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Volker Heigenmooser schrieb uns am 02.12.2016
Thema: Herbert Hoven: Zu Recht neidisch
Reden wir übers Geld: Ein Vortrag über den Beruf des freien Hörfunkautors

Lieber Kollege, Sie haben in allen Punkten den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber ich setze noch einen drauf als einer, der für Hörfunkt und Print arbeitet (gearbeitet hat): 1. Seit Jahren wird auch der Tarifvertrag im Hörfunk so differenziert, dass nicht einmal ein volles Honorar für eine Rezension sicher ist. Das führt zusätzlich zu Einkommensverlusten. 2. In den Zeitungen ist es noch schlimmer; selbst die sog. Qualitätszeitungen haben ihre Honorare z. T. drastisch reduziert, wogegen dann oft nur die Mehrfachverwertung hilft. Dann wundert man sich, dass der Zirkus der Literaturkritikerinnen und -kritiker immer und überall das Gleiche abliefert. ("Früher" hieß es einmal, wenn Du für mich schreibst, kannst Du nicht für die X-Zeitung auch noch schreiben... das ist lange vorbei, weil die Redakteure dann doch wissen, dass man sonst gar nicht mehr über die Runden kommt) Und dann gibt es die kleineren Zeitungen, die allerdings oft auch großen Konzernen gehören, einen ganz geräuschlos rauskegeln, wenn man die tariflich vereinbarten Honorare verlangt. Ich könnte ein garstig Lied davon singen.
Was ist die Konsequenz? Wer als Literatur-/Kunst-/Theaterkritikerin bzw. -kritiker leben will, begibt sich in denn doch müffelnde Beziehungen zu Verlagen, Literaturhäusern etc. als Moderatorin/Moderator, Jurymitglied, Laudatorin/Laudator etc. Doch das scheint mir eher auch keine Lösung zu sein, wenngleich subjektiv gut nachzuvollziehen.

Mit Verlaub meine Konsequenz: Das Geld wird mit PR/Marketing verdient, um dann gelegentlich z. B. bei literaturkritik.de eine vielleicht auch mal fundiertere unabhängige Rezension für Herzensangelegenheiten zu verfassen.

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Bernd Nitzschke schrieb uns am 02.12.2016
Thema: Dietmar Jacobsen: Der Wolf und die acht Jahrzehnte deutscher Geschichte
Wolf Biermann erzählt den Roman seines Lebens auf die Art, die man von ihm kennt – unterhaltsam, ironisch und nicht ganz ohne Eitelkeit

In der Rezension von Dietmar Jacobsen heißt es über den damals 16jährigen Biermann: „Als von Eleven der Gadebuscher Internatsschule, die er von 1953 an besucht, verlangt wird, der evangelischen Jungen Gemeinde, der sie als Christen angehören, den Rücken zu kehren, weigert sich ein einziges Mädchen und wird daraufhin vor der versammelten Schülerschaft bloßgestellt. Allein Biermann wagt den Widerspruch: „Ich bin Kommunist … Ich bin gegen die Kirche … Ich weiß, Religion ist Opium fürs Volk! … Aber das, was hier gemacht wird, das ist … kein Kommunismus… Dafür ist mein Vater nicht in Auschwitz gestorben“, begehrt der Sechzehnjährige auf. Es ist der erste Schritt auf einem Weg, der bis zu seiner Ausbürgerung …“
Hoppla, das ist ja wohl ein schlechter Witz? Biermann verklärt sich in seiner „Autobiographie“ als frühreifer Held – und der Rezensent glaubt ihm jedes Wort!

Auf seinem weiteren Lebensweg kam der tapfere Held dann allerdings noch einige Male ins Straucheln. Ich führe nur einige wenige Beispiele an:
1. Der 29jährige Biermann pries zwölf Jahre nach dem Tod des Massenmörders Stalin dessen „harten Besen“ (diese Metapher psychoanalytisch zu deuten, das wäre wohl zu platt). Und so sang Biermann 1965: „Die DDR, mein Vaterland / Ist sauber immerhin / Die Wiederkehr der Nazizeit / Ist absolut nicht drin / So gründlich haben wir geschrubbt / Mit Stalins hartem Besen.“ Das sang Biermann nicht, wie der Rezensent schreibt, „im Osten ... hinter verschlossenen Türen im kleinen Kreis“, nein, das posaunter er, so wie er das stets tat, in alle Welt hinaus. Biermann stand schließlich stets auf der „richtigen“ Seite. Jedenfalls war die Seite solange richtig, solange Biermann sie nicht wechselte.
2. 1972 spendete Biermann das Preisgeld, das er für den Fontane-Literatur-Preis erhalten hatte, Rechtsanwalt Horst Mahler. Als Biermann gefragt wurde, ob er es nicht bedauern würde, wenn dieses Geld in der RAF-Kasse landen würde, antwortete er auf hohem Ross sitzend „[…] aber Sie erwarten doch sicherlich nicht von mir, daß ich mich von der Roten Armee Fraktion distanziere? Ich will nicht in den Orden linker Hoher Priester aufgenommen werden, die der Baader-Meinhof-Gruppe ihren Segen vorenthalten. … Die Kommunisten in der Baader-Meinhof- Gruppe werfen ihr Leben in die Waagschale ...“
3. Auch dem heiligen „Comandante Che Guevara“. blieb es nicht erspart, vom „Schmieren- und Kitschaggressor“ Biermann (Wiglaf Droste in der Süddeutschen Zeitung vom 09.04.2005) besungen zu werden – und zwar gründlich auf diese Weise: „Und bist kein Bonze geworden / Kein hohes Tier, das nach Geld schielt / Und vom Schreibtisch aus den Held spielt. […] Jesus Christus mit der Knarre / – so führt Dein Bild uns zur Attacke.“ WOW!
4. Es dauerte einige Jahre – und Biermann blies wieder zur Attacke, diesmal für Bush & Blair – blieb selbst aber zuhause sitzen. Über die von ihm so genannten „Nationalpazifisten“ (dabei hat man den von Biermann beabsichtigten bösen Wortklang sofort im Ohr), die den Irakkrieg ablehnten, schrieb Biermann 2003 im SPIEGEL: „Die entpolitisierten Kids der Spaßgesellschaft finden Frieden irgendwie geiler als Krieg. Und obendrein bläst auch Gottes Bodenpersonal beider Konfessionen todesmutig in die Anti-Bush-Trompete.“

Jakob Moneta, zeitlebens ein Mann mit aufrechtem Gang, organisierte als IG-Metaller 1976 die Einladung zum Konzert in Köln, das zum Anlass der Ausbürgerung Biermanns aus der DDR wurde. Nach diesem Konzert nahm Moneta Biermann bei sich zuhause auf und lernte ihn so aus nächster Nähe kennen. Moneta „zerfreundete“ sich gründlich mit Biermann. Ein Jahr nachdem Biermann von Springer zum „Chef-Kulturkorrespondent“ erhoben ward, schrieb Moneta über diesen Dauer-Opportunisten in der Sozialistischen Zeitung, er wolle ihm „einen Spruch aus meiner jiddischen Muttersprache“ mitgeben: „Nicht gedacht soll seiner werden.“
Es hat nicht sollen sein. Oder hat die List der Vernunft am Ende doch noch gesiegt? Schließlich gedachte man Biermann, als er achtzig Jahre alt wurde, landauf, landab so, wie er es bezüglich seiner eigenen Person vorgemacht hat: mit Pauken & Trompeten. Dietmar Jacobsen hat das in seiner Besprechung der „Autobiographie“ Biermanns einfach nur nachgemacht.

