Mit Faustschlägen auf den Schädel wecken

Eine Laudatio zur Verleihung des „Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache“ an Frank Schirrmacher

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Vorbemerkung der Redaktion: Am 27. Oktober 2007 wurde Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der F.A.Z., in Kassel mit dem „Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache“ 2007 ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30.000 EUR dotiert und wird seit 2001 jährlich von der Eberhard-Schöck-Stiftung (Baden-Baden) und vom Verein Deutsche Sprache (Dortmund) für besondere Verdienste um die deutsche Sprache vergeben. Der Sprecher der Jury, der Bamberger Germanist Helmut Glück, begründete die Wahl unter anderem mit dem Hinweis, Journalisten seien für die Pflege der deutschen Sprache maßgeblich verantwortlich. Der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Germanistenverbandes Thomas Anz wurde gebeten, die Laudatio zu halten. Er hat sie zum Anlass genommen, auch auf die oft problematische Beziehung zwischen der Germanistik und dem Zeitungsfeuilleton einzugehen.

Die Dankrede von Frank Schirrmacher befasste sich mit der Bedeutung des Qualitätsjournalismus in der durch das Internet veränderten Welt der Informationsvermittlung. Auszüge der Rede veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am 29.10. in gedruckter Form auf der Seite „Medien“, wenig später auch auf ihrer Internet-Seite. Zum Teil andere Auszüge erschienen auf der Homepage der F.A.Z. Ein Artikel bei Spiegel online hat den Thesen Schirrmachers umgehend heftig widersprochen – und damit einen erneuten Beleg für dessen Fähigkeit geliefert, Debatten zu initiieren. Dass die neue Debatte zunächst im Internet stattfindet, wirft ein bezeichnendes Licht auf ihren Gegenstand: auf das Medium, in dem nun auch die folgende Laudatio erscheint.

Frank Schirrmacher und das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu loben, ist nicht schwer. Jeden Morgen beim Frühstück bemerkt ein denkender Kopf hinter der Zeitung, dass er mit ihnen erst richtig wach wird. Jedoch: Jemanden, der im Programm dieser Preisverleihung als Angehöriger des Deutschen Germanistenverbandes angekündigt ist, bringt die Laudatio in eine prekäre Lage. Germanisten sind Masochisten, hat einer der Väter oder Lehrer von Frank Schirrmacher, Marcel Reich-Ranicki, gelegentlich behauptet. Wenn Germanisten ein Feuilleton preisen, von dem sie permanent misshandelt werden, könnte das als Beweis gelten, dass er mal wieder Recht hat.

Alle drei Jahre veranstaltet der Verband einen Germanistentag – in der Nachfolge der Juristen, Philologen, Kulturwissenschaftler, Publizisten und politisch engagierten Intellektuellen Wilhelm Grimm und seines Bruders Jacob, nach dem der heute an Frank Schirrmacher verliehene Preis benannt ist. Und alle drei Jahre bekommt die Germanistik aus diesem Anlass von der F.A.Z. zu hören, in welch desolatem Zustand sie sich befindet. In diesem Herbst gleich zweimal. Vor dem Germanistentag bescheinigte ein Artikel, dessen Verfasser gerade mal das Programm überflogen hatte, dass Germanisten keine Fragen stellen. Und was daraus logisch zu folgern ist, gab die Überschrift vor: „Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm“. Nach dem Germanistentag wurde diese Art von Schelte noch überboten.

Was haben sie bloß getan, die Germanisten? – Vielleicht haben sie zu viel F.A.Z. gelesen. Zu den großen Verdiensten des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen und ihres Schirmherren gehörte es, in den Anfängen des 21. Jahrhunderts mit Aufsehen erregenden Artikeln und meisterlichen Inszenierungen, die ganze Teile der Tageszeitung zu einem hochgradig symbolhaltigen und weit über den Tag hinaus wirksamen Kunstwerk machten, auf naturwissenschaftliche Herausforderungen bei den anthropologischen Reflexionen über ein zeitgemäßes Bild vom Menschen zu reagieren. Zur gleichen Zeit blieb auch die germanistische Sprach- und Literaturwissenschaft von neueren Entwicklungen in den Naturwissenschaften nicht unberührt. Was Kognitionspsychologen über Prozesse der Informationsverarbeitung bei der Wahrnehmung sprachlicher Äußerungen und was Hirnforscher seit der Entdeckung der „Spiegelneuronen“ in den 1990er Jahren über die neuronalen Grundlagen von Empathie erkannt zu haben glauben, interessiert sie in hohem Maße. Und wenn auf der zweiten Seite des F.A.Z.-Feuilletons über viele Monate hinweg eine ganze Serie zur Soziobiologie erschien, so hatte das seine Entsprechungen in Serien von sprach- und literaturwissenschaftlichen Aufsätzen, Büchern, Vorträgen oder Kongressen, in denen sich Sprach- und Literaturwissenschaftler damit auseinandersetzen, was schon den promovierenden Mediziner Friedrich Schiller in seinem „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“, in seinen Schriften zur Ästhetik und in vielen literarischen Werken beschäftigte, was der von Schirrmachers erstem Buch instruktiv und dekonstruktiv behandelte Kafka mit dem Bericht eines zum Varietekünstler avancierten Affen an eine Akademie veranschaulichte und was Evolutionsbiologen über die Übergänge und Unterschiede zwischen Natur und Kultur zu sagen haben.

