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Hans Zimmermann schrieb uns am 26.04.2017
Thema: Michael Pilz: Eine erdichtete Biographie?
Martin A. Klaus legt eine in vielerlei Hinsicht fragwürdige Lebensbeschreibung des Schriftstellers Ludwig Thoma vor

Ein wirklich ärgerliches Buch, dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Eine kleine Anmerkung vielleicht: Das Eiserne Kreuz "prangt" in der Tat niemals, auch nicht während seiner nationalistisch angepaßten Zeit 1914-1918, auf der Titelseite des Simplicissimus (wie Klaus S. 184 behauptet). Aber auch in den "Kriegsflugblättern des Simplicissimus" erscheint es tatsächlich nur ein einziges Mal im Titel (Nr. 2 vom 12.8.1914 datiert). Im Übrigen: danke für die notwendige Rezension! HZ

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Karsten von Harling schrieb uns am 26.04.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Lutz Hagestedt: Unmoralisch
Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" im Taschenbuch

Lieber Cornelius Gladewitz,
15 Jahre nach Ihnen las ich das ergreifende Buch, die 'Rezension' von Herrn Hagstedt, mit der ich, wie Sie, nichts anfangen konnte, und dann Ihre wunderbare Einschätzung, die genau meine Empfindungen trifft, für die ich Ihnen danke.
Die folgenden fast zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des genialen Buches ELEMENTARTEILCHEN haben doch auf düstere, erschreckende Weise die Thesen Houellebecqs bestätigt, welch gigantische Probleme die Menschheit mit sich selbst zunehmend hat.
Der Idee des Romans, der Notwendigkeit einer genetischen Klonung einer kompetenten menschlichen Spezies vor vollständiger Zerstörung allen Lebens auf unserem Planeten, gegenüber, wirkt der 'Glaube an das Gute' im heutigen Menschen nur noch
notorischen Optimisten mit grossen Scheuklappen als hilfreich.
Doch: wo sind die 'Aufrührer' in unserer menschlichen Realität, die in der Lage sind, uns vom Abgrund zurückzuführen?
So verbleibt uns im Moment nur, jeder mit seinem 'Code', in seinem Leben 'das Beste' ( so wir das Glück haben, es für uns zu erahnen ) anzustreben.

Nochmals Dank für Ihre Gedanken.

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Alban Nikolai Herbst schrieb uns am 18.04.2017
Thema: Norbert Mecklenburg: Aberglaube und Apokalyptik als Kunstgewerbe
Feridun Zaimoglu ist mit seinem Luther-Roman „Evangelio“ gescheitert

Ohne das Buch gelesen, also Zitate und Argumentation mit eigenen Eindrücken überprüft zu haben: Meine Hochachtung für diesen kampfbereiten und kämpferischen Text - in dem es eben um mehr, weitaus mehr geht als um die Besprechung eines Romans. Darum darf ich dies schreiben.
ANH

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Michelle Hacker schrieb uns am 18.04.2017
Thema: Kristina Habermann: Ein Zwillingsgelübde bis über alle Grenzen
Dirk Kurbjuweits Novelle "Zweier ohne"

Sehr geehrte Kristina Habermann

Ich habe kürzlich ihren Artikel zur Novelle “Zweier ohne“ von Dirk Kurbjuweit gelesen und kann Ihnen leider nicht zustimmen.
Ich gehe zur Zeit in die zehnte Klasse einer Gesamtschule, und habe das Buch vor Kurzem im Unterricht gelesen.

Zuerst war ich dem Buch nicht abgeneigt, der Klappentext klang interressant, und ich lese insgesamt sehr gerne Geschichten über Freundschaften. Doch leider muss ich sagen, dass das Buch mir überhaupt nicht gefallen hat.

Vielleicht kommt es Erwachsenen so vor, dass die Hauptprotagonisten Jugendsprache verwenden und auch Gedanken haben, die jeder Jugendliche wohl haben könnte, doch ich selbst als Jugendliche kann sagen, dass dem nun wirklich
nicht so ist. Johanns Gedanken kann man zum Teil noch nachvollziehen, und Veras Handlungen auch, aber Ludwig wird dargestellt, als wäre er schon fast psychisch krank. Natürlich machen Jugendliche Mutproben, vielleicht fahren manche auch mit dem Fahrrad über die Autobahn dafür, aber sich neben eine Leiche zu setzen, und auch noch Witze über sie zu machen während man sich ein Leben für sie ausdenkt, das erscheint mir und vielen Anderen aus meiner Klasse einfach nur krank. Auch die Charaktere und Gedanken der Protagonisten werden nicht verständlich dargestellt, niemals habe ich bisher ein Buch gelesen, in welchem ich mich so wenig in die Gedanken und Handlungen der Hauptprotagonisten reinversetzen konnte, die zum Teil einfach nur unüberlegt und absolut unlogisch erscheinen. Die Handlung an sich ist durcheinander, immer wenn grade wieder etwas Ruhe ins Geschehen einkehrt, passiert plötzlich etwas Neues, was aber kaum zum restlichen Zusammenhang passt.

Ich muss also sagen, dass mir diese Novelle wirklich nicht gefällt, und ich sie auch Niemandem zum lesen weiterempfehlen würde. Ich kann ihre Meinung zu diesem angeblichen Meisterwerk in keinster Weise teilen, allerdings ist das vielleicht auch Ansichtssache. Doch auch wenn ich kein nicht gerne Dramen lese, muss ich sagen, dass ich das Drama “Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller sehr viel lieber gelesen habe, auch, wenn mir das Lesen nicht sehr leicht von der Hand gegangen ist. Dort sind die Handlungen wenigstens noch nachvollziehbar.

Danke, dass sie sich die Zeit genommen haben, meinen Text bis zum Ende hin durchzulesen.

Mit freundlichen Gruß
Michelle Hacker

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Jan Süselbeck schrieb uns am 28.02.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Chinoiserien und Sarotti-Mohren
Fanny Esterházys „Bildbiographie“ Arno Schmidts erinnert an die Virulenz deutscher Kolonialphantasien für dessen Leben und Werk

Lieber Friedhelm,

vielen Dank für die Erinnerung! In dem Band steht schließlich auch ein Beitrag von mir selbst drin (und zwar über Theweleits hier diskutiertes Buch)!

Da meine Bibliothek bis auf Weiteres in Deutschland eingelagert bleibt, habe ich diese Kyora/Schwagmeier-Publikation allerdings hier in Kanada gerade nicht mehr greifbar. Dazu müsste ich die Fernleihe der Taylor Family Digital Library bemühen. Ein Beitrag im Bargfelder Boten müsste die bisherige Forschungsgeschichte selbstverständlich vollständig berücksichtigen.

Herzlich,
Jan

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Friedhelm Rathjen schrieb uns am 28.02.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Chinoiserien und Sarotti-Mohren
Fanny Esterházys „Bildbiographie“ Arno Schmidts erinnert an die Virulenz deutscher Kolonialphantasien für dessen Leben und Werk

Mit dem Thema befaßt haben sich unter anderem mehrere Beiträger des Bandes "Pocahontas revisited: Kulturwissenschaftliche Ansichten eines Motivkomplexes", den Sabine Kyora und Uwe Schwagmeier 2005 bei Aisthesis herausgegeben haben. Hier wäre namentlich auf Axel Dunkers Beiträg über "Kolonialismus und Geschlecht in Arno Schmidts Erzählung 'Seelandschaft mit Pocahontas'" hinzuweisen.

