Emmas jugendliche Schwester

Ein Sammelband berichtet über feministische "Öffentlichkeiten jenseits des Malestream" - und das "Missy Magazine" lebt sie

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den letzten Oktobertagen des Jahres 2008 erschien die erste Ausgabe des "Missy Magazine", dessen Name offenbar auf die wohl bekannteste feministische Zeitschrift, das "Ms."-Magazin, anspielt. Der Untertitel des neuen Periodikums verspricht, über "Popkultur für Frauen" zu berichten. Doch bietet es sehr viel mehr als dies, und vor allem alles andere als die jüngsten Klatsch- und Tratschgeschichten der angesagtesten Boygroups - oder was sich sonst so in anderen auf ein weibliches Publikum zugeschnittenen Popzeitschriften findet. Tatsächlich schließt das "Missy Maganzine" sogar eine der schmerzlichsten Lücken des deutschsprachigen Zeitschriftenmarktes. Denn es handelt sich um eine dezidiert feministische Publikumszeitschrift. Um "Emmas" jugendliche Schwester sozusagen. Dabei deckt das Spektrum der Artikel und Beiträge eine für ein Pop-Magazin ungewöhnliche Spannbreite ab. An hervorragender Stelle sind eine großzügige Bildstrecke der Fotografin Birgit Wudke mit Porträts von Künstlerinnen sowie ein Interview mit der österreichischen Pop-Newcomerin Soap&Skin zu nennen.

Augenzwinkernde Beiträge berichten über Selbstversuche mit Kamasutra-Positionen oder über Erfahrungen beim Vibratorkauf. Außerdem gibt es kürze Artikel etwa über die "Grausamkeit von Stöckelschuhen", das Neueste aus dem Internet oder über religiöse AbtreibungsgegnerInnen. Ein Porträt Zelda Sayre Fitzgeralds belegt das feministische Geschichtsbewusstsein der Zeitschriften-Macherinnen und ein weiterer über Genitalverstümmlung in Burkina Faso einmal mehr, dass sie über den Tellerrand anderer Popmagazine weit hinausschauen. Besprechungen von CDs, DVDs, Kinofilmen und Büchern beschließen das Heft, wobei erfreulicherweise auch schon mal ein Buch zur Lektüre empfohlen wird, das ansonsten nicht unbedingt auf der Agenda der LeserInnen von Popzeitschriften stehen dürfte, wie der soeben erschienene zweite Teil der Erinnerungen der jüdischen Auschwitz-Überlebenden und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger "Unterwegs verloren". Bemerkenswert ist auch, was das Magazin vermeidet, nämlich nach Art neuer deutscher Alphamädchen auf die ältere Schwester einzuprügeln. Dennoch fielen die ersten Reaktionen in den etablierten Presseerzeugnissen zu einem nicht geringen Teil negativ aus - ungerechtfertigterweise, wie man sagen darf. Es empfiehlt sich also, sich selbst einen Eindruck über das "Missy Magazine" zu verschaffen und zumindest ein Probeexemplar zu erstehen.

Die Zeitschrift in dem soeben von Lea Susemichel, Saskya Rudigier und Gabi Horak anlässlich des 25-jährigen Bestehens des in Österreich erscheinenden Monatsmagazins "an.schläge" herausgegebenen Sammelband über feministische Medien im deutschsprachigen Raum erwähnt zu finden, wird man allerdings wohl kaum erwarten, da das Erscheinen des Buchs und der ersten Ausgabe des "Missy Magazines" nahezu zusammenfielen, sie in dem Sammelband also einfach nicht mehr berücksichtigt werden konnte. Doch weit gefehlt. Als Vina Yun ihren Aufsatz über "Pop in feministischen Medien" schrieb, wusste sie bereits um das anstehende Erscheinen der damals noch geplanten Zeitschrift und hoffte, sie werde dabei "hilfreich" sein, "feministische Utopien" "stärker ins Zentrum" des Pop zu stellen. Wie nun zu sehen ist, wird ihre Hoffnung nicht enttäuscht.

Neben Yuns Beitrag bietet der vorliegende Sammelband siebzehn weitere Aufsätze über die nicht eben wenigen feministischen Medienprojekte (seit) der zweiten Welle der Frauenbewegung sowie eine Einleitung und ein Nachwort. Das ist eine Menge. Und vielleicht nicht zuletzt darum fällt die Qualität der insgesamt eher ereignis- als ideen- oder problemgeschichtlich orientierten Texte recht unterschiedlich aus. Oft ist der Blick in die Geschichte eines der Projekte auch einer in die der Autorin des jeweiligen Beitrags. So gerät die Geschichtsschreibung zuweilen etwas idealisierend, auch einmal selbstkritisch, stets aber denkbar vage. Es sei denn, es gilt Mitarbeiterinnen der Projekte durch namentliche Nennung zu ehren.

