Das Erweitern des Horizonts

Eine Anthologie mit 35 Geschichten übers Fremdsein

Von Ute EisingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ute Eisinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Titel ist ein wenig sperrig, das Titelbild irritiert aufs Erste: Ein Beduine auf Kamelrücken reitet gen Sonnenuntergang auf eine Stadt zu - offensichtlich das Abendland, Europa. Erst im Buchinneren wird erklärt, worum es sich beim "europa-lesebuch. grenzen. überschreiten" handelt:

Gemäß des Erfolges der interkulturellen Reihe "EUROPA|MORGEN|LAND" haben die Städte Mannheim und Ludwigshafen samt einiger Kulturinitiativen der Region mit dem andiamo-Verlag einen internationalen Kurzgeschichten-Wettbewerb zum Thema Migration ausgeschrieben.

Anstatt der erwarteten 200 Einsendungen sind fast 600 auf den Schreibtischen der insgesamt sechs Juroren gelandet; und nicht nur aus dem Großraum Mannheim, sondern aus ganz Mitteleuropa und auch aus Übersee. Die 35 besten Texte - viele sind Erzählungen, einige Novellen, andere Mini-Romanen ähnlich - sind in dem Buch abgedruckt.

Unter den Autoren gibt es Männer und Frauen, Zugewanderte und Einheimische, die sich über den jeweils anderen wundern - daheim oder in der Fremde. Das Thema des befremdlichen Zusammentreffens von Kulturen ist den Geschichten gleich, ebenso die Qualität der Texte: Es gibt keine schlechten darunter, jedes Mal haben - wenn auch nicht immer Profis - Menschen geschrieben, die etwas zu erzählen haben, etwas festgestellt haben oder denen etwas auf dem Herzen lag, das sie sich mit den Unterschieden zwischen Gebräuchen, Gewohnheiten und Gemütern zu erklären suchten. Und das kann nun nicht jeder gedruckte Text von sich behaupten.

Da ist von Menschen die Rede, die die Unzufriedenheit mit sich selbst auf das Missverstehen zwischen den Kulturen zurückführen, ohne Fehler bei sich zu suchen (Ursula Wiegele, Feuer im Mund). Von der Möglichkeit, mit dem fröhlichen Gastarbeiter Lebensfreude zu finden, vor deren Liederlichkeit man sich gleichzeitig fürchtet (Amaryllis Sommerer, Elsa lacht). Von Fremden, die erst im Schutz der Fremde mit sich heimisch werden können, wenn sie angestammte Dinge hinter sich gelassen und neu angefangen haben (Bille Haag, Mir fehlt das Meer). Es gibt Geschichten über Verwandte, die daheim geblieben sind und deren Schicksal einem nahe geht, weil man selbst sich vor einem solchen hatte retten können (Massum Faryar, Der Rucksack). In einem satirischen Text bezieht Jürgen Sikora Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz" auf die Situation eines Asylbewerbers heute. Christa Hofmaiers "Hirse nährt die Seele" erzählt das Zusammenprallen von afrikanischem mit deutschem Lebensgefühl am Esstisch einer gemeinsamen WG. Aus beiden Perspektiven wird eine Annäherung vollzogen, so dass man am Ende das Gefühl hat: Beide haben ihren Verständnishorizont erweitert. Das ist nicht der Fall, wenn drei kroatische Schwestern sich mit ihren Freundinnen verschwören müssen, damit sie ausgehen können, weil es ihr konservativer Vater nicht erlaubt. Die Pointe der Geschichte (Tatjana Lukaric, Die Mädchenerziehung in der Diaspora) ist, dass die Eltern ihre bis zur Unkenntlichkeit geschminkten Töchter beim Zusammentreffen in der Kölner Innenstadt dann ohnehin nicht erkennen.

Das in der Fremde Erlebte und aus der Fremde Heimgebrachte gibt zu denken auf. Manches kann aufgenommen werden, anderes wird unverstanden geliebt oder abgelehnt. Auf jeden Fall gereicht jede Kontaktnahme mit dem bisher Unbekannten allen Beteiligten zur Herausforderung, zum Anstoß, sie dazu ermunternd, das eigene Weltbild zu korrigieren.

Der Band zeitgemäßer Kurzgeschichten kann aus diesem Grund nur empfohlen werden. Leser, die ab und zu eine Fünfminuten-Geschichte suchen, sowie Pädagogen und Menschen, die als Kommunikations- und Kulturvermittler arbeiten, werden mit diesem Buch ihre Freude haben.


Titelbild

grenzen. überschreiten. Ein Europa-Lesebuch.
AndiamoVerlag, Mannheim 2008.
223 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-13: 9783936625110

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