Als Einzelwort maskierte Erzählungen

Das von Ralf Konersmann herausgegebene "Wörterbuch der philosophischen Metaphern" führt die Erträge der Metaphernforschung in lexikalischer Form zusammen

Von Katja HachenbergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Katja Hachenberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Metaphern sind Erzählungen, die sich als Einzelwort maskieren" - diese "funktionale Bestimmung" dessen, was Metaphern seien, findet sich im Vorwort "Figuratives Wissen" des Herausgebers Ralf Konersmann, Professor für Philosophie und Direktor des Philosophischen Seminars der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Konersmann, dessen zahlreiche Publikationen beeindrucken - genannt seien unter anderen die von ihm herausgegebene "Kritik des Sehens", ein Studienbuch mit Texten von Platon bis Gottfried Boehm und Horst Bredekamp, das "Die Augen der Philosophen" und die historische Semantik und Kritik des Sehens zum Gegenstand hat (2. Auflage 1999), seine Untersuchung zur Metapher des Subjekts, "Lebendige Spiegel" (1991) sowie die von ihm gemeinsam mit John Michael Krois und Dirk Westerkamp herausgegebene "Zeitschrift für Kulturphilosophie", die sich der Schnittstelle zwischen Philosophie und Kulturwissenschaften widmet und deren Anliegen es ist, 'Kultur' als ein eigenständiges Konzept zu begründen - hat mit dem "Wörterbuch der philosophischen Metaphern" ein bislang beispielloses Projekt realisiert.

Die Fülle der Publikationen zur Thematik der Metapher beziehungsweise des Metaphorischen und der Figuralität ist seit einigen Jahren selbst von Spezialisten nur noch schwer zu überblicken. Ein besonderer, ja vielleicht der besondere Grund für die Vehemenz des Nachdenkens und Schreibens, für die Fülle der Diskurse über die Metapher mag darin liegen, dass wir es beim Metaphorischen mit einem Phänomen zu tun haben, das alle Bereiche des Denkens, Handelns und Seins betrifft und das solchermaßen auf das Engste mit dem verknüpft ist, was 'Menschsein' und 'Leben' bedeuten. Metaphern, insbesondere in ihrer Gestalt als "radikale" (Ernst Cassirer) oder "absolute" (Hans Blumenberg) Metaphern, als "root metaphors" (Stephen C. Pepper), "generative metaphors" (Max Black) oder "métaphores vives" (Paul Ricoeur), strukturieren unser Wissen von uns selbst und von der Welt.

Konersmann definiert den "einfachen, klar bestimmten Zweck" des "Wörterbuchs" so: Es erläutere die Funktion von Sprachbildern in der Entfaltung des Denkens und des Wissens. Als Adressaten des Nachschlagewerks sieht er keinesfalls nur Fachleute und Spezialisten, sondern ebenso eine sprachinteressierte Öffentlichkeit. Vertreten werde weder ein exklusives Programm noch eine bestimmte Schule; statt dessen sollten die versammelten Beiträge die Vielfalt der metaphorologischen Schwerpunktbildungen und Vorgehensweisen dokumentieren und zu weiteren, fächerübergreifenden Forschungen anregen - ein Anspruch, dem das "Wörterbuch" in jeder Hinsicht gerecht zu werden vermag.