Der Bericht der F.A.Z. an ihre gebildeten Leser quittierte solche Interessen des Germanistentages in der Überschrift mit „Vom Affen gebissen“. Die Germanistik habe den Respekt vor sich selbst verloren. Hat der Kulturteil der F.A.Z. den Respekt vor seinen eigenen Interessen an der Naturwissenschaft verloren?

Zu den Leiden eines Redakteurs oder gar Herausgebers einer Zeitung gehört es, von erbosten Lesern potentiell für alles persönlich verantwortlich gemacht zu werden, was in der Zeitung steht, auch wenn andere es geschrieben haben. Und je besser und erfolgreicher er ist, desto aggressiver äußert sich die Erbostheit. Wenn sich Neid hinzumischt, schlägt sie oft in Bosheit um und erzeugt rufmörderische Pamphlete, mit denen auch Frank Schirrmacher konfrontiert war. Mitleid mit ihm müssen wir deshalb nicht haben. Er hat das alles überstanden. Und blickt man heute auf die gut zwei Jahrzehnte zurück, in denen er in der F.A.Z. tätig war, so gehört zur Bilanz: Es gibt kaum eine zweite Journalistenkarriere, die so glänzend verlief. 1959, im Jahr, als die „Blechtrommel“ erschien, wurde Schirrmacher in Wiesbaden geboren, studierte in Heidelberg und Cambridge Germanistik, Anglistik und Philosophie, hospitierte 1984 in der F.A.Z., wurde dort rasch zum Feuilletonredakteur, promovierte in Siegen 1987 mit einer Arbeit über Kafka und den amerikanischen Dekonstruktivismus und übernahm 1989, noch mit 29 Jahren, die Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki als Leiter der Redaktion Literatur und literarisches Leben. Als er gut vier Jahre später, am 1. Januar 1994, als Nachfolger von Joachim Fest, der für das Feuilleton verantwortliche Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde, war er der jüngste, den es in dieser Position je gab.

Ein „Glückskind“ hat er sich selbst genannt, als „Wunderkind“, als „Klinsmann“ oder auch als „Dirty Harry“ des deutschen Feuilletons haben ihn andere bezeichnet, bestaunt und beargwöhnt. Manche munkelten, dass es bei dieser Karriere mit dem Teufel zugegangen sei. Dagegen sprechen Informationen, dass nicht zuletzt der Papst – mit Sitz in Frankfurt – höchstpersönlich seine Einflüsse geltend gemacht hat. Und es gibt für die Teufelsversion nur einen, allerdings schwachen Beleg: dass zu den Autoren, Romanen und literarischen Figuren, denen Frank Schirrmacher sich besonders verbunden zeigt, neben George, Rilke, Kafka, Benn, Jünger oder Enzensberger auch Thomas Mann, dessen „Doktor Faustus“ und der Tonsetzer Adrian Leverkühn gehören. Und ein Indiz wäre allenfalls noch jenes existentielle Grundgefühl, zu dem Schirrmacher sich mehrfach bekannt hat, das Gefühl einer diffusen Angst, dass die Gunst des Glücks irgendwann in Unglück umschlägt.

Das journalistische Genie des Buchstaben- und Wortesetzers Schirrmacher zeigt sich daran, dass es ihm gelingt, alles, was er sprachlich anfasst, in Gold, in ein historisches Ereignis oder in ein literarisches Phänomen von der Bedeutung großer Romane oder Dramen zu verwandeln. Den in die Sprache und die Literatur vernarrten Philologen kann man auch noch in den Artikeln und Büchern erkennen, die scheinbar nichts mit Sprache und Literatur zu tun haben. Sein eigenes Schreiben ist ein hochgradig symbolisches, sein Denken hat eine spielerische, experimentelle Flexibilität, die sprachlichen Kunstwerken eigen ist, die ihrer Zeit voraus sind und über den Tag hinaus wirken.

