Über den Tellerrand

Ansgar Warner und Ulrike Preußer legen neue Studien zu Arno Schmidt vor

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Arno-Schmidt-Philologie war lange Zeit ein leuchtendes Beispiel dafür, wie viel eine Literaturforschung leisten kann, die nicht von Berufswissenschaftlern, sondern von engagierten Amateuren mit Herzblut betrieben wird - im Guten wie im Schlechten. Auf der einen Seite dechiffrierten Hunderte von Seiten dicke Handbücher tatsächlich oder vermeintlich kryptische Textstellen; erschienen von Schmidt gelobte Werke des 18. und 19. Jahrhunderts in neuen, mustergültigen Editionen; erschlossen Dutzende von Artikeln und Büchern die intertextuellen Verbindungen zu für Schmidt maßgeblichen Autoren von Jean Paul bis Karl May. Es sind diese Pionierarbeiten vor allem der 1970er- und 1980er-Jahre, auf denen die spätere Forschung aufbaut. Dies ist aber nur die eine Seite: Trotzdem blieb die Schmidt-Forschung all zu häufig in einer eigenartigen Nabelschau befangen. Den wichtigsten Grund dafür erläuterte Stefan Voigt in "In Auflösung begriffen" (1999), seiner vorzüglichen Dissertation zu Schmidts Spätwerk mit dem Begriff "Selbstexplikation als Textstrategie". Demnach enthalten Schmidts Texte bereits deutliche Anweisungen, wie sie nach der Intention des Autors rezipiert werden sollen. Folgt der Interpret diesen Spuren unkritisch, ergeben sich Auslegungen, die das in den Primärtexten bereits Gesagte bloß umformulieren, ohne zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Oder aber die Forscher wandten Schmidts Herangehensweise bei der Erschließung literarischer Texte unreflektiert auf Schmidts eigene Produktion an. Das heißt, sie lasen die Werke lediglich auf ihre autobiografischen Anteil hin, oder sie unterzogen sie Schmidts eigenwilliger Adaptation der Psychoanalyse. Die Folge war, dass viele dieser Arbeiten nicht über den vom Autor selbst vorgegebenen Horizont hinausweisen.

Dies hat sich in den letzten Jahren graduell geändert. In dem Maß, in dem jüngere, universitär ausgebildete Forscher nach und nach solche weiteren Kontexte erschließen, treffen sie auch substanziell neue Aussagen über den Autor Arno Schmidt. Zu dieser neuen Generation der Forschung zählen neben Voigt beispielsweise Doris Plöschberger, Jan-Frederik Bandel und Jan Süselbeck, aber auch Volker Langbehn mit seiner Monografie "Zettels Traum: An Analysis" (Rochester, NY: Camden House, 2003), die Schmidts opus magnum mit den gängigen Mitteln psychoanalytischer und poststrukturalistischer Literaturtheorien erläutert. Eine herausragende Rolle bei diesen "neuen" Zugängen zu Schmidt spielt der Bielefelder Aisthesis Verlag, der seit langem anspruchsvolle Arbeiten zu Arno Schmidt veröffentlicht. Auch Ansgar Warner und Ulrike Preußer legen hier nun Buchfassungen ihrer Dissertationen vor, in denen sie auf jeweils eigene Weise über den engen Tellerrand der "alten" Schmidt-Philologie blicken.

Ansgar Warner, Habilitand am Gießener Graduiertenzentrum für Kulturwissenschaften, wendet sich in "Kampf gegen Gespenster" einer vergleichenden Analyse der Radio-Essays Wolfgang Koeppens und Arno Schmidts zu. Einen kurzen "Testlauf" veröffentlichte Warner bereits im von Astrid Erll, Marion Gymnich und Ansgar Nünning herausgegebenen Sammelband "Literatur - Erinnerung - Identität" (Trier: Wissenschaftlicher Verlag, 2003), aber die endgültige Fassung ist nicht nur umfangreicher, sie ist auch weitaus tiefschürfender und differenzierter. Warner ist zwar nicht der Erste, der Schmidt und Koeppen in Beziehung zu einander setzt, ein Novum ist aber sein Fokus auf den Rundfunkarbeiten der beiden Autoren.

