Stimme aus dem Exil

Ausgewählte Gedichte des Katalanen Ambrosi Carrion liegen in der Übersetzung von Frank Higasi auf Deutsch vor

Von Claudia NickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Claudia Nickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"'O, süßes Katalonien' - Und verlieren es, konnten es nicht bewahren. Wie viele Dichter gab es dort!", klagt Ambrosi Carrion aus dem Exil. Der Fall von Barcelona im Januar 1939 kündigte das Ende des Spanischen Bürgerkriegs (1936-39) an, der Tausende von Spaniern ins Exil zwang. Unter ihnen auch der katalanische Dramatiker und Poet selbst. Nach über 25 Jahren literarischer Aktivität in seiner Heimat Katalonien ging er 1939 nach Frankreich ins Exil, wo er bis zu seinem Tod 1973 lebte.

Carrion wurde 1888 in Barcelona geboren und wuchs zu einer Zeit auf, als die katalanische Sprache wieder zunehmend Bedeutung erlangte und somit die Identität bestärkte. Bereits mit 14 Jahren veröffentlichte er erste Gedichte. Im Jahre 1911 wurde seine erste Tragödie "Tribut al Mar" (Meeresopfer) in Barcelona uraufgeführt. Es folgten produktive Jahre, in denen mehrere Dramen aufgeführt wurden, Carrion Übersetzungen antiker Werke ins Katalanische anfertigte und seine Promotion abschloss. Zu Beginn der 1930er-Jahre gründete er zusammen mit Pompeu Fabra, dem Verfasser des "Allgemeinen Wörterbuchs der katalanischen Sprache", und dem Historiker Pere Bosch i Gimpera die "Estudis Universitaris per a Obrers", um Arbeitern den Zugang zum Studium zu ermöglichen. Carrion versteht sich als "der Dichter der Arbeiter". Schließlich folgten der Bürgerkrieg und 1939 das Exil.

Im Spanien Francos verliert Katalonien seinen Autonomiestatus, die katalanische Sprache und Kultur wird unterdrückt. Dennoch schreibt Ambrosi Carrion auch im Exil weiterhin in seiner Muttersprache. Er verfasst dramatische Texte, auch wenn es kaum Aufführungsmöglichkeiten gibt. Die Dichtung auf Katalanisch ist ein Zeichen des Widerstands gegen das franquistische Verbot. Aus diesem Grund sind viele seiner Werke lange unveröffentlicht geblieben, so auch das Manuskript "La Companyia Invisible", das auf über 400 Seiten Gedichte aus den Jahren 1928 bis 1973 enthält. Nur ein kleiner Band aus dem Jahr 1967 aus Paris versammelt bisher einige wenige Gedichte aus diesem lyrischen Hauptwerk Carrions. Die nun auf Deutsch vorliegende Auswahl von 30 Gedichten verzeichnet nicht die gleichen Werke wie die Pariser Ausgabe, so dass aus dem unveröffentlichten Material jetzt weitere Texte zugänglich sind und damit den Band auch über den deutschen Sprachraum hinaus interessant machen.

Die Übersetzung von Lyrik ist immer eine besondere Herausforderung, weil Form und Inhalt meistens im Einklang stehen und sich nicht ohne Weiteres in eine andere Sprache übertragen lassen. Eine zweisprachig edierte Ausgabe wie diese bietet daher eine gute Lösung, da die Übersetzung das Verständnis ermöglicht, aber nicht gezwungen ist, im Deutschen die Struktur, die Reime und das Lautbild nachzubilden. Die gelungenen Übertragungen von Frank Higasi orientieren sich stark am Original, geben den Sinn wieder und lassen die metaphernreiche Sprache Carrions erkennen, ohne diese krampfhaft imitieren zu wollen.

Der Schwerpunkt der ausgewählten Gedichte liegt auf denen, die im Exil entstanden sind. Diese Erfahrung findet sich in vielen Gedichten thematisch bearbeitet, die somit eine biografische Lesart erlauben. Das Exil wird als Leiden beschrieben, sobald "das gastliche Zimmer zum Gefängnis" wird. Der Dichter ist einer der "Unglücklichen, die voll Sehnsucht in einem fremden Land leben und nichts finden, das dem gleicht, was sie verloren haben." Carrion wollte nicht nach Katalonien zurückkehren, "weil in dem Land, in dem versklavten Vaterland als Fremder ich nicht leben will", schreibt er in einem Gedicht von 1971 über sein Leben. Doch die Gedichte sind nicht nur Ausdruck der Traurigkeit über den Verlust der Heimat, sondern auch des politischen Widerstands und Kampfes.

Ergänzt werden die Gedichte durch ein Nachwort des Übersetzers, das neben einer biografischen Skizze Carrions Erläuterungen zu seinem Werk enthält. Aber an dieser Stelle ist unklar, an welches Publikum der Band gerichtet ist. Das Nachwort kann in weiten Teilen nur verstanden werden, wenn der Leser über ausreichende Kenntnisse der katalanischen Literatur und des damaligen kulturellen Lebens verfügt, denn wesentliche Begriffe werden nur vage erläutert, erwähnte Personen nicht näher kontextualisiert. Hier hätten zusätzliche Ausführungen dem Leser, der nicht mit der katalanischen Kultur und Literatur vertraut ist, zu mehr Orientierung verholfen. Wünschenswert wäre auch eine kurze Erklärung zur gewählten Anordnung der Gedichte, da diese unterschiedlichen Teilen des Manuskripts entnommen sind.

Diese kleinen Schwächen mindern aber nicht die Aussagekraft der Gedichte und die Lektüre ihrer Übersetzungen. Die Auswahl unterschiedlicher Gedichte - vom Sonett bis zur Elegie, die mehrere Seiten einnimmt - öffnet das Werk dieses Poeten für den deutschen Leser, der gleichzeitig einen Einblick in die katalanische Poesie des Exils erhält. Denn Ambrosi Carrion ist nicht der einzige Dichter, den Katalonien am Ende des Bürgerkriegs verlor.


Titelbild

Ambrosi Carrion: Unsichtbare Begleiter. Gedichte katalanisch/deutsch.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Frank Higasi.
Übersetzt aus dem Katalanischen von Frank Higasi.
Manutius Verlag, Heidelberg 2007.
127 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783934877597

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