Kulturjournal

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Betreff Zur Debatte: Finanzkrise und Kultur
Autor Thomas Anz
Datum 7.12.2008 14:39
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Der finanzielle Bankrott des Staatssozialismus am Ende der 1980er Jahre hat unsere Kultur nachhaltig verändert. Welche kulturellen Änderungen zeichnen sich zwei Jahrzehnte später nach der Krise und dem drohenden Bankrott der neoliberalen Wirtschaftsordnung ab? Hinweise und Kommentare zu den laufenden Debatten darüber sind willkommen.

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Betreff Re: Zur Debatte: Finanzkrise und Kultur
Autor Josef Bordat
Datum 8.12.2008 11:21
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Die Tendenz geht, folgt man den Veranstaltungsprogrammen der parteinahen Stiftungen, zurück zur Sozialen Marktwirtschaft, die über „mehr Staat“ (SPD), über den „ehrbaren Kaufmann“ (FDP) oder über eine Rückbesinnung auf die „katholische Soziallehre“ (Union) reanimiert werden soll.Für mich liegt die Antwort auf der Hand: Solidarität. Der dritte Weg geht nur über die Solidarität, die sich sowohl im Ursprung der Marktwirtschaft (A. Smith als Moralphilosoph) als auch im Anspruch des Sozialismus zeigt, letztlich aber nur in der Sozialen Marktwirtschaft verwirklicht wurde, die Abstand nimmt von der „unsichtbaren Hand“, ihr zumindest die „sichtbare Hand“ des Staates beistellt, aber zugleich Abstand hält von der sozialistischen Verführung utopischer Heilsversprechen. Kultureller Hintergrund ist in der Tat die katholische Soziallehre, wie sie seit dem Mainzer Manifest (1848) und der Enzyklika Rerum Novarum (1891) stets weiterentwickelt und an die veränderten Bedingungen angepasst wurde, zuletzt durch Deus Caritas Est (2005). Sie offenbart die Bedeutung der Tugenden des „ehrbaren Kaufmanns“, sie spricht von Unternehmerverantwortung (auch für die Umwelt) und vom Arbeiterfleiß sowie der Freiheit beider aller am wirtschaftlichen Leistungserstellungsprozess Beteiligten zur ungehemmten Interaktion, unter Begrenzung und Zügelung des Erwerbstriebs von Staats wegen, soweit es perverse Strukturen zu vermeiden gilt, wie sie heute durch Delegation aller Entscheidungen an den „Marktmechanismus“ bestehen. Dabei ist die Familie das Leitbild und die Gerechtigkeit das oberste Prinzip. Ausführlich dargestellt habe ich das Thema hier: http://www.katholisches.info/?p=2132Josef Bordat

 
Betreff Re: Zur Debatte: Finanzkrise und Kultur - Jürgen Habermas und seine Vision einer politischen Weltordnung
Autor Thomas Anz
Datum 26.12.2008 15:14
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Vor allem über den Mechanismus, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, empört sich Jürgen Habermas in einem der wohl lesenswertesten Beiträge zur Finanzkrise, erschienen in "Die Zeit" vom 6.11.2008. Der Zusammenbruch der Sowjetunion habe "im Westen einen fatalen Triumphalismus ausgelöst. Das Gefühl, weltgeschichtlich recht bekommen zu haben, übt eine verführerische Wirkung aus. In diesem Fall hat es eine wirtschaftspolitische Lehre zu einer Weltanschauung aufgebläht, die alle Lebensbereiche penetriert." Der wirtschaftlichen Globalisierung, so sein Postulat, hätte schon längst "eine weltweite politische Koordination und die weitere Verrechtlichung der internationalen Beziehungen folgen sollen" - im Sinn eines "dezentrierten Universalismus der gleichen Achtung für jeden".

