Leserbriefe zur Rezension

Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Biografisches und Nichtbiografisches zu Marcel Proust

Von Olaf Kistenmacher


Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 28.04.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

War Proust Halbjude?

Zu dem Beitrag »Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk« von Olaf Kistenmacher in der Februar-Ausgabe von 2018  in literaturkritik.de, in dem es hieß: »Dass Bernd-Jürgen Fischer schließlich Proust in einer Fußnote als „Halbjude“ bezeichnet, ist nicht zum Lachen. Nicht nur fällt er damit in die Sprache des Nationalsozialismus zurück. Die unzulässige Markierung verdunkelt mehr, als sie erhellen könnte«, stelle ich anheim, einen Blick auf die Fakten zu werfen, wie sie auch Proust bekannt waren und wie er sie in einem
Brief an Robert de Montesquiou vom vermutl. 19. Mai 1896 (frz. in Kolb: Correspondance, Bd. II Nr. 20 (S. 66)) darstellt:

»Cher Monsieur,
ich habe Ihnen gestern nicht auf das geantwortet, was Sie mich über die Juden gefragt hatten. Das geschah aus dem folgenden einfachen Grund: Ich bin katholisch wie mein Vater und mein Bruder, meine Mutter dagegen ist jüdisch. Sie werden einsehen, dass dies ein guter Grund ist, mich aus dieser Art von Diskussionen herauszuhalten. Ich dachte, dass es höflicher sei, Ihnen das zu schreiben, als es Ihnen vor einem anderen Gesprächsteilnehmer zu sagen. Aber ich bin sehr glücklich über diese Gelegenheit, die es mir erlaubt, Ihnen etwas zu sagen, was ich Ihnen sonst womöglich niemals gesagt hätte. Denn wenn sich unsere Vorstellungen auch unterscheiden, oder vielmehr, wenn ich nicht die Freiheit habe, darüber jene zu haben, die ich vielleicht hätte, hätten Sie mich unabsichtlich in einer Diskussion verletzen können. Ich spreche wohlgemerkt nicht von jenen, die zwischen Ihnen und mir statthaben könnten und in denen ich immer aufs Höchste an Ihren Ideen zur Sozialpolitik interessiert sein werde, wenn Sie sie mir darlegen, selbst wenn ein Grund höheren Anstandes mich daran hindert, sie zu teilen.
Ihr
Marcel Proust.«

Ich fürchte, Herr Kistenmacher fällt in die Sprache der politischen Korrektheit zurück, in der ja gern aus der kleinmädchenhaften Illusion heraus, die Übel dieser Welt heilen zu können, indem man die Wörter verbietet, die sie bezeichnen, das Bezeichnende und das Bezeichnete verwechselt oder gar in einer Art diskursivem Etikettenschwindel willentlich vertauscht werden. Nicht die Wörter sind die Täter, sondern diejenigen, die sie missbrauchen. Und glaubt Herr Kistenmacher denn allen Ernstes, dass es für einen Autor keine Rolle spiele, ob er in einem christlichen, einem jüdischen oder einem gemischt-religiösen Haushalt aufgewachsen ist? Ob seine Lieblingsgroßmutter Jüdin war? Dass es zwar für das Verständnis von Prousts Werk höchstbedeutsam sei, dass er homosexuell war, aber völlig belanglos, dass er Halbjude war? Dass es in der Freundschaft zu Reynaldo Hahn so gar keine Rolle gespielt habe, dass auch dieser Halbjude war? Dass die Parallelführungen von Judentum und Homosexualität in der Suche nach der verlorenen Zeit gar nichts zu bedeuten hätten und mit Proust schon gleich gar nichts zu tun? – Die zitierte, aber nicht nachgewiesene Äußerung von Tadié, »Es sei „irrig“, so Tadié, Prousts politische Positionierung „seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben“« habe ich nicht finden können, und werde ich wohl auch nicht, denn derart offene Türen einzurennen wäre nicht seine Art. Niemand – und ich schon lange nicht – hat irgendwo nachweisbar behauptet, Prousts politische Positionierung sei seiner jüdischen (korrekterweise müsste man sagen: »halbjüdischen«) Herkunft zuzuschreiben. Dass die Dreyfus-Affäre jedoch auf Voll-, Halb- und sonstige Juden einen anderen Einfluss ausgeübt haben dürfte als auf blaublütige (oops, beinahe hätte ich geschrieben: »reinrassige«) Goyim, demonstriert Proust ja sehr einfühlsam an der Entwicklung Swanns – allerdings erst im vierten Band, bis zu dem es ja viele bekanntlich nicht schaffen.
Vollends haben sich mir die Nackenhaare gesträubt bei der »unzulässigen Markierung« als Halbjude. Was für eine autoritäre Anmaßung ist das denn? Will sich Herr Kistenmacher zum Sprachpolizisten aufwerfen? Mir, als Linguisten, das Sprechen beibringen? Oder muss ich fortan damit rechnen, dass er morgens um vier bei uns klingelt, um meine Frau zu verhaften, weil sie sich »unzulässigerweise« in der Halböffentlichkeit als Halbjüdin »markiert« hat? Vielleicht sollte Herr Kistenmacher mal ein Besinnungsstündchen zu der Frage einlegen, »Wo fängt der geistige Faschismus eigentlich an?« Ich werde derweilen darüber nachsinnen, ob er wohl jemals ein Ende nimmt.
Bernd-Jürgen Fischer


