Ein Panoptikum des Geistes und der Geistlichkeit

Karl Gutzkows "Der Zauberer von Rom" erstmals in einer textkritischen Gesamtausgabe

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die katholische Kirche ist wieder im Kommen: Der sterbende Papst wurde von entrückten, nach Rom gepilgerten Jugendlichen zum Pop-Star erkoren, die "Bild"-Zeitung titelte gar nach der Wahl des neuen Pontifex maximus in nationalem "Wir sind wieder wer"-Erweckungstaumel "Wir sind Papst" und die Bücher Ratzingers schoben sich bis auf die Bestsellerlisten vor - auch wenn kaum einer die zweifelsohne gelehrten, aber sicherlich staubtrockenen Werke lesen dürfte. Man könnte fast meinen, der Katholizismus wäre über Nacht zu der modernen, aufgeklärten Religion unserer Zeit geworden. Dass dem nicht so ist, wird einem bei der Betrachtung der unerschütterlichen Haltung Roms zu Fragen der Abtreibung, des Frauenpriestertums, des Zölibats und des Verhältnisses zu den anderen Religionen schnell klar. Noch immer gilt: Nur keine Veränderung, Roma locuta, causa finita.

Noch vor knapp 150 Jahren schien hingegen die Zeit reif zu sein, die katholische Kirche zu reformieren. Zumindest hat man diesen Eindruck nach der Lektüre von Karl Gutzkows monumentalen, beinahe 3.000 Seiten umfassenden Roman "Der Zauberer von Rom", in dem ein junger deutscher Priester zum Papst wird und eine grundlegende Reform des Katholizismus in Angriff nimmt. Der Autor selbst schrieb sein Werk in der Absicht, nicht nur ein faktenreiches "Gemälde der süddeutsch-europäischen-katholischen Welt" zu zeichnen, für das er in jahrelangen, detaillierten Studien alle Strömungen der katholischen Kirche und Berge von Material sichtete, sondern er stellte in seinem Buch auch ein ambitioniertes Programm vor.

Gutzkow selbst schrieb im Vorwort zur zweiten Auflage, die "Tendenz" des Buches sei ein "geläuterter, von Rom befreiter Katholicismus", den die Priester und ihre Gemeinden ersehnen würden. Sie "würden eine Losreißung von Rom willkommen heißen, wenn nur im Uebrigen mit derjenigen Schonung ihres Glaubens verfahren würde, welche in meinem Roman einen Ausdruck gefunden hat, ohne daß den Rechten der Vernunft und Aufklärung darum etwas vergeben wurde.". Gutzkows im "Zauberer von Rom" dargelegter Plan und seine persönlichen Reformvorschläge würden auch heute noch im Vatikan für gehörigen Wirbel sorgen: "Aber auch ein Katholik kann den Sturz der Hierarchie fordern, die Reformen des Klerus, die Läuterung des Gottesdienstes, die Aufhebung der Klöster und des Cölibats, die Abmilderung all dessen, was Sakrament heißen soll (nicht blos in der Ehe) zu natürlichen, menschlichern Auffassungen". Die in Rom installierte "Trugdogmatik" sollte ins Wanken gebracht werden, der "Gewissensdespot" im Vatikan sollte den Weg für eine katholische Kirche mit menschlichem Antlitz freigeben. Gutzkows Ziel war nicht die Beseitigung, sondern die Reform des Katholizismus von Innen heraus.

Doch bekanntlich kam es anders als von Gutzkow erhofft. Während des von Papst Pius IX. einberufenen ersten vatikanischen Konzils (Dezember 1869 - Oktober 1870) wurde neben der "Beseitigung" von "Zeitübeln" aus der Lehre und der dogmatischen Bestätigung der Himmelfahrt Marias das Dekret von der Unfehlbarkeit des Papstes in "Glaubens- und Sittenfragen" gegen den erheblichen Widerstand der innerkirchlichen Opposition beschlossen. Der immense Druck und die Furcht vor einem Schisma ließ diese Opposition, die Gutzkow im "Zauberer von Rom" anhand zahlreicher Figuren und einiger theologischer Diskussionen zu Wort kommen lässt, schließlich zerbrechen. Doch Gutzkow glaubte noch immer an die Reformierbarkeit der Kirche, im Vorwort zur vierten Auflage forderte er die altkatholische Bewegung, die sich gegen die Beschlüsse des Konzils stellte, auf, sich zusammen mit einem zukünftigen Papst in einem "neugebildeten Concil" zusammenzufinden, denn diese habe nur dann einen "geschichtlichen Werth", wenn dieses Konzil "die Unfehlbarkeit, wie vorauszusehen, zurückgenommen und die seinem Vorgänger abtrünnig gewordenen Bekenner zurückgerufen haben wird" und im "Geist der fortgeschrittenen Bildung" eine Erneuerung des Katholizismus anstrebe. Dies ist bis heute nicht eingetreten, und eine Reform der stockkonservativen katholischen Kirche steht noch immer aus. Insofern zeigen sich auch heute die Ideen Gutzkow noch so modern wie schon vor 150 Jahren. Doch nicht nur in der Frage des Katholizismus ist Gutzkow ein wiederzuentdeckender strikter Verfechter der aufgeklärten, vernunftbetonten Moderne.

