Lust, Attrappenwirkung und affektive Bindung

Literarische Ästhetik im Zeichen der Evolutionspsychologie

Von Katja MellmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Katja Mellmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Begriff des Ästhetischen ist zum Abstraktionsbegriff geworden. "Ästhetisch" bezeichnet einen verallgemeinerten Erfahrungstypus im Bereich der Kunst, losgelöst von konkreten Werkeigenschaften, empirischen Rezipienten oder spezifischen Erkenntnisvermögen des Menschen. So lässt sich heute von "ästhetischer Erfahrung" sprechen, vom "ästhetischen Augenblick" oder von einer "Ästhetisierung" des Alltagslebens, ohne jeweils genauer zu explizieren, was damit gemeint sein soll. Geht man jedoch zurück zu Alexander Gottlieb Baumgartens "Aesthetica" (1750/58), so wird man finden, dass im Zentrum einer Wahrnehmungslehre der Kunst ursprünglich die "cognitio sensitiva", die sinnliche, die Gefühlserkenntnis, stand. Die Kunst erscheint als ein Bereich menschlicher Kultur, der in besonderer Weise geeignet ist, ja dessen Zweck es ist, unsere Sinne anzusprechen, unser Gemüt zu bewegen.

Die Erforschung dieses offenbar zentralen, des emotionalen Aspekts von Kunst und Literatur erfreut sich seit gut einem Jahrzehnt erhöhter Beliebtheit. Neben zahlreichen Studien, die mit den traditionellen Mitteln der philosophischen Ästhetik und der literarischen Rezeptionsästhetik arbeiten, erscheinen besonders solche vielversprechend, die sich um eine psychologische Konkretisierung der einzelnen Wirkmechanismen bemühen, das heißt nicht global nach ,Emotionalität', sondern nach spezifischen am Rezeptionsprozess beteiligten Emotionen fragen. Als führend auf diesem Feld können derzeit die Filmwissenschaften gelten, die mit einer Monografie von Ed Tan (1996) und zwei Sammelbänden mit den Titeln "Passionate Views" (Plantinga/Smith 1999) und "Mediale Emotionen" (Grau/Keil 2005) ein gutes Beispiel vorgelegt haben, wie die Korrelation von bestimmten Werkstrukturen und den emotionalen Reaktionsvermögen des Rezipienten modelliert werden kann.

Die erwähnten drei Publikationen applizieren vordergründig kognitionspsychologische Emotionstheorien, gewähren zwischendurch aber auch immer wieder Einblicke in die Frage, woher unsere Reaktionsweisen kommen und warum sie so funktionieren, wie sie es tun. Damit stellen sie Anschlüsse bereit an eine sich etablierende Evolutionäre Ästhetik, wie sie in den letzten Jahren vornehmlich von naturwissenschaftlicher Seite, aber auch von einzelnen Literatur- und Kulturwissenschaftlern bestückt worden ist. Hier wird allerdings selten von Emotionen gesprochen, sondern - in einer Weise, die von Baumgartens "cognitio sensitiva" gar nicht so weit entfernt ist - von "aesthetics". Gemeint ist damit eine spezifische Reaktionsweise unseres Gehirns: nämlich die Ausschüttung dopaminerger Neurotransmitter im Gehirn, die als Lustempfindung wahrgenommen wird und mit der uns die Evolution für bestimmte (in ihrem Sinne ,nützliche') Tätigkeiten ,belohnt'.

Lust

Das mesolimbische ,Belohnungssystem' des Gehirns wurde seit seiner Entdeckung 1954 durch die kanadischen Hirnforscher James Olds und Peter Milner vor allem im Hinblick auf seine Rolle beim Drogenkonsum erforscht. Die Rolle, die es bei der Steuerung ganz alltäglichen oder speziell kunstbezogenen Verhaltens spielt, war erst vereinzelt Gegenstand empirischer Studien. Ausschlaggebend für die Entdeckung der Lust als eines wichtigen Movens für menschliches Verhalten waren nicht so sehr neurophysiologische Beobachtungen als vielmehr der evolutionsbiologisch begründete Verdacht, dass das Belohnungssystem sich aus einem bestimmten Grund entwickelt haben muss: nämlich um adaptives Verhalten zu motivieren und ontogenetisch zu entwickeln.