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Klaus-Peter Möller schrieb uns am 29.11.2016
Thema: Klaus-Peter Möller: Zuchtmeister der Genauigkeit
Zur Briefausgabe von Adolph Menzel

Literaturhinweis:

Mit Zopf und Knebelbart. Adolph Menzels Albumblatt für Theodor Fontanes Tunnel-Album. In: Fontane-Blätter 102, 1996, S. 132-156

In diesem Aufsatz ist der Verfasser den offenen Fragen der hier einsehbaren Rezension weiter nachgegangen. Einige Details konnten dabei korrigiert oder präzisiert werden. An der grundsätzlichen Einschätzung der rezensierten Brief-Edition ändert sich aber nichts.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 27.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Wenn Herr Elsaghe in der Lage wäre, in Abläufen zu denken, wäre es sinnvoll, mit ihm zu diskutieren. So aber geb' ich's auf.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 27.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Es wäre wohl doch klüger gewesen, das einmal gegebene Versprechen zu halten und tatsächlich „auf weitere Bemerkungen“ zu verzichten. Denn inwiefern genau werden die zitierten „Überlegungen“ zu der „ganzen Zeit“ triftiger und schlauer, wenn man den „wieder einmal“ so überaus bezeichnender-, sprich natürlich: unredlicherweise ausgeklammerten Text mitliest?
Vor allem aber: Es kann hier nicht darum gehen, was Frisch wollte und wie er es in dieser oder jener Bühnenfassung umsetzte — denn er hat es in der Tagespresse und anderwärts ja eigens zu Protokoll gegeben —; sondern es ging um die Ängste und Phantasien, die das sechste Bild trotz dieses Protokolls freizusetzen
vermag, und sei es auch unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Nur so lässt sich die Regelmäßigkeit erklären, mit der die Rezipienten der Vorstellung erlagen, dass „die Barblin sich diesem widerlichen Stinker von Soldaten hingibt“ (Zuckmayer). In die stattliche Reihe solcher Fehllesungen gehören nun salva venia auch KMSs „Überlegungen“; mögen sie ihrem Urheber jetzt begreiflicherweise noch so peinlich geworden sein und mag er deshalb noch so verzweifelt versuchen, sie zu verharmlosen und ihre Wiedergabe als „unseriös“ oder „wahrheitswidrig“ zu diffamieren. Deshalb also noch einmal mit etwas erhöhter Belegdichte:
Frischs Versuch, „den Soldaten […] als Vergewaltiger zu kennzeichnen“, konnte KMS „nicht recht überzeugen“. („Die Auslassung in eckigen Klammern ist“ vermutlich „wieder einmal bezeichnend.“) In KMSs Worten „nimmt“ der Soldat die Frau oder das Mädchen einfach. Sie ist oder er macht sie sich „gefügig“, nachdem er sie mit seiner „Männlichkeit“ beeindruckt hat. Das eine „muß man zumindest annehmen“, und das andere „soll offenbar“ „[a]ngedeutet werden“; womit KMS nun also doch wieder, wie so oft und so gerne, auf die Absichten seines Autors rekurriert, über die er so erstaunlich gut Bescheid weiß — intentional fallacy hin oder her. Und dann hat „der Vorgang in der Kammer“ auch noch „den Charakter einer Trotzreaktion“ zu bekommen. Die Frau wechselt somit vom receiving end eines Sexualobjekts und -opfers auf die Position einer Agentin, und agiere sie auch nur aus Trotz. Doch damit leider längst nicht genug. Der Soldat soll sage und schreibe — seat belts! — „der Nutznießer“ eines sexuellen „Begehren[s]“ sein — sic! —, das Andri in Barblin „entfacht“ habe, „ohne es zu befriedigen“.
Aber dennoch will KMS nunmehr die Vergewaltigung „keineswegs“ geleugnet haben. Entweder, hoffentlich, ist das einfach nur eine fadenscheinige und scheinheilige Schutzbehauptung, die selbstverständlich um gar nichts glaubwürdiger wird dadurch, dass sie KMS immer wieder aufs Neue aufstellt. Oder aber, sehr viel schlimmer noch, der Tatbestand der Vergewaltigung schließt in KMSs Sprachgebrauch und Vorstellungswelt durchaus nicht aus — wenn er nicht nahelegt —, dass der Täter mit seiner Tat ein Begehren des Opfers bedient hat. Si tacuisses!

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 25.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Die Auslassung in eckigen Klammern ist wieder einmal bezeichnend: Da steht: "Andri ein langes Selbstgespräch führt, auch noch eine Auseinandersetzung mit seinem Vater hat". Ich leugne keineswegs die Vergewaltigung, frage mich nur, wie man das darauf Folgende verstehen soll.
Wenn ich recht sehe, lag für Frisch das Problem darin, dass Andri sich auch noch von Barblin verraten wähnen sollte, dass also für ihn die Möglichkeit bestehen sollte, Barblin habe freiwillig mit Peider geschlafen. Deshalb durfte für ihn der Tatbestand Vergewaltigung nicht eindeutig sein. Das führt zur Problematik von Bild 6. Für den Zuschauer klarer geworden wäre der Fall, wenn nach der Verriegelung der Kammertür die Szene abgebrochen und erst mit
dem Schluss wiederaufgenommen worden wäre. Da es ja Vorfassungen im Archiv gibt, müsste man einmal nachsehen, ob es da Alternativen gibt.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 14.11.2016
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

KMSs „Überlegungen zur Problematik der Barblin-Peider-Andri-Szene“ wurden zuletzt nicht mehr „zitiert“, sondern paraphrasiert. Eine Paraphrase kann selbstverständlich „wahrheitswidrig“ oder auch bloß bona fide falsch sein. Deshalb noch einmal KMS im Original:
„Wenn dann die Kammertür von innen verriegelt wird […] und es während der ganzen Zeit still bleibt in der Kammer, dann muß man zumindest annehmen, daß es Peider gelungen ist, sich das Mädchen gefügig zu machen.“ Oder: „Angedeutet werden soll offenbar, daß der protzig selbstbewußte Peider das Mädchen wider Willen beeindruckt mit seiner primitiven ‚Männlichkeit‘, die dem
selbstzweiflerischen Andri fehlt.“ Oder: „Von hierher bekommt der Vorgang in der Kammer den Charakter einer Trotzreaktion […].“ Ist es „wahrheitswidrig“, das alles so zu paraphrasieren: Barblin hat kein Vergewaltigungsopfer zu sein?
Im Übrigen haben wir KMS ausdrücklich attestiert, dass er sich mit alledem durchaus nicht einfach in „üble[r]“, sondern schlicht in männlicher Gesellschaft befindet. Derselben Vorstellung, dass das Opfer ‚es‘ eben wollte, sind keine Geringeren als Friedrich Torberg oder Carl Zuckmayer aufgesessen.

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Dr. Jörg Ewertowski schrieb uns am 13.11.2016
Thema: Gertrud Nunner-Winkler: Was genau ist Kindeswohl?
Ian McEwan porträtiert die Einsamkeit der Familienrichterin

Liebe Frau Nunner-Winkler,

danke für Ihre Rezension und den Hinweis auf den Vorschlag des Soziologen Bude! Ich würde das gerne im Kontext nachlesen. Können Sie mir die Quelle nennen?

Ich kann Ihren Vorbehalt am Ende nachvollziehen, frage mich aber, ob es noch um etwas anders als um Sprachgewalt geht. Die Erzählung kann Individuelles darstellen, ohne es am Fall von Gesetzmäßigkeiten zu machen - und dennoch enthält es eine Bedeutung, die über das Einzelne hinausgeht.

Mit freundlichem Gruß,

Jörg Ewertowski

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 11.11.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Da meine Überlegungen zur Problematik der Barblin-Peider-Andri-Szene weiterhin wahrheitswidrig 'zitiert' werden, verzichte ich auf weitere Bemerkungen. Was Frisch zeigen wollte, ist klar. Es fragt sich aber, ob ihm das auch überzeugend darzustellen gelungen ist. - Dass Herr Elsaghe versucht, mich in eine üble Gesellschaft einzureihen, richtet sich selbst.
Klaus Müller-Salget

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Peter Schmidt schrieb uns am 31.10.2016
Thema: Björn Bertrams: Ein Buch zu viel
David Foenkinos liefert einen rundum misslungenen Roman über Charlotte Salomon und heimst damit Preise in Frankreich ein

Eine Kritik zu viel

Björn Bertrams liefert eine ziemlich misslungene Literaturkritik über den Roman von David Foenkinos
und heimst damit hoffentlich nicht irgendwelche Kritikerpreise ein


Von Peter Schmidt

1

Ich kannte Charlotte Salomon nicht.
Von David Foenkinos hatte ich schon gehört, aber noch nichts gelesen.
Der Name Björn Bertrams sagte mir dagegen überhaupt nichts.

Foenkinos hat mir Charlotte – ihre Lebensgeschichte, ihr Werk – näher gebracht.
Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Selten hat mich ein Buch so berührt und nachhaltig beschäftigt.

2

Auf die Kritik von Bertrams bin ich
zufällig gestoßen. Unglücklicherweise.
Diese stellt nämlich einen völlig unangebrachten Versuch dar, Foenkinos zu diskreditieren.
Und meine Dankbarkeit in ein Licht zu rücken, in das sie nicht gehört.

Für viele seiner Aussagen habe ich keinerlei Verständnis.
Dafür, dass Foenkinos sich am Werk Charlottes vergreife, sehe ich nicht den geringsten Anhaltspunkt.
Es scheint eher, dass der Kritiker ganz andersliegende Probleme mit dem Autor hat.
Mit dem umsatzstarken Autor seichter Liebesromane. Mit der besonderen Erzählweise.

