Franzobels literarischer Dreisprung

Zu drei Veröffentlichungen des ungewöhnlichen österreichischen Autors

Von Christian Heuer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als der österreichische Autor Franzobel 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewann, war dies sicherlich eine große Überraschung, handelt es sich doch bei seiner Erzählung "Krautflut", die er mit einem Dosenbier am Lesepult vortrug, um einen Text in der Tradition der klassischen Wiener Avantgarde, einer Wundertüte aus Schüttelreimen, Palindromen, Klangkaskaden, Assoziationen und Assonanzen, die beim zufälligen Griff ins Regal der Buchhandlung ihres Vertrauens nicht unbedingt Leselust stimulieren dürfte, aber die Kritik überzeugte und dem 33-jährigen den Markt eröffnete. Dass indes formaler Mut und erzählerische Gefälligkeit sich nicht unbedingt ausschließen, sondern durchaus klug und amüsant verbunden werden können, zeigte zuletzt der Roman "Böselkraut und Ferdinand" (1998). Der nun erschienene Nachfolger bei Zsolnay, "Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt", setzt diese Tendenz fort. Zusätzlich möchte ich aber noch auf zwei weitere Werke Franzobels aufmerksam machen.

Die Herkunft des Autors aus der Avantgarde der bildenden und literarischen Kunst verrät sich immer wieder im Engagement für Kleinstverlage, so 1999 für den Bochumer Vapet-Verlag und dessen Reihe "mental ground zero". Von außen erinnert das Heft an die Deckfolie eines Wickeltisches, innen befinden sich aber "Leibesübungen", ein Gedichtzyklus von 36 Gedichten. Franzobel nimmt unterschiedliche Figuren der Sportgymnastik wie Handstand, Übergrätschen, Rad und Spagat zum Anlaß, einige typische Formen der experimentellen Lyrik zu entwerfen, und so finden sich die Verfahren, die auch den Prosatexten des Österreichers ihren eigenen Ton geben: Alliterationen, eine ungewöhnliche und dabei häufig witzige Metaphernsprache und das Spiel mit Klang- und Wortähnlichkeiten. Zwei Gedichte seien zur Veranschaulichung der sprachlichen Spannweite zitiert:

Gerätschaft. Ein Lied

Stell dir einmal vor, du bist ein Fußballtor,

so maschig, breit und dick, das wäre nicht sehr schick,

denke dir jetzt nur, du wärst eine Springschnur,

so ach wie lang und dünn, auch das ist nicht so schön,

jetzt glaube erst einmal, du bist so ein Turnsaal,

hölzern, groß und mit Geruch, das wäre doch ein Huch,

da lobe ich mir doch, das Holz aus dem ich Stoff,

gerne bin ich also weiter, die Latte einer Sprossenleiter.

Paragleiten

Par excellence und pars pro toto

Paroli bieten, nein Partei, pardon,

in lautlich gleicher Weise Paradigma,

Partykiller mit von der kredenzten,

eine gute ist im Parameter,

Partie, die Parenthese ist sie selbst,

dazu der Bräutigam im Parka,

in der Parallele Parasol und fährt

sich selbst in die Parade, leider,

in lautlich gleicher Weise Partisan,

sein Schwert, es heißt schon Kuh

und Ende für den Drachenflieger.

Gerade die sprachlichen Mittel, die Franzobel souverän beherrscht, machen die "Leibesübungen" zu einer lohnenswerten Lektüre für den, der auch jenseits des Verstehens Spaß daran hat, Gedichte als Lautgebilde wahrzunehmen: Der Klang und der Rhythmus der lyrischen Sportstunde überzeugen auch den, der in Sport wegen mangelnder Koordinationsfähigkeit immer eine Sechs hatte. Garniert ist das ganze mit Zeichnungen zu einzelnen Turnübungen, die wohl einem billigen Gymnastikhandbuch entnommen sind, wodurch das gesamte Heft einen schönen Underground-Charme versprüht.

