Oben ist unten und hässlich ist schön

Walter Moers nimmt sich in "Der Schrecksenmeister" Gottfried Keller vor

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Was Robert Gernhardt kann, kann ich schon lange", mag sich Walter Moers gedacht haben, bevor er seinen jüngsten Roman schrieb. Gernhardt verpackte einst in seinem "Classic Sandwich" eigene Gedichtzeilen zwischen zwei knackigen Scheiben Eichendorff oder schrieb Ernst Jandls "Ottos Mops" mit "Annas Gans" oder "Gittis Hirsch" fort. Moers verfährt ähnlich und nimmt sich als Vorlage Gottfried Kellers "Spiegel, das Kätzchen" vor. Das natürlich nicht ohne eine geschickte Verschleierungstaktik. Denn der "Schrecksenmeister" ist, so gibt der Autor an, eine Übersetzung des gleichnamigen Schmökers des zamonischen "Dichtertitanen" Hildegunst von Mythenmetz, der den Roman "Echo, das Krätzchen" eines gewissen Gofid Letterkerl als Inspiration benutzte.

Zamonien? Hildegunst von Mythenmetz? Krätzchen und Schrecksen? Wenn Ihnen derlei Bezeichnungen gänzlich unbekannt sind, so haben sie definitiv etwas verpasst. Denn der "Schrecksenmeister" ist bereits Walter Moers' fünftes Buch über den geheimnisvollen Kontinent Zamonien mit seinen ebenso skurrilen wie amüsanten Lebewesen. Weit entfernt vom dogmatisch-heiligen Ernst der Fantasy-Szene oder infantiler Harry-Potter-Hysterie gelingt es dem Zeichner und Autor, etwa mit der "Stadt der träumenden Bücher" oder "Ensel und Krete", kluge und bisweilen scharf-satirische Geschichten mit einen Panoptikum an Figuren zu erzählen, das seinesgleichen sucht. Mit einer überbordenden Fantasie und einem erstaunlichen Tempo würzt Moers seine Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb oder holzschnittartige Abenteuerliteratur, ohne dabei den Spaß zu vergessen.

Dieses Tempo fährt er in "Der Schrecksenmeister" im Vergleich zu den anderen Romanen zwar etwas zurück, langweilig wird das Ganze allerdings auf keiner Seite. Die Story ist ebenso überschaubar wie die von Keller - dessen Anagramm Gofid Letterkerl des öfteren in Moers' Werk auftaucht: Echo, ein Krätzchen (die sprachbegabte Variante der gemeinen Katze) ist nach dem Tod seines Frauchens in Schwierigkeiten und geht auf einen Handel mit dem Schrecksenmeister Eißpin ein, der für seine Sammlung und seine Experimente das ausgekochte Fett Echos benötigt. Echo lässt sich von Eißpin auf höchstem kulinarischen Niveau verwöhnen, der Schrecksenmeister erhält nach dem Tod der Kratze zum nächsten Vollmond das Fett. Um nicht zu sterben, denkt sich das Tier so manchen Trick aus, um seinen Widersacher zu überlisten, und schlussendlich nimmt die Geschichte noch eine erstaunliche Wendung.

Doch nicht durch die Fabel wird das Buch zum Ereignis, sondern durch seine Szenerie und die deutlich zu Tage tretende Lust an der Sprache. Die Passion für Anagramme hat Moers beibehalten, auch wenn diese sich im Vergleich zu den früheren Werken wesentlich einfacher entschlüsseln lassen, von den berüchtigten "Mythenmetz'schen Abschweifungen" hätten es ruhig ein wenig mehr sein können. Auf gewohntem Niveau ersonnen sind auch wieder einmal die zahllosen originellen Nebenfiguren, der einäugige Schuhu Fjodor F. Fjodor etwa, ebenso die letzte Schreckse von Sledwaya, Izanuela Anazazi, die unsterblich in den Schrecksenmeister verliebt ist, was eine ebenso absurde wie urkomische Love Story ergibt. Doch allen die Schau stehlen die Ledermäuse, eine verschlagene Fledermausvariante, die in den oberen Teilen von Eißpins Wohnturm hausen. Sie erinnern ein wenig an den grandios ambivalenten Stollentroll aus "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" und "Ensel und Krete". "Niemand versteht die Ledermäuse" lautet ihr bizarres Credo - und man gewinnt im Laufe der Geschichte den Eindruck, sie verstehen ihr Handeln selbst auch nicht. Doch dies ist beileibe kein Schwachpunkt, im Gegenteil: immer wieder verkehren die vampirähnlichen, selbstverliebten Ledermäuse, die natürlich alle Vlad heißen, ihre wahnwitzigen Reden ins Gegenteil, so dass zu guter Letzt doch alles wieder Sinn ergibt.

Moers hat auch diesen Roman selbst illustriert, großformatige Schwarz-Weiß-Zeichnungen und die teilweise ungewöhnliche Typografie machen den Band auch optisch zu einer Besonderheit. "Wer kauft schon heutzutage ein Buch, weil es von einem harmlosen Krätzchen handelt?" fragt Hildegunst von Mythenmetz in "seinem" Nachwort, "Ich gestehe gern, dass ich es auch der Verkäuflichkeit halber ,Der Schrecksenmeister' genannt habe. [...] Geben sie es also ruhig zu, wenn sie das Buch nur wegen des Titels in die Hand genommen haben." Für alle anderen mögen die Qualität und die kurzweiligen Abstrusitäten des Buches ein Argument sein, auch diesen Zamonien-Roman zu lesen.


Titelbild

Walter Moers: Der Schrecksenmeister. Ein Mythenmetz-Roman.
Piper Verlag, München 2006.
382 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3492049370

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