Abgegriffene Bilder

Enno Stahls Roman "Diese Seelen" erzählt vom Scheitern in der neoliberalen Konkurrenzgesellschaft

Von Thomas BlumRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Blum

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie soll man nun dieses Literaturgenre nennen? Kapitalistischen Realismus? Sozialkritische Trivialliteratur? In vier Erzählungen, die in Köln spielen und die er geschickt zu einem Roman montiert hat, erzählt Enno Stahl von unterschiedlichen Arten des Scheiterns in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft. Da ist beispielsweise Robert, ein arroganter junger Soziologe, der ausschließlich seine Karriere im Wissenschaftsbetrieb vor Augen hat und schließlich, als die von ihm erhoffte Professur scheitert und seine Lebensgefährtin ihn verlässt, langsam in die Verwahrlosung und den Wahnsinn gleitet. Oder der aus einem Arbeiterhaushalt stammende Jürgen, dessen Traum, ins Fernsehen zu kommen, im Porno-Business endet. Oder man verfolgt die Geschichte der aufstrebenden Jungjournalistin Tess, die ihre Medienkarriere als sozialkritische Radioreporterin beginnt, um schließlich mit wachsender Popularität im Lauf der Zeit zur vollständig korrumpierten und morallosen Boulevard-Fernsehbetriebsnudel zu mutieren.

Gemeinsam ist Stahls prototypischen Romanfiguren nicht allein, dass sie sich ausschließlich über ihren beruflichen Erfolg und die soziale Anerkennung definieren, die ihnen zuteil wird, es gelingt ihnen auch bis zum jeweils mehr oder weniger bitteren Ende ihrer Geschichte nicht, ihre gesellschaftliche Konditionierung zu erkennen.

Die zwangsläufig erscheinende Entwicklung der Figuren, die anfangs hoffnungsvoll ihren Traum vom bürgerlichen Aufstieg zu verwirklichen suchen, ist stets eine, die den Leser am Ende desillusioniert zurücklassen soll, wenn auch oder gerade weil die Protagonisten selbst sich ihren Niedergang nicht eingestehen, ihn verdrängen oder nicht zur Kenntnis nehmen.

Der Autor reiht munter Dialog an Dialog und erzählt seine Pulp-"Geschichten aus der neoliberalen Wirklichkeit", wie der Verlag sie nennt, versiert, was durchaus amüsant ist, wenn man etwa die misanthropischen Invektiven liest, die Robert in den Mund gelegt werden und die nicht von ungefähr an den Bewusstseinsstrom einer Houellebecq'schen Romanfigur erinnern: "Die Deutschen waren wirklich vollendete Rüpel, tumb und ignorant. Diese disproportionierten, linkischen Körper verursachten Brechreiz."

Doch verfällt Stahl bedauerlicherweise allzu häufig in einen üblen Kolportage- und Trivialstil, in dem noch das abgegriffenste Bild zur Anwendung kommt. Augen "funkeln" oder "blitzen" stets, ein "Lächeln huscht über ihr Gesicht", "seine Pupillen klein und starr und kalt, Echsenaugen", der Motor eines Autos läuft "leise hechelnd wie ein lauerndes Tier".

Immer dann, wenn von Sexualität die Rede ist, setzt ein Stil ein, wie man ihn aus den unterirdisch gruseligen Machwerken von Gerhard Zwerenz kennt: "Er saugte an ihren Titten." Ein "Mittelfinger grub sich durch die Buschlandschaft vor bis zu ihrem Schlitz". Eine Vagina wird zum "würzigen Spalt", ein Penis zum "Lustzentrum", zu dem die Partnerin "sich vorarbeitet". Ist das nun Ironie, Zitat, Post-Postmoderne? Nicht vorhandenes Lektorat?

Und hie und da liest man auch komplett prätentiösen Blödsinn: "Pflanzen rankten sich wie erstarrte Nattern." Dass es unglaubwürdig sei, wie ein Kollege bei der Lektüre monierte, dass jemand während einer Autofahrt ausgerechnet eine "Morton-Feldmann-CD" einlegt, mag dahingestellt sein. Viel ärgerlicher scheint mir der Umstand, dass der Name des Komponisten falsch geschrieben ist.


Titelbild

Enno Stahl: Diese Seelen. Roman.
Verbrecher Verlag, Berlin 2008.
265 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783940426123

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