Pius XII. - Schweiger oder Wohltäter?

Hubert Wolf über neue Funde im vatikanischen Archiv

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor 75 Jahren, am 20. Juli 1933, vereinbarte Hitler mit dem Vatikan das so genannte Reichskonkordat, in dem das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und der römisch-katholischen Kirche geregelt wurde. Bis heute ist allerdings umstritten, ob der Weg dahin durch die Zustimmung des katholischen Zentrums zum Ermächtigungsgesetz am 24. März 1933 und durch die Rücknahme der Verurteilung des Nationalsozialismus durch die deutschen Bischöfe wenige Tage später geebnet wurde. Die Zustimmung des Zentrums hatte den Nazis die notwendige Zweidrittelmehrheit verschafft, um die Diktatur auf mehr oder weniger legalem Wege zu errichten, und die Bischöfe wiederum hatten zwar ab dem 30. September 1930, einer nach dem anderen, die prinzipielle Unvereinbarkeit von Katholizismus und Nationalsozialismus erklärt. Nach Hitlers Regierungserklärung am 28. März 1933 glaubten sie jedoch, in die neue Regierung "Vertrauen hegen zu können."

Nicht wenigen galt und gilt noch heute das Konkordat als ein Pakt des Papstes mit dem Teufel schlechthin - ein Vertrag, der immerhin während des "Dritten Reiches" die Seelsorge und den Bestand der katholischen Kirche garantierte. Diese Rechnung scheint in seelsorgerlicher Hinsicht aufgegangen zu sein. Konnte sich doch die Kirche als einzige Institution im "Dritten Reich" der Gleichschaltung weitgehend entziehen. Ohnehin war Papst Pius XI. nach eigenen Aussagen bereit, um eine einzige Seele zu retten, "sogar mit dem Teufel in Person zu verhandeln", wie er es während seiner Amtszeit von 1922 bis 1939 mehrfach getan hat und zwar mit Personen, die oftmals für die Inkarnationen des Bösen gehalten werden, mit Mussolini, Hitler und Stalin.

Fraglich ist freilich, ob die katholische Geistlichkeit ihrem Anspruch, Anwalt aller Menschen als Ebenbilder Gottes zu sein, jetzt noch gerecht wurde und ob sie mit einem staatlichen Partner einen völkerrechtlich bindenden Vertrag abschließen durfte, wenn sie prinzipiell von dessen Legitimität nicht überzeugt war? Wollte Pius XI. am Ende den Teufel mit dem Belzebub austreiben? Oder gingen gar traditioneller kirchlicher Antijudaismus und moderner Rassenantisemitismus indirekt eine unheilige Allianz ein? War der Preis, den der Vatikan für Hitlers Entgegenkommen ihm gegenüber seit 1933 zu zahlen hatte, womöglich sein Schweigen zur Judenverfolgung? Brisante Fragen, die der an der Universität Münster lehrende Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seiner spannend zu lesenden Studie "Papst und Teufel - Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich" einem breiten Publikum stellt. Nicht von ungefähr, denn nach fast siebzig Jahren wurden endlich wichtige Akten für die Zeit bis 1939 freigegeben, so dass nun viele, aber bei weitem nicht alle ungeklärten Fragen beantwortet werden können. Schließlich seien nach wie vor manche Zusammenhänge nicht endgültig geklärt, so dass es für Historiker nicht möglich sei, meint Wolf, eine Gesamtdarstellung zum Verhältnis von Vatikan und Nationalsozialismus oder gar eine abschließende Biografie der beiden Pius-Päpste vorzulegen. Dafür würden noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte intensiver Arbeit in den Archiven notwendig sein. Die Zielsetzung seines Buches sei daher wesentlich bescheidener und konzentriere sich in erster Linie auf eine historische Rekonstruktion der "view from Rome" auf Deutschland zwischen 1917 und 1939.