Auch ich hatte anfangs Schwierigkeiten mit dieser Erzählform.
Besonders mit dem recht einfachen Vokabular.
Aber je weiter ich las, desto mehr verstand ich.
Dass diese Art zu schreiben sehr wohl zum inhaltlichen Gegenstand passt.
Und viel Zeit zum Nachdenken und für eigene Reflexionen bietet.
Dass der Zeilenstil eine dem Sujet angemessene Eindringlichkeit von hoher Intensität erzeugt.
Und das Stilmittel „Typografische Leere“ sich im vorliegenden Fall als hervorragend geeignet erweist.

Keine Tiefendimension? Einfallsarmut? Schlichtheit a la Comic? Reduktion der Vermittlungskanäle?
Die Beziehung zu Alfred Wolfsohn eine seichte, belächelbare Jugendliebe? Harmlose Poesiealbumsprüche?
Hallo???
Bertrams’ Auslassungen sind die unwillkürliche Dokumentation eines Kritikerscheiterns auf ganzer Linie.

Ich könnte (und würde) andere Punkte nennen, allerdings nur im Sinne konstruktiver Kritik.
Ich hätte zum Beispiel gern ein Personenverzeichnis. Mit Kurzbiografien.
Oder einen grafischen Stammbaum von Charlottes Familie, vielleicht auch eine Zeittafel.
Auf jeden Fall aber einen Quellennachweis.
Hinweise darauf, was belegbar, was Fiktion ist.
Gab es jenen Polizisten in Nizza, der Charlotte laufen ließ?
Wie ist der aktuelle Stand der Brunner-Forschung?
Aber schließlich hindert mich ja niemand daran, selber diesen Fragen nachzugehen.

3

Bertrams hatte sich bereits intensiv mit Charlotte auseinandergesetzt und war deshalb im Vorteil.
Ich hingegen kannte Charlotte noch gar nicht und war deswegen im Vorteil.
Wie das heutige Literaturgeschäft funktioniert, interessiert mich bestenfalls am Rande.
Wer wem welchen Preis zuteilwerden lässt.
Welche möglicherweise sachfremden Motive dabei eine Rolle spielen.

Am Ende entscheidet immer der Leser. Glücklicherweise.
Übrigens hat die Lektüre meine Aufmerksamkeit zwar auch auf Foenkinos gelenkt, aber viel mehr auf

Charlotte Salomon

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Paul M. Backert schrieb uns am 27.10.2016
Thema: Dieter Lamping: Verdient unverdient
Der Literaturnobelpreis für Bob Dylan

Kurz zur Schlussbemerkung von Dieter Lampings Artikel Verdient Unverdient, die literarische Periferie Stockholms betreffend. Allem Anschein nach wäre Mainz diesbezüglich eher der Nabel der literarischen Welt. Ich mache den Vorschlag, einen alternativen Preis zum Nobelpreis ins Leben zu rufen unter dem Namen Literarischer Nabel (der Welt) Preis, unter der Leitung von Herrn Dieter Lamping. Was gegen Stockholm als literarischer Periferie spräche, ist die Tatsache, dass Schweden (oder Island) pro Capita regelmässig wesentlich mehr bedeutende Literaten hervorbringt als der deutsche Sprachraum.
Paul M. Backert. Norwegen

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Christian Milz schrieb uns am 26.10.2016
Thema: Dieter Lamping: „Distant Reading“, aus der Nähe betrachtet
Zu Franco Morettis überschätzter Aufsatzsammlung

Was ist das für eine "Wissenschaft", die solche Böcke schießt? Bei Büchner geht man noch einen Schritt weiter und stellt sekundäre Texte (zeitgenössische Gutachten usw.) geradezu axiomatisch vor den primären Text. Weder Philologie noch Distant Reading, geschweige denn Dekonstruktion (Müller-Sievers) schützen hier vor kapitalem Unsinn (vgl. "Schluss mit dem Mordkomplex", Andreas Beck in ZfdPh 4/2012). Die Literaturwissenschaft (die bewusste Literaturrezeption übrigens desgleichen) ist offenkundig extrem ideologieanfällig, die Scheu vor den kollektiven Leichen im Keller inbegriffen. Das Seelische lässt sich aber weder rein theoretisch-akademisch noch mit der konventionellen Wissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts bewältigen. Zweifellos ist das ein gravierendes Problem. Interessant aber, wie leicht sich intellektuelle Schaumschlägerei stattdessen breitmachen kann und wie schwer es hierzulande etwas fundiertere Ansätze haben, die indes mit Materialismus und Intellektualismus inkompatibel sind. Die Literaturproduktion, insbesondere im Bereich des (außerdeutschen) Drehbuchschreibens, schert sich freilich keinen Deut um "Literaturwissenschaft", funktioniert aber. Was da funktioniert und warum, sollte man mal untersuchen.

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michael roloff schrieb uns am 17.10.2016
Thema: Dieter Lamping: Verdient unverdient
Der Literaturnobelpreis für Bob Dylan

It would be interesting to hear what peter handke’s take is on dylan winning a prize he himself used to prize, a dylan whom he heard so beautifully faintly in the san francisco chapter of LANGSAME HEIMKEHR. For myself, especially the Dylan of the sixties , signifies a truly magical and  surprising reconfiguration of a variety of American, welsh, and troubadour traditions, indeed modern and ancient, and thus quite rare. I know a little bit about making a slimmed down selection of song lyrics into a book from doing so with the talented song lyricists jerry leiber, who happened to die of envy when the name dylnds came up in conversation, and the fact that the special lens of lyric on page without music i imagine also limits the inclusion e.g of a lot of lyrics that only come alive when sung or accompanied by music

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Franz Sz. Horváth schrieb uns am 17.10.2016
Thema: Dieter Lamping: Verdient unverdient
Der Literaturnobelpreis für Bob Dylan

Hallo Herr Lamping,

darf man erfahren, warum Ihrer Meinung nach der Nobelpreis an Herta Müller kritikwürdig ist?

MfG

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Lothar Struck schrieb uns am 16.10.2016
Thema: Dieter Lamping: Verdient unverdient
Der Literaturnobelpreis für Bob Dylan

Kurz nach der Bekanntgabe des Nobelpreises gab es auf der nobelprize.org-Webseite noch ein Interview in englisch mit Sara Danius. Auf vorsichtig kritische Fragen verglich sie Dylan mit Homer und Sappho und nahm tatsächlich Bezug auf "Blonde on Blonde" von 1966. Das ist also jetzt 50 Jahre her. Wobei: Von einer Honorierung für ein unmittelbares Werk ist der Literaturnobelpreis längst abgekommen. Er hat sich zur Lebenswerkauszeichnung gewandelt.

Vielleicht darf man den Preis nicht mehr so ernst nehmen. Der Autor nennt einige Beispiele für scheinbare oder tatsächliche Fehlentscheidungen. Dabei fallen mir noch andere Namen ein, die aus fast rein politischen Motiven ausgezeichnet wurden (Solschenyzin und Böll zum Beispiel). Und wenn man
sich über Wikipedia die Riege der Preisträger der letzten 50 Jahre anschaut, ist man erstaunt, wieviele Preisträger längst vergessen sind. Der literarische Kanon geht andere Wege; der Nobelpreis ist nur ein Steinchen im Mosaik. Aber vielleicht gibt es diesen Preis gerade wegen dieser Vergessenen und Fo und Dylan wurden nur zur Auflockerung gewählt.

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Irene Weber schrieb uns am 15.09.2016
Thema: Björn Bertrams: Ein Buch zu viel
David Foenkinos liefert einen rundum misslungenen Roman über Charlotte Salomon und heimst damit Preise in Frankreich ein

Björn Bertrams ist uneingeschränkt zuzustimmen. Dieses Buch ist langweilig und strotzt vor aufgeblasenen Banalitäten. Nur weil es von einem erschütternden Schicksal handelt, muss ein Buch noch lange nicht gut sein. Dieses ist überflüssig!