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Jan Süselbeck schrieb uns am 28.02.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Chinoiserien und Sarotti-Mohren
Fanny Esterházys „Bildbiographie“ Arno Schmidts erinnert an die Virulenz deutscher Kolonialphantasien für dessen Leben und Werk

Lieber Friedhelm,

herzlichen Dank für die ehrenvolle Einladung, einmal wieder einen Aufsatz im Bargfelder Boten zu veröffentlichen. Vorerst möchte ich Deine Kritik gerne größtenteils unkommentiert so stehen lassen, weil ich glaube, dass man meinen Beitrag auch differenzierter lesen kann als Du es getan hast.

Nur soviel: Dass Albrecht und Theweleit meinen, Schmidt dekonstruiere in seinen Texten kolonialistisches Denken, ist mir durchaus bekannt. Ich habe beide Beispiele ja auch nur ganz neutral als solche für Publikationen genannt, die sich bisher überhaupt mit dem Thema beschäftigt haben. Dass Du insbesondere Albrechts Interpretation schon einmal in der KONKRET scharf kritisiert hast, ist nicht vergessen. Darauf
habe ich in dieser Zeitschrift bereits gebührend hingewiesen und meine Erwähnung oben abermals verlinkt.

Über eine Liste weiterer Beiträge, die sich kritischer mit dem Thema beschäftigt haben und die mir möglicherweise entgangen sind, würde ich mich freuen. Ein ausführlicherer und hoffentlich nicht nur mit "Nebelkerzen" hantierender Beitrag von mir zu Schmidts teils abstruser Selbstdarstellung nach 1945, den man im Kontext meines obigen Artikels und auch des soeben bei literaturkritik.de veröffentlichten Beitrags von Markus Joch über Gottfried Benn lesen kann, wird, wie Du als Weimarer Tagungsteilnehmer im Schmidt-Jubiläumsjahr 2014 ja weißt, bald in dem von Hans-Edwin Friedrich herausgegebenen Sammelband bei Wallstein erscheinen.

Herzlich,
Jan

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Friedhelm Rathjen schrieb uns am 28.02.2017
Thema: Jan Süselbeck: Chinoiserien und Sarotti-Mohren
Fanny Esterházys „Bildbiographie“ Arno Schmidts erinnert an die Virulenz deutscher Kolonialphantasien für dessen Leben und Werk

Lieber Jan,

es ist immer recht, aber auch ein bißchen billig, hurtig zusammengestoppelte Andeutungen in den Ring zu werfen und dann, wenn's konkreter werden müßte, mit dem Hinweis abzubrechen, die eigentliche Forschung hierzu bleibe "ein Desiderat". Ich möchte Dich, gern aber auch andere Interessenten einladen, diesem "Desiderat" abzuhelfen und etwas Fundiertes zum Thema zu schreiben. Als Plattform stelle ich gern den "Bargfelder Boten" zur Verfügung, das Zentralorgan jener Schmidt-Forschung, von der das wohlfeile Gerücht geht, sie interessiere sich für derlei Themen nicht.

Allerdings drucken wir nur Beiträge, die einigermaßen schlüssig argumentieren und Belege bringen, statt
nur mit Verdächtigungen zu hantieren und Nebelkerzen zu zünden. Ebenfalls ungern gesehen sind bei uns die Tendenzen zur Sippenhaftung, denen Du in Deinem Text anheimfällst, und das gleich doppelt. Einmal nimmst Du Arno Schmidt in Sippenhaftung für das, was sein Vater (den er bekanntlich tief verabscheute) vor und nach seiner Geburt an üblen Dingen trieb. Zum anderen nimmst Du die gesamte Schmidt-Szene in Sippenhaftung für die wenigen ihrer Mitglieder, die auf kritische Töne mit Abwehr reagieren. Wohl deshalb verschweigst Du am Ende Deines Textes, daß es innerhalb dieser Szene schon etliche Arbeiten zum Thema gegeben hat, und führst lieber Arbeiten von namhaften Außenstehenden (Monika Albrecht und Klaus Theweleit) an. Das Aberwitzige daran ist, daß gerade diese beiden in ihren einschlägigen Publikationen Positionen vertreten, die Deiner These, Schmidt sei von kolonialen Vorstellungen infiltriert, diametral widersprechen. Albrecht und Theweleit meinen vielmehr, in Schmidt jemand entdeckt zu haben, der solche Vorstellungen dekonstruiert. Daß dem leider nicht so ist und diese Argumentationen auf Fehlschlüssen und Mißverständnissen beruhen, ist hinlänglich herausgearbeitet worden, allerdings leider von Protagonisten jener Schmidt-Szene, die Dir zu "positivistisch ausgerichtet" ist.

Mir scheint es gerade bei einem so sensiblen Thema wie dem Umgang mit rassistischen und ähnlichen Stereotypen unangemessen, sich selbst von Ressentiments leiten zu lassen und die Forschung einzuteilen in diejenigen, die immer recht haben, egal was sie sagen, und die anderen, die lediglich als Fußabtreter der eigenen Überheblichkeit dienen und ansonsten keiner Aufmerksamkeit wert sind.

Aber die Einladung, etwas für den "Bargfelder Boten" (https://etk-muenchen.de/search/SeriesDetails.aspx?SeriesID=03428036) zu schreiben, steht!

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Barbara Mahlmann-Bauer schrieb uns am 28.02.2017
Thema: Thomas Anz: Luther, der Papst und andere Religionsgeschichten
Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de – mit Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte im „Spiegel“

