verlag eine Gesamtausgabe erhalten. Das trifft nicht zu. Bereits seit 1960 erschien eine bis 2007 auf insgesamt 36 Bände (z.T. in mehreren verbesserten Auflagen) angewachsene Gesamtausgabe im Walter Verlag. In den 1990er Jahren erschienen fast alle dieser Bände auch als Taschenbuch bei dtv. Erst seit dem Rückkauf der Rechte im Jahr 2008 wird die Gesamtausgabe bei Fischer weitergeführt. Wer für sich in Anspruch nimmt, über Döblin in "literaturkritik.de" zu schreiben, sollte dies wissen.

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Lothar Struck schrieb uns am 19.04.2016
Thema: Yvette Rode: Eine Nachwuchsautorin mit Sinn für Humor und Sarkasmus
Porträt der Autorin Ronja von Rönne anlässlich der Veröffentlichung ihres Debütromans „Wir kommen“

Pardon, aber dieser Text hat mit Literaturkritik nichts zu tun. Er ist maximal Public Relations und das noch nicht einmal gekonnt. "Um mehr über von Rönnes Debütroman, ihre Schreibmotivation und ihre Leidenschaft fürs Schreiben zu erfahren, habe ich mit ihr ein Interview geführt", heißt es im Text. Im übernächsten Satz steht dann schon: "Obwohl von Rönne nicht zu viel über ihren Roman erzählt...". Um mehr über den Roman zu erfahren, hätte es einzig der Lektüre bedurft. Stattdessen wird man mit Eindrücken und Auszügen von Verlagstexten konfrontiert. Sind für solche Texte nicht andere Medien geeigneter?  Vielleicht die "Bunte" (der Franz Xaver Kroetz neulich auch schon ein Interview gegeben hatte)? Am Ende wird es noch peinlicher und erinnert dann eher an "Bravo": "Außerdem wird deutlich, wie wichtig ihr ihre Fans sind. Wer regelmäßig ihren Blog und ihre Facebookseite besucht, weiß, dass von Rönne der Kontakt zu ihren Fans wichtig ist." Fazit: Dieser Beitrag gehört nicht auf eine Seite wie literaturkritik.de.

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Jan lukas Häberle schrieb uns am 05.04.2016
Thema: Sandra Friehlinghaus: Der unsichtbare Sinn des Romans
Robert Gwisdeks erster Roman „Der unsichtbare Apfel“ verwirrt seine Leser mit Kreisen und Dreiecken

Guten Tag,
Ich habe das Buch: der unsichtbare Apfel gelesen und glaube, sie haben da andere Perspektiven ausser acht gelassen. Mir persönlich war anfangs auch alles unklar, doch man lernt erst beim 2ten ider 3ten mal durchlesen die wirkliche psyche und die wirklichen emotionen. Der charm des Buches zeigt sich auch darin, dass man zum einen, immer wieder vor neue rätsel geführt wird, die, anders als sie meinen, lösbar sind, und zum anderen, dass man immer wieder kleine geheimnisse herausfindet, zum beispiel versteht man igors ersten kontakt mit dem kreis nicht, da er ab der mitte anfängt, rückwärts zu laufen. Meiner Meinung nach ist dieses Buch auf jeden Fall einen Blick wert und den Autor aufgrund seiner Famosität zu diskriminieren halte ich
für grotesk und inprofessionell.

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K. Franz schrieb uns am 23.03.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Dirk Kaesler: Fortschreitende Bürokratisierung
Max Webers Studien "Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums" in mustergültiger Edition erschienen

Ja, solche Buchpreise, die sich nur einige wenige Bibliotheken leisten können (oder müssen), verhindern erfolgreich die Verbreitung interessanter und verdienstvoller wissenschaftlicher Forschungsergebnisse in einer größeren Öffentlichkeit. Gut, dass es Zeitschriften wie literaturkritik.de gibt, die genau das Gegenteil wollen!

