Mieses Essen, McJobs, halbverdaute Gefühle

In "Letzte Nacht" begleitet Stewart O'Nan einen Helden des Alltags an der US-Ostküste

Von Stefan MeschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Mesch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man stelle sich Romane von Stephen King vor. In denen aber, das ist neu, plötzlich nichts von dem auftaucht, was dessen Bücher für gewöhnlich vorwärts treibt: Zombies, Dämonen, arthritische Greise. Stattdessen King-Romane ohne Spannung, in denen nur die King'schen Szenerien ganz still und klar im Fokus stehen: Alltag in Neuengland, gewöhnliche Leute, Vorstadt-Lebensläufe. Die Melancholie der Provinz: Amerikanische Ängste, Konsumrituale und Popkultur. Scharf konturierte Lebenswirklichkeit, in mundgerechten, krossen Stückchen frisch serviert.

Stephen Kings Kumpel Stewart O'Nan ist der "Master of Despair". Er ist fünfzehn Jahre jünger, aber er verfügt über eine ganz ähnliche Sprache, dieselbe Heimatregion, denselben Blick auf den Alltag in Amerika. Erzählräume, in denen King Randale macht - O'Nan nutzt sie für stille, undramatische Momentaufnahmen. Ein Autor, der Geschichten schreibt, "darüber, wie wir arbeiten, leben und es durch unsere Tage schaffen, ohne, seelisch zu veröden". (King) Stilistisch simpel, das Herz am rechten Fleck, empfiehlt sich dieser narrative Kosmos durch eine Bescheidenheit in Stoffwahl, Sprache und Fokus, für die man sich im Deutschen sofort schämen würde. Unverhoffte Wendungen? Postmoderne Brüche? Im Frühwerk allenfalls.

Denn schon seit Jahren - "Letzte Nacht" ist bereits O'Nans zehnter Roman - verengen sich die Bildausschnitte. Die Szenerien werden kleiner. Die Themen konzentrierter. In der "Speed Queen", dem erfolgreichsten O'Nan-Roman in Deutschland (im Original erschienen 1997), gab es noch Serienkiller, Drogensucht, eine wahnsinnige Erzählerin, die Tapes an Stephen King schickte, mit der Bitte, aus ihrer Verbrecherkarriere einen Roman zu machen, nachdem sie, zusammen mit Freunden, die Belegschaft eines "Sonic"-Schnellrestaurants niedergemetzelt hatte: Leichen im Kühlraum, abgetrennte Finger, "ein Stück von Victors Gesicht klebte an der Softeis-Maschine".

Genau zehn Jahre später spielt "Letzte Nacht" erneut in einem Fast-Food-Restaurant. Dieses Mal in der New Britain-Filiale der Seafood-Kette "Red Lobster", gegenüber vom Einkaufszentrum und direkt an der Interstate, am letzten Werktag vor Weihnachten. Draußen schneit es. Drinnen wird eingepackt: Der Umsatz stimmt nicht, die Konzernleitung hat beschlossen, die Filiale dicht zu machen. Filialleiter Manny, ein pflichtbewusster, unbedarfter Kerl, leitet die letzte Schicht. Fast nichts passiert. Das ganze Buch beschreibt nur eine Handvoll Stunden Restaurantbetrieb. Keine größeren Zwischenfälle.

Schlimm: dass selbst ein solcher Nicht-Plot plötzlich klingt wie "Dawn of the Dead" im Schnellrestaurant, sobald ihn Elke Heidenreich durch ihren ZDF-Erhitzer jagt. In Heidenreichs Zusammenfassung wettert sie von Massenarbeitslosigkeit, Verzweiflungstätern: "Fünf werden übernommen, in den neuen Betrieb [...], die anderen 19 kommen und zerschlagen die Autofenster, zerschlitzen die Jacken, rächen sich an irgendwem für ihr jetzt so beschissenes Leben... was versaut ist! Draußen wütet ein Schneesturm und schüttet langsam die Welt zu, und drinnen zerbricht ein soziales Gefüge."

Langsam, langsam: Im Heidenreichgeplapper werden aus einem Jackenschlitzer plötzlich 19 (!), die ganze Welt stürzt aus den Fugen, Heidenhysterie. Dabei sind die "Red Lobster"-Jobs von Anfang an schon keine Arbeitsplätze, deren Verlust "ein Leben versauen" könnte. Und andersrum sind Manny und Kollegen auch gar keine Leute, für die eine Kündigung ihr Leben plötzlich "jetzt so beschissen" werden ließe. Das ist es nämlich vorher schon.

