Science Fiction, hausgemacht

Nick Mason porträtiert die Bandgeschichte von Pink Floyd in "Inside Out"

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Pink Floyd sind mittlerweile in weiten Kreisen übel beleumundet. Die Gigantomanie der Bühnenshows seit der Veröffentlichung des Albums "Wish you were here" (1975) und die Massen in den Stadien nahm ebenso zu wie die Zahl derer, die der einst progressiven Band kommerziellen Ausverkauf vorwarfen. Sicher war etwa "The Wall" (1979) ein gutes Album, doch war es vor allem auch eine gewaltige Selbstbeweihräucherung Roger Waters', die nur noch von dem musikalisch allerdings recht einfallslosen "The Final Cut" (1983) übertroffen wird. Zwischen den Zeilen kritisiert auch Nick Mason diese Entwicklung in seinem "persönlichen Porträt" der Band. Man merkt, dass der Drummer, der als einziger an allen Alben der Band beteiligt war, zunehmend genervt darauf reagiert, dass sich die anderen mehr und mehr in geschäftlichen Fragen und internen Querelen verstricken, als das zu tun, was sie unzweifelhaft am besten können: Musik zu machen. Mason scheut sich nicht, den Finger in die Wunden zu legen und die Probleme anzusprechen, ohne jedoch ins Jammern oder Intrigieren zu geraten.

Er gibt unumwunden zu, dass so manche Fehler gemacht wurden, vergisst aber auch nicht die guten Momente und man kann die Freude spüren, die er trotz allem immer wieder an der Zusammenarbeit mit Roger Waters, David Gilmour und Richard Wright hat. Und so sollte sich der Leser aufmachen, mit den Erzählungen Masons die Alben von Pink Floyd neu zu entdecken. Man erfährt, unter welchen Umständen die Stücke der frühen Platten wie "The Piper At The Gates Of Dawn", "A Saucerful Of Secrets" oder auch "Meddle" während der Auftritte geprobt und ausgebaut wurden, wie man versuchte, die auf der Bühne kunstvoll ausgetüftelten Ideen auch im Studio zu realisieren. Was für ein Kontrast zu den späteren Stücken, die man vor lauter Technikspielereien live nur mit zusätzlichen Musikern und Tonbandeinspielungen einigermaßen reproduzieren konnte. Was Pink Floyd musikalisch zu leisten in der Lage waren, kann man sich am besten, begleitet von atmosphärisch passenden Bildern, in den Live-Sequenzen des Films "Pink Floyd Live at Pompeii" ansehen und hören, immer noch einer der stimmigsten Konzertfilme überhaupt.

Mason breitet seine Erlebnisse ausführlich aus und gibt so manchen erstaunlichen Hintergrundbericht, ohne aber geschwätzig zu wirken. Ungewöhnlich wortkarg gibt er sich hingegen in der Sache Syd Barrett, des musikalischen Kopfes, dessen Rauswurf aus der Band aufgrund seiner drogenbedingten Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit gerade einmal in ein paar Nebensätzen erwähnt wird. Barretts Erscheinen im Studio während der Aufnahmen zu "Wish you were here" und dessen unübersehbare geistige Zerrüttung löst zwar eine gewisse Erschütterung bei Mason aus, wird dann aber nicht weiter erwähnt. Davon abgesehen ist "Inside Out" aber ein großes und überaus kurzweiliges Porträt der Band in all ihren Höhen und Tiefen. Mason erscheint innerhalb der Querelen zwischen Waters und Gilmour wie ein stoischer Ruhepool, der alles aussitzt und mit seiner Gelassenheit beinahe das verbindende Element innerhalb der Band ausmacht. Er schildert die knapp vierzig Jahre mit einem lakonischen und gelegentlich äußerst amüsanten Plauderton, würzt das Ganze mit wohldosierten Anekdoten und einer großen Portion Selbstironie. Ist es nicht schön zu hören, dass sich der Schlagzeuger einer "Superband" wie Pink Floyd vor einer Tournee erst mal ein paar Wochen Bedenkzeit ausbittet - nicht etwa, um seine Gage hochzutreiben, sondern weil er entsetzt ist, dass die anderen Bandmitglieder um so viel besser in Übung sind als er selbst. Und so verfolgt man mit einem Schmunzeln, dass Mason sich erst mal ein tägliches Training an den drums verordnet, bevor er wieder mit den anderen dreien zusammenkommt.

Abgerundet wird das Buch durch zahlreiche Fotos, die zum größten Teil aus dem bislang unveröffentlichten Privatarchiv Masons stammen, einem informativen Register und einer kuriosen Zeittafel, die dem Leser nicht verheimlicht, dass am 15. Februar 1971 die Dezimalwährung in England eingeführt wurde oder 1978 nicht nur das Jahr war, in dem sich Mason seinen Ferrari 250 GTO gekauft hat, sondern auch das, in dem das Spiel "Space Invaders" erschien. Eine Diskografie findet sich erstaunlicherweise nicht, die Erscheinungsdaten der Alben sind in eben jener Zeittafel integriert. Schade eigentlich, denn es lohnt sich, die eine oder andere Platte mal wieder aufzulegen und zu hören, was Pink Floyd eigentlich ausmacht.


Titelbild

Nick Mason: Inside Out. Mein persönliches Porträt von Pink Floyd.
Rockbuch Verlag, schlüchtern 2007.
416 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783927638396

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