Ethik für alle

Otfried Höffes Monografie führt umfassend und verständlich in die Moraltheorie ein

Von Josef BordatRSS-Newsfeed neuer Artikel von Josef Bordat

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ethik-Bücher gibt es viele. Populäre Abhandlungen à la Ulrich Wickert auf der einen, philosophische Untersuchungen, die einem Fachpublikum vorbehalten bleiben, auf der anderen Seite. Nur wenigen Autoren gelingt der Spagat zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit in der Argumentation und Verständlichkeit in der Wortwahl. Vielmehr: Nur wenige Profi-Ethiker scheinen daran überhaupt interessiert zu sein. Was im angelsächsischen Raum längst üblich ist, scheint hierzulande verpönt: die Grenzüberschreitung als Arbeitsgang des akademischen Forschens. Sie wird vorgenommen, damit die verkündete Botschaft nicht nur als Echo in den Hallen der Alma mater widerschallt, sondern als verständliche Stimme in der interessierten Öffentlichkeit verlautbar ist.

Otfried Höffe, Philosophie-Professor in Tübingen, bekannt durch zahlreiche Monografien zu Kant, Aristoteles und systematische Fragen der praktischen Philosophie sowie durch das von ihm herausgegebene "Lexikon der Ethik", hat mit "Lebenskunst und Moral" in diesem Sinne einen Text vorgelegt, der in seiner Voraussetzungslosigkeit jeden anzusprechen versucht. Er ist klar strukturiert, der Autor argumentiert kleinschrittig und damit nachvollziehbar, und verzichtet weitgehend auf abschreckende Fachtermini, was nicht unerheblich zum Verständnis beiträgt. So nimmt er für das wichtige Thema Ethik eine Popularisierung vor, jedoch jenseits jeder Banalisierung. Vereinfacht wird nur die Darstellung der Sache, nicht die Sache selbst. Hier lässt Höffe kaum eine Kontroverse und kaum ein Dilemma aus. Seine Lösungen für diese ethischen Probleme sind Vorschläge, die zum Selber-Denken befähigen. Er sorgt durch deutlich herausgearbeitete Fragestellungen dafür, dass die Ausgangsbasis vorhanden ist und leistet damit wertvolle Aufklärungsarbeit.

Der mit fast 400 Seiten sehr umfangreiche Problemaufriss bringt die gegenläufigen Perspektiven jeder moraltheoretischen Betrachtung - Prinzip "Glück" versus Prinzip "Freiheit" - in einen fruchtbaren Dialog, an dessen Ende die Synthese steht: Autonome Moralität mache zwar nicht notwendig glücklich, aber: "Auch wenn die moralische Vernunft ohne Einstimmung des Schicksals kein gelungen-erfülltes Leben, kein rundes Glück, beschert, setzt sie dieses Glück nicht aufs Spiel. Ohne die moralische Vernunft ist dieses Glück nicht einmal zu erwarten."

Auf dem Weg zu dieser Formel werden die traditionell als "Frontstellung" behandelten Positionen vorgestellt: Auf der einen Seite die Strebensethik, die auf Aristoteles zurückgeht und die in Gestalt des Utilitarismus (Bentham, Mill) bis heute nachwirkt, auf der anderen Seite die Sollensethik, die in Kant ihren bestechendsten Vordenker gefunden hat. Der Autor behandelt dabei auch Fragen, die aus "philosophiepolitischen" (Höffe) Gründen häufig ausgespart werden, etwa die nach der Metaphysik innerhalb der "aufgeklärten" Ethik. Er spricht von "metaphysikfrei metaphysisch", um zu betonen, dass einer Fundamentalanalyse, wie Ethik sie leistet, ein metaphysischer Rang zukommt, auch wenn sie nicht auf einer bestimmten Metaphysik basiert: "Nicht allein von ihrem Grundlegungsinteresse, sondern auch von ihrem vorrangigen Gegenstand, dem moralisch Guten, her hat also die Fundamentalethik einen die Naturerfahrung überschreitenden Rang."

Oder die Frage nach dem Determinismus, der das Grundprinzip kantischer Autonomie, die Willensfreiheit, gefährdet. Für Höffe basieren die Irritationen, die Hirnforscher diesbezüglich mit ihren Experimenten schaffen, auf einem "intellektuellen Betrug", da ontologisch nicht zwischen Gehirn und Geist differenziert werde, was aber nötig sei. Die allein entscheidenden Handlungsgründe gehörten schließlich der Kategorie "Geist", die messbaren neuronalen Zustände der Kategorie "Gehirn" an. Oder auch die Frage nach dem Bösen, ein Begriff, der sonst, weil vermeintlich zu stark religiös konnotiert, von der zeitgenössischen Ethik gemieden wird, was Höffe schon aus pragmatischer Erwägung missfällt: "Eine Menschheit [..], die sich ihres natürlichen Hanges zum Bösen bewußt ist, rechnet mit der Möglichkeit, daß der Hang zum Ausbruch kommt, und trifft dagegen Vorkehrungen."

Häufig geht der Autor auf ganz praktische Fragen ein. Er erläutert den moralischen Status von wohlbekannten Lebenszielen wie "Lust", "Wohlstand", "Macht" und "Ansehen", betont im Kapitel "Die Wirklichkeit" (sic!), dass es notwendig ist, Moralität in Sittlichkeit zu überführen, die er als "Freiheit in Institutionen" kennzeichnet, und widmet einen Abschnitt der Moralerziehung, die sonst zu den "Themendefiziten vieler Moralphilosophen" gehört. Dabei ist die Bedeutung geeigneter moralpädagogischer Ansätze zweifelsohne groß, geschieht doch auf dem Wege der Erziehung die Einübung des Guten, jedoch, wie Höffe betont, weniger im Sinne einer Konditionierung, sondern eher in Gestalt einer Anleitung zur Selbsterziehung, in der sich "die Moralerziehung vollendet".

"Lebenskunst und Moral" ist ein wichtiges Buch, dass nicht nur für "Einsteiger" geeignet ist. Auch der mit moraltheoretischen Argumenten vertraute Leser bekommt mit diesem ausführlichen Überblick die grundlegenden Differenzen, aber auch die verbindenden Motive der Ansätze sehr eindrücklich vor Augen geführt. Otfried Höffes Darstellung sorgt auf sympathische Weise für Orientierung im disparaten Ethik-Diskurs. Mehr kann ein Philosoph nicht leisten.


Titelbild

Otfried Höffe: Lebenskunst und Moral. Oder macht Tugend glücklich?
Verlag C. H. Beck, München 2007.
392 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783406557453

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