Schönes Abendland

Der Erzähler Ernst Augustin wird 80 und wird mit einer Werkausgabe gewürdigt

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wer so viele Welten, Häuser, Räume entwirft wie Ernst Augustin, wer zugleich Arzt und Autor ist und dazu noch so gern in fernste Fernen verschwindet, der lässt sich naturgemäß kaum festlegen. Er ist nicht zu fassen."

Was Uwe Wittstock hier so treffend formuliert, ist auch meine Leseerfahrung: Augustins Welt ist uns fremd und urvertraut zugleich. Seine Bücher thematisieren die großen Daseinsfragen auf unnachahmlich direkte und sinnliche Weise. Ein tiefes, unerklärliches Behagen überkommt den, der sich auf ein Romanwerk einlässt, dessen Stoffliches kaum festzumachen, dessen Geheimnis aber zu erahnen und zu erspüren ist. Und wer sich dieses Werk nach und nach erschließt, liest jedes Buch als Schlüssel des anderen, so unterschiedlich sie in der Anlage auch sein mögen. Eine gargantueske Fülle und Farbigkeit beherrscht die reale ebenso wie die fiktionale Welt. Dieses Œuvre ist Ausdruck einer fundamentalen Daseinsanalyse ebenso wie einer zeittypischen Zivilisationskritik.

"Der Kopf", 1962 erschienen und Augustins Debüt als Romancier, kann als Nachhall der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs gelesen werden und gilt als sein experimentellstes Werk. Eine ,Fabel' formuliert die Grundidee des ,konstruktivistischen' Romans: "Türmann lebte wirklich / er lebte zwischen Gastürmen und Mietshäusern / und ging in einem Strom von Wirklichkeit spazieren / zu Hause aber in seiner Kommode / hielt er sich einen Sandkasten mit kleinen Gastürmen und / Mietshäusern / und in diesem Sandkasten / lebte ein Mann namens Asam, der dort in einem Strom von / Wirklichkeit spazieren ging / der aber zu Hause / in einer sehr kleinen Kommode gleichfalls einen Sandkasten / hatte, in welcher ein Mann zwischen Gastürmen und Miets-/ häusern spazieren ging / überzeugt, daß es ihn wirklich gäbe." Das Gedicht ist Metapher einer in sich verschachtelten, wahnhaft selbstbezüglichen Realität. Türmanns Welt wird untergehen, denn sie ist "nur ein Gleichnis, in das meine Angst geschlüpft ist". Im letzten Kapitel steht Türmann, Demiurg und Geschöpf in einer Person, wieder auf seinem Balkon. Der Kreis ist geschlossen, die Katastrophe kann sich ereignen. Hans Magnus Enzensberger würdigte Augustins kunstvolles Psychogramm im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel": "Der bodenlose Scherz sucht in unserer Literatur seinesgleichen."

Ein frühes Beispiel für Augustins perspektivierte Erzählweise ist "Das Badehaus" (1963), sein zweiter Roman, der unter dem Eindruck des Nouveau Roman, genauer von Alain Robbe-Grillets "Der Augenzeuge" (dt. 1957) entstand und für "Badehaus zwei" (2006) gestrafft wurde. Während jedoch der Nouveau Roman mit der Tradition der logischen Ereignisfolge bricht, arbeitet "Badehaus zwei" mit der Aufhebung verlässlichen Erzählens: Der Plot erzählt drei Varianten der Geschichte vom verlorenen Sohn. In verschiedenen ,Einstellungen' tritt ein Hochstapler, der Bankangestellte Eddy, gedanklich eine Reise in die Heimatstadt an, um dort einem Vater seinen Sohn zurückzugeben. Er schlüpft in die Rolle von David Haferkorn und fährt in die Kurstadt Hagel. Doch die Wirklichkeit vor Ort gestaltet sich nicht nach seinen Erwartungen: Der Vater erweist sich als Phantom, das Elternhaus ist in andere Hände übergegangen - der falsche Sohn muss umdisponieren. In immer neuen Anläufen, die sich strukturell gleichen und gleichwohl entscheidend voneinander abweichen, versucht der Hochstapler-Sohn, sich doch noch ein Erbe zu erschleichen: "Was als Gaunerstück begann, geht über in eine gothic novel, was eine Verwechslungskomödie mit allem kriminellen Know-how zu werden versprach, verstört sich zu einer Phantasmagorie" (Dieter Hildebrandt).