Ich gehöre zu den Professoren, die, wie Doerry rügte, in den Medien (von einigen Ausnahmen abgesehen) nicht präsent sind, um zu grossen Fragen der Zeit Stellung zu nehmen.  An einer Apologie, wie gut wir doch unsere Lehre und Forschung machen, wie viel Anerkennung wir verdienen, wie fit die Studierenden sind, die wir in Scharen an die Schulen und Redaktionen entlassen, bin ich in meiner Antwort nicht interessiert.
Wäre Doerrys Germanistik-Schelte und die Reaktionen von Fachvertretern, die er ausgelöst hat, nicht ein willkommener Anlass, über die Perspektiven und Aufgaben des Fachs nachzudenken, in dem vor allem Deutsch-LehrerInnen ausgebildet werden?
Dies ist der wichtigste Auftrag an uns Literaturwissenschaftler und
Sprachwissenschaftler. Auch wenn Doerry feststellt, dass nur noch 61% der Absolventen im Fach Germanistik an deutschen Hochschulen in die Gymnasien streben, wird die Gesellschaft künftig auf Unterricht in deutscher Sprache und deutschsprachiger Kultur/Literatur nicht verzichten können, damit sich junge Leute auf dem Arbeitsmarkt bewerben und damit sie als Stimmbürger ihre Meinungen in die Kommunikations- und Mediengesellschaft effizient einbringen können.
Kenntnisse der Texte von Gryphius, Lessing, Schiller, Kleist, Gotthelf, Droste-Hülshoff, Heine, Thomas Mann, Robert Musil, Primo Levi, Imre Kertész oder Ruth Klüger sind identitätsbildend: Sie helfen Studierenden, sich mit ihrem Lebensstil und Wertebewusstsein in die europäische Kulturgeschichte einzuordnen und ihre Position zum auf Gegenwart fixierten Literaturbetrieb zu erarbeiten. Sie ermöglichen es ihnen, mit Angehörigen aussereuropäischer Kulturen, die ihre Heimat und Familien im Stich liessen, um Gewalt und Ausbeutung zu entgehen, verständnisvoll über ihre Verlusterfahrungen zu diskutieren und Freiheit, Gerechtigkeit und Autonomie als Werte eloquent zu verteidigen.
Ja: Verhandlungen über literarische Texte im Deutschunterricht bilden auch Brücken zu KlassenkameradInnen aus anderen Kulturen. Lektüren von Lessings Nathan der Weise, Cordelia Edvardsons Gebranntes Kind sucht das Feuer oder Ruth Klügers Weiterleben schärfen das Bewusstsein Traumatisierter, dass auch in der deutschen Vergangenheit Überlebende politischer und rassischer Verfolgung und Extermination ihre schmerzlichen Erinnerungen in Ego-Dokumenten zu bewältigen versuchten.
Seit 25 Jahren habe ich in Deutschland (Uni München, Uni Marburg) und in Bern mit Studierenden Erinnerungsbücher über den Holocaust gelesen. Ich beobachte, wie sensibel gegenwärtig 20-30jährige diese Texte literaturwissenschaftlich und mit zeitgeschichtlichem Wissen interpretieren. Knapp 60 Studierende besuchten meine Vorlesung im HS 2016 zu diesem Thema. Ihre Interpretationen von Paul Celans Gedichten, George Taboris Theater, von Erinnerungsberichten Primo Levis, Ruth Klügers, Cordelia Edvardsons, Imre Kertész, G.-A. Goldschmidts und Aharon Appelfeld, die sie mir in ihren Klausuren vorlegten, haben ein überdurchschnittliches Niveau, was das Ausdrucksvermögen, ethische Reflexion und die ästhetische Wertungskompetenz belangt. Den Studierenden ist besonders seit dem Tod der meisten Zeitzeugen bewusst, dass literarische Zeugnisse einzigartige Stützen im Kampf gegen historische Ignoranz und politische Selbstgerechtigkeit sind. Sie werden dies später im Deutschunterricht und an bildungspolitischen Schaltstellen an Jüngere weitergeben.
Da werden Secondos türkischer, albanischer, syrischer etc. Asylanten/Flüchtlinge im Klassenzimmer sitzen, die im Deutsch- und Geschichtsunterricht mit Deutschlands Vergangenheit konfrontiert werden und begreifen müssen, wieso Antisemitismus hierzulande ‚gar nicht geht’ und antisemitische Äußerungen strafrechtlich geahndet werden. Ihnen eröffnen Lehrer und Lehrerinnen den Zugang zu einer Vergangenheit, in der 12 Jahre lang Juden, Kommunisten, Sinti und Roma und andere Nicht-Angepasste diskriminiert, verfolgt und getötet wurden und viele Deutsche ins Exil gingen und über ihre Erfahrungen schrieben. Diese Rückblicke gibt jungen Leuten, die oder deren Eltern aus ihrer Heimat geflohen sind, Gelegenheit, ihre schmerzlichen Erfahrungen mit denen der von den Nationalsozialisten verjagten und ermordeten Menschen zu vergleichen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie der Literaturunterricht, wenn er interkulturelle Lesekompetenzen vermittelt und den interreligiösen Dialog fördert, zur Durcharbeitung von Verlusterfahrungen in der ersten und zweiten Generation von Flüchtlingen und Asylanten beitragen könnte.

Wie werden DeutschlehrerInnen in naher Zukunft den Dialog zwischen den Kulturen, Werte- und Religionsgemeinschaften im Literaturunterricht entfachen und steuern? Auf die Deutsch-LehrerInnen der nächsten 10-20 Jahre kommen neue, spannende Aufgaben zu. Mit Sprachkursen allein ist den jugendlichen MigrantInnen und AsylantInnen hier nicht gedient. Sie bringen ihre Erinnerungen an ermordete Angehörige, an Gewalt und Unterdrückung mit in eine Gesellschaft, von deren Geschichte und Kultur sie wenig oder nichts wissen. Genau dieses Wissen könnte ihnen aber nachhaltig bei der Durcharbeitung ihrer Verlusterfahrungen helfen: die Kenntnis von Texten, in denen Opfer früherer Diskriminierung und Gewalt sich mit der Bitte um Aufklärung an die Nachgeborenen wenden.
Das Curriculum des Literaturunterrichts im Fach Deutsch muss erweitert werden, damit Gryphius im Dreissigjährigen Krieg, Lessing und sein jüdischer Freund Mendelssohn und Heinrich Heines Hebräische Melodien mit Werken vergleichbarer Koryphäen aus afrikanischen, orientalischen und fernöstlichen Kulturen den Schülern und Schülerinnen näher gebracht werden können. Hilfsreich wäre es beispielsweise, künftigen Deutschlehrern das Erlernen einer aussereuropäischen Kultursprache und Kenntnisse nicht-christlicher Religionskulturen zur Wahlpflicht zu machen.
Damit neue Generationen von Deutsch-Lehrern Jugendlichen aus nicht-europäischen Ländern und mit Migrationshintergrund Werke deutschsprachiger Literatur auf Augenhöhe zusammen mit ausgewählten Texten der aussereuropäischen Weltliteratur nahebringen können, sind auch Anpassungen im Studienprogramm der Germanistik-Abteilungen nötig. Der SNF, ÖWF und die DFG müssten die Initiative ergreifen, im Auftrag der beteiligten Kultusminister und Kulturverantwortlichen Dozierende der Germanistik mit ihren Kollegen aus Religionswissenschaften und Islamwissenschaften zusammenzubringen, mit dem Ziel, neue interkulturell ausgerichtete Studienprogramme und Curricula für die Ausbildung von Deutschlehrern zu entwerfen. Einmal von den großen Förderinstitutionen und Drittmittelgeber angestoßen, sollten Diskussionen über die Erweiterung der Studienprogramme in Germanistik-Instituten, an Pädagogischen Hochschulen und beispielsweise im Deutschen Philologenverband geführt werden. Nur wenn das Anforderungsprofil von Deutschlehrern erweitert wird, werden sich jugendliche Asylanten und Migranten für das Fach Germanistik entscheiden. Sonst droht das Studium von Lessing, Goethe und Schiller oder das Glasperlenspiel mit Literaturtheorien und –moden unser Fach zum Orchideenfach zusammen zu schnurren, weil (um bei Doerrys Beispielen zu bleiben:) der Komponist Schiller und der tote Dichter Goethe Jüngeren nichts mehr zu sagen haben.

Prof. Dr. Barbara Mahlmann-Bauer
Institut für Germanistik
Länggass-Str. 49
3000 Bern 9

28. Februar 2017

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Prof. Dr. Gerhard Wagner schrieb uns am 20.02.2017
Thema: Dirk Kaesler: Die Weberei, sie höret nimmermehr auf
Endlich in der Gesamtausgabe erschienen: Max Webers letzte Fassung der „Protestantischen Ethik“ und seine Texte als Hochschulpolitiker und Wissenschaftsorganisator, dazu ein Sammelband von Essays zu Max Weber von M. Rainer Lepsius

Diese Rezension enthält eine Fehldarstellung. Der Titelei zufolge wurde MWG-Band I/13 in Zusammenharbeit mit Heide-Marie Lauterer und Anne Munding herausgegeben. Der Rezensent betont die Leistung von Frau Lauterer, während er Frau Munding nur einmal erwähnt. Das entspricht ebensowenig den Tatsachen wie die paritätische Nennung beider in der Titelei. Nach Vorarbeiten von Frau Lauterer hat Frau Munding 2009 den Band übernommen. Ihrer Sachkenntnis und ihrem Engagement ist das nunmehr gedruckte Resultat im Wesentlichen zu verdanken. Das sollten die Leserinnen und Leser der Fairness halber wissen.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 17.02.2017
Thema: Thomas Anz: Luther, der Papst und andere Religionsgeschichten
Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de – mit Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte im „Spiegel“

Zur "Germanistik-Schelte"

Lieber Herr Anz,
ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Entgegnung. Es ist schon interessant zu beobachten, wie gerade 'ehemalige' Germanisten sich in solchen Verächtlichmachungen gefallen.
Dass auch mir manches in unserem Fach und manche verkorkst ansprüchlichen Wichtigtuereien auf die Nerven gehen, ist bekannt. Aber dafür, das ganze Fach Germanistik herunterzumachen, sollte der "Spiegel" sich eigentlich zu schade sein.
Mit allen guten Wünschen und mit herzlichem Gruß
Ihr Klaus Müller-Salget

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Stefanie Leibetseder schrieb uns am 13.02.2017
Thema: Thomas Anz: Luther, der Papst und andere Religionsgeschichten
Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de – mit Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte im „Spiegel“

Lieber Herr Professor Anz,
die gleiche Klage ließe sich (z. T. mit Recht) über das Fach Kunstgeschichte anstimmen, nur habe ich es nie so gesehen, sondern als kulturelles Kapital, das seinen Wert auf andere Art entfaltet: Man lernt nämlich Sehen und zwar auf viele Arten.