Insgesamt vierzig Beiträge versammelt der Band - eine Zahl, die vermuten lässt, dass es genau diese Anzahl sein sollte - aus Gründen der Metaphorizität, besser: der Symbolkraft der 'Vierzig'. Konersmann selbst führt aus: "Warum diese Zahl? Weil, wenn ich so formulieren darf, die Ziffer vierzig semantischen Mehrwert und in diesem Sinne Signalcharakter hat, neununddreißig und einundvierzig aber nicht. Weit davon entfernt, ein Dogma zu sein, schließt die Forciertheit der runden Zahl das Eingeständnis ein, dass ein Rest von Kontingenz nicht zu tilgen ist. Die runde Zahl ist, mit einem Wort, selbst ein metaphorisches Signal. Sie unterstreicht, dass der Kreis der Titelmetaphern, die dem philosophischen Denken geläufig sind, offenkundig begrenzt ist, ohne allerdings genau bezifferbar zu sein". Die "Titelmetaphern" beschreibt Konersmann hierbei als Bildfelder von besonderer Qualität: Eine "Titelmetapher" überschreibe einen kohärenten Vorstellungszusammenhang, der durch das Titelwort vorgegeben sei und dessen konkrete Gestalt zeiträumlich variieren könne. Metaphern haben Geschichte - und: sie erzählen Geschichten, sie sind: Erzählungen, "die sich als Einzelwort maskieren".

In seiner lexikalischen Form ist das "Wörterbuch der philosophischen Metaphern" ein Novum: Nie zuvor, so Konersmann, sei der figurative Bestand des philosophischen Denkens repräsentativ erschlossen, noch nie der Bedeutungswandel bis in die unmittelbare Gegenwart hinein verfolgt und die vorstellungsleitende Funktion der Metaphern in einem "Panorama spezifischer Entwicklungslinien" komparativ erfasst worden.

Das Bedürfnis nach einem Metaphernwörterbuch wurde bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts laut - mitten im Zeitalter der Aufklärung. So skizzierte Giovanni Battista Vico im Jahr 1744 die Umrisse eines "vocabolario mentale", das jene "generi fantastici" und "immagini" versammeln sollte, die den Idiomen aller Zeiten zugrunde liegen und in denen "die ewige Geschichte selber" spricht. Als weitaus konkreter als das Vico'sche Gedankenspiel über Sinn und Zweck eines "vocabolario mentale" und ebenso als konzeptionell durchdachter, so Konersmann, könnten die Überlegungen Johann Georg Sulzers aus dem Jahre 1767 gelten, die die Metapher als legitime Sprachform der Philosophie anerkannten sowie die Metapherngeschichte als Quellenkorpus einer historischen Anthropologie begründeten. Die Wörterbuch-Initiative Sulzers sei jedoch rasch vergessen worden - die Vorbehalte der Rhetorikkritik seien Legion und der Gedanke an eine Würdigung der Metaphern durch lexikalische Repräsentation habe sich damit von Anfang an verboten: "Metaphern beschreiben, sie beweisen nicht. Figura non probat." (Kant) Die Standards der Rhetorikkritik, so Konersmann, hätten sich lange als übermächtig erwiesen und erst an Gewicht verloren, als zahlreiche Einzelwissenschaften und mit ihnen auch die Philosophie daran gingen, den sprachlichen Status des Denkens und Wissens zu analysieren. Immer stärker bildeten sich Bestrebungen heraus, die "kognitiven Ansprüche der Metapher" (Mary B. Hesse) und das Aussagepotential der Figuren "nicht-propositionaler Erkenntnis" (G. Gabriel) in theoretischen Texten aufzuweisen und ihren Leistungsumfang zu erschließen.

Bahnbrechend für diese Fragestellungen war hierbei bekanntermaßen das Werk Hans Blumenbergs, sein Projekt einer "Metaphorologie", einer "Theorie der Unbegrifflichkeit". Blumenberg regte eine Schärfung der Aufmerksamkeit "für das lebensweltliche Wurzelwerk geistigen Abstrahierens" an, für den "Motivierungsrückhalt aller Theorie". Auch das "Wörterbuch der philosophischen Metaphern" steht in dieser Tradition, es ist Bestätigung und Reverenzerweis zugleich. Blumenberg habe, so Konersmann, die von Vico über Sulzer und Kant verlaufende Linie fortgesetzt, wenn er die Metapher als die spezifische Ausdrucksgestalt des endlichen Wesens begreife, das - unter dem Druck befristeter Lebenszeit - gehalten sei, sich in den Grenzen seiner Situation einen Reim zu machen auf die Welt und die Ordnung der Dinge. Das "Dasein im Provisorium" motiviere den Griff zur Metapher - und umgekehrt: Die Metapher gewähre Aufschluss über das Dasein im Provisorium. Die Grundlagen des Logos seien demnach nicht rein logisch, sie seien anthropo-logisch verfasst. Die Metaphorologie insistiere auf der Zeugniskraft des Unbegrifflichen.

