Die Illusion des freien Willens

Sergej Lukianenkos "Wächer der Nacht"-Zyklus wird immer seltsamer - und immer besser. Eine Bestandaufnahme nach dem dritten Band: "Wächter des Zwielichts"

Von Stefan MeschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Mesch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

I.
Harry Potter macht sich Sorgen um seine Zukunft. Kein Wunder: Er weiß nicht, dass seine Geschichte pünktlich zum Abschluss seiner siebenjährigen Ausbildung im Internat Hogwarts enden wird. Und wahrscheinlich wird er in den letzten Kapiteln (und Schultagen) auch größere Sorgen haben als die Berufswahl. Doch Harry hat bereits einen Plan: Er will - trotz mieser Noten - Beamter werden. Angestellter des streng geheimen Ministeriums für Zauberei, genauer: Auror. Eine Art Kampfmagier/Detektiv/Geheimagent/Anti-Terror-Spezialist, ein Mann fürs Grobe also. Hoffen wir, dass dieser Handlungsstrang nicht auserzählt wird. Oder, falls doch, uns zumindest die weniger mondänen Seiten von Harrys Job erspart bleiben: das altgewordene Wunderkind beim Ausfüllen seiner Spesenabrechnungen oder beim alljährlichen Betriebsausflug. Moderne Zauberer dürfen ruhig krankenversichert sein - doch dem Bösen kommt man nun mal selten mit dem Steuergesetzbuch bei.

Sergej Lukianenko sieht das anders: Der russische Fantasy-Autor ist ein wenig dicklich, trägt einen schlimmen Schnurrbart und aus der Mode gekommene Polohemden und raucht gern Pfeife. Er ist ein Normalo, durch und durch. Und das färbt auf seine Figuren ab: vor allem auf Anton Gorodetzki, den Protagonisten der in Russland extrem erfolgreichen "Wächter"-Reihe. Anton ist um die dreißig, lebt allein, und hört lauten, pathetischen Russenrock, wohin auch immer er geht. Anton ist Beamter, Angestellter der streng geheimen Moskauer "Nachtwache". Genauer: System-Administrator. Er hat magische Fähigkeiten, aber nur sehr mittelmäßige. Deshalb schaut er zwar Vampiren, Hexen und Werwölfen auf die Finger, aber er bekämpft sie nicht. Falls die Finsterlinge einen Menschen töten oder Flüche verhängen, für die sie keine Erlaubnis haben, reicht Anton eine Beschwerde ein. Denn alle Beteiligten des epischen Konflikts in "Wächter der Nacht", "Wächter des Tages" und dem jüngst erschienenen "Wächter des Zwielichts" sind nicht nur Zauberkundige, sondern vor allem Angestellte. Und wenn sie sich Blessuren zuziehen bei ihren Duellen, dann werden sie zur Kur geschickt. Auf Betriebskosten.

Durch diesen ungewohnten Fokus entfaltet Lukianenkos "Wächter"-Serie etwas, das dem Fantasy-Genre oft fehlt: Alltäglichkeit, eine Art Erdung. Die Welt der Berufstätigen eben, in all ihren moralischen Graustufen - aber auch in all ihrer Banalität. Anton und seine Kollegen führen nicht das klassische Doppelleben von Superhelden, bei denen der Part des braven Bürgers bloße Fassade bleibt. Nein, die "Anderen" zahlen Miete, beziehen Gehälter und lästern in der Mittagspause über den Chef. Das Einzige, das sie von Durchschnittsmenschen unterscheidet, ist ihre Fähigkeit, ins "Zwielicht" einzutreten, einen Astralraum, der sich hinter der sichtbaren Welt verbirgt. Dort ist es kälter, die Zeit vergeht langsamer, und alles erscheint abstrakter als an der Oberfläche. Und genau hier werden sie ausgetragen, die Auseinandersetzungen zwischen den "Lichten" und den "Dunklen".

Die Fähigkeit, ins Zwielicht einzutreten, ist angeboren, aber nicht vererbbar; der erste Eintritt findet meist erst in der Pubertät statt. Dann entscheidet sich, auf welcher Seite ein Anderer stehen wird: die Lichten beziehen ihre Kraft aus positiven Gefühlen, wollen heilen, helfen, die Welt nach ihren Wertvorstellungen formen. Die Dunklen stellen ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Doch beide sind an den "Großen Vertrag" gebunden: Für jede lichte Intervention muss es einen dunklen Ausgleich geben und umgekehrt. Zum Beispiel darf ein Vampir nur per Lizenz auf Menschenjagd gehen. Der Name des Opfers wird vorher von der Nachtwache ausgelost. Und auch die Dunklen haben ihre eigene Behörde: die Tagwache. Die beiden Wachen suchen Lücken in diesem System, stellen sich Fallen, manipulieren einander. Ihre Tricks erinnern eher an Machiavelli als an den "Herr der Ringe". Der Krieg, in den sie verstrickt sind, ist ein ausgesprochen kalter.