 

 

 
Betreff Re: Zur Debatte: Finanzkrise und Kultur - Ernst-Wilhelm Händler
Autor Thomas Anz
Datum 26.12.2008 15:07
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In der F.A.Z. vom 17. Dezember 2008 hat der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler (vgl. u.a. literaturkritik.de 10/2002) einen zum Teil erhellenden, zum Teil aber auch etwas diffusen Kommentar zur Finanzkrise veröffentlicht.

Händler begreift moderne Gesellschaften als eine Ansammlung von "Kontrollprojekten", die nicht primär am Ziel der Profitmaximierung orientiert sind, sondern am Bedürfnis, vorgefunden Verhältnissen nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein, sie stattdessen also zu formen und ihnen gegenüber Autonomie zu gewinnen. Für die gegenwärtige Entwicklung moderner Gesellschaften sei es kennzeichnend, dass sich die politischen und ökonomischen "Kontrollprojekte verselbständigen, sich gegenseitig bekämpfen oder den Kontakt zueinander verlieren". Die Finanzkrise ist nach  Händlers Einschätzung das Ergebnis fehlgeschlagener Kontrollprojekte: zum Beispiel des politischen Versuchs, jeder amerikanischen Familie ein Eigenheim mit billigen Krediten zu verschaffen, oder von diversen Versuchen, sich gegenüber möglichen Zahlungsausfällen von Schuldnern abzusichern. Die Beziehung zwischen den unterschiedlichen Kontrollprojekten sei noch nicht erforscht, verfehlt sei es jedoch in jedem Fall, einem der vielfältigen politischen oder wirtschaftlichen Kontrollprojekte die Herrschaft über andere zu übertragen.

Was immer der Artikel als Konsequenz daraus konkret anvisieren mag, überzeugend ist an ihm, dass dem drohenden Zusammenbruch des Wirtschaftsystems weder intellektuell noch pragmatisch mit moralischen Kategorien wie "Gier", pathologisierenden Befunden wie "Spiel- und Gewinnsucht" oder mit der Suche nach dem individuellen Verschulden einzelner Personen oder Personengruppen angemessen zu begegnen ist. Und auch nicht mit apokalyptischen Erzählmustern, die den Zusammenbruch als gerechte Strafe und als notwendiges und willkommenes Durchgangsstadium für einen Neubeginn interpretieren.

 

 

 

 
Betreff Re: Jochen Hörisch über Glaubenskrisen nach dem Beben der Finanzmärkte und dem Erdbeben von Lissabon
Autor Thomas Anz
Datum 26.12.2008 16:19
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In der Januar-Ausgabe 2009 von Literaturen spottet Jochen Hörisch über die angebliche Weisheit der "Wirtschaftsweisen" und verweist auf einige ungleich weisere Bücher zur gegenwärtigen Finanzkrise und zu ihrer Vorgeschichte, darunter George Soros: Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft, Max Otte:  Der Crash kommt. Die neue Weltwirtschaftskrise und wie Sie sich darauf vorbereiten, Fritz Breithaupt: Der Ich-Effekt des Geldes. Zur Geschichte einer Legitimationsfigur, Ralph und Stefan Heidenreich: Mehr Geld sowie Walter Benjamins "großartige" Skizze "Kapitalismus als Religion" von 1921. Die heutige Glaubenskrise des Neoliberalismus  vergleicht Hörisch mit der nach dem Erdbeben von Lissabon: "Viele Wirtschaftswissenschaftler stehen fassungslos vor dem Beben der Finanz- und Bankenkrise, nicht anders als die Theologen im Jahr 1755 vor dem Erdbeben von Lissabon. Wie kann ein gütiger und allmächtiger Gott dies Unheil zulassen?, lautete damals die berühmte Theodizee-Frage. Wie kann der alles so herrlich regelnde freie Markt (und kein zweiter Markt war so dereguliert wie der internationale Finanzmarkt) dieses Beben, diesen Tsunami, diesen Abgrund zulassen (regelmäßig werden naturalistische Metaphern für das Chaos auf den Finanzmärkten bemüht), so lautet heute die Frage der Neoliberalen – die alle dem Ideologieverdacht aussetzen, nur nie und nimmer sich selbst."

