"Abrakadabra-Theologien"

Warum man Michel Onfrays Buch "Wir brauchen keinen Gott" nicht lesen muss

Von Martin A. Hainz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon in seinem - konsequenterweise selbstverliebten - Lobgesang auf Selbstliebe und Egozentrik hat Michel Onfray es unmissverständlich gesagt: Es gilt, das zumal metaphysisch überhöhte Andere nicht zu lieben wie sich selbst, so seine unchristliche Maxime.

Denn Onfray sieht sich als Freund der "Begierde nach intellektueller Autonomie" (so in der "Theorie des verliebten Körpers") und Verächter "eines vom Gesetz besessenen Denkens". Sein Hauptfeind ist also Gott, wiewohl er schreibt: "Gott habe ich in meinem Leben oft gesehen" - und das durchaus nicht nur abschätzig meint. Letztlich aber sei, so Onfray, der schon früher von einem "Atheismus in der Materie" sprach, die "Intelligenz" "a priori atheistisch", sie müsse nämlich immer und überall in Gott einen Trick erkennen, die Ungehorsamen zu zügeln, ihren Ungehorsam aber des Antriebes zu berauben - ein "Kampf gegen die Vorhaut", wie Onfray das unter anderem nennt.

Physik statt Metaphysik, das ist freilich eine abgedroschene Formel, viele der Argumente sind seit Ludwig Andreas Feuerbach und anderen formuliert und x-mal wieder aufgewärmt worden. Und mehr kann Onfray kaum bieten, der Mensch ist für Gott - also für jene, die ihn erfanden - ein Objekt der Unterwerfung, "Dummheit und Sterblichkeit" sind des dennoch gläubigen Menschen Geschick.

Berührt das indes die Transzendenz? Kaum. Es berührt insofern auch das Sein des Menschen wenig, dem nicht mehr zugemutet wird, in Distanz zu seinem und des Seins Fatum zu agieren. Die Freiheit Onfrays endet, wo das, was an sich ist, seine Macht zu scheinen hat. Die Rede vom "Atheismus in der Materie" ist vorkantianisch, wie es fast alles in diesem Buch ist. Gott, Sein, Vernunft, Glaube - hier ist alles an sich. So behauptet Onfray, es sei eine Vernunft per se ohne Wertsetzung, ein Glaube aber nur Wertsetzung, eine "Abrakadabra-Theologie"; beides freilich ergibt Unsinnigkeiten, die Onfray dann aber nur am Glauben freilegt, und zwar so, als sei sein Konstrukt desselben deckungsgleich mit der Natur des Glaubens, die dieser als strikte Nicht-Natur freilich nicht einmal hat.

Der Glaube sähe beispielsweise die Bibel so an, als sei sie "direkt von Gott"; doch längst ist seitens der Theologie gesagt worden: "Die Bibel ist kein vom Himmel her diktiertes Buch [...]. Um die Aussageabsicht der Hagiographen [...] zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarische Gattung zu achten." Das ist bei Franz Kardinal König zu lesen, bei Karl Rahner und Herbert Vorgrimler ("Kleines Konzilskompendium"), und auch Benedikt XVI. hat es gesagt. Die Bücher sind gerade auch für den Glaubenden entgegen Onfrays Darstellung nicht "vom Himmel gefallen".

Systematisch werden problematische Rezeptionsweisen mit Glauben und Gott an sich vertauscht, wobei die reißerische Übersetzung den unguten Eindruck verstärkt, indem sie aus "Traité d'athéologie" den Titel "Wir brauchen keinen Gott" macht.

So werden die Juden (!) mit Onfrays pesudo-historisierender Formel zu den Erfindern des Genozids: "Du als Jude sollst keine Juden töten." Assmanns Darstellung der Vertragssprache, die rudimentär manchen Bibeltext noch prägt und mit einer Rhetorik der Gewalt kontaminiert, war da differenzierter - und noch ihr wurde Antisemitismus unterstellt.