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Clemens Meyer schrieb uns am 09.09.2016
Thema: Jörg Auberg: New Yorker Jeremiaden
John Dos Passos’ Roman „Manhattan Transfer“ liegt in einer Neuübersetzung vor

Lieber Jörg Auberg,

in der Unverschämtheit meines narzisstischen Exhibitionismus' habe ich nicht nur sieben Mal (!) das Wort Ich auf einer (!) Seite meiner persönlichen (!), in der Ich-Perspektive geschriebenen Dos Passos Betrachtung benutzt, sondern auch folgende Namen genannt in meinem ... wie nannten Sie es?... narzisstischen Exhibitionismus: Hemingway, Fitzgerald, Thomas Wolfe, E.E.Cummings, Getrude Stein, Joyce, Faulkner, Uwe Johnson. Und, inklusive der Überschrift, vier Mal den Namen Dos Passos plus einer Variation, nämlich: der große DOS.
Und das war er. Groß. Zumindest in Manhattan Transfer und der Trilogie U.S.A
Da kommen Sie leider mehr als 80 Jahre zu spät. Auch wenn Sie am Ende beleidigend werden.
Intellektuelle Dürftigkeit erkennen ich hingegen in Ihrem Artikel. Aber das stört mich nicht. Denn es geht hier nur um Dos Passos, wie in meinem Nachwort. Und der kann und muss sich auch nicht mehr wehren gegen einen Herrn Auberg auf Literaturkritik.de
Mit besten Grüßen, Ihr narzisstischer Exhibitionist,  Clemens Meyer

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Erasmus Schöfer schrieb uns am 05.09.2016
Thema: Klaus Hammer: Eine wirklich bemerkenswerte Frau
„Notre Dame de Dada“ – Eva Weissweiler hat die Lebensgeschichte von Luise Straus-Ernst, der ersten Frau von Max Ernst, verfasst

Eine ungewöhnlich eingehende und aufschlussreiche Rezension des Buches von Eva Weisweiler! Die Anteilnahme der Autorin am Schicksal ihrer ermordeten Kollegin ist spürbar, aber auch die gut recherchierte Genauigkeit ihrer Untersuchung zeigt der Rezensent und weckt so die Neugier auf die ungewöhnliche Lebensgeschichte der Luise Ernst, bei sicher nicht nur weiblichen Leserinnen.
Erasmus Schöfer

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Thomas Weiler schrieb uns am 05.09.2016
Thema: Bozena Anna Badura: Rafałs Flucht von irgendwann durch damals bis jetzt und zurück
Marcin Szczygielski erinnert in seinem Jugendbuch „Flügel aus Papier“ an das Getto von Warschau

Sehr geehrte Frau Badura,
herzlichen Dank für Ihre Rezension der deutschen Übersetzung von Marcin Szczygielskis Roman "Arka czasu" (dt.: Flügel aus Papier) und für die Nennung des Übersetzers. Erlauben Sie mir folgende Anmerkungen:
- "Działka" wurde mit "Bezirk" übersetzt, um den Sprachgebrauch vom "Jüdischen Wohnbezirk" aufzugreifen, wie das Ghetto in der Naziterminologie hieß.
- Zum Cover: Das polnische Original erschien bereits 2013 im Verlag Stentor, illustriert von Daniel de Latour und mit einem gänzlich anderen Cover. Da der Sauerländer-Verlag diese Illustrationen nicht übernehmen wollte, hat er Marcin Szczygielski, der ja von Haus aus Grafiker ist, um einen eigenen
Cover-Vorschlag gebeten. Das Cover geht also auf eine Illustration des polnischen Autors zurück und sagt nichts über deutsche VerlegerInnen oder deutschen LeserInnen aus. 2015 erschien "Arka czasu" dann mit einer abgewandelten Version des "deutschen" Covers im Verlag Latarnik. Rafałs Freunde sind zu sehen, und er hält die polnische Ausgabe von Wells' "Zeitmaschine" im Arm. Auf dem Sauerländer-Cover liest Rafał merkwürdigerweise Wells auf Deutsch.

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Niko Potnik schrieb uns am 01.09.2016
Thema: Sandra Friehlinghaus: Der unsichtbare Sinn des Romans
Robert Gwisdeks erster Roman „Der unsichtbare Apfel“ verwirrt seine Leser mit Kreisen und Dreiecken

Es fällt mir schwer eine so undurchdachte Ansicht dieses wunderbaren Buches wahrnehmen zu müssen. Ihnen fehlt es meiner Ansicht nach an gewissem Weitblick den dieses Buch auszustrahlen vermag. Es enthält grundphilosofische Aspekte, in denen man versinkt um zu lernen, was das Leben einen zu lehren aufgibt. Ich hoffe inständig, das sie diese Buch sich ein weiteres mal zu dem ihren machen und versuchen zu verstehen was es ihnen sagen möchte. Kurz und knapp. Es tut mir leid mit so kleingestrickten Dreiecken eines Kreises verstrickt zu sein.
Dies soll kein Vorwurf an ihrer Kritik sein.
Eher ein Gefühl das mir beim Lesen ihrer Kritik durch mein Mark fuhr.

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Sabine Lukeit schrieb uns am 31.08.2016
Thema: Franz Siepe: Katholische Kassandra
Gabriele Kuby rebelliert gegen „Die globale sexuelle Revolution“

Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre ausführliche und gute Kritik.
Ich denke, dass ich das Buch "Die globale sexuelle Revolution" von Gabriele Kuby nicht lesen.
Ich habe vor kurzem eine kleine Broschüre von Gabriele Kuby "Gender" (eine neue Ideologie zerstört die Familie) in die Hand gedrückt bekommen, mit dem Hinweis es doch bitte zu lesen. Da ich weiß, was "Gender" bedeutet. Ich bin eine kritische Leserin und finde mich auch für diese zeit aufgeklärt, zumal ich in einem Elternhaus groß wurde, das recht tolerant gegenüber anderen Menschen ist.
Nun zu diesem kleinen Büchlein, das bei mir eine sehr schockierende Wirkung hatte. Ich war zu tiefst erschrocken, finde dieses Werk
erschreckend. Es ist kurzsichtig, stigmatisierend, diffamierend gegenüber anderen Menschengruppen.
Denn, niemand kann etwas dafür, so auf die Welt gekommen zu sein.
Eigentlich sollten wir aufgeklärter sein, in einer säkularen Welt leben. Es zeigt sich aber immer wieder, das dies nicht so ist.
Ja und diese Schrift hat mir gereicht, das ich nicht weiteres von Frau Gabriele Kuby lesen werde und kann.
Ich kann noch selbst denken, muss mich nicht lenken lassen. Zum Glück kann ich lesen und denken, dass ich mir so etwas nicht mehr einnehmen muss.

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Michael Aspöck schrieb uns am 30.08.2016
Thema: Walter Delabar: Reisen nach Absurdistan
Linus Reichlin zeigt in „Der Assistent der Sterne“, wie man keinen Plot konstruiert

Trotz des zeitablaufes sehe ich mich gehalten die kritik von herrn delabar als ärgerlich zurückzuweisen, da hier wohl aufgrund unzureichender beschäftigung zu philosophischen fragen in bezug zu erkenntnissen aus der teilchenphysik dieser aspekt als albernheit zu unrecht herabgewürdigt und verkannt wird, damit auch der bezug der romanprotagonisten hierzu, denn ich lese die romane insoweit durchaus nicht quasi als art haltloser aussernatürlicher science fiktion und dies zeigt sich gerade bei der hauptfigur jensen.

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W. Strowik schrieb uns am 21.08.2016
Thema: Ludger Lütkehaus: Und Schopenhauer weinte
Zu Irvon D. Yaloms Roman "Die Schopenhauer-Kur"

Ich habe "Die Schopenhauer-Kur" vor Jahren gelesen, und diese Kur hat mir sehr gefallen. Und doch muss ich den Kritikpunkten des Autors teils recht geben.

Das Buch liest sich (für mich) wunderbar, es geht viel therapeutische Weisheit des Psychoanalytikers Yalom mit ein. Da klingt der Verriss von Herrn Lütkehaus zunächst ziemlich her(t)zlos.

Doch auch wenn ich das Buch öfters verschenke und weiterempfehle: Dass vieles in dem Roman etwas konstruiert wirkt, kann ich nicht bestreiten.

Es ist doch etwas viel Harmonie in der Geschichte. Die therapeutische Botschaft von Irvin D. Yalom ist sehr dominant und lässt das Werk stellenweise etwas märchenhaft erscheinen.

Aber muss denn ein Märchen
wirklich durch und durch literarisch überzeugen? Oder lebt es nicht auch etwas von den Klischees? Von der Kraft der Bilder?

Vielleicht muss man Yalom zugestehen, dass er in erster Linie Therapeut ist. Man kann spüren, wie begeistert er von seinem Beruf ist, wie er dem Leser an Herz legt, sich emotional zu öffnen. Diese Botschaft ist (vom literarischen Standpunkt) doch etwas zu offensichtlich.

