"Sicher ist, dass nichts sicher ist."

Zur Erinnerung an den Volkssänger, Komiker, Filmpionier und Sammler Karl Valentin aus Anlass seines 125. Geburtstages

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz und Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seine 1935 entstandene "Selbstbiographie" liest sich so: "Karl Valentin erlernte aus Gesundheitsrücksichten im Alter von 12 Jahren die Abnormität und zeigte nach reiflicher Überlegung Talent zum Zeitunglesen. Sein Hang zur Musik ist alltäglich. Am liebsten hört er zu, wenn er selbst spielt. [...] Etwas von den körperlichen Eigenschaften Karl Valentins zu schreiben, ist am Platze. Sein Körpergewicht ist unwichtig, seine Größe - länglich; sein Gang - beweglich; sein Charakter charakteristisch; seine Haltung - lächerlich; und sein Hemd farbig. Er lebt von der Unsinnfabrikation, wie die meisten seiner Mitmenschen, - - Reichstagsabgeordneter gedenkt er bei eventuellem Stellungswechsel immer werden zu können. Finanziell will Karl Valentin seine Lage nicht schildern. Außer, vielleicht dem Finanzamt, und hier will er nichts verschweigen und nichts hinzufügen, so wahr ihm Gott helfe. Amen!"

Ein Vollblutbayer war der am 4. Juni 1882 in der Münchner Vorstadt Au geborene Karl Valentin nicht: Er war als Sohn zugereister Eltern, eines Darmstädter Vaters und einer Zittauer Mutter, so etwas wie ein Neu-Münchner, ein oberbayerischer Protestant, der aber jederzeit zwei Heiligenbildchen bei sich trug. Der gelernte Möbelschreiner hing frühzeitig seinen Beruf an den Nagel - der Nagel ist heute noch im Münchner Valentin-Musäum zu bestaunen - und wurde Volkssänger. Doch im Laufe einiger Jahre löste sich Valentin von dem lokal geprägten Muster des Vortrags humoristischer Couplets und erfand, zusammen mit seiner Partnerin, Geliebten und Co-Autorin Liesl Karlstadt, den bis über Deutschlands Grenzen hinaus erfolgreichen unverwechselbaren Komiker: lang, dürr, saudumm daherredend bis zur hoffnungslosen Sprachverwirrung, immer bereit zu offensichtlich unsinnigen Aktionen: "nun haben wir probeweise mal die Goldfische ins Vogelhaus getan und den Kanarienvogel ins Aquarium, da sind uns aber die Goldfisch immer übers Stang'l nunter g'fall'n, weil's keinen Halt drinn g'habt haben, und der Kanarienvogel ist im Aquarium drinn ersoffen." Am Ende lauert komische Tragik.

Man könnte die Geschichte auch so erzählen: Der aus der nicht angesagten Münchner Vorstadt Au stammende Komiker erfindet nur wenige Kilometer von der 'angesagten' Vorstadt Schwabing entfernt seine Münchner Moderne: Sein "Futuristisches Couplet" und sein "Expressionistischer Gesang" entstehen in nicht nur räumlicher Nähe zur Kunst Wassily Kandinskys oder Franz Marcs, zwar in parodistischer Absicht, aber doch innerhalb eines lebenslangen Projekts lustvoll praktizierter Sprachkritik. Inwieweit seine Komik als signifikantenzentrierte und sprachskeptische Wortklauberei, "sein destruktives Spiel mit Missverständnissen", wie es seine jüngste Biografin Monika Dimpfl nennt, genuin 'modern' ist, mag andernorts entschieden werden. Populär war sie jedenfalls: Auf der Bühne konnte sich Valentin jahrzehntelang mühelos halten, nicht nur in München, sondern auch in Berlin, Zürich und Wien. Dabei waren seine abgründig-grotesken, teils musikalisch untermalten Bühnendialoge und -dramolette etwas Neues, bedeuteten die Abkehr von der Münchner Volkssängertradition, auf die er sich aber immer berief. Valentin erkannte jedoch früzeitig, dass diese sich überlebt hatte. Mit dem erfolgreich zusammen mit Liesl Karlstadt aufgeführten Einakter "Alpensängerterzett" parodierte Valentin zur Gaudi seines Publikums in bester Spiel-im-Spiel-Tradition die zumindest aus Münchner Sicht damals schon zur Farce erstarrende oberbayerische Bühnen-Volkstümlichkeit. Neben Brecht, von dem der Vergleich Valentins mit Charles Chaplin stammt, waren es ausgerechnet preußische Kritiker, die die größten Lobeshymnen auf den Bayern anstimmten, Kurt Tucholsky, Alfred Kerr, Kurt Pinthus, Max Herrmann-Neiße.