Ein großer Vorzug der Studie ist, dass Warner die Texte nicht isoliert behandelt, sondern sorgfältig ihren literatur- und mediengeschichtlichen Kontext herausarbeitet. Dabei sind drei Punkte zentral: erstens die zeitgenössische Diskussion um die Natur des Essays, zu der unter anderem Max Bense und Theodor W. Adorno beitragen - und daraus abgeleitet die Frage, was einen Radio-Essay eigentlich ausmacht und wie er vom Feature abzugrenzen sei; zweitens technische Innovationen wie die flächendeckende Einführung von Magnettonbandgeräten in den Rundfunkstudios, die den Einsatz innovativer Montagetechniken erlauben, wie sie im Film bereits seit den 1920er-Jahren erprobt worden waren; und schließlich die Entstehung ambitionierter, öffentlich-rechtlicher Rundfunkprogramme nach dem Vorbild der BBC.

Warner macht darauf aufmerksam, dass Koeppen und Schmidt ihre Essays vor allem als Auftragsarbeiten für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart schrieben, für eine engagierte Redaktion also, die nacheinander - das muss man sich heute einmal vorstellen - mit so großen Namen wie Martin Walser, Alfred Andersch und Helmut Heißenbüttel besetzt war (nicht zu vergessen der junge Enzensberger als Anderschs Assistent!).

Überhaupt hebt Warner zu Recht die Rolle des Radios als Leitmedium der Adenauer-Jahre hervor. Auch wenn namhafte Autoren heute kaum weniger im Radio präsent sind, erreichten ihre Lesungen, Hörspiele und Features in den Fünfziger Jahren doch eine viel größere Resonanz als in späteren Zeiten, in denen das Fernsehen zum Leitmedium avancierte. So gesehen, werden Schmidts und Koeppens hier diskutierte Arbeiten in einmaligen Konstellationen produziert, die ein Jahrzehnt später schon nicht mehr denkbar sind. Und tatsächlich entstehen zumindest Wolfgang Koeppens Essays in einem relativ kurzen Zeitraum von 1955 bis 1962, während Schmidt dem Medium bis in die 1970er-Jahre treu bleibt.

Nach der Skizzierung des Kontextes widmet sich Warner der vergleichenden Analyse von je drei Rundfunkessays der beiden Autoren, die er nach inhaltlichen Aspekten ordnet. Zunächst geht es um zwei Arbeiten, die sich der Kontinuität von Faschismus und Militarismus nach 1945 widmen. Während Koeppens Essay über eine Spanienreise, "Ein Fetzen von der Stierhaut" (1955), mittels Kritik am Franco-Regime auch restaurative Tendenzen in der Bundesrepublik geißelt, nähert Schmidt sich demselben Thema über einen literarischen Text: "Dya Na Sore. Blondeste der Bestien" (1957) stilisiert einen 1787-1791 erschienenen Monumentalroman des Ansbacher Offiziers Wilhelm Friedrich von Meyern zum "Prätext" des NS-Regimes, indem er vermeintliche Parallelen zwischen Meyerns fiktivem indischen Idealstaat und der Organisation des "SS-Staates" aufzuzeigen sucht. Ziel ist, so Warner, in beiden Fällen die "Dekonstruktion bisheriger nationaler Selbst- und Fremdbilder".

Ein zweiter Vergleich widmet sich Koeppens und Schmidts Kritik an einer offiziellen Gedenkkultur. Wieder sind es eine Reise und ein Roman, um die sich ihre Texte drehen. Koeppens "Neuer römischer Cicerone" (1957), der ganze Passagen aus Koeppens eigenem Roman "Der Tod in Rom" übernimmt, führt Reisebericht und Romanwelt ebenso zusammen wie die Schauplätze Rom und Berlin. In dieser Engführung geht es darum, die traditionelle Italienbegeisterung des deutschen Bürgertums und ihre völkischen Untertöne zu hinterfragen.

Schmidts 1959 entstandener Essay über den vergessenen Heinrich Albert Oppermann und seinen Roman "Hundert Jahre" (1870) entwirft dagegen das Bild eines "politischen", das heißt zeitgeschichtlichen Romans "von unten", der sich bei aller historischen Detailfülle als oppositionelles Projekt gegen die offizielle Geschichtsschreibung versteht - eine Definition, die nebenbei auch auf Schmidts eigenen Roman "Das Steinerne Herz" passt, der sich im Untertitel ausdrücklich als "Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi" versteht.