Wer sich aber für therapeutische Fragen interessiert und über die erwähnten Schwächen hinwegsehen kann, wird hier wie von einem Märchen verzaubert. So war es jedenfalls bei mir.

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Kerstin Lück schrieb uns am 18.08.2016
Thema: Dietmar Jacobsen: Die Idylle trügt
Mit „Unterleuten“ gelingt Juli Zeh ein großer Gesellschaftsroman, der als Schauplatz nicht mehr benötigt als ein winziges Dörfchen im Brandenburgischen

Im Roman muss es so blutig enden, weil ich als Leserin ja begreifen soll, dass die meisten vorgestellten Strategien nicht hilfreich sind. Schon gar nicht, wenn sie als Erfolgsrezept in Ratgeberformat daherkommen und erfolgheischen wirken, wie der erdachte Manfred Storz. Eine Alternative quasi als bonustrack habe ich in meinem Blog http://literarische-mediation.de/mediation-roman-unterleuten-juli-zeh-2015/ gestaltet. Es könnte zukünftig auch anders gehen. Wie sagt Kron: Wenn neue Leute nach Unterleuten kommen, die "klüger waren als der Vogeschützer, der versucht hatte, das alte Spiel mitzuspielen, statt ein neues zu erfinden. Leute wie Juli Zeh, die auf dem Land lebt und dort mit den Dörflern auskommt.

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Marta schrieb uns am 17.08.2016
Thema: Ute Eisinger: Deutscher Fleiß am Waterberg
Kolonialisten und Hereros in "Deutsch-Südwest" aus der Perspektive Else Sonnenbergs

Ich muss mich schon fragen, ob Frau Eisinger das Buch überhaupt gelesen hat. Es gibt weder ein deutsches Altenheim in Windhoek, noch gab es einen General Lüderitz, der irgendeine Bucht erobert haben soll. Auch ein Satz wie "Else Sonnenberg, die 1905, während die Hereros von General Trotha auf den Todesmarsch in die Omaheke-Wüste getrieben wurden, schon wieder daheim in ihrem Dorf bei Braunschweig saß, wo sie ihr Jahr in Afrika niederschrieb" ist mehr als unangemessen. Bekanntlich hat Frau Sonnenberg, deren Mann auch keine Farm besaß, sondern einen Kaufladen am Waterberg, am 14. Januar 1904 als Augenzeugin beobachten müssen, wie ihr frisch angetrauter Ehemann von einem ihrer Angestellten mit einem schweren Hammer im Bett schlafend brutal erschlagen wurde. Nur die Flucht ins Missionshaus hat ihrem Säugling Werner und ihr selbst das Leben gerettet. Anschließend wurde sie unter Erduldung von Misshandlungen wochenlang in Gefangenschaft der Herero deren Kriegszüge mitverfolgen. Es ist daher nur verständlich, dass Frau Sonnenberg traumatisiert war. Auch die Aussage, die Sonnenbergs als Händler "nutzten die Unbekümmertheit aus, mit der die Eingeborenen, deren Kultur Vertragsabschlüsse, preußischen Pflichtgehorsam und Schuldscheine nicht beinhaltete" ihre Geschäfte tätigen, ist absurd und stellt die Herero in übler Weise als Dummchen hin, die nicht wüßten, mit Geld umzugehen. Tatsächlich war den Herero das Prinzip von Kauf und Bezahlen sehr wohl bekannt. Auch die Aussage, General Trotha hätte den Genozid an den Herero befohlen, ist historisch grob falsch, völlig egal ob es nun ein Genozid war oder nicht. Ebenso falsch ist die Behauptung, "auf Grund anderer nachweislicher Fälle von Sadismus gegen Gefangene wurde Trotha später aus dem Dienst gezogen" - davon ist nichts bekannt. Es ist unklar, von welchen Fällen von Sadismus die Autorin hier spricht. Trotha wurde mit dem Orden Pour-le-Merite ausgezeichnet und ist in allen Ehren aus Altersgründen in den Ruhestand verabschiedet und nicht "aus dem Dienst gezogen" worden. Auch wenn es einem nicht gefällt, sollte man doch irgendwie noch an den Fakten bleiben. Der Irrwitz gipfelt dann noch in dem Satz "1915 musste Deutsch-Südwestafrika offiziell zurückgegeben werden". An wen wurde Südwestafrika angeblich "zurückgegeben"? Fakt ist, dass Südwestafrika 1915 von Unionstruppen aus Südafrika besetzt und später quasi annektiert wurde, was zur Einführung der Apartheid dortselbst geführt hat. Rezensionen lese ich gerne, aber irgendetwas muss daran wenigstens stimmen. Hier ist dies nicht der Fall.

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Joseph McIntyre schrieb uns am 09.08.2016
Thema: Alina Timofte: Mehr Text als Kritik
Die Anglistin Rita Wöbcke legt die erste deutschsprachige Monographie über Chinua Achebe vor

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich habe gerade die Kritik (Alina Timofte: Mehr Text als Kritik) an Rita Wöbcke's "Chinua Achebe" gelesen. Ich kenne Frau Wöbcke als Kollegin und habe das Buch gelesen.
Ich finde das Buch inhaltlich gut; sie bietet dem Leser eine gute Einleitung zu den frühen Romanen Achebes. Das Buch könnte viel ausführlicher werden, aber das Ziel ist der normale Mensch, der sich für afrikanische Literatur bzw. Achebe interessiert.
Stilistisch könnte "Chinua Achebe" schon besser sein, dafür gibt es aber Lektoren, auch bei dem von Frau Timofte so gelobten Verlag "text+kritik". Die Rezension zielt auf Literaturkritiker; das ist das gute Recht der Rezensentin, aber dabei übersieht
sie das Ziel von Frau Wöbcke: den normalen Leser. Den ersten Satz des Buches als "einfallslos" zu beschreiben macht diese Spannung zwischen Literaturkritiker und dem 'normalen Leser' deutlich. Der erste Satz des Buches sagt uns wer Achebe ist und wie gut er ist; es ist eine einfache Tatsache!
Frau Timofte nimmt gerne die Verallgemeinerungen der Frau Wöbcke unter die Lupe, kritisiert Frau Wöbcke aber in sehr allgemeinen Tönen. Die Rezension bleibt dei dem Kapitel, das sich auf Achebes ersten Roman (Things fall apart) bezieht; andere Kapitel werden nicht erwähnt. Man darf sich fragen, ob Frau Timofte das ganze Buch gelesen hat.
Ein Detail noch: bei einer so negativen Rezension dürfte man erwarten, dass Frau Timofte weiss, dass Achebe's "There Was a Country: A Personal History of Biafra" kein Roman ist, sondern ein autobiographisches 'memoir'!
Mit freundlichen Grüßen
Joseph McIntyre

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Reiner Wadel schrieb uns am 09.08.2016
Thema: Jochen Vogt: (Fast) Alles über Krimis …
… in 10 einfachen Sätzen

"Wenn die Leiche erst mal tot ist, kann nicht mehr viel passieren", heißt es.
Und wenn die Leiche noch lebt?

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Leo Vogt schrieb uns am 26.07.2016
Thema: Jörn Münkner: Luther und Melanchthon in den Kochtopf geschaut
Leo Vogt schreibt eine kleine Geschichte des Essens zu Zeiten der Reformation

Zuerst mal vielen Dank für die tolle Kritik und ihre Mühe bei der Spurensuche. Hier noch 2 Anmerkungen:

Das "Ragout von 1000 Nachtigallen Zungen" ist auf einer Speisefolge zum Besuch des Deutschen Kaisers auf Schloss Neuenstein im 12. Jahrhundert aufgeführt. Das Original liegt dort im Archiv.

Die erste umfangreiche Beschreibung der Nahrungsmittel stammt vom arabischen Arzt Ibn Butlan und fügt die Kompelxion der Nahrungsmittel mit der Welt der Heilkunde im Tacuinum Sanitatis zusammen. Laut dem Vorwort meines Facsimiles wurde es bereit 1100 auf der Mainau ins Lateinische übersetzt. Die Werke von Hildegard von Bingen haben in der deutschen Übersetzung nahezu den gleichen Wortlaut. Aus meiner Sicht hat Hildegard dort
abgeschrieben und um die Grünkraft und den Anbau der Heilkräuter im Klostergarten ergänzt. Damit hat sie die Heilkunden in die Klöster geholt und damit das Wissen der Kräuterfrauen für uns bewahrt. Über viele Jahrhunderte waren diese Werke Grundlage der klösterlichen Ernährungs- und der Heilkunde.

