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• Bericht zur Leipziger Buchmesse Ulrich Rüdenauer
22.3.2003 12:48
 

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Betreff Bericht zur Leipziger Buchmesse
Autor Ulrich Rüdenauer
Datum 22.3.2003 12:48
Nachricht

Leipziger Buchmesse 2003
LEIPZIG. Am Augustusplatz, umrahmt von Gewandhaus, Oper und Universität, hat sich am frühen Morgen ein einsamer Friedensaktivist mit regenbogenfarbenem Peace-Mobil in Stellung gebracht: Eingehüllt in eine ebenso bunte Fahne fungiert er als merkwürdiger Farbtupfer an diesem eher düsteren, kalten Frühlings-Donnerstag. Vor wenigen Stunden hat der Krieg begonnen. Als kurze Zeit später auf der Messe das Gerücht von einer Bombendrohung die Runde macht, ist man gänzlich in der Gegenwart angekommen. Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Der Kopf bringt augenblicklich die Bilder von „chirurgischen Operationen“ im Irak mit einer ganz akuten Terrorgefahr in Einklang. Der Krieg findet statt; an etwas anderes ist an diesem Morgen kaum zu denken.
Das Gerücht entpuppt sich zwar nicht als falscher, aber doch als falsch interpretierter Alarm: Es ist eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die in der Nähe der Messe zu einem kleinen Verkehrschaos führt und etlichen Autoren die Anreise zum draußen in Neuwiederitzsch gelegenen Messegelände erschwert. Manche Lesung verschiebt sich um mehr als eine halbe Stunde, aber die Zuhörer harren geduldig in den Lesecafés, Foren und Nischen aus. Etwa um Michel Houellebecq zu sehen und zu hören. Zurückhaltend, vielleicht ein wenig gelangweilt, wirkt er, als er endlich eintrifft und auf dem kleinen blauen Sofa in der überdimensionalen Glashalle, dem Zentrum der Neuen Messe, Platz nimmt. Houellebecq, der in seinem Roman „Plattform“ fast prophetisch die Anschläge in New York oder Djerba vorweg genommen hatte, scheint der Mann der Stunde zu sein. Dem Moderator des Gesprächs ist das Bemühen anzumerken, dem französischen Skandalautor etwas Provokantes zum kriegerischen Stand der Dinge zu entlocken. Aber Houellebecq formuliert bedächtig, wohl überlegt. Der jetzige Angriff der Amerikaner – ein paar Stunden alt – sei eigentlich gegenstandslos, denn mit dem Terrorismus Bin Ladens habe Saddam Hussein nichts zu tun. Und die Amerikaner? Solch mächtige Militärapparate müssten ab und zu Krieg führen, sonst wüssten sie nicht, ob ihre Waffen funktionierten oder nicht. Es ist kein Zynismus, der aus diesen Worten spricht, eher eine Art Einsicht ins Absurde.
Der Krieg ist der Subtext dieser Veranstaltung, die sich Leipziger Messe nennt, aber vielleicht viel mehr ein literaturfamiliärer Treffpunkt ist, viel mehr ein Lesefest als ein Marktplatz, auf dem um Rechte und Lizenzen gefeilscht würde. Zwischendurch informieren sich die Besucher immer wieder an Fernsehgeräten über den Fortgang des Geschehens, und eine junge Verlagsangestellte wundert sich, dass auf der Messe kein empörter und lauter Aufschrei gegen die USA zu hören sei. Günter Grass war es wieder einmal vorbehalten, dann doch die angemahnten markanten Worte gegen den Irak-Feldzug der USA zu finden.
Alle Diskussionen beherrscht der Krieg aber nicht. Seit geraumer Zeit debattiert man im Betrieb gern die beliebte und mittlerweile längst eventfähige Frage, wie viel Event die Literatur vertragen kann. Die Frage nach Inszenierung und Vermarktung führt auf direktem Weg zu jener nach der Krise der Literatur, der Kritik und des Verlagswesens überhaupt. Diagnostiziert wird eine mähliche Verlagerung vom Schriftlichen zum Mündlichen (Ursula März). Die Klage ist nicht neu: Längst hat die Literatur ihren Status als Leitmedium eingebüßt. Findige Strategen überlegen sich immer „innovativere“, oftmals ins Leere laufende Wege zur Literaturvermarktung: Ein wahres inszenatorisches Feuerwerk bot der MDR im letzten Jahr mit der Gala zur Verleihung des Deutschen Bücherpreises. Frei von Peinlichkeit war das nicht, und man konnte Preisträgern wie Christa Wolf die Scham anmerken, Teil einer radikalen Boulevardisierung der Literatur zu sein. Die Anbiederung an ein Massenpublikum, das eher das Fernsehballett des MDR goutiert als ein gutes Buch, sorgte für Unbehagen. „Seien Sie freundlich zu der Veranstaltung“ meinte Börsenverein-Vorsitzender Dieter Schormann denn auch bei der Eröffnungsfeier der diesjährigen Messe vorauseilend die Journalisten. Altbacken war es diesmal wieder, jedoch ohne Fernsehballett. Doris Dörrie und Peter Härtling nutzten die Gelegenheit, gegen den Krieg zu sprechen.