Und drittens beschreibt Warner, wie Koeppen und Schmidt die Grenzen dessen ausloten, was im medialen System der Adenauer-Ära gerade noch geäußert werden konnte, ohne Restriktionen nach sich zu ziehen: "Herr Polevoi und sein Gast" (1957) ist ein Reisebericht aus der Sowjetunion der Chruschtschow-Ära, in der Koeppen die medial überformten Zerrbilder der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit in Frage stellt, während Schmidt in "Ein unerledigter Fall" (1963) versucht, den NS-Autor Gustav Frenssen literarisch zu rehabilitieren - ein Versuch, den Warner vor allem als "Übung in Toleranz" liest.

In der Substanz überzeugen alle drei Analysen. Der innovative Vergleich unter thematischen Gesichtspunkten ergibt eine fundierte, manchmal verblüffende Zusammenschau. Dadurch arbeitet Warner zum einen bisher nicht erkannte Parallelen zwischen dem Werk der beiden Autoren heraus, und kommt zum anderen zu interessanten Erkenntnissen über die Medienlandschaft der frühen Bundesrepublik, zumal über die Freiräume, die auch damals für eine litterature engagée existierten. Das prägnanteste Beispiel dafür ist "Ein Fetzen von der Stierhaut": Koeppens künstlerisch virtuose Kritik an der spanischen Diktatur ging so weit, dass sie zum offiziellen Protest des spanischen Generalkonsuls im Stuttgarter Funkhaus führte. Dadurch streicht Warner das politische Engagement beider Autoren heraus, das gerade für Schmidt immer wieder bestritten wurde.

Um zu dieser Trennschärfe zu gelangen, beschränkt Warner sich auf einen kleinen Ausschnitt aus dem umfangreicheren Rundfunk-Œuvre der beiden. Das führt zu klaren Ergebnissen, lässt aber die Frage außer Acht, wie repräsentativ die gewählten Beispiele überhaupt sind, und zwar sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht. Zumindest bei Schmidt tritt der politisch engagierte Unterton in den späten Funkdialogen der 1960er- und 1970er-Jahre deutlich zurück.

Außerdem verwischt der inhaltliche Fokus bisweilen formale Differenzen. Dass Schmidt die für ihn typische Dialogform zweier Sprecher A und B mit relativ fester Rollenverteilung erst allmählich aus "Experimenten mit Feature-ähnlichen Montageformen" entwickelte, dass Koeppens Arbeiten durchgehend monologisch blieben, erwähnt Warner zwar. Die Frage, ob sich daraus Konsequenzen für die Interpretation der Texte ergeben, und wenn ja welche, kommt aber etwas zu kurz. Ebenso vernachlässigt wird die Tatsache, dass Koeppen über Reisen, Schmidt aber von literarischen Texten und ihren Autoren berichtet, eben "Nachrichten von Büchern und Menschen" liefert, wie ein Sammelband seiner Essays betitelt ist. Und last but not least hätte man sich einen abschließenden Teil gewünscht, der die Ergebnisse der erhellenden Analysen noch auf den medialen Kontext zurückbezieht, den Warner eingangs so prägnant herausgearbeitet hatte. Insgesamt legt der Autor hier aber eine sehr gelungene Studie vor, die den Weg für vertiefende Abrbeiten über Schmidts und Koeppens Rundfunkarbeiten ebnen sollte.