Stefanie Leibetseder

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Thomas Anz schrieb uns am 09.02.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Thomas Anz: Luther, der Papst und andere Religionsgeschichten
Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de – mit Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte im „Spiegel“

Sehr geehrter Herr Gelker,
besten Dank für Ihre aufschlussreichen Informationen! "Klageschrift" habe ich jetzt nachträglich in Anführungszeichen gesetzt und damit als einen Ausdruck des SPIEGEL-Autors gekennzeichnet.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Anz

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Nils Gelker schrieb uns am 09.02.2017
Thema: Thomas Anz: Luther, der Papst und andere Religionsgeschichten
Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de – mit Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte im „Spiegel“

Sehr geehrter Herr Prof. Anz,

in Ihrem neuen Vorwort bei Literaturkritik haben Sie über die Germanistikschelte im letzten SPIEGEL geschrieben. Genau wie Steffen Martus’ Beitrag und der gemeinsame Artikel von Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und  Albrecht Koschorke in der FAZ ist diese Gegendarstellung sehr richtig und auch sehr wichtig.

Nun ist es so, dass ich einer der Herausgeber des "Germanistik als Patient"-Bandes bin, aus dem im SPIEGEL zitiert wird. Und obwohl ich mich freue, dass der Band offenbar überhaupt von jemandem gelesen wurde, bin ich nicht so begeistert davon, wie unser kleines Buch vereinnahmt wird. Herr Doerry hat das Buch eine "Klageschrift" genannt – das ist nicht richtig. />

Wir haben damals Beiträge von jungen Germanistinnen und Germanisten aus Deutschland, Togo und Kamerun gesammelt. Die überwiegende Mehrheit der Artikel spricht zwar (subjektiv wahrgenommene) Probleme des Faches an, aber betont auch, wie gewinnend das Studium sei. Wir haben Verbesserungsvorschläge gesammelt, subjektive Problembeschreibungen, aber auch flammende Liebeserklärungen für das Fach. Das macht unterm Strich keine Klageschrift.

Die versammelten Artikel stellen keine einheitliche Meinung dar – es gehörte gerade zum Konzept des Bandes, ganz verschiedene authentische Meinungen zu sammeln und zu veröffentlichen. Ich finde es deswegen schade, dass die beschränkte Rezeption unseres kleinen Studierendenprojekts durch den SPIEGEL-Artikel nun eine starke Vorgabe gekriegt hat. Deswegen finde ich es auch sehr schade, dass das Wort "Klageschrift" in Ihrem Vorwort nicht in Anführungszeichen gesetzt ist. Sie beziehen sich, wenn ich das richtig sehe, auf den Begriff, den Doerry – wie ich meine fälschlich – für unseren Band gebraucht. Aber ohne die Kennzeichnung des Zitats verfestigt das leider den tendenziösen und unrichtigen Blick auf unser kleines Projekt. Ich würde mich deswegen sehr freuen, wenn die Anführungszeichen vielleicht noch ihren Weg zur Klageschrift finden könnten.

Was sich an der Darstellung unserer „Klageschrift“ zeigt, ist eben genau die Problematik der Germanistikschelte, die Sie benannt haben: Sie ist ein Zerrbild. Das Fach hat seine Probleme, ja. Das Fach hat aber auch gezeigt, dass es einen wissenschaftlichen Nachwuchs hervorbringen kann, dessen Problembewusstsein nicht nur aus krisenhaften Erfahrungen, sondern auch gerade aus wissenschaftlichem Selbstbewusstsein hervorgeht.

Mit freundlichen Grüßen
Nils Gelker

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Per schrieb uns am 09.02.2017
Thema: Sascha Seiler: „There’s a crack in everything / that’s how the light gets in“
Zum Tod Leonard Cohens

Zur Aussage "Kurz darauf zog Cohen in ein Mönchskloster"
wäre der sicher wichtige Hinweis, dass L.Cohen im Mount Baldy Zen Zentrum war, korrekter. https://www.youtube.com/watch?v=7lwwbSLcO3A

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Jan Süselbeck schrieb uns am 06.02.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Falscher Prophet
Der kommende US-Präsident Donald Trump gewann die Wahl mit altbekannten Verschwörungstheorien. Einblicke in antisemitische Narrative aus Nordamerika

Dazu vielleicht noch zwei neue Links.

Zunächst der wunderbare Alec Baldwin als Donald Trump, der jedem Weltpolitiker, den er anruft, sofort den Krieg erklärt und danach schnell auflegt. Das Erschreckende daran ist, dass sich diese Satire derzeit bereits nur noch graduell von den Tatsachen unterscheidet. Nicht einmal das Kostüm von Trumps Berater Steve Bannon ist besonders originell oder gar gewagt, da sich dieser bekanntlich bereits offen zu der ,dunklen Seite‘ bekannt hat und sich Darth Vader identifiziert.

Und dann noch dieser neue Artikel im Los Angeles Review of Books, der sich einmal mehr kritisch mit dem Für und Wider eines Vergleichs von
Donald Trump mit Adolf Hitler auseinandersetzt (auch wenn darin behauptet wird, "SS" sei die Abkürzung für "Stoßtrupp Hitler" gewesen, recte: "Schutzstaffel"):

Against Normalization: The Lesson of the “Munich Post”
By Ron Rosenbaum

Beste Grüße,
Jan Süselbeck

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Renate Schauer schrieb uns am 06.02.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Herbert Hoven: Zu Recht neidisch
Reden wir übers Geld: Ein Vortrag über den Beruf des freien Hörfunkautors

Ich kann das Geschilderte ebenfalls unterstreichen.
Schamhaft wird meist ein Mäntelchen drüber gehängt.
Warum gilt die Haltung "Ich habe es nicht nötig" als vornehm?
Die Aura glänzt mit Bedürfnislosigkeit - Geldangelegenheiten sind offenbar etwas Niedriges, das man man anderen "Handwerkern" überlässt. Klaus Staeck kreiierte dazu einst die politische Kunst-Postkarte "Nur die Armut gebiert Großes" - darauf abgebildet das Motiv von Caspar David Friedrich mit dem Poeten in der Dachkammer unterm Regenschirm im Bett!
Kälte, Enge und Armut machen evtl. eine Zeitlang erfinderisch, beflügeln aber nicht! (Das gilt nicht nur für Autoren!)