Olaf Kistenmacher schrieb uns am 30.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Sehr geehrter Herr Fischer,

die Aussage, es sei "irrig, die Reaktion Marcels [...] seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben", findet sich bei Jean-Yves Tadié: Marcel Proust. Biographie, übersetzt von Max Looser, Frankfurt am Main 2017 (2008), S. 381. Auf S. 37 ist in Tadiés Biografie zu lesen: "Wir wiederum müssen hervorheben, daß Marcel selbst sich nicht für einen Juden hielt."

Es ist völlig legitim, in diesem Punkt anderer Meinung zu sein; und in meiner Rezension bestreite ich nicht, dass Marcel Proust von seinen jüdischen Großeltern und seiner jüdischen Mutter beeinflusst wurde. Doch wie dieser Einfluss genau wirkte, ist damit noch nicht geklärt - wie Tadiés Aussagen eben deutlich machen.

Kritikwürdig finde ich nicht, dass Sie von einem solchen biografischen Einfluss ausgehen, sondern dass Sie sich dafür in "Proust zum Vergnügen" der Formulierung bedienen, Proust wäre "Halbjude" gewesen. Warum mussten Sie ausgerechnet den Ausdruck wählen, der seit 1935 an die Nürnberger Rassengesetze erinnert? Das unterscheidet uns heute eben von Hermann Grab, der, als er über Prousts Judentum nachdachte, noch nicht wissen konnte, zu welchen Verbrechen die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs fähig waren.

Im Übrigen habe ich Ihre Neuübersetzung von "À la recherche du temps perdu" bereits auf Literaturkritik besprochen und dabei Proust als einen frühen Kritiker gerade auch der subtilen Ausdrucksformen des modernen Antisemitismus gewürdigt (http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22713).  

Mit freundlichen Grüßen
Olaf Kistenmacher


Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 30.04.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Die Nazis haben auch das Wort "Brot" verwendet - wollen Sie jetzt wie Pharao jeden Bäcker vor Ihr linguistisches Feme/Diffamierungs-Gericht verschleppen? Etwas mehr Vorsicht im Umgang mit den Wörtern - insbesondere, wenn man sie anderen vorwirft - ist dringend angesagt.


Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 02.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Mir ist gerade aufgefallen, dass ein evtl. Leser dieser Leserbriefe gar nicht wissen kann, was Herrn Kistenmacher zu seiner perfiden Insinuation bewogen hat.
Also:
Proust hat an Reynaldo Hahns Hund Zadig einen Brief geschrieben, in dem er ihn als "den weisen" charakterisiert:
"Brief an den Hund von Reynaldo Hahn. Text aus der Correspondance, Bd. X, S. 372 f.; von Kolb auf »kurz nach dem 3. November 1911« datiert."
Dazu habe ich den Namen "Zadig" erklärt:
"Hebr. ha Zadique (Transkription schwankend),›der Weise‹;"
und hinzugefügt, um zu erklären, wieso Proust das wissen sollte und annehmen sollte, dass Hahn das weiß:
"Hahn war wie Proust Halbjude."
Auch Juden, die kein Hebräisch können, kennen den Namen "Yussuf-ha-Zadik" und wissen, was er bedeutet. Und wer reichlich jüdische Onkels und Tanten hat, die ihn auch zu den jüdischen Festtagen einladen, wo zum Pessach den Kindern die Geschichte vom weisen Joseph vorgelesen wird, kommt nicht umhin, ein wenig dazuzulernen.
Um nichts auszulassen, habe ich natürlich auch noch auf Voltaire hingewiesen. Vielleicht wurde ja "Zadig" in der Schule erklärt.
Durch diese Notiz also fühlt sich Herr Kistenmacher bemüßigt, mich in die Nähe des Faschismus zu rücken; das ist ganz schlicht und einfach infam.
Ohne meinen Text zu zitieren, hält er mir dann noch eine Bemerkung von Tadié vor:
"Es sei „irrig“, so Tadié, Prousts politische Positionierung „seiner jüdischen Herkunft zuzuschreiben“.
Jeder Leser muss jetzt annehmen, ich hätte Prousts politische Position auf seine jüdische Herkunft zurückgeführt, was offenkundig nicht der Fall ist. Reynaldo Hahns Hund ist von politischen Positionen weit entfernt. Solche unredlichen Winkelzüge in der Argumentation zur Diffamierung von jemandem, der einem offenbar nicht in den Kram passt, erinnere ich nur allzu deutlich aus dem soziologischen Einführungsstudium zum Jura-Studium an der Universität Bremen. Andere mögen sich an Berliner K-Gruppen-Zeiten erinnert fühlen.
Und ferner: Wie kommt Kistenmacher eigentlich dazu, das Wort "Halbjude" zum Schimpfwort zu degradieren und so den Halbjuden eine eigene Identität abzusprechen? Vielleicht sind die ja stolz darauf, über beide Erbschaften zu verfügen? Ich denke mal, wenn die Halbjuden (n. b.: das sind Leute mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil) einen weißen Ritter brauchen, werden sie sich schon melden, aber wohl kaum bei Herrn Kistenmacher.


Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 29.04.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

P. s. zu meinem Leserbrief von gestern (28.4.18).

Wie es so geht: Kaum hatte ich den Brief abgeschickt, da machte ich einen höchst interessanten, amüsanten und relevanten Fund im Internet unter der Adresse
https://is.muni.cz/el/1421/jaro2014/NJII_94/um/23724966/Hermann_Grab_Proust_Vortrag.pdf, nämlich einen Vortrag von Hermann Grab über Proust, der (offenbar in einer Vortragsreihe über jüdische Autoren) dessen Relation zum Judentum beleuchtet und mit den Worten beginnt:

»Marcel Proust als Halbjude gehört, so wird man sagen, nur zur Hälfte in den Kreis der hier besprochenen Autoren.« (Hervorhebung von mir.)

Hermann Grab, muss man dazu wissen, war ein Prager Jude, der 1939 in die USA floh.

Der Aufsatz ist auch publiziert in:
Cramer, Doortje: Von Prag nach New York ohne Wiederkehr. Leben und Werk Hermann Grabs (1903–1949). Frankfurt am Main: Peter Lang, 1994.

Bernd-Jürgen Fischer


Hemel Silberstein schrieb uns am 03.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Ich kann Fischers Zorn verstehen, auch wenn er etwas übers Ziel hinausschießt - gute Munition wie "perfide" und "infam" sollte man sich vielleicht für wichtigere Schlachten aufsparen. Aber Literaten sind nun mal etwas überempfindlich. Und sein Argument, dass man die Halbjuden nicht entgesellschaften darf, indem man es unmöglich macht, sich auf sie zu beziehen, erscheint mir stichhaltig. Und wenn dem Wort Jude nichts Negatives anhaftet, und dem Wort Halb sowieso schon nicht (denken Sie an Halbzeit, Halbfinale oder halbstark), warum dann dem Wort Halbjude? Oder ist doch das "Jude" das Problem? Tadiés und Kistenmachers Versuche, dem Proust den Juden auszutreiben, kommen mir ohnhin etwas bedenklich vor, um nicht zu sagen antisemitisch.  Vielleicht schlägt Herr Kistenmacher ja einen alternativen Begriff vor, wie Halbgoy oder Goyjude zum Beispiel?


