Die Erhabenheit der Alpen

Über Beatrice Wehrlis "Wenn die Sirenen schweigen"

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einen nicht ganz üblichen aber eigentlich naheliegenden Weg hat Beatrice Wehrli zur Untersuchung des Erhabenen bei Kant und Schiller beschritten: Weg vom Schreibtisch, ab ins Gebirge, dorthin, worüber andere, wie eben der Königsberger Transzendentalphilosoph, nur geschrieben haben. Sie lädt die Lesenden ein, an einem "Spaziergang" teilzuhaben, der nicht nur über Berge und Täler führt, sondern auch durch die Vernunftgeschichte, "die sich unübersehbar mit der Geschlechtergeschichte" verschränke. Was die Autorin einen Spaziergang nennt, entpuppt sich bald als nicht immer leichter Marsch. Doch machen die gelungenen Verknüpfungen der theoretischen Analysen mit den Beschreibungen ihres Aufenthaltes in den Alpen das Buch weitgehend gut und angenehm lesbar. Dabei schreibt Wehrli von sich selbst in dritter Person, wenn sie die Arbeit an ihrer Untersuchung schildert, oder die Diskussionen und Auseinandersetzungen mit ihrem Begleiter und Lebensgefährten. Zudem beschreibt sie in ästhetisierendem Stil zum Beispiel die Schönheit eines Morgens, an dem der Nebel eine Schlange bildet und sich mit den Wolken vermählt. So gelingt es ihr, Atmosphäre zu schaffen, und gelegentlich ist sie sogar witzig: "Der Körper braucht Bewegung, das viele Sitzen bringt ihn um den Verstand", schreibt sie nach einer langen Sitzung am Laptop.

Bevor sie sich jedoch auf den Weg in die Alpen und an die Untersuchung des Erhabenen begibt, widmet sie sich im ersten Teil des dreiteiligen Buches dem Mythos des den Sirenen unbehelligt lauschenden Odysseus. Kafkas "Parodie" regte zum Titel des Buches an: "Wenn die Sirenen schweigen". Ihre Interpretation des Mythos sieht sie den gender studies verpflichtet, deren "kritische Aufgabe" darin bestehe, "Strategien der subversiven Wiederholung" zu entwickeln, um "Geltendes gleichsam transdisziplinär zu unterlaufen". Gegen das "universale Vernunftprinzip" müsse "weibliche Theoriearbeit" von einem "alternativen humanistischen Konzept" ausgehen. Termini und Vorstellungen, die sich aus der Annahme "autarker Individualität" ableiten, seien hingegen ungeeignet. Hiermit ist ihr methodisches Instrumentarium ebenso wie ihr Anliegen umrissen - und auch schon erste Kritik notwendig. Zunächst einmal klingt die wiederholte Rede von der "weiblichen" Theorie verdächtig nach obsoletem Geschlechteressentialismus. Und die Autorin unternimmt es an keiner Stelle, diesem Verdacht entgegenzuwirken. Wenn sie darüber hinaus, das "universale Vernunftprinzip" als "gewalttätige Herrschaft des Geistes" denunziert, "die sich in der Perfektion ihres Systems unangreifbar" mache, ist sie auf dem besten Wege, sich einen Pappkameraden zu schaffen, auf den sich trefflich einschlagen lässt.

Ihre Analyse des Mythos der Sirenen und des "listenreichen und skrupellosen" Odysseus, krankt daran, dass der vermeintliche "Held und Dramaturg der Geschichte" sich im Mythos tatsächlich weder als listenreich erweist, noch als derjenige, der den Gang der Ereignisse bestimmt. Eine Frau war es vielmehr, die dem Ratlosen sagte, was zu tun sei, um ungeschoren die Sirenen zu passieren und dennoch ihren Gesang zu vernehmen: Kirke. Odysseus ist nicht viel mehr als eine Marionette in ihren Händen. "Verklebe die Ohren der Freunde / mit geschmolzenem Wachs der Honigscheibe" flüstert sie ihm im 12. Gesang der Odyssee ein und weiß auch eine Möglichkeit, wie er selbst den Gesang hören kann, ohne sein Opfer zu werden: "Dann binde man Dich an Händen und Füßen im Schiffe, / Aufrecht stehend am Maste, mit fest umschlungenen Seilen".