Unvergesslich bleibt jene rasch legendär gewordene Ausgabe der Zeitung vom 27. Juni 2000, die im Feuilleton über sechs Seiten hinweg Bruchstücke von Sequenzen des menschlichen Genoms abdruckte, die von Craig Venter mit Hilfe auch deutscher Wissenschaftler eben entschlüsselt worden waren und in diversen Kombinationen der lateinischen Buchstaben C, G, A und T repräsentiert wurden. Ernst Jandl, wäre er noch am Leben gewesen, hätte nach der Lektüre vielleicht ein Lautgedicht daraus gemacht: „GAGGAT GTGGAG AAATAG…“ Frank Schirrmacher erklärte die Zeichenfolgen unter dem Titel „Die Rechtschreibung des Lebens“ zu einem epischen Werk. „Das Buch des Lebens ist achthundertmal umfangreicher als die Bibel. Es ist gleichzeitig ziemlich klein, denn wir tragen einhundert Milliarden Kopien von ihm in unseren Zellen herum. Und zugleich ist es in dreiundzwanzig Kapitel eingeteilt – dreiundzwanzig Chromosomenpaare. Jedes erzählt eine andere Geschichte.“ So beginnt sein Leitartikel auf Seite 1 dieser Ausgabe. Und er schließt mit den Sätzen: „Die Menschheit ist im Begriff, eine neue Sprache zu lernen, und wer könnte vorhersagen, welcher Roman sich am Ende aus den Buchstaben vor unseren Augen zusammensetzt?“

Am 7. Januar 2003 kommentierte eine ebenfalls ganz außergewöhnliche Ausgabe des Feuilletons die Situation vor dem drohenden Irak-Krieg und die Erwartung eines weiteren ökonomischen Krisenjahres auf zwei Seiten mit „426 Namen der Angst“, einem „Alphabet für unsere Zeit“, einer Begriffsliste sämtlicher klinisch festgestellten Ängste, die ein Amerikaner aus medizinischen Zeitschriften und Büchern gesammelt und dokumentiert hatte. Die Liste wurde mit den Worten eingeleitet: „Angst mag sprachlos machen, das Reden über die Angst aber kennt eine Unzahl von Begriffen.“

Immer wieder ist es das beobachtende Nachdenken über Sprache, das Schirrmacher umtreibt, über die zeitsymptomatische Sprache der Wissenschaft, der Literatur oder der Politik. Nicht zuletzt Angst bringt ihn selbst zum Sprechen und zum Schreiben, ähnlich wie bei Kafka die Angst in Kämpfen um Selbstbehauptung der eigenen Person und der eigenen Generation, aber auch Angst vor dem Tod, vor dem Nichts. Das offenbart eine sich über acht Jahre hinweg erstreckende Folge von Gesprächen mit Herlinde Kölbel, 1999 erschienen unter dem Titel „Spuren der Macht“ (siehe literaturkritik.de 2/2000). Wohl in keine anderen Veröffentlichung hat sich hier der private Frank Schirrmacher so offen gezeigt. Nie ist er mir näher gekommen als bei dieser Lektüre. Sie haben mein Bild von ihm verändert. Die Gespräche belegen, dass die Motive zum Schreiben jener Bücher, die ihn in den letzten Jahren zu einem in viele Sprachen übersetzten, millionenfach aufgelegten Bestseller-Autor gemacht haben, schon in den 1990er Jahren gereift waren.

Die öffentliche Resonanz auf „Das Methusalem-Komplott“ (2004) wie auf „Minimum“ (2006) war überwältigend. Doch die zahllosen Rezensionen und Artikel, die auf die beiden Bücher eingegangen sind, haben eines völlig übersehen: dass sie zu weiten Teilen von Literatur und Sprache handeln. Man lese etwa in „Minimum“ nach, was hier über die Zusammenhänge von sprachlicher Kompetenz und der Fähigkeit zur Empathie ausgeführt wird. Oder die Seiten, auf denen eine kleine Geschichte der Familie in der Literatur vom 19. bis hin zur Konjunktur von Familienromanen im 21. Jahrhundert skizziert wird. Der Thomas Mann- und Kafka-Kenner Schirrmacher, der auch die einschlägige Studie des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt zu dem Thema gelesen hat, weiß natürlich, dass sein Hohelied der Familie ganz und gar im Widerspruch steht zu den Familiendesastern, die besonders in der Literatur der Moderne ausgemalt wurden. Aber er findet durchaus gute Argumente dafür, dass die familienskeptischen Perspektiven Freuds, Kafkas, Hesses oder des Autors der „Buddenbrooks“ unter geschichtlichen Umständen entstanden, die nicht mehr die heutigen sind.