Renate Schauer

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Dietz Bering schrieb uns am 02.02.2017
Thema: Jan Süselbeck: Die 500-Jahr-Feier der Reformation hat einen Haken
Martin Luther, der Begründer des Protestantismus, war Antisemit

Werter Herr Süselbeck,

gerade habe ich Ihre ausführliche Rezension über mein Luther-Buch gelesen. Ich will mich für sie herzlich bedanken - auch, wenn Sie ja nicht in allen Punkte zustimmen können. Aber, von den bisher erschienenen Besprechungen ist die Ihre doch die gehaltvollste und ernsthafteste. Meine Grundthese  ist ja so neuartig, kommt aus so unverhofftem Winkel, dass sie den meisten nur als abwegig erschienen ist. Ich dagegen bleibe mit aller Entschiedenheit bei meiner Grundthese von einer völkerpsychologischen Verwandtschaft zwischen Juden und Deutschen, insbesondere zwischen Juden und dem  Protestantismus. Ich vertrete das ja schon seit 1982 - nur der Begriff der "Kontrastbetonung" ist neu.
Es gibt
übrigens eine neues, beachtenswertes Zeugnis für meine These. Ich schreibe es Ihnen hier hin, damit sie gewappnet sind, falls ganz Radikale auf Sie zukommen mit dem Vorwurf, glatten Unsinn hätten Sie für erwägenswert gehalten. Also Lyndal Roper schreibt in ihrer nun wirklich volltönend gerühmten Luther-Biographie:
"Trotz seines Hasses gab es aber einige Aspekte in Luthers Theologie, die dem Judaismus sehr nahe waren, und viel-leicht war es gerade diese Nähe, die diese Gewalt in seinen Angriffen entfesselte." (S. 503) Und noch dezidierter in einem mehrseitigen Interview in der ZEIT:
Frage:  "Warum dieser Hass?" Antwort: "Er mag in der Nähe, in den Ähnlichkeiten mit dem Judentum begründet sein: Auch Luther lehnte ein Nachdenken über das Leben nach dem Tode ab; auch Luther betonte, wie entscheidend es sei, die Bibel zu lesen; auch Luther betonte die Natürlichkeit des sexuellen Lebens. Er wollte der bessere Jude sein, die Auserwähltheit auf seine Seite bringen. Das ist die furchtbare Linie in der Tradition des Protestantismus." Ich kann nur staunen!

Dass Sie deutlich sagen, ich setze mit der Kontrastbetonung ein universales Prinzip an, ist mir natürlich besonders willkommen, denn bisher ist mir ja angedichtet worden, ich interpretierte Luther pur nach der deutsch-jüdischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Eben diese kann allerdings mit Hilfe des neuen Begriffs der Kontrastbetonung auch widerspruchsfreier erklärt werden: Man muss die deutliche Verwandtschaft jüdischen und deutschen Art  nicht mehr leugnen oder als Irrtum hinstellen (wie Scholem und seine Anhänger), sondern kann konzedieren: Es existierte wirklich ein Irrtum, aber nicht einer über die faktisch gegebene Verwandtschaft, sondern darüber, dass aus eben dieser doch wohl Gutes und auf keinen Fall mörderische Abwehr entstehen könne.  

Haben Sie Dank, dass Sie sich mir so ausführlich zugewandt haben. Dass dieser "wir-Stil" passee ist -  mir eine Neuigkeit, aber es kann ganz gut sein. Er mag noch aus der Zeit stammen, als die Universitäten nicht dazu abgestellt waren, die Studenten zu einer gut funktionierenden Ich-AG auszubilden und eben gemeinschaftliche Bildung hintanzustellen. Da macht sich eben doch mein Alter bemerkbar. Jedenfalls: Danke für den Tipp; ich will mir das  für die Zukunft noch einmal durch den Kopf gehen lassen.  
Mit bestem Gruß
Dietz Bering
Universität zu Köln
Institut für deutsche Sprache und Literatur I.
e-mail: dietz.bering@uni-koeln.de

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Tanja Dückers schrieb uns am 01.02.2017
Thema: Jan Süselbeck: Die 500-Jahr-Feier der Reformation hat einen Haken
Martin Luther, der Begründer des Protestantismus, war Antisemit

Jan Süselbecks profunden Beitrag "Die 500-Jahr-Feier der Reformation hat ihren Haken. Martin Luther, der Begründer des Protestantismus, war Antisemit“ habe ich mit großem Interesse gelesen.
Ich habe viel dadurch gelernt. Dass Luther sich derart drastisch geäußert hat („Pestilenz“ etc.) hatte ich nicht gewusst, auch war mir das Ausmaß seiner Vorläuferschaft für den stärker biologisch verankerten Judenhass ab Ende des 19. Jahrhunderts nicht bekannt. Auch die Idee der Kontrastbetonung ist als soziologisch sehr interessant, nicht nur in Bezug auf Luthers Haltung gegenüber den Juden. Mir haben auch die deutlichen Worte gegenüber der Katholischen Kirche im zweiten Absatz sehr gefallen.
Mich hat damals
sehr aufgeregt, wie die Kath. Kirche versucht hat, den Missbrauchsskandal zu vertuschen - im Jahr 2001 hatte Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation die aus den Bistümern bekannt werdenden Missbrauchsfälle flugs unter das Secretum Pontificium gestellt, also unter strengste Geheimhaltung, weil er den Ruf der Kirche fürchtete. Immer war dieser Ruf wichtiger als der einzelne Mensch, als die vielen betroffenen Menschen ... unglaublich dieses Kirchensonderrecht, auch dass des Missbrauchs überführte Priester einfach nur irgendwo anders hin anderswo hin versetzt wurden - habe damals (2010) einen Beitrag für die ZEIT Online geschrieben, dem viele Kommentare folgten, in denen die Kirche auch noch verteidigt wurde.
Ich war zu dem Zeitpunkt schon aus der Kath. Kirche ausgetreten (mein Vater stammt aus dem Rheinland, daher bin ich als in Berlinerin katholisch gewesen - dort gehört man einer nur 5 % der Bevölkerung umfassenden Minderheit an), aber ich freute mich über die Austrittswelle, die der Offenlegung des Skandals folgte. Leider stelle ich doch bei vielen Leuten fest, dass sie in dem Moment, in dem sie Kinder bekommen, plötzlich anfangen, diese taufen zu lassen und  eine familienduselige, im Grunde angstgesteuerte (mein Nest…) Rückkehr zur Kirche an den Tag legen. Unser Sohn hat kein Problem damit zu sagen: „Die Uroma ist unter der Erde“. Wertfrei wächst man deshalb noch lange nicht auf.
Die am meisten verfolgte Gruppe „aus religiösen Gründen“ ist weltweit nicht die der Christen, sondern die der Atheisten (hierzu ein Beitrag von mir aus dem Deutschlandradio). Ich selber habe eine Schwäche für Mariendarstellungen, Gedichte von Hildegard von Bingen, Orgelmusik und Anderes (Kirchenfenster) - manches, insbesondere dem Bereich der Ästhetik Zuzuordnendes, ist doch geblieben, nach dem Austritt. Aber ich würde nicht mehr Mitglied der Katholischen Kirche sein wollen.