Die weltbildkonstituierende Funktion der Metapher sei keine Beiläufigkeit, sie bedürfe der sorgfältigen Rekonstruktion und des kritischen Urteils. Hierbei stünden Begriffs- und Metapherngeschichte in einem Verhältnis wechselseitiger Ergänzung. Metapher und Begriff hätten "im Modus funktionaler Differenz" zu koexistieren: "Wir müssen den Logos verlassen, um ihn zu verstehen" (Blumenberg). Metaphern, expliziert Konersmann, seien "Einladungen zur Interpretation, ja, bestimmter und umfassender noch: Sie zeigen die Welt im Horizont ihrer Deutbarkeit". Das Wissen, das die Metaphern vermitteln, sei das Ergebnis einer kulturellen Praxis sprachbildinduzierten Weltverstehens. Das metaphorische Spiel artikuliere Wirklichkeitserfahrungen in Denkmustern, die durch und durch anthropomorph seien: "Dass es auch in der Welt des Wissens etwas gibt, das wir als 'Sehen' erschließen oder als 'Schmecken' und 'Hören', dass wir auch im 'Raum' der Erkenntnis 'Wege', 'Berge' und 'Bauten' markieren oder 'Tiefen' ermessen, ist immer schon und unabweislich mit Bezug nicht auf irgendwelche, sondern auf menschliche Erfahrungstatsachen, Sinnesleistungen und Proportionsverhältnisse gesagt."

Was das "Wörterbuch" zu bieten habe, so Konersmann am Ende seines Vorworts, sei eine Folge kleiner, notwendigerweise fragmentarischer Monografien: Die Universalität eines philosophischen Metaphernwörterbuchs könne niemals eine stoffliche, sie müsse eine sachliche sein. In diesem Sinne biete das vorliegende Werk eine prägnante Auswahl von Titelmetaphern, die es den "durch Gewohnheit gemilderten Zufälligkeiten der alphabetischen Ordnung gemäß" präsentiere. Seine Einzelbeiträge seien "Versuche". Entstanden sei dabei ein Dokument metaphernanalytischer Vielfalt, dessen Geschlossenheit sichergestellt sei durch die Gemeinsamkeit der Perspektive, nicht jedoch durch die Verpflichtung auf eine bestimmte Methode.

Die vierzig ausgewählten Titelmetaphern reichen von "Band, Kette" über "Fließen", "Gebären", "Grenze" sowie "Raum", "Reinheit", "Reisen" bis hin zu "Sprechen", "Spur" und "Übergang", "Weben, Spinnen", "Weg" und "Wohnen". Ein neunseitiges Metaphernverzeichnis am Ende des "Wörterbuchs" führt, neben den gewählten Metaphern, weitere bedeutsame Metaphern wie etwa "Brücke", "Fortschritt", "Nacht", "Quelle", "Sonne", "Umkehr", "Werkzeug" an. Nicht erst bei der Durchsicht dieser "Figuren" wird dem Leser bewusst, dass man sich eine Reihe von Wörterbüchern wünscht, die sich mit philosophischen Metaphern und ihrer Geschichte - sowie ihren Geschichten - beschäftigen. Dabei kann das vorliegende Werk, in seiner Rundheit, immer nur ein Fragment sein, Fragment eines unendliches Projekts einer philosophischen Metaphorologie, ihrer Systematisierung und lexikalischen Erfassung. Sprache als ein lebendiger Organismus lässt die in ihr enthaltenen Bilder und Figuren in einem lebendigen Prozess begriffen sein, stetig sich wandelnd, sich entwickelnd und sich entfaltend. Vollständigkeit zu denken ist in Anbetracht dessen absurd, wenn auch reizvoll. Ein unabschließbares Projekt - ein Projekt, das ohne Unterlass über sich selbst hinauswächst und über sich selbst hinaus verweist. Eben ein Fragment eines offenen Systems.