Die von Helmut Bachmaier und Manfred Faust herausgegebene große Valentin-Werkausgabe, die in den 1990er-Jahren im Piper Verlag erschien, bietet dem Kenner und Forscher wie dem Valentin-Liebhaber ein unverzichtbares Nachschlagewerk, darüber hinaus einen umfangreichen kritischen Apparat, viele hilfreiche Anmerkungen, Filmografien, Diskografien und Verzeichnisse. Der einzige Nachteil dieser Werkausgabe war der hohe Preis von 470 Euro, wohl einer der Hauptgründe, dass diese kaum Käufer fand. In neun Bänden (Monologe und Soloszenen, Couplets, Szenen, Dialoge, Stücke, Briefe, Autobiografisches und Vermischtes, Filme und Filmprojekte, Nachträge) erschließt sich dem Leser das gewaltige Œuvre, das schon ob seiner Vielfältigkeit beeindruckend ist. Verfolgt man die editorischen Notizen und Anmerkungen, vor allem im Nachtragsband, so wundert man sich schon, wieso allerorten behauptet wird, der Nachlass Valentins sei bislang in weiten Teilen unerschlossen, zumindest spricht der kenntnisreiche und detaillierte Anhang eine andere Sprache. Zerstreut ist der Nachlass zweifelsohne; die Gesamtausgabe stützt sich auf die Hinterlassenschaften im Theatermuseum der Universität Köln, des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek von München sowie auf den Nachlass von Liesl Karlstadt, doch unerschlossen oder unerforscht ist er keineswegs. Nun kann der Leser also nachvollziehen, wie der große Improvisator Valentin zusammen mit seiner Bühnenpartnerin die im Kopf fertigen und auf der Bühne bereits erprobten Texte zu Papier brachte, bei späteren Aufführungen oder für Schallplattenaufnahmen daran feilte, wie er sein Repertoire über Jahrzehnte pflegte, ausbaute und variierte. Das Lesevergnügen leidet an den umfangreichen Änderungen nicht.

Die Edition, die in ihrer Bescheidenheit auf das Epitheton 'kritisch' verzichtet und die Piper jetzt zu einem günstigen Preis als Sonderausgabe wieder aufgelegt hat, kann allerdings nicht mehr als einen Teil von Karl Valentins Schaffen beleuchten. Denn eigentlich benötigt man zwei weitere Gesamtausgaben, die nicht nur gleichwertig zu nennen wären, sondern im Vergleich zu den erhaltenen Texten ein Übergewicht besitzen: Valentins Kreativität ist ohne Performanz nicht denkbar.

Und deswegen findet man Karl Valentin mehr noch als im Buch in anderen, ihm und seiner Generation viel gemäßeren Medien. Da wären etwa die Aufnahmen für Rundfunk und Schallplatte, weit über 100 auf Tonträger erhaltene komische Dialoge, oft nur drei bis vier Minuten lang, Perlen einer wortklauberischen Komik des Absurden. Lange Zeit waren diese Schallplattenaufnahmen Valentins nur mit großer Mühe und viel Glück bei Gebrauchtbörsen erhältlich, erst im Jahr 2002 veröffentlichte das Münchner Plattenlabel Trikont eine schlicht "Gesamtausgabe Ton 1928-1947" betitelte Sammlung auf acht CDs. 126 Titel umfasst das monumental anmutende Werk, für das die alten Schallplatten liebevoll und sorgfältig digitalisiert wurden. Und so kann man endlich die Aufnahmen des virtuosen Sprachartisten und seiner Partnerin Karlstadt auch in ihrer Gesamtheit hören und man ist erstaunt, wie man sich in die charmanten Tondokumente vertiefen kann. Auch nach über sechzig Jahren haben die Stücke kaum Staub angesetzt, ihr absurder und gewandter Humor ist ebenso zeitlos wie von einer Qualität, um die zu erreichen sich die so genannten Comedians unserer Zeit noch lange abstrampeln werden.