Jochen Hörisch hat sich in etlichen Büchern und Aufsätzen mit der Kultur- und Mediengeschichte des Geldes auseinandergesetzt, u.a. in Brot und Wein - Die Poesie des Abendmahls (1992) und Gott, Geld, Medien (2004).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Betreff Re: Peter Sloterdijk über die Permanenz der Krise
Autor Thomas Anz
Datum 8.01.2009 1:10
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In einem Gespräch mit Eva Karcher, das die Süddeutsche Zeitung am 3.1.2009 veröffentichte, sinniert Peter Sloterdijk über die Herkunft des Krisen-Begriffs aus der Medizin, die Affinitäten und Differenzen zwischen der Krise eine Organismus und der Finanzkrise und erklärt: "... das Resultat der jetzigen Krise kann nur die nächste Krise sein. Das Beste, was wir erreichen können, ist eine Vertagung der Endkrise oder besser: das Außerkraftsetzen der Endkrise durch die permanente Krise. [...] Was uns bleibt, sind Maßnahmen, um lebensgefährliche Verschlechterungen des Befunds zu dämpfen oder zu verschleiern. Wir bewegen uns im Bereich der palliativen Medizin, die Symptome mildert, nicht heilt." Resultat der permananten Krise, in der man derzeit den Verlust an Vertrauen mit der Emission von Scheingeld zu kompensieren versuche, sei eine bodenlose Werte-Inflation, "die sich nicht nur auf ökonomische Güter, sondern auf sämtliche Wertskalen bezieht."

 

 

 

 
Betreff Re: Finanzkrise und Kultur der Emotionen: Burkhard Spinnen über Unternehmer als tragische Figuren
Autor Thomas Anz
Datum 10.01.2009 14:19
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Können oder sollten wir uns gescheiterte Großunternehmer wie Adolf Merckle, der sich verspekuliert und dann umgebracht hat, als tragische Figuren vorstellen? Fragt sich Burkhard Spinnen, Autor der Unternehmerbiographie "Der schwarze Grat" und eines "Phrasenführers durch die Wirtschaftssprache", in der Süddeutschen Zeitung vom 9.1.09. Scheitern, Schuld oder die "Fallhöhe" eines problematischen 'Helden' als traditionelle Bedingungen von Tragik sind bei dieser Geschichte, an der die Massenmedien uns so gerne Anteil nehmen lassen, ja vorhanden. Auch Mitleid und Furcht bei den Zuschauern? Die "Wirtschafts-Tragödie", die Spinnen in seinem Kopf spielen sieht, hat solche emotionalisierenden Qualitäten: "wirklich berührt von Furcht und Mitleid schaue ich auf den Helden meiner Tragödie, der an einem kalten Nachmittag in Richtung Schienen geht. Ich schaue auf einen, der vielleicht mehr riskiert und verbrochen hat als hundert andere zusammen und der noch mehr riskiert und verbrochen hätte, ohne sich ein Gewissen zu machen, während er es zugleich nicht aushalten kann, sich auch nur eine Handbreit von seinem Selbstbild zu entfernen."

Der Schriftsteller interpretiert den tragischen Konflikt seines "Helden" als ein Widerspruch zwischen zwei Kulturen, in denen sich Merckle bewegte: einer älteren Kultur, in der die "innengelenkten" Subjekte sich (und auch anderen) ihre Normen, Regeln und Werte autokratisch selbst setzen und das Scheitern ihrer Ziele als Schuld empfinden, und einer gegenwärtig zumal in der Welt der Wirtschaft dominanten Kultur, in der sich die Subjekte den sich rasch wandelnden äußeren Anforderungen ihrer Umwelten flexibel (oder, je nach Perspektive: opportunistisch) anpassen. Burkhard Spinnen malt sich Merckle als einen Menschen aus, der "als Repräsentant eines älteren, innengeleiteten Wirtschaftsdenkens an den Selbstverständlichkeiten der Finanzgegenwart scheitert."