Angeborene Motivationssysteme: Das Naturschöne

In Charles Crawfords und Dennis L. Krebs' "Handbook of Evolutionary Psychology" von 1998 trug der amerikanische Zoologe Randy Thornhill unter dem Titel "Darwinian Aesthetics" einige evolutionspsychologische Beobachtungen zu angeborenen Präferenzen bei Mensch und Tier zusammen und führte sie auf ein gemeinsames Prinzip, die Motivation adaptiven Verhaltens zurück. Die lustgesteuerte Präferenz für bestimmte Körpermerkmale, Nahrungsbestandteile und Landschaftsformationen habe ihren evolutionären Ursprung in dem adaptiven Wert der betreffenden Eigenschaft für den Fortbestand der Gene. So signalisieren bestimmte Körpermerkmale Geschlechtsreife. Eine erhöhte Aufmerksamkeit auf und Präferenz für diese Merkmale bei der Partnerwahl erhöhen also den Reproduktionserfolg.

Andere Körpermerkmale signalisieren Gesundheit beziehungsweise Krankheit. Fett- und zuckerhaltige Nahrung versorgt den Organismus mit lebenswichtigen Energiereserven und erhöht dadurch seine Überlebenschancen. Unsere Vorliebe für halboffene Raumstrukturen (hinten Schutz, vorne Sicht), üppige Vegetation, die Gegenwart von Wasser und essbaren Tieren lässt sich aus der Notwendigkeit für unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren ableiten, fruchtbare und sichere Habitate zu identifizieren. Solche irgendwann in ferner (Tier-)Vergangenheit einmal zufälligen Vorlieben konnten dadurch in das artspezifische Erbgut eingehen, dass sie ein Verhalten mit statistisch höherem Reproduktionserfolg begünstigten - und somit auch die verstärkte Weitergabe der betreffenden Lustschaltkreise im Gehirn: "This is why sugar is sweet and sexual activity is fun. Those of our ancestors who found consuming carbohydrates and engaging in intercourse enjoyable left more surviving descendants than those individuals who were not motivated in those behaviors" (Orians/Heerwagen 1992, 555).

Und nicht nur sexuelle Aktivität, auch zahlreiche weitere körperbezogene Handlungen werden durch eine Art ,somatosensorischer aesthetics' (Cosmides/Tooby 2001, 14) motiviert und gesteuert, so zum Beispiel allerlei Ausscheidungsvorgänge vom Ausschnäuzen bis hin zum Erbrechen, Maßnahmen der Körperpflege vom Gliederstrecken bis zum Nasebohren, das Aufsuchen von Schatten und das Fliehen von Kälte, das Ausruhen und Einschlafen und so weiter. In allen Motivationssystemen wirke dasselbe Prinzip, betont Thornhill mit Referenz auf Donald Symons, die angeborene Verhaltensregel ,Bevorzuge fruchtbare Habitate!' habe denselben evolutionären Status wie die angeborene Verhaltensregel ,Bevorzuge einen bestimmten Blutdruck!' (Thornhill 1998, 543). Der evolutionspsychologische Begriff der "aesthetics" gemeindet die sinnliche Rezeptivität für das ,Schöne' (und, Kantisch gedacht, das ,Angenehme') in der Natur in ein allgemeineres Prinzip der Evolution psychisch verfasster Lebewesen ein.

Dadurch geht ihr der Status einer exklusiv menschlichen und exzeptionell kulturellen Erfahrung verloren. Das bedeutet aber auch, dass man sich der irrigen Pflicht entledigt, derlei primäre Schönheitsempfindungen kulturell begründen (beziehungsweise apriorisch setzen) zu müssen. Denn der adaptive Nutzen solchermaßen präferierte Objekte, Verhaltensweisen und Körperzustände ist nicht Inhalt unseres Bewusstseins (auch nicht unseres ,Unterbewusstseins'), die Ursachen unseres Schönheitsempfindens lassen sich also nicht durch Introspektion erschließen, sondern nur durch die externe Argumentationslogik der biologischen Evolutionstheorie. Blüten signalisieren fruchttragende Pflanzen, aber wir denken nicht an Früchte, wenn wir Blumen ,schön' finden. Blumen sind schön als Blumen, weiter nichts; und sie sind es, weil es eine erfolgreiche Überlebensstrategie war, sich in ,blühenden Landschaften' aufzuhalten.