Zu den Autorinnen, die sich mit der von ihnen vorgestellten Zeitschrift zugleich auch mit einem Teil der eigenen Geschichte befassen, zählen Britta Cacioppo, Eva Geber und Carina Nekolny, die im Namen des "AUF-Redaktionsteam[s]" die "(Erfolgs)story" eben dieser Zeitschrift erzählen. Ihr komprimierter historischer Abriss lässt die Entwicklung des Projekts allerdings kaum erkennbar werden. Kontroversen innerhalb des "AUF"-Teams werden zwar benannt, die von den streitenden Parteien vermutlich doch auch vorgetragenen Argumente jedoch schon nicht mehr dargelegt.

Franka Feisler zeichnet die "Geschichte lesbisch-feministischer Zeitschriften in Deutschland" nach und Gitta Büchner zeigt "die Bedingungen für Erfolg und Scheitern lesbisch-feministischer Medien" am Beispiel der von 1990 bis 2004 erscheinenden "radikalfeministischen Lesbenzeitschrift 'Ihrsinn'" auf. Sonja Eisermann weist darauf hin, dass "feministische Medienarbeit" oft "zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung" changiert. Michaela Schossengeier stellt "feministische Radioarbeit" vor, Ina Freudenschuß und Daniela Yeoh die Netzzeitschrift "dieStandard.at".

Nicht nur ein bestimmtes Projekt, sondern die gesamte "feministische Medienkultur in Deutschland" wird von Gisela Notz in Augenschein genommen. Dabei wirft sie zunächst einen flüchtigen Blick auf die Anfänge der Ersten Frauenbewegung, die sie auf kaum einer Seite 'abhandelt'. Wie wenig sie deren Inhalten und Kontroversen interessieren, zeigt sich daran, dass sie zwar die "bürgerliche Frauenbewegung" von der "sozialdemokratischen" unterscheidet, die Ausdifferenzierung ersterer in einen radikalen und einen gemäßigten Flügel aber schon nicht mehr für erwähnenswert hält. Ganz zu schweigen von konfessionell ausgerichteten Frauenorganisationen. Ihre Ausführungen über Zeitschriften der Zweiten Frauenbewegung sind ebenfalls meist knapp, darum aber noch nicht konzis. Und auch hier nimmt sie es nicht immer so genau. So, wenn sie die angeblich erst "kürzlich", tatsächlich aber bereits 1987 eingestellte "Schwarze Botin" als "anarchistisch" charakterisiert. Ausführlicher wendet sie sich nur der Zeitschrift "Courage" (1976-1984) und den "beiträge zur feministischen theorie und praxis" zu. Auch diese beiden Periodika sind inzwischen nicht mehr auf dem Markt. Und die "beiträge" wurden nun tatsächlich erst kürzlich eingestellt, nämlich im Frühjahr 2008. Von 1983 bis 1997 hatte Notz als Mitherausgeberin fungiert. Abgesehen von einigen anekdotischen Details bleibt auch ihr Beitrag seltsam vage und nicht ohne Redundanzen. Betont sie etwa, dass in der "Courage" "schonungslos berichtet werden sollte", bestätigt sie dies auf der folgenden Seite sogleich noch einmal: "Die 'Courage' informierte schonungslos" und zwar über "bisher tabuisierte Themen" wie "Gewalt" oder "Literatur". Erkennbar trauert Notz der Existenz beider Blätter nach, denn "die Themen der Neuen Frauenbewegung haben sich keinesfalls erledigt; auch wenn Probleme wie ökonomische Abhängigkeit von Frauen, § 218, Sexualität und Fortpflanzung oder Gewalt gegen Frauen und Kinder zurzeit offenbar keinen Anlass für Proteste bieten." Richtig daran ist, dass all diese Probleme nach wie vor existieren und dass die Proteste größer und nachdrücklicher sein dürften. Dies rechtfertigt allerdings noch lange nicht, die Arbeit von Organisationen wie "Terre des Femmes" mit einer derart lapidaren Bemerkung vom Tisch zu wischen. Auch ließe sich hier durchaus noch mal an die nicht von allen Autorinnen geschätzte Zeitschrift "Emma" erinnern.