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Dr.Wilfried Tröder schrieb uns am 23.03.2016
Thema: Dirk Kaesler: Fortschreitende Bürokratisierung
Max Webers Studien "Zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums" in mustergültiger Edition erschienen

Wer soll denn so ein Buch für diesen Wucherpreis kaufen, egal, wie klug es geschrieben sein mag!
Dr. Wilfried Tröder, Bonn

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Venanz Nobel schrieb uns am 22.03.2016
Thema: Galina Hristeva: Wider die Barbarei früherer Zeiten
Christian Wilhelm Dohm über Flüchtlinge, Juden, Deutsche und die Glückseligkeit im Staat

Brav wird das Zitat in Anführungszeichen gesetzt, dass Juden „keine rohe und verwilderte Zigeuner, keine unwissende und ungesittete Flüchtlinge“ seien. Doch ist es wohldurchdacht, im Jahre 2016 daraus schon im nächsten Satz ganz ohne Ironie oder Reflektion zu folgern, das sei «Dohms gut durchdachtes und rhetorisch klug präsentiertes Projekt zur Integration der Juden»? Fusst also die Integration der Juden auf der Verwilderung der Zigeuner?

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Irene Ittekkot schrieb uns am 21.03.2016
Thema: Sascha Seiler: Glauben und Flucht
In „Unorthodox“ beschreibt Deborah Feldman ihr Leben als chassidische Jüdin und die Flucht vor den religiösen Fesseln

Als Ergänzung zu dem hier rezensierten Buch "Unorthodox" wäre das Buch "All who go not return" von Shulem Deen nachdrücklich zu empfehlen (leider noch nicht ins Deutsche übersetzt). Deen stammt ebenfalls aus einer chassidischen Gemeinschaft in Williamsburg und beschreibt uneitel und unpolemisch sein eingeschränktes Leben dort und seinen langsamen Lösungsprozess. Eine leise Trauer über den Verlust der Gemeinschaft und der Familie ist durchaus zu spüren, aber in erster Linie die Freude an der Befreiung aus der anerzogenen Unmündigkeit.

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Gudrun Gerber schrieb uns am 06.03.2016
Thema: Hans-Harald Müller: „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“
Zum Tod von Hans-Albert Walter (1935–2016)

Seit fast 40 Jahren gehören die vier Bände Exilliteratur von Hans-Albert Walter zu den am häufigsten "begriffenen" und benutzten Büchern meiner Bibliothek. Regelmässig schaute ich voller Erwartung, und in letzter Zeit mit Herzklopfen, ob der noch ausstehende Band 1,2 erschienen war. So war es auch heute. Noch ganz vertieft in das Kapitel "Trugbilder-Die geleugnete Niederlage", erfahre ich vom Tod von Hans-Albert Walter. Ich bin bestürzt und traurig und weiss nicht, wie ich meine Wertschätzung, Hochachtung und Bewunderung angemessen ausdrücken könnte.
Gudrun Gerber

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Karl Tantau schrieb uns am 22.02.2016
Thema: Jan Süselbeck: Die Chiffre der planetarischen Technik
Keine Stunde Null in Todtnauberg: Soziologische Studien helfen dabei, die antisemitischen Symbole der ‚Seyns‘-Philosophie Martin Heideggers zu entschlüsseln

