Die Fülle des Universums

Lenka Reinerovás Prosaband "Das Geheimnis der nächsten Minuten"

Von Sarah PogodaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sarah Pogoda

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als deutschsprachige Pragerin jüdischer Herkunft kann Lenka Reinerová auf ein erfülltes Leben zurückblicken, das bislang 91 Jahre zählt. Ihre Bücher sind Kristallisationen ihrer Erfahrungen, Eindrücke, Erinnerungen und zugleich selbst Lebensstationen einer Existenz, die sich zwischen freiwilligen Reisen, forcierten Fluchtbewegungen des Exils und Stillständen der Inhaftierung erstreckt. Reinerová wird gern als letzte deutschsprachige Autorin Prags und Kulturvermittlerin zwischen Deutschen, Tschechen und Juden vorgestellt. Auch ihr neuester Prosaband "Das Geheimnis der nächsten Minuten" speist sich aus 91 Jahren globaler Lebenserfahrung, springt dabei lokal zwischen den Schauplätzen Prag, Belgrad, Ciudad de México, Casablanca, Berlin, Paris und temporal zwischen 1916 und der jüngsten Vergangenheit hin und her. Doch nicht Atemlosigkeit, sondern das Durchatmen und das Ausharren bilden das bindende Glied in diesem Erinnerungsband: Denn Reinerová bedenkt das Phänomen des Wartens.

Das Buch, schmal und mit großzügigem Druck, versammelt ausgewählte Räume und Orte, in und an denen Reinerová in ihrem Leben bisher hat warten müssen. In einer assoziativen Bewegung beschreibt sie Plätze, Räumlichkeiten, Momente und Zeiten des Wartens, erzählt von den Umständen und erinnert sich an Schicksalsschläge, die erlitten wurden vor, nach oder während einer Wartezeit. Entbindungsstationen, Postgebäude, Flüchtlingslager, Ämter, Bahnhöfe oder Theater und verschiedene Gründe wie eine Niederkunft und Reisen sind ihr Gelegenheiten, über Formen des Wartens zu sinnieren, die sie selbst erfahren oder beobachten konnte: "Was ist eigentlich Warten?" fragt sich Reinerová mehrmals und nimmt diverse Anläufe zur Klärung, doch kommen ihre Antworten kaum über die hinaus, die gleich zu Beginn in den Prosaband einführt: "Warten ist ein ganz besonderer Zustand, in den man im Leben, gewollt oder ungewollt, immer wieder gerät, der uns von unserer ersten Stunde an begleitet, gut sein kann oder schlimm, banal oder ganz außerordentlich", kurz: "Warten hat viele Varianten."

Und so darf der Buchtitel "Das Geheimnis der nächsten Minuten" als metaphorische Antwort auf Reinerovás Frage nach den Zuständen des Wartens gelten. Diese Gestimmtheit unheimlicher Erwartung, auf die Erfüllung der Kontingenz des Universums hin, scheint auch das unverbindliche Programm des Buches zu sein. So muss derjenige leer ausgehen, der eine systematische Abhandlung über Zustände des Wartens erwartet. Ausgerechnet der Unterschied zwischen Warten und Erwarten wird nur unbefriedigend aufgezeigt: "Warten ist etwas ganz anderes als Erwarten. Man wartet auf einen Menschen, auf ein Transportmittel, eine Nachricht. Aber man erwartet ein Ereignis, eine Änderung im Leben." Warum sollte man auf eine Nachricht nur warten, nicht aber eine solche erwarten können? Kann nicht auch eine Nachricht zum Ereignis werden? Warum herrscht im Theatersaal vor dem Beginn einer Aufführung explizit eine "Warte-Atmosphäre", wo doch ein Theaterstück sicherlich ein zu erwartendes Ereignis sein dürfte? Wenig überzeugend gelingt es Reinerová, den qualitativen Unterschied zwischen Warten und Erwartung zu veranschaulichen und einzuhalten.

Sicherlich bieten die erzählten Wartesituationen einen Einblick in Reinerovás abwechslungsreiches Leben, doch decken sie nicht mal annährend die möglichen Attribute des Wartens ab. Reinerovás Optimismus ist omnipräsent und verleiht noch den tristesten Momenten eine hoffnungsvolle und besänftigende Färbung. Ihr tröstlicher Erzählton fördert eine Tendenz zur Trivialisierung und Naivität. Allzuoft stimmt sie die Ferne vergangener Zustände milde, so dass zum Beispiel der Exilaufenthalt in Nordafrika schnell als "in vielerlei Hinsicht einzigartig" verklärt wird. Sie neigt zur Idealisierung des Wartens, das Reinerová selbst wohl nie als existentielle Leere empfunden hat. Für sie gab es kein "Warten auf Godot", sondern nur die potentielle Fülle des Universums, die sich im Warten birgt und erfahren lässt.

Ist es vielleicht nur ihr selbstverständlicher, weitgehend undramatischer und unaffektierter Erzählstil, der die tatsächliche Grausamkeit des Wartens und des erwarteten Ereignisses verdeckt? "Eine bestimmte Wartestunde, die für mich selbst nicht schicksalsschwer war, kann ich dennoch nie vergessen. Sie liegt schon sehr lange zurück, ergab sich vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges." Anlass ist eine öffentliche Exekution in Versailles, zu der sie als junge Emigrantin den rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, der sich das Spektakel nicht entgehen lassen will, und dessen Frau begleitet. In der versammelten Masse beobachten sie wartend die Vorbereitungen der Guillotine und die Ankunft des Verurteilten. Doch vor der Exekution nimmt Kisch seine Frauen bei der Hand und sie verlassen den Schauplatz: "Das quälerische Warten war nun zu meiner Erleichterung für uns zu Ende." Zwar spricht sie hier explizit von einem quälerischen Warten, doch gelingt es ihr weder, die Qualen zu imaginieren, noch zeichnet sich die ambivalente Spannung in Ton oder Form ab.

Reinerová versucht nicht, Wartezustände auf erzählerische Weise zu simulieren. Sie gibt sich vielmehr ihren Erinnerungen und Assoziationen hin, überlässt es dem Leser, die Lebenswirklichkeit des Wartens im Falle der Ereignisse Frau Lenka Reinerovás für eine Kategorisierung zu kompilieren. Sie selbst hingegen lässt die Ambivalenz gelten: Anfang März 1939 hatte sich Reinerová, ohne es zu wissen, zum letzten Mal von ihrer Familie verabschiedet, die dann in Konzentrationslagern den Tod fand: "Im Wartesaal des Masarykbahnhofs haben wir die letzten Minuten unseres Zusammenseins verlebt. Wartesäle in Bahnhöfen lassen mich jedesmal ein wenig erschaudern." Seitdem sind Bahnhöfe für sie "vor allem Orte des Abschiednehmens", nicht der Ankunft. Diese Konnotation des Bahnhofs verleiht der Metapher "Bahnhof des Lebens", welche Reinerová für die Wartezimmer von Entbindungsstationen, die "zu den hoffnungsvollsten, vielversprechendsten, auch dramatischsten Aufenthaltsräumlichkeiten in unserem Dasein zählen", einsetzt, einen bitteren Beigeschmack. In der Stille zwischen den Zeilen verbirgt sich also das Entsetzen, das trotz allem auch für die Optimistin Reinerová eine Möglichkeit der nächsten Minuten ist.


Titelbild

Lenka Reinerová: Das Geheimnis der nächsten Minuten.
Aufbau Verlag, Berlin 2007.
123 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783351032043

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