Augustins Bücher plädieren für die unbegrenzten Möglichkeiten der Literatur und entwickeln immer neue Phantasiewelten in Alternativen: "Mamma" (1970, neu gefasst in "Schönes Abendland", 2007) steht in der Tradition des pikarischen Romans und erzählt nach einem Introitus die Biografien der Drillinge Kulle, Stani und Beffchen. Jeder Bruder wird einmal Ich-Erzähler, und mit jedem Wechsel der Perspektive ändert sich auch die dargestellte Welt: Kulle, der künftige Soldat, erstickt schon als Kind in einer Jauchegrube; Stani, der Mittlere, wird genialer Geschäftemacher und Bankrotteur; Beffchen schließlich, "Das Bild des Chirurgen", durchläuft die Karriere des Arztes. Schon der Sechsjährige doktert an seinem Bruder Stani herum (mit tödlichem Ausgang) und erzählt dabei ein Stück Medizingeschichte. Jede Biografie dieses bewusst kontradiktorischen Triptychons endet vorzeitig letal und geht doch in einer erzählten Endlosschleife weiter. Die Geschichte Beffchens hat der Autor 1966 mit großem Erfolg vor der Gruppe 47 in Princeton gelesen. Damals urteilte Joachim Kaiser in der "Süddeutschen Zeitung": "Ernst Augustin brillierte, indem er die ,Kindheit eines Professors' in einen ebenso giftigen wie amoralischen, gut gegliederten und phantastischen antimedizinischen Gruselakt verwandelte. Schließlich ist er ja selbst Arzt."

Der Doppelroman "Raumlicht. Der Fall Evelyne B." (1976, 2004) erzählt zum einen die Lebensgeschichte eines Psychiaters, zum anderen die Geschichte der schizophrenen Evelyne B. Der Arzt hat Krankenhäuser in Afghanistan und Indien geleitet und besitzt in der Gegenwartshandlung eine eigene Praxis in München. Seiner einzigen Patientin Evelyne B. ist er schon begegnet, als sie noch ein junges Mädchen war. Ihre Schizophrenie ist in der dargestellten Form weniger eine Krankheit als die plötzliche Erkenntnis der Existenz, des puren Vorhandenseins: In ihr drückt sich die Furcht aus, mit der materiellen Welt nicht zurechtzukommen, aus Raum und Zeit zu fallen. Evelyns Symptome, ihre Ängste und Wahnvorstellungen, sind folglich Erklärungsversuche für das Unaussprechliche - nämlich nicht mehr zu existieren. Der Arzt setzt zur Behandlung seine Orient-Erfahrungen ein und entwickelt für Evelyne ein "Wahrnehmungstraining" (Jutta Osinski): Er führt sie durch Erlebniswelten, die von Wissens- und Erkenntnisformen profitieren, die er sich in Indien erworben hat, die sich aber nicht "bezeichnen" lassen.

An die Frage nach der Normalität und Realität aller Erfahrung knüpft auch "Eastend" (1982, 2005) an, Augustins vierter Roman, der ein gekonnt überzeichnetes Bild westlicher Gruppentherapeutik und ihrer verheerenden Wirkung entwirft. Die dargestellte Encounter-Therapie des Friedjelm Bähr ist ein berechnendes und zugleich gefährliches Psychospiel, in dessen Verlauf die Trennung des an sich perfekten Paars erfolgt: Durch das "Gruppengefühl" werden Almund und Kerrie Grau auseinander dividiert. Ein missglückter Selbstmordversuch, der den Schriftsteller Almund wie Büchners Lenz "durchs Gebirg" führt, leitet jedoch den Lebenswechsel ein: In London rettet er den kleinen Zauberer Bannister aus misslicher Lage und hat dafür drei Wünsche frei. Er verwandelt sich in den erfolgreichen Psychotherapeuten Almond Gray, erwirbt ein Haus im Londoner East End und gewinnt Kerrie zurück: "Rückkoppelung der Phantasmen an die Realität - darin natürlich ist Augustin auch vergangene Kultur: London als Geheimnisraum à la Dickens" (Bettina Rommel).