Hubert Wolf erzählt von vatikanischen Diagnosen und Rezepten für Deutschland von 1917 bis 1929, von Philosemiten und Antisemiten, von geschmeidigen Diplomaten und dogmatischen Fundamentalisten, von selbstbewussten Bischöfen und mächtigen Kardinälen, die in und außerhalb von Rom um den richtigen Umgang mit den Mächten der Moderne rangen, mit kirchenfeindlichen Strömungen wie Liberalismus, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus, die allesamt in den Augen des Papstes und der katholischen Kirche mit der Radikalisierung alter und neuer Nationalismen, mit sozialdarwinistischer Rassenlehre und biologistischem Antisemitismus den antikirchlichen Zeitgeist verkörperten sowie die ewigen göttlichen Wahrheiten in Frage stellten, die Jesus Christus geoffenbart hat und als deren Garant in der Welt die katholische Kirche und der Papst als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus betrachtet werden. Ausführlich legt der Autor dar, dass die politische Zentrale des Vatikans über alles auf dem Laufenden bleiben wollte - nicht nur in Italien - und auch bei den in Deutschland lebenden Katholiken auf eine strikte Unterordnung der Laien unter Papst und Bischöfe bedacht war.

Pacelli wurde folglich während seiner Nuntiaturzeit in Deutschland zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber dem Reformkatholizismus angetrieben, da man diese für eine deutsche Spielart des Modernismus hielt. Harsche Kritik am linken Flügel der Zentrumspartei übte Pacelli, der im übrigen der Meinung war, dass die Bischöfe nichts anderes als päpstliche Oberministranten seien, die nur auf ausdrückliche Weisung des Papstes handeln sollten. Das Thema Antisemitismus spielte dagegen in Pacellis Nuntiaturberichten offenbar nur eine geringe Rolle. Doch sei er stärker mit den Umtrieben des deutschen Protestantismus befasst gewesen als mit der Beobachtung jüdischer Gemeinden, schreibt Wolf.

Wie sich anhand einer 2003 im vatikanischen Archiv aufgefundenen Akte jetzt genau rekonstruieren lässt, waren die Qualifizierung des auserwählten Gottesvolkes Israel als "perfide Juden" ("Oremus et pro perfidis Judaeis" - "lasset uns auch beten für die treulosen Juden") in der Karfreitagsliturgie und das grundsätzliche Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum wie zum Antisemitismus, in den 1920er-Jahren Ausgangspunkt eines heftigen Konflikts in der Kurie gewesen. Die 1926 gegründete Gruppe Amici Israel hatte nämlich die Gefahr einer ideologischen Vereinnahmung der Rede von den perfiden Juden durch die Rassenideologen im Sinne eines liturgischen Antisemitismus erkannt und daher Anfang Februar 1928 von Pius XI. Verzicht auf judenfeindlich klingende Elemente in der katholischen Liturgie verlangt. Immerhin konnten die Rede von den perfiden Juden als starkes Argument für einen katholischen Antisemitismus verwendet und damit der Kirche liturgischer Antisemitismus unterstellt werden.

Abt Ildefons Schuster beispielsweise sprach sich für eine Reform der Karfreitagsfürbitte für die Juden aus und musste diesem "Irrtum" im Heiligen Offizium später wieder abschwören, denn der Chef des Heiligen Offiziums, Raffael Merry del Val, wies jegliche Reform der Liturgie vehement zurück, nicht zuletzt deshalb, weil in zahlreichen Kreisen der Römischen Kurie nach wie vor eine große Skepsis gegenüber der Moderne bestand, zu deren Exponenten für manche in Rom auch die wirtschaftlich und politisch erfolgreichen Juden gehörten, während Antimodernisten im Vatikan die Katholiken als die großen Verlierer der Modernisierungsprozesse der Neuzeit einstuften und wie Kardinal Merry del Val in den Amici Israel sogar die fünfte Kolone einer jüdischen Weltverschwörung vermuteten. Papst Pius XI. habe in seinem Aufhebungsdekret von Amici Israel dann sogar das Kunststück fertig gebracht, so Wolf, diese philosemitische Vereinigung zu verbieten und gleichzeitig den allgemeinen Antisemitismus zu verurteilen.

