"A house of worship in this den of sin"

Michael Streissguth über die Entstehung von Johnny Cashs legendärem Konzertalbum "At Folsom Prison"

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Vorstellung fiel äußerst kurz aus: "Hello, I'm Johnny Cash" und schon legte die Band mit den ersten Takten von "Folsom Prison Blues" los. Das Publikum, dem Cash an diesem Tag gegenüberstand, war kein gewöhnliches. Die Zuhörer waren Strafgefangene des kalifornischen Folsom State Prison. Der Sänger wollte mit seinem Konzert nicht nur ein sozialpolitisches Zeichen gegen die Haftbedingungen setzen und seine Solidarität mit den Häftlingen bekunden - für ihn stellte der Auftritt an jenem 13. Januar 1968, der außerdem für eine Schallplatte aufgenommen werden sollte, auch eine Art Neuanfang dar. Die letzten fünf Jahre hatte sich seine Musik nur äußerst mäßig verkauft, er selbst hatte seine Drogen- und Medikamentenabhängigkeit immer weniger im Griff. Da bot diese Demonstration einer deutlichen gesellschaftskritischen Haltung gerade im Jahr 1968 eine gute Gelegenheit, sich wieder ins Gespräch zu bringen.

Der Coup glückte bekanntermaßen, die LP "At Folsom Prison" wurde zu einem der größten kommerziellen und künstlerischen Erfolge Cashs. Zugleich wurden durch eben jenen Erfolg die eingesperrten "neuen Aussätzigen Amerikas" ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgerufen und die Aufnahme verschaffte ihnen die notwendige Aufmerksamkeit, um an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.

Das Album selbst zeigt Cash auf einem Höhepunkt seines Schaffens, den ihm zu dem Zeitpunkt kaum jemand zugetraut hatte. Gut gelaunt scherzt er mit den Gefangenen, parodiert die Durchsagen der Wärter, die den Männern, die nur mit ihren Häftlingsnummern genannt werden, für jeden Zwischenruf Sanktionen androhen. Er zieht seine übliche "Can I have a glass of water"-Zeremonie in die Länge, nicht ohne sein Publikum augenzwinkernd darauf hinzuweisen, dass "This show is being recorded for an album release on Columbia Records and you can't say ,hell' or ,shit' or anything like that." Was auf der Platte dann dazu führte, dass in den meisten Ansagen von Cash selbst diverse Piepser eingebaut werden mussten, um das prüde amerikanische Publikum nicht über Gebühr zu strapazieren.

Die Entstehungsgeschichte dieses Meilensteines in der Diskografie Cashs zeichnet der ausgewiesene Cash-Kenner Michael Streissguth in "Johnny Cash at Folsom Prisom. Die Geschichte eines Meisterwerks" nach. In einer dicht geschriebenen Einleitung führt er die Entwicklung Cashs, seine Verbindungen zu Bob Dylan und die Geschichte des Songs "Folsom Prison Blues" bis zum Jahr 1968 aus, um dann in einer Art Exkursion die Geschichte des amerikanischen Strafvollzugs allgemein und im Folsom State Prison im speziellen zusammenzufassen. Dieses Kapitel gehört zweifelsohne zu den Highlights des Buches, ebenso wie die Schilderung der Begleitumstände des Auftrittes, die die seltsam packende Atmosphäre des Konzertes erstaunlich gut transportiert.

Streissguth hat sich auch eine nicht unbeträchtliche Mühe mit der Recherche gemacht. Die kaum zugänglichen Archive des Gefängnisses und von Columbia Records wurden von ihm akribisch durchforstet, so dass man im Buch einer Fülle von Details gegenübersteht, die den Leser aber nicht erschlagen. Sind sie doch mit zahlreichen, zum Teil bislang unveröffentlichten Fotografien aufgelockert. Der Autor widmet sich ausführlich der Produktionsgeschichte des Albums und listet auf, welche Eingriffe seitens des Produzenten vorgenommen wurden, um das Album aufzupeppen. Außerdem widerlegt er die Authenzität des zustimmenden Johlens der Häftlinge zur Song-Textstelle "When I was just a baby / My Mama told me:,Son, / Always be a good boy, / Don't ever play with guns' / But I shot a man in Reno / Just to watch him die". Diese wurde nämlich nachträglich in die Aufnahmen eingefügt, man wollte bei Columbia wohl noch einmal die moralisch fragwürdige Haltung der Häftlinge betonen.

Etwas irritiert registriert man in diesem Zusammenhang, dass Streissguth das ein Jahr später erschienene Album "At San Quentin" für eben jene Eingriffe scharf kritisiert, diese im Falle des "Folsom"-Album aber wesentlich laxer kommentiert. So gewaltig sind die Unterschiede zwischen "Folsom" und "San Quentin" nicht, und in so manchen Fällen bietet die Aufnahme aus dem Staatsgefängnis San Quentin schlichtweg die bessere Songauswahl - man denke an Bob Dylans "Wanted Man", das improvisierte "San Quentin" oder den grandiosen Talking Blues "Starkville City Jail".

Will man sich über das Album und auch die Person Johnny Cash mit all ihren Facetten und Widersprüchen schlau machen, so kommt man an Streissguths Buch definitiv nicht vorbei. Die Fotografien von Jim Marshall wären alleine schon den Kauf des Bandes wert. Nebenbei erfährt man so manches über das gesellschaftliche und politische Umfeld im Amerika der 1960er-Jahre, den Umgang mit den Strafgefangenen und die Mechanismen der Musikindustrie. Wer sich nach den knapp 220 Seiten noch weiter informieren möchte, dem bietet Streissguth einen überaus üppigen Anhang mit Anmerkungen, einer ausführlichen, aktuellen Bibliografie und ein knappes Register.


Titelbild

Michael Streissguth: Johnny Cash at Folsom Prison. Die Geschichte eines Meisterwerks.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Fritz Schneider.
Rogner & Bernhard Verlag, Berlin 2006.
220 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 380771023X

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