In seinem Spätwerk "Die Schule der Nackten" (2003) hat Augustin dieser Erfahrungswelt die Encounter-Therapeutik einer Tantra-Gruppe gegenübergestellt - mit ähnlich katastrophalen Folgen. Alexander, ein Historiker Anfang 60, wirbt auf der FKK-Wiese des Münchener Jakobi-Bades um die deutlich jüngere Heilgymnastin Juliane. Doch sein Hochgefühl fällt in sich zusammen, als er erfahren muss, dass Juliane nur in ihrer Tantra-Gruppe und nur unter Anleitung ihres Gurus Pradhi Rama Zärtlichkeit empfangen kann. Als auch Alexander zu dieser Gruppe stoßen will, gibt sich der Guru als Rivale zu erkennen - ihr Duell wird auf dem streng abgezirkelten Nacktbadegelände des Jakobi-Bades ausgetragen. "Die Schule der Nackten" schaut genau auf die Blöße der Nudisten - und ist doch weder ein lüsternes noch ein frivoles Buch. Alexander versteht sich zwar als Beobachter, nicht aber Voyeur, wenn er die faltige Haut einer Greisin als feinste Klöppelarbeit feiert. Und für Augustin stellt das FKK-Gelände ein eigenes Soziotop dar, in dem sich "jedes Drama" quasi "auf Armeslänge" abspielt.

Das Konzept der - zuallererst gedachten und konstruierten - Wirklichkeit kann anscheinend das Unabwendbare abwenden, kann dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, wie es der exotische Roman "Der amerikanische Traum" (1989, 2006) vorführt. Hier stirbt, im Sommer 1944, ein kleiner Junge durch die Salven eines amerikanischen Tieffliegers. Doch in den "paar sinnlosen Sekunden" des Sterbens findet der "Geist" der Erzählung (beziehungsweise des Jungen) einen Ausweg: Dieser Geist steht quasi auf, opponiert gegen den Tod und sucht sich aus den wenigen Lebens- und Leseerfahrungen des Jungen den Stoff für ein alternatives Leben - ein Leben als kauziger Privatdetektiv Hawk Steen in Amerika. Dort macht Hawk Steen (ein Klangbild für "Augustin") Jagd auf seine Mörder: Marko, zur Zeit der Todesschüsse als Flugzeugführer "in charge" und inzwischen Anlagebetrüger in Miami, bekommt einige Blessuren ab; der schmächtige Ed Simmons, bloß Mittäter und "nur eine halbe Portion", kommt mit dem Schrecken davon; Bag schließlich, der Kopf der "Deathdealer", muss sein Leben lassen. Die Kritik las Augustins Buch als "phantastisches Kompliment an die Möglichkeiten der Fiktion" (Martin R. Dean). Mit der blanken Phantasie als Waffe beschwört Augustin hier die bittersüße Geschichte eines sterbenden Traums vom gelebten Leben herauf und erweist sich einmal mehr als "Spezialist für Lebensläufe in letzten Sekunden" (Harald Eggebrecht).

Die Literatur, so wird in diesem Œuvre dargestellt, kann sich Realität nach gusto gestalten und sich auch gegen ihren Autor wenden, wie "Mahmud der Bastard" (2003) offenbar demonstrieren will, Augustins Indien-Roman, der den Leser in die Zeit um das Jahr 1.000 nach Christus entführt und 1992 zuerst unter dem Titel "Mahmud der Schlächter" erschienen ist. Dieser Roman kann als ,Vorgeschichte' von "Raumlicht" gelesen werden, da er an dessen afghanisch-indische Vorgeschichte anschließt und der aus Afghanistan stammende Mahmud von Ghazni, ein Vorläufer der Mogule, tatsächlich gelebt und in Nordindien schrecklich gewütet haben soll. Doch ist Augustins "Biografie" an der geschichtlichen Wahrheit weniger interessiert als an der Logik und Wahrscheinlichkeit einer fiktiven Geschichte, denn "wahr ist am Ende nur die Dichtung". Der Autor entwirft eine auf Bösartigkeit und urwüchsige Primitivität angelegte Figur, die sich jedoch von ihrem Urheber emanzipiert, so dass der historische Roman zugleich erzählt, "wie es war" und "wie es nicht war" und damit quasi "performativ" eine Definition der Gattung gibt. Der Erzähler, der "Geist" der Geschichte, fungiert als Vermittler zwischen den Zeiten und Welten, die er zugleich erlebt und erfindet: "Ich habe mich gefragt, ob ich denn blind in dieser Geschichte herumliefe oder ob ich sie mit mir trüge, wohin ich ging, so weit ich immer vordrang, so daß sie ohne mich gar nicht geschähe?"

"Gutes Geld" (1996) schließlich, vordergründig als Anleitung zur Geldfälscherei lesbar, wächst sich - von Augustin als Novelle angelegt - zu einem unerhörten Roman aus. Ich-Erzähler ist der Neffe eines gewitzten und skurrilen Falschmünzers, der durch die Einführung neuer Geldscheine um seine sorgsam zurückgelegte ,Altersversicherung' gebracht wird. An seinen Neffen gibt der Onkel seine Kenntnisse und sein Vermögen aus wertlos gewordenen ,Blüten' noch weiter, bevor er buchstäblich aus dem Leben stürzt. Auf der Suche nach einem verwertbaren Erbe aber findet sich nur das Romanmanuskript "Gutes Geld" - die Fabel ist, einer Schleife vergleichbar, in sich selbst zurückgelaufen.