Ingeborg Kohn schrieb uns am 06.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Lieber Herr Kistenmacher,
dass Fischer einen Halbjuden auch einen Halbjuden nennt, hat mir gut gefallen. Ich habe mir daraufhin sein Büchlein »Proust zum Vergnügen« besorgt und mich glänzend amüsiert. Die Texte sind pointiert, die Auswahl abwechslungsreich, und die Komposition von Text und Bild ist glorios. Vielen Dank, Herr Kistenmacher, für den guten Tipp!
An einer Stelle jedoch habe ich gestutzt - weshalb ich noch einmal auf diese Seite zurückgekommen bin und als Halbjüdin über den Streit um das Wort "Halbjude" nur den Kopf schütteln konnte -, und zwar bei dem (einzigen) Text, in dem die Berma vorkommt. Dazu schreiben Sie:
»Auch die von Fischer wiedergegebene Passage aus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit , in der der jugendliche Ich-Erzähler das erste Mal die große Sängerin Berma, die Sarah Bernard nachempfunden ist, hören darf und bekennen muss, dass er zwar so gut wie er konnte, zugehört habe, „um herauszufinden, was so bemerkenswert an ihr ist“, die Darbietung aber nicht wirklich genießen konnte. Allerdings ist dieses Verpuffen umso komischer, je länger man den Ich-Erzähler mit seiner Vorfreude, seiner Ungeduld und seiner Erwartung an den wahrhaftigen Kunstgenuss begleitet. Das heißt, man muss doch den ganzen Roman lesen, um wirklich lachen zu können.«
Dabei scheint Ihnen völlig entgangen zu sein, dass Fischer diesem Textauszug den Titel »Kompott« gegeben hat, was ja ein deutlicher Hinweis ist, dass es gar nicht um die Berma oder Marcels Theaterbesuch geht. Vielmehr geht es um das Wort »Komposition«, das die Erwachsenen in dem Text wieder und wieder im Munde führen, ohne auf die einzige Komposition (frz. composition = u. a. Aufsatz) zu sprechen kommen, die Marcels Gedanken erfüllt. Eine wunderbar ironische Sotie zu der Schwatzhaftigkeit-cum-Taubheit der Erwachsenen aus der Sicht eines Heranwachsenden.
Auch dann muss man ncht unbedingt lachen; aber man kann daran sein Vergnügen haben, und das ist es ja, was der Titel verspricht!
Und dass die Rechnung nicht aufgehe - tja, also, wenn man nach der Lektüre von »Kompott« meint, den ganzen Roman lesen zu müssen, ist Fischers Rechnung denn dann nicht glänzend aufgegangen? Vor allem wenn es sich um jüngere Leser handelt, die man ja irgendwie an Proust heranführen sollte? Ein »Proust zum Verzweifeln« würde garantiert nicht besser funktionieren!


Helmuth Loose schrieb uns am 08.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Wenn ich nun dank der verschiedenen Leserzuschriften so sehe, wie unfundiert und entstellend Kistenmachers Kritik an Fischers "Proust zum Vergnügen" offenbar war, dann muss ich mich doch mit Saint-Simon fragen: "War es Dummheit? Oder war es Bosheit?" Für beide Alternativen lassen sich gute Gründe finden. Kein guter Grund allerdings lässt sich für Kritiken finden, die von Affinitäten oder Animositäten gesteuert sind, oder bei denen nach der Apotheose eines etablierten Kollegen zum "Ausgleich" ein wenig Newcomer-Bashing ("Klassenkloppe") ausgeteilt wird. Von einer Literaturkritik - noch dazu in einem angesehenen Forum wie "literaturkritik.de" - erwarte ich, dass sie unvoreingenommen die starken und die schwachen Seiten eines Buches darstellt, damit ich mir selbst ein Urteil darüber bilden kann, ob ich das Buch lesen möchte oder mir sparen sollte. Fischers Büchlein enthält 14 Texte und ca. 30 Anmerkungen. Und da soll ich mir anhand der Nörgelei ("nit-picking") über 1 Text und 1 Anmerkung ein Bild machen? Das einzige Bild, das ich durch die kritisierte Kritik bekommen habe, ist eines des Kritikers, und das ist kein vorteilhaftes.


