Minimalistisch, makaber, menschlich

Susanne Henke verführt in "Finderlohn und andere Stories" zur Schadenfreude

Von Mirja Martens

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lachen heißt: schadenfroh zu sein, aber mit gutem Gewissen. Bereits Nietzsche wusste um den sichersten aller Wege, dem Menschen ein ehrliches Lachen auf das Gesicht zu zaubern. Ein kleines Missgeschick, eine unüberlegte Handlung oder der gefürchtete Tritt ins Fettnäpfchen sind Garanten für Heiterkeit, solange sie in sicherer Entfernung passieren, einem Freund vielleicht, besser noch einem Feind. In "Finderlohn und andere Stories" beweist Susanne Henke, dass das harte Los des Opfers allgemeinen Spotts dabei keinesfalls nach dem Zufallsprinzip ausgespielt werden muss. Die Hamburger Autorin liefert ihre Figuren mit eindrucksvollem Gespür für den bevorzugt schwarzen Humor ihrer Leser ans Messer.

Denn mit "Bissige Stories für boshafte Leser" ist der Titel seines Vorgängers gleichsam Programm des zweiten Buches von Susanne Henke. Dreizehn kurze Geschichten führen dreizehn Mal erbarmungslos zu einem bitteren Ende. Frustrierte Immobilienmakler, fanatische Fußballfans und eifersüchtige Kolleginnen müssen genauso wie heißblütige Verehrerinnen am eigenen Leib erfahren, wie der vermeintliche Trott des Alltags durch eine böse Überraschung gestört wird. Einer Überraschung, die gelegentlich vorhersehbar, immer aber gelungen ist.

Kurz und bündig und doch mit einer Liebe für das besondere Detail bettet Henke süße Verführer und erstklassige Chirurgen in die Vertrautheit ihrer Umgebung. Um sie ihr anschließend mit wenigen Sätzen gekonnt zu entreißen. Absurde Züge nehmen sie an, die Menschen, ihr Leben, immer wiederkehrende Situationen. Und Susanne Henke weiß sie zu beschreiben.

Der Autorin genügen wenige, manchmal drei Seiten, um die Geschichte einer Figur entstehen und wie ein Kartenhaus einstürzen zu lassen. Happy End? Fehlanzeige. Boshaftigkeit erwartet Susanne Henke von ihren Lesern, und boshaft ist auch sie. Weder Ehefrauen in Spe noch passionierten Fotografen schenkt sie mehr Aufmerksamkeit, als die Rechtfertigung ihres bevorstehenden Unglücks erfordert. Ein Unglück, das nicht selten makabere Züge annimmt. Egoismus wird mit Genickbruch, mit einem Sturz in die Tiefe oder vor einen Zug bestraft.

Krimi und Satire nennt Susanne Henke ihre Genres und liefert mit "Finderlohn und andere Stories" ein Paradebeispiel für die elegante Vereinigung beider Sparten. Die Europasekretärin und Übersetzerin schreibt auf nur 88 Seiten mehr Todesfälle herbei, als jeder Kriminalroman verschmerzen könnte. Mit einem Unterschied: Ihre Opfer hinterlassen keine Lücke, sie bereichern die kurzen Geschichten. Karikierend ermöglichen sie Susanne Henke ein Urteil über die vielfältigen Komplikationen gesellschaftlicher Beziehungen. Ein Urteil, das härter oft nicht ausfallen könnte.

Keine Frage: Das kleine Büchlein hat es in sich. Als treuer Begleiter in Bus und Bahnhofshalle, Wartezimmer und Badewanne versüßt es den Alltag. Und lehrt ihn zu fürchten. "Finderlohn und andere Stories" ist die perfekte Verführung zur Schadenfreude. Die schönste aller Freuden. Solange man selbst sie empfindet.


Titelbild

Susanne Henke: Finderlohn und andere Stories.
Books on Demand, Norderstedt 2006.
87 Seiten, 8,80 EUR.
ISBN-10: 3833465360

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