Schirrmachers Buch über das Altern, mit dem ihm geglückt ist, Kafkas Postulat zu entsprechen, ein Buch müsse uns wie ein Faustschlag auf den Schädel wecken, ist durchsetzt von zahlreichen, zum Teil linguistisch abgesicherten Beobachtungen zu sprachlichen Verhaltenweisen, etwa in der Kommunikation zwischen alten und jungen Menschen, und von Hinweisen auf literarische Veranschaulichungen des Problemfeldes. Schirrmacher erinnert an die Zeit vor hundert Jahren, als ein so junger Autor wie Hofmannsthal und mit ihm eine ganze Generation von Schriftstellern Verfall und Altern als inspirierendes Moment für sich entdeckten, zitiert Italo Svevo oder Philipp Roth. Und aus Anlass der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises ist es keineswegs an den Haaren herbeigezogen, wenn man das Buch als zeitgemäße Fortsetzung einer Rede mit dem Titel „Über das Alter“ liest, die ein Germanist im 19. Jahrhundert hielt: Jacob Grimm. Schirrmacher zitiert aus ihr. Jacob Grimm war allerdings 75 Jahre alt, als er sie schrieb. Schirrmacher war eben schon immer früher dran als andere.

Und er sorgte dabei für immer neue Überraschungen.

Es ist noch nicht so lange her, als er im Namen einer jungen Generation antrat, den Autoren aus dem Umkreis der Gruppe 47 ihre Überlebtheit zu bescheinigen und mit ihr die gesamte Nachkriegsliteratur zu verabschieden. Im „Methusalem-Komplott“ malt er einen neuen Generationskonflikt aus – und ergreift Partei für die Alten.

War zur Zeit der Wende von 1989 zu befürchten, dass er und das Feuilleton der F.A.Z., ohne es recht zu wissen und zu wollen, sich einer fatalen Tradition annäherten, in der das Wort „Intellektueller“ ein Schimpfwort war, so entwickelte sich eben dieses Feuilleton unter Schirrmacher in den Auseinandersetzungen mit dem Kosovo- und mit dem Golfkrieg zum Forum einer offenen, internationalen Debatte unter Intellektuellen. Bei jedem neuen Beitrag konnte man mit einer Überraschung rechnen. Die Redaktion gab keine feste Linie vor. Die Vehemenz jener Stimmen, die sich für die Luftangriffe der NATO einsetzten, war ebenso präsent wie jene, mit der die NATO-Kritiker zu Felde zogen. Die Beiträge von Gabriel García Márquez und Hans Magnus Enzensberger, Susan Sontag, Mario Vargas Llosa und Paul Virilio oder die von György Konrad und Herta Müller hat Frank Schirrmacher unter dem aussagekräftigen Titel „Der westliche Kreuzzug“ als Buch herausgegeben. Die vormals geschmähten Intellektuellen: im Kosovo-Krieg wurden sie von der F.A.Z. um ihre Meinung und um ihr Engagement gebeten. Sie haben in großer Zahl geantwortet. Und ihre Stimmen bleiben, Schirrmacher sei Dank, in Erinnerung.

Im Zusammenhang mit dem Golf-Krieg erschien in der F.A.Z. an exponierter Stelle einer der schärfsten und wortmächtigsten Artikel gegen die Politik der USA, die überhaupt geschrieben wurden: von der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. Und geradezu eine Sensation war es, dass in dieser Zeitung der Debattenbeitrag eines deutschen, weltweit hochangesehenen Intellektuellen erschien, der die F.A.Z. Jahrzehnte lang zu seinem Lieblingsgegner erkoren hatte und von dieser ihrerseits als solcher behandelt wurde: Jürgen Habermas. Eben erst hatte Hans Magnus Enzensberger nach dem Fall von Bagdad die völkerrechtswidrige Politik der Sieger für sankrosankt erklärt, da befand Habermas, am 17. April 2003, in eben dieser Zeitung: „Die normative Autorität Amerikasliegt in Trümmern.“