Was immer man davon halten mag: Der Beitrag Spinnens ist ein Beispiel dafür, wie schon jetzt die literarischen Potentiale jener Geschichten ausgelotet werden, die die Finanzkrise heute laufend hervorbringt. Vermutlich wird der Familienroman des amerikanischen Großbetrügers Bernhard Madoff, der das Scheitern seiner Machenschaften zuerst seinen Söhnen gestand, die den Betrug dann sogleich ihren Anwälten meldeten, bereits geschrieben. Und wie schon die antike Tragödie oder nun der Artikel von Burkhard Spinnen sind die realen oder fiktiven Geschichten, die die da im Zusammenhang mit der Finanzkrise erzählt wurden und künftig erzählt werden, vor allem eines: eine Schule der Kultur unserer Emotionen im Umgang mit Tätern und Opfern. Unter welchen Voraussetzungen verdienen sie Mitleid, unter welchen sind Schadenfreude, Genugtuung über ihren tiefen Fall als gerechte Strafe für ihre Verfehlungen oder einfach nur Wut auf sie die angemesseneren Reaktionen?  Ist das öffentlich bewegte Interesse an Merckle oder Madoff schon fast ein Verbrechen, wenn es das Schweigen über die vielen namenlosen Opfer ihrer Fehler einschließt?

 

 

 

 

 
Betreff Re: Finanzkrise und Kultur: Unser Zukunftsverbrauch ist zu hoch - Hinweis auf A. Koschorke „Die vierte Etappe“
Autor Laslo Scholtze
Datum 1.02.2009 19:07
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Unbedingt empfehlenswert in diesem Zusammenhang: Albrecht Koschorke "Die vierte Etappe" (erschienen in der SZ vom 30.10.2008 und unter http://www.exc16.de/cms/fiktion-zukunft.html)

Koschorke macht darauf aufmerksam, dass wir einen Zustand global-gesellschaftlichen Entwicklung erreicht haben, an dem das Prinzip der "Abschöpfung von Gewinnen bei Externalisierung der Kosten" zusehends weniger funktioniert. Dumm nur, dass wir uns so daran gewöhnt haben.

"Der Mechanismus der Auslagerung funktioniert jedoch nur, wenn es eine Systemumwelt gibt, mit der man nachher nicht in Berührung kommt, die „draußen“ bleibt wie Schmutz vor der Haustür. Aber die globalisierte Welt hat kein solches Außen mehr, auch nicht in der Zukunftsdimension." Kann man in diesem Kontext noch ernsthaft das Mantra vom unverzichtbaren "Wachstum" weiterbeten?

Die globale Raumzeit krümmt sich in sich selbst zurück, die Rückkopplungseffekte werden immer unmittelbarer: Das gilt für unser Biosystem ebenso wie für gesellschaftliche Dynamiken im Zeichen der Globalisierung wie auch für finanzwirtschaftliche Luftnummern mit Tsunami-Potential. Der Spielraum für irrationale Exzess- und selbst für scheinbar gemäßtigte Praktiken wird enger. Vor allem auch in zeitlicher Hinsicht.

Koschorke stellt die Frage, wieweit wir uns in den "dichten Interdependenzien der globalen Wirtschaft" schon verfangen haben. Sicher scheint jedenfalls: "Zukunft lässt sich nicht mehr als vorgezogene Sozialprämie verteilen." Nicht an die globale Wall Street, nicht länger zulasten der Biosphäre, nicht auf einem Planeten, dessen Menschheitspopulation in der gewaltigen Dynamik eines exponentielles Wachstums begriffen ist.

Lehrreich auch, wie Koschorke die gegenwärtige Situation unter dem Aspekt des "Imaginären" einordnet - denn spätestens seit "der Abschaffung des Goldstandards 1971 besteht die einzige Deckung für die weltweiten Geldströme in Vertrauen – also in einem Kredit, den das System auf sich selber aufnimmt."