Opa, hör nicht auf, vom Krieg zu erzählen

Constantin Gilles' Roman über und für die "Generation C64"

Von Stefan HöltgenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höltgen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nicht wenige von uns, der Generation der 35- bis 40-Jährigen, hängen in der Vergangenheit fest. Seit einigen Jahren befeuert uns die Kulturindustrie mit einem Trend, der sich "Retro" nennt und es auf die Reanimation der Kultur zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren abgesehen hat. Re(tro)animiert wird so ziemlich alles: Mode, Musik, Architektur, Design und Technik. Für Frauen ist es wieder chic, Stulpen über den Schuhen und riesige Reifen an den Ohren zu tragen, Männer entdecken den Charme des VW Golf II wieder. Eine der produktivsten Re(tro)animationen findet allerdings auf dem Gebiet der Computer-Technologie statt: Mittlerweile gibt es nicht nur Software-Emulationen jedes 8- und 16-Bit-Computers, jeder Konsole und jedes Spielhallen-Automaten für den heimischen PC, so dass sich die alten Spiele von damals wieder spielen lassen. Auch die Hardware selbst drängt zurück auf den Markt als Nachbau - etwa ein C64-Emulator in Form eines "Competition-Pro-Joysticks" mit einem Dutzend Homecomputer-Spielklassikern darauf oder sogar als Original: Keller und Dachböden werden entrümpelt und die noch funktionierende Original-Hardware auf Flohmärkten und bei Ebay zu beachtlichen Preisen verkauft.

"Extraleben", der erste Roman von Constantin Gillies, stellt zwei Thirtysomethings, Kee und Nick (benannt nach ihren Hackernamen von damals) vor, die diese Retro-Mode nicht interessiert - und zwar deshalb, weil sie sich selbst zu den Artefakten der wiederbelebten Jahrzehnte zählen. Beide können ein abgebrochenes Studium, einen langweiligen Assistenz-Job bei einem Lifestyle-Magazin und ein ungeheueres Wissen über die Computertechnik und -kultur der 1970er- und 1980er-Jahre vorweisen. Oft treffen sie sich nach Feierabend um miteinander oder gegeneinander Computer zu spielen und sich gegenseitig an ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Doch alle Geschichten haben sie sich mindestens schon ein mal erzählt. Sie hängen emotional im Gestern fest, lehnen das Heute jedoch weitgehend als inauthentisch ab. Erste Abnutzungserscheinungen ihrer Freundschaft machen sich langsam bemerkbar. Sowohl Nick als auch Kee ist klar, dass es für sie langsam Zeit wird, aus der Vergangenheit zurückzukehren: "Vielleicht haben wir lange genug Geister verfolgt."

Wie schon oft zuvor beschließen beide einen Urlaub zu zweit, eine Fahrt quer durch die USA, und beide ahnen, dass es vielleicht die letzte gemeinsame Reise sein wird. Doch etwas ist anders: Dieses Mal haben Nick und Gee ein Ziel. In einem alten Spiel haben sie eine vermeintlich geheime Botschaft entdeckt, einen Hinweis, der sie zu einer ominösen Firma namens Datacorp führen soll. Zwar glauben beide nicht so recht, dass dahinter wirklich etwas steckt, doch mit einer Agenda im Gepäck reist es sich spannender. Vor Ort angekommen finden sie mehr und mehr seltsame Hinweise, die sie bis an die Westküste der USA führen. Der finale Tipp jedoch stellt sie vor eine Entscheidung. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihre Reise und die Schnitzeljagd auch noch als Spaß interpretierbar. Doch als Kee die Koordinaten eines angeblichen Datacorp-Stützpunktes weit ab von der Urlaubsroute entdeckt, steht die gemeinsame Weiterreise auf dem Spiel.