Gut gegen Böse, bei Lukianenko heißt das: Dogmatik gegen Leidenschaft, Masse gegen Individuum, Altruismus gegen das Recht des Stärkeren. Eine komplexe Dichotomie, die auch von den Figuren selbst ständig in Frage gestellt wird. Und die ganz bewusst mit dem Spannungsfeld Kapitalismus vs. Kommunismus arbeitet: "Manche glauben, wir, die Dunklen, seien böse", erzählt eine Hexe zu Beginn von "Wächter des Tages". "Doch wir sind nur gerecht. Stolz, unabhängig und gerecht. Und treffen unsere Entscheidungen selbst." Klar: Solche Phrasen dreschen auch die Diktatoren in James-Bond-Filmen oder laszive Vampirellas bei Anne Rice. Doch Lukianenko gelingt es, Sophismen aus dem Weg zu gehen: Das dünne Eis, auf dem das Licht und das Dunkel ihre Ideologien aufgebaut haben, ist kein selbstgerechter rhetorischer Kniff, sondern das erzählerische Rückgrat der kompletten Buchreihe.

Manchmal scheint es sogar, als hätten die konkreten Geschichten, in denen die Angestellten beider Wachen verwickelt sind, rein illustrativen Charakter: Was zählt, ist das moralische Dilemma. Und, wie es in den Figuren fortwirkt. Natürlich haben viele Fantasywelten diesen gesellschaftskritischen Charakter, mit dem sie auch als Parabeln gelesen werden können: die christliche Symbolik aus "Narnia" zum Beispiel, oder die Verweise der "Star Wars"-Prequels auf den Niedergang der Weimarer Republik. Lukianenko indes geht noch ein, zwei Schritte weiter. Mitunter sogar zu weit: Statt souveräne Helden durch einen flotten Spannungsbogen zu hetzen, gibt er seinen überforderten Beamten so viel Zeit, Muße und vielsagend in die Handlung eingeflochtene Depri-Songtexte, bis auch dem Dümmsten klar ist: In Lukianenkos Moskau ist der freie Wille eine Illusion, Erlöser und Demagogen nehmen sich nicht viel, und einfache Lösungen gibt es nicht. Eine bedrückende Prämisse: Sogar in den meisten Sartre-Stücken wird häufiger gestorben und weniger gehadert als in Lukianenkos Romanserie. Und Wächter Anton würde sich auch bei Kafka oder Dostojewski nicht viel beklommener fühlen als im Büro seines Chefs.

II.
Alle drei in Deutschland erschienenen Romane bestehen aus jeweils drei in sich geschlossenen Episoden. Die meisten dieser Episoden stellen Anton in den Mittelpunkt, doch die Atmosphäre variiert sehr stark: Es gibt Krimi-Plots und Thriller, Kammerspiele und großes Kino. Mal steht nur das Leben eines Kindes auf dem Spiel, dann wieder halb Moskau. Anton ermittelt undercover, wird für Verbrechen angeklagt, die er nicht begangen hat, oder muss in einem fahrenden Zug einen Verräter entlarven. Dazwischengestreut sind Trinkgelage auf einer Datscha oder Urlaub mit der Familie. Und viele humoristische Einlagen, zum Beispiel ein magischer Körpertausch, der etliche sexuelle Komplikationen nach sich zieht. Die Reihe "Wächter der Nacht" ist kein überdrehter Pastiche. Aber die Serie bleibt spielerisch und - im Rahmen des Genres - sehr nüchtern. Im Grunde sogar so unaufgeregt und charakterzentriert, dass man auch noch nach drei Bänden eigentlich keine Ahnung hat, wer oder was "die Welt ins Chaos zu stürzen droht", wie der hochdramatische Klappentext geifert. Während der bisherigen 1500 Seiten Nachtschicht ging bisher eigentlich nur eines zu Bruch: Antons Berufsethos.

