Die Frau, das Moor, der Tod

Karen Duves "Regenroman" kennt kein Erbarmen, nur Gerechtigkeit

Von Thomas Bollwerk

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Leon ist ein Versager, das ist schlimm. Noch schlimmer ist: er weiß es selbst. Und er kämpft an gegen sein Versagen wie gegen den Sog des mecklenburgischen Moores, in dem er seine armselige Schriftstellerexistenz zum genialischen Gelehrtendasein stilisieren möchte. Das Haus, das Leon, Großstädter aus Hamburg, zusammen mit seiner frischangetrauten Martina bezieht, ist gekauft mit einem Vorschuss. Pfitzner, Zuhälterkönig auf der Reeperbahn und damit Kollege von Leons zwielichtigem "besten Freund" Harry, möchte sein Rotlicht-Leben in einer Biografie erstrahlen lassen. Da sich Leons letzter Gedichtband mit dem sprechenden Titel "Schreib Oder Schrei" eher schlecht verkauft hat, willigt er ein, sie zu schreiben und kassiert 50.000 Mark. Nun glaubt Leon, seine Minderwertigkeit kompensieren zu können, ist er doch hässlich, erfolglos und linkisch, das genaue Gegenteil seiner eigenen Konzeption von Männlichkeit: "Ein Mann war jemand, der einen Haufen Geld verdiente, ein Haus besaß, Kinder zeugte, Autos reparieren konnte und jedes Gurkenglas aufbekam. Ein Mann war jemand, der einen stehen hatte, wenn es darauf ankam - und damit fertig."

Dumm ist nur, dass Leon nicht ganz den Ton des Zuhälters und Ex-Boxers Pfitzner trifft, der ihm seine verschwurbelten soziologischen Delinquenztheorien allesamt wegredigiert. Pfitzner "zelebriert die Klischees, die einer Existenz wie der seinen anhafteten" und will sich in seiner Biografie als Held gefeiert und nicht zum Opfer seines Milieus erklärt sehen. Leons poetologische Einwände wischt er resolut beiseite: "Erzähl mir nicht, was ein Schriftsteller ist. Ich weiß, was ein Schriftsteller ist. Ein Schriftsteller ist einer, der nicht scheißen kann, weil er den ganzen Tag vor seiner Schreibmaschine sitzt und sich nicht von der Stelle rührt. Aber statt daß er nun aufsteht und ein paar Runden um den Block läuft, bleibt er sitzen und schreibt darüber, daß er nicht scheißen kann."

Dumm ist auch, dass es sich als Sisyphos-Aufgabe erweist, das neue Heim am Mooresrand vor dem Versinken zu bewahren: die Nacktschnecken, gerade von Leon eingefangen und zwecks Beseitigung zu einem entlegenen Parkplatz gefahren, kriechen so unvermeidlich wieder in den Garten zurück wie der Stein im Mythos den Abhang hinabrollt. Das Haus ist vom Fundament bis zum Dach mit Feuchtigkeit durchzogen, und Leon erweist sich als unfähig, es trockenzulegen. Der fast die gesamte Romanhandlung andauernde Regen tut sein Übriges. Noch schaut die unsichere, bulimische Martina, die einst seinem Macho-Charme erlegen war, zu Leon auf, doch schon bald löst der zugelaufene Hund Noah Leon als Martinas wichtigste Bezugsperson ab. Leon ist verständlicherweise ziemlich angepisst ("Hunde gehören zu Männern. Zu Frauen gehören Katzen"), doch besseres, als sich der unglaublich fetten Nachbarin Isadora an den ur-mütterlichen Busen zu werfen, fällt ihm nicht ein. Er, der sich immer dann als Mann fühlte, wenn er Frauen vereinnahmen konnte (Martina verlor durch die Heirat mit ihm nicht nur ihren Familien-, sondern gleich noch ihren Vornamen Roswitha, weil ihm der nicht gefiel), wird nun selbst vereinnahmt: den Geschlechtsakt mit Isadora empfindet er, "als würde er mit dem ganzen Moor schlafen". Endgültig verliert Leon, das dichtende Gegenstück zu Frischs "Homo faber", die Kontrolle über sein Leben: "Der Anblick stieß ihn ab, doch in dem finstersten Winkel seines Unterbewußtseins, dort, wo noch kein Lichtstrahl der Zivilisation je hingefallen war, begehrte er diese Frau."

