Philosophischer Atheismus

Michel Onfray verkennt die Funktionalität von Religion

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit einiger Zeit gilt es wieder als modern, von Religion zu reden. Schien es jahrzehntelang ausgemachte Sache, dass der Übergang zu einer modernen Gesellschaft gleichzeitig Säkularisierung bedeute, so macht sich vielerorts eine überwunden geglaubte Sehnsucht nach metaphysischen Gewissheiten breit. Dabei haben weniger diejenigen religiösen Richtungen Erfolg, die sich oberflächlich gewissen Mindeststandards von Rationalität und Toleranz angepasst haben. Mit Päpsten wie Johannes Paul II. und Benedikt XVI. werden gerade Fundamentalisten populär; und die größte innerchristliche Konkurrenz erwächst dem Katholizismus nicht durch eine relativ aufgeklärte, wissenschaftlich historisierende Lesart der Bibel, wie sie im deutschen Protestantismus dominiert, sondern durch noch fundamentalistischere Evangelikale etwa in Lateinamerika oder Afrika.

Durch Gewaltverbrechen macht insbesondere der Islam von sich reden. Ob Taliban oder Al Quaida, dem Fanatismus scheint kaum eine Grenze gesetzt. Der Auftritt eines enthemmten Pöbels anlässlich ein paar harmloser Zeichnungen, die den vorgeblich heiligen Propheten Mohammed zeigten, bewies, dass die Haltung der Terroristen auch die einer großen Anhängerschaft ist. Das alleine nun ist wenig verwunderlich: Die islamische Welt, mit der unvermeidbaren Moderne konfrontiert, hat sich dem Fortschritt noch nicht genügend angepasst. Wie früher in anderen Weltteilen, entstehen daraus notwendig Konflikte, deren Ursachen und Frontlinien gerade den Beteiligten am wenigsten einsichtig sind. Darum wird, was tatsächlich ein Konflikt zwischen Entwicklungsstufen innerhalb einer Gesellschaft ist, essentialistisch bemäntelt: Man meint dann einen Konflikt der Kulturen oder der Religionen zu erkennen, wo doch ein Übergang von den Normen einer rasch veraltenden Stammeskultur zu denen einer Industriegesellschaft ausgefochten wird.

Bedenklich sind nun nicht die Illusionen der Beteiligten; die bewegen sich im Rahmen des historisch Üblichen. Zeichen einer Krise ist vielmehr, dass auch in den fortgeschrittenen Gegenden die Lage nicht mehr überschaut wird. So geht die Rede von einem Kampf der Kulturen; ein gedanklicher Totalitarismus, der die konfliktbeladenen Einzelnen in je bestimmten Weltgegenden umstandslos zu Marionetten einer vagen geistigen Grundordnung erniedrigt. Die Religion, die kaum mehr als ein Katalysator des Widerstands gegen eine notwendige Erneuerung ist, wird nicht als Teil des Problems gesehen, sondern als Teil der Lösung. Dementsprechend ernstgenommen werden Leute, die in Beirut Autos anzünden, weil in Kopenhagen ein paar Karikaturen gedruckt wurden. So führten die Krawalle anlässlich der Mohammed-Karikaturen zur irrsinnigen These, dass nun auch der Westen die Scheu vor dem zum heilig Erklärten wieder lernen solle.

Das ist die religiöse Krise der Gegenwart: dass vor etwas, das willkürlich zum Tabu erklärt wurde, wieder Respekt zu empfinden sei. Klarheit verspricht in solcher Lage nur die Überwindung religiös bedingter Denkverbote. Dankbar nimmt man daher zur Kenntnis, dass in Frankreich ein "Traité d'athéologie" des Philosophen Michel Onfray zum Bestseller wurde und nun unter dem deutschen Titel "Wir brauchen keinen Gott" vorliegt.

Leider bleibt Onfray unter dem notwendigen Niveau einer fundierten Religionskritik. Auf den 300 Seiten seines nur wenig gegliederten Essays gegen die drei großen monotheistischen Religionen geht allerhand durcheinander. Neben manch gelungener Bosheit und interessanten historischen Hinweisen auf jüdische, christliche und islamische Untaten finden sich vielfach haltlose Übertreibungen, die der Sache eher schaden. Ein Beispiel, für ein vorgeblich jüdisches Verbrechen: "Wenn der Jude Ariel Sharon den palästinensischen Sheih Yassin, der sich wegen seiner Behinderung nicht sonderlich wehren kann, umbringen läßt, wird Jahwe nicht beleidigt, denn der Mord geschieht ja in seinem Namen." Nun machte sich Yassin als Anführer einer sich religiös legitimierenden Terrorgruppe selbst zum militärischen Ziel; und die Annahme, dass die Bekämpfung von Terroristen nach den Ehrenregeln eines Duells im Morgengrauen zu geschehen habe, ist kurios. Ariel Sharon, ein säkularer Politiker, hat nicht als Jude, sondern als israelischer Ministerpräsident einen Angriff befohlen, der auch nicht im Namen Jahwes, sondern im Interesse des Staates Israel und seiner Bevölkerung ausgeführt wurde.