Adaptationen im Organisationsmodus: Leselust

Die amerikanischen Evolutionspsychologen John Tooby und Leda Cosmides haben in einem 2001 erschienenen Aufsatz mit dem Titel "Does Beauty Build Adapted Minds?" (dt. "Schönheit und mentale Fitness", 2006) von den genannten "world-targeted" und "body-targeted aesthetics" eine weitere Gruppe von "brain-targeted aesthetics" abgegrenzt, die sie für unser Vergnügen an ästhetischen Gegenständen insbesondere verantwortlich machen. Dazu zählen sie "das Spielen, das Lernen, und vielleicht das Träumen" (Tooby/Cosmides 2006, 228).

Tooby und Cosmides gehen davon aus, dass die ontogenetische Entfaltung angeborener Antriebe und Fähigkeiten, das heißt der Aufbau und die lebenslange Organisation des Gehirns, selbst ein wichtiges Anpassungsproblem darstellt, dem ein spezielles adaptives System entsprungen ist: der Spieltrieb. Die Attraktivität mancher zweckloser Gegenstände, pragmatisch entlasteter Situationen und überschüssiger Gedankenspiele rührt in ihren Augen daher, dass solche Gegenstände, Situationen und virtuellen Konstrukte geeignet sind, unsere Gehirnfunktionen gefahrlos aufzubauen, auszutesten und feinabzustimmen. Das geschieht in einer Art Offline- oder Organisationsmodus: Während wir im funktionalen Ausführungsmodus einer Adaptation darauf angewiesen sind, dass der adaptive Mechanismus bereits fertig ausgebildet ist und fehlerfrei funktioniert, können wir Spielsituationen dazu nutzen, eine Adaptation im organisatorischen Modus erst einmal zusammenzusetzen (die notwendigen Gehirnverknüpfungen aufzubauen), sie in verschiedenen Versionen durchzuprobieren, sie quasi zu ,üben', sie zu erweitern oder zu verändern. Daher sollte "jede psychische Adaptation, von der Sprachfähigkeit bis zum Gehörsinn, mit ihrem eigenen System ästhetischer Präferenzen ausgestattet sein. Denn das Individuum muss zum Erwerb von Erfahrungen motiviert werden, die das entsprechende neurokognitive System zu entwickeln, kalibrieren und abzustimmen helfen" (ebd., 229).

In der Literatur werden solche ästhetischen Präferenzen zum Erwerb von Erfahrungen durch die Herstellung virtueller Erfahrungswelten bedient, die eine strukturelle Isomorphie mit tatsächlichen Erfahrungswelten zeigen (ebd., 237). So werden zum Beispiel die Präferenzsysteme unserer zahlreichen sozialen Adaptationen im Figurenrepertoire fiktionaler Erzählungen fündig: Wir haben eine starke Vorliebe für Texte, die uns Personen anbieten, über die wir nachdenken, um die wir uns empathisch bemühen, die wir mögen oder ablehnen können. Auch für zahlreiche kognitive Adaptationen aus dem Bereich der Gestaltwahrnehmung, an Hand derer das Gehirn Ordnung in die Welt bringt, bietet Literatur immer wieder bevorzugte Objekte an; zum Beispiel Geschichten, die auf dem Schema von Trennung und Wiedersehen, Aufstieg und Fall oder Unrecht und Triumph des Gerechten aufbauen; oder die Rätsel anbieten, die gelöst werden müssen, oder dräuende Gefahren vorführen, die es abzuwenden gilt. Aber auch zum Beispiel Wortspiele, kausale Handlungsentwicklung, Aporien oder einfach Neugier weckende Antizipationen kooperieren mit den Organisationspräferenzen vielfältiger kognitiver Algorithmen. Unsere sozialen und kognitiven Dispositionen lassen sich von solchen virtuellen Problemsetzungen - scheinbar völlig unnötigerweise - ebenso aktivieren wie von tatsächlichen Personen und Ereignissen. Und das offensichtlich unter großer Beteiligung von Lust.