Eine ganz kurze Suche im Internet führte mich zu Hans Blumenberg, „Beschreibung des Menschen“, stw 2091, Frankfurt 2014, aber bei Suhrkamp schon 2006 erschienen. Blumenberg schreibt auf S. 18/19: „Im Juni 1931 spricht Husserl auf seiner ersten und voraussichtlich einzigen Vortragsreise in Deutschland über Frankfurt und Berlin nach Halle zum Thema ‚Phänomenologie und Anthropologie‘. Damit unternahm er eine verzweifelte und bis zur Erschöpfung gehende Anstrengung, der größten Gefährdung entgegen zu treten, die bis dahin seiner Phänomenologie erwachsen war. Er sah sie in einer sich auf den phänomenologischen Ansatz berufenden Philosophischen Anthropologie. Man erwartete wohl allerorts, dass er sich der endogenen Veränderung seines Konzeptes von Philosophie nun entgegen werfen würde. Anders ist nicht zu erklären, dass in Berlin nicht weniger als 1600 Zuhörer ins Auditorium Maximum strebten. Der Berliner Börsen-Courier vom 12. Juni 1931 überschreibt seinen Bericht in jeder Hinsicht hyperbolisch: ‚2500 Philosophen in der Universität.‘ Das Berliner Tageblatt vom 11. Juni spricht von Scharen von Zuhörern, die umkehren mußten, und begründet eine makabre Fama späterer Zeiten über den Sportpalast mit dem journalistischen Schlenker, mit diesem Philosophen hätte man tatsächlich einmal den Sportpalast füllen können . Dorthin muss die Erinnerung Husserl also nicht versetzen.“ Natürlich verstößt Süselbeck gegen die Warnung Blumenbergs „Husserl dorthin nicht zu versetzen“. Soviel zu der „laut Hachmeister selbstredend erfundenen, von Heidegger halluzinierten Sportpalastrede". Ich habe nicht mehr getan, als bei Google Sportpalastrede und Husserl einzugeben, aber ein sorgfältiger Rechercheur wie Hachmeister und sein gläubiger Adept Süselbeck brauchen halt Argumente für den schlechten Charakter Heideggers. Es gibt noch viele, viele solche Stellen in den beiden Süselbeck-Artikeln über die schwarzen Heft. Vielleicht teil ich ab und zu noch mehr mit.
Mit freundlichen Grüßen Karl Tantau

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 31.01.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Klaus Müller-Salget: Einige Klarstellungen

Zu 1. Dass Frisch ein 'verfemter Autor' sei, habe ich nicht behauptet; von erheblichen Ressentiments war die Rede. Man frage die Fachleute.

Zu 2. Mein Vorwurf bezog sich auf die (auch hier wieder verschwiegene) fast hundertprozentige Identität von Elsaghes "Epilog" und seinem Beitrag zu Kortes "Text + Kritik"-Heft, - auf die weder hier noch dort hingewiesen wird.

Zu 3. Was in Fabers Brief an Marcel steht, ergibt sich aus den auf "Marcel hat recht:" folgenden Zeilen. Die angebliche nachträgliche Autorisierung der Amerika-Schelte in den Athener Aufzeichnungen ("'19. Juli' ff.") würde genauso den Widerruf betreffen ("weil
unsachlich").

Zu 4. Dass die Bezüge auf Oedipus den Inzest Faber-Sabeth "rechtfertigen" (Elsaghe, S. 252), bleibt indiskutabel.

Zu 5. Dass Stiller seine Nichtidentität mit Jim White eingesteht und die Geschichte nur erzählt, weil er angeblich "genau das gleiche" erlebt hat (was ja nur im übertragenen Sinne verstanden werden kann), entzieht der Identifizierung des 'anderen Jim' mit dem historischen "Mexican boy" den Boden. (Auch ist dieser 15jährige den Berichten zufolge nicht in der Höhle umgekommen.)

Zu 6. Zunächst wieder eine Zitatverkürzung; mein Satz lautet: "'Andorra' ist kein Stück über den Holocaust und kein Stück über den Antisemitismus, sondern ein Stück über kollektive Vorurteile." (was anschließend begründet und problematisiert wird). - Meine Überlegungen zu den Problemen der Barblin-Handlung füllen im Original zwei Seiten; Elsaghe zitiert nur eine (in dieser Form unbegründete) Schlussfolgerung, um den Eindruck zu erwecken, ich sagte Barblin nach, "dass sie 'offenbar' doch nichts dagegen habe, von dem stinkigen Soldaten penetriert zu werden" (so in der Replik). Das Vergnügen an solchen Formulierungen überlasse ich gerne Herrn Elsaghe. - Mit "Zitataufblähungen" waren Elsaghes Interpolationen in Frisch-Zitate gemeint, z.B. über den Soldaten: "Peider stinkt, 'wie ein Bock' sozusagen" (Elsaghe, S. 143).

Zu 7. Die Figur Cortez wird in "Cortez und Montezuma" systematisch abgebaut, was Rohner verschweigt.