Die Erzählung von "Extraleben", das, was der Roman an Plot bietet, ist recht übersichtlich: Zwei junge Männer auf einer obskuren Schnitzeljagd, an deren Ende sie eine über 20 Jahre alte Verschwörung aufdecken wollen, reisen quer durch die USA. Aber der Plot, das merkt man schon nach zwei Seiten Lektüre, ist es gar nicht, worum es Gillies in "Extraleben" geht. Der Roman versucht vielmehr eine Art Mentalitätsstudie der Generation, der die beiden Protagonisten angehören. Was ist übrig geblieben aus der Zeit ihrer Jugend? Woher stammt diese Melancholie, mit der alles Damalige - selbst Schreckliches wie der Kalte Krieg - verklärt wird? Und wie soll sich ein nicht mehr junger, aber eben auch noch nicht alter Mensch heute orientieren, wenn er so sehr auf das Damals fixiert ist? Diese Fragen sind es, die Kee und Nick während ihrer Reise innerlich bewegen, die sie jedoch nie offen stellen. Anstelle dessen üben sie sich darin, ihre Retro-Faszination aktiv auszuleben und damit einmal mehr zu zeigen, wie verzweifelt sie eigentlich in ihrer Gegenwart sind.

Es soll jedoch keineswegs der Eindruck entstehen, in "Extraleben" würde mit einer Generation (der Computer-Kid-Generation) abgerechnet. Das Gegenteil ist vielmehr richtig: Gillies schreibt über und für die Nerds und Geeks von damals. Er kritisiert die Lebenshaltung nur dort, wo sie unaufrichtig, wo sie gespielt ist, dort, wo das Retro sich um seiner selbst feiert. Nick und Kee sind in der US-amerikanischen Kultur, die Umberto Eco einmal "das Reich der Hyperrealität" genannt hat, vielleicht sogar authentisch. Gillies versucht seine Leser mit seinen Figuren zu verbünden. Das erreicht er, indem er sie zu keiner Zeit zu extrem zeichnet. Aber auch, indem er ihre Gespräche und Gedanken so kodiert, dass eigentlich nur derjenige alles verstehen kann, der damals selbst dabei gewesen ist. Zwar hält er die Weitergabe der popkulturellen Kürzel nicht konsequent durch (so glaubt er, seinen Leser erklären zu müssen, dass Jonathan Frakes der Commander Riker der Enterprise gewesen ist oder erklärt, was es mit der Abkürzung OCP aus Robocop auf sich hat), doch dort, wo Gillies ins Detail, vor allem ins technische Detail geht, wird ganz schnell klar, dass er ein genaues Bild von seiner Leserschaft hat.

Der Rezensent gehört dazu. Der CSW-Verlag, in dessen "Edition Digitalkultur" der Roman erschienen ist, hat sich seit einigen Jahren auf Leser wie mich spezialisiert, die ihre Jugend ebenfalls vor den kleinen grauen Kästen verbracht haben und auch heute noch davon schwärmen und vielleicht sogar noch einen Atari-XL- oder Sinclair-Spectrum-Heimcomputer betriebsbereit herumstehen haben. Für diese Leser ist "Extraleben" auf gewisse Weise heilsam, weil er seinen Helden die Möglichkeit der Weiterentwicklung einräumt, ihnen zeigt, dass auch in der Zukunft eine Vergangenheit, die nicht vorrangig dem Berufs- und Broterwerb gedient hat (und welche Computerspiel-Jugend hätte das schon?), nützlich sein kann. Ganz einfach, weil es ein Sediment in der Kulturgeschichte war, das etwas ganz Individuelles hervorgebracht hat. Diese Erkenntnis transportiert der Roman. Auf einer der letzten Seiten lässt er seinen Erzähler Kee hoffen, auf dem richtigen Weg zu sein: "Auf dem Weg in eine Zukunft, die zum ersten Mal nicht in der Vergangenheit liegt und deren Helden nicht still und leise schon vor Jahren gegangen sind."


Titelbild

Constantin Gilles: Extraleben. Der Abenteuerroman für die Generation Commodore 64.
CSW-Verlag, Winnenden 2008.
346 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783981141757

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