Ein solides Kompendium

Slavija Kabic über Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Kurzgeschichte zwischen 1945 und 1989

Von Marijana Erstic

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Den Satz „Ein Königreich für ein Kind“ – den Titel des rezensierten Buches und ursprünglich ein Zitat aus Shakespeares Drama Richard III. – beschwor Heinrich Böll während seiner „Frankfurter Vorlesungen“ im Jahr 1963/64 an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt. Böll sprach dort über die Sujets, die ihm besonders wichtig erschienen und ihm zufolge in der deutschen Literatur vernachlässigt wurden: Geld, Wohnen, Mahlzeiten, aber auch das Thema Kind: „…es wird so wenig gegessen in der deutschen Literatur, wie wenig darin gewohnt wird, es wird kaum von Geld geredet, viel gehungert, auch von der Luft gelebt, und dann die fürchterliche Sitte, das Essen schweigend einzunehmen, schweigsame Kinder bei Tisch: geduckt, gezähmt – und dann ein weiteres Thema: das Erscheinungsbild des Kindes in der deutschen Literatur. Ein Königreich für ein Kind, das eins sein, das frei sein durfte. Zwischen Wohnen und Essen, Liebe, Ehe, Familie bestehen offenbar Zusammenhänge.“

Die kroatische Germanistin Slavija Kabic nimmt diese Sätze auf, um Texte zu analysieren, die um die Themen ‚Kinder‘, ‚Krieg‘ und ‚Nachkriegszeit‘ kreisen. Der Gegenstand der Untersuchung sind dabei „die Erscheinungsbilder der Kinder bzw. Kindheit und der Jugendlichen (Pubertierenden und der Adoleszenten) beziehungsweise Jugend in den deutschsprachigen Kurzgeschichten, die zwischen 1945 und 1989 entstanden und veröffentlich wurden“. Die Kurzgeschichten sind eines der wichtigsten Genera der deutschen Nachkriegsliteratur, womit sich die Germanistin in einem Gefilde von besonderer, freilich bisher bereits vielfach untersuchter literarischer Bedeutung bewegt; neu jedoch ist die Kombination von Gattung (Kurzgeschichte) und Motiv (Kindheit und Jugend).

Die Studie „Ein Königreich für ein Kind“ schlägt einen großen Bogen innerhalb der deutschsprachigen Kurzgeschichte, von Heinrich Böll und Wolfgang Borchert über Luise Rinser, Heiner Müller, Ingeborg Bachmann bis hin zu Christoph Hein und Christa Moog, und es scheint als habe die Verfasserin bei ihrer Analyse die Gleichberechtigung im Auge behalten: die Anzahl der Autorinnen übertrifft jene der Autoren, wobei der titelgebende Autor Heinrich Böll mit den meisten Erzählungen vorgestellt wird. Die erforschten Geschichten wurden in unterschiedliche, chronologisch aufgebaute Kapitel eingeordnet: „Kindheit und Jugend im Dritten Reich“, „Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit“ und „Kindheit und Jugend in der modernen Gesellschaft“.

Die abschließende Betrachtung wiederholt und resümiert in einzelnen Unterkapiteln die behandelte Thematik, wobei es hier auch möglich gewesen wäre, das jeweilige Resümee an das Ende des jeweiligen Kapitels zu stellen. Die einleitenden Kapitel beschreiben überblicks- und literaturgeschichtsartig neben der „Entdeckung“ der Kindheit und der „Kindheit im Nationalsozialismus“, „Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Literatur seit dem Mittelalter“ und benennen nochmals expliziter „Gegenstand, Vorgehensweise und Ziele der Untersuchung“. Diese Teile der Arbeit zeugen vom großen, in vielen universitären Seminaren erprobten Wissen der Autorin und sie eignen sich – wie auch in der Arbeit hervorgehoben – besonders gut für den Einsatz im einführenden, universitären Germanistikunterricht.

Die in den einleitenden Kapiteln bereits zu Tage tretende, pädagogisch motivierte Intention ist das Grundcharakteristikum auch der Einzelstudien der Kurzgeschichten. Hier dringt Slavija Kabic gekonnt in die Erzählhandlung und die Erzählstruktur der Texte ein, ohne dabei die einzelnen Gegenstände zu zerreden. Die subtilen Analysen zehren von einer Hermeneutik, wie sie nur noch selten betrieben wird: stets eng am Text sich orientierend, dabei ohne nennenswerte Exkurse in Richtung theoretischer Konzepte, ohne Rücksicht auf die diskursiven Begebenheiten. Diese ‚Arbeit am Text‘ ist dennoch eine der Stärken der Studie. So sind es mal längere, mal kürzere Einführungen und Analysen der thematisch ausgesuchten Kurzgeschichten, die die Studie auszeichnen und ihr einen eigenen Charakter verleihen. Wünschenswert wäre vielleicht eine eingehender Beschäftigung mit der Gattung ‚Kurzgeschichte‘ und ebenso wünschenswert wäre es gewesen, den repräsentativen Forschungsstand zum Thema nicht in einer Fußnote abzuhandeln.

Doch die repräsentative Auswahl an Kurzgeschichten und die Fülle an mitgelieferten Daten machen aus dieser Studie ein präzises Lehrwerk: Die einführenden Kapitel systematisieren das umfassende Wissen auf eine nachvollziehbare Weise, die nachfolgenden Einzelanalysen sind stets informativ ohne dabei überfrachtet zu werden. Wer von dem Buch ein philologisch-philosophisches Theoretisieren erwartet, wird vielleicht enttäuscht werden, wer jedoch mit einem grundlegenden und soliden wissenschaftlichen Kompendium zum Thema rechnet, in dem ein großes, sinnvoll aufgeteiltes Text-Korpus genau durchleuchtet wird, wird mit diesem Buch auf seine Kosten kommen. So analysiert und systematisiert die Arbeit auf eine bisher nicht unternommene Weise – und an diesem so bescheiden formulierten und dennoch apodiktischen Ansatz erkennt man ihre besondere Qualität – die „Erscheinungsbilder der Kinder und Jugendlichen in einer nach dem Zweiten Weltkrieg in der deutschsprachigen Literatur beliebten und bevorzugten literarischen Gattung“.

Titelbild

Slavija Kabic: Ein Königreich für ein Kind. Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Kurzgeschichte zwischen 1945 und 1989.
Saxa Verlag, Köln 2007.
284 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-10: 3939060046

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