Zu 8. Meine Mutmaßungen über den erratisch auftretenden Namen "Johanna" datieren aus einer Zeit, als ich die korrekte Lesart im Typoskript noch nicht kannte. Sie sind hinfällig.

Zu 9. Meine Frage wird nicht beantwortet.

Zu 10. Meine Berufung auf Wahrheit erhebt keinen monopolistischen Anspruch, sondern richtet sich lediglich gegen die Verfahrensweisen des Berner Ordinarius. Ich bin nicht pikiert, sondern entsetzt über seinen Umgang mit Texten.

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Dr. Andreas Graf schrieb uns am 30.01.2016
Thema: Martin Lowsky: Glücklicher Vater, glücklicher Sohn
Über Hanns-Josef Ortheils Reiseroman „Die Berlinreise“

Lieber Martin,
vielen Dank für deine wunderbare Rezension dieses Ortheil-Buches, das ich für ein großartiges und einmaliges Wunder- und Kunstwerk halte. Vieles ließe sich darüber sagen. Ich möchte hier aber auf die Authentizitätsfrage eingehen, da sie bei diesem Buch tatsächlich sehr nahe liegt. Sie wird ja schon durch das Vorwart, das die Echtheit bekundet und weitergehende Eingriffe des erwachsenen Autors von sich weist, angesprochen. Herausgeberfiktionen haben in der deutschen Literatur ein lange Tradition, man muss da nicht erst auf "Werther" zurückgreifen. Insofern ist die Frage, ob es sich bei dem angesprochenen Vorwort Ortheils nicht um eine solche handeln könnte, bei einem quasi-autobiographischen
"Roman"(?) geradezu schon immanent angelegt.
Was du aber zu dieser Frage im drittletzten Abschnitt deiner Rezension schreibst, kann so nicht stehen bleiben. Um es deutlich zu sagen: Alle Argumente, die dort vorgetragen werden, sind in keiner Weise stichhaltig. Keine der angestellten Überlegungen ist dazu angetan, die Frage nach der Fiktionalität oder Nichtfiktionalität einer Klärung zuzuführen. Warum?
Der letzte Satz des Absatzes beruht auf einem Missverständnis: Denn selbstverständlich ist das Buch lektoriert worden - nur käme kein Lektor auf die Idee, gelungene und authentische kindersprachliche Wendungen, die eben genau diejenige Authentizität garantieren,die ein fiktionalisierender Erzähler anstrebt, einfach besserwisserisch zu streichen bzw. in Erwachsenensprache zu verwandeln. Das wäre zu einfach gedacht.
Jeder gewiefte Autor - und Ortheil hatte schon über ein Dutzend Romane publiziert, bevor er sich das 12-Jährigen-Tagebuch vornahm, war also ein so was von gewiefter Autor - würde natürlich, wenn es denn eine Vorlage gibt, die bearbeitungswürdig und -fähig ist - genau diese Echtheits-merkmale schätzen und vorsichtig pflegen. Alles andere, scheint mir, wäre vollkommen unsinnig - vor allem, wenn man, wie gesagt, ein solches Vorwort dazu verfasst.
Ich persönlich kann mir durchaus vorstellen, dass, wenn das Original des 12-Jährigen denn existiert, der erwachsene Ortheil daran fiktionalisierende Manipulationen vorgenommen hat, etwa um die Geschichte dichter, historisch klarer oder auch weniger naiv zu machen. Aber natürlich würden diese Manipulationen das "kindliche" Element nicht ausschalten, sondern im Gegenteil subtil und möglichst raffiniert und gekonnt unterstützen bzw. untermauern. Kurz gesagt: Ich denke nicht, dass man die Fiktionalitätsfrage mit werkimmanenten oder anderen Überlegungen klären kann. Man müsste bei Gelegenheit, vielleicht im kleinen Kreis, mal Ortheil persönlich fragen. Aber ob er dann, als Autor, seine Autorenkniffe öffentlich ausbreitet? Wer weiß das schon...
Mit freundlichem Gruß,
Andreas Graf, Köln

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