Und hier beginnen auch die Probleme: Lukianenkos "Wächter" leiden nicht nur unter gewöhnungsbedürftigem Timing, sondern auch unter sehr verwirrender PR und etlichen Unklarheiten, was die Veröffentlichungen angeht. Zum Einen gibt es die Verfilmung "Nochnoj Dozor" - auch in Deutschland sehr erfolgreich - ein Action-Horror-Spektakel mit feschen Computertricks und wirrer Handlung. Im Film liegt das Schicksal der Anderen in den Händen eines Kindes, das sich - ganz wie Anakin Skywalker - entscheiden muss, auf welcher Seite es steht. Im Buch ist der Junge nur eine Nebenfigur. Und entweder, die Filmreihe (mittlerweile ist der dritte Teil in Arbeit) verfolgt eine völlig eigene Geschichte, oder Lukianenko verdirbt den Lesern gerade ihren Spaß, indem er auf der Leinwand Geheimnisse ausspielt, die in der Romanserie immer noch ausstehen. So oder so: Was sich hier in zwei Medien zeitgleich entwickelt, birgt immenses Verwirrungspotenzial. So schildert zum Beispiel der zweite Film, "Wächter des Tages", eine lose Interpretation der Episoden Nr. 2 und Nr. 3 aus Buch Nr. 1, "Wächter der Nacht" und hat mit dem gleichnamigen Buch "Wächter des Tages" überhaupt nichts zu tun.

Damit nicht genug: Die Romanserie wurde bislang als Trilogie vermarktet, findet aber im jüngst erschienenen Band, "Wächter des Zwielichts", keinen Abschluss. Keinen befriedigenden jedenfalls. Im Kleinen geschah das bereits bei den einzelnen Episoden innerhalb der Bände: Sie hinterließen regelmäßig einen schalen Nachgeschmack. Denn erst spätere Episoden lieferten die nötigen Hintergründe, um ihre ganze Tragweite zu begreifen und werteten sie damit immens auf. So ist Episode Nr. 1 aus Band Nr. 3 für sich genommen ein schlechter Witz, bis die beiden folgenden Episoden ihr plötzlich Brisanz verleihen. Auf einem höheren Level bedeutet das, dass Band Nr. 3 auch in seiner Gesamtheit extrem schwach ist. So lange jedenfalls, wie die läppische "Auflösung" für sich alleine stehen muss, nicht enthüllt wird, was wirklich verhandelt wurde.

"Es gibt weder Licht noch Dunkel in reiner Form", bekommt der eh schon arg desillusionierte Anton an einer Stelle zu hören. "Die beiden Wachen sind doch letzten Endes wie die Demokraten und die Republikaner in den USA. Sie streiten sich, hetzen gegeneinander - und treffen sich abends zur Cocktailparty." Anton bleibt trotzig: "Noch ist nicht Abend" - "Es ist immer Abend", entgegnet man ihm. Fragt sich, wie lange noch: Heyne verweist auf Band 4, "Wächter der Ewigkeit", als direkte Fortsetzung. In Russland erschien dieses Buch, auch "Final Watch" genannt, erst 2005. Und ist, halbseidenen Internet-Quellen zufolge, zwar das abschließende "Wächter"-Buch, aber dennoch ein alleinstehender Roman mit ganz anderen Protagonisten. Ob damit die Geschichte beendet werden kann? Und ob Lukianenko das überhaupt will? Buch für Buch lässt er diesen Erzählkosmos weiter aufquellen. Mit welchem Ziel? Einer Cocktailparty, sobald alle einsehen, dass die Machtspielchen nur Scheingefechte sind?

III.
Die bisher beste Geschichte der gesamten Reihe hat wenig mit Nachtwächter Anton zu tun. Sie stellt eine junge Dunkle in den Mittelpunkt, die sich verausgabt hat und zur Regeneration auf die Krim fährt, um Kinder in einem ehemaligen Pionierlager zu betreuen. 200 lange Seiten dreht sich alles um die Hoffnungen und Ängste einer Magierin, die in der eigentlichen "Wächter"-Mythologie kaum eine Rolle spielt. Erzählt in einer unaufgeregten, meditativen, fast lyrischen Sprache - der Text könnte ebenso gut von Birgit Vanderbeke stammen, in all seiner Privatheit und Introspektion: feinste Fräuleinwunderprosa aus Russland, die die Welt der Wächter ungemein bereichert. Dem großen Ganzen aber kaum etwas nutzt.