Im zweiten Teil verschränken sich Reflexionen zur Vernunft- und Geschlechtergeschichte mit der Freude an der Bergwelt, die immer wieder dazu angetan ist, die Gedanken auf ganz andere Wege zu leiten. Kein Buch also, dem ein stringenter Entwicklungsgang das höchste Gut wäre. Im Zentrum der theoretischen Erörterung steht die Erhabenheitsphilosophie Schillers, die von Überlegungen zu derjenigen Kants begleitet wird. Dabei werden immer mal wieder kleinere Abstecher in andere Gebiete der Philosophien beider Aufklärer unternommen. Kant, den sie vorwiegend aus ihrem "Lieblingsbuch", "Das Andere der Vernunft" von den Brüdern Böhme zu kennen scheint, wird sie allerdings nur selten gerecht. Wenn sie etwa schreibt, er habe vorgehabt, "den Menschen aus der Knechtschaft" seines "eigenen Körpers" zu befreien, so dürfte man vergeblich nach einer einschlägigen Stelle im Œuvre Kants suchen. Ebenfalls irrig ist die Annahme, seine Transzendentalphilosophie sei einem "Omnipotenzanspruch und Vollkommenheitswahn" erlegen gewesen. Beginnt doch die "Kritik der reinen Vernunft" mit dem Satz "Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal [...], daß sie durch Fragen belästigt wird, [...] die sie [...] nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft." Und auf den folgenden 700 Seiten ist Kant nicht zuletzt gerade damit befasst, die Grenzen der Vernunft aufzuzeigen.

Ähnlich vehement wie gegen Kant, den sie gerne "das gepuderte Männchen" nennt, wendet sich die Autorin sonst nur noch gegen Jacques Lacan. Obwohl dessen "maskulinistische Theorien" "von höchster Schlauheit" seien, bringt sie für deren Anhängerinnen nicht das geringste Verständnis auf: "Nein wirklich, wie all diese Psychologinnen in Wissenschaft und Praxis so widerstandslos in diesen Meisterdiskurs einstimmen, das kann sie nicht verstehen. Haben die denn keinen Körper, der ihr Denken korrigiert?"

Was nun die Theorie des Erhabenen anbetrifft, so schlägt sie einen gewagt kurzen Bogen von Kant und Schiller zurück zu Pseudo-Longinus, der allerdings genau genommen gar nicht über das Erhabene schrieb, sondern über die "Höhe", wie "Hypsos" wörtlich zu übersetzen ist. Gemeint war der Hohe Sinn der Dichter, auf die der antike Autor sich ausschließlich bezog. Hier besteht zwar eine gewisse Affinität zu Schillers Theorie des Erhaben, jedoch wohl kaum zu derjenigen Kants.

