Schöne enge Welt

Ein Roman über die Adelsgesellschaft und das wahre Leben

Von Steffi SchwabbauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Steffi Schwabbauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Leben ist nicht einfach. Christian Morgenstern hat es einmal beschrieben als "die Suche des Nichts nach dem Etwas". Marie ist zwar nicht Nichts, sondern sogar eine Prinzessin, das wahre Leben außerhalb ihres Schlosses aber kennt sie nicht. Eigentlich weiß sie nicht einmal, was es bedeutet zu leben. Sie sucht nach dem Etwas, von dem sie nicht die geringste Ahnung hat, was es sein soll.

Die Vorstellung von Prinzessinnen ist geprägt durch märchenhafte Bilder von wunderschönen Frauen in phantastischen Kleidern. Sie residieren in prächtigen Schlössern mit hübschen Parkanlagen und führen dank ihres Reichtums und ihrer Diener ein unbeschwertes und glückliches, majestätisches Leben. Mit seinem Roman "Fürstinnen" demontiert Eduard von Keyserling das Klischee der sorglosen und freien Welt des Adels. Er entlarvt die prunkvolle Fassade als goldenen Käfig und zeigt, dass das Leben auch für Prinzessinnen nicht zwangsläufig einfach ist.

Die verwitwete Fürstin von Neustatt-Birkenstein erzieht ihre drei Töchter auf dem Landsitz Gutheiden, um ihnen trotz des mageren Familienvermögens ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen. Während sich die beiden älteren stillschweigend in die starren Konventionen fügen, ist Marie von ihrem belanglos wichtigen Dasein gelangweilt. Sie wagt sich hin und wieder in das unbekannte "freie, lustige" Leben und erfährt außerhalb ihrer steifen Gesellschaft "Abenteuer", die ihr nur die Realität bieten kann.

Diese aufregenden Ereignisse sind natürlich nur für eine Prinzessin, die nichts außer ihrem Schloß kennt, wirklich abenteuerlich, denn das normale Leben ist Marie verboten, weil es für ihren Stand nicht angemessen ist. Wenn sie sich beispielsweise von den Nachbarsjungen zur Wiese am Waldrand führen läßt, wird ihr - als müsste sie sich in große Gefahr stürzen - ganz schwindelig vor Aufregung. Dennoch traut sie sich, für kurze Zeit den schützenden Käfig zu verlassen. Sie läßt ihre schöne enge Welt zurück, um eine andere schöne, dafür weniger beschränkte Welt kennenzulernen.

Marie verliebt sich in Felix, einer der Jungen, und ihr Leben verändert sich. Ihr Tag ist nicht mehr so langweilig, denn sie wartet nun auf die Stunden, die sie heimlich mit ihm zusammen sein kann. Zu einer selbstbewussten jungen Frau aber reift sie nicht heran. Marie kann nicht aus ihrem vorgezeichneten Leben ausbrechen und begnügt sich damit, einige ihr verbotene Dinge zu tun.

Eduard von Keyserling kennt sich aus mit den Regeln der patriarchalischen Adelsgesellschaft. Er war Teil dieser gehobenen Schicht. Als er sein Jurastudium abbrach, passte er nicht mehr in das standesgemäße Bild und wurde gesellschaftlich geächtet und isoliert. "Fürstinnen" gibt einen Eindruck, wie sehr der Adel von Konventionen geprägt war und vor allem, wie schwer es für diese Klasse war, sich selbst von ihrer Welt zu lösen. Das gelingt ihm nicht nur mit der Geschichte von Marie, die den roten Faden des Romans darstellt, sondern auch durch einige spannende Nebenhandlungen.

Auch wenn das Thema des 1917 erstmals erschienen Romans heute sicher nicht mehr top-aktuell ist, so ist der Einblick in die Welt des Adels dennoch lehrreich. Der Roman erscheint allerdings streckenweise so eintönig wie das Leben der Prinzessinnen. Die Spannung geht zwischenzeitlich flöten und bisweilen verliert sich Keyserling allzusehr in die Darstellung von Personen und ihrer Umwelt.

Titelbild

Eduard von Keyserling: Fürstinnen.
Steidl Verlag, Göttingen 1999.
144 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3882436840

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