Ähnlich ungenau verfährt Onfray an zahllosen Stellen seines Essays. Seine Gegnerschaft lässt jede Differenzierung schwinden, ob eine Handlung aus religiösen Gründen oder von Gläubigen aus anderen Gründen ausgeführt wurde. Absurd ist es etwa, wenn er die heutige Rechtssprechung, die von der Verantwortlichkeit und damit Strafmündigkeit des Täters ausgeht, auf die Figur des zu strafenden Sünders aus der Genesis zurückführt. In anderen Weltgegenden gab es Gerichte und Strafen, lange bevor das Christentum dort bekannt wurde; und die Fixierung auf Reinheit, die Onfray den Monotheismen vorwirft, kennt der Buddhismus nicht weniger.

Generell sucht Onfray seine Gegner dort zu treffen, wo sie schwach sind: Die angeblich heiligen Bücher etwa sind Zusammenstellungen von Menschenhand und von der buntesten Widersprüchlichkeit. Das Streben nach Erkenntnis, soweit sie die materielle Welt und nicht die selbst geschaffenen Probleme der Göttlichkeit angeht, wird diffamiert. Die Rollen, die die Religionen Frauen zudenken, sind milde gesagt skandalös. Der Körper und vor allem die Sexualität werden verteufelt oder doch mindestens zu einer freudlosen Funktionalität reduziert: Man geht nicht aus Spaß ins Bett, sondern um das Volk des jeweiligen Herren zu vergrößern.

Soweit ist das richtig, und doch unzureichend erkannt. Onfray denkt als moralischer Kritiker einer schlechten Realität, doch nicht als Sozialhistoriker und schon gar nicht als Analytiker von Macht. Eine möglichst große Kinderzahl war in Zeiten hoher Säuglingssterblichkeit und vor Entstehung des modernen Staats sinnvoll: zwecks Altersversorgung und zur Kriegstüchtigkeit einer Sippe, die auch mit Verlusten rechnen musste. Hier scheint das praktisch Notwendige nur noch einmal religiös legitimiert, und das gegenwärtige Problem besteht darin, zu einer aktuell funktionalen Familienplanung überzugehen. Wurden Frauen jahrtausendelang diffamiert, so hat doch der Katholizismus neben Eva als Ursünderin auch Maria als Kultfigur etabliert. Eine solche Doppelstrategie, wie auch eine Politik der Feste und Feiern, bei denen Sexualität kontrolliert entfesselt wird, begründen den Erfolg des Christentums weit mehr als die strengere theoretische Feindschaft gegen den Leib.

Das gilt auch für die Wissenschaft. Onfray hebt hervor, wie erkenntnisfeindlich die Monotheismen sind und müsste doch zumindest kurz erklären, weshalb Europa und Nordamerika im letzten Halbjahrtausend zu den Zentren der Wissensentwicklung wurden. Die Antwort findet sich prägnant etwa bei Bertolt Brecht, im "Leben des Galilei". Der neue Papst, früher selbst Wissenschaftler, will den Forscher, der die Sonne in den Mittelpunkt stellt, nicht verfolgen und sagt ganz logisch: "Man kann nicht die Lehre verdammen und die Sternkarten nehmen." Der Inquisitor entgegnet knapp: "Warum nicht? Man kann nichts anderes."

Dieses Zwiedenken, die reine Lehre zu verteidigen bei äußerster Flexibilität im Praktischen, ist die Quelle stabiler Macht. Wenn sich aus den heiligen Schriften beliebige Handlungen begründen lassen, ist das noch von Vorteil. Onfray als Philosoph wie als Philologe hat das verdiente Nachsehen gegenüber den flexiblen Deutern, die ihre Position verteidigen. Paradox genug, nimmt Religion, wo sie über lange Zeit erfolgreich ist, sich stets zurück, liefert sie aus einem Sammelsurium verfügbarer Ideologeme das gerade probate Stichwort.