Ach ja, und wenn wir von den Überraschungen reden, wäre natürlich noch über die wechselvollen Geschichten der Beziehung zwischen Frank Schirrmacher und seinem Feuilleton zu Günter Grass oder zu Martin Walser zu berichten. Zu weit das Feld, um es hier zu begehen. Nur so viel: Als Günter Grass 70 wurde, erschien in der F.A.Z. einer der besten Artikel, die je über ihn geschrieben wurden, von Frank Schirrmacher. Als er kürzlich 80 wurde, erschien so gut wie nichts. Vielleicht war ja auch wirklich schon alles gesagt. Doch symbolisch bleibt das sprachliche Handeln Schirrmachers und seiner Mitarbeiter auch da, wo sie schweigen. Dass es nicht um Personen, sondern um Sachen geht, über die man streitet, zeigte allerdings die Koalition von F.A.Z. und Günter Grass in einigen Akten jener bundesdeutschen Tragikomödie, die unter dem Titel „Rechtschreibereform“ die Republik erschütterte.

Frank Schirrmacher und das Feuilleton der F.A.Z. sind schwer zu fassen. Schirrmacher ist ein intellektueller Abenteurer, ein bekennender Konservativer, doch voll avantgardistischer Lust an immer neuen Experimenten, auch sprachlichen. Ein Anti-68er, der viel von der Generation gelernt hat, der gegenüber er sich immer wieder zu behaupten versuchte. Einer der sich zu Benn bekennt, nicht zu Brecht, aber mit der gleichen Genugtuung wie dieser über sich und sein Feuilleton den Satz schreiben könnte: „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“ Das ist gut so. So kann sogar die Germanistik hoffen, eines Tages Positives über sich zu lesen.

Und gut ist auch, dass Frank Schirrmacher und das Feuilleton der F.A.Z. ihre Sprachmächtigkeit und Publizität immer wieder dazu benutzen, Meinungen zu polarisieren. Dabei bemerken jedoch viele nicht, was sie an Integrationsleistungen erbringen, und zwar durch die ständige Auflösung festgefahrener Gegenüberstellungen, die produktives Denken verhindern. Zu den Leistungen der intellektuellen Generation, die in Schirrmacher einen Protagonisten und einen ihrer wortgewaltigsten Sprecher hat, gehört der permanente Zweifel an starren Grenzziehungen: zwischen rechts und links, Elite- und Popkultur, Literatur und Wissenschaft, Kunst, Politik und Leben. Die F.A.Z. hat einen großen Magen, der kann sogar Mitarbeiter wie Dietmar Dath vertragen.

In einem wunderbaren Artikel zu Hans Magnus Enzensbergers 70. Geburtstag, den Reich-Ranicki in seinen Essay-Kanon aufgenommen hat, porträtierte Frank Schirrmacher mit Enzensberger zu weiten Teilen auch sich selbst. Er beginnt mit dem Satz: „Über Enzensberger wissen wir fast nichts.“ Der Essay weiß dennoch viel Erhellendes über ihn zu sagen. Was wir über Schirrmacher wissen, ist zumindest Folgendes: Die F.A.Z. braucht ihn, und er braucht die F.A.Z. Und wir brauchen beide. In dem Gespräch mit Herlinde Kölbel veranschaulichte er, was es bedeutet, Artikel in der F.A.Z. zu veröffentlichen und nicht in irgendeiner anderen Zeitung. „Die Zeitung, das Forum, versieht jeden Text und jede Intervention mit einem Raketentreibsatz.“ Die öffentliche Aufmerksamkeit, in die diese Texte hochgetrieben werden, betrifft nicht zuletzt ihren Umgang mit der Sprache, betrifft jedes Komma, jede Wortwahl, jedes sprachliche Bild. Es gibt keine Berufsgruppe, die schreibend und korrigierend so viel mit Sprache und Texten arbeitet wie die der Redakteure und Journalisten und dabei eine so große öffentliche Wirkung hat. Ihre Bedeutung und Verantwortung für den Zustand einer Sprache ist unermesslich. Zumindest in dieser Hinsicht können wir seit Jahren auf Frank Schirrmacher und das Feuilleton der F.A.Z. bauen. Dass sie es immer wieder schaffen, darüber hinaus die Bedeutung von Sprache und Literatur in der Auseinandersetzung mit Problemen aufzuzeigen, die auch gänzlich illiterate Kreise bewegen, ist eine wahrhaft preiswürdige Leistung. Dafür danken und gratulieren wir herzlich.