Einen völlig anderen, ebenfalls innovativen Blick auf Schmidts Œuvre wirft Ulrike Preußer, die an der Fakultät für Lingustik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld lehrt. Genau im Schnittpunkt dieser beiden Disziplinen ist ihre Studie "Aufbruch aus dem beschädigten Leben" angesiedelt. Preußers Arbeit versteht sich als Pionierstudie auf dem Gebiet einer literaturwissenschaftlich orientierten Phraseologie. Unter Phraseologismen versteht man formelhafte Wendungen innerhalb der Sprache, von Sprichwörtern bis zu stehenden Wendungen wie "Widerspruch einlegen". Dabei erfüllen sie eine Vielzahl von Funktionen: "Sie können mündliche wie auch schriftliche Sprache strukturieren; sie schmücken, erregen Aufmerksamkeit, generalisieren oder transgeneralisieren; sie können textbildend wirken, argumentativ, manipulativ oder themenentfaltend." Zwar existieren zahlreiche linguistische Studien zum Gebrauch von Phraseologismen, die literarische Texte jedoch ausklammern oder aber sie als bloßes Reservoir von Beispielen nutzen, ohne auf die besonderen Bedingungen des Sprachgebrauchs in der Literatur einzugehen; sie klammern, kurz gesagt, die ästhetische Dimension der Literatur aus. Umgekehrt existieren sehr wohl einzelne literaturwissenschaftliche Studien, etwa zu Texten von Theodor Fontane, Elfriede Jelinek und Günter Grass, die auf die Funktion von Phraseologismen im literarischen Text abheben. Sie stellen dabei zwar heraus, dass diese Wendungen der Charaktersierung von Figuren, der Sprach- und der Gesellschaftskritik dienen. Es fehlt ihnen aber, so Preußer, das exakte linguistische Vokabular, um zu wirklich trennscharfen Ergebnissen zu kommen.

Diesem doppelten Mangel möchte Preußer mit ihrer Studie begegnen. Unter Berufung auf Roman Jakobsons Begriff der "Poetizität" der literarischen Sprache sucht sie die linguistischen Mittel der Phraseologie für eine literaturwissenschaftliche Interpretation fruchtbar zu machen. Das Textkorpus bilden Arno Schmidts Erzählungen "Brand's Haide" (1950), "Schwarze Spiegel" (1951) und "Aus dem Leben eines Fauns" (1953), die zu verschiedenen Zeitpunkten von 1939 bis nach dem Dritten Weltkrieg, aber in derselben Landschaft spielen, und später von Schmidt zur Trilogie "Nobodaddy's Kinder" zusammengefasst wurden. Diese Wahl ist gelungen, insofern sich ein dichtes Netz thematischer und motivischer Bezüge durch die Trilogie spannt.

Anhand 40 ausgewählter Textstellen gelangt Preußer zu einer überzeugenden Typologie: Demnach dienen die Phraseologismen einmal der Konstruktion einer authentisch wirkenden Mündlichkeit, etwa wenn die Wendung "zu Kreuze kriechen" im Dialog in den Satz "Sie sind ja alle zu Hakenkreuze gekrochen" abgewandelt wird. Zweitens dienen sie der Vernetzung der subjektiven Realität der Protagonisten mit der objektiven Realität der Außenwelt, wenn sie etwa anhand von Sprichworten und stehenden Wendungen über ihre ethische Haltung in der restaurativen Welt der Nachkriegszeit reflektieren; drittens thematisieren aus Kunstwerken entnommene, teilweise abgewandelte Zitate die Überlegungen der Protagonisten zur Kunst, zumeist zur Literatur. Nicht zuletzt dienen sie dabei der Selbststilisierung der Hauptfiguren und der Neubewertung und -kanonisierung von Kunstwerken. Dabei streicht Preußer zu Recht die Polyfunktionalität und den kreativen Umgang Schmidts mit Phraseologismen heraus, die hier in einer Weise gebraucht werden, die über ihren Gebrauch in der Alltagssprache hinausgeht. Ihre modifizierte, spielerische Verwendung im literarischen Text führt so zu einem echten "Bedeutungs-Mehrwert", der wiederum anregend auf die Rezipienten wirkt.

Doch obwohl Preußers Arbeit als Pilotstudie im Grenzgebiet von Linguistik und Literaturwissenschaft gelungen ist, sind aus der Sicht der Arno-Schmidt-Forschung Bedenken anzumelden. Dass nämlich der Umgangssprache entnommene und modifizierte Redewendungen bei Schmidt vielfältige Funktionen erfüllen, ist an sich kein neues oder gar aufregendes Ergebnis. Punktuell finden sich solche Erkenntnisse überall in der Sekundärliteratur. Neu ist allenfalls, dass Preußer ein systematisches Raster zur Verwendung und Funktion dieser Phraseologismen entwickelt und sie linguistisch exakt beschreibt. Leider bringt dieser methodische Fortschritt für die Interpretation der einzelnen Textstellen kaum etwas. Der Interpret denkt sich, was er bereits vorher dachte und hat nun allenfalls die linguistische Terminologie zur Hand, um seine Erkenntnisse mit deren Mitteln zu beschreiben. Wenn man will, ergibt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Aufwand und Ergebnis. Eine solche Kritik geht zwar gerade an den Intentionen Preußers vorbei, die auf eben jene linguistische Exaktheit zielt.