Mit dem Bühnenstück "Phettberg. Eine Hermestragödie", das in gewohnt feiner Ausstattung mit Collagen des Autors im Wiener Verlag edition selene erschienen ist, verarbeitet Franzobel die Ideenwelt einer der ungewöhnlichsten, originellsten und zugleich bemitleidenswertesten Gestalten der Wiener (Kultur-?) Szene: Hermes Phettberg. Phettberg, Jahrgang 1952, schlug eine niedere kirchliche Laufbahn als Pastoralassistent ein, die er aber aufgrund seiner offen gezeigten homosexuellen Neigung aufgeben musste, um seit Anfang der 90-er Jahre als exzentrischer Kolumnist, Moderator und Prediger seiner Überzeugungen vornehmlich in Wien zu wirken. Der "Predigtdienst" in der Stadtzeitung "Falter" und die ORF-Sendung "Phettbergs nette Leit Show" wurden Plattformen für seine Gedanken über die zu geißelnde österreichische Anpassungs- und Konsumgesellschaft, die Kirche, seine Dickleibigkeit (Franzobel beziffert im Drama das Gewicht auf 157 kg), seine Minderwertigkeitsgefühle, seelischen Leiden und insbesondere Sexualität, wobei alle Bereiche in einer eigenwilligen Art der Assoziation verbunden werden. Phettberg realisierte seine masochistische Homosexualität mit einer grausamen Konsequenz, indem er durch völligen Verzicht auf Hygiene und durch eine Pflege der körperlichen Häßlichkeit jeden Kontakt zu der von ihm geliebten SM-Szene unmöglich machte, so dass er darunter litt, nicht leiden zu dürfen. Die Passivität seines Lebens und die eloquente, indes selten künstlerische Darstellung dessen, was für Phettberg wirkliche existentielle Not war, ließen ihn als ein Gesamtkunstwerk und Original erscheinen. Was Peter Altenberg für das Wien der Jahrhundertwende war, war Hermes Phettberg für die Donaumetropole in der vergangenen Dekade.

Franzobel lässt nun diesen traurigen Helden in einem Untergangsszenario Raum, Leben und Ideen Revue passieren; während die Welt und Wien im steigenden Wasser der Sintflut versinken, monologisiert der Protagonist über sich als eine "in Vollfett getunkte, manövrierunfähige Persönlichkeit", als "verkrachte Existenz, ehemaliger Fernsehsuperstar, Messias, ein Karl Kraus der Gegenwart". Mit diesen wenigen Begriffen ist die Sicht Franzobels auf Phettberg umrissen: Dessen Leben ist auf die Körperlichkeit, das monomane Beharren auf seinen Lebensentwurf und die komplizierte psychische Struktur zurückgeworfen, die zwischen seelischen Zwängen und einer bewußten Wahrnehmung und Steuerung der Exzentrik oszilliert. In der Konsequenz definiert sich Franzobels Phettberg als Wesen am Rande der sozialen und menschlichenVerträglichkeit: "Ich bin elend bis in den Exzeß. Ein anarchistischer Lebensscheiterer bin ich, das genaue Gegenteil von Lob, das genaue Gegenteil von gut. Ich bin inkompatibel mit der Idee von Gut, ich bin inkompatibel mit den Menschen, mit der Aufrechtgeh-Idee und mit den Journalisten separat. Mein Leben war ja eine Perlenschnur von Katastrophen. Ein Danebengeh-Exzeß". Die realen Bedrängnisse dieser Asozialität, denen Phettberg ausgesetzt war und die insbesondere um seine unausgelebte Sexualität kreisten, werden im Drama nur am Rande berührt, was hingegen vielmehr hervorgehoben wird, ist die religiöse Dimension, die Phettberg in seine gesellschaftliche Verweigerungshaltung integrierte und die bis zur Identifikation mit Christus ausgereizt wird: "Jesus hat die Liebe gepredigt. Ich predige nur das Scheitern, das Kleinheitsgefühl, das Österreichersein, die Einsicht in die Belanglosigkeit, die Psychatrie. Wir sprechen beide von der Ausgeliefertheit, der Hingabe, dem Angewiesensein" oder an anderer Stelle: "Leistungsdruck ist mir suspekt. Ich will ein potentieller Anti-leister sein. Ein Leistenbruch, kein Schuster. Ich will ein potentieller Christus sein".