Beschäftigt sich Notz mit feministischen Zeitschriften in Deutschland, so Gabi Horak mit den in Österreich erscheinenden. Zugleich legt sie dar, dass feministischer Journalismus "nach anderen Qualitätskriterien" arbeitet. Hierzu charakterisiert sie erst einmal den "Mainstream-Journalismus", für den die "strikte Trennung von Nachricht und Meinung [...] wesentlich" sei. Das trifft allerdings allenfalls dem Anspruch nach zu, wie ein Blick nicht nur in den Schweizer "Blick", die Österreichische "Kronen-Zeitung" oder die deutsche "Bild"-Zeitung, sondern auch in seriösere Nachrichtenformate wie "Tagesschau" und "heute-Journal" oder die Wochenzeitung "Die Zeit" und das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zeigen. Auch ließe sich mit guten Gründen bestreiten, dass eine solche Trennung überhaupt möglich ist, und behaupten, dass es sich vielmehr um ein wenngleich nie zu erreichendes, so doch anzustrebendes Ziel handelt, eine - um mit Immanuel Kant zu sprechen - regulative Idee also. Nicht so aber für Feministinnen. Zumindest, wenn man Horak folgt. "Im feministischen Journalismus", erklärt sie, werde die Trennung zwischen Information und Meinung "ganz bewusst nur sporadisch eingehalten". Denn feministische Kritik müsse "transparent" sein, wie ihre schwerlich nachvollziehbare Begründung lautet. Schwer nachvollziehbar ist diese nicht etwa, weil feministische Kritik nicht transparent sein sollte, sondern weil nicht einzusehen ist, dass gerade durch die Vermengung von Information und Meinung Transparenz erreicht werden soll. Auch ihre weiteren Ausführungen, denen zufolge "die strikte Trennung von Nachricht und Meinung" für das "Ziel feministischer Medien", "herrschende Gesellschaftsentwürfe in frage zu stellen" und "patriarchale Strukturen aufzuzeigen", "höchst ungeeignet" sein soll, erhellen das nicht. Damit aber bricht Horaks Argumentationskette ab. Und so bleibt unklar, warum das so sein soll. Warum sollte es beispielsweise in einer feministischen Rezension nicht sinnvoll sein, deutlich zu machen, wo sie die Lesenden über die im besprochenen Text vertretene Auffassung informiert und wo die RezensentIn ihre eigene Meinung vertritt, anstatt Information und Meinung, in diesem Falle also die Meinung der rezensierten AutorIn und die Meinung der RezensentIn zu vermischen?

Nicht weniger als drei Beiträge widmen sich der publizistischen Jubilarin selbst. Susemichel stellt sowohl den "tv-Bereich" wie auch die "Bildergeschichte" der "an.schläge" vor, während Saskya Rudigier über die nunmehr 25-jährige Geschichte der Zeitschrift informiert. An diesem Projekt beteiligt zu sein, versichert sie, bedeute "Identifikation pur", zugleich aber beklagt sie die "immer wiederkehrenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Tuns".

"Allen Widrigkeiten zum Trotz finden sich über all die Jahre immer wieder neue Feministinnen, die mit viel Kampfgeist und Herzblut inzwischen über 200 Ausgaben der 'an.schläge' herausgegeben haben", konstatiert die anonym verfasste Einleitung. Das ist zwar ebenso erfreulich wie hoffentlich zutreffend. Hoffentlich unzutreffend ist allerdings das dort behauptete "Happyend" der "25-jährigen Geschichte" der "an.schläge". Oder sollte etwa auch sie eingestellt worden sein? Doch selbst wenn dem so wäre, könnte man ja wohl nicht von einem "Happyend" sprechen, denn das Ende einer feministischen Zeitschrift in einer patriarchalen Gesellschaft ließe sich schwerlich glücklich nennen. Zu wünschen sind der Zeitschrift jedenfalls noch viele glückliche Jahre, wenn möglich weit über das Ende der Geschlechterhierarchie hinaus.

Die Schwächen des vorliegenden Sammelbandes aber sind zu zahlreich, als dass er uneingeschränkt empfohlen werden könnte. Wie man es besser macht und der Geschichte feministischer Medien beziehungsweise Zeitschriften und ihrer Inhalte, Ideen und Kontroversen gerechter wird, hat vor einiger Zeit "Die Philosophin" in ihrer - bedauerlicherweise - letzten Ausgabe (Heft 32/2005) gezeigt.


Titelbild

Lea Susemichel / Saskya Rudigier / Gabi Horak (Hg.): Feministische Medien. Öffentlichkeiten jenseits des Malestream.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein im Taunus 2008.
212 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783897412651

Weitere Informationen zum Buch

Kein Bild

Sonja Eismann / Stefanie Lohaus / Chris Köver (Hg.): Missy Magazine. Popkultur für Frauen. Heft 1/2008.
Missy Magazine, Hamburg 2008.
3,80 EUR.

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