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Redaktion literaturkritik.de schrieb uns am 29.01.2017 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Falscher Prophet
Der kommende US-Präsident Donald Trump gewann die Wahl mit altbekannten Verschwörungstheorien. Einblicke in antisemitische Narrative aus Nordamerika

Sie werfen der Redaktion vor, diesen Artikel veröffentlicht zu haben? Das wollen wir hier nicht näher begründen. In jedem Fall entspricht das unserem Demokratie-Verständnis! Und darum veröffentlichen wir auch Ihren Leserbrief. Was in literaturkritik.de publiziert wird, deckt sich keineswegs immer mit den Meinungen der Redaktion. Und sogar innerhalb der Redaktion lassen wir unterschiedliche Auffassungen zu. Sich mit unseren Veröffentlichungen auseinanderzusetzen, sie zu rechtfertigen oder zu kritisieren, überlassen wir allerdings unseren Leserinnen und Lesern und mischen uns selbst nicht in Debatten darüber ein. Nur so viel zu demokratischen Wahlen: 1932 und 1933 fanden in Deutschland Wahlen statt, die die Abschaffung der Demokratie zur Folge hatten. Hoffen wir, dass sich in den U.S.A. nicht Ähnliches wiederholt!
Mit freundlichen Grüßen
die Redaktion

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Paul Mittelsdorf schrieb uns am 28.01.2017
Thema: Jan Süselbeck: Falscher Prophet
Der kommende US-Präsident Donald Trump gewann die Wahl mit altbekannten Verschwörungstheorien. Einblicke in antisemitische Narrative aus Nordamerika

Hallo, ich habe Literaturwissenschaften studiert und lese für mein Leben gern. Anfangs habe ich mich gefreut, Eure Seite entdeckt zu haben. Dann aber stieß ich auf jenen Trump-Artikel und nun reicht es mir schon wieder.

Bereits in den ersten beiden Absätzen des Artikels findet man so viele Widersprüche oder Behauptungen, daß man nur mit dem Kopf schütteln kann. Beispiel: Warum ist der Vorwurf an die Presse, eine "Lügenpresse" zu sein, "antidemokratisch"? Wird das Wort hier verwendet, weil es so schön böse klingt? Gerade die Freiheit, die Presse als "Lügenpresse" zu betiteln, gehört zur Demokratie. Außerdem haben die Leute, die das sagen, gute Gründe hierfür. Ich kann
ihnen, wenn Sie darüber diskutieren möchte, aus dem Stegreif zwei nicht zu widerlegende Beispiele nennen, bei Interesse also melden.

Ebenso fragwürdig ist die Haltung des Autors zu Volksabstimmungen. Auch wenn diese knapp ausfallen, hat das Volk in der Mehrheit seine Meinung damit kundgetan. Also ist es auch rechtmäßig, hierbei vom Willen des Volkes zu reden. Dann schreibt er, dieser dulde dann keinen "Widerspruch" mehr. Das ist doch Unsinn. Auch in Großbritannien kann man über den Brexit diskutieren. Das ist nicht verboten. Was viele Gegner des Brexit allerdings nach dem Referendum anstrebten, war, dieses rückgängig zu machen. Das ist dann kein "Widerspruch" mehr, sondern ein aktives Infrage stellen der Volksabstimmung an sich. Das nenne ich demokratiefeindlich. Für den Autor aber ist das alles, warum auch immer "Forderungen nach einer autoritären Gesellschaft". Warum? Diejenigen, die die Volksabstimmung verteidigen, sind Vertreter einer "autoritären" Gesellschaft? Und diejenigen, die die Volksabstimmung anfechten, sind dann die Vertreter der Demokratie? Hat der Autor ein Problem mit dem Verständnis davon, was der Begriff "Demokratie" bedeutet? Aber das ist noch nicht alles. Es gelingt ihm auch noch, den Brexit als "absurd" und "menschenfeindlich" zu bezeichnen. Können Sie mir, da Sie ja diesen Artikel auf Ihrer Webseite veröffentlicht haben, sagen, was er damit meint? Und ob das ein Ansatz sein soll, eine Diskussion zu führen, oder "Brücken zu bauen", wie man so oft sagt? Der Autor spaltet und hetzt, daß es unerträglich ist. Niemand kann wissen, ob der Brexit gut oder schlecht für die Briten und für den Rest der EU ist, woher kommen also die prophetischen Anmaßungen? Sowohl Vertreter als auch Gegner des Brexit haben gute Gründe. Ich habe als Anhänger der ersteren Gruppe kein Problem damit, das zu sagen. Aber deutsche Kultur- und Politikredaktionen anscheinend schon.

Aber der Autor hat noch nicht genug. Immer noch nur innerhalb der ersten beiden Absätze gelingt es ihm auch noch, Trump zu unterstellen, daß sein "wütender Ruf" nach Meinungsfreiheit das Gegenteil möchte. Wieder: Nichts als eine Behauptung. Wahrscheinlich ist hier der Wunsch Vater des Gedankens.

Ich persönlich habe von der Hetze gegen Trump die Nase gestrichen voll. Wenn ich eine Literaturzeitung lese, dann erwarte ich gute Besprechungen literarischer Werke und keine Stellungnahmen zur Politik, jedenfalls dann nicht, wenn diese über das Niveau einer Hetzschrift nicht hinauskommen.

Viele Grüße,

Paul Mittelsdorf

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Markus Heitkämper schrieb uns am 26.01.2017
Thema: Jan Süselbeck: Die 500-Jahr-Feier der Reformation hat einen Haken
Martin Luther, der Begründer des Protestantismus, war Antisemit

Sehr geehrter Herr Dr. Süselbeck,

haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihren jüngsten Beitrag in „literaturkritik.de“!
Endlich wird, frei von küchenpsychologischer Apologetik, die Frage nach den theologischen Grundlagen der Judenfeindschaft Luthers in größerem Rahmen aufgeworfen.
Dies taten bislang leider nur sehr Wenige, etwa von der Osten-Sacken oder Klaus Wengst - einer meiner theologischen Lehrer.

Noch einmal: Chapeau / Kol HaKawod!

Ihr
Pfarrer Markus Heitkämper, Pfarrer, Ev. Vorsitzender der Essener GCJZ

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Hugo LUEDERS schrieb uns am 16.01.2017
Thema: Hubert Roland: Patriotismus und Wirklichkeitsverlust?
Gottfried Benns Geschichtsschreibung über die Okkupation in Belgien (1914-1918)

Gestatten Sie mir bitte kurz einen Hinweis zu dem interessanten Artikel von Prof. Hubert Roland, insbesondere zu den gemachten Anmerkungen zum 'Fall Edith Cavell'. So lesenswert der Artikel zur Biographie von Gottfried Benn selber ist, so sehr fehlt es m.E. an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem, insbesondere in Deutschland, weiterhin wenig bekannten 'Fall Cavell'. Der Leser hätte z.B. gern erfahren, wie es überhaupt bei all den schrecklichen Geschehnissen des Krieges nach Meinung des Verfassers zur genannten 'internationalen Resonanz' dieser Tragödie kommen konnte. Immerhin wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, das entsprechende Kriegsgerichtsurteil durch einen damals geheimen britischen Regierungsbericht vom 26. Februar 1920 als 'gerechtfertigt' angesehen (siehe: HMG “Committee of Enquiry into Breaches of the Laws of War”, 26th February, 1920. pp. 419-428: ‘Execution of Edith Cavell’, p. 424, ‘ … the Feldgericht was justified … to condemn her to death’, Quelle: http://discovery.nationalarchives.gov.uk/details/r/D7736306#imageViewerLink). Warum dann aber die 'weltweite Empörung'? Zur Beantwortung dieser Frage wie zur Lüftung der üblichen Cavell 'fable convenue' ruft die Literaturkritik förmlich nach Geschichtskritik um Hilfe. Diese Doppelung kann helfen. Hoffentlich.