Eine Erweiterung des Nahrungsangebotes gab es erst nach der Rückkehr von Christoph Kolumbus von der Entdeckung Amerikas. Die Verbreitung dieser Nahrungsmittel ist aber eine andre Geschichte.

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Yahya Elsaghe schrieb uns am 19.07.2016
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Ein Blick in die Tages- und Boulevardpresse des 4. April 2016 hätte KMS davon überzeugen können, wie überholt und haltlos seine unbeirrt repepetierte Behauptung von der Verfemung, nein, pardon, von den erheblichen Ressentiments ist, die nach wie vor in der Schweiz gegen Max Frisch bestehen sollen; mögen hierzulande mittlerweile auch Salatbars und Imbissbuden nach diesem benannt sein. KMS konnte seine Behauptung mit keinem Zeugnis belegen, sondern nur mit einem irreführenden Verweis auf die Neue Zürcher Zeitung, der sich ganz mühelos entkräften ließ. Einmal überführt, blieb ihm nur die nun nochmals vorgeschobene Berufung auf irgendwelche „Fachleute“. Die frage man. Wer auch immer dazu zählen soll — außer KMS selber, versteht sich —: Solche Experten, literatursoziologisch spezialisiert auf das öffentliche Standing von Schweizer Autoren und auf deren Ranking im kollektiven Bewusstsein, müssten ja doch, um die Behauptung zu stützen, dafür ihrerseits Belege beibringen können, wie KMS selbst halt keinen einzigen anzuführen weiß.
Dagegen hat Frischs 25. Todestag wieder hübsches Belegmaterial für das Gegenteil geliefert. In der auflagenstärksten Schweizer Tageszeitung stand zu lesen, Frisch sei „unser aller Nationaldichter“, und anderswo, er sei „das Gewissen in unserem Land“, „der große Frisch“, „ein Klassiker“, „Aushängeschild“ der Schweiz. Gerade deswegen, weil man Frisch inzwischen ganz selbstverständlich als moralische Instanz herumreichen darf, können die fragwürdigen Seiten seiner Texte so leicht übersehen bleiben. Deshalb auch, fanden wir, war es einmal an der Zeit, die darin mitlaufenden Sexismen, Rassismen, Chauvinismen herauszustellen. Dass diese gewissermaßen zwangsläufig und notgedrungen in Frischs Romane und Dramen verschleppt wurden, braucht man dem Autor persönlich nicht anzulasten. Die besprochenen Texte sind eben Erzeugnisse ihrer Epoche, von der uns, KMS offenbar ausgenommen, mehr als ein halbes Jahrhundert feministische und postkoloniale Theoriebildung trennt.
KMSs Verfahren ist hier indessen sehr aufschlussreich, ein Paradebeispiel für die Machinationen der Diskurse, ihrer Meinungsführer oder derer, die es gerne wären. Zuerst der Schuss in den Ofen, ein an den Haaren herbeigezogener und gründlich danebengegangener Versuch, eine kreuzfalsche Behauptung zu retten; dann, weil keiner Argumente mehr habhaft, die Selbstverschanzung des Ofenschützen hinter einer fachmännischen communis opinio, die es hier erstens nicht gibt und die zweitens, wenn es sie gäbe, ja noch immer falsch sein könnte.
Dass KMS in Ermangelung von Belegen und Argumenten sich hinter einer vorgeschützten Diskursgemeinschaft von Fachmenschen versteckt, um aus einem so behüteten Refugium heraus einfach weiter zu behaupten, was erwiesenermaßen nicht der Wahrheit entspricht, — diese wenig couragierte Rückversicherung bei scheint’s immer schon etablierten Mehrheits- und Machtverhältnissen ist symptomatisch für seine Art, die Auseinandersetzung zu führen oder ihr vielmehr aus dem Weg zu gehen. Sie ist das Symptom eines wild entschlossenen Willens, Diskursmacht auf Biegen und Brechen auszuüben, zu behalten oder wiederzugewinnen. Als Mandatar und Vollstrecker der „wissenschaftlich“ einzig „ernstzunehmenden“ Diskursform glaubt KMS das Vorrecht zu haben oder sich nehmen zu dürfen, ohne weitere Argumentation zu bestimmen, was an Aussagen „indiskutabel“ ist und was nicht — mag Frisch auch in seiner Korrespondenz zum Beispiel eigens bekannt haben, dass er sich sehr wohl vorstellen könne, wie einer sich in seine eigene Tochter verliebt. Die These, um sie einmal korrekt wiederzugeben: dass in Homo faber gewisse Männer- oder Väterphantasien ausgesponnen oder angeboten, nobilitiert „oder“ mythisch gerechtfertigt werden, „versehen mit dem Index eines gottgewollten Verhängnisses; sei es nun ober- oder unterhalb der Bewußtseinsschwelle, sei es schon auf der Produktions- oder lediglich auf der Rezeptionsseite“, — diese These bräuchte also gerade einen schulmeisterlich auf die Intentionen des Autors eingeschworenen Leser wie KMS durchaus nicht gleich zu „entsetzen“.
Wie eben an den Kautelen beziehungsweise an der Unterschlagung der Kautelen ersichtlich geworden ist, unter die wir das Argument vom besonderen appeal des erzählten Inzests und seiner mythologischen Unterlegung gestellt hatten, versimpelt KMS dieses wie andere Argumente zur Unkenntlichkeit, um sie erst in solch entstellter Form zu disqualifizieren. Es entbehrt daher nicht der Pikanterie, wenn er sich über unsere Wiedergabe seiner eigenen „Überlegungen“ empört, die wir immerhin am Stück und zu einem ‚guten‘ Teil ihres Umfangs wortwörtlich zu zitieren uns die Mühe machten. Im Übrigen hat KMS tatsächlich behauptet — indem er auch noch der germanistischen „Einflussforscherei“ erlag, über die sich Frisch so genüsslich zu mokieren pflegte —, dass Barblin kein Vergewaltigungsopfer sei; eine Meinung, die vielleicht nicht ganz zufällig an gewisse Gerichtsplädoyers erinnert. Der sie vertritt, und zwar ausdrücklich gegen die in diesem Fall schwarz auf weiß protokollierte Absicht des Autors, befindet sich damit in großer, teils auch gar nicht so schlechter, aber eben, wen wundert’s, durch die Bank männlicher Gesellschaft. Dass ihm bei seiner Fehllesung sein eigenes Geschlecht in die Quere gekommen sein könnte — wie seinem Frisch etwa bei den patent sexistischen Tagebuchnotaten über „das Weib“ —, daran scheint er bisher keinen Gedanken verschwendet zu haben.
Einen nicht weniger bedenklichen Mangel an Problembewusstsein gibt die dorftyrannische Attitüde zu erkennen, mit der sich KMS anmaßt, einem vorzuschreiben, welchen Fragen man gefälligst „sich stellen müsste“. Solch ein peremptorisch einforderbares Recht auf Beantwortung soll die Frage haben: „Warum lässt Frisch“ den und den „an Krebs sterben“? Wobei wir die einzig richtige Antwort darauf gleich noch hinterherserviert bekamen, aber vorsichtshalber doch nur in Gestalt einer rhetorischen Frage: „Durchkreuzung von Fabers Glauben an die Berechenbarkeit von allem und jedem?“
Erstens einmal: Warum soll denn ausgerechnet ein Krebstod — ausgerechnet Krebs, of all maladies, vor allen anderen natürlichen Todesarten! — den Glauben an die Berechenbarkeit von allem und jedem zu durchkreuzen so prachtexemplarisch geeignet sein? Verstehe das, wer kann. Vor allem aber scheint KMS in den letzten fünfzig, sechzig Jahren noch überhaupt nichts gehört oder verstanden zu haben von so etwas wie intentional fallacy. Dabei hätte ihn gerade das zum Fremdschämen peinliche Schicksal seiner eigenen „Mutmaßungen“ eines Besseren belehren müssen — in Wahrheit handelt es sich freilich um keine als solche relativierten „Mutmaßungen“, sondern um einen „Kommentar“, abgegeben im Brustton der Fachmännlichkeit. Spätestens sein Kommentar zu den „diskreten Hinweisen“, die uns ein „hinter Faber stehender Erzähler“ (sic!) zur theologischen Tiefgründigkeit des Namens „Jo(Hanna)“ geben wolle, hätte den Fachmann schon etwas an der Klugheit einer Fragestellung zweifeln lassen können, wie er sie uns in puncto Krebs aufzwingen zu sollen meint. Denn er selber muss ja nunmehr doch einräumen, dass sein Kommentar ganz und gar „hinfällig“ geworden sei, seitdem nämlich die Lesart des Typoskripts ihm, KMS, bekannt sei. Und wem, bitte schön, verdankt er diese Bekanntschaft? Könnte es vielleicht nicht doch sein, dass unser entsetzlicher Scharlatanismus „denn doch“ nicht ganz so ertraglos war?
Staunenswert auch, wie angestrengt und verbissen KMS auf anderen unhaltbaren Behauptungen beharrt, indem er Gegenargumente nicht entkräftet, sondern diffamiert. Fabers antiamerikanische Philippiken seien „angeblich nachträglich“ autorisiert. Sie sind es nicht „angeblich“; sondern sie sind es. Punkt. Das kann jeder und jede nachlesen. Die stehengebliebene Tirade gegen „the American Way of Life“ behält darum ihre volle und ganze Geltung; anders als die vernichteten Briefe an Dick und Marcel, deren Inhalt ohnedies unbekannt bleibt und von denen KMS dennoch steif und fest behauptet, dass sie in der Scheltrede auf die Amerikaner ausbuchstabiert seien — nur wegen einer Rekurrenz des Namens des einen (nur des einen) Empfängers, und das in einem extrem sprunghaften und assoziativen Textpassus. Ganz abgesehen davon, dass es in Homo faber durchaus nicht nur theoretische, sondern reihenweise mimetische und als solche keinesfalls mehr subjektivierbare Sätze sind, die in die Kerbe des seinerzeit nun einmal gang und gäben Antiamerikanismus schlagen; so in der Szene an der Via Appia. Usw. usf.

