Expressive Notationen

Über einige Neuerscheinungen zur Typografie

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit der Einführung technischer Segnungen wie PC, Desktop-Publishing und Internet sind immer mehr Menschen im Umgang mit Schrift und Schrifttypen geübt. Trotzdem dürften Grenzen und Möglichkeiten der Typografie den meisten unbekannt sein. Zur Art und Weise, wie Typografie zur Vermittlung einer Botschaft eingesetzt werden kann, gehört erstens das Erscheinungsbild oder der Stil. Dieser ist wesentlich von Zeit und Kontext beeinflusst, aber auch vom Schriftengestalter und seinem Auftraggeber. Es gibt Fälle, in denen Typografie eine kaum wahrnehmbare, ja untergeordnete Rolle spielt, aber auch solche, in denen ein Typograf zu kreativer Hochform aufläuft und gelegentlich sogar mit dem Anspruch auftritt, "Kunst" hervorzubringen. Neben diesen Haltungen existiert zweitens ein breiter Diskurs über den praktischen Umgang mit Typografie, über ihre Lesbarkeit, über ihre Maße und ihre Formatierung - nachzulesen zum Beispiel in Eberhard Dilbas schmalem "Typografie-Lexikon".

Die geschriebene Form der Sprache ist sichtbar, die gesprochene unsichtbar. Die unterschiedliche Art, wie wir sprechen und hören beziehungsweise lesen und schreiben, ergibt sich aus den Charakteristika dieser beiden Systeme. Die Autoren von "Lust auf Schrift", einem uneingeschränkt empfehlenswerten Grundlagenwerk zur typografischen Schriftgestaltung, gewinnen aus der Darstellung der gesprochenen Sprache wichtige Abgrenzungskriterien über Form, Gestaltung und Struktur der Schrift. Auch wenn es keinen spezifischen Zusammenhang zwischen einer Sprache und ihrer Schrift gibt und sich die meisten Schriften für das Schreiben verschiedener Sprachen verwenden lassen, existieren doch Versuche, der Typografie jene Merkmale der Rede zurückzuerstatten, die sie der Umsetzung der natürlichen Sprache in Struktur und Bedeutung geopfert hatte - Elemente wie Tonhöhe, Akzent, Lautstärke, Redegeschwindigkeit, Rhythmus und Resonanz.

Einen weiteren Schritt in diese Richtung verfolgt der Band "Experimentelle Typografie". Seitdem Dekonstruktivismus und Postmoderne als typografische Schlagwörter in Mode gekommen sind, spielen typografische Konventionen wie Lesbarkeit, Verständlichkeit und funktionelle Pragmatik oft nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei den ungewöhnlich geformten Textspalten, übereinander geschichteten Informationen und der Interaktion von Schrifttypen, Bildern und Formaten geht es vor allem um das expressive Potenzial der Schrift, also die Art und Weise, wie man sprachliche Gesten bei der Präsentation von Schriftzeichen zur Erhöhung der Kommunikationsdichte einsetzt. Durch das Hinzufügen zusätzlicher Ebenen typografischer Informationen wandelt sich das Verständnis des Wortes. Wie der Kunsthistoriker E. H. Gombrich anhand der Wörter "ping" und "pong" einmal festgestellt hat: "Mit etwas Fingerspitzengefühl muss man pong ganz offensichtlich fett drucken und 'ping' in normaler Schriftstärke."

Kein Hinweis auf Neuerscheinungen zur Typografie ohne einen Rückblick auf den Godfather aller Schriften, Adrian Frutiger. Wer sich in Paris in der Metro oder im Flughafen Charles-de-Gaulle orientieren will, folgt Frutigers Beschriftungssystem. Wer in die Schweiz fährt, liest an allen Autobahnen seine Schrift. In dem wohltuend altmodisch geschriebenen Band "Nachdenken über Schrift", in dem man auch auf betulich wirkende Kapitelchen wie "Der Weidenzweig" oder "Meine Diplomarbeit" stößt, folgt Frutiger der Entwicklung der Schriftzeichen von den ersten Spuren in den Höhlen unserer steinzeitlichen Vorfahren und auf Tonplatten bis zur mittelalterlichen Kalligrafie, von der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern bis zum Entstehen der modernen serifenlosen Schriften wie der "Helvetica", der "Gil Sans" und natürlich der "Frutiger". Der zweite Teil des Buches ist den Händen, Handzeichen und Handsymbolen gewidmet, Portraits großer Schriftengestalter sowie Frutigers Lehrer Walter Käch und Alfred Willimann runden den Band ab.

Titelbild

Teal Triggs: Experimentelle Typographie. Avantgarde im Schriftdesign.
Stiebner Verlag, München 2003.
224 Seiten, 46,00 EUR.
ISBN-10: 3830712839

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Titelbild

Phil Baines / Andrew Haslam: Lust auf Schrift! Basiswissen Typografie.
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2005.
192 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 3874395936

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Adrian Frutiger: Nachdenken über Zeichen und Schrift.
Verlag Paul Haupt, Bern 2005.
248 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3258068119

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Eberhard Dilba: Typographie-Lexikon und Lesebuch für alle.
Books on Demand, Norderstedt 2005.
140 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3833425229

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