Doch nicht nur im Rundfunk, sondern auch im Film fand Karl Valentin ein Zuhause. Zwar beklagte er in seinem Couplet "Geht zu den Volkssängern" den Niedergang der Münchner Volkssängertradition, der er sich immer verbunden und zugehörig fühlte: "Da ist die Zeit ganz anders word'n, / die G'müatlichkeit hat sich verlor'n, /,der Kino' hiess die Konkurrenz, / wollt' töten unsre Existenz." Doch Valentin war kein Gegner des Films - ganz im Gegenteil: er war einer der Pioniere des deutschen Kinos, nur eben einer mit wenig unternehmerischer Fortune und geringer Reichweite. Bereits im Jahr 1912 drehte er mit "Valentins Hochzeit" seinen ersten Stummfilm, immerhin zwei Jahre vor Charles Chaplins Filmdebüt "Making a Living". Dem Erstling folgten bis 1941 28 Stummfilme und 29 Tonfilme, darunter mit dem Stummfilm "Der Sonderling" (1929) und den Tonfilmen "Kirschen in Nachbars Garten" (1935) und "Donner, Blitz und Sonnenschein" (1936) auch drei Langfilme, die beiden letzteren unter der Regie seines langjährigen Wegbegleiters Erich Engels, mit dem er so manche künstlerische Differenz hatte. Der drehte - nebenbei bemerkt - unter Mitarbeit von Bertolt Brecht zusammen mit Valentin 1922 den grandiosen Kurzfilm "Mysterien eines Frisiersalons", der allerdings auf Valentins Veranlassung nach einem Gastspiel in Wien im Jahr 1923 aus den Kinos zurückgezogen wurde. Der Grund: Brecht hatte sich allzu frei bei einem amerikanischen Vorbild bedient, das Valentin zufällig in Wien sah und dabei zu seiner Verwunderung feststellte, dass er selbst in dem Film gar nicht vorkam.

Valentin klagte immer wieder darüber, dass es ihm nicht vergönnt sei, abendfüllende Filme nach seinem Gusto zu drehen - sein filmisches Hauptwerk sind daher ausschließlich die Kurzfilme, wie er überhaupt ein Meister der kleinen Form war, des Couplets, des kurzen Bühnenstückes, der Tonaufnahme, des Einakters. Er bewegte sich im neuen Medium Film mit einer erstaunlichen Virtuosität, deutlich wird hier seine lange Bühnenerfahrung, die Routine, die er nach zahllosen Auftritten ausspielen konnte. Er war der Prototyp eines multimedialen Künstlers, der die einzelnen Medien mit Mut und Talent miteinander verbinden konnte.

Der Film ist eines der Schlüsselmedien der Moderne, Propagandist der Technisierung, der Bewegung und des Fortschritts. Gerade die frühen Filme betonen das Vorwärtsschreiten der Technik, die Dynamik der Bewegung, man denke nur an Buster Keatons "Steamboat Bill jr.", Charles Chaplins "Modern Times", Fritz Langs "Frau im Mond" oder "Metropolis". Valentins Filme nehmen davon in auffälliger Weise Abstand. Bei ihm gibt es keine Verfolgungsfahrten, kein Loblied auf die Technik - diese wird zwar gelegentlich thematisiert, aber selten in den Vordergrund gestellt und wenn, dann eher als Objekt des Nicht-Funktionierens. Er stellt der allgemeinen filmischen Beschleunigung eine Art Entschleunigung entgegen. Einzelne Dinge werden in ihre Grundbestandteile zerlegt, gelegentlich gar zerredet. In "Der Zithervirtuose" oder im "Theaterbesuch" ist es die Wiederholung, das Sich-im-Kreis-Drehen, das die Handlung bestimmt, in "Beim Nervenarzt" wird mit aufreizender Langsamkeit und Sorgfalt eine Brezel vermessen.