Diese stark ausgeprägte Lustkomponente unserer Beschäftigung mit fiktionalen Welten spricht dafür, dass diese Beschäftigung kein bloßes Nebenprodukt der menschlichen Evolution ist, sondern deren Antwort auf das Adaptationsproblem der ontogenetischen Entwicklung eines so komplexen Apparates wie des menschlichen Gehirns, das erst postnatal zur vollen Funktionstüchtigkeit ausreift und überdies lebenslang lernfähig bleibt. Auf die Evolution der ästhetischen Lust aus dem gehirnorganisierenden Wert virtueller Konstrukte könnte außerdem ein Mechanismus positiver Rückkopplung aufgesetzt haben, in dem Kunstverhalten auch sekundär, das heißt wegen dieser Lustwirkung selbst, evolutionär begünstigt wurde. Denn Lust reduziert Stress. Pleistozäne Vorfahren, die über eine ausgeprägte Kultur des Spielens, Lernens und Entspannens verfügten, dürften nicht nur ihre ontogenetische Gehirnentwicklung, sondern auch ihre allgemeine Gesundheit verbessert haben (Eibl 2004, 310ff.; 2004a).

Die lustbasierten "aesthetics" decken jedoch noch nicht alles ab, was wir im Allgemeinen unter "ästhetischer Erfahrung" subsumieren. Lust ist keine im engeren Sinne emotionale Reaktion, sondern ein latenter Begleitkommentar (Wilhelm Wundt; vgl. Frijda 2000, 73) zu einzelnen adaptiven (emotionalen, perzeptiven, kognitiven, motorischen etc.) Programmen. Die Baumgarten'sche "cognitio sensitiva" umfasst nicht nur den Begleitkommentar der Lust, sondern auch solche einzelnen emotionalen Programme selbst, wie zum Beispiel das Mitleid, das wir gegenüber einer vom Unglück verfolgten Figur empfinden, den Schrecken, den der grausame Tod des Tragödienhelden bedeutet, oder die Neugier auf den Fortgang einer Geschichte.

Attrappenwirkungen

Wie wird aus dem Naturschönen das Kunstschöne? Auch auf einen bildnerisch oder sprachlich repräsentierten locus amoenus sprechen die Präferenzen der Habitatsuche ja offenbar an, sonst wäre dieser Bildtopos nicht so beliebt. Und unsere sozialen Adaptationen befassen sich mit fiktiven Figuren, so als wären sie von Relevanz auch für unser wirkliches Leben (Jannidis 2004). Die Frage, warum wir über Anna Karenina weinen, obwohl wir wissen, dass sie nicht existiert, (und warum wir trotzdem nicht zu ihr hingehen, um sie zu trösten) lässt sich nur beantworten, wenn man die Funktionsweise eines Emotionsprogramms psychologisch konkretisiert (Mellmann 2006).

In der zweiten Auflage von Michael Lewis' und Jeannette M. Haviland-Jones' "Handbook of Emotions" (2001) haben Cosmides und Tooby eine evolutionspsychologische Emotionstheorie ausgearbeitet, die ältere, stärker physiologisch ausgerichtete Emotionstheorien wieder zur Geltung bringt, ohne dabei hinter den Fortschritt der kognitiven Emotionspsychologie zurückzufallen. Sie gehen wieder - wie einst William James und William McDougall - davon aus, dass der Mensch mehr, nicht weniger ,Instinkte' habe als das Tier. Gerade diese Vielfalt der angeborenen Programme aber habe zu dem Adaptationsproblem ihrer Koordination untereinander geführt, das nur durch die Entwicklung spezieller "übergeordneter Programme" zu lösen gewesen sei. Emotionen sind in ihrer Sicht eben solche übergeordneten Programme, die einzelne modulare Submechanismen (wie zum Beispiel Gesichtsidentifizierung, motorische Mobilisierung, kognitive Inferenz- und Entscheidungsregeln) je situationsangepasst aktivieren oder deaktivieren. Im Unterschied zu den entweder rein physiologisch oder rein kognitivistisch argumentierenden Emotionstheorien früherer Zeit stufen Cosmides und Tooby weder die kognitiven noch die physischen Vorgänge im Verlauf einer Emotion zu unspezifischen Begleiterscheinungen herab, sondern sehen in beiden ein vollständig durch die einzelnen ,Module' vorstrukturiertes Programm am Werke.