Diese beiden Äußerungen deuten vielleicht auch an, warum Franzobel den Sonderling predigen und bekennen läßt: Eine inhaltliche Nähe besteht in den Sujets Kirche, Sexualität bzw. den degenerierten Beziehungen zwischen den Menschen, wie sie beispielsweise in der Bürgerposse "Das Beuschelgeflecht" (1996) vorgeführt worden sind, uns aber auch in der "Krautflut" begegnen, dem Klagenfurter Siegertext. Das andere, was Autor und Dramenfigur verbindet, ist das formale Prinzip der sprachlichen wie erzähltechnischen Kombinatorik, die mit einer fast barock zu nennenden Scharfsinnigkeit die entlegendsten Bereiche zu verknüpfen sucht und so in einem klassischen Sinne grotesk ist. Hermes Phettberg hat das Groteske nicht nur bekannt, sondern gelebt, so dass zwischen dem Kunstwerk und dem Menschen keine Trennung möglich war. Franzobels schriftstellerische Leistung besteht darin, dem Unikat Phettberg dadurch gerecht zu werden, dass er es versteht, mit den für ihn typischen Mitteln formale Kunstfertigkeit und gesellschaftliche Analyse bzw. Kritik zu verknüpfen.

Schließlich zum neuen Roman, "Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt": Vor einem Fotogeschäft geschieht ein Mord. Der Tote, ein Italiener, ist nicht zu identifizieren, obwohl er eine auffällige Tätowierung trägt, den Schriftzug "Atnasal Acsal". Bald wird auch ein Mädchen, Anna Hasentütl, als Opfer eines Sexualverbrechens aufgefunden. Weitere Morde geschehen - gibt es einen Zusammenhang? Wer ist der Täter? Viele Personen laufen dem Leser über den Weg, alle mehr oder minder seltsame Gestalten: Solche, die alles in der Welt ins Quadrat bringen wollen, Apokalyptiker, eine stigmatisierte Pfarrhaushälterin, Frauen, die vom großen kleinen Glück träumen, Sexshopbesitzer mit Lachs-Fetischismus usw. In Wien kreuzen sich ihre Wege manchmal, manchmal aber auch nicht, sie schlafen miteinander, rempeln sich nur an, laufen aneinander vorbei, mißbrauchen sich oder lieben sich. Alle haben ihre sehr eigenwilligen Motivationen, nach Rom zu fahren und zum Schluß an der Scala Santa, den Treppenstufen, auf denen Jesus am Tag seiner Verurteilung schritt, zusammenzukommen, zu einer fulminanten Farce, in der sich alles klärt: durch Begegnungen, Eingebungen oder durch den Tod. Dies alles wird uns erzählt von einer steinernen Figur, Papst Pius IX.; eine seltsame Geschichte.