Und wenn keine Rezeptionsweise im Blickpunkt steht, so erscheint der Text als einer, der an sich - als sei er nun doch vom Himmel gefallen - Sinn geben müsste; schon Karlheinz Deschner schrieb ja, in den Heiligen Schriften seien "so viele Widersprüche, Legenden, Sagen, soviel sekundäre Gemeindebildungen und Redaktionsarbeit, [...] so viele Ungereimtheiten, Unsinnigkeiten, die alle [...] von vielen noch ernstgenommen werden". "In Anbetracht dieses chaotischen metaphysischen Sammellagers, wo sich für jede dieser unzähligen Wahrheiten sofort eine Gegenwahrheit findet", geht auch Onfray davon aus, hier sei nichts zu gewinnen, die Betrachtung von Kontexten und dergleichen nur "eine Sophisterei".

Wenn dem so wäre, dass die Bibel das Beliebige provoziert, so wäre das immerhin ein Befund, der zu verfolgen wäre, doch daran scheitert der Verfasser, weil er das Laute, Unscharfe bevorzugt. Schließlich bleibt er nicht einmal bei jener These, wenn er Adolf Hitler kurz darauf nicht nur als Bewunderer, sondern einen Getreuen des nun doch nicht beliebigen Christentums bezeichnet. Das - strukturell schon hanebüchene - Argument hierfür, dass ja "die katholische Kirche im Dritten Reich keinen Verfolgungen ausgesetzt war", ist auch in der Sache nicht richtig. Davon einmal abgesehen, dass die Gleichung Christentum = Katholizismus nicht aufgeht, bleiben hier doch die Fakten unbeachtet: "Durch die Zerstörung von Klöstern, Kirchen, Moscheen und Synagogen sowie durch die Plünderung ihres Eigentums verhöhnten die Hitler-Eindringlinge in sadistischer Weise das religiöse Volksempfinden. Diese gotteslästerlichen Verbrechen wurden überall auf allen Gebieten ausgeübt, die unter deutscher Kontrolle standen. Soldaten und Offiziere organisierten blutige Orgien an den zum Gottesdienst bestimmten Stätten, brachten Pferde und Hunde in Kirchen unter, zogen sich Kirchengewänder an und stellten Schlafstellen aus Heiligenbildern her."

Das ist den Unterlagen zum Nürnberger Prozess zu entnehmen, auch der blanke Zynismus, dass insbesondere derlei "Scheußlichkeit [...] am Weihnachtstage stattfand". Die Kirche und der Papst protestierten denn auch, und zwar gegen die Ideologie Hitlers insgesamt: "Wer einen Unterschied zwischen Juden und anderen Menschen macht, glaubt nicht an Gott und befindet sich in Widerstreit zu den göttlichen Geboten", verkündete der damalige Papst, Onfray indes schreibt unverdrossen und letztlich dümmlich vom "Christ(en) Hitler". Die Priester und Laien des christlichen Glaubens "haben um ihres Glaubens und ihres Berufes willen unsägliche Leiden erduldet": "In einem Falle ging der Haß der Gottlosen gegen Christus so weit, daß sie an einem internierten Priester mit Stacheldraht die Geißelung und Dornenkrönung unseres Herrn nachgeäfft haben", wusste man beim Nürnberger Prozess.

Onfray schreibt an all diesen Umständen vorbei - und so schlampig hier die Recherche ist, so lückenhaft sind auch die logischen Schlüsse, wo er sich zu etwas Derartigem bequemt.

Bezeichnend ist schon in der Einleitung die Schilderung des - sinnlosen? - schlechten Gewissens eines frommen Mannes, der mit überhöhter Geschwindigkeit ein Tier mit seinem Auto überfuhr. Onfray repliziert, man könne "doch nicht für all das, was einem passiert, zur Verantwortung gezogen werden"; das gilt offenbar fürs Autofahren wie fürs Denken und Schreiben: Denn Onfray akkumuliert in seinem Buch intellektuelle Fahrlässigkeiten, spektakuläre Halbwahrheiten und eine zum Dogmatismus verkümmerte Pseudo-Libertinage.

Das ergibt ein Buch, das weder wichtig noch auch nur interessant geheißen werden kann. Es ist im Gespräch? - Das wird sich sicher geben.


Titelbild

Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss.
Übersetzt aus dem Französischen von Bertold Galli.
Piper Verlag, München 2006.
320 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3492048528

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