Ein Emotionsprogramm besteht nach ihrer Ansicht aus einem "Situationsdetektor", der die Emotion als ganze auslöst, wenn ein entsprechender Reiz eintrifft, und einem "internen Kommunikationssystem". Während der Auslösemechanismus des Situationsdetektors starr nach dem Muster des Reflexes abläuft, ist das "interne Kommunikationssystem" oder "Verlaufsprogramm" (Mellmann 2006, 154ff.) für die hohe Flexibilität emotionaler Verhaltensreaktionen verantwortlich, da es je nach Situationsfeedback und gemäß den emotionsspezifischen Verarbeitungsregeln die optimal angepasste Reaktion erst ermittelt.

Der häufig anzutreffende Eindruck, unsere Emotionen in Bezug auf fiktionale Literatur seien keine ,wirklichen', sondern lediglich ,imaginierte' Emotionen, mag sich daher erklären, dass Emotionen durch fiktionale Stimuli zwar vielfach ausgelöst, aber selten bis zu einem Verhaltensresultat durchgeführt werden. Denn die fortlaufende Situationsanalyse im Verlaufsprogramm einer Emotion sorgt dafür, dass wir nicht versuchen, Anna Karenina zu trösten, den gemarterten Tragödienhelden zu retten oder den Bösewicht zu erschlagen. Den Impuls dazu verspüren wir gleichwohl, weil die entsprechende Emotion ausgelöst wurde; aber sie verbleibt im Zustand der puren Empfindung, ohne Handlungskonsequenzen. Wir verspüren Mitleid mit Anna Karenina, Schrecken vor dem Tod und Hass auf den Bösewicht, aber wir greifen nicht ein.

Die Frage, warum wir nicht eingreifen, scheint in der philosophischen Ästhetik bislang das weniger intrikate Problem dargestellt zu haben als die Frage, warum wir überhaupt Mitleid, Schrecken und Hass empfinden. Die Annahme einer stereotyp nach dem Muster eines Reflexes sich vollziehenden Auslösemechanismus löst dieses Problem: Die Situationsdetektoren der Emotionsprogramme sprechen gewissermaßen irrtümlich - oder richtiger: vorsorglich - auf die künstlich repräsentierten Reize an, denn zu einer Feinjustierung auf die gegebene (eben nur fiktionale) Situation bleibt im Verlaufsprogramm der Emotion noch Zeit. Diese Wirkung von Kunstwerken auf den emotionalen Apparat des Menschen kann man demnach als eine Art Attrappenwirkung konzipieren, da hier wie in den Attrappenversuchen der Verhaltensbiologie ein künstliches Ersatzobjekt dieselben Basisreaktionen hervorruft wie das natürliche Objekt, für das die betreffende Reaktion evolviert wurde. Vorausgesetzt natürlich, dass die Attrappe dieselben auslöserelevanten Merkmale aufweist wie das natürliche Objekt.