"Er tut so, als sei dies ein Abend wie jeder andere. Es ist sinnlos, zu saugen oder auch nur zu fegen, denn hier wird sowieso alles auseinander genommen. Wahrscheinlich ist es genauso sinnlos, sich wegen seiner Bestandsliste Sorgen zu machen. Er wurde ja schon herabgestuft. Die Garderobe ist leer und das Empfangspult sauber, der Dienstplan für morgen unausgefüllt." Im Präsens erzählt und auf die Beschreibung von Handgriffen, Arbeitsabläufen der Systemgastronomie konzentriert, vermittelt jeder dieser schlichten, kühlen, reportagehaften Sätze das Vergnügen, mit dem O'Nan sich seine Themenwelt zu eigen machte: O'Nan ist ein Autor, gierig nach Wirklichkeit. Und seine Prosa räumte immer schon viel Platz ein für Beschreibungen des großen, bunten Junk Food-Universums. Egal, worum es ging, fünfmal pro Kapitel gibt es Mountain Dew und Kool-Aid, Twinkies, Capt'n Crunch, Dunkin' Donuts, Tab. Insofern ist das "Red Lobster" für O'Nans Beschreibungseifer ein perfekter Handlungsrahmen.

Keine Hirnmasse im Softeis, keine Leichen im Kühlraum: ein entspanntes, souveränes Buch. Durch die bewusste Zurückgenommenheit allerdings tönt jede kleine Emotionsbeschreibung gleich zu dick, zu sentimental. Beim flüchtigsten Schwenk in Mannys Innenleben kippt es in Richtung Sozialkitsch: "Im Sturmlicht wirkt das Restaurant warm, lebendig und freundlich, wie ein Ort, wo jeder gern hingehen würde. Es sieht aus wie ein Gemälde, und er ist stolz, als wäre das sein Werk. [...] Dieser Abend bleibt ihm noch, denkt er. Dieser Tag bleibt ihm noch." Das ist schon fast zu viel Gefühl, zu rührselig, zu dick. Das wäre gar nicht nötig.

"Letzte Nacht" erzählt von jenen pflichtbewussten Mitgliedern der US-Workforce, die den Laden am Laufen halten, selbst, wenn sie vom Konzern bereits gefeuert wurden. Statt stilistischen Preziösen zeigt O'Nan die normierten Abläufe (und ein Stückweit auch die Ideologien) großer Restaurantketten. Statt Fabulieren und stilistischem Show-Off wirft "Letzte Nacht" auf 160 Seiten einen lieb gemeinten (stellenweise aber trotz allem etwas zuckrigen) Blick auf die Nöte des fleißigen Everyman.

Der große Wurf ist "Letzte Nacht" nicht. Fast alle Bücher von O'Nan der letzten Jahre wagten entschieden mehr. Psychologisch interessanter: die Frauenperspektive in "Eine gute Ehefrau" (2005). Erzählerisch komplexer: die klug verwobenen Storylines in "Halloween", (2003). Und generell das beste, größte, prallste Buch O'Nans: "Abschied von Chautauqua", ein völlig undramatisches Familienpanorama im - schon an die Makler übertragenen - halb leergeräumten Sommerhaus (2002). Das liest man mit großem Gewinn. Aber "Letzte Nacht" nur nebenbei, als Appetizer oder Absacker, das reicht.

Konsumkultur, Allerweltsrituale: Die Erzählräume Stewart O'Nans sind so dicht dran am Alltag, dass man sich manchmal fragt, wo da noch Kunst sein soll. Denn wie verflucht präzise rund und gut und klug (!) das alles läuft, wird erst ex negativo klar, wenn Epigonen (David Leavitt, Rick Moody, hierzulande Norbert Scheuer) sich an ähnlichen Szenarien verheben. An auserzähltem Alltag, berichten, close to home. "So läuft es hier. So lebt es sich. So sieht es aus bei uns."

Man könnte das "politisch" nennen oder "kritisch", "journalistisch", "affirmativ", man wird bei der Lektüre oft an Stillleben denken, an Reportagen, manchmal vielleicht an Horror, ganz egal: Man wird denken. Die ganze Zeit. So wenig auch passiert. O'Nan liest man mit angehaltenem Atem. Und knurrendem Magen.


Titelbild

Stewart O´Nan: Letzte Nacht.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel.
Mareverlag, Hamburg 2007.
160 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783866480742

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