Man könnte mit leichtfertiger Anspielung sagen, dass sich in "Scala Santa" tatsächlich die mörderische Frage stellt, wer mit wem schlief, wenn das von Franzobel aufgebotene Arsenal der sexuellen Praktiken und menschlichen Verfehlungen nicht so erschreckend wäre: Vergewaltigung, Kindesmissbrauch durch Biedermänner und Kirchenfürsten, Gewalt in der Ehe bis zum Mord, sogar Nekrophilie werden mal ausführlich, mal en passant vorgestellt. Dass praktisch alle Personen des Romans entweder einer ziellosen Lüsternheit oder Ekel vor der Sexualität unterworfen sind, ist dabei kein eigentliches Skandalon mehr, und es wird in dieser Massierung des Sexuellen schon zum faden Gag, wenn zwei Jüngerinnen der Zeugen Jehovas erst zum Objekt der unkontrollierten Geilheit eines schmerbäuchigen Arbeiters werden, um dann schließlich, zwischen Schuld und Lust pendelnd, im Sexshop den ausgeklügelsten Vibrator zu kaufen. In diesen Kontext passt es dann auch, dass die Scala Santa zum Schluß des Romans mit einem Penis verglichen wird. Das ist zwar alles recht radikal, aber auf Dauer penetrant, und offensichtlich ist es eine Eigenart österreichischer Autoren, so sehr den Blick auf die Obsessionen ihrer scheinheiligen Umwelt zu richten, dass sie sich selber veritable Exemplare derselben zulegen.

Erzählerisch greift Franzobel auf Verfahren zurück, die sich in anderen Romanen wie "Der Trottelkongreß" und "Böselkraut und Ferdinand" (beide 1998) bewährt haben: Die einzigen festen Punkte des Gefüges sind die Personen, hinter deren Gefühlen, Leidenschaften, Geschichten und vor allem Schrullen die Geschichte für einen Moment still steht, und es ist gerade die Konstruktion von grotesken Lebensläufen und Innenansichten, von skurrilen Gedankenwelten und abwegigen Leidenschaften, die Franzobels episches Erzählen nie langweilig werden lassen: Die Figuren bilden zusammen ein Kuriositätenkabinett, einen Thesaurus der Absonderlichkeiten, und wenn man vermuten würde, dass es nicht noch abstruser ginge, sähe man sich bald getäuscht. Die Risiken dieser Extremität, der karikaturhaften Personenzeichung werden, wie oben erwähnt, bei Themen wie Sexualität deutlich, wo ihre Anhäufung doch zuweilen überdrüssig werden lässt oder der Sensibilität mancher Themen nicht gerecht wird.

In "Böselkraut und Ferdinand" waren die beiden Titelfiguren die Protagonisten eines Pikaro-Romans modernen Zuschnitts. Wie die Figuren in "Scala Santa" für den Gang der Erzählung verwoben werden, gehorcht einem Spiel der Prinzipien Ordnung und Chaos, Logik und Zufall. Die unzusammenhängenden Lebensläufe im Laufe des Erzählens zu fassen, ist eine fragile Kunst des Wartens: "Eine Erzählung bedeutet, Schlingen auszulegen und zu warten. Zu warten, bis die aus dem Ahnungslosen kommenden Personen reinsteigen. Dann muß man zuziehen, achtgeben, dass sich die Gestalten nicht verheddern, Leine geben, laufen lassen, um sie unmerklich, erst nach und nach zusammenzuführen". Das scheinbar Zwangsläufige der Entwicklungen entlarvt sich aber als Trug; sowohl die Aufklärung der Kriminalfälle als auch die Kulmination des Geschehens an der Scala Santa hängen an "Zufällen. Verfilzungen". In Franzobels Erzählkosmos wird Geschichte nicht mehr erzählt, sie wird brutal konstruiert und mit Willkür zusammengerafft, und der Leser kann nur staunend folgen oder es als unwahrscheinlich abtun.

Kein Bild

Franzobel: Leibesübungen. Hg. von Alex Nitsche.
VAPET Verlag, Bochum 1998.
39 Seiten, 6,10 EUR.
ISBN-10: 3932438221

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Franzobel: Phettberg. Eine Hermes-Tragödie. Monolog.
edition selene, Klagenfurt 1999.
120 Seiten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 3852660998

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Franzobel: Scala Santa oder Josefine Wurzenbachers Höhepunkt.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000.
400 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3552049568

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