Nach diesem Modell lassen sich auch Reizoptimierungen näher beschreiben, wie sie in künstlichen Erzeugnissen gang und gäbe sind: Das riesenhafte Monster mit Raubtiergebiss und schleimig-grüner Oberfläche im Horrorfilm etwa bedient gleich mehrere Emotionsprogramme: die Furcht vor körperlicher Überlegenheit, die Furcht vor Raubkatzen und den Ekel vor verdorbenen Nahrungsmitteln. (In der Verhaltensbiologie spricht man in solchen Fällen von ,übernormalen Attrappen'.) Und auch Reize, die nicht auf Darstellungs-, sondern auf Diskursebene zu verorten sind (wie etwa die lautmalerische Darstellung schlangenähnlich zischender Laute oder der geschmeidige, einlullende Rhythmus eines Gedichts) lassen sich in ihrer emotionalen Qualität näher bestimmen, wenn man nach der Bedeutung solcher Reize im EEA, dem "environment of evoltionary adaptedness" (David M. Buss), fragt.

Eine sinnvolle evolutionspsychologische Analyse emotionaler Reizqualitäten im Text hat immer das Adaptationsproblem zu benennen, auf das das postulierte Emotionsprogramm eine Antwort gewesen sein könnte. Dies gelingt bei so basalen Steuerungsmechanismen wie Raubtier- oder Schlangenangst freilich leichter als bei komplexeren Emotionen wie etwa der Ehrfurcht vor dem ,Erhabenen' oder der Lieblichkeit einer idyllischen Szenerie, die in der Kunst ja keine geringe Rolle spielen. Solche Attrappen interagieren viel stärker mit kulturell präfigurierten Auslöseschemata und sozial vermittelten Verarbeitungsregeln. Folgt man jedoch der evolutionspsychologischen Prämisse, dass auch Erlerntes nur auf den angeborenen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten aufsetzen kann, lässt sich mit entsprechend ,dichter Beschreibung' der beteiligten Anschlusskognitionen und der individuellen emotionalen Lerngeschichten auch auf diesem Gebiet weiter ins Konkrete vordringen als bisher. Und auch schon die Bestimmung sehr basaler Gefühlsqualitäten eines Textes stellt, wenn man den emotionalen Mechanismus benennen kann, der aus einem (an sich ja neutralen) Textmerkmal einen emotional relevanten Auslöser macht, einen Fortschritt gegenüber dem intuitiven Verfahren der traditionellen Textinterpretation dar. Emil Staigers Diktum, er wolle ,begreifen, was uns ergreift', könnte vor diesem Hintergrund neue Bedeutung gewinnen.

Schließlich ermöglicht die evolutionspsychologische Perspektive auch eine nähere Bestimmung der physischen Reaktionen auf Rezipientenseite und der mit ihnen korrelierenden Werkstrukturen. So wurde etwa die Reaktion des Lachens von dem Filmwissenschaftler Dirk Eitzen (1999) auf eine soziale Kompetenz der Deeskalation zurückgeführt, die sich schon bei Primaten findet, und an den Auslösereiz der sozialen Stresssituation rückgebunden, wie sie ein Kunstwerk durch die Darstellung peinlicher Situationen oder durch kognitive Verständnishürden (Wortspiele und Ähnliches) herstellen kann. Ed Tan und der Psychologe Nico Frijda (1999) haben - in Rückgriff auf eine Überlegung Helmuth Plessners - die sentimentale Reaktion des ,Weichwerdens' mit der Muskelerschlaffung kapitulativer Demutsgesten bei den Tieren verglichen und als Auslösereiz für Rührung entsprechend eine nicht-parierbare Überforderungssituation identifiziert, wie sie sich an Punkten finaler Entscheidungen in einer erzählten Geschichte ergeben. Solche höchst plausiblen Versuche, typische ästhetische Reaktionsweisen an die Biologie des menschlichen Verhaltens anzuschließen, machen optimistisch, dass die Evolutionäre Ästhetik - als ein von Kultur- und Naturwissenschaftlern gleichermaßen bearbeitetes Forschungsfeld - in der Tat einige neue Erkenntnisse über die ästhetische Gefühlserfahrung bereithält.