Die Besprechung eines so komplexen und so umfangreichen Bandes, der seinerseits selbst - wie oben dargelegt - lediglich als ein Bruchstück eines notwendig unvollendet bleibenden Projekts angesehen werden kann, hat ihrerseits selbst ihren Fragmentcharakter anzuerkennen und sich einzugestehen. Was sie kann, ist Eindrücke schildern, Leitlinien darlegen und Essenzen präsentieren.

Was dem "Wörterbuch" seinen Wert verleiht ist, neben vielem anderen, dass die Beiträge sich, in ihrer Untersuchung einer "Titelmetapher", wie - unangestrengte - Parforceritte durch die Geschichte der Philosophie und ihrer diversen Teilbereiche und Disziplinen lesen lassen, dass zentrale Denker und Werke gleichsam en passant vorgestellt werden und hierbei implizit eine facettenreiche Geschichte der Denksysteme geschrieben und entfaltet wird. Das "Wörterbuch" ist, in all seiner Komplexität, Theoriegesättigtheit, Reflektiertheit und mit seinem hohen diskursiven Anspruch, auch eine Einführung in zentrale Fragestellungen, Begriffe und Positionen des Fachs und seiner Geschichte sowie jener vielstimmigen Geschichte des Wissens und der Wissensformen. Vor diesem Hintergrund gestaltet sich die Lektüre einerseits immer weitläufiger, andererseits immer tiefgründiger. Die Unausschöpfbarkeit des Metaphorischen scheint die des Textes zu motivieren beziehungsweise hervorzubringen.

Mit dem "Wörterbuch" ist dieser äußerst schwierige Spagat zwischen Begrifflichkeit und Bildlichkeit gelungen. Der Band ist Lexikon und Lesebuch zugleich - begrifflich, historisch und systematisch abgesichert und gleichzeitig mit großem Lesegenuss zu rezipieren, eine bemerkenswerte Seltenheit im Hinblick auf lexikalische und/oder philosophische Publikationen. Zu dieser Lebendigkeit des Bandes mag auch beitragen, dass die Autoren der einzelnen Beiträge aus den verschiedensten Disziplinen und von den unterschiedlichsten theoretischen und methodischen Voraussetzungen her kommen: eine Bereicherung mithin.

Eine "Titelmetapher" ist es, dies soll abschließend angemerkt sein, die der Band schmerzlich vermissen lässt, und das Fehlen dieser Metapher wird auch nicht durch die überaus differenzierten und verdienstvollen Beiträge zum "Sprechen" von Tilman Borsche und zum "Hören" von Michael Moxter kompensiert: Die Metapher der "Stimme" (die sich immerhin mit zahlreichen Verweisstellen im "Metaphernverzeichnis" aufgeführt findet). Die Stimme als "Nukleus dessen, worum Geistes-, Human- und Kunstwissenschaften kreisen" (Kolesch/Krämer, 2006) hätte mit Notwendigkeit in das "Pantheon der Vierzig" aufgenommen werden müssen, sind doch "the humanities [...], at their core, voice arts" (John Durham Peters). Kein Phänomen legt so untrüglich Zeugnis ab von menschlicher Anwesenheit und kreatürlichem Leben wie das Erklingen einer Stimme. Die Nichtaufnahme der Stimm-Metapher in das "Wörterbuch" ist unverständlich. Es bleibt aber zu hoffen, dass dieses Versäumnis in einer wünschenswerten Weiter- und Fortführung des "unendlichen Projekts" behoben werden wird.


Titelbild

Ralf Konersmann: Wörterbuch der philosophischen Metaphern.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007.
570 Seiten, 99,90 EUR.
ISBN-13: 9783534188208

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