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Stefan Woll schrieb uns am 05.07.2016
Thema: Hans-Harald Müller: „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“
Zum Tod von Hans-Albert Walter (1935–2016)

Dass Hans-Albert Walter tot ist, bestürzt mich sehr. Kennen und schätzen gelernt habe ich ihn in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, die ihn, bevor er nach Hamburg berufen wurde, zu den Neueren Philologien an die Universität Frankfurt führten. Sehr viel neue Einsicht in die Komplexität von Exil-Themen, seien sie literarisch, seien sie theatral, verdanke ich Hans-Albert Walter, der für mich auch ein Ermutiger war. Sehr gerne denke ich auch an die Kuchen-Nachmittage zurück, die ich - uns gegenseitig heftig umwölkend mit Zigarettenqualm - mit ihm und seiner Frau in seinem Haus am Taunus-Hang zubringen durfte. Lange Jahre hörten wir nichts mehr von einander. Ich bin nicht minder getroffen von seinem Tod.

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Karl Wilhelm Goebel schrieb uns am 22.06.2016
Thema: Oliver Pfohlmann: Marionette Ich?
Über Philipp Hübls „Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten“

Die abschließende Bemerkung führt zur Spannung... Wenn sich der Autor...dann würde er den Himmel oder die Hölle oder weder noch erleben...?
Ich jedenfalls hätte gern etwas mehr über das Ungesagte gelesen!

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Annabel Richter schrieb uns am 14.06.2016
Thema: Rolf Löchel: Wo der Wurm drin ist
Frank Schätzings nur an Umfang gewichtiger Wissenschaftsroman "Der Schwarm"

Ich finde dieses Buch großartig, einerseits sehr informativ und andererseits fantastisch. Ehrlich, ich bin eigentlich nur auf diese Seite gekommen, weil ich nach diesem Schelf und dem Wurm gegoogelt habe. Es ist jetzt gleich 3Uhr und ich kann einfach nicht mehr schlafen und bin auf ihrer Kritik hängengeblieben. Was soll ich sagen? Ich habe diese Punkte, die sie so hervorbringen, nicht erkannt. Im Gegenteil, die Figuren im Roman habe ich mir sehr wohl so realistisch vorstellen können. Da kommt mir der Verdacht, ich bin vielleicht zu naiv für diese Welt und ziemlich blond. Ich fühle mich kritisiert und unmöglich.
Der Wurm hat jetzt genug gebohrt und ich werde gleich wieder herrlich schlafen können. Und ihnen kann ich nur raten, sich mal mit
Meeresbiologen zusammen zu setzten und über diesen Buch zu fachsimpeln. Sie werden feststellen, dass mein geliebter Frank Schätzing es hervorragend versteht, diese Charaktere in Worte zu fassen. Ich werde es bestimmt noch ein zweites mal lesen...Gute Nacht lieber Rolf:)

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Winfried Berger schrieb uns am 13.06.2016
Thema: Thomas Anz: Gewalt oder Liebe
„Der Tod und das Mädchen“ – Ein Gedicht von Matthias Claudius als Kippfigur

Als Laie, unbedarft im Bezug auf Sekundärliteratur, habe ich eine Frage an die Forschung. Wie verbürgt ist die Grossschreibung von „Lieber“. Mir wäre „Geh, wilder Knochenmann! Geh lieber! (Lass mich lieber leben.)“ als Deutung viel einfacher.
Mir ist klar, dass die Tradition orthographische und Interpunktionsfehler unwiderruflich fortschleppt. So ist z.B. in Schillers Glocke überall verbürgt:
„Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Sprützen Quellen, Wasserwogen.“
Aus einer frühen Übersetzung ins Englische (Thomas James Arnold, 1846) wird aber deutlich, dass es sich um Feuersprützen handelt, die die Wasserwogen hoch im Bogen quellen.
Könnte es sein, dass es sich bei Claudius
auch um einen interpretatorische Abschreibfehler handelt?
Just a thought.
Winfried Berger

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Christfried Tögel schrieb uns am 13.06.2016
Thema: Thomas Anz: Bleibt Freud schlechter ediert als Hitler oder Heidegger?
Zu den ersten Bänden der von Christfried Tögel herausgegebenen Gesamtausgabe

Ja, Freud bliebt schlechter ediert als Hitler oder Heidegger und auch als die meisten großen Denker der letzten 200 jahre - jedenfalls die Texte der von mir im Psychosozial-Verlag (Gießen) herausgegebene Sigmund-Freud-Gesamtausgabe (SFG).

Der Grund: Auch mehr als 80 Jahre, nachdem die Nazis in Deutschland Freuds Bücher verbrannt haben, hat es bisher niemand fertig gebracht Freuds Gesamtwerk zugänglich zu machen (nur die digital vorliegende Ausgabe von „Freud im Kontext“ hat das versucht – allerdings ohne die zu Freuds Lebzeiten erschienenen z.T. stark veränderten Nachauflagen und nur mit einem Teil der Rezensionen). Die SFG hat nicht den Anspruch, eine historisch-kritische Gesamtausgabe zu sein. Sie ist lediglich eine Leseedition
mit Einführungstexten zum biographischen und wissenschaftshistorischen Hintergrund des jeweiligen Textes.

In einer Rezension von Michael Hagner in der FAZ  vom 8.1.2016 wird der Ausgabe genau das zum Vorwurf gemacht, nämlich daß sie eine „Access-Mentalität“ und die „ungehinderte Zugänglichkeit von Texten über deren editorische Aufbereitung stellt.“ Aber das ist das Programm der SFG. Die „editorische Aufarbeitung“ bleibt einer – weiterhin dringend notwendigen – historisch-kritischen Gesamtausgabe vorbehalten.

Christfried Tögel (Herausgeber der Sigmund-Freud-Gesamtausgabe, SFG)

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Andreas Joppien schrieb uns am 10.06.2016
Thema: Dieter Lamping: Bob Dylan
Mutmaßungen über eine Maske

Große Güte, wer braucht sowas denn?  Die meisten solcher Dylan- Analytiker scheinen unter dem Übervater mehr  zu leiden, als die größten Fans. Bedenklich ist allerdings, zu suggerieren, Dylans Werke fehle die Existenzberechtigung.Wer seine eigenen limitierten Aufnahmemöglichkeiten zum alleinigen Maßstab nimmt,um  Kunst zu bewerten,bewegt sich nicht mehr in einem Austausch mit anderen, sondern befindet sich irgendwie in einem schwarzen Loch.Hat Dylan Sie nicht genug beachtet?

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Ingrid Haas schrieb uns am 08.06.2016
Thema: Björn Bertrams: Ein Buch zu viel
David Foenkinos liefert einen rundum misslungenen Roman über Charlotte Salomon und heimst damit Preise in Frankreich ein

In Übereinstimmung mit dem Kommentar von Fida Elisabeth bleibt auch mir die Kritik von Björn ... am Autor des Buches "Charlotte" zum grössten Teil unverständlich. Wie  auch Fida Elisabeth habe ich den Text in kürzester Zeit gelesen, da die Geschichte mich sehr in ihren Bann gezogen hat und die von Foenkinos gewählte Form des Textes mir eine Distanz zur Schwere von Charlotte's Schicksal ermöglichte (Text auf Französich gelesen). Durch Foenkinos' Buch habe ich überhaupt erst von Charlotte's Leben und ihrer Kunst erfahren, es hat mich neugierig gemacht, allein dafür gebührt dem Schriftsteller mein Dank.

