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Zwei der bedeutendsten literarischen Werke Lou Andreas-Salomés neu herausgegeben

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

War zuletzt der Deutsche Taschenbuch Verlag mit Neuausgaben mehrerer Bücher Lou Andreas-Salomés hervorgetreten - unter ihnen nicht nur die beiden Romane "Aus fremder Seele" und "Im Kampf um Gott", sondern auch der vom Wallstein Verlag übernommene Briefwechsel mit Anna Freud - so folgt ihm nun die MedienEdition Welch mit zwei weiteren literarischen Werken der Autorin: der Erzählung "Ruth" und den literarischen "Drei Briefe[n] an einen Knaben".

Verlagsinhaberin Ursula Welch ist Salomé schon seit längerem als Mitautorin zweier Biografien der vielfältigen Autorin verbunden, die nicht nur als Literatin, Essayistin und Wissenschafterin reüssierte, sondern auch als Psychoanalytikerin. 2006 erschien eine von Welsch gemeinsam mit Dorothee Pfeiffer - der Tochter von Ernst Pfeiffer, dem letzten Vertrauten Salomés - verfasste "Bildbiographie". Welschs erste Salomé-Biografie ist jedoch schon zwanzig Jahre alt. 1988 wurde sie unter dem Titel "Wie ich dich liebe, Rätselleben" auf den Markt gebracht und 2002 in veränderter Form neu aufgelegt. Mitautorin ist diesmal Michaela Wiesner-Bangard. Sie ist es auch, die nun Salomés Erzählung "Ruth" neu herausgab und mit einem Nachwort versah. "Keines" von Salomés "anderen literarischen Werke[n]", hebt sie dort hervor, "ist so offensichtlich (und auch von ihr eingestanden) auf das Engste mit ihrer eigenen Biographie verknüpft". Dies, insbesondere aber "die Schilderung des entscheidendsten Abschnitts ihrer Jugend", mache die Erzählung zu einem "Schlüsselwerk im Schaffen" der Autorin. Dem dürfte wohl so sein. Doch auch ganz unabhängig von solch biographischen Erwägungen empfiehlt sich die Erzählung auch heute noch der Lektüre.

Der Text der vorliegenden Ausgabe folgt der 1895 erschienenen Erstausgabe, da diese "dem Originalmanuskript am nächsten" komme. Die Titelheldin, eine Waise, lebt zu Beginn der Handlung bei nahen Verwandten. Bereits sechzehn Jahre alt, wirkt sie gleichwohl jünger. Der noch "zarte Ansatz" ihrer Brust verleiht ihr zudem "etwas sonderbar Knabenhaftes". Zwar verbirgt sie sich gerne, "wie eines jener kleinen Insekten, welche zum Schutz vor feindlichen Mächten die Farbe des Holzes oder des Laubes annehmen, auf dem sie sitzen". Doch wenn das heranwachsende Mädchen im Kreise ihrer Mitschülerinnen lacht, so klingt ihr Gelächter wie das eines "mutwillig lachende[n] Junge[n]" hervor. Dies weckt das Interesse ihres von der ErzählerIn ebenfalls beim Vornamen genannten Lehrers Erik, der die Schülerinnen belauscht und das Mädchen mit dem Jungenlachen bald bei sich zuhause aufnimmt, sich in sie verliebt und sie darum nach nicht allzu langer Zeit an ein weit entfernt lebendes befreundetes Ehepaar weitergibt.

Zuvor aber hat er die Persönlichkeit des ihn anbetenden Mädchens völlig ausgelöscht. "Sie empfand, dachte und handelte nur noch wie aus seinem Wesen heraus." Man könnte von dem Ergebnis einer Gehirnwäsche sprechen, wenn diese Haltung nicht schon in ihr angelegt gewesen wäre.

Klingt in Ruths Wesen manch Knabenhaftes an, so in dem von Eriks Sohn Jonas manch Mädchenhaftes. Bel, Eriks gelähmte Frau, erkennt dies und sie mag es. So klagt sie bei ihrem Mann, der Sohn könne doch "fast wie eine Tochter sein, Erik, wenn Du nur wolltest." Das ist allerdings eine Vorstellung die diesem ganz und gar nicht gefällt. "Daß er wie eine Tochter ist?" empört er sich. "Nein, natürlich will ich das nicht. Wie kannst du nur solchen Unsinn sagen, Bel." Zwar beharrt sie zaghaft, es sei "kein Unsinn". Erik aber beendet das Gespräch unwirsch, indem er kategorisch erklärt, er "wünsche nicht, daß er [sein Sohn] verweiblicht wird." Ein Gesprächsverlauf, der das Verhältnis der beiden Eheleute zueinander, in dem "ihr Wille gegen den seinen nie in Betracht kam", geradezu paradigmatisch kennzeichnet. Dies ist allerdings nicht alleine dem männlichen Part anzulasten, denn Bel versichert ihrem Mann nicht nur allzu schnell, sie widerspreche ihm "niemals", sie zeigt sogar eine gewisse masochistische Ader, die den 'männlichen' Zorn ihres Mannes "liebt" wenn er ihr gegenüber "heftig" wird. Dieser Masochismus ist um so stärker 'weiblich' konnotiert, als er sich in der Figur mit 'weiblicher' Fürsorge und 'weiblichem' Dienen verbindet. Seitdem Bel an Bett und Rollstuhl gefesselt ist, leidet sie am meisten darunter, "nicht mehr mit eigenen Händen sorgen zu dürfen für das Behagen derjenigen, die man liebt". Das sei das "Allerschwerste". Denn "[n]amentlich für uns Frauen" sei es doch das Schönste, zu lieben.