Doch Wehrlis Hauptaugenmerk gilt nicht Kant, sondern Schiller, mit dem sie ganz offensichtlich wesentlich vertrauter ist. Ihrem Begleiter gegenüber behauptet sie, die Begrifflichkeit der in Schillers Erhabenheitstheorie allgegenwärtigen Vernünftigkeit könne nicht verbergen, dass ihr eine "uneingestandene Geschlechtermetaphysik" zugrunde liege. Der meint, das müsse sie ihm aber beweisen. "Das wird' ich auch, meint sie kampflustig". Und sie tut es! Wenngleich nicht ganz klar werden will, wieso es gleich eine "Metaphysik der Geschlechter" sein muss, und es nicht einfach das Geschlechterverhältnis ist oder das Geschlechterverständnis, das sich uneingestanden Bahn bricht in Schillers Terminologie vom "Männlichen" oder "Weiblichen". Wehrli zeigt am Beispiel von Schillers Erhabenheits-Theorie die versteckte "doppelte Kodiertheit" der Begriffe der "patriarchalen Vernunftgeschichte", die diese "zu ihren Gunsten ausbeutet" und deren Perpetuierung bis in die Gegenwart andauere. In Schillers "Metaphysik der menschlichen Vermögen" findet sie eine "nur mühsam verborgene Geschlechter-Ontologie", deren eigentlicher Gegner die Begierde sei. Sie sitze "in der eigenen Brust", werde jedoch auf 'die Frau' projiziert. Hierzu werde sich nicht zuletzt die Kunst zunutze gemacht. Schillers Ästhetik "(re)produziert jene 'Weiblichkeit', der sich das Konstrukt immer schon" verdanke. In dieser petitio prinzipii bestehe die "List der Geschlechtermetaphysik", die bis heute wirke und sich "im ästhetischen Schock der Postmoderne" wiederfinde. So werde das Erhabene für die Sprachspiele postmoderner Theoretiker herangezogen, um den gleichen geschlechtermetaphysischen Effekt zu erzielen. Als Kronzeuge dient ihr Jean-François Lyotard. Ihr lapidares Fazit lautet: "In der Erhabenheitsästhetik stellt die männliche Geschichte jene Power-Droge bereit, die bis heute ihre Wirkung tut."

Im dritten Teil schließlich wendet sich Wehrli dem aktuellen gender-Diskurs zu, namentlich Judith Butler, die sie für ihre Auseinandersetzung mit Lacan schilt, dessen Theorien ihr offenbar nicht einmal den Versuch der Widerlegung wert sind. Butler hätte mit der in "Gender Trouble" propagierten Parodie Ernst machen und dem "altehrwürdigen Wissenschaftsdiskurs" den Rücken kehren sollen, "statt sich in 'Bodies that matter' in akribischem Diskurs wohlvertrauten Stils mit Lacan anzulegen. Sie werde so zum Opfer einer Theorie, die den Gewinner zum Verlierer" mache. Nur jenseits des Wissenschaftsdiskurses sieht sie die Möglichkeit, "nicht in dieser endlosen Kette von Kommentaren bzw. Signifikanten zu verkommen." Daher steht ihr nachdrücklich betonter Entschluss fest: "Nein, wir ziehen es vor, uns umzuschauen in den eigenen Reihen, nicht weil wir dort die Wahrheit vermuten, aber deren Parodie".

Was sie bei Butler einklagt, hat sie in Elfriede Jelineks "Das im Prinzip sinnlose Beschreiben von Landschaften" gefunden, jenem kurzen Text von 1980, in dem eine Frau berichtet, wie ihr Mann, ein Boxer, in den Alpen seinen Beruf an ihr ausübt. Jelinek betreibe "Strategien subversiver Rhetorik", und eröffne auf dem "Terrain poetischer Inszenierung ihr eigenes, gender-bewußtes Spielfeld". Ihr gelinge, woran Derridas Dekonstruktivismus scheitere. Wenn er die phallogozentrische Metaphysik dekonstruieren wolle, so rekonstruiere er sie zugleich auch immer. "Anders Jelinek. Ihr Sprachspiel wendet die (männliche) Vernunftgeschichte mit ihrer jüngsten Tochter, der Ästhetik, so lange gegen sich selbst, bis die ihr inhärente Gewalt aus allen Fugen und (Ver)fügungen kracht." Die österreichische Autorin, fasst Wehrli zusammen, "destruiert schonungslos und konstruiert genau." Wohl wahr!

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Beatrice Wehrli: Wenn die Sirenen schweigen. Gender studies. Intertext im Kontext.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1998.
122 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3826016505

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