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Jurek Molnar schrieb uns am 08.06.2016
Thema: Dieter Lamping: Bob Dylan
Mutmaßungen über eine Maske

Es gehört ja durchaus Mut dazu, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen, und die ergebenen Fans (wie ich einer bin) mit dermaßen blasphemischen Provokationen  zu reizen.
Sie werden sicher ein paar unangenehme Reaktionen darauf erhalten und ich bin sicher die untergriffigen Anwürfe, die sie ernten werden, werden sie wohl darin bestätigen. Darum möchte ich, als einer der Dummen, die da Kunst sehen, wo sie nur großsprecherische Überforderung erblicken, darauf verzichten, auf die Polemik mit weitere Polemik zu reagieren. (Das hoffe ich jedenfalls.)
Ich werde versuchen ein zwei Punkte heraus zu arbeiten, wo ich glaube, dass sie falsch liegen.

Wenn sie der Meinung, das ist schlechte Musik, müssen sie ja nicht
zuhören, aber die Frage ist schon berechtigt: Warum diese bittere Abrechnung mit jemandem, dem sie totale Bedeutungslosigkeit attestieren? Warum die Mühe?
Das Elend der Dylan Interpretation ist, dass sie sich zuerst darauf konzentriert alle anderen Interpreten als unqualifiziert abzuwehren, um sich als einzige wahre Religion zu etablieren und sie sie sind da im Übrigen keine Ausnahme.
Es geht in ihrer Kritik nicht so sehr um Dylan selbst als um seine Fans, die sie für Trottel halten, denen die kritische Distanz fehlt. Wenn sie schreiben, dass diese Fans Leute sind, "die ästhetische Ansprüche manchmal gar nicht mehr zu kennen scheinen" ist das in erster Linie sehr tief und Ausdruck einer verächtlichen Haltung, so wie sie Adelige gegenüber dem Pöbel empfinden. "Dylans Auftritte haben allerdings wenig gemein mit den Konzerten großer Musiker oder Schauspieler, die, nach intensiver Vorbereitung, dem Publikum ihre Kunst auf höchstem Niveau, in größtmöglicher Vollendung vorführen."

Es ist mir nicht ganz nachvollziehbar, warum ausgerechnet sie als einziger zu wissen glauben wie Kunst zu sein hat und welchen Zielen sie verpflichtet ist. Sie stilisieren sich selbst als adeligen Connaisseur, dessen ästhetische Urteil universal zu gelten hat und meine Frage wäre: Warum glauben sie das?

Dass sie Dylans Musik nicht mögen, ist ihre Sache, aber sie kritisieren eigentlich prinzipiell nicht, dass sie schlecht ist, sondern dass er überhaupt welche macht und es bestürzt sie zutiefst, dass ihm einen Menge Leute immer noch zuhören, obwohl der Herr Lamping aufgrund seiner ästhetischen Urteilskraft eigentlich schon den Deckel darauf geschraubt und mit dem Vermerk "Unzureichend" markiert hat. Dylan ist nicht schlecht, sagen sie, sondern völlig überflüssig. Das ist schon mehr als ein Geschmacksurteil, das ist ein Urteil, wie die Realität auszusehen hat, wenn sie der Chef wären.

Es sei also zusammen gefasst:
Dylan ist ein schlechter Musiker, seine Lyrics sind scheiße, er beherrscht kein Instrument richtig, und seine letzte gute Platte ist 50 Jahre alt. Das sind alles Urteile, die kann man haben und ich bin der letzte der bestreitet, dass jeder nach seiner Facon selig werden soll. Aber das ist nicht der Punkt auf den sie hinaus wollen.

Sie sagen natürlich, dass er ein schlechter Künstler ist, aber eigentlich wollen sie darauf hinaus, dass er ein unnötiger Künstler ist. Sie bestreiten vor allem seine Relevanz und meinen nicht nur, dass sein Werk überschätzt wird, es sollte ihrer Meinung auch gar nicht entstanden sein.

Was ich sehe und lese ist eher die Behauptung aus dem eigenen Anspruch eine analytische Tiefe abzuleiten, die sie nicht haben. Sie meinen, dass er keine Lyrik schreiben würde, die relevant sei, weil sie offenbar diese Lyrik nicht lesen. Versuchen sie "Gates of Eden" zu analysieren und haben sie Spass dabei, oder bloß die erste Strophe von "It's allright Ma".

Diese beiden erwähnen sie gar nicht, obwohl doch "Bringing it all back home" die einzige Platte von Wert ist, wenn man ihnen folgen will.

Mein Verdacht ist ein jedoch anderer. ich glaube, dass sie zu jenen Dylanhörern zählen, die ihm seine Hinwendung zur Religiosität nie verziehen haben und deren Polemik darauf abzielt, die metaphysische und spirituelle Ebenen von Kunst generell zu denunzieren. Eine deutsche Überheblichkeit und ein Herrenmenschengestus, der vor allem dort Kunstlosigkeit erblickt, wo er das Menschliche aus den Augen verliert. Dylans Pose - und das begreifen sie eben nicht - ist nicht die eines Künstlers, sondern die eines Menschen. Sein Werk handelt nicht von ästhetischen Kategorien, sondern davon wie man wird, was man ist. Seine Kunst ist Vertikalspannung, in der ausprobiert wird, wie man als Mensch überlebt, wenn das eigene Leben und die Kunst ein Trapez ist. Sie können das nicht verstehen, denn sie haben etwas Besseres: ein Herz aus Stein. Was sie nicht verstehen ist, dass Dylan das Menschsein vorübt, indem er daraus Musik macht, die sich damit beschäftigt, was relevant ist und was nicht.

Wie Dylan bin auch ich religiös. Sie als Atheist können das nicht begreifen. Sie halten es eben für dumm und primitiv, der Idee Raum zu geben, dass Mensch zu sein mehr bedeuten muss, als eine technokratische Verwaltungseinheit darzustellen. Dylan spricht zu mir und vielen anderen Menschen, obwohl er nicht mit uns redet und er erreicht uns trotzdem immer noch, obwohl das gar nicht möglich sein sollte und nur durch eine Verschwörung der Dummheit aller anderen zu erklären ist. Schlimmer noch, sie versuchen eine Identität zwischen Person und Werk herzustellen, die sich schon an seiner Prämisse blamiert.

Ich finde das zutiefst abstoßend, wenn man nichts anderes anzubieten hat, als einen Kunstbegriff, der eigentlich ideologische Hyperinflation ist. In ihrem Kunstbegriff wird alles, was sich nicht der technokratischen Ordnung des Seins fügt, oder besser, was durch die Gewalt des Begriffs nicht mit sich selbst ident gemacht werden kann, solange entwertet bis es in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und man es auf den Müll werfen kann. Ihr Text ist wenigstens in dieser Hinsicht enorm effektiv.

Die Entwertung des Menschlichen beginnt dort, wo man sich weigert zu sehen, dass die eigene Begrifflichkeit nicht identisch mit der Realität ist, die sie beschreiben soll. Und ihre Weigerung geht über ein Geschmacksurteil weit hinaus. Es versucht zu normieren, was sich der Norm widersetzt, und nicht als Identität gedacht werden kann.

Es bleibt als Frage, warum sie Dylan unbedingt zu einem "toten Hund" erklären müssen, wie einst Lessing Spinoza, anstatt einen Text über jene zu schreiben, die die Aufmerksamkeit ihrer Ansicht nach mehr verdienen. Ich persönlich hätte eine Auseinandersetzung mit Joni Mitchell lieber gelesen, als ihre Verbalinjurien gegen die Anhänger der falschen Religion.

MfG, Jurek Molnar

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Martin Saarbeck schrieb uns am 07.06.2016
Thema: Sascha Seiler: Neverending Troubadour
Bob Dylan wird 75. Ein Blick auf sein Lebenswerk

Also, to start with, eine Trilogie besteht eigentlich aus drei Werken (hier: Empire Burlesque, Knocked Out Loaded und Down In The Groove). Knocked Out Loaded wird einfach unterschlagen, obwohl hier Brownsville Girl zu finden ist und nicht auf Empire Burlesque, wie der Text darstellt. Gerade Empire Burlesque, hier finden sich doch gerade die Filmzitate u.a., die später auf Love & Theft so bedeutsam werden.

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