Ingeborg Kohn schrieb uns am 08.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Lieber Helmuth, ich finde es gut, dass Du das Gespräch auf eine etwas allgemeinere Ebene gehoben hast. In der Tat scheinen viele Kritiker zu glauben, es ginge um ihr Urteil. Aber ich wüsste nicht, warum ich irgendjemandem eine sicherere Urteilskraft zutrauen sollte als mir selbst. Ich muss aber zusehen, dass ich die mir zur Verfügung stehende Lesezeit möglichst auf Bücher verwende, die sich für mich lohnen. Und dafür sind die Kritiker da: Dass sie ihre bezahlte Zeit darauf verwenden, möglichst viele Neuerscheinungen sorgfältig zu lesen, um mir dann fundierte Hinweise zu geben. Und da sie nicht wissen können, was sich für mich lohnt, müssen sie auch ihre eigenen Vorlieben hintan halten. Apropos: Du hattest ja angedeutet, dass da womöglich Vorurteile gegen den Herausgeber im Spiel sind, "der Neue" oder so - das wäre ja gerade bei Proust besonders fatal. Ich sage nur: Sainte-Beuve.
Beste Grüße, Ingeborg


Henning Seydlitz schrieb uns am 09.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Ich habe Fischers Neuübersetzung von Prousts "Recherche" verschlungen! Was für eine Sprachgewalt im Deutschen, was für eine Präzision in der Abbildung von Prousts Sprache ins Deutsche! Wow! Der Wahnsinn! Und dann der Anmerkungsapparat. Ein kostenloses Romanistik-Studium draufgesattelt! Wie der Spiegel gern in den Leserzuschriften schreibt, über die Fischer sich mokiert: "Chapeau!" Ich lese gerade sein Handbuch, und dabei bleibt mir glatt die Spucke weg!
Wegen dieses Interesses habe ich auch die Kritik an Fischers Meisterleistung verfolgt: Und dabei ist mir erst recht die Spucke weggeblieben. Das pubertäre "Nitpicking", das Helmuth schon erwähnt hat, im Blow-up Format! Da mäkelt einer, dass es bei Fischer heiße: "Die nicht mein Fall war" statt "die nicht mein Genre war": das findet er "schade", und damit ist der Fall erledigt. Kein Gedanke daran verschwendet, dass das eine sozialpsychologisch, das andere individualpsychologisch orientiert ist, keine Erinnerung daran, dass Swann Odettes "hängende Wangen" und ihren "fahlen Teint" abtörnig fand! Vermutlich hat er aber den Text gar nicht erst gelesen. Und das soll dann Kritik sein?
Ein anderer meint, dass man frz. "doper" nicht als dt. "dopen" übersetzen dürfe, ein Wort, das aus dem Radrennsport bekannt sei. Nun, beide kommen vom Englischen "to dope", das aus dem Pferde(!)rennsport stammt, und bevor das Wort bei Proust verwendet wird, wird auf ca. 150 Seiten Odettes Anglophilie karikiert und ihr Hang zu den "Hippodrômes", zu denen sie mit ihren halbseidenen Freundinnen geht, um mit den Jockeys zu poussieren. Aber das fällt dem Kritiker natürlich nicht auf, vermutlich, weil er den Text gar nicht erst gelesen hat: Da wird ein bisschen herumgestochert, ob sich nicht irgendwie was findet, und dann füllt man die Spalte, die Zeit drängt, Sachkenntnis ist bürgerlicher Luxus.
Usw.
Den Vogel hat ja Mosebach abgeschossen, der einen ganzen Absatz darauf verwendet, ein Wort zu bemäkeln, das nirgendwo in Fischers Text vorkommt ("Chefin") - O-Ton Mosebach: "Auch hier folgt Fischer getreulich Rechel-Mertens". Mein lieber Mosebach! Man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Welche Absicht? Nun, wenn man das mal alles zusammenschaut, wird doch ziemlich deutlich, was Helmuth schon sagte: Es hat den alten Hirschen mächtig auf den Darm geschlagen, dass da einer wie Ziethen aus dem Busch auf die Lichtung geprescht kommt und sie beim Wiederkäuen von Rechel-Mertens aufscheucht – da müssen sie erst einmal ein paar "Perlen lösen", wie der Jägersmann sagt. Und das Ganze nun noch einmal lesen? Gott behüte, da perliere ich lieber!
Als ich damals in Stanford studiert habe, hatte ich das Times Literary Supplement und den New Yorker abonniert, und zwar wegen der Literaturkritiken. Was für eine andere Welt! Eine Welt der geistigen Auseinandersetzung nämlich.
Ach, und übrigens: Ich habe mal das Tadié-Zitat bei Tadié nachgeschaut: Da ist von der Dreyfus-Affäre die Rede! Die ist ja wohl von Reynaldo Hahns Hund mindestens einen Fuß entfernt! Bon Dieu, wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Lachen!


Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 10.05.2018 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Lieber Herr Seydlitz,
vielen Dank für Ihr höchst schmeichelhaftes Lob für meine Arbeit! Sie können sich offenbar vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man 10 Jahre 14/7 an einem Monsterprojekt gestrickt hat (und noch zwei weitere Jahre in die Veröffentlichung gesteckt hat, allerdings nicht mehr 14/7), und dann kommen ein paar Naseweise daher, die meinen, Meinungen abdampfen zu müssen ohne groß hinzugucken, nach dem bewährten Schulhof-Rempel-Muster: "Hätte ich garantiert besser gekonnt, hatte bloß nicht die Zeit dafür - leider!"
Aber schön zu wissen, dass es da draußen Leser gibt, die meine Arbeit zu würdigen wissen. Tatsächlich unterscheiden sich die Stellungnahmen aus der Leserschaft eklatant von der Mäkelei der Nichtleser in den Feuilleton-Redaktionen (der Zeitungen - die Kulturredaktionen der Radiosender sind anscheinend aus einer jüngeren und also für Neues offeneren Generation). Da gibt es wohl eine gewaltige Kluft zwischen Kritiker und Publikum.
Übrigens habe ich im Kap. Themenregister des Handbuchs auch ein Lemma "Anglizismen", weil Proust die ja thematisiert. Da kann man in nuce ablesen, was mit Odettes Anglomanie los ist (was Sie ja aber auch so begriffen haben).
Weiterhin viel Vergnügen mit Proust wünscht Ihnen
Ihr Bernd-Jürgen Fischer


Hemel Silberstein schrieb uns am 10.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Jetzt fängt die Diskussion ja an, richtig interessant zu werden. Ich hatte vorher noch gar nichts von Mosebachs Polemik gewusst ("verbleibe doch …" ist ja wohl gemeint, oder?). Mann, wie kann die FAZ eine so offenkundige hate-mail abdrucken? Haben die denn keine Redaktion, die mal überprüft, was da so von außen angeliefert wird? Schon allein die Sache mit der "Chefin" sagt ja alles. Schulhof-Rempelei, das hat Fischer gut gesagt! Wenn Proust schreibt: "une chose sans cause, une chose …" und Mosebach findet, dass das nicht Flauberts Wünschen entspricht, wie kann er das dann Fischers Übersetzung "eine Sache ohne Ursache, … eine ganz und gar dunkle Sache" ankreiden? Offenbar wusste Proust als Lateinschüler des Condorcet und weiß Fischer als Linguist, was ich so ganz nebenher weiß und was Mosebach nicht zu wissen scheint, dass nämlich "chose" und "cause" beide vom lat. "causa" kommen und damit zusammenhängen wie Sache und Ursache. Und dann die Sache mit dem "lebendigen Knacken" - so etwas an vorsätzlichem Kannitverstahn ist mir in der FAZ noch nie zuvor begegnet, von Ghana ganz zu schweigen. Ich bin in einem niedersächsischen Bauernhaus bei Otterndorf aufgewachsen und kenne sehr gut das "lebendige" Knacken des Gebälks, wenn wir im Sommer am Abend nach drinnen gingen wegen der Mücken. Das waren weder als Mäuse noch als Siebenschläfer verkleidete Kritiker, sondern das Leben der Holzbalken selbst: Holz lebt, wie jeder Tischlerlehrling weiß und wie ein "Dichter" wissen sollte! Das Pendant zum "lebendigen Knacken" habe ich kennengelernt, als ich als Entwicklungshelfer in einer Wellblechhütte am Rand von Accra wohnte: Da knackt's auch gewaltig am Abend, wenn sich das Wellblech abkühlt, aber wie Pistolenschüsse: "tot", "tot", "tot"! Und das will nun also ein Dichter sein, hoch oben auf dem Parnass, aber taub für das Leben? Und taub für den Tod? Oder völlig unerfahren mit Leben und Tod, das könnte auch sein, aber dann täte er besser daran, zuzuhören, wenn Klügere sprechen. Wie völlig unerfahren Mosebach mit dem Leben offenbar ist, zeigt auch sein gänzliches Unverständnis des "Kaleidoskops der Nacht" - andere Leute machen wieder und wieder unfreiwillig die Erfahrung, dass ihnen Gedanken und Bilder wie ein Mühlrad (das Kaleidoskop muss bekanntlich gedreht werden) im Kopf herumgehen, und dass man das zumindest vorübergehend zum Anhalten bringen kann, indem man die Augen öffnet (was man allerdings nur kann, wenn man nicht eingeschlafen ist, weshalb einem die Augen auch nicht zugefallen sein dürfen, man muss sie vielmehr geschlossen haben in der – für den Erzähler vergeblichen – Hoffnung, schlafen zu können) und sich an feststehenden Dingen im Raum festhält: an Schreibtischen, zum Beispiel. Aber Mosebach fragt, was das eigentlich heißen soll! Achgottachgott! Na ja, fragen wird man ja wohl noch dürfen, oder?