Wahrlich keine heroische Tat des Papstes gegen den Antisemitismus, befindet der Kirchenhistoriker Wolf. Im Gegenteil, ein Armutszeugnis, denn leicht sei es, den Judenhass bei anderen zu verurteilen, das eigene antisemitische Verhalten in der Liturgie aber nicht zu ändern. Damit habe Pius XI. eine große Chance vertan. "Jahrzehnte mussten vergehen, mehr als sechs Millionen Juden ermordet werden, bis die Kirche den Mut finden sollte, ihr Verhältnis zu den Juden auch liturgisch vom Antisemitismus zu reinigen. Dabei hätte eine weltweite Änderung der katholischen Liturgie vielleicht mehr Wirkung gehabt als jede spätere Rassismus-Enzyklika, wie sie der Papst 1938 plante, oder weitere päpstliche Kundgebungen gegen den Antisemitismus."

Nachdem der braune Spuk vorüber war, werkelte und besserte man unter dem Pacelli-Papst an der anstößigen Formulierung noch ein wenig herum, aber erst durch Johannes XXIII. (1958-1963) und das Zweite Vatikanische Konzil erfolgte ein entscheidender Reformschritt. Im Heiligen Jahr 2000 hat Johannes Paul II. in seinem großen Schuldbekenntnis auch um Verzeihung gebeten für die Sünden, die nicht wenige Katholiken gegen Juden begangen haben. Aber damit sei das Ende der Geschichte, so Wolf, noch keineswegs erzählt, versuchte doch der jetzige Papst Benedikt XVI. der vorkonziliaren Liturgie kürzlich wieder Geltung zu verschaffen und war erst nach deutlicher Kritik, nicht nur von jüdischer Seite aus, bereit, für die lateinische Karfreitagsfürbitte eine Kompromissformel zu formulieren, die die anstößigsten Stellen vermied, aber keineswegs für alle Beteiligten zufriedenstellend ausfiel. Die Diskussionen um das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum dürften dadurch nicht einfacher geworden sein, konstatiert Wolf lakonisch.

Doch zurück zur Hitlerzeit. Pius XI. - das steht mittlerweile fest - war im letzten Jahr seines Pontifikats entschlossen, entschiedener als bislang gegen den Nationalsozialismus vorzugehen. Doch bevor er seine öffentliche Generalabrechnung mit dem Faschismus, verpackt in eine Ansprache an die Bischöfe, halten konnte, verstarb er, und sein Nachfolger Pius XII. hatte dann nichts Eiligeres zu tun, als die bereits gedruckten Exemplare der Rede vernichten zu lassen.

Obwohl Mussolini zu guter Letzt an kirchliche Sanktionen gegen Hitler gedacht haben soll, finden sich von der Einleitung eines Exkommunikations-Verfahrens gegen Hitler in den Vatikanischen Archiven keinerlei Spuren. Die Beugestrafe des Kirchenbanns kam für einen Reichskanzler als staatliche Obrigkeit schlicht nicht in Frage. Hitler blieb bis zu seinem Tod Mitglied der katholischen Kirche. "Auch ein Teufel konnte wie der Papst katholisch sein", resümiert der Autor.

Und wie wurde und wird nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes das Verhalten des Papstes zu Hitler und seinem Regime bewertet? Für die einen wie John Cornwell und Rolf Hochhuth war Pius XII, der 1939 den Stuhl Petri bestiegen hatte, der "Papst, der geschwiegen hat", für andere wie Pinchas Lapide der "größte jemals lebende Wohltäter des jüdischen Volkes".

Das letzte Wort über das Verhalten von Pius XII. in der Zeit des Nationalsozialismus ist offensichtlich noch lange nicht gesprochen.


Titelbild

Hubert Wolf: Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich.
Verlag C. H. Beck, München 2008.
360 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783406630903

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