Damit aber ist nur die gesellschaftliche Rolle des Klerus gesichert. Die Priester aber, gerade in ihrer erfolgreichen Flexibilität, reduzieren sich zum Sprachrohr der je vorherrschenden Strömung. Wenn dagegen Onfray in verständlichem Zorn Verantwortliche dingfest zu machen sucht, personalisiert er hilflos. So schreibt er über Paulus' Missionstätigkeit, die er etwas gewagt auf dessen gestörtes Sexualleben zurückführt: "Überall sorgte er für neue Infektionsherde, und so griff Paulus' Krankheit in kurzer Zeit auf den gesamten Körper des römischen Imperiums über." Nicht nur, dass sich Onfray hier einer Krankheitsmetaphorik bedient, die dem Reinheitswahn, die er sonst dem Monotheismus zuschreibt, bedenklich nahe steht; vor allem gibt es jederzeit Sektierer genug, die mit ihren Weltrettungsideen zu missionieren versuchen. Weshalb gerade Paulus so erfolgreich war, verdiente eine genauere Betrachtung als die auf seine Person fixierte Polemik, die allein Onfray einfällt.

Allerdings eignet sich Paulus in seiner Feindschaft gegen das Denken und den Leib als den wesentlichen diesseitigen Genüssen vortrefflich als Beleg für Onfrays These für die Todesfixiertheit der Monotheismen. Sein Gegenbegriff ist folgerichtig das Leben; was aber dieses Leben ausmachen könnte und wie dieser Begriff des Lebens für alle oder doch für viele bestimmend werden könnte, das bleibt ungenau. Die dreißig Seiten des Schlussteils "Für einen postchristlichen Laizismus" zeigen die Nähe von Islamismus und Faschismus und bringen einige Kritik an einem älteren Laizismus, der christliche Normen nur noch einmal weltlich begründe. Ein einziger Schlussabsatz plädiert dann vage für die "Philosophen der Lebensfreude", ohne zu verraten, wie sie sich denn durchsetzen könnten.

Eine zuvor skizzierte "Moral, für die der Körper keine Strafe mehr ist, die Erde kein Jammertal, das Leben keine Katastrophe, das Vergnügen keine Sünde, die Frauen kein Fluch, die Intelligenz keine frivole Anmaßung und die Wollust kein Grund zur Verdammnis" mitsamt einer Politik, die "der Lebenslust huldigt", wäre in der Tat wünschenswert. Doch kein Wort fällt darüber, wie eine solche Welt zu erreichen ist. Eine zentrale Frage, den Weg betreffend, ist die nach der Gesellschaftsordnung. Der Kapitalismus ist laut Onfray "zügellos kommerziell, am Konsum ausgerichtet, Produzent wertloser Güter, ohne Bewußtsein für irgendwelche Tugenden, von Grund auf nihilistisch" und dabei doch "jüdisch-christlich". Das nun geht in Onfrays System eigentlich nicht zusammen; Judentum und Christentum, wie er sie sonst skizziert, müssten antikapitalistisch sein.

Diese Inkonsequenz markiert die Schwäche seiner Konzeption: Fixiert auf die Religion, blendet er wichtigere Aspekte der Gesellschaft aus. Der Kapitalismus kann eine bestimmte, deformierte Art der Lebenslust sehr wohl verkaufen, und sogar die meisten Erscheinungsweisen der Intelligenz integriert er in den Markt. Die Befreiung von der Religion braucht ihn nicht zu stören und befördert sogar das eine oder andere Marktsegment. Hebt man nun irrational religiös begründete Tabus auf, ohne einsichtigere Regeln an ihre Stelle zu setzen, könnte das Ergebnis eine noch unangenehmere Welt sein; Onfrays wenig reflektiertes Plädoyer für die Gentechnologie ist ein unfreiwilliger Hinweis auf diese Möglichkeit. Auch das könnte ein von ihm nicht bedachter Grund für die gegenwärtige Konjunktur von Religion sein: dass ein mächtigerer Haltepunkt gegen die Gefahren eines weltumfassenden Kapitalismus nach der Niederlage der Linken nicht in Sicht ist. Deshalb wäre zuerst nicht über religiöse Irrtümer zu reden, sondern über die Bedingungen, die die Stärke der Religionen ausmachen.


Titelbild

Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss.
Übersetzt aus dem Französischen von Bertold Galli.
Piper Verlag, München 2006.
320 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3492048528

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