Bei aller Virtuosität im Umgang mit dem Medium Film zeigen die Aufnahmen also auch die Probleme, die Karl Valentin damit hat. Seine Filme sind nicht von der Dramaturgie, der Lichtsetzung oder der Kameraführung bestimmt, das Geplante, das Schematische der Filmproduktion war nicht seine Sache. Die Magie des Augenblicks, den Moment wollte er einfangen, insofern sind viele seine Filme eher eine abgefilmte Bühnenperformance denn eine Filminszenierung. Seine Vorliebe für die Improvisation schlug sich nicht nur im Fehlen von Bühnenmanuskripten nieder, auch die Filme waren mehr live gespielt als ausgearbeitet. Anweisungen der Regie wurden geflissentlich ignoriert, die Hauptarbeit der Kamera beschränkte sich darauf, so erinnerte sich ein Tontechniker der Münchner Filmfirma Arnold und Richter, "ihn überhaupt im Bild zu behalten, weil er einfach völlig für sich selbst spielte und sich gar nicht darum kümmerte, was um ihn vorging oder notwendig war."

Wichtig waren für Valentin also weniger die inszenatorischen Möglichkeiten, die der Film bot, als vielmehr die Chance, auf diese Weise seine künstlerischen Werke auch außerhalb seines engeren Wirkungskreises bekannt zu machen. In den letzten Jahren machten sich die Ausstrahlungen der Valentin'schen Filme im Fernsehen äußerst rar, in den frühen Neuzigern waren zwei Editionen der Filme als VHS-Kassetten erhältlich, diese enthielten allerdings nur eine recht eigentümliche Auswahl der Filme, die Ausstattung und Qualität der Bänder ließ spürbar zu wünschen übrig. In den Jahren 2002 und 2004 wurden die Filme erstmalig auf DVD veröffentlicht, so dass sowohl einige der kurzen Stumm- und Tonfilme als auch die drei Langfilme in einer angemessenen Qualität erhältlich sind. Eine vollständige Edition lässt leider auch im Jubiläumsjahr auf sich warten. Den Sprung zur weltweiten Verbreitung hat Valentin aber dennoch geschafft, auf der Internet-Videoplattform youtube.com finden sich überraschenderweise einige seiner Stummfilme, darunter "Die lustigen Vagabunden" (1913) und "Der neue Schreibtisch" (1914).

Mediengeschichtlich betrachtet, erweist sich Karl Valentin geradezu als Glücksfall der Moderne. Als leidenschaftlicher Sammler von Ansichtskarten mit Motiven des alten Münchens seiner Jugend noch rückwärtsgewandter Prophet eines heute noch beliebten 'Mediums der Präsenz', ist er schon bald nach der Jahrhundertwende absolut auf der Höhe seiner Zeit. Und so ist schon das Inhaltsverzeichnis des achten Bandes seiner Werkausgabe, "Filme und Filmprojekte" überschrieben, Ehrfurcht gebietend, denn neben zahlreichen Kurz- und Langfilmskripts (teils reich bebildert) finden sich auch "Multimediale Inszenierungen", so als "Technische Bühnenneuheit" von 1928 mit dem Titel "Der Flug zum Mond im Raketenschiff", die Simulation eines Films auf der Bühne. Das von ihm mit großem Ehrgeiz konzipierte Münchner Panoptikum weist ihn noch einmal als Medienpraktiker aus; eine Liste mit Zukunftsplänen, nur wenige Monate vor seinem Tod entstanden, kündet von den ungebrochenen Hoffnungen des hoffnungslosen Melancholikers: "Errichtung einer Singspielhalle, ähnlich wie Platzl, jedoch in meinem Stil und nur für zirka 300 Personen, Errichtung eines Panoramas mit Münchener Bauten 1850 bis 1930, Errichtung eines heiteren Museums, Errichtung eines Filmateliers." Doch München lag in Trümmern, und am Rosenmontag 1948 starb Karl Valentin an einer Lungenentzündung; am Aschermittwoch war die Beerdigung.

Auf dem Buchmarkt ist Valentin im Jubiläumsjahr - neben der Werkausgabe - erstaunlich gut vertreten. Monika Dimpfls sehr lesenswerte, auf soliden Kenntnissen aufruhende Biografie erinnert den Valentin-Fan zuallererst wieder an die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen der schier zeitlosen Bühnen- und überhaupt Kunstfigur K. V., einem unverwechselbaren Komikertypus, und einer durch eine wechselhafte Bühnenkarriere geprägten, im Alter auch erfolglosen Künstlerexistenz, die sich frühzeitig zu vermarkten versteht. Diesen Unterschied zwischen Leben und Lebensrolle möglichst zu verwischen, gehört zum Repertoire aller großen Komiker, man denke nur an Chaplins unsterbliche Filmgestalt Charlie.