Affektive Bindung

Warum ist es manchmal traurig, auf der letzten Seite eines Romans anzugelangen, auch wenn der Roman gut ausging und man den Helden in bester Obhut seines glücklichen Geschicks weiß? Ein Aspekt unserer emotionalen Reaktion auf fiktionale Welten scheint durch das Modell der Attrappenwirkungen noch nicht ausreichend abgedeckt: der Umstand nämlich, dass wir nicht nur im Moment der Lektüresituation auf die gerade dargebotenen Attrappen reagieren, sondern dass wir auch über den eigentlichen Rezeptionsprozess hinaus quasi ,mit den Figuren leben' und zum Beispiel traurig sind, wenn sie - durch das Ende eines Films oder Romans - ,aus unserem Leben scheiden'. Zu den Attrappenwirkungen gehören offensichtlich auch Reaktionen aus dem Bereich unseres affektiven Bindungsverhaltens. Wir akquirieren in der Kunstrezeption auch neue Bekannte, ja neue Freunde, im Extremfall sogar ,verwandte Seelen'.

Der Soziologe Satoshi Kanazawa (2002) hat die Zufriedenheit einiger Amerikaner mit ihrem sozialen Umfeld untersucht und dabei festgestellt, dass Leute, die viel fernsehen (also eigentlich weniger tatsächlichen Umgang mit Freunden haben) nicht unzufriedener sind, sondern, wenn sie bevorzugt ,Daily Soaps' konsumieren, sogar eine höhere Zufriedenheit äußern als Leute, die wenig fernsehen und intensive Kontakte mit einem Freundeskreis pflegen. Er führt dies darauf zurück, dass unsere sozialen Bindungsadaptationen nicht grundsätzlich zwischen tatsächlichen und ,virtuellen' Freunden unterscheiden. In der Umwelt unserer Vorfahren sei jeder, über den wir viel wissen und mit dem wir viel erleben - wie die Alltagsmenschen der Fernsehserien oder die Prominenten in der Talkshow -, auch ein bindungsrelevantes Gruppenmitglied gewesen. Die einseitige Bekanntschaft mit Prominenten (die wir kennen, aber die uns nicht kennen) oder die virtuelle Bekanntschaft mit fiktiven Personen seien in unserem sozialen Bindungsverhalten so nicht vorgesehen. Entsprechend zählen wir solche ,imaginären Freunde' unbewusst zu unserer sozialen Nahwelt, und die soziale Wärme der Daily Soaps strahlt gewissermaßen bis ins Wohnzimmer.

Insbesondere enthusiastische Rezeptionsphänomene wie paradigmatisch der Werther-Kult lassen sich nur erklären, wenn man diesen irrational scheinenden Umstand akzeptiert. Zwar wissen die Werther-Anhänger (und die modernen Fan-Gemeinden der Pop-Kultur), wenn man sie danach befragt, dass sich ihre Sehnsucht und ihr Freundschaftsverlangen auf eine imaginäre Person beziehen, aber sie empfinden diese Sehnsucht und Freundschaft tatsächlich. Eine Rezeptionsanweisung wie "Lass das Büchlein deinen Freund sein" in Goethes "Werther" ergibt nur Sinn vor dem Hintergrund, dass der Mensch überhaupt fähig zur ,Freundschaft mit einem Buch' ist. Und ob und warum er das ist, lässt sich ohne Rekurs auf die Evolution des Menschen nicht seriös beantworten.

Anmerkung der Redaktion: Katja Mellmann ist Autorin des im Dezember 2006 im mentis Verlag erscheinenden Buches "Emotionalisierung - Von der Nebenstundenpoesie zum Buch als Freund. Eine emotionspsychologische Analyse der Literatur der Aufklärungsepoche".

Literatur:

Cosmides, Leda / Tooby, John (2001): Evolutionary Psychology and the Emotions. In: Lewis, Michael / Haviland-Jones, Jeannette M. (Hg.): Handbook of Emotions. 2. Aufl. Guildford, New York, S. 91-115.

Eibl, Karl (2004): Animal poeta. Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie. Mentis Verlag, Paderborn.

Eibl, Karl (2004a): Adaptationen im Lustmodus. Ein übersehener Evolutionsfaktor. In: Zymner, Rüdiger / Engel, Manfred (Hg.): Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder. Mentis Verlag, Paderborn, S. 30-48.