Solche implizite oder wie hier expliziten Thematisierungen von Gender und Geschlechterrollen, lässt Salomé eher selten und en passant einfließen. Doch lassen schon diese wenigen Szenen deutlich werden, dass Erik ein in seinem Überlegenheitsgestus zumindest heute schwerlich sympathisch wirkender Patriarch ist. So entscheidet er auch alleine, Ruth ins Haus aufzunehmen. Seine Ehefrau wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Ebenso, als er Ruth fortgibt. Sein patriarchales Verhalten gelangt allerdings nicht seiner Frau, sondern Ruth gegenüber zum Höhepunkt, deren Persönlichkeit er ganz nach seinem Willen gestaltet. Und in dieser patriarchalischen Grundhaltung liegt auch die Ursache für seine 'Liebe' zu Ruth, denn es ist das "Kindhafte" des Mädchens, das "Keimende, Werdende, Zukünftige, das noch auf lange hinaus der schützenden Hülle bedurfte, - de[r] zarten, kostbaren Stoff, nach dem seine Hand sich nur herrisch ausgestreckt, weil sie allein ihm die edelste Form geben wollte". Noch als er sie an seinen Freund zur weiteren Erziehung abgibt, verlangt er von ihr, ihm "aus der Ferne [...] doppelt [zu] gehorchen." Und zwar ihr "ganzes Leben" lang. "Dein Versprechen geht auf dein ganzes Leben. Du bist mein."

Ungeachtet all dessen gefällt sich Erik darin, auf Versammlungen die Frauenemanzipation zu propagieren. Warwara, eine etwas mondäne, Erik zugeneigte Frau, die im Laufe der Handlung zu heiraten beschließt - nicht um des Mannes, sondern um der künftigen "Mutterschaft", der "Mutterliebe", dem "Mutterglück" und der "Mutterpflicht" willen -, bringt den Widerspruch zwischen Eriks Propaganda und seiner Lebensführung auf den Punkt. Er, der so gerne für die "modernen Entwicklungskämpfe" der Frauen eintritt, sähe sich sicher vor Probleme gestellt, sollte er sich einmal "in eine solche entwickelte Zukunftsfrau verlieben [...] und Sie nicht unterkriegen". Erik aber gibt sich sicher, dass er eine Frau, die er liebt, sehr wohl "unterkriegen" würde. Denn andernfalls könne er sie vielleicht "bewundern, fördern, als mein Kampfgenosse achten, - aber lieben, - wie sollte ich das?" Überhaupt könnten Männer zwar, "jede Herrschsucht" ablegen, doch gebe es eine einzige Ausnahme: "In der Liebe" sei dies "nie" möglich. Auch wirke "ein Weib, das diesem Instinkt nicht entgegenkommt", nicht als "Weib".

Doch nicht nur Warwara entdeckt Widersprüchliches bei Erik, sondern schließlich auch Ruth. Der von ihr entdeckte Widerspruch liegt allerdings nicht zwischen 'Theorie und Praxis' ihres Mentors, sondern zwischen dem 'wirklichen' Erik und dem Ideal, dass sie sich von ihm gebildet hat. Er selbst zerstört das Trugbild, als er versucht, sie zu küssen, und ihr bekennt, er wolle seine Frau verlassen, um künftig mit ihr leben zu können. Sie reagiert entsetzt. Sie möchte sein 'Kind' bleiben, nicht sein 'Weib' werden.

Zuletzt muss Erik beide Frauen verloren geben. Er, der seine Frau "ausrauben, ausplündern wollte", indem er sie verlässt, muss erkennen, dass sie das nicht zulässt. Nicht etwa, weil sie sich an ihn klammern würde. Im Gegenteil: Sie trennt sich von ihm und "beschenkte" so "ihren Räuber, - freiwillig, überreich beschenkte sie ihn: 'Nimm, du Armer, vom Glück Abhängiger, - ich kann's entbehren, bin die Stärkere'". Hatte er einst "jede leiseste Regung" in ihr gekannte und beeinflusst, so ging von ihrem Wesen nun ein "ihm Unbekanntes, ihm Entrückendes" aus. Denn sie hatte inzwischen eine andere "Stütze" gefunden, eine Stütze, "die sie selbständig gehen und handeln lehrte! Einen neuen Herrn: schon handelte sie auf sein Geheiß!" Dieser neue Herr ist kein anderer als Gott. Kurz: Die Frau ist religiös geworden.