Ein anderes Thema dieser Messe, die zum ersten Mal seit 13 Jahren schwarze Zahlen schreibt, ist der fortdauernde Streit um die Verlegung der Frankfurter Buchmesse nach München. Frankfurter Verlage, darunter nicht die unbedeutendsten, nutzen das Forum zu einem Treffen und zur Darstellung ihres Standpunktes: Die Messe solle an ihrem angestammten Ort bleiben. Suhrkamp hatte bereits am ersten Messetag ein Flugblatt verteilt, in dem die Politik von Buchmessenchef Neumann deutlich angegriffen wird: „Die Messe aus Frankfurt zu verlegen und sie möglicherweise an einem Ort anzusiedeln, von dem niemand weiß, ob er in der derselben Weise angenommen wird, ist eine Überlegung, die an Fahrlässigkeit grenzt.“ Dieses Bekenntnis zum Standort kam fast ein bisschen spät. Inzwischen scheinen sich die Streitparteien endgültig geeinigt zu haben, selbstverständlich zugunsten Frankfurts.
Was die Leipziger Buchmesse von ihrer größeren Frankfurter Schwester unterscheidet? Sie ist ein Ort des Austausches. Sie findet am Abend und in der Nacht statt. Die vorgetäuschte Geschäftigkeit des Tages löst sich in Lesesälen und Kneipen gänzlich zugunsten der Literatur auf. Alles spielt sich auf engem Raum ab, und die Lesungen leben nicht nur von einem dubiosen Eventcharakter, sondern vielmehr von einer angenehmen Ernsthaftigkeit. Dazu gehört auch die Propagierung einer literarischen Vielfalt – vor allem osteuropäischen Literaturen wird hier die Aufmerksamkeit zuteil, die im Frankfurter Trubel ohnehin stets zu kurz kommt. So setzt sich eine Reihe mit dem Titel „Willkommen zu Hause – Europa im Übergang“ mit den östlichen Nachbarn auseinander, oder die große Prager Autorin Lenka Reinérova erzählt von ihrem bewegten Leben und ihrem Bemühen, zwischen tschechischer, deutscher und jüdischer Kultur zu vermitteln. Auch der Nobelpreisträger Imre Kertész ist zu Gast. Da wirkt die Ankündigung einer „weltweiten Bestseller-Kampagne“ des Bertelsmann-Konzerns fast wie ein banaler ökonomischer Kontrapunkt: Einen Titel – „International Book of the Month“ – möchten die Gütersloher mit erheblichem werbestrategischem Aufwand in 15 Ländern gleichzeitig als Hit platzieren.
Zwischen mehr als 700 Veranstaltungen darf sich der Leipzig-Besucher, pendelnd zwischen Stadtbibliothek, Gewandhaus oder Alter Handelsbörse, in diesen Tagen entscheiden. Ganz der Lyrik widmet sich ein Abend im Keller-Szenelokal Spizz direkt am Markt: Hier finden sonst Konzerte statt, das Publikum ist jung, die Luft zum Schneiden. Die gelesenen Gedichte werden getragen von der dichten Atmosphäre, schweben eine Weile auf dem beißenden Rauch, durch den hindurch man kaum auf die Bühne schauen kann. Es herrscht eine konzentrierte Atmosphäre, als etwa Thomas Kling im spitzen Staccato-Ton à la Karl Kraus seine sezierende Kriegslyrik vorträgt oder Gerhard Falkner auftritt oder ganz am Ende auch wieder Michel Houellebecq da ist und aus dem Dunkel auf die kleine Bühne des Spizz tritt. Lyrik solle mitten im Zentrum sprechen, sagte Joseph Brodsky einmal. Wenn Leipzig nicht für einen Moment das Zentrum ist!
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