Eitzen, Dirk (1999): The Emotional Basis of Film Comedy. In: Plantinga, Carl / Smith, Greg M. (Hg.): Passionate Views. Film, Cognition, and Emotion. Johns Hopkins University Press, Baltimore / London, S. 84-99.

Frijda, Nico H. (2000): The Nature of Pleasure. In: Bargh, John A. / Apsley, Deborah K. (Hg.): Unraveling the Complexities of Social Life. A Festschrift in Honor of Robert B. Zajonc. APA Books, Washington DC, S. 71-94.

Grau, Oliver / Keil, Andreas (Hg.) (2005): Mediale Emotionen. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound. Fischer, Frankfurt/M.

Jannidis, Fotis (2004): Zu anthropologischen Aspekten der Figur. In: Zymner, Rüdiger / Engel, Manfred (Hg.): Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder. Mentis Verlag, Paderborn, S. 155-172.

Kanazawa, Satoshi (2002): Bowling with our Imaginary Friends. In: Evolution and Human Behavior 23.3, S. 167-171.

Mellmann, Katja (2006): Literatur als emotionale Attrappe. Eine evolutionspsychologische Lösung des "paradox of fiction". In: Uta Klein / Katja Mellmann / Steffanie Metzger (Hg.): Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Mentis Verlag, Paderborn, S. 145-166.

Orians, Gordon H. / Heerwagen, Judith H. (1992): Evolved Responses to Landscapes. In: Jerome H. Barkow / Leda Cosmides / John Tooby (Hg.): The Adapted Mind. Evolutionary Psychology and the Generation of Culture. Oxford University Press, New York / Oxford, S. 555-579.

Tan, Ed S. (1996): Emotion and the Structure of Narrative Film. Film as an Emotion Machine. Erlbaum, Mahwah/NJ.

Tan, Ed S. / Frijda, Nico H. (1996): Sentiment in Film Viewing. In: Plantinga, Carl / Smith, Greg M. (Hg.): Passionate Views. Film, Cognition, and Emotion. Johns Hopkins University Press, Baltimore / London, S. 48-64.

Thornhill, Randy (1998): Darwinian Aesthetics. In: Charles Crawford, Dennis L. Krebs: Handbook of Evolutionary Psychology. Ideas, Issues, and Applications. Mahwah/NJ / London, S. 543-572. - Wiederveröffentlicht in: Eckard Voland / Karl Grammer (Hg.): Evolutionary Aesthetics. Springer Verlag, Berlin u.a. 2003, S. 9-35.

Tooby, John / Cosmides, Leda (2001): Does Beauty Build Adapted Minds? Towards an Evolutionary Theory of Aesthetics, Fiction, and the Arts. In: SubStance. A Review of Theory and Literary Criticism, Vol. 30, no.1&2 (Special Issue: On the Origin of Fictions. Interdisciplinary Perspectives. Hg. v. H. Porter Abbott). University of Wisconsin Press, Madison/WI, S. 6-27. - Dt. Üs.: Schönheit und mentale Fitness. Auf dem Weg zu einer evolutionären Ästhetik. In: Uta Klein / Katja Mellmann / Steffanie Metzger (Hg.): Heuristiken der Literaturwissenschaft. Disziplinexterne Perspektiven auf Literatur. Mentis Verlag, Paderborn 2006, S. 217-243.

Titelbild

Eckart Voland / Karl Grammer (Hg.): Evolutionary Aesthetics.
Springer Verlag Berlin, Berlin, Heidelberg 2003.
355 Seiten, 85,55 EUR.
ISBN-10: 3540436707

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Titelbild

Karl Eibl: Animal Poeta. Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie.
Mentis Verlag, Paderborn 2004.
419 Seiten, 46,00 EUR.
ISBN-10: 3897854503

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Titelbild

Rüdiger Zymner / Manfred Engel (Hg.): Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfelder.
Mentis Verlag, Paderborn 2004.
402 Seiten, 58,00 EUR.
ISBN-10: 3897854511

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Titelbild

Oliver Grau / Andreas Keil: Mediale Emotionen. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
320 Seiten, 13,95 EUR.
ISBN-10: 3596169178

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