Das ist die große Eigenart dieser Romanserie - und ihre größte Schwäche: Lukianenko hat einen Kosmos mit ganz eigenen Regeln geschaffen, ein innovatives Magiekonzept, eine freche, am Realen orientierten Historie, und eine vielschichtige Mythologie. Seite für Seite ist überdeutlich, wie hingerissen er vom Potential dieser Welt ist. Und von der Dynamik seiner Figuren: Er baut sie auf, spielt sie gegeneinander aus, nimmt sie aus dem Spiel und lässt sie dann unvermittelt zurückkehren. Die "Wächter"-Serie liest sich, als würde ihr Autor gegen sich selbst Schach spielen. Und viel zu fixiert sein auf die Täuschungsmanöver und Rochaden, die er dabei aufbaut, als dass ökonomisches Erzählen noch eine Rolle spielt.

Lukianenko arbeitet mit Episoden, und die Grundfrage ist stets: "Was wäre, wenn..?". Diese Fragen werden nach und nach immer größer, globaler: "Was wäre, wenn die Menschen von der Existenz der Anderen erfahren könnten?", "Was wäre, wenn jeder Mensch ein Anderer sein könnte?", "Was wäre, wenn es keine Anderen mehr gäbe?" Und immer wieder: "Was ist das Zwielicht? Was wäre, wenn es eine zweite Schicht gäbe? Eine dritte?" Eine der Figuren hat mittlerweile einen Tauchgang in die fünfte Schicht hinter sich (verrät uns aber nicht, welche Ungeheuerlichkeit sie dort entdeckt hat). Band Nr. 4 soll sich um Schicht Nr. 7 drehen. Aber statt mit solchen Rätseln auch die Fronten zwischen den Figuren zu verhärten, weiß bald niemand mehr, gegen wen er eigentlich kämpfen soll - und für welche Werte er dabei eintritt.

System-Administrator Anton ist pragmatisch geworden: Er hat keine falsche Ehrfurcht mehr vor den Ränkespielen seines Chefs, die Sophismen der anderen Anderen - Lichte wie Dunkle - widern ihn an. Doch einen Gegenentwurf hat er nicht, und auch Enttäuschung oder Bitterkeit hat er längst hinter sich gelassen. Vielleicht trägt Anton längst einen Schnurrbart und Polohemden und raucht Pfeife. Er ist ein Normalo geworden, dem Kapitalismus und Kommunismus mittlerweile gleichermaßen suspekt sind, und ein Anti-Terror-Spezialist, den man auf Einsätzen noch immer darauf hinweist, dass er sich seine Überstunden ausbezahlen lassen kann.

Und dann gibt es da diese Buchcover: die russischen Originalausgaben mit greller Schrift und Airbrush-Babes, denen blaue Energiestrahlen aus den Händen schießen, während im Hintergrund riesige Eisbären oder Krötenmonster zum vernichtenden Schlag ausholen, und Anton - ganz Sturmfrisur und Trenchcoat - eine Neonröhre von sich streckt, als sei sie ein Lichtschwert. Das sind dann die Momente, in denen man sich fragt, was man da gerade eigentlich liest, wo es hinführen soll, und ob man nicht im Begriff ist, einem schrecklichen Irrtum aufzusitzen. Lukianenkos Romane sind großartig, so lange sie sich ständig selbst auf den Kopf stellen, alles negieren, sich verzetteln, in alle Richtungen wuchern und dabei immer unklarer werden. Aber was, wenn Anton Stellung beziehen muss, zu der Welt, in der er lebt? Wie groß ist die Gefahr, dass sich Lukianenkos Moskau auf den letzten Metern (sei es in "Wächter der Ewigkeit" oder erst fünf, sechs herrlich sperrige Folgebände und Spin-Offs später) doch noch in Hollywood verwandeln wird? Jemandem, der solche Cover-Illustration angemessen findet, ist alles zuzutrauen!

"Du bist allein, hast keine Feinde mehr / Und stehst verloren in den Trümmern nun. / Der Himmel drückt dir auf die Schultern schwer; / Was bleibt in dieser Wüste noch zu tun?", plärrt Antons Minidisc-Player. "Weitermachen", will man da antworten. "Einfach weitermachen." Harry Potter wird das noch lernen müssen. Anton Gorodetzki und sein Autor haben es längst begriffen. Und, hey, wenigstens sind sie krankenversichert! Wesentlicheres vom Leben zu erhoffen hieße, an Lösungen zu glauben. Und wäre wohl einfach zu viel verlangt. Zumindest für Menschen, die schon hoffnungslos fest im Berufsleben stecken.


Titelbild

Sergej Lukianenko: Wächter der Nacht. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2005.
526 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-10: 3453530802

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Titelbild

Sergej Lukianenko: Wächter des Tages. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2006.
526 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-10: 3453532007

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Titelbild

Sergej Lukianenko: Wächter des Zwielichts. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2006.
479 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-10: 3453531981

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