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Volker Heigenmooser schrieb uns am 02.12.2016
Thema: Herbert Hoven: Zu Recht neidisch
Reden wir übers Geld: Ein Vortrag über den Beruf des freien Hörfunkautors

Lieber Kollege, Sie haben in allen Punkten den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber ich setze noch einen drauf als einer, der für Hörfunkt und Print arbeitet (gearbeitet hat): 1. Seit Jahren wird auch der Tarifvertrag im Hörfunk so differenziert, dass nicht einmal ein volles Honorar für eine Rezension sicher ist. Das führt zusätzlich zu Einkommensverlusten. 2. In den Zeitungen ist es noch schlimmer; selbst die sog. Qualitätszeitungen haben ihre Honorare z. T. drastisch reduziert, wogegen dann oft nur die Mehrfachverwertung hilft. Dann wundert man sich, dass der Zirkus der Literaturkritikerinnen und -kritiker immer und überall das Gleiche abliefert. ("Früher" hieß es einmal, wenn Du für mich schreibst, kannst Du nicht für die X-Zeitung auch noch schreiben... das ist lange vorbei, weil die Redakteure dann doch wissen, dass man sonst gar nicht mehr über die Runden kommt) Und dann gibt es die kleineren Zeitungen, die allerdings oft auch großen Konzernen gehören, einen ganz geräuschlos rauskegeln, wenn man die tariflich vereinbarten Honorare verlangt. Ich könnte ein garstig Lied davon singen.
Was ist die Konsequenz? Wer als Literatur-/Kunst-/Theaterkritikerin bzw. -kritiker leben will, begibt sich in denn doch müffelnde Beziehungen zu Verlagen, Literaturhäusern etc. als Moderatorin/Moderator, Jurymitglied, Laudatorin/Laudator etc. Doch das scheint mir eher auch keine Lösung zu sein, wenngleich subjektiv gut nachzuvollziehen.

Mit Verlaub meine Konsequenz: Das Geld wird mit PR/Marketing verdient, um dann gelegentlich z. B. bei literaturkritik.de eine vielleicht auch mal fundiertere unabhängige Rezension für Herzensangelegenheiten zu verfassen.

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Bernd Nitzschke schrieb uns am 02.12.2016
Thema: Dietmar Jacobsen: Der Wolf und die acht Jahrzehnte deutscher Geschichte
Wolf Biermann erzählt den Roman seines Lebens auf die Art, die man von ihm kennt – unterhaltsam, ironisch und nicht ganz ohne Eitelkeit

In der Rezension von Dietmar Jacobsen heißt es über den damals 16jährigen Biermann: „Als von Eleven der Gadebuscher Internatsschule, die er von 1953 an besucht, verlangt wird, der evangelischen Jungen Gemeinde, der sie als Christen angehören, den Rücken zu kehren, weigert sich ein einziges Mädchen und wird daraufhin vor der versammelten Schülerschaft bloßgestellt. Allein Biermann wagt den Widerspruch: „Ich bin Kommunist … Ich bin gegen die Kirche … Ich weiß, Religion ist Opium fürs Volk! … Aber das, was hier gemacht wird, das ist … kein Kommunismus… Dafür ist mein Vater nicht in Auschwitz gestorben“, begehrt der Sechzehnjährige auf. Es ist der erste Schritt auf einem Weg, der bis zu seiner Ausbürgerung …“
Hoppla, das ist ja wohl ein schlechter Witz? Biermann verklärt sich in seiner „Autobiographie“ als frühreifer Held – und der Rezensent glaubt ihm jedes Wort!

Auf seinem weiteren Lebensweg kam der tapfere Held dann allerdings noch einige Male ins Straucheln. Ich führe nur einige wenige Beispiele an:
1. Der 29jährige Biermann pries zwölf Jahre nach dem Tod des Massenmörders Stalin dessen „harten Besen“ (diese Metapher psychoanalytisch zu deuten, das wäre wohl zu platt). Und so sang Biermann 1965: „Die DDR, mein Vaterland / Ist sauber immerhin / Die Wiederkehr der Nazizeit / Ist absolut nicht drin / So gründlich haben wir geschrubbt / Mit Stalins hartem Besen.“ Das sang Biermann nicht, wie der Rezensent schreibt, „im Osten ... hinter verschlossenen Türen im kleinen Kreis“, nein, das posaunter er, so wie er das stets tat, in alle Welt hinaus. Biermann stand schließlich stets auf der „richtigen“ Seite. Jedenfalls war die Seite solange richtig, solange Biermann sie nicht wechselte.
2. 1972 spendete Biermann das Preisgeld, das er für den Fontane-Literatur-Preis erhalten hatte, Rechtsanwalt Horst Mahler. Als Biermann gefragt wurde, ob er es nicht bedauern würde, wenn dieses Geld in der RAF-Kasse landen würde, antwortete er auf hohem Ross sitzend „[…] aber Sie erwarten doch sicherlich nicht von mir, daß ich mich von der Roten Armee Fraktion distanziere? Ich will nicht in den Orden linker Hoher Priester aufgenommen werden, die der Baader-Meinhof-Gruppe ihren Segen vorenthalten. … Die Kommunisten in der Baader-Meinhof- Gruppe werfen ihr Leben in die Waagschale ...“
3. Auch dem heiligen „Comandante Che Guevara“. blieb es nicht erspart, vom „Schmieren- und Kitschaggressor“ Biermann (Wiglaf Droste in der Süddeutschen Zeitung vom 09.04.2005) besungen zu werden – und zwar gründlich auf diese Weise: „Und bist kein Bonze geworden / Kein hohes Tier, das nach Geld schielt / Und vom Schreibtisch aus den Held spielt. […] Jesus Christus mit der Knarre / – so führt Dein Bild uns zur Attacke.“ WOW!
4. Es dauerte einige Jahre – und Biermann blies wieder zur Attacke, diesmal für Bush & Blair – blieb selbst aber zuhause sitzen. Über die von ihm so genannten „Nationalpazifisten“ (dabei hat man den von Biermann beabsichtigten bösen Wortklang sofort im Ohr), die den Irakkrieg ablehnten, schrieb Biermann 2003 im SPIEGEL: „Die entpolitisierten Kids der Spaßgesellschaft finden Frieden irgendwie geiler als Krieg. Und obendrein bläst auch Gottes Bodenpersonal beider Konfessionen todesmutig in die Anti-Bush-Trompete.“

Jakob Moneta, zeitlebens ein Mann mit aufrechtem Gang, organisierte als IG-Metaller 1976 die Einladung zum Konzert in Köln, das zum Anlass der Ausbürgerung Biermanns aus der DDR wurde. Nach diesem Konzert nahm Moneta Biermann bei sich zuhause auf und lernte ihn so aus nächster Nähe kennen. Moneta „zerfreundete“ sich gründlich mit Biermann. Ein Jahr nachdem Biermann von Springer zum „Chef-Kulturkorrespondent“ erhoben ward, schrieb Moneta über diesen Dauer-Opportunisten in der Sozialistischen Zeitung, er wolle ihm „einen Spruch aus meiner jiddischen Muttersprache“ mitgeben: „Nicht gedacht soll seiner werden.“
Es hat nicht sollen sein. Oder hat die List der Vernunft am Ende doch noch gesiegt? Schließlich gedachte man Biermann, als er achtzig Jahre alt wurde, landauf, landab so, wie er es bezüglich seiner eigenen Person vorgemacht hat: mit Pauken & Trompeten. Dietmar Jacobsen hat das in seiner Besprechung der „Autobiographie“ Biermanns einfach nur nachgemacht.

