Exilanten in Hollywood

Heike Klapdors ehrgeizige, aber nicht immer gelungene Auswertung der Korrespondenz Paul Kohners

Von Stefanie Hartmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Vorwort des bekannten Exil-Forschers Guy Stern enthält die Aussage, der vorliegende Band mit Exilbriefen sei nicht nur repräsentativ, sondern mustergültig. Dem kann man sich schwerlich anschließen, wenn man zunächst zur Kenntnis nimmt, dass es sich bei dem Werk nicht - wie Titel und Umschlagtext suggerieren - um eine Zusammenstellung von Briefen unterschiedlichster Provenienz aus dem Exil handelt, sondern um eine Auswahl von Briefen an und von Paul Kohner. Der gebürtige Österreicher fasste in den 1920er-Jahren in Hollywood als Produzent Fuß und wurde in den 1930er-Jahren zu einer einflussreichen Person des Film-Business. Ohne Zweifel ist die Hilfe, die Kohner vielen verfolgten Schriftstellern und Schauspielern gewährte, eine publizistische Arbeit wert. Sicher ist der European Film Fund, der Exilierten in der Filmbranche ein Mindesteinkommen verschaffte, immer noch viel zu wenigen Lesern bekannt und niemand wird bezweifeln, dass die Verbindung dieser beiden Themen - Hollywood und Exil - Stoff für ein ebenso spannendes wie informatives Buch bietet. Doch leider hatte der Verlag - oder die Autorin? - nicht den Mut, den Band entsprechend zu benennen. So beginnt der Leser beginnt die Lektüre mit dem Gefühl, einem Etikettenschwindel erlegen zu sein.

Dennoch lässt man sich zunächst optimistisch auf das Buch ein, denn die Briefe an Kohner stammen in vielen Fällen von so bekannten Persönlichkeiten wie Heinrich Mann, Max Ophüls, Alfred Polgar und Friedrich Torberg. Aus der Korrespondenz ergibt sich ein Mosaik verschiedener Fluchtwege aus Europa, der Filmpolitik Hollywoods vor und nach Eintritt der USA in den Krieg sowie der finanziellen und beruflichen Misserfolge der ehemals zur intellektuellen Elite Europas gehörenden Exilanten. Kein Wunder, dass das Einleben schwer fiel. So erklärt sich auch das Titel gebende Zitat Alfred Polgars, der sich selbst als "unheilbarer Europäer" bezeichnete.

Auf jeder Seite spürt man die jahrelange Fleißarbeit, die die Herausgeberin Heike Klapdor in den Nachlass Kohners, der 1988 - kurz vor dessen Tod - von der Stiftung Deutsche Kinemathek übernommen wurde, investierte. Doch oft sind die Erläuterungen zur Zeitgeschichte zu langatmig oder schlicht überflüssig, oft sind die ausgewählten Briefe wenig aussagekräftig, und zu allem Überfluss schleicht sich hier und da auch noch ein Fehler in die Fußnoten, etwa die Aussage, der Schriftsteller Walter Mehring sei mit der Schauspielerin Hertha Pauli verheiratet gewesen. Weder die Person Paul Kohners wird dem Leser vertraut, noch verdichtet sich die Vorstellung dieses frühen Hollywoods, in dem so viele Deutsche den Ton angaben: Carl Lämmle, William Dieterle und Bruno Frank. Wer der Atmosphäre dieser Zeit nachspüren will, greift besser zu dem Roman "Unter dem Zwillingsstern" von Tanja Kinkel.

Zum Glück gibt es in Klapdors Buch auch einige glanzvolle Passagen. Die über viele Jahre sich fortsetzende Korrespondenz mit dem Schauspieler, Autor und Regisseur Luis Trenker zeigt die ganze Widersprüchlichkeit des Mannes, der sich einerseits von deutschen und italienischen Faschisten instrumentalisieren ließ und gleichzeitig (vergeblich) seine Auswanderung in die USA forcierte, der dem ein oder anderen Kollegen in Italien Hilfe anbot und sich nach dem Kriegsende als von den Nazis Verfolgter in Szene setzte. Das hielt ihn nicht davon ab, Paul Kohner 1946 die Verfilmung der Tagebücher Eva Brauns anzubieten, die ihm die Hitler-Geliebte angeblich persönlich anvertraut hatte. Kohner konnte sich hier die spitze Frage nicht verkneifen, wie der angeblich verfolgte Trenker denn gegen Ende des "Dritten Reiches" in die Nähe dieser Frau gelangen konnte.

Weniger Fingerspitzengefühl bewies Kohner, als er von Leni Riefenstahl das Angebot erhielt, die Auslandsrechte für ihren Olympia-Film zu vertreten. Seine Korrespondenz mit MGM lässt zumindest nicht auf Vorbehalte gegen die propagandistische Ausrichtung des Machwerks schließen. Dass Riefenstahl in den USA keine Triumphe feiern konnte, ist dem Protest der Anti Nazi League und des Motion Picture Arts Committees zu verdanken, sowie dem Zeitraum, in dem Riefenstahl auf Promotiontour in New York war: Im November 1938 herrschte in der amerikanischen Presse - aufgeschreckt von der "Reichskristallnacht" - eine besonders kritische Haltung gegenüber der deutschen Hitler-Freundin.

Hätte sich Frau Klapdor in dieser von der Deutschen Kinemathek geförderten Arbeit auf ihr eigentliches Thema - Paul Kohner, seine unbestritten herausragende Rolle in Hollywood und als Helfer europäischer Flüchtlinge - konzentriert, hätte nur noch ein mutiger Verlag gefehlt, der sich nicht gescheut hätte, Kohners eher unbekannten Namen im Titel zu nennen. So aber wird vielen interessierten Cineasten ein wichtiges Stück Filmgeschichte verborgen bleiben.


Titelbild

Heike Klapdor (Hg.): Ich bin ein unheilbarer Europäer. Briefe aus dem Exil von Thomas Mann, Alfred Polgar, Carl Zuckmayer, Max Ophüls u.v.a.
Aufbau Verlag, Berlin 2007.
510 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783351026554

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