Ernst Augustin ist in der deutschen Gegenwartsliteratur eine weithin unbekannte Größe und noch zu entdecken. Seine Flucht aus Ost-Berlin im Jahr 1958 und seine Zeit in Afghanistan und Indien bis Anfang der 1960er-Jahre haben auch sein Denken und Dichten geprägt. Von 1962 bis 1997 erschienen seine Bücher im Suhrkamp Verlag, seither legt der Münchener Verlag C. H. Beck sein Werk neu auf - Band für Band gestaltet von Inge Augustin, der Malerin und Ehefrau seit 55 Jahren. Diese Werkausgabe in Einzelbänden, die mittlerweile auf acht Bände angewachsen ist, gestattet einen Blick auf einen wandlungsfähigen Autor, der sich besonderen Herausforderungen stellt. In den 1990er-Jahren haben ihn sogar die Feuilletons als Beiträger entdeckt, und unter dem Pseudonym Percy Warberger beteiligte sich der Autor an einem Kollektivroman jüngerer Kollegen ("Das Große Spiel") mit einem Kabinettstück. Diese Arbeiten eines ,poetischen Journalismus' liegen in seinem Buch "Der Künzler am Werk. Eine Menagerie" (2004) gesammelt vor. Sie lassen, auch wenn sie aus dem Alltag genommen, für den Augenblick bestimmt und für Gehege jenseits der Kunst entworfen sind, eine tief begründete Nähe zum literarischen Werk erkennen. So sind sie von der gleichen Fantasie und Fantastik gespeist wie das Romanwerk und zugleich Ausdruck jenes Skeptizismus, der den Realitätsbegriff unserer Kultur radikal befragt und mit einer sehr eigenen Psychologie und Poetologie auf ihn antwortet - wie nur das Abendland es vermag.

Augustins Wirklichkeit spricht von Vertrautheit und Geheimnis zugleich. Zu seinen Vorbildern gehört Jean Pauls Schulmeisterlein Wutz, welches so arm ist, dass es sich innere Kontinente erschließen muss. Kunstvoll verschleierte oder deutlich markierte Brüche führen in phantastische Welten und in die unzähligen Mikrogeschichten, die als Bausteine seiner Romane fungieren und das Werk zu einer Einheit, einem Paradigma der Fhantasie verknüpfen. Erstaunlich ist, dass die Makrostruktur, im Detail oft undurchschaubar, als ,leicht', ,spannend' und ,unterhaltsam'empfunden wird, auch wenn jeder neue Erzähleinsatz eine Reinterpretation der erzählten Geschichte mit sich bringen kann. Ähnlich wie im Nouveau Roman gibt es Verwerfungen sowohl innerhalb der Handlungsfolge als auch in der Zeitenfolge, doch die erzählerische Umsetzung zielt auf Einfachheit, Farbigkeit und Transparenz. Die Autorentheorie, die sich daraus ableiten lässt, impliziert den Protest gegen die landläufige Ansicht, dass wir nur ein Leben hätten: Oft geht es nur um Nuancen, um den Klang einer tief unten angestimmten Saite, um die Frage, wie sich Normalität konstituiert und wodurch sich der Spielraum des Wirklichen erweitern lässt.

Das Erzählwerk Ernst Augustins kann als Abenteuerliteratur im besten und intellektuellsten Sinne verstanden werden. Es ist, als begegneten wir einem Erzähler, der "vor der Technisierung der Wahrnehmung schreibt" (Bettina Rommel), als folgten wir den exotischen Spuren unserer eigenen Kindheitslektüren, den Fabeln und mythischen Erzählungen, die uns bei unserer Selbstfindung begleitet und ermutigt haben, und den Robinsonaden, welche die Alten uns hinterließen. Bei Augustin erfährt man das ganze Dasein in einer Art von andauernder Trunkenheit und die dargestellte Welt als unerhörte Bereicherung. Am 31. Oktober wird der Erzähler 80 Jahre alt - ein Fest nicht zuletzt für seine Leser.


Titelbild

Ernst Augustin: Romane und Erzählungen. Acht Bände in Kassette.
Jubiläumsausgabe zum 80. Geburtstag in 8 Bänden.
Verlag C. H. Beck, München 2007.
2546 Seiten, 78,00 EUR.
ISBN-13: 9783406564918

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