Von den Zinnen der Partei

Der erste Band der historisch-kritischen Werkausgabe präsentiert Georg Herweghs Gedichte von 1835-1848

Von Bernhard WalcherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernhard Walcher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als vor gut einem Jahr mit Band 5 ("Briefe 1832-1848") der erste Band der lange erwarteten historisch-kritischen Ausgabe der Werke Georg Herweghs erschien, waren sich Kritik und Forschung über die herausragende Qualität und Bedeutung dieses schon seit den 1960er-Jahren noch in der DDR geplanten, aber durch "die Ungunst der Zeitumstände" erst jetzt von Ingrid Pepperle realisierten Editionsunternehmens einig (siehe auch meine Rezension in: literaturkritik.de 8, Nr. 3, März 2006). Wer sich mit der Lyrik Herweghs beschäftigen wollte, war bisher auf die Ausgaben des 19. Jahrhunderts und die von Hermann Tardel zu Beginn des 20. Jarhhunderts besorgte dreiteilige Auswahl der Dichtungen angewiesen.

Das wird sich in Zukunft ändern. Der jetzt vorgelegte, von Volker Giel bearbeitete Band 1 der historisch-kritischen Ausgabe umfasst die Gedichte von 1835 bis 1848, wobei die beiden 1841 beziehungsweise 1843 erschienenen Teile der Sammlung "Gedichte eines Lebendigen" nach den von Herwegh autorisierten Erstausgaben abgedruckt sind. Um auch bei den anderen, verstreut publizierten Dichtungen, "eine autorisierte und gesicherte Textgrundlage darzubieten", waren für die Textkonstitution die frühesten Zeitungs- oder Zeitschriftenabdrucke maßgeblich. Zurecht betont Giel in seinem Vorwort, dass gerade für die Darstellung der Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte eines 'Erfolgsautors' wie Georg Herwegh - die "Gedichte eines Lebendigen" erschienen schon 1843 in der 7. Auflage - der jeweilige Publikationskontext der Werke einen bedeutsamen Anhaltspunkt für deren Interpretation darstellt. Der sehr übersichtlich gestaltete Apparat zu den einzelnen Gedichten bietet daher nicht nur eine jeweils ausführliche Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte samt Varianten und Lesarten, sondern verzeichnet auch alle weiteren Abdrucke der Gedichte in Zeitschriften, Zeitungsbeilagen und Anthologien bis in die 1850er-Jahre hinein, aus denen schon mit einem Blick die Bedeutung der Herwegh'schen Lyrik dieser Zeit ablesbar ist.

Daneben erschließt der Stellenkommentar literarhistorische Zusammenhänge und gibt einen Einblick in die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen im Vormärz, die in den Gedichten verarbeitet und thematisiert werden. Besonderen Wert legt Giel hier auf die Dokumentation von Referenzgedichten, die im Hinblick auf Motivwahl, Bildkonstruktion und Sprechsituation die Herkunft, aber eben auch Neuprägungen der Hewergh'schen Lyrik im Zusammenhang mit älteren politischen Dichtungen aus der Zeit der Befreiungskriege (Ernst Moritz Arndt, Max von Schenkendorf) oder der Rheinkrise (Nikolaus Becker) deutlich werden lassen, was sich etwa an den Gedichten "Das Lied vom Hasse", "Der Freiheit eine Gasse" oder dem "Rheinweinlied" zeigen lässt. Trotz aller Gründlichkeit bei der Quellensuche und der Kommentierung der in großer Zahl vorkommenden biblischen und theologischen Anspielungen vermisst man doch bisweilen - anders als noch in Band 5 ("Briefe 1832-1848") - Hinweise auf die (aktuelle) Forschungsliteratur zu den einzelnen Motiv- und Stoffkomplexen, die in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte verzeichnen konnte. Allerdings schmälert dies kaum die Leistung des ohnehin schon insgesamt über 550 (!) Seiten starken Kommentarteils.

Besonders interessant wird das Wiederlesen so mancher bekannter und unbekannter Gedichte, wenn man sich den schon erschienenen Briefband dieser Ausgabe zum selben Zeitraum, also bis 1848, daneben legt: die teils messerscharfen Zeitdiagnosen und Einschätzungen literarhistorischer Erscheinungen in den Briefen bilden den Hintergrund für Herweghs politische Lyrik und verweisen gleichsam auf seine Schreibmotivation, als deren Ausgangspunkt Herwegh an einer Stelle die "gegenüberstehende feindliche Masse" ("Briefe 1832-1848") bezeichnet.

In einem Brief an Follen vom 29.11.1841 schreibt Herwegh, dass die "Politik und Geschichte [...] unser Tummelplatz überhaupt, aber insbesondere der Tummelplatz der modernen Poesie" sei, was sich mit der Einschätzung seines wohl schärfsten Kritikers, Friedrich Theodor Vischer, verbinden lässt - wenngleich beide aus dieser Feststellung jeweils unterschiedliche Konsequenzen ableiten.