Valentin war Hypochonder und Apokalyptiker, sein Berufsethos war der Galgenhumor, die Desillusionierung, die Angst. Kaum trefflicher lässt sich dieses Lebensgefühl ausdrücken als mit dem Valentin-Zitat "Sicher ist, dass nichts sicher ist." Der von seinen nächtlichen Auftritten heimkehrende Komiker trug stets eine Handfeuerwaffe bei sich, seine in regelmäßigen Abständen erneuerten Anträge auf Verlängerung seines Waffenscheins sind erhalten. Hierzu passen sehr gut die zahlreichen gescheiterten oder, mitunter an Kleinigkeiten, scheiternden Existenzen in seinen Texten: Zu der existentiellen Unmöglichkeit, sich sprachlich zu verständigen, kommt noch die kleinbürgerliche Angst vor dem sozialen Absturz, vor Armut und Ruin.

Seine Ängste mögen es dem freien Künstler Valentin nahegelegt haben, sich so gut wie möglich zu vermarkten, seine "Original-Vorträge" zu publizieren, auf sein Urheberrecht zu pochen und Trittbrettfahrer zu bekämpfen, wie es zahlreiche erhaltene Beschwerdebriefe belegen. Dieser bei allem Erfolg doch immer wieder einsetzende Kampf um die berufliche Geltung wird auch spürbar, wenn man sich das zutiefst und gewollt Unpolitische und geradezu Ent-Aktualisierende seiner Komik vergegenwärtigt. Valentin gab sich nicht als Intellektueller, als souverän agierender Künstler - als Mensch und in seinen Rollen war er der Verwundbare, ja Ohnmächtige und von Verlustängsten Gebeutelte. Dies alles macht halbwegs plausibel, dass das Nicht-NSDAP-Mitglied Karl Valentin, erfolgsorientiert und stur unpolitisch, sich zumindest bis in die ersten Kriegsjahre hinein künstlerisch und finanziell erfolgreich durch die NS-Zeit hindurch zu lavieren verstand. Wohl allzu ernst war es ihm mit einer Geldforderung an einen Feuilletonredakteur von 1926: "Geben Sie sofort, ohne sich zu besinnen, eine Expressflugpostanweisung auf, über 60,-- Mark. Sollte binnen der Betrag in meinem Besitze nicht sein, bin ich leider gezwungen, länger zu warten, so leid mir das tut. Ihrem Wunsche sofort nachkommend zeichnet Niederverachtungsleer Karl Valentin." Und an anderer Stelle: "Ich bin auf Sie angewiesen, aber Sie nicht auf mich, merken Sie sich das!"

Die Rolle des Narren stand Valentin also auch nach 1933 ganz gut an. Mancher seiner Briefe sorgt indessen für Irritationen, und der Herausgeber des Briefbandes der Werkausgabe, Gerhard Gönner, fragt in seinem Nachwort zu Recht, ob Valentin je das Verbrecherische der Diktatur zur Kenntnis genommen habe. So klagt der im Film Glücklose über Heinz Rühmanns scheinbar mühelos errungenen Erfolg - obgleich der missliebige Kollege zu jener Zeit (1937) noch mit einer jüdischen Frau verheiratet war: "Herr Rühmann (bitte um Diskretion) spielt jährlich mindestens 3 Filme à 20.000,- - Mark (warum) seine Frau soll nicht arischer Abstammung warum hat [...] dieser Mann den Vorzug? Soll ich mich auch noch scheiden lassen und eine andersrassige Dame heiraten?" Ein aus seinem Künstlerehrgeiz resultierender Sarkasmus verschloss ihm hier die Augen vor der verbrecherischen Wirklichkeit, in der er lebte. Aus ähnlichen Motiven heraus heißt es in einem anbiedernden Brief an den Reichsfilmdramaturgen: "Ich bin Herrn Reichsminister Dr. Goebbels aufrichtig verbunden über (!) die rasche Hilfe, die er mir in dieser Angelegenheit zuteil werden liess. Ich habe das feste Vertrauen, ihm meinen Dank durch meine Arbeit ausdrücken zu können, ich weiss, dass ich dem deutschen Film durch meine Ideen eine neue Note geben kann."

