Bedingt promotionsbereit

Randi Gunzenhäusers und Erika Haas' "Promovieren mit Plan" verspricht viel und hält eher wenig

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Da hat man sein Studium erfolgreich absolviert, freut sich über die Ruhe nach den Prüfungen und fasst schließlich nach wenigen Monaten des Herumlungerns den waghalsigen Plan, sich aufzumachen zu weiteren akademischen Weihen: Eine Dissertation soll es sein.

Themenfindung und Anmeldung sind meistens noch einigermaßen schnell hinter sich gebracht, doch weitere Informationen zum Ablauf, zur Finanzierung, zum Zeitmanagement und schließlich zur Veröffentlichung sind eher rar. Abhilfe versprechen hier die auf dem Buchmarkt äußerst zahlreich vertretenen Promotionsratgeber.

Wühlt man sich durch die Flut an Publikationen, so wird einem schnell klar, dass diese in den allermeisten Fällen ihr Geld nicht wert sind. Sinnfreies Herumgerede geht einem auf die Nerven, esoterisch anmutende "Du-schaffst-das"-Übungen und immer eine große Portion Business-Coaching-Sprechblasen, sind zu ertragen. Aber handfeste Informationen - Fehlanzeige.

Dass es auch Fächer jenseits des in konservativen Kreisen hochgeschätzten Jura-BWL-Medizin-Naturwissenschaften-Kanons gibt, haben die meisten auch noch nicht begriffen. Eine - gute - Ausnahme bildet hierbei der 2001 bei Grupello erschienene "Promotionsratgeber für die Doktoranden der Philosophischen Fakultät", der speziell auf die Bedürfnisse von Geisteswissenschaftlern eingeht, sich aber leider allzu einseitig auf die Universität Düsseldorf konzentriert.

Gleich allen Recht machen möchte es hingegen das Büchlein "Promovieren mit Plan" von Randi Gunzenhäuser und Erika Haas. Die beiden haben immerhin erkannt, dass die Gruppe der Doktoranden keinesfalls eine homogene ist und haben daher diverse Zielgruppen ausgemacht, für die ihr Buch nützlich sein soll. Sie unterscheiden zunächst zwischen den "internen" Promovierenden, also denen, die eine mehr oder minder feste Stelle am Lehrstuhl innehaben und den "externen", also denjenigen, die nicht in irgendeiner Weise an die Uni angebunden sind. Diese Gruppen werden aber nochmals aufgeteilt und letzten Endes hat man ein Gewusel von zwölf verschiedenen Motivations- beziehungsweise Anstellungsverhältnisgrüppchen, hübsch mit eigener Ziffer und Symbol markiert, auf dass man diese im Buch am Rand auch ja wiederfinde. Ferner gibt es noch besondere Abschnitte für Frauen, für alle, für diverse Untergruppen et cetera. So weit, so unübersichtlich. Aber keine Sorge, es gibt ja für den Lesemuffel auch noch ein Ausrufezeichensymbol ("An dieser Stelle aufgepasst!") - nicht dass er sich durch die ach so vielen Seiten kämpfen muss, die ihn womöglich gar nichts angehen.

Spätestens nach ein paar Seiten geht einem dieser Selbstverwirklichungstrip eines sich für besonders kreativ haltenden Layouters gehörig auf den Wecker. Und eigentlich erwartet man als Akademiker von einem Promotionsratgeber etwas anderes als eine nichtssagende, didaktisch ganz toll aufbereitete PowerPoint-Präsentation in Buchform. Das mag für ein Lehrerfortbildungsseminar die angemessene Methode sein, hier ist sie aber fehl am Platze.

Ignoriert man die tausend Randsymbole tapfer, so kann man aus dem Inhalt immerhin ein paar nützliche Tipps ziehen - als eine Art Checkliste und Anstoß zu weiteren eigenen Überlegungen ist das Buch ganz brauchbar. Tiefer gehende Informationen gibt es allerdings kaum, Themen wie Stipendien et cetera werden zwar angesprochen, aber nicht weiter erläutert, eine Auflistung der gängigen, großen Stiftungen etwa fehlt gänzlich.

Absurd wirken dann die Vorschläge für die Endphase der Arbeit, in der der Rückzug aus dem aktiven Alltag propagiert wird, soziale Kontakte solle man auf das Mindeste beschränken, alle Arztbesuche soll man davor tunlichst schon mal hinter sich gebracht haben. Ein wenig fühlt man sich bei diesem Abschnitt an Thomas Bernhards "Kalkwerk" erinnert, wenn Konrad dort seinen "Arbeitskerker" für die Niederschrift der Studie einrichtet.

Im Gegensatz zu Bernhards Roman ist das Buch stilistisch allerdings eher unterer Durchschnitt, es wimmelt geradezu von Allgemeinplätzen: "Wenn Sie sich für eine Literaturarbeit entscheiden, arbeiten Sie mit Texten", "Qualitative Arbeiten sind zeitaufwändig" - wer hätte das gedacht? Man wundert sich schon, wieso denn da nicht auch hier wieder - wie in zwei Drittel aller Ratgeber - Bertolt Brechts Dreigroschenoper zu Wort kommt: "Ja, mach nur einen Plan / Sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch 'nen zweiten Plan / Geh' n tun sie beide nicht."

Empfehlen kann man das Buch also keineswegs, außer man möchte sich wie ein Grundschüler bei der Hand genommen fühlen oder sucht lediglich Beratung zur Entscheidung, ob oder ob man nicht promovieren solle. Dafür ist der Ratgeber dank der unzähligen Frage-und-Antwort-Spielchen und Auflistungen zugegebenermaßen gut geeinigt.

Sucht man allerdings eine richtige Hilfestellung und Beratung beim Abfassen und Sich-Herumschlagen mit seiner Studie, dann sollte man sich weiter umsehen. Oder gleich - siehe Brecht - auf Pläne verzichten und sich klarmachen, dass man es auch ohne Wissenschaftstrainings-Hokuspokus schaffen kann.


Titelbild

Randi Gunzenhäuser / Erika Haas: Promovieren mit Plan. Ihr individueller Weg: von der Themensuche zum Doktortitel.
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2006.
114 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3825228207
ISBN-13: 9783825228200

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