Zu schön, um wahr zu sein

Rohan Kriwaczeks fabelhafte Geschichte der Begräbnisvioline

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ihr Erkennungsmerkmal war ein geschnitzter Totenkopf am Instrument. Sie führten die Trauerzüge an und musizierten vor offenen Gräbern, um die Seelen der Verstorbenen zu reinigen und die Zuhörer zu Tränen zu rühren. Seit den kulturellen Umwälzungen der Reformationsjahre waren sie zu hören - nur von denen nicht, deren tränenreichem Gedenken ihr schmerzlichschönes Spiel galt, den Toten: die Beerdigungs-Violinisten (auch "Totengeiger") ersetzten die römisch-katholischen Bestattungsrituale im protestantischen Europa. Doch die Geschichte der zutiefst bewegenden Begräbnis-Kompositionen geriet nach einer geheimen gegenreformatorischen Aktion des Vatikans in Vergessenheit. Allein einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass der britische Violinist und Musikologe Rohan Kriwaczek bei seiner Suche nach besonders tragischer Musik auf die letzten, seither in hermetischer Abgeschiedenheit lebenden Mitglieder der Zunft der Begräbnisviolinisten stieß und dabei zugleich Licht in ein düsteres Kapitel der jüngeren Kirchengeschichte brachte.

Dem Vatikan war die musikalisch-spirituelle Bewegung von Anfang an ein Dorn im Auge. Denn die aus dem Geiste der Reformation geborene Gattung eroberte von England aus in nur wenigen Generationen die Friedhöfe Europas und trieb dabei bizarre Blüten: So kam es um 1815 zu großen Trauermusikduellen auf dem Pariser Père Lachaise, wobei zwei Violinisten mit ihrem schaurigen Spiel am Sarg des Verstorbenen um die Tränen der Zuschauer konkurrierten.

Auch Intrigen zwischen den etablierten Hofmusikern und den neuen Totengeigern blieben nicht aus: Im britischen Königshaus etwa wetteiferte der Komponist Henry Purcell zeitlebens mit dem Trauerviolinisten Jonathan Heddleston um die Gunst der Monarchen. Zunächst sollte Purcell die Oberhand behalten. Seine "Funeral Music for Queen Mary" stellte Heddlestons Beitrag zur Beerdigung von Königin Mary II. in den Schatten. Bei der Beisetzung Jakobs II. erwirkte Purcell gar den Ausschluss Heddlestons. Das Schicksal wollte es am Ende aber anders: Heddleston triumphierte mit seinem Spiel auf Purcells eigener Begräbnisfeier. Böse Zungen behaupteten, der Trauerviolinist sei an Purcells Tod nicht ganz unschuldig gewesen.

Legende sind mittlerweile Friedhofskonzerte des exzentrischen Virtuosen Paganini, der die Gräberfelder weit über die Trauergemeinde hinaus mit Zuschauern füllte. Und auch der finanziell nicht gerade gut situierte Mozart soll Sonaten für Trauervioline verfasst und am Grabe aufgespielt haben. Dass Beethovens 3. Sinfonie motivisch auf einen Trauermarsch des in München ansässigen Begräbnisviolinisten Ulmer Diederich zurückgeht und Chopins Trauermarsch in a-moll sogar vollständig einem Werk des Zunftmitglieds Joseph Sea-Boones nachempfunden ist, zeigt den stilprägenden Einfluss der Totengeiger. Der musikalische Kanon aber nahm auf die innovativen Kräfte wenig Rücksicht und konservierte allein den Ruhm der großen Klassiker und Romantiker, währenden die Begräbnisviolinisten dem Vergessen anheim fielen.

In "Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline" rückt Rohan Kriwaczek dieses verzerrte Bild wieder gerade. Obgleich nur wenige Zeugnisse die mysteriösen Trauersäuberungsaktionen des Vatikans überstanden haben, ist es dem amtierenden Präsidenten der englischen Gilde der Begräbnisviolinisten gelungen, tiefe Einblicke in die Geschichte des Genres zu geben. Die "Considerations of the Funery Arts" des gegen die "brutale Unterdrückung der Toten" ankämpfenden Chronisten Charles Sudbury dienen Kriwaczek als eine der wichtigsten Quellen. Der den Freimaurern nahe stehende und an Verfolgungswahn leidende Sudbury hatte sein Buch mit dem Untertitel "Darstellung meines Lebens, meiner Gedanken, Visionen und Ängste" um 1838 verfasst. Eines seiner edelsten Ziele war es, den ehrenwerten Berufsstand der Begräbnismusiker vor voreiliger Befleckung zu bewahren und "Scharlatane und Nachahmer" in Verruf zu bringen. Auch stützt sich Kriwaczek bei seinen Untersuchungen auf das handschriftliche Testament des Hieronymus Gratchenfleiß. Der Schüler eines weniger begabten Vetters Johann Sebastian Bachs gilt als der bedeutendste Totengeiger aller Zeiten. Zweiundfünfzig Jahre lang hatte er das Amt eines kurfürstlichen Trauerviolinistenmeisters inne. Auf Friedhöfen erschien er im langen Gehrock, mit schwarzer Allongeperücke und strahlend weiß geschminktem Gesicht. Erst 1983 - und damit gut 170 Jahre nach seinem Tod - war sein aufschlussreicher letzter Wille in der Ruine einer zum Abriss bestimmten Hildesheimer Kirche entdeckt worden. Darin spricht er sich für einen umsichtigen Einsatz der Trommel aus, um dem Spiel schwächerer Trauerviolinisten zusätzlich Kraft zu verleihen.

Kriwaczeks Werk liest sich wie ein Who's Who der Zunft - vom ersten aller Totengeiger George Babcotte, der als "namenloser Fiedler" in die Annalen einging, bis hin zu Wilhelm Kleinbach, dem letzten praktizierenden Vertreter seiner Kunst. Kleinbachs Bedeutung für die Wissenschaft liegt in den von ihm überlieferten Tondokumenten. Die zwischen 1906 und 1911 auf Wachszylinder gebannten Aufnahmen des greisen Violinisten geben einen authentischen Eindruck von der Klangwelt der hauptsächlich modal gehaltenen, auf Dissonanzen und häufigen Wiederholungen beruhenden Trauertonkunst.

Rohan Kriwaczek hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe der anrührenden Kunstform zu bewahren und die Zunft ins 21. Jahrhundert zu führen. Nach langem Zögern hat der Vorstand der Gilde der Begräbnisviolinisten die uneingeschränkte Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse erlaubt. Dem Buch konnten daher originale Notenbeispiele beigefügt werden. Nach der Vernichtung der meisten Dokumente durch die Gegner des spirituellen Brauchs ist allerdings verständlich, warum "Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline" in einigen Punkten spekulativ bleiben muss. Kritiker, die das ganze Unterfangen für einen rabenschwarzen practical joke halten, liegen allerdings ebenso falsch wie diejenigen, die der aufwändiger Spurensuche im Dickicht der historischen Eventualitäten mit indigniertem Dünkel gegenüberstehen. Die Geschichte der Begräbnisviolinie ist zu schön, um sie nicht zu erfinden.

Kriwaczek hat bis heute über hundert Melodien für Beerdigungen geschrieben und ist auf über fünfzig Begräbnissen in Südostengland aufgetreten. Ob er gut daran tat, dabei einen lieb gewonnenen Begriff so nachdrücklich dem Vergessen zu überantworten, darüber kann man streiten: die Grabesstille.


Titelbild

Rohan Kriwaczek: Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline.
Übersetzt aus dem Englischen von Isabell Lorenz.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
310 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783821845913

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