Dabei sei nicht bestritten, dass Valentin keineswegs mit den Nazis sympathisierte, wie Monika Dimpfl kategorisch feststellt. Gerade was seine Filme angeht, kam er zwangsläufig des öfteren in Kontakt mit der mächtigen NS-Behörde. 1934 wurde "Der Firmling" wegen "Verletzung religiösen Empfindens" von der Zensur verboten, genau so erging es dem Film "Die Erbschaft" 1936, mit der Begründung, "dass der Film das Leben der ärmsten Volksgenossen glossifiziert [sic!] und dies gerade zu der Zeit, wo durch das Winterhilfswerk so vielen Menschen geholfen wird", 1942 wurde "Der Sonderling" (in dem Karl Valentin als Handwerker am Existenzminimum sogar einen Selbstmordversuch unternimmt) aus den Lichtspielhäusern verbannt, da er "das künstlerische Empfinden" verletze. Der Film "München 1938", in dem Valentin einen Kurzauftritt hatte, wurde auf persönlichen Wunsch Hitlers verboten, offenbar fand der seine Rolle als Bauherr des "Neuen München" zu wenig gewürdigt.

Profitiert hat Valentin von den Nazis freilich zumindest insofern, als der Bedarf an 'unpolitischer' Unterhaltung - und damit einem Politikum ersten Ranges! - enorm war und als ohne die Konkurrenz jüdischer Kollegen der Markt der Künste nach 1933 neu aufgeteilt wurde. Gewiss: Valentins Stern sank nach 1939 schnell; schuld daran war unter anderem die Emanzipation seiner jahrzehntelangen Partnerin Karlstadt, vielleicht auch die Tatsache, dass im Humor des späten Valentin die Bitterkeit allzu sehr überhand nahm.

Wieder aufgelegt wurden neben der Karl-Valentin-Gesamtausgabe auch die Erinnerungen von Bertl Böheim-Valentin, seiner zweiten Tochter, die unter dem Titel "Du bleibst da und zwar sofort! Mein Vater Karl Valentin" erstmals 1971 erschienen. Besondere Einsichten darf man davon allerdings nicht erwarten; das Buch ist nicht viel mehr als eine Sammlung von Erinnerungen und Anekdoten aus dem Leben Valentins, die zudem noch recht unmotiviert und zusammenhanglos aneinander gereiht werden. Der "schöne Pappa" wird als Erwachsener mit kindlichem Gemüt eingeführt, immer fröhlich, immer zu Schabernack aufgelegt. Die eingestreuten Meinungen und Lobreden von Freunden, Bekannten und Verwandten festigen dieses Bild. Kein oder zumindest kaum ein Wort von den Schattenseiten Valentins. Seine Hypochondrie, seine Phobien und seine erstaunliche Scheu vor Menschenmengen werden in dürren Worten als liebenswerte Schrullen abgetan, seine bisweilen aufbrausende und ins Tyrannische gehende Art als Stürme im Wasserglas dargestellt, die nicht immer einfache Beziehung zu seiner Frau und seine Eifersucht finden mit gerade mal einem nur knappen Satz Erwähnung. Liesl Karlstadt rückt fast völlig aus dem Blickfeld der Familie, bleibt auch für Bertl Valentin fremd - immerhin deutet diese an, dass sie für ihren Vater mehr als nur eine Bühnenpartnerin war, um aber gleich wieder davon abzulenken. Eine Haltung, die sich übrigens auch auf der offiziellen Karl-Valentin-Webseite wieder findet. In einem Interview mit Valentins Enkelin Anneliese Kühn heißt es lediglich: "Die Familie hatte sehr wenig Kontakt mit Liesl Karlstadt, wir kannten sie kaum."

Auch wenn heikle Themen großräumig umschifft werden und der Aufbau zuweilen etwas hölzern anmutet, kann man "Du bleibst da und zwar sofort!" immerhin als skurriles Zeitdokument lesen, sich die zahlreichen Abbildungen und Fotos ansehen und geschwind nachrechnen, inwiefern sich Valentin in seiner "Rechnung für Deine Existenz", die er seiner Tochter 1932 nach Königsberg schickte, verrechnet hat - man beachte aber die zehnprozentige Ermäßigung, die er ihr großzügig für das nahe Verwandtschaftsverhältnis gewährte.