Wirklich problematisch sind jedoch drei andere Punkte: Zum einen führt die Konzentration auf kleine Textausschnitte und ihren unmittelbaren Kontext zu einer Konzentration auf die Mikrostruktur des Textes, während der Gesamtkontext des jeweiligen Romans und der gesamten Trilogie vernachlässigt wird. Dies hat einen paradoxen Effekt: Einerseits blendet Preußers Analyse diesen Gesamtkontext systematisch aus, behält ihn aber unausgesprochen als Raster bei, auf das sie die einzelnen Ergebnisse wieder beziehen muss.

Zum Zweiten ergibt sich ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Vorarbeit und eigentlicher Analyse. Beinahe die Hälfte des Buches - etwa 160 Seiten - ist allein der Darstellung des Forschungsstandes zum Autor Arno Schmidt, zur Trilogie "Nobodaddy's Kinder" und zu Schmidts Sprachgebrauch gewidmet. Das mag damit zusammenhängen, dass Preußer ihre Bielefelder Dissertation in der Sprachwissenschaft einreichte und daher viele Informationen nachliefert, die für einen literaturwissenschaftlichen Leser, zumal einen Schmidt-Forscher, schlicht vorauszusetzen wären. Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl, wenn eine (ohne Anhang) 325-seitige Studie erst auf Seite 218 mit der eigentlichen Analyse beginnt. Wenigstens in der Druckfassung hätte dieses Kapitel radikal gekürzt werden können.

Und drittens ist es aus Sicht der Schmidt-Philologie unbefriedigend, dass Preußer ihre Aussagen anhand eines so beschränkten Textkorpus' trifft. Dass sie sich auf sehr kurze Ausschnitte aus wenigen Texten beschränkt, mag ihrer Methode geschuldet sein. Da die Bestandteile von "Nobodaddy's Kinder" aber innerhalb weniger Jahre entstanden sind, haben Preußers Befunde nur einen geringen Aussagewert in Hinsicht auf ein Gesamtwerk, das von den ersten, noch epigonalen Gedichten der 1930er-Jahre bis zum letzten Roman beinahe fünf Jahrzehnte umfasst. Dabei ist gerade Schmidts Werk einem fulminanten sprachlichen Wandel unterworfen, der von den pseudo-romantischen Texten der "Juvenilia" bis zu den hochkomplexen, mehrdeutigen Wortamalgamen der späten Typoskripttexte ab "Zettels Traum" reicht. Verändern sich damit auch die Bildungsweise und die Funktion der Phraseologismen? Wie verändern sie sich durch die Einführung der so genannten "Etymtheorie" in und nach "Zettels Traum"? Müsste man dann den Katalog der Bildungsweisen und Funktionen von Phraseologismen bei Schmidt erweitern, oder ergäbe sich im Gegenteil eine Verengung?

Diesen Fragen stellt sich Preußer gar nicht erst, und vermutlich erreichte eine einzelne Studie, die das Thema mit der Exaktheit ihrer Dissertation behandelte, selbst den Umfang eines Schmidt'schen Typoskriptromans. So aber bleibt der Eindruck einer Arbeit, die viel für eine fruchtbare Vernetzung von Sprach- und Literaturwissenschaft tut, als Beitrag zur Erschließung von Schmidts Werken aber letztlich wenig gewinnbringend bleibt.


Titelbild

Ulrike Preußer: Aufbruch aus dem beschädigten Leben. Die Verwendung von Phraseologismen im literarischen Text am Beispiel von Arno Schmidts "Nobodaddy's Kinder".
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007.
355 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783895286278

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Ansgar Warner: Kampf gegen Gespenster. Die Radio-Essays Wolfgang Koeppens und Arno Schmidts.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007.
190 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783895286353

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