Ebenso wie die Erzählung "Ruth" liegen auch die 1917 erschienenen "Drei Briefe an einen Knaben" an einem Schnittpunkt von Salomés Biografie, ein aus drei im Abstand von ebenfalls je drei Jahren geschriebenen fiktiven Briefen bestehender Text, der zwischen Literatur und psychoanalytischem Essay changiert. Nach den "Fünf Geschichten aus dem Seelenleben halbwüchsiger Mädchen" aus dem Erzählband "Im Zwischenland" (1902) wendet Salomé sich diesmal dem anderen Geschlecht zu. Nur der erste der fiktiven Briefe richtet sich auch an die jüngere Schwester des Knaben.

In diesem ersten Brief an das zu diesem Zeitpunk noch im Vorschulalter befindliche Geschwisterpaar entwirft Salomé ein ebenso amüsantes wie aufklärerisches "Weihnachtsmärchen", in dem der Weihnachtsmann nicht nur verkündet, dass das Weihnachtsfest nicht etwa der Geburt Christus alleine gewidmet ist, sondern "nichts als de[n] allgemeine[n] große[n] Kindergeburtstag" darstellt. Er nimmt auch ein Wort in den Mund, von dem gemeinhin behauptet wird, die deutsche Sprache kenne es gar nicht: "Rabeneltern". Ansonsten weiß die fiktive Briefautorin davon zu berichten, dass seit einem "Kinderklapperstorchstreik" vor etwa 1.000 Jahren nur noch die Mütter darüber Bescheid wissen, woher die Kinder kommen. Es wurde damals nämlich entschieden, dass ihnen ein Kind "nicht erst, wenn es schon viele Pfund schwer ist, aus einem Storchenschnabel in den Schornstein fallen gelassen wird, sondern von Anfang an bei ihnen logiert".

Zwar propagiert Salomé in diesem ersten Brief konventionelle Geschlechterrollen, in dem sie dem Jungen ein "Luftschiff" auf den Wunschzettel schreibt, dem Mädchen aber "lebendige Kinder", doch wendet sie sich im letzten Brief gegen einen strikten Geschlechterdualismus und erklärt dem nun pubertierenden Knaben, "wir Alle" seien "wenigstens andeutungsweise auf beide Geschlechter angelegt". Auch sei es "charakteristisch für Menschen von schöpferischem Geist, gewisse Merkmale beider Geschlechter in sich zu vereinen".

Nachdem Salomé selbst in einer Fußnote zum dritten Brief darauf aufmerksam gemacht hat, dass sie die "Einsichten", an denen sie den Knaben teilhaben lässt, "dem psychoanalytischen Werk S. Freud's" verdankt, betonen Inge Weber und Brigitte Rempp im Nachwort die Aktualität des Textes. Aufklärung werde hier "nicht in erster Linie als Entzauberung und Enttabuisierung verstanden", sondern gehe mit einer "Würdigung von Verborgenem und Geheimnisvollem, mit einer Anerkennung des Wunderbaren am Leben und an dessen Entstehung" einher. Da es Salomé um "die emotionale Seite der Sexualität" gehe, "ohne die ein erfülltes und vertrauensvolles Erleben der sexuellen Partnerschaft nicht möglich ist", sei der "Gehalt der Briefe [...] heute so wichtig wie er damals war."

Abschließend muss es noch eine kleine formale Kritik geübt werden. Der Flattersatz erleichtert nicht eben die Lektüre der beiden Bücher. Allerdings hat die MedienEdition Welsch sowohl "Ruth" als auch die "Drei Briefen an einen Knaben" nicht nur als Druckausgaben vorgelegt, sondern macht sie auch als E-Books im pdf-Format zugänglich. Hier entfällt nicht nur dieses Leseerschwernis, sie bieten zudem Verlinkungen der Inhaltsverzeichnisse und andere Vorteile des elektronischen Mediums - allerdings auch dessen nicht zuletzt haptische Nachteile.


Titelbild

Inge Weber (Hg.) / Lou Andreas-Salomé: Drei Briefe an einen Knaben.
Herausgegeben von Inge Weber und Brigitte Rempp.
Ursula Welsch Verlag, Taching 2008.
74 Seiten, 6,90 EUR.
ISBN-13: 9783937211053

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Titelbild

Lou Andreas-Salomé: Ruth. Erzählung.
Herausgegeben von Michaela Wiesner-Bangard.
Ursula Welsch Verlag, Taching 2008.
286 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783937211022

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