So weit, so schlecht. Schlecht für Leon, gut für den Leser, der sich mit diebischem Vergnügen an dem uralten Widerspruch zwischen Natur und Geist erfreuen darf, den die Roman-Debütantin Karen Duve hier mit Anklängen an Leons Vorgänger Gustav Aschenbach oder Walter Faber aufbereitet und parodistisch überzeichnet. Vergnügen bereitet auch die Fähigkeit der Autorin, ihre naturalistischen, oft drastischen Beschreibungen mit originellen Vergleichen zu durchsetzten. Wenn Martina sich im trauten Familienkreis zuerst den Magen vollschlägt, um sich dann auf dem Klo heimlich zu übergeben, wird das mitleidlos, aber sprachlich meisterlich präzise dargestellt. Mit einem schönen Vergleich werden dagegen Martinas Augen charakterisiert: sie liegen "so nackt und verschreckt in ihren Höhlen, als wären diese nicht ihr angestammter Platz, sondern nur ein vorläufiger Zufluchtsort, und es könnte jederzeit der rechtmäßige Besitzer kommen, Ansprüche geltend machen und sie wie zwei Murmeln in die Tasche stecken."

Doch gegen Ende gehen der passionierten Reiterin Duve die Pferde durch. Beim Ausheben eines Entwässerungsgrabens springt Leon ein Rückenwirbel heraus. Fortan ist er zu völliger Untätigkeit verdammt und mutiert zu einem fetten, käferähnlichen Ungeheuer in Jogginghose, das sich die Zeit mit Kreuzworträtseln und Fernsehen vertreibt. Seine Kreativität ist endgültig versiegt, ganz im Gegensatz zum Moor, das langsam aber stetig von dem Haus Besitz ergreift. Mit der Zuhälter-Biografie kommt Leon gar nicht weiter, so dass folgerichtig eines Tages Pfitzner und Harry vorbeikommen, um ihn abzustrafen. Martina wird von Harry brutal vergewaltigt, der hilflose Leon von Pfitzner verprügelt. Doch der Showdown steht erst noch bevor: Mit dem Flammenbrenner schmort Isadoras Schwester Kay, Mannweib und Automobilzeitschrift-Abonnentin, Harry und Pfitzner zu Tode und verhilft so der poetischen Gerechtigkeit zu ihrem Sieg. Auch das ist natürlich parodistisch angelegt. So heißt es über Martina: "Ruhig betrachtete sie Harry und Pfitzner, die wie die Opfer einer Flugzeugkatastrophe zwischen den Möbeln ihrer Hausfrauenwelt herumlagen". Doch fühlt man sich als Leser leise an den Vierjährigen erinnert, der am Ende eines Spielnachmittags unter seinen PLAYMOBIL-Figuren ein Gemetzel veranstaltet, bei dem - logo - alle bösen Buben draufgehen. Hier wäre weniger mehr gewesen!

Dass Leon das alles nicht verkraftet verwundert nun nicht mehr. Während die drei Frauen Kay, Isadora und Martina sich äußerst professionell der Leichen entledigen, verwahrlost Leon zusehends. Martina lässt ihn allein in seinem Haus zurück, das schon dem nächsten Sturm nicht mehr standhält. Kay rettet den mittlerweile zum geschlechtslosen Etwas degenerierten Leon aus den Trümmern. Regression, Mutation, Degeneration. Karen Duve kennt so wenig Mitleid mit ihrem Antihelden wie Kafka mit seinem armen Gregor Samsa. "I´m a looser baby, so why don´t you drown me?" muss die Autorin ihren Leon singen gehört haben, und so kommt es, wie es kommen musste: der verwirrte Leon flüchtet sich ins Moor. "Wie gut es war, Moder unter Moder zu sein. Leon sank zurück in den Schoß seiner wahren Mutter. [...] Seufzend ergab er sich in die feuchte Umarmung."

Titelbild

Karen Duve: Regenroman.
Eichborn Verlag, Frankfurt 1999.
304 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3821805471

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