Der "Zauberer von Rom" ist auch ein grandioses Panoptikum des 19. Jahrhunderts, ein Panoramaroman, der die zahllosen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Strömungen der Zeit in einem alle Stände und Schichten umfassenden Erzählkomplex bündelt und hierbei einige Ideen und Entwicklungen der Moderne in beinahe visionärer Weise vorweg nimmt. Gutzkow ist in allen Gebieten zuhause, sei es in Fragen der Medizin, der Politik oder gesellschaftlichen Fragen. Seine Protagonisten verhandeln die zeitimmanenten wie zukunftsweisenden Theorien in Gesprächen, Verhören und Beichten. Die zahllosen Nebenhandlungen verschlingen und verweben sich in die Lebenswege der Protagonisten - und erstaunlicherweise findet man sich als Leser in diesem "ideengeschichtlichen Schlachtfeld" bestens zurecht.

Jeder Handlungsstrang wird konsequent fortgeführt, und so mancher totgeglaubte Eiferer und Lebemann taucht als ebenso dämonischer wie asketischer Pater Sebastus oder als "Bruder Abtöter" wieder auf. Die Figuren verwehren sich jeder simplen Schwarzweißmalerei, keiner ist durchweg sympathisch oder unsympathisch, jeder hat seine guten und auch seine dunklen Seiten. Diese ausgearbeiteten und in ihrer Indifferenz um so glaubwürdigeren Charaktere sind eine der großen Stärken des Romans.

Es macht schlicht Spaß, den Ver- und Entwicklungen nachzugehen, die zahlreichen Anspielungen und Verweise zu ergründen, die Gutzkow immer wieder - und durchaus subtil - einbaut und der weit gespannten Reise von der tiefsten westfälischen Provinz über Hamburg, Köln und Wien bis nach Rom zu folgen, ohne dass man sich in die Niederungen des so genannten "historischen Roman" begeben muss. Und so stellt sich gar nicht die Frage, wieso man heutzutage noch einen veritablen, dreiteiligen Ziegelstein von Buch aus dem 19. Jahrhundert lesen sollte.

"Der Zauberer von Rom" war nach "Die Ritter vom Geiste" der zweite, umfangreiche Großroman Gutzkows und erschien erstmals in den Jahren 1858/1861 in Buchform, schließlich ab der vierten Ausgabe lediglich noch in einer stark gekürzten, vierbändigen Fassung. Die vorliegende, hervorragende textkritische Edition des Oktober Verlages ist ein Teil der im Entstehen begriffenen Digitalen Gesamtausgabe, die gleichzeitig als Buchversion mit CD-ROM und im Internet unter www.gutzkow.de erhältlich ist. Die CD-ROM beinhaltet neben dem Kommentar auch die Gesamtversion der Webseite zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches, man kann sich also auch offline durch die gesamte Seite des Editionsprojektes klicken. Ein Blick in die Online-Fassung sei aber immer empfohlen, denn der Kommentar der Ausgabe versteht sich als work in progress und soll online ergänzbar sein. Eine schöne Idee, umgeht man somit doch das Problem der schleichenden Veralterung und hat durch den Nachweis der Ergänzungen auch immer eine zitierfähige Version zur Hand.

Leider hat man auch hier unverständlicherweise die Seiten für den ebenso inkompatiblen wie eigenwilligen Internet Explorer optimiert, so dass der Nutzer anderer Browser oder Systeme doch das ein oder andere Mal eine etwas unpassende oder fehlerhafte Bilddarstellung erdulden muss. Schade eigentlich, das hätte man mit einfachen Mitteln besser gestalten können, immerhin - und das ist ausdrücklich zu begrüßen - stehen die Seiten auch als plattformunabhängige pdf-Dokumente zur Verfügung. Auf der CD findet sich bei oberflächlicher Betrachtung nur eine für Mac-Benutzer unbrauchbare Autostartdatei, lediglich im Hinweisdokument findet sich ein kurzer Hinweis, wie man auch auf Apple-Systemen zur gespeicherten Editionsseite auf der Disk gelangt. Auch hier wäre etwas Feinarbeit vonnöten.

Die Buchversion wird ergänzt durch einen ausführlichen Anhang, der die Vorworte zu den jeweiligen Ausgaben, einen Essay Wolfgang Raschs zur Entstehung des "Zauberers", eine literaturhistorische Einordnung von Stephan Landshuter und eine Untersuchung der Prosaformen des Romans durch Kurt Jauslin sowie ein Verzeichnis und einen Stammbaum des Romanpersonals umfasst. Erstaunlicherweise verwirrt dieser allerdings eher, als er nützt. Die wechselseitigen Verflechtungen der Figuren untereinander erschließen sich bei der Lektüre besser als der Versuch, sich in den wirren Verbindungslinien des Stammbaums zurechtzufinden.

Doch dies trübt den Blick auf eine lobenswerte Ausgabe nur unwesentlich und es gilt, einen Roman und einen Schriftsteller wiederzuentdecken, der zu Unrecht aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur verschwunden ist.


Titelbild

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. 3 Bände.
Herausgegeben von Kurt Jauslin, Stephan Landshuter, Wolfgang Rasch.
Oktober Verlag, Münster 2007.
2920 Seiten, 75,00 EUR.
ISBN-13: 9783938568248

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Stephan Landshuter: Lieber Herr Schwarz, eine kleine Bemerkung zu dem ein wenig merkwürdigen Finale Ihrer an sich schönen Rezension des "Zauberers von Rom" sei mir als Mitherausgeber erlaubt: Dass die Existenz eines Figurenschemas, ...





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