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Klaus-Peter Möller schrieb uns am 29.11.2016
Thema: Klaus-Peter Möller: Zuchtmeister der Genauigkeit
Zur Briefausgabe von Adolph Menzel

Literaturhinweis:

Mit Zopf und Knebelbart. Adolph Menzels Albumblatt für Theodor Fontanes Tunnel-Album. In: Fontane-Blätter 102, 1996, S. 132-156

In diesem Aufsatz ist der Verfasser den offenen Fragen der hier einsehbaren Rezension weiter nachgegangen. Einige Details konnten dabei korrigiert oder präzisiert werden. An der grundsätzlichen Einschätzung der rezensierten Brief-Edition ändert sich aber nichts.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 27.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Wenn Herr Elsaghe in der Lage wäre, in Abläufen zu denken, wäre es sinnvoll, mit ihm zu diskutieren. So aber geb' ich's auf.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 27.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Es wäre wohl doch klüger gewesen, das einmal gegebene Versprechen zu halten und tatsächlich „auf weitere Bemerkungen“ zu verzichten. Denn inwiefern genau werden die zitierten „Überlegungen“ zu der „ganzen Zeit“ triftiger und schlauer, wenn man den „wieder einmal“ so überaus bezeichnender-, sprich natürlich: unredlicherweise ausgeklammerten Text mitliest?
Vor allem aber: Es kann hier nicht darum gehen, was Frisch wollte und wie er es in dieser oder jener Bühnenfassung umsetzte — denn er hat es in der Tagespresse und anderwärts ja eigens zu Protokoll gegeben —; sondern es ging um die Ängste und Phantasien, die das sechste Bild trotz dieses Protokolls freizusetzen
vermag, und sei es auch unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Nur so lässt sich die Regelmäßigkeit erklären, mit der die Rezipienten der Vorstellung erlagen, dass „die Barblin sich diesem widerlichen Stinker von Soldaten hingibt“ (Zuckmayer). In die stattliche Reihe solcher Fehllesungen gehören nun salva venia auch KMSs „Überlegungen“; mögen sie ihrem Urheber jetzt begreiflicherweise noch so peinlich geworden sein und mag er deshalb noch so verzweifelt versuchen, sie zu verharmlosen und ihre Wiedergabe als „unseriös“ oder „wahrheitswidrig“ zu diffamieren. Deshalb also noch einmal mit etwas erhöhter Belegdichte:
Frischs Versuch, „den Soldaten […] als Vergewaltiger zu kennzeichnen“, konnte KMS „nicht recht überzeugen“. („Die Auslassung in eckigen Klammern ist“ vermutlich „wieder einmal bezeichnend.“) In KMSs Worten „nimmt“ der Soldat die Frau oder das Mädchen einfach. Sie ist oder er macht sie sich „gefügig“, nachdem er sie mit seiner „Männlichkeit“ beeindruckt hat. Das eine „muß man zumindest annehmen“, und das andere „soll offenbar“ „[a]ngedeutet werden“; womit KMS nun also doch wieder, wie so oft und so gerne, auf die Absichten seines Autors rekurriert, über die er so erstaunlich gut Bescheid weiß — intentional fallacy hin oder her. Und dann hat „der Vorgang in der Kammer“ auch noch „den Charakter einer Trotzreaktion“ zu bekommen. Die Frau wechselt somit vom receiving end eines Sexualobjekts und -opfers auf die Position einer Agentin, und agiere sie auch nur aus Trotz. Doch damit leider längst nicht genug. Der Soldat soll sage und schreibe — seat belts! — „der Nutznießer“ eines sexuellen „Begehren[s]“ sein — sic! —, das Andri in Barblin „entfacht“ habe, „ohne es zu befriedigen“.
Aber dennoch will KMS nunmehr die Vergewaltigung „keineswegs“ geleugnet haben. Entweder, hoffentlich, ist das einfach nur eine fadenscheinige und scheinheilige Schutzbehauptung, die selbstverständlich um gar nichts glaubwürdiger wird dadurch, dass sie KMS immer wieder aufs Neue aufstellt. Oder aber, sehr viel schlimmer noch, der Tatbestand der Vergewaltigung schließt in KMSs Sprachgebrauch und Vorstellungswelt durchaus nicht aus — wenn er nicht nahelegt —, dass der Täter mit seiner Tat ein Begehren des Opfers bedient hat. Si tacuisses!

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 25.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Die Auslassung in eckigen Klammern ist wieder einmal bezeichnend: Da steht: "Andri ein langes Selbstgespräch führt, auch noch eine Auseinandersetzung mit seinem Vater hat". Ich leugne keineswegs die Vergewaltigung, frage mich nur, wie man das darauf Folgende verstehen soll.
Wenn ich recht sehe, lag für Frisch das Problem darin, dass Andri sich auch noch von Barblin verraten wähnen sollte, dass also für ihn die Möglichkeit bestehen sollte, Barblin habe freiwillig mit Peider geschlafen. Deshalb durfte für ihn der Tatbestand Vergewaltigung nicht eindeutig sein. Das führt zur Problematik von Bild 6. Für den Zuschauer klarer geworden wäre der Fall, wenn nach der Verriegelung der Kammertür die Szene abgebrochen und erst mit
dem Schluss wiederaufgenommen worden wäre. Da es ja Vorfassungen im Archiv gibt, müsste man einmal nachsehen, ob es da Alternativen gibt.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 14.11.2016
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

KMSs „Überlegungen zur Problematik der Barblin-Peider-Andri-Szene“ wurden zuletzt nicht mehr „zitiert“, sondern paraphrasiert. Eine Paraphrase kann selbstverständlich „wahrheitswidrig“ oder auch bloß bona fide falsch sein. Deshalb noch einmal KMS im Original:
„Wenn dann die Kammertür von innen verriegelt wird […] und es während der ganzen Zeit still bleibt in der Kammer, dann muß man zumindest annehmen, daß es Peider gelungen ist, sich das Mädchen gefügig zu machen.“ Oder: „Angedeutet werden soll offenbar, daß der protzig selbstbewußte Peider das Mädchen wider Willen beeindruckt mit seiner primitiven ‚Männlichkeit‘, die dem
selbstzweiflerischen Andri fehlt.“ Oder: „Von hierher bekommt der Vorgang in der Kammer den Charakter einer Trotzreaktion […].“ Ist es „wahrheitswidrig“, das alles so zu paraphrasieren: Barblin hat kein Vergewaltigungsopfer zu sein?
Im Übrigen haben wir KMS ausdrücklich attestiert, dass er sich mit alledem durchaus nicht einfach in „üble[r]“, sondern schlicht in männlicher Gesellschaft befindet. Derselben Vorstellung, dass das Opfer ‚es‘ eben wollte, sind keine Geringeren als Friedrich Torberg oder Carl Zuckmayer aufgesessen.

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Dr. Jörg Ewertowski schrieb uns am 13.11.2016
Thema: Gertrud Nunner-Winkler: Was genau ist Kindeswohl?
Ian McEwan porträtiert die Einsamkeit der Familienrichterin

Liebe Frau Nunner-Winkler,

danke für Ihre Rezension und den Hinweis auf den Vorschlag des Soziologen Bude! Ich würde das gerne im Kontext nachlesen. Können Sie mir die Quelle nennen?

Ich kann Ihren Vorbehalt am Ende nachvollziehen, frage mich aber, ob es noch um etwas anders als um Sprachgewalt geht. Die Erzählung kann Individuelles darstellen, ohne es am Fall von Gesetzmäßigkeiten zu machen - und dennoch enthält es eine Bedeutung, die über das Einzelne hinausgeht.

Mit freundlichem Gruß,

Jörg Ewertowski

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 11.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Da meine Überlegungen zur Problematik der Barblin-Peider-Andri-Szene weiterhin wahrheitswidrig 'zitiert' werden, verzichte ich auf weitere Bemerkungen. Was Frisch zeigen wollte, ist klar. Es fragt sich aber, ob ihm das auch überzeugend darzustellen gelungen ist. - Dass Herr Elsaghe versucht, mich in eine üble Gesellschaft einzureihen, richtet sich selbst.
Klaus Müller-Salget

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