Noch gegen Ende des Jahrhunderts bezeichnet der Kinkel-Schüler und spätere Senator der USA, Carl Schurz, Herwegh zusammen mit Fallersleben als "revolutionären Himmelsstürmer". In Vischers Kritik an Herweghs Lyrik, die 1844 in seiner Sammlung "Kritische Gänge" erschienen ist, finden sich die Zentralbegriffe und -vorwürfe gegen die politische Poesie überhaupt, die als "abstrakt, rhetorisch, tautologisch, refrain- und gedankenspitzenjägerisch, bildlos" verdammt wird und die mithin auch noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts - in manchen Kreisen bis heute - zum Standardvokabular der Bewertung solcher Lyrik gehören.

Vischers apodiktische Feststellung, "Politik ist nicht poetisch", die freilich im literarhistorischen Kontext der Diskussionen um Erscheinung und Funktion der politischen Poesie zu sehen ist, sein vernichtendes Urteil, Herweghs Gedichte seien "voll von der einen Bedingung, die er aufstellt, von den Bildern eines blutigen Kampfes", der Ausrichtung auf ein Ziel hin und geprägt von einer Aussagestruktur, die zur Tat aufrufe, lesen sich heute wie eine frühe Analyse politischer Lyrik des Vormärz. Freilich mit dem Unterschied, dass Vischer seine Einschätzungen durchaus nicht beschreibend-analytisch, sondern durchaus wertend, besser gesagt: abwertend verstanden wissen wollte.

Wie bei kaum einem anderen Dichter lassen sich gerade in den Gedichten Herweghs bis 1848 die Grundmerkmale politischer Lyrik beobachten, die Reiner Wild in einem Beitrag des 1999 erschienenen Sammelbandes "Revolution 1848/49. Ereignis - Rekonstruktion - Diskurs" unter folgenden Stichworten zusammenfasste: Appellstruktur, affektive Beteiligung des Lesers, Herstellung eines Kollektivs, politische Symbole, Zielformulierung und religiöse Überhöhung.

Mitnichten weisen aber gerade Herweghs "Gedichte eines Lebendigen" auf einen Mangel an gestalterischer Kraft, wie das Vischer feststellt, hin, sondern sie bieten sowohl ein Formenspektrum von Sonetten und Xenien bis hin zu einfachen Liedstrophen als auch die Behandlung politischer und sozialer Themen auf der Folie von Natur-, Jahres- und Tageszeitgedichten. Dass Lyrik nicht auf einen absoluten 'ästhetischen Wert' hin interpretiert werden darf, dessen Vorgaben durch einen bestimmten Kanon und eine nur auf Innovationen ausgerichtete Literaturgeschichte bestimmt sind, sondern dass nach den Wirkabsichten und den damit zusammenhängenden, sehr wohl zur lyrischen Redeweise gehörenden rhetorischen Überzeugungsstrategien und Produktionsbedingungen gefragt werden muss, kann niemandem mehr nach der erfrischenden Lektüre dieser Gedichte verborgen bleiben.

Eben darin besteht nicht zuletzt das Verdienst des Bandes von Volker Giel, der durch die sorgsame und wohlüberlegte Textpräsentation und den vorbildlichen, im besten Sinne philologischen Kommentar den (Vor-)Urteilen gegenüber so genannter "operativer Literatur" die Grundlage entzieht und mit diesem ersten Gedichtband der Ausgabe den Weg für hoffentlich anschließende, neue wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit Herweghs Lyrik frei gemacht hat.

Um nicht den eben kritisierten Vorurteilen das Wort zu reden, sollte wenigstens am Rande erwähnt werden, dass Herwegh nicht ausschließlich politische Lyrik geschrieben hat. Auch in diesem Band gibt es Liebesgedichte, Dichtergedichte und Totengedichte zu entdecken, von denen das "Totenopfer für den Dichter Franz Gaudy" - einem heute weithin vergessenen, vor allem durch seine Reisebeschreibung "Mein Römerzug" bekannt gewordenen Dichter und Offizier - das wohl beeindruckendste und auch im Hinblick auf Herweghs Selbstverständnis als Dichter aufschlussreichste ist. Auch relativiert sich das Bild Herweghs als 'Agitator' der Revolution, wenn man sich Gedichte wie "Hölderlin" und seine frühen Bemühungen um eine Werkausgabe seines 'Vorgängers' im Tübinger Stift oder seine sich auch in der eigenen Lyrikproduktion niederschlagenden Erfahrungen als Übersetzer von Lamartine - etwa in den Gedichten "Leicht Gepäck" oder "Strophen aus der Fremde" - und seine Bewunderung für Béranger vor Augen hält, die allesamt einen äußerst sensiblen Beobachter der vergangenen und zeitgenössischen Literatur erkennen lassen.

Man kann, wie es oft in Rezensionen zu Einzelbänden noch nicht abgeschlossener Werkausgaben heißt, auch im Falle der historisch-kritischen Herwegh-Ausgabe auf die noch ausstehenden Bände gespannt sein.


Titelbild

Georg Herwegh: Gedichte. 1835-1848. Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. Band 1.
Herausgegeben von Ingrid Pepperle.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2006.
884 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3895285005

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