Ingeborg Fahrenbach schrieb uns am 11.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Entschuldigt, wenn ich noch einmal auf Kistenmacher zurückfalle: Er schreibt: "Mit Proust zum Vergnügen versucht Bernd-Jürgen Fischer, der von 2013 bis 2016 eine Neuübersetzung von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erstellt hat, ein neues Publikum zu gewinnen." Woher kann er das wissen? Doch höchstens aus dem Nachwort? Dort aber steht: "Ich hoffe, dass Sie nun, nach diesem kleinen »Amuse-Gueule«, in Albertines Schlachteruf »Mmmm, lecker!« ausbrechen werden, wenn das Hauptgericht auf den Tisch kommt: Die Suche nach der verlorenen Zeit." Ein Versuch ist etwas anderes als eine Hoffnung:
"Ich hoffe, dass meine Mutter wieder gesund wird"
ist etwas anderes als
"Ich versuche, dass meine Mutter wieder gesund wird".
Ihr seht, ich habe von den jesuitischen Wort-Obduktionen seiner Kritiker gelernt.


Ingeborg Fahrenbach schrieb uns am 11.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

PS zu meinem Leserbrief: Dass "Kritiker" wie Moserbach oder Kistenmacker ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass ein Autor nicht groß über seine Wörter nachdenkt und sie deshalb nach Herzenslust an ihnen herummäkeln können, liegt wahrscheinlich daran, dass sie selbst nicht groß über ihre Wörter nachdenken, wie wir hier ja nun schön deutlich vorgeführt bekommen haben.


Henning Seydlitz schrieb uns am 12.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

Kistenmacher ist halt ein Soziologe, der als Literaturkritiker daherkommt.


Bernd-Jürgen Fischer schrieb uns am 18.05.2018
Thema: Olaf Kistenmacher: Die geheimen Beziehungen zwischen Leben und Werk

"Was mich als Juden an Proust noch persönlich fesselte, waren seine so außerordentlich bedeutsamen Bezugnahmen in dieser Hinsicht. Es ist ja nicht bloß ein (übrigens von Anfang an bekanntes) biografisches Faktum, dass seine Mutter aus der jüdischen Familie Weil stammte. Und was maman für Marcel bedeutete, das erfährt man, kaum dass man den Roman auf-geschlagen hat. Nach israelischem Recht hätte Proust sogar als „Jude" zu gelten. Dass er Halbjude war, wirft ein Licht auf die Möglichkeit, als Jude mit einer überwiegend nicht-jüdischen Nation zu verschmelzen, denn französischer als Marcel Proust kann wohl kein Autor sein, und von seiner jüdischen Mutter hat er Impulse empfangen, die sich in der Erinnerung des Sohnes an ihr Vorlesen aufs Schönste zeigen. Und Swann selbst, um den der erste Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit sich dreht, ist Jude, ein hochkultivierter reicher Kunstfreund, den sein Verkehr mit Adligen in keiner Weise zum Snob gemacht hat, während ein anderer Jude in Marcels Umgebung, Bloch, schon eher einige Züge trägt, die von Antisemiten im judenfeindlichen Sinne glossiert werden könnten. Aber Proust beschönigt nichts; auch konnte er die Aufrichtigkeit umso eher wagen, als die judenfeindlichen [...]" usw.
Schottländer: Deutschsein fünfmal anders. Berlin: vbb 2017, S. 69