Patriot oder Verräter?

Der ehemalige CIA-Agent Philip Agee, der in seinen Büchern die Machenschaften der US-Geheimdienste enthüllte, starb im Alter von 72 Jahren auf Kuba

Von Peter Münder

Als Philip Agee 1975 in London sein Buch "Inside the Company: CIA Diary" (CIA Intern. Tagebuch 1956-74) veröffentlichte, wurde es sofort zum sensationellen, umstrittenen Bestseller. Agee hatte 1969, nach zwölf Jahren im Dienst der Company, den Geheimdienstjob gekündigt und war zum radikalen Kritiker und Gegner geworden, der nicht nur die Intrigen, Bestechungsmanöver und Mordkomplotte der CIA zur Unterstützung der schlimmsten Militärdiktaturen in Südamerika entlarvte, sondern auch rund zweihundert Namen von CIA-Mitabeitern enthüllte. Für die Agency, speziell für George Bush senior, der 1975 Direktor der CIA wurde, war er damit vorübergehend zum Staatsfeind No. 1 geworden: Hatte er nicht Beihilfe zum Mord an einigen CIA-Agenten geleistet, indem er ihre Namen öffentlich gemacht hatte? Ex-Kollegen wollten ihn daraufhin liquidieren, die US-Regierung betrieb seine Auslieferung aus London, Amsterdam, Paris und Hamburg, wo er mit seiner zweiten Frau, der deutschen Balletttänzerin Giselle Roberge lebte, bevor er als Spezialist für Kubareisen (cubalinda.com) nach Havanna übersiedelte.

Jahrelang befand sich Agee tatsächlich "On the Run" (so der Titel seines 1987 veröffentlichten Buches) und auf der Flucht vor CIA-Agenten. Lange hatte die CIA drei festangestellte Mitarbeiter zur Überwachung und Auslieferung auf Agee angesetzt. Als Philip Agee nach dem Ende seiner Odyssee unter dem Freedom of Information Act schließlich Einsicht in die von der CIA angelegten Akten nehmen konnte, staunte er nicht schlecht: Sein Dossier umfasste 18.000 Seiten.

Philip Agee, 1935 in Tacoma Park, Florida geboren, sprach fließend Spanisch, graduierte 1956 an der renommierten Notre Dame University und wurde ein Jahr später von der CIA rekrutiert. Seine Einatzgebiete waren Ecuador, Uruguay und Mexiko, wo er die Instabilität und den Sturz von Regierungen herbeiführen sollte, die der US-Regierung nicht genehm waren. Sein kritisches Erweckungserlebnis hatte er 1956 in Montevideo, als er in der Polizeizentrale miterlebte, wie ein politisch Verdächtiger, den er den Behörden zur genaueren Beobachtung empfohlen hatte, gefoltert wurde. Als Agee gegen diese Praxis protestierte, stellten die Beamten einfach das Radio lauter, um die Schreie des Gefolterten vom Gebrüll des übertragenen Fußballspiels zu übertönen. Als er bei der CIA anfing, sei er von der Existenzberechtigung des Dienstes absolut überzeugt gewesen, schrieb er in "Inside the Company". Doch als er dann feststellte, dass südamerikanische Militärdikataturen und ihre Todesschwadronen von der CIA und der US-Regierung aktiv unterstützt wurden und die CIA weltweit für den Tod von Tausenden verantwortlich war, sei er zum entschiedenen Kritiker geworden. "Diese unmenschliche Kollaboration wollte ich entlarven, indem ich die Namen der CIA-Agenten nannte".

Mit durchsichtigen Kampagnen und Gerüchten versuchte die CIA, Agees Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Hatte der Ex-Agent nicht einige Monate auf Kuba verbracht, bevor er 1975 sein in 27 Sprachen übersetztes Buch veröffentlichte? War er damals vielleicht schon vom kubanischen Geheimdienst angeheuert worden? Hatten die Kubaner ihn nicht mit einer Million Dollar gekauft? Und war Agee nicht verantwortlich für den 1975 verübten Mord an Richard Welch, dem Athener Leiter des CIA-Büros, weil er dessen Namen veröffentlicht hatte? Diese Anschuldigungen hatte sogar die Präsidentengattin Barbara Bush in ihren Memoiren wiederholt, die prompt von Agee verklagt wurde und ihre Behauptungen zurücknahm. Auch übergelaufene KGB-Agenten, die in den USA Asyl erhielten, wollten Philip Agee zum dubiosen Doppelagenten stilisieren. Er habe versucht, geheimes Material an die Russen zu verkaufen, doch die KGB-Residenten hätten Agee für einen Lockvogel mit getürkten Unterlagen gehalten, berichtete etwa der frühere KGB-Archivar Vassili Mitrokhin. "Ich habe unsere Leute oft verflucht, weil sie so dumm waren und diesen Schatz ablehnten", soll Oleg Kalugin, ehemaliger Leiter der KGB-Abteilung für Gegenspionage behauptet haben. Wer diese Fragen und Gerüchte klären will, wähnt sich schnell in einem Thriller von John le Carré. Spannender und konkreter als der britische Altmeister des Spionageromans hat Philip Agee nicht nur den mörderischen Alltag der Agenten, sondern auch die schizophrene Psyche inklusive obligatorischer Paranoia, der Berufskrankheit des Geheimdienstlers, beschrieben. "Wenn man morgens aufwacht, macht es im Kopf klick, also wer bist du heute? Es ist den ganzen Tag lang dasselbe Problem. Jemand fragt einen etwas ganz Alltägliches: Was haben Sie übers Wochenende gemacht? Klick. Für wen hält er mich? Man gewöhnt sich so sehr daran zu lügen, dass man nach einer Weile kaum noch selbst weiß, wann man die Wahrheit sagt".

Philip Agee, der in einem Krankenhaus in Havanna an einem Magengeschwürs operiert worden war, starb nach diesem Eingriff in der Nacht vom 7. Januar im Alter von 72 Jahren.






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