Der Münchner Verlag nennt seinen Beitrag zum Valentin-Jahr "Der Münchnerischste aller Münchner" (so übrigens Oskar Maria Graf über Karl Valentin), herausgekommen ist dabei ein einigermaßen uninspiriertes Sammelsurium an Valentin-Geschichten und biografischen Schnipseln. Zwar führt Alfons Schweiggert knapp und recht kurzweilig in das Leben und Werk Valentins ein, doch ist dies nicht viel mehr als ein Kratzen an der Oberfläche mit nur wenigen Glanzstücken. Vieles wird angerissen, nur wenig aber vertieft. Zuweilen mutet das Buch selbst wie das Kuriositätenkabinett eines Fans an - wäre man gutwillig, dann wäre das Foto der "Original-Bleistiftstummeln Valentins, mit denen er einen Großteil seiner Werke schuf" selbst ein Fall für das Panoptikum. Eine gewisse Selbstverliebtheit des Autors ist ebenfalls auffällig, überall finden sich Zeichnungen Schweiggerts zu sinnigen und unsinnigen Anlässen, das Buch wimmelt geradezu von inhaltsleeren Formeln ("Vorrangig fühlte sich Valentin als Handwerker"), Peinlichkeiten (etwa der selbstgemalte "geistige Stammbaum") und Ungenauigkeiten (so verzeichnet Schweiggert lediglich 13 Stummfilme und 25 Tonfilme). Als knapper, reich bebilderter Überblick für den Laien oder für die Regionalia-Ecke der Buchhandlungen ist das Buch schon brauchbar, ein Fanbuch sozusagen, doch für eine tiefere und ernsthafte Auseinandersetzung mit Valentin ist es definitiv nicht zu empfehlen.

Ohne Einschränkung kann vielmehr die Biografie der versierten Valentin-Kennerin (und Karlstadt-Biografin) Dimpfl empfohlen werden. Das Buch verfolgt mit nur geringen Verklärungstendenzen vor allem das Leben, nur immer wieder gelegentlich auch das Werk Valentins. Bei aller Detailgenauigkeit ist es heute für ein hoffentlich breites Publikum das Buch über Karl Valentin überhaupt.

Und was macht die Stadt München? Valentins Heimatstadt zeigte lange Jahre kaum Interesse am Werk eines ihrer größten Söhne, das Angebot von Bertl Böheim-Valentin, der Stadt für eine verschwindend geringe Summe den Nachlass zu verkaufen, wurde abgelehnt, das Karl-Valentin-Musäum im Isartor ist eine privat finanzierte Einrichtung. Umso erstaunlicher, dass sich die Stadt München zum 125. Geburtstag ein umfangreiches Jubiläumsprogramm ausgedacht hat mit zahlreichen Buchvorstellungen, Lesungen und Ausstellungen. Das Filmmuseum zeigt eine große Valentin-Retrospektive (25. Mai bis 17. Juni 2007) mit allen Filmen, eine Karl-Valentin-Gesellschaft soll ebenfalls gegründet werden, bereits im Februar wurde der neu eingerichtete Karl-Valentin-Preis zum ersten Mal vergeben - undotiert, verschenkte doch auch der Komiker gerne leere Pakete zu verschiedensten Anlässen. Würdig waren die Preisträger allemal: geehrt wurden Gerhard Polt und die Biermösl Blosn.

Das Programm zum 125. Geburtstag von Karl Valentin können Sie hier abrufen.


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Karl Valentin / Liesl Karlstadt: Die Kurzfilme. 3 DVD.
VZ Handelsgesellschaft, Gladbeck 2002.

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Titelbild

Karl Valentin: Gesamtausgabe Ton. 8 CD.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2002.

ISBN-10: 3898983005
ISBN-13: 9783898983006

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Karl Valentin / Liesl Karlstadt: Die Spielfilme. 3 DVD.
VZ Handelsgesellschaft, Gladbeck 2004.

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Titelbild

Karl Valentin (Hg.): Der große Karl Valentin. Sämtliche Werke in 9 Bänden.
Piper Verlag, München 2007.
4000 Seiten, 69,90 EUR.
ISBN-13: 9783492050401

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Titelbild

Bertl Valentin (Hg.): Du bleibst da und zwar sofort! Mein Vater Karl Valentin.
Piper Verlag, München 2007.
176 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783492050395

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Monika Dimpfl: Karl Valentin. Biografie.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007.
320 Seiten, 14,50 EUR.
ISBN-10: 3423246111

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Alfons Schweiggert: Karl Valentin. Der Münchnerischste